TOILETTPAPIER! TOILETTPAPIER!

EIN Mann ging ja aus. Vorn hatte er ein Baro-, hinten ein Thermometer am

Rocke befestigt. Er ärgerte sich doch, daß die Wetterhäuschen so

feststanden. Er wollte ja selbst ein lebendiges, wandelndes Wetterhäuschen

sein.

Der Mann ging an Leute 'ran und klappte ihnen den Deckel seiner Uhr an die

Nasen: »Sie wollen gewiß gern wissen,« sagte er liebreich, »wie spät es

ist? bitte!« -- Die Leute mochten das nicht, sie empfanden es als

Belästigung, sie wurden ungeduldig. Aber Boboll (so hieß der Mann) machte

sie noch auf sein Thermometer aufmerksam; worauf sie ihn erregt anblickten

und weitergingen. Jedoch er ließ es nicht zu, er lief ihnen eilfertig voran

und hinderte sie am Weitergehen. Dann drehte er sich um und sagte: »Hinten

können sie auch den genauen Barometerstand nachsehen.«

Damit hatte er die Leute besiegt, sie ließen gar nicht mehr von ihm, sie

umhegten ihn warm, und er schritt zufrieden in ihrer Mitte. Aus den Taschen

zog er darauf gute Pakete parfümiertes Toilettpapier und verteilte sie

herzlich gern. Den Damen gab er Sicherheitsnadeln und Puderpapier. Ein

reicher Herr hatte auch etwas genommen und bot ihm Geld -- aber er lehnte

es ab und fragte unschuldig genug: »Bin ich ein Automat? Ich tue es ja

freiwillig.« Da wurde der reiche Herr rot vor Frohsinn, und alle jubelten

und freuten sich mit ihm. Viele riefen: »20 Grad im Schatten!« Andre wiesen

einander das feine Papier; und jemand sagte, ich glaube hinten sein

Barometer sinkt. Hierüber johlte die jüngere Umgebung so anhaltend, daß der

ganze Trupp mit Bobolln in der Mitte von Schutzmännern umstellt und

aufgefordert wurde, sich zu zerstreuen. Bobolln wollten sie festnehmen,

weil sie ihn für einen Straßenhändler ohne Gewerbeschein hielten. Aber der

reiche Herr klärte dieses Mißverständnis auf. Und als die Schutzmänner das

Nähere hörten und sahen, wurden sie lustig und guter Dinge; sie sagten alle

mit _einer_ Stimme: »Lütütü«! und pochten sich dabei mit ihren Zeigefingern

gegen ihre kräftigen Stirnen.

Auf der Wache gab Boboll an, er sei ein Menschenfreund, und mit seinen

geringen Mitteln könne er leider nicht mehr tun. Er habe aber einen

sicheren Blick für kleine Bedürfnisse der Passanten. Gewisse Bedürfnisse

müßten allerdings erst geweckt werden. Fast jeder vermisse irgend eine

kleine Behaglichkeit. Boboll nahm ein Sammetbürstchen aus der Tasche, einen

dreiteiligen Handspiegel, ein umlegbares Schreibepultchen, einen Ferngucker

und andre nützliche Dinge. --

Die Schutzleute betrachteten sich Bobolln lange Zeit aufmerksam. Er aber

behielt seine schlichte Haltung bei und seinen guten Blick. Schließlich

rieten ihm die Schutzleute ab, den Passanten zu helfen; ja, sie untersagten

es ihm, weil es Unfug sei, da es Menschenaufläufe verursache; sie

verwarnten ihn ernstlich und gaben ihm kund, er werde bei der nächsten

Gelegenheit festgenommen werden. Hierauf ließen sie ihn frei und konnten

sich noch eine geraume Weile kaum von ihm erholen. -- -- --

Boboll ging durch die Passanten und spürte ihre Bedürfnisse wieder so

deutlich. Einem Herrn nahm er den Zylinderhut ab. Es war ein rosiger,

pikanter Junge, der es eilig hatte. Aber Boboll zog sein Bürstchen, und da

er den seidnen Hut fein glatt streichelte, beantwortete er die eifrigen

Fragen des jungen Menschen gar nicht, sondern überreichte ihm mit Stolz die

glänzende Zierde. Der Bengel klappte sie erst Bobolln ans Ohr, dann sich

auf den Kopf und wollte rasch weiter. Aber Boboll fragte ihn, ob er

Toilettpapier brauche, ob er den Barometerstand wissen wolle, bitte hinten,

Thermometer sei vorn; und Boboll ließ ihn auch noch in den dreiteiligen

Spiegel sehen. Der elegante, aber rohe Kerl knallte ihm darauf eine runter

und rannte ihn über den Haufen, daß er im Mist lag. Der Spiegel klirrte in

Stücke, und aus der Ferne flog noch ein Bändchen Toilettpapier heftig genug

an Bobolls rechtes Auge.

Ahnungslose, mitleidige Passanten halfen Bobolln wieder auf die Beine; sie

befreiten ihn von den Scherben des Spiegels und der andern Glasinstrumente.

Boboll aber, noch erschüttert, forschte bereits wieder in ihren Mienen.

Ach! Wie Vieles erriet er darin so genau: sie brauchten fast jeder Papier,

Nadeln, Zeit- und andre Messer. Manche hatten das Datum vergessen; oder sie

würden gern rasch etwas niederschreiben; oder es juckte sie an Stellen, zu

denen sie selbst nicht gelangen konnten. Eine Dame hatte geweint, sie

brauchte Puder; einem Herrn fehlte der Knopf an genierlicher Stelle. Gering

waren diese Bedürfnisse -- gewiß! Aber Boboll fand seine Seligkeit darin,

sie zu befriedigen; und Boboll durfte es nicht mehr, es ging nicht, er sah

es ein.

Das war nichts Geringes für ihn, es war seine Unbrauchbarmachung, das Ende,

der Tod. Boboll mochte nur so funktionieren, nur als dieser kleine

Passantengott, oder gar nicht. Entschlossen, sein Helfertum, aber mit

diesem auch das Leben aufzugeben, dachte er nur noch darüber nach, wie er

wenigstens aus seinem Tod den Passanten so manche Freude bereiten könne.

Sein Vermögen stiftete er zur Errichtung einer fahrenden

Bedürfnisbefriedigungsanstalt: hier sollten die Leute alle die vermißten

Kleinigkeiten wiederfinden, die ihnen Boboll selbst nicht mehr zugute tun

durfte. Bobolln fiel es als sehr sinnig ein, seine Leiche verbrennen und

die Urne mit der Asche auf Wagen I ewig mitfahren zu lassen. Plötzlich

hatte er eine viel glücklichere Idee.

Kennen Sie die vielen Herrschaften, die den Verlust eines ihnen

Nahestehenden beklagen, bis sie dessen Leiche schließlich in der Morgue

entdecken? So! So! wollte Boboll sich sterben lassen. Er studierte

Inserate, Polizeiberichte und Anschlagsäulen, und endlich gelang es ihm,

einen richtigen Toten als vermißt angezeigt zu finden, der nach den

Indizien ungefähr Ähnlichkeit mit ihm haben mußte. Gesucht wurde die Leiche

des Krankenhäuslers Edgar Schiebedonkel, die wahrscheinlich von einem

Wärter an die Anatomie verschachert worden war. Boboll besorgte sich eine

Photographie Schiebedonkels und machte sich sorgfältig nach dieser zurecht,

u. a. gehörte dazu eine Schnapsnase, eine Glatze, eine Narbe und mehrere

Zahnlücken. Ja, Boboll ließ für schweres Geld Schiebedonkels alte

Leibwäsche und Kleidung ankaufen. Aber sobald er sich die herzliche Freude

der Familie und auch des entlasteten Wärters recht lebhaft vorstellte, wenn

endlich Schiebedonkels Leiche sich im Schauhause wiederfände; so dünkte ihm

kein Opfer zu gering, um der unmittelbare Urheber dieser Erfreuung zu

werden.

Sein Testament schloß mit diesem Passus: »Um der Stiftung, die ich hiermit

errichte, keinen Pfennig unnütz zu entziehen, stopfe ich Dynamitpatronen in

meinen Kopf und Rumpf überall, wo es nur irgend angeht; ich zerplatze ohne

Rückbleibsel und spare so die Beerdigungskosten zu Nutz und Frommen aller

Passanten.« -- -- --

So geschah es, daß eines schönen Tages der Wärter und die Familie

Schiebedonkel ohne Zögern entschieden den toten Edgar in der Morgue

rekognoszierten. Da aber hättet ihr einmal etwas sehen können: Edgars

Leiche lächelte! Sie wollten, sie konnten es nicht für möglich halten, aber

sie sahen es! Wahre Güte, echte Menschenfreundlichkeit gibt selbst Ihrer

Leiche ein joviales Aussehen. --

Und just, als Familie Schiebedonkel mit dem Wärter den toten Boboll, den

sie (der Wärter verwundert und froh) mit Edgarn verwechselten, zu Grabe

brachten, karambolierte der Leichenwagen mit dem bekränzten ersten Tram der

fahrenden Bedürfnisbefriedigungsanstalt, auf dessen Perron ein Greis

Toilettpapier ausschrie. -- --

Schwarz-Weiß-Rot: Grotesken · 第 10 / 11 题