EINE LIEBESGESCHICHTE

»ES ist doch schade«, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, »daß

der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!«

»Warum?« fragte Professor Abnossah Pschorr. »Es ist schade, liebe Pomke,

daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte, es

ist Manches schade, liebe Pomke.«

»Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch

gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so

gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach!

Ach!«

Die Pomke hatte sich längst verabschiedet, aber Abnossah, der eine Schwäche

für ihre piepsige Molligkeit hatte, hörte noch immer ihr Ächzen. Professor

Pschorr, der Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles

erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen

können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang

seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme

genau so regelrecht Schwingungen hervor, wie etwa die sanfte Stimme deiner

Frau, lieber Leser. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden

reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar

schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes

Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht

nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen, und ein Mikrophon

zur Verstärkung ihrer inzwischen schwach gewordenen Klangwirkungen, um noch

heutzutage Goethes Stimme lautwerden zu lassen. Das Schwierige war die

Konstruktion des Empfangsapparats. Wie konnte dieser speziell auf die

Schwingungen der Goetheschen Stimme berechnet werden, ohne daß Goethe

leibhaftig hineinsprach? Fabelhafte Geschichte! Dazu müßte man eigentlich,

fand Abnossah, den Bau der Goetheschen Kehle genau studieren. Er sah sich

Bilder und Büsten Goethes an, aber diese gaben ihm nur sehr vage

Vorstellungen. Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich

darauf besann, daß ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch

existierte. Sofort machte er eine Eingabe nach Weimar, man möge ihm die

Besichtigung des Goetheschen Leichnams, zum Zwecke gewisser Abmessungen,

auf kurze Zeit gestatten. Er wurde aber mit dieser Eingabe abschlägig

beschieden. Was nun?

Abnossah Pschorr begab sich, ausgerüstet mit einem Köfferchen voll feinster

Abmessungs- und Einbruchsinstrumente, nach dem lieben alten Weimar;

nebenbei gesagt, saß dort im Wartesaal erster Klasse die stadtbekannte

Schwester des weltbekannten Bruders im anmutigen Gespräch mit einer alten

Durchlaucht von Rudolstadt; Abnossah hörte gerade die Worte: »Unser Fritz

hatte stets eine militärische Haltung, und doch war er sanft, er war mit

andern von echt christlicher Sanftmut -- wie würde er sich über diesen

Krieg gefreut haben! und über das herrliche, ja heilige Buch von Max

Scheler!«

Abnossah schlug vor Schrecken längelang hin. Er raffte sich nur mit Mühe

wieder auf und nahm Quartier im »Elephanten«. In seinem Zimmer prüfte er

die Instrumente sorgsam. Dann aber rückte er sich einen Stuhl vor den

Spiegel und probierte nichts geringeres an als eine überraschend

portraitähnliche Maske des alten Goethe; er band sie sich vors Antlitz und

sprach hindurch:

»Du weißt, daß ich ganz sicher ein Genie,

Am Ende gar der Goethe selber bin!

Platz da, Sie Tausendsapperloter! Oder ich rufe Schillern und Karl

Augusten, meinen Fürsten, zu Hülfe, er Tölpel, er Substitut!«

Diesen Spruch übte er sich ein, er sprach ihn mit sonorer, tiefer Stimme.

Zur späten Nachtzeit begab er sich an die Fürstengruft. Moderne Einbrecher,

die ich mir alle zu Lesern wünsche, werden über die übrigen Leser lächeln,

die einen Einbruch in die wohlbewachte Weimarer Fürstengruft für unmöglich

halten. Sie mögen aber bedenken, daß ein Professor Pschorr, als Einbrecher,

kolossale Vorteile vor noch so geschickten Einbrechern von Fach voraus hat!

Pschorr ist nicht nur der geschickteste Ingenieur, er ist auch

Psychophysiolog, Hypnotiseur, Psychiater, Psychoanalytiker. Es ist

überhaupt schade, daß es so wenige gebildete Verbrecher gibt: wenn nämlich

dann alle Verbrechen gelängen, so würden sie endlich zur Natur der Dinge

gehören und so wenig bestraft werden wie Naturereignisse: Wer stellt den

Blitz zur Rede, daß er den Kassenschrank des Herrn Meier schmelzt?

Einbrecher wie Pschorr sind mehr als Blitze, denn gegen sie hilft kein

Ablenker.

Pschorr konnte ein Grausen hervorrufen und die vor Entsetzen fast

Erstarrten obendrein durch Hypnose an die Stelle bannen; und das in einem

einzigen Augenblick. Denken Sie sich, Sie bewachten um Mitternacht die

Fürstengruft: auf einmal steht Ihnen der alte Goethe gegenüber und bannt

Sie fest, daß nichts mehr an Ihnen lebt als der Kopf. In solche Köpfe auf

scheintoten Rümpfen verwandelte Pschorr die ganze Bewachungsgilde. Bis der

Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese

nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer

aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit

war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst

keine Sorgen haben. Daß Pschorr zweckgemäß am Kadaver Goethes

herumhantierte, darf ihm nicht verargt werden, er nahm auch einige

Wachsabdrücke; im übrigen hatte er vorgesorgt, daß er Alles und Jedes

wieder in die vorige Ordnung brachte. Überhaupt sind gebildete

Amateur-Verbrecher zwar radikaler als die Fachleute, aber grade diese

Radikalität des exakten Gelingens gibt ihren Verbrechen den ästhetischen

Liebreiz der Mathematik und restlos aufgelöster Rechenexempel.

Als Pschorr sich wieder ins Freie begab, legte er noch einige Eleganz in

diese Präzision, indem er absichtlich einen Posten wieder vom Bann befreite

und ihn dann, wie oben, ins Gebet nahm. Dann riß er sich draußen sofort die

Maske vom Antlitz und ging in langsamstem Tempo zum »Elephanten«. Er freute

sich; er hatte, was er gewollt hatte. Gleich am andern Morgen reiste er

zurück.

Nun begann für ihn die regste Arbeitszeit. Sie wissen, man kann nach einem

Skelett den fleischernen Leib rekonstruieren; jedenfalls konnte das

Pschorr. Die genaue Nachbildung der Goetheschen Luftwege bis zu

Stimmbändern und Lungen hatte für ihn jetzt keine unüberwindbaren

Schwierigkeiten mehr. Die Klangfärbung und Stärke der Töne, die von diesen

Organen hervorgebracht wurden, war auf das leichteste festzustellen --

brauchte man doch nur den Luftstrom, der Goethes nachgemessenen Lungen

entsprach, hindurchstreichen zu lassen. Es dauerte nicht lange, und Goethe

sprach, wie er zu seinen Lebzeiten gesprochen haben mußte.

Allein es handelte sich darum, daß er nicht nur die eigne Stimme, sondern

auch die Worte wiederholte, die er mit dieser Stimme vor hundert Jahren

wirklich gesprochen hatte. Dazu war es nötig, in einem Raum, in dem solche

Worte oft erschollen waren, Goethes Attrappe aufzustellen.

Abnossah ließ die Pomke bitten. Sie kam und lachte ihn reizend an.

»Wollen Sie ihn sprechen hören?«

»Wen?« fragte Anna Pomke.

»Ihren Goethe.«

»Meinen?! Nanu! Professor!«

»Also ja!«

Abnossah kurbelte am Phonographen, und man hörte:

»Freunde, flieht die dunkle Kammer . . .« usw.

Die Pomke war eigentümlich erschüttert.

»Ja,« sagte sie hastig, »genau so habe ich mir das Organ gedacht, es ist ja

bezaubernd!«

»Freilich,« rief Pschorr. »Ich will Sie aber nicht betrügen, meine Beste!

Wohl ist es Goethe, seine Stimme, seine Worte. Aber noch nicht die

wirkliche Wiederholung wirklich von ihm gesprochener Worte. Was Sie eben

hörten, ist die Wiederholung einer Möglichkeit, noch keiner Wirklichkeit.

Mir liegt aber daran, Ihren Wunsch genau zu erfüllen, und darum schlage ich

Ihnen eine gemeinsame Reise nach Weimar vor.«

Im Wartesaal des Weimarer Bahnhofs saß wieder zufällig die stadtbekannte

Schwester des weltbekannten Bruders und flüsterte einer älteren Dame zu:

»Es liegt da noch etwas Allerletztes von meinem seligen Bruder; aber das

soll erst im Jahre 2000 heraus. Die Welt ist noch nicht reif genug. Mein

Bruder hatte von seinen Vorfahren her die fromme Ehrfurcht im Blute. Die

Welt ist aber frivol und würde zwischen einem Satyr und diesem Heiligen

keinen Unterschied machen. Die kleinen italienischen Leute sahen den

Heiligen in ihm.«

Pomke wäre umgefallen, wenn Pschorr sie nicht aufgefangen hätte, er wurde

dabei merkwürdig rot, und sie lächelte ihn reizend an. Man fuhr sofort nach

dem Goethehaus. Hofrat Professor Böffel machte die Honneurs. Pschorr

brachte sein Anliegen vor. Böffel wurde stutzig:

»Sie haben Goethes Kehlkopf als Attrappe, als mechanischen Apparat

mitgebracht? Verstehe ich Sie recht?« --

»Und ich suche um die Erlaubnis nach, ihn im Arbeitszimmer Goethes

aufstellen zu dürfen.« --

»Ja, gern. Aber zu was Ende? Was wollen Sie? Was soll das bedeuten? Die

Zeitungen sind grade von etwas Sonderbarem so voll, man weiß nicht, was man

davon halten soll. Die Posten der Fürstengruft wollen den alten Goethe

gesehen haben, und einen habe er sogar angedonnert! Die Andern waren von

der Erscheinung so benommen, daß man sie ärztlich behandeln lassen mußte.

Der Großherzog hat sich den Fall vortragen lassen.«

Anna Pomke blickte prüfend auf Pschorr. Abnossah aber fragte verwundert:

»Was hat das aber mit meinem Anliegen zu tun? Es ist ja allerdings kurios

-- vielleicht hat sich ein Schauspieler einen Scherz erlaubt?«

»Ah! Sie haben recht, man sollte einmal in dieser Richtung nachspüren. Ich

mußte nur unwillkürlich . . . . Aber wie können Sie Goethes Kehlkopf

imitieren, da Sie ihn doch unmöglich nach der Natur modellieren konnten?«

»Am liebsten würde ich das getan haben, aber leider hat man mir die

Erlaubnis versagt.«

»Sie würde Ihnen auch wenig genutzt haben, vermute ich.«

»Wieso?«

»Meines Wissens ist Goethe tot.«

»Bitte, das Skelett, besonders des Schädels würde genügen, um das Modell

präzis zu konstruieren; wenigstens mir genügen.«

»Man kennt Ihre Virtuosität, Professor. Was wollen Sie mit dem Kehlkopf,

wenn ich fragen darf?«

»Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu

reproduzieren.«

»Und Sie haben das Modell?« --

»Hier!«

Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke

lächelte stolz.

»Aber Sie können doch«, rief Böffel, »diesen Kehlkopf gar nicht nach dem

Skelett gemacht haben!?«

»So gut wie! Nämlich nach gewissen genau lebensgroßen und -echten Büsten

und Bildern; ich bin in diesen Dingen sehr geschickt.«

»Man weiß es! Aber was wollen Sie mit diesem Modell in Goethes ehemaligem

Arbeitszimmer?«

»Er mag da manches Interessante laut ausgesprochen haben; und da die

Tonschwingungen seiner Worte, wenn auch natürlich ungemein abgeschwächt,

dort noch vibrieren müssen.«

»Sie meinen?«

»Es ist keine Meinung, es ist so!«

»Ja?«

»Ja!«

»So wollen Sie?«

»So will ich diese Schwingungen durch den Kehlkopf hindurchsaugen.«

»Was?«

»Was ich Ihnen sagte.«

»Tolle Idee -- Verzeihung! aber ich kann das kaum ernst nehmen.«

»Desto dringender bestehe ich darauf, daß Sie mir Gelegenheit geben, Sie zu

überzeugen, daß es mir ernst damit ist. Ich begreife Ihren Widerstand

nicht; ich richte doch mit diesem harmlosen Apparate keinen Schaden an!«

»Das nicht. Ich widerstrebe ja auch gar nicht; ich bin aber doch von Amts

wegen verpflichtet, gewisse Fragen zu stellen. Ich hoffe, Sie verargen mir

das nicht?«

»Gott bewahre!«

Im Arbeitszimmer Goethes entwickelte sich jetzt, im Beisein Anna Pomkes,

Professor Böffels, einiger neugieriger Assistenten und Diener, die folgende

Szene.

Pschorr stellte sein Modell so auf ein Stativ, daß der Mund, wie er sich

vergewisserte, dort angebracht war, wo der Lebende sich einst befunden

hatte, wenn Goethe saß. Nun zog Pschorr eine Art Gummiluftkissen aus der

Tasche und verschloß mit dessen einem offenstehenden Zipfel Nase und Mund

des Modells. Er öffnete das Kissen und breitete es wie eine Decke über die

Platte eines kleinen Tisches, den er heranschob. Auf diese Art Decke

stellte er einen allerliebsten Miniaturphonographen mit

Mikrophonvorrichtung, den er seinem mitgebrachten Köfferchen entnahm. Um

den Phonographen herum wickelte er nun sorgfältig die Decke, schloß sie

wieder in Form eines Zipfels mit winziger Öffnung, schraubte in den offenen

freien Zipfel, dem Munde gegenüber, eine Art Blasbalg, der aber, wie er

erklärte, die Luft des Zimmers nicht in die Mundhöhle hineinblies, sondern

aus ihr heraussaugte.

Wenn ich, dozierte Pschorr, den Nasenrachenraum des Modells jetzt gleichsam

ausatmen lasse, wie beim Sprechen, so funktioniert dieser speziell

Goethesche Kehlkopf als eine Art Sieb, welches bloß die Tonschwingungen der

Goetheschen Stimme hindurchläßt, wenn welche vorhanden sind; und es sind

gewiß welche vorhanden. Sollten sie schwach sein, so ist eben der Apparat

mit Verstärkungsvorrichtungen versehen.

Man hörte im Gummikissen das Surren des aufnehmenden Phonographen. Ja, man

konnte sich des Grausens nicht erwehren, als man innen undeutlich eine

leiseste Flüstersprache zu vernehmen glaubte. Die Pomke sagte:

»Ach bitte!« und legte ihr feines Ohr an die Gummihaut. Sie fuhr sofort

zusammen, denn innen rauschte es heiser:

»Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen

sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so

offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik

unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber

die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich

will, ist kritiklose Sensation. Ich habe das so oft schmerzlich erfahren,

werde aber nicht müde werden, aller Welt zu widersprechen und nach meiner

Art gegen Newton Farbe zu bekennen.«

Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte:

»Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick

meines Lebens.«

»Haben Sie etwas hören können?«

»Gewiß! Leise, aber so deutlich!«

Pschorr nickte zufrieden. Er blasbalgte noch eine Weile und meinte dann:

Vorläufig dürfte das genügen.

Bis auf den Phonographen verpackte er alle Utensilien wieder in seinem

Köfferchen. Alle Anwesenden waren interessiert und erschrocken. Böffel

fragte:

»Sie glauben wirklich, Professor, einstmals hier gesprochene Worte Goethes

reell wieder aufgefangen zu haben? ein echtes Echo aus Goethes eigenem

Munde?« --

»Ich glaube es nicht nur, sondern bin dessen gewiß. Ich werde jetzt den

Phonographen mit Mikrophon repetieren lassen und sage Ihnen voraus, Sie

werden mir recht geben müssen.«

Das bekannte heisere Zischen, Räuspern und Quetschen. Dann ertönte eine

besondre Stimme, bei deren Klang alle Anwesenden, Abnossah selber,

elektrisiert zusammenzuckten. Man hörte die soeben zitierten Worte. Sodann

ging es weiter:

»Ei wohl! Er, Newton, er hat es gesehen. Hat er? Das kontinuierliche

Farbenspektrum? Ich aber, mein Bester, ich wiederhole es, er hat sich

getäuscht: er hat einer optischen Täuschung beigewohnt und selbige

kritiklos hingenommen, froh darüber, nur sogleich zählen und messen und

klügeln zu können. Zum Teufel mit seinem Monismus, seiner

Kontinuierlichkeit, da doch ein Farben-Gegensatz den Schein dieser erst

möglich macht! Eckermännchen! Eckermännlein! Bleiben Sie mir ja im Sattel!

Das Weiße -- weder gibt es Farbe her, noch ist aus Farben jemals Weißes zu

gewinnen. Sondern es muß sich, durch ein Mittel, mit Schwarz mechanisch

verbinden, um Grau; und chemisch vermählen, um das bunte Grau der Farben

erzeugen zu können. Und nicht Weißes erhalten Sie, wenn Sie die Farbe

neutralisieren. Sondern Sie stellen dann den ursprünglichen Kontrast wieder

her, also Schwarz gegen Weiß: wovon man nun freilich nur das Weiße blendend

klar sieht. Ich, Lieber, sehe die Finsternis ebenso klar, und hat Newton

allein ins Weiße, so habe ich, mein gar Wertester, zudem noch ins Schwarze

getroffen. Ich dächte doch, das sollte der weiland Bogenschütz in Ihnen baß

bewundern! So und nicht anders ist und sei es! Und die fernere Enkel- --

bedenkt man die absurde Welt, wohl gar allzu ferne Urenkelschaft wird über

Newton von mir lachen lernen!«

Böffel hatte sich gesetzt, alles jubelte durcheinander. Die Diener

trampelten vor Vergnügen, wie die Studenten in des ungeheuer umwälzenden,

hochherrlichen Reuckens, des bieder-dämonischen Greises, flammenden

Vorlesungen. Aber Abnossah sagte streng:

»Meine Herrschaften! Sie unterbrechen Goethes Rede! Er hat noch etwas zu

sagen!«

Stille trat wieder ein, man hörte:

»Nein und aber nein, mein Teuerster! Gewiß hätten Sie gekonnt, wofern Sie

nur gewollt hätten! Der Wille, der Wille ist es, der bei diesen

Newtonianern schlecht ist. Und ein schlechtes Wollen ist ein verderbliches

Können, ein tätiges Unvermögen, wovor es mich schaudert, da ich es doch

allenthalben über und über gewahr werde und daran gewöhnt sein sollte. Der

Wille, mein Guter, der Sie harmlos genug darüber gesonnen sein mögen, ist

der wahrhafte Urheber aller großen und kleinen Dinge, und nicht das

göttliche Können, sondern das Wollen ist es, das göttliche Wollen, an dem

der Mensch zuschanden wird und alle seine Unzulänglichkeit daran erweist.

Würden sie göttlich wollen, so wäre das Können notwendig und nicht nur

leicht, und gar manches, mein Lieber, wäre alltägliche Erfahrung, was jetzt

nicht einmal ahnungsweise sich hervorwagen dürfte, ohne angefeindet oder

verspottet zu werden.

Da war der junge Schopenhauer, ein das Höchste versprechender Jüngling,

voll vom herrlichsten Wollen, aber dieses durchaus angekränkelt vom

Wurmfraß des Zuviels, der eignen Ungenügsamkeit. Wie, in der Farbenlehre,

ihn die reine Sonne verblendete, daß er die Nacht als keine andre Sonne,

sondern als null und nichts dagegen gelten und wirken ließ, so bestach ihn

im Ganzen des Lebens dessen ungetrübter Glanz, gegen dessen reines Strahlen

ihm das Menschenleben gar nichts und verwerflich schien. Ersehen Sie, mein

Bester! daß der reinste, ja, der göttlichste Wille Gefahr läuft, zu

scheitern, wenn er unbedingt starr sich durchzusetzen begierig ist: wenn er

auf die Bedingungen, als auf ebenso viele mit Notwendigkeit gesetzte Mittel

seines Könnens, nicht klüglich und geschmeidig einzugehen, sich bequemt!

Ja, der Wille ist ein Magier! Was vermöchte er nicht! Aber der menschliche

Wille ist gar kein Wille, er ist ein schlechter Wille, und das ist der

ganze Jammer. Ha! haha! hehe! hi!« Goethe lachte sehr mysteriös und fuhr

fast flüsternd fort: »Ich könnte sehr wohl, mein Köstlicher! Ihnen noch

etwas anvertrauen, etwas verraten. Sie werden es für ein Märchen halten;

mir selbst aber ist es zur vollen Klarheit aufgegangen. Der eigne Wille

kann das Schicksal übermeistern, er kann es zwingen, daß es ihm diene, wenn

er -- nun horchen Sie wohl auf! -- die göttlich ungemeine, wenn er die

schöpferische Absicht und Anstrengung, welche in ihm ruht und angespannt

ist, keineswegs wähnte, auch noch überdies in angestrengtester

Absichtlichkeit äußern und durch die angestraffteste Muskulatur nach außen

hin wirksam sein lassen zu sollen. Sehen Sie die Erde, wie sie es drehend

treibt! Welcher irdische Fleiß! Welches unaufhörlich bewegte Treiben! Aber

wohlan, mein Eckermännlein! dieser Fleiß ist nur irdisch, dieses Treiben

nur mechanisch fatal -- hingegen der magische Sonnen-Wille göttlich ruhend

in sich selber schwingt, und durch diese so höchst ungemeine

Selbstgenugsamkeit jenen Elektromagnetismus entwickelt, welcher das ganze

Heer der Planeten, Monde und Kometen in dienendster Unterwürfigkeit

wimmelnd zu seinen Füßen erniedrigt. Mein Lieber, wer es verstände, es

erlebte, im allerdurchlauchtesten Geistessinne dieser hehre Täter zu sein!

-- -- -- Allein, genug und abermals genug. Ich bin es gewohnt gewesen, wo

ich andre und oft sogar Schillern frei schwärmen sah, mir Gewalt anzutun,

jener so göttlichen Aktivität zu Liebe, von der man nur schweigen sollte,

weil alles Reden hier nicht nur unnütz und überflüssig wäre, sondern, indem

es ein albern gemeines Verständnis, wo nicht gar das entschiedenste

Mißverständnis erregte, sogar schädlich und hinderlich werden müßte. Denken

Sie des, Trauter, und hegen es in Ihrem Herzen, ohne daß Sie es zu

enträtseln trachteten! Vertraun Sie, daß es sich Ihnen einst von selber

enträtseln werde, und gehen heut Abend mit Wölfchen, den es schon gelüstet,

ins Schauspiel, da Sie denn mit Kotzebue gelinde verfahren mögen, wiewohl

es uns widert!«

»O Gott«, sagte die Pomke, während die andern begeistert auf Abnossah

eindrangen, »o Gott! Ach dürfte ich endlos zuhören! Wieviel hat uns dieser

Eckermann unterschlagen!«

Aus dem Apparat kam, nach geraumer Weile, ein Schnarchen, dann gar nichts

mehr. Abnossah sagte:

»Meine Herrschaften, Goethe schläft hörbar. Wir hätten vor einigen Stunden,

wo nicht gar einem Tage, nichts mehr zu erwarten. Längeres Verweilen ist

nutzlos. Der Apparat richtet sich, wie Ihnen einleuchten muß, so genau nach

der Wirklichkeit des Zeitablaufs, daß wir, an dieser Stelle, günstigsten

Falls, erst wieder etwas hörten, falls Eckermann am selben Abend nach dem

Theater nochmals bei Goethe erschienen wäre. Ich habe keine Zeit mehr, das

abzuwarten.«

»Wie kommt es,« fragte Böffel, ein wenig skeptisch, »daß wir gerade diese

Aussprache mit anhören konnten?«

»Das ist ein Zufall,« erwiderte Pschorr. »Die Bedingungen, vor allem die

Struktur des Apparats und sein Standort, waren zufällig so getroffen, daß

(wie ausgerechnet) grade diese und keine andern Tonschwingungen wirksam

werden konnten. Allenfalls habe ich respektiert, daß Goethe saß, und den

Platz des Sessels.«

»Ach bitte, bitte! Abnossah!« (Die Pomke war wie im Rausch, fast mänadisch,

sie nannte ihn beim Vornamen, was noch nie geschehen war.) »Versuchen Sie's

doch noch an einer andern Stelle! Ich kann nicht genug hören -- und wenn's

auch nur das Schnarchen wäre!«

Abnossah ließ den Apparat verschwinden und schnallte den Koffer zu. Er war

sehr blaß geworden:

»Meine liebe Anna -- meine Gnädigste,« verbesserte er sich: »-- ein

andermal!« (Die Eifersucht auf den alten Goethe zerwühlte ihm das

Eingeweide).

»Wie wäre es,« fragte Böffel, »mit Schillers Schädel? Das würde ja den

Streit entscheiden, ob man den echten hätte.«

»Gewiß«, sagte Abnossah, »denn wenn man Schillern sagen hörte: >Wie wärsch

mit e Scheelchen Heeßen?< -- so wäre es nicht Schillers Schädel. -- Ich

überlege mir; ob sich die Erfindung nicht raffinieren ließe? Vielleicht

stelle ich einen Durchschnittskehlkopf her, an dem man schrauben kann, wie

an einem Operngucker, um ihn an alle irgend möglichen Schwingungsarten zu

akkommodieren. Man könnte dann die Antike und das Mittelalter wieder

sprechen hören, die richtige Aussprache der alten Idiome feststellen. Und

die verehrten Zeitgenossen, die unanständige Dinge laut sagten, wären der

Polizei auszuliefern.«

Abnossah bot der Pomke seinen Arm, und sie gingen wieder nach dem Bahnhof.

Behutsam traten sie in den Wartesaal, aber die Stadtbekannte hatte sich

schon entfernt. Abnossah sagte:

»Wenn sie mir den Kehlkopf des berühmten Bruders auslieferte? Aber sie wird

es nicht tun; sie wird einwenden, das Volk sei noch nicht reif, und die

Intelligenz habe nicht die Ehrfurcht des Volkes, und so ist nichts zu

machen, Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist du! Du!«

Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen.

»Wie er die R's betont!« hauchte sie beklommen.

Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte

zerstreut:

»Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein

Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!«

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts,

Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a. S. schmiß er das Köfferchen mit dem

Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter

Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf:

»Was haben Sie getan?«

»Geliebt,« seufzte Pschorr, »und bald auch gelebet -- und meinen

siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.«

Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich

fest um sie schlingenden Arme Abnossahs. In diesem Moment erschien der

Schaffner und forderte die Fahrkarten.

»Gott! Nossah!« murmelte die Pomke, »du mußt, du mußt mir einen neuen

Kehlkopf Goethes verschaffen, du mußt -- sonst --«

»Kein Sonst! Après les noces, meine Taube!«

* * * * *

Prof. Dr. Abnossah Pschorr

Anna Pschorr geb. Pomke

Vermählte

z. Zt. Weimar im »Elephanten«.

Schwarz-Weiß-Rot: Grotesken · 第 7 / 11 题