DENKEN sich mal! Also denken Sie sich mal ein riesengroßes, ein Ei so groß
wie etwa der Petersdom, der Kölner und Notre Dame zusammengenommen. Also
denken Sie sich mal: Ich, nicht faul, geh durch die Wüste, und mitten in
der Wüste (Durst, Kamel, weißes Gebein in braungelbem Sand, eine
Messerspitz' El--se--las--Kersch--ül--er, Karawane, Oase, Schakal,
Zisterne, Wüstenkönig -- pschüh!!) ragt und wölbt sich das herrliche
Riesen-Ei. Denken sich mal die Sonne ein Funkeln prall 'runter duschend,
daß das Licht vom Ei nur so abspritzt. Mein erster Gedanke war: Fata (Fee)
Morgana. Nix zu machen! Ich tippe dran. Das Ei verrät sich dem Tast- und
Temperaturgefühl. Ich frage 'rein: »Ist da jemand drin?« Keine Antwort!
Jeder andre wäre vorbeigegangen, es wäre ihm nicht geheuer gewesen, oder
was weiß ich. In solchen Fällen pflege ich aber nicht eher zu ruhen, als
bis ich genau weiß, woran ich bin. Ich geh also um das Ei 'rum -- und
richtig, in Manneshöhe entdeck' ich einen dunkelgrünen Knopf, so groß wie
eine Walnuß. Ich drücke. Das Ei sinkt Ihnen mächtig in den Boden, bloß die
Spitze guckt noch aus dem Wüstensand 'raus. Denken Sie mal, wie das auf
mich wirken mußte. Auf der Spitze war aber ein ebensolcher Druckknopf. Ich
drücke -- der Donner! Es gibt mir einen Schlag: das Ei war plötzlich, aber
doch sanft, wieder hochgeglitten. Denken Sie mal, daß ich mitten in der
Wüste dieses Spiel gegen hundertmal wiederholte. Denken Sie mal! Ich freute
mich wie ein Kind. Schließlich wurde ich aber allmählich auf den tiefern
Sinn dieses kindischen Spiels neugierig. Untersuche also nochmals das Ei
und finde endlich nach langem Bemühen eine ganz feine Fuge, die vertikal
durch das ganze Ei zu gehen scheint. Ich sehe mir den Druckknopf an, ich
fasse ihn an, ohne zu drücken, unversehens drehe ich dran -- da legst di
nieder: Das Ei legt sich auf die Seite, die Spitze, auf der es stand, kehrt
sich mir aus der Erde wie die einladendste Pforte zu, ein jaspisgelber
Eidotter glänzt mich verheißend an. Denken Sie mal, da verschönte, wie man
sagt, ein Lächeln meine häßlichen Züge. Auf dem Eidotter las ich folgende
Inschrift:
»Wüstenwanderer,
der zum erstenmal das
Ei der Eier
erblickt und sich (denken Sie mal!) kindlich daran ergötzt hat,
wisse:
daß dieses Ei allein die Wüste zum Eden umschaffen kann. Eia!
Löse mir nun dieses Eies Geheimnis!«
Verfluchter Leser, haben Sie die Fuge vergessen? Diese Fuge ging nun auch
vertikal über die bauchige Eidotterpforte. Aber kein Knopf war dran. Ich
klopfe an, es klingt, wie wenn Sie sich bei geschlossenen Ohren mit der
Fingerspitze auf den Deetz hacken. Ich seh' mir nochmals ganz genau die
kreisrunde Grenze an zwischen Dotter und Schale, und denken Sie mal, rechts
von der Spalte, der Fuge, ist eine vielleicht fingergroße Öffnung; ich
stecke auch vorsichtig den Finger hinein. Aber denken Sie mal, ich kriege
ihn nicht wieder 'raus. Was würden Sie nun getan haben? Zur nächsten
Polizei gehen? Ha, Europa bleibt hier hübsch draußen! Außerdem läßt kein
Ehrenmann so leicht seinen Finger im Stich. Da ich den Finger nicht wieder
'rauskriegte, drückte ich mit der ganzen Gewalt meiner Hand noch fester
nach -- und richtig, der Dotter rechts ließ sich 'raufrollen, ich bekam den
Finger frei und sah in das Ei hinein. Da ich aber nichts Genaues
unterschied, gab ich dieser rechten Eidotterhälfte einen kräftigen Schubs
nach oben und stieg (denken Sie mal) in das Ei hinein. Ich hatte das
Gefühl, als ginge ich auf gelbem Schnee. Nachdem sich meine Augen an die
milde Dämmerung gewöhnt hatten, seh, ich auf einmal sich eine breite schöne
Treppe mit flachen Alabasterstufen vor mir erheben. Steige nun hoch auf ein
Aussichts-Plateau und staune das Ei-Innere an. Hüben liegt die Pforte,
drüben die Gipfelspitze, unter mir gelber Schnee, über mir gleißt durch die
Fuge die obige Wüstensonne. Denken Sie mal an meine Situation! Immerhin
entdecke ich im ganzen weiter nichts Merkwürdiges, es sei denn die Spitze,
wo irgendetwas zu lauern schien. Vom Plateau aus führte dorthin eine
entgegengesetzte Treppe, die ich dann auch betrat, und die abwärts bis zur
Spitze ging. Und diese ewige Eierschalenwölbung! Der ewige gelbe Schnee,
oder was es für'n Zeugs war. Wie ich nun endlich an der Spitze stehe, seh'
ich im selben Moment die Pforte gegenüber zurollen, denken Sie nur mal an.
Ich schreie. Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben: schreien Sie nie in
einem Ei! Das gibt so'n herumrollendes Getöse, daß Ihnen schlimm wird.
Aber nicht nur die Pforte rollt zu, sondern ich merke, das Ei geht Ihnen
wieder hoch, es richtet sich auf, aus der Treppe wird eine steilrechte
Leiter, auf deren oberster Sprosse ich stehe. Und plötzlich, denken Sie
mal, fühl' ich das Wüsten-Ei wieder tief in die Erde sausen. Trotzdem blieb
es schön dämmerig, denn seh'n Sie mal: die Eierschale phosphoreszierte nur
so drauf los. Und nun endlich geschah das Seltsamste: Das Ei sprach mit
mir, das heißt: es phosphoreszierte mich immerfort so artikuliert an, daß
ich unwillkürlich verstehen mußte. Denken Sie mal, das Ei behauptete, die
Wiedergesundung der ganzen Wüste hinge von seiner Vernichtung ab. Ein
scherzhaftes Ei! Ich lächelte nicht wenig. Da wetterleuchtete mir das Ei
die bekannte These: »Die Wüste wächst!«
Und ob ich nicht bemerkt hätte, daß das Ei steigen und sinken könne? Na ob!
Es sagte mir nun, ich solle auf der Leiter zur untern Pforte klettern, sie
öffnen und ein kleines, aber widerwärtiges Hindernis dort unten beseitigen;
ich würde dann schon weiteres hören (oder vielmehr sehen). Während mein
einziger Gedanke war: wie komme ich nur recht rasch aus diesem unheimlichen
Ei? mußte ich jetzt im Gegenteil noch obendrein in der Versenkung unterm Ei
verschwinden! Aber freundlich phosphoreszierte das Ei mir zu, getrost
hinunterzusteigen, und wie auf sanften Fittichen fühlte ich mich mehr
getragen, als daß ich ging. Die Pforte jedoch ließ sich so leicht nicht
öffnen. Bedenken Sie auch nur mal, daß sie einige hundert Meter unter der
Erdoberfläche lag, und daß ich gar nicht wissen konnte, welche Hölle
losbrach, wenn ich den Eidotter da unten wieder aufrollte. Als ich zögerte,
phosphoreszierte man mir wieder ermutigend zu. Endlich fand ich mit dem
Finger wieder die kleine Öffnung und schob das Ding in die Höhe. Kaum
klaffte die Öffnung, als aus dieser ein Sturmsausen fuhr, das mich im
Moment, so daß ich fast erstickte, hoch gegen die Eispitze schmiß, und, ehe
ich noch wußte, was mit mir geschah, klappte diese Spitze nach außen zurück
wie ein Deckel, und ich lag im Wüstensand.
Jetzt fort! war mein erster Gedanke -- ein Königreich für ein Kamel oder
Dromedar! Kein Schiff der Wüste im ganzen Umkreis! Statt dessen -- was
glauben Sie wohl, wie ich staunte, als ich entdeckte, daß hinter mir aus
dem Ei mir jemand nachgekrochen war, eine Art Mumie mit Bändern und
Wickeln. Die Dame (oder meinen Sie, daß es ein Herr war?) sagte mir in
einer Sprache, die ich seltsamerweise, trotzdem ich sie noch nie vernommen
hatte, doch sofort verstand (bilden Sie sich ein, es wäre eine Musik ohne
Tonleiter gewesen) folgendes:
»Vorwitziger, einfältiger, furchtsamer, nicht aber antipathischer
Menschenkerl! Der Zufall, harmloser Weltling, hat dich geadelt! Bis jetzt
lächerlich oberflach das kranke Geheimnis meiner Wüste durchpilgernd, bist
du schon, von meinem Hauch berührt, nicht mehr unbedeutend genug, meinen
Wink mißzuverstehen. Wisse, die Wüste ist dasselbe nur deutlicher, was die
Erde ist, leonum arida nutrix, fast unfruchtbar, weil ihr das Ei, das
Prinzip der Fruchtbarkeit, aus dem Zentrum ihrer Sphäre gerenkt, an ihrer
Oberfläche verdorrt und ausschalt, und ich, die Seele der Seelen, zur Mumie
und erst durch dich, erhabener Dummkopf, elektrisiert worden bin. Wie wirst
du von deiner eignen Tat jetzt überragt! Vollende sie! Du drückst, wenn ich
wieder im Ei bin und die Spitze zuklappt, auf deren Knopf. Im selben Maße,
wie dann langsam, langsam, aber unfehlbar sicher dieses Ei zur Erdmitte
sinkt, wird es kleiner und kleiner, in seiner fruchtbaren Kraft aber
konzentrierter, und es entbindet sie, wenn es, in der Mitte angelangt, zur
Mitte rein vernichtet und verdichtet ist, strahlend durch und durch nach
außen, nach oben, bis in alle Himmel hin. Auch du, mein Guter, erst eben
noch ein kleiner Lumpenhund von Unbedeutendheit, wirst es spüren: leben
heißt genial sein, göttlich empfinden und wirken! Wohlan!«
. . . Kennen Sie zufällig den preziösen alten Baron, der bei ähnlichen
Gelegenheiten hundertmal hintereinander »Wahnsinn, Wahnsinn!« sagt? Ich
ließ also die Mumie ruhig über Eierschalenbord hopsen. Ich klappte ja auch,
wie ich gern gestehe, den Ei-Deckel ruhig wieder zu. Aber den Knopf? Den
hab, ich nie wieder berührt! Ich langte mir von hinten her meine vom
Eierstaub übel gelb bemehlten Rockzipfel nach vorn, und, sie unter meine
Arme nehmend, rannte ich rascher als jedes Kamel davon.
Was heißt hier überhaupt »Prinzip der Fruchtbarkeit«? Soll ich die Erde
übervölkern? Soll ich mich (ausgerechnet mich) von einer ollen Mumie in
Ungelegenheiten bringen lassen? Weiß Gott, die Erde ist kein Eierkuchen, am
wenigsten aux confitures. Sollte das Heil der Welt von einer Nebensache
abhängen? Vom Druck auf einen Knopf? Schließlich weiß ich gar nicht mehr,
wo das Ei zu finden ist. Wenn aber der Leser Lust hätte, so wäre ja grade
dieses Ei bei der nächsten Ostereiersuche sehr zu empfehlen! Denn wenn ich
auch feige davongelaufen bin -- wer weiß! Vielleicht gehört größerer Mut
dazu, ein ganz nahes ungeheures Glück leicht zu ergreifen, als ein
abenteuerlich fernes unter Überwindung ungeheurer Gefahren auch bloß zu
ahnen. Prüfen wir uns! Denken Sie mal nach, ob Sie jetzt gleich sofort auf
der Stelle durch einen leichten Fingerdruck das Massen-Glück, das Heil der
ganzen Welt herbeiführen wollten? Ob Sie davor nicht eine fürchterlichere
Angst anwandeln würde als vor irgendeinem Ihrer so bequem zu habenden
Märtyrertode?? -- --
Und doch lasse ich in Gedanken heimlich manche Träne auf das Ei der Wüste
fallen; ich hätte -- ja! hätte drücken sollen --!