(der mit gesenktem Haupte sinnend im Vorgrunde gestanden, fährt
jetzt empor und faßt die) Alte an).
Halt! und nimm zurück den Becher,
Nimm zurück ihn, deinen Trank!
(Er ergreift den auf dem Tischchen rechts stehenden Becher und
drückt ihn der Alten in die Hand.)
Die Alte.
Hi, hi, hi! Hast dich vergriffen!
Dort steht er, der edle Trank.
Das hier ist ja Saft der Trauben.
(Sie trinkt.)
Wie das labt--wie das erquickt!
(Den Becher umwendend.)
Leer und aus!--Nu, dir zum Heile!
Und den Becher mir zum Lohn.
(Sie steckt den Becher in ihr Gewand.)
Wohlgemut, mein teurer Sohn.
Nicht die Hand vors Aug' geschlagen!
Was dir kommt, das mußt du tragen,
Eine Leiche, auf dem Thron.
Bist nun deines Schicksals Meister,
Sprichst ein Wort im Rat der Geister,
Trägst dein eigen Los davon. Horch! man kommt. Nun, ich will
gehen.
Unbesorgt! Sie sehn mich nicht.
Ob gleich alle zu mir flehen,
Scheut doch jeder mein Gesicht.
Sieh dort offen eine Spalte
In des Zeltes dünner Wand,
Raums genug für eine Alte.
Nun, mein Sohn, die Zukunft walte!
Glück, Entschlossenheit, Verstand!
(Sie hinkt nach der rechten Seite des Zeltes und zieht sich hinter
die Umhänge des dort stehenden Ruhebettes zurück, blickt noch
einmal, die Vorhänge aufhebend, hervor und wird dann nicht mehr
gesehen.)
Rustan.
Sieh! wo kam sie hin, die Alte?
Zanga.
Herr, ich weiß nicht. Sie entschwand.
War's dort durch des Umhangs Spalte,
War's--mir bleibt es unerkannt.
Rustan.
Schweig, und gib das Tuch.
(Auf ein dunkelrotes Tuch zeigend, das Zanga lose um den Hals
geschlungen trägt.)
Zanga.
Das Tuch?
Rustan.
Wohl, das Tuch--so!--und nun stille!
(Er hat das dunkelrote Tuch über den gleichbehangenen Tisch links
und den darauf stehenden Becher gebreitet und steht in banger
Erwartung.)
(Die Vorhänge des Zeltes tun sich auf. Der König tritt ein, hinter
ihm Kaleb, Karkhan und zwei Begleiter.)
König.
Du noch hier?
Rustan.
Wo sonst, mein König?
König.
Nun, ich dachte dich entfernt.
Geht, ihr andern.
(Zu Kaleb.)
Du nur bleib!
(Das Gefolge entfernt sich, die Vorhänge des Zeltes werden
geschlossen.)
König (der einem der Abgehenden den braunen Mantel und den Dolch
abgenommen hat, die dieser trug, den Mantel auf den Boden
hinwerfend).
Rustan! kennst du diesen Mantel?
Diesen Mantel, diesen Dolch?
Rustan.
Schlecht versteh ich mich auf Kleider;
Doch auf Waffen gut, du weißt's.
König.
Nun denn: kennst du diese Waffe?
Rustan.
Wohl; es ist derselbe Dolch,
Den du einst verlorst beim Jagen.
König.
Ich verlor? Den ich dir gab.
Rustan.
Ja, nachdem du ihn verloren,
Und ich ihn gefunden, Herr;
Wie ihn wohl ein andrer fand,
Als ich selbst ihn drauf verloren.
König.
Du verlorst ihn?
Rustan.
Wohl.
König.
Ein andrer
Fand ihn?
Rustan.
Also scheint's.
König.
Und tat
Jener andre das Verbrechen,
Das laut aufmahnt, es zu rächen?
Rustan.
Laß mich Herr, von dem nur sprechen,
Was ich selber tat und weiß.
König.
Und der Mantel?
Rustan.
Herr, ich sagt' es:
Schlecht versteh ich mich auf Kleider.
König.
Doch die Züge jenes Toten,
Sie sind auch des Mannes Züge,
Der mich auf der Jagd befreit.
Rustan.
Du warst damals kaum bei Sinnen,
Erst nur hast du's selbst bekannt.
König (die Schrift emporhaltend, die ihm Der alte Kaleb gab).
Und die Schrift hier sagt so vieles,
Zeigt, wie dem so graß Verblichnen
Hohes Unrecht ich getan.
Rustan.
Tatst du dem Verblichnen unrecht,
Tu nicht Gleiches dem Lebend'gen.
Was soll mir die tote Schrift?
Laß dir meine Taten sprechen!
Wer schlug jene blut'ge Schlacht,
Die dir Heil und Sieg gebracht?
Wer befestigte die Krone,
Halb von einem Feind geraubt,
Wieder dir auf deinem Haupt?
Dankst du's nicht, wenn du noch dräust,
Dem Bedrohten, mir, zumeist?
Ha, ich find es wohl bequem,
Dadurch sich den Dank zu sparen,
Daß dem Retter, daß wir dem,
Durch den Heil uns widerfahren,
Häufen auf des Vorwurfs Last;
Den Berechtigten, mit Lachen,
Zum Verpflichteten uns machen.
König, mir gib erst mein Recht!
Was geschehn an jenem Knecht,
Laß uns künftig sehn und rächen.
Jetzt erst halte dein Versprechen,
Gib, was du mir zugesagt!
König.
Halt! Was damals ich versprach,
Zogen andre Gründe nach!
Wer mein Höchstes sein will sehn,
Muß, ein Reiner, vor mir stehn.
Reine dich vor meiner Macht!
Noch hat niemand es erfahren,
Was dich drücket für Verdacht;
Zeit geb ich dir diese Nacht
Mit dir selbst zu Rat zu sitzen,
Was dir frommen mag und nützen.
Aber bricht der Morgen an,
Ohne daß du's dargetan,
Samml' ich einen andern Rat
Aus den Besten meines Heeres;
Der soll sitzen und entscheiden,
Wer im Recht ist von uns beiden.
(Er wendet sich von ihm; zu Kaleb.)
Alter, komm! Ich will nun lesen
Deine Schrift, so weit sie geht.
Was dein armer Sohn gewesen,
Zeigt sie deutlich--nur zu spät.
(Am Sofa rechts stehend.)
Doch erst geh nach Licht und Wein.
Es wird dunkel, und mich dürstet.
Hier ließ ich, da erst ich ging,
Stehen einen vollen Becher,
Einen Becher Freudenwein.
Sog ihn denn der Boden ein?
Zwar, die Freude ist vergangen,
Und verging denn auch der Wein?
(Rustan hat ergrimmt das über dem Becher auf dem Tische links
ausgebreitete Tuch hinweggerissen.)
König.
Doch, dort steht er. Wie er blinkt,
Freundlich mir entgegenwinkt!
Ach, was ist seitdem vergangen,
Seit mein Mund an dir gehangen!
Zanga, geh nach Licht!
(Zanga geht ab.)
Du, Alter,
Bring mir her dort jenen Becher,
Jenen frohen, holden Wein!
Ach, vielleicht, daß von dem Glück,
Das in mir, als ich getrunken,
In den Kelch ein Hauch gesunken,
Und er gibt ihn nun zurück.
Bring den Becher, bring den Wein!
(Er hat sich auf das Sofa gestreckt. Der alte Kaleb geht nach dem
Becher auf dem Tisch links. Da er ihn bereits ergriffen, fällt ihm
Rustan in den Arm.)
Rustan.
König, trink nicht!
König.
Und warum?
Rustan.
Nicht aus dieses Mannes Hand,
Der durch schlau erdachte Lügen
Ab mir deine Gunst gewandt,
Und der töten kann, wie lügen;
Nicht aus dieses Mannes Hand!
König.
Ruhig sei du nur zur Stund'!
Was er sprach,
(Die Schrift in seiner Hand haltend.)
was hier geschrieben,
Ist dem Wahren treu geblieben,
Wahrheit sprach sein stummer Mund.
Und so nehm ich mit Vertrauen
Das Gefäß aus seiner Hand.
Wer wird allen denn mißtrauen,
Weil ein einz'ger nicht bestand?
Rustan.
Wohl denn! sei's zum Glück gewandt!
(Er läßt den Alten los, der den Becher dem Könige bringt.)
König.
Rustan, sieh hier diesen Becher,
Den ich erst dir zugetrunken,
Erst als Erben und als Sohn,
Sieh, ich halt ihn jetzt noch immer
Mit versöhnlichem Gemüt.
Dünkt es gut dir, aufzuklären,
Was geschehn, was du getan;--
Zwar nicht mehr als Sohn und Erbe,
Da reicht Höhres nur hinan;--
Doch mit Zeichen meiner Gnade,
Mit Geschenken reich geschmückt,
Sollst du ziehen deine Pfade,
Wie kein Sterblicher beglückt.
Laß den Frieden uns erneuen!
(Den Becher emporhebend.)
Rustan! Allen, die bereuen!
Rustan (vor sich hin).
Prosit!--Wen's zuerst gereut!
(Er wendet sich ab.)
(Da der König im Begriffe ist zu trinken, öffnen sich die Vorhänge
des Zeltes und Zaziga tritt ein; hinter ihm Diener mit Lichtern und
Wein.)
König.
Setzt die Lichter auf den Tisch,
Und geht hin zu meiner Tochter;
Ich will hier des Abends Kühle
Noch ein Stündchen mir genießen.
Erst zu Nacht erwartet mich!
Aber fort mit den Gefäßen!
Hier ja steht mein Freudenwein.
(Er trinkt.)
Nie ja trank ich so gewürzten,
Feurig-starken, schäum'gen, dunkeln;
Jugendähnlich gleitet er
Durch die abgespannten Fibern
Und die Luft im Raum erzittert
Von dem sprühend geist'gen Duft.
Köstlich! labend!
(Er trinkt.)
Zanga.
Herr, o sieh!
Rustan.
Schweig!
Zanga.
Die Führer auch des Heeres
Sind gewonnen, Euch zu Dienste.
Über Undank murren sie,
Harren Eurer.
Rustan.
Nun, ich komme.
König.
Geht ihr andern! Kaleb, bleib!
(Die Diener gehen.)
Laß uns sehen diese Schrift,
Die zerstreuten einzlen Blätter,
Die dein Sohn aus der Verbannung,
Nebst der Schutzschrift, die wir lasen,
Schrieb dem tiefgekränkten Vater.
Hier stehn Namen, die ich kenne.
Horch! und--schweig! sagt' ich beinah,
Doch du schweigst ja jetzt und immer.
(Rustan ist, den übrigen folgend, bis zu des Zeltes Ausgang
gekommen, dort bleibt er stehen und tut, lauschend, einige Schritte
zurück. Der König liegt lesend auf dem Sofa, an dessen Seite der
alte Kaleb, auf den Knien niedergekauert, zuhört. Die Lichter auf
dem Tische erhellen die Gruppe. Der übrige Teil der Bühne ist
dunkel.)
Der König (liest).
"An den Quellen des Wahia
Leb ich einsam, ein Verbannter,
Nah des alten Massud Hause."
Also schreibt dein armer Sohn
In dem ersten seiner Blätter. "Sah dort Mirza, seine Tochter,
Sie, die einz'ge, die vergleichbar,
Nahe mindstens kommt Gülnaren,
Meines Herrn erlauchter Tochter."
Wohl erlaucht! Hättst du's bedacht,
Dein Geschick wär' leicht und milde.
(Weiterlesend.)
"Rustan, Rustan, wilder Jäger!
Warum quälst du deine Liebe,
Suchst auf unbetretnen Pfaden
Ein noch zweifelhaft Geschick?"
(Die hintern Vorhänge werden durchsichtig und zeigen in heller
Beleuchtung Mirza mit in dem Schoße liegenden Händen vor der Hütte
ihres Vaters sitzend. Vor ihr steht ein Greis, in Gestalt und
Kleidung ganz dem alten Kaleb ähnlich. Er hält eine kleine Harfe
im Arm. Rustan, der zusammenfahrend einige Schritte zurückgewichen
ist, macht, mit beiden Händen auf die beiden Greise zeigend, ihre
Ähnlichkeit bemerkbar.)
König (lesend).
"Schau, sie kommt dir ja entgegen,
Sorgt um dich mit frommen Blick,
(Mirzas Gestalt erhebt sich.)
Kehr zurück auf deinen Wegen,
Wenn nicht hier, wo ist das Glück?"
Rustan.
Mirza! Mirza!
(Die Erscheinung verschwindet.)
König.
Wer ist hier?
Rustan (vortretend).
Ich, mein Fürst.
König.
Und was führt her dich?
Rustan.
Nennen hört' ich meinen Namen,
Und ich glaubte, Herr, du riefst.
König.
Nicht nach dir; doch rief ich Rustan;
War's ein andrer gleich, der fern wohnt
An den Quellen des Wahia.
Doch, da hier, magst du nur bleiben.
Manches steht wohl hier geschrieben,
Das du deuten kannst und sollst.
(Rustan zieht sich zurück.)
Der König (liest weiter).
"Rustan, Rustan! wilder Jäger"--
(Einhaltend.)
Wird's mir dunkel doch und wirre!
Alter, rück die Leuchte näher,
Schlummer, scheint's, trübt meinen Blick.
Noch ein Schluck.
(Er trinkt.)
Nun, so scheint's besser.
(Er liest.)
"Rustan, Rustan, wilder Jäger,
Kehr zurück auf deinen Pfaden!
Was ist Ruhm, der Größe Glück?
Sieh auf mich! Weil ich getrachtet
Nach zu Hohem, nach Verbotnem,
Irr ich hier in dieser Wüste,
Freigestellt das nackte Leben
Jedes Meuchelmörders Dolch."
(Die Wand des Zeltes wird von neuen durchscheinend. Es zeigt sich,
hell beleuchtet, der Mann vom Felsen. Der braune Mantel hängt
nachschleppend über die rechte Schulter. An der linken entblößtem
Brust nagt eine Natter, die er in der Hand hält.)
König (liest).
"Und wenn ich ihn auch zermalme,
Wie der Hirt die Schlange tritt,
Bin ich minder tot?"
(Der Mann vom Felsen macht eine Bewegung mit der Hand, als wollte
er die Schlange nach Rustan schleudern.)
Rustan (niederstürzend).
Entsetzen!
(Die Erscheinung verschwindet.)
König.
Was ist hier?
(Die Umhänge des Ruhebettes zurückschlagend.)
Rustan am Boden?
Was geschah? Sieh, Alter, hin!
(Der alte Kaleb nähert sich dem Hingesunkenen.)
Rustan (sich emporrichtend).
Ist er fort? Ha, Zauberkünste!
Und doch nur der Sinne Traum.
(Nach rückwärts gewendet.)
Kommst du immer, wenn's zu spät?
Immer, wenn's bereits geschehen?
Sieh den Becher halb geleert,
Ganz erfüllt schon mein Geschick.
König.
Mir wird schwül, mein Innres brennt.
Aufwärts bäumen sieh die Fluten,
Alle Tropfen meines Blutes.
Böser Trank.--Was war im Becher?
Rustan! Rustan! Was im Becher?
Rustan (bebend).
Herr, weiß ich's?
König.
Und das Gefäß!
Was nur trübte meine Augen?
Das ist nicht derselbe Becher!
Fremde Zeichen stehen drauf,
Sinnlos wilde, wirre Zeichen.
Wo mein Becher? Rustan, Rustan!
Rustan (in die Knie sinkend).
Herr, weiß ich's?
Die Alte (kommt hinter den Umhängen des Ruhebettes hervor. Sie rollt
den mitgenommenen Becher mit dem Fuße vor sich her, dem Vorgrunde zu).
Hi, hi, hi!
Lauf mein Rädchen,
Spinn dein Fädchen!
Nun und nie!
Hi, hi!
(Sie verschwindet hinter den Vorhängen.)
(Rustan hat sich bemüht den rollenden Becher aufzuhalten und unter
dem am Boden liegenden Mantel zu verbergen.)
König.
Welch Geräusch?--Das ist mein Becher;
Dieser hier ein unterschobner.
(Er ist vom Bette aufgestanden.)
Rustan, Rustan! Heil'ge Götter!
Ist denn niemand hier? Kein Helfer?
Alter, komm, sei du mir Stütze!
(Zu Rustan, der noch immer mit dem Becher beschäftigt ist.)
Ha, umsonst verhüllst du es!
Ewig sichtbar dein Verbrechen! Alter, hilf! Ach, ich vergehe!
Hört denn niemand? Eilt nach Ärzten!
Rettung! Beistand! Rache! Hilfe!
(Er sinkt am Eingange des Zeltes den dort Entgegenkommenden in die
Arme. Die Vorhänge schließen sich über der Gruppe.)
Rustan (nachdem er einige Male nach dem vor ihm liegenden Becher
gegriffen hat, ihn endlich fassend).
Endlich! Endlich!--Ha, und dort!
(Er hebt auch den zweiten neben dem Ruhebette liegenden Becher auf,
die Becher in beiden Händen wechselweise betrachtend.)
Eins und eins!
(Mit den Augen am Boden suchend.)
Wo ist der zweite?
Eins und eins! Der zweite, wo?
Wo der andre, andre Becher?
(Er sinkt erschöpft mit dem Haupt gegen das Ruhebette.)
Zanga (kommt).
Herr! ach, alles ist verloren!
Rustan (fährt empor).
Zanga.
In den Armen drauß der Seinen
Liegt der alte Fürst vergehend.
Seine Lippen stammeln Worte,
Er enthüllt wohl, was geschehn,
Was hier vorging, spricht er aus.
Rustan (den Tisch neben dem Sofa von der Stelle rückend).
Fort den Tisch hier und das Bette!
Dort hinaus entkam die Alte;
Da hinaus entflieh auch ich.
Zanga.
Fruchtlos, denn hier grenzt die Halle
An des Schlosses innre Räume;
Hier im Wege feste Mauern,
Dort verwehrt's ein tobend Volk.
Rustan.
Hier hinaus! Mit meinen Zähnen
Will ich an der Mauer brechen,
Hier mit diesen meinen Armen
Einen Rettungsweg zur Flucht.
Zanga.
All umsonst! Denn horch! man kommt.
Rustan.
Nun, so halt bereit dein Messer,
Und wenn sie mich greifen, Zanga,
Stoß von rückwärts mir's in Leib.
Hörst du wohl? von rückwärts, Zanga,
Und wenn alles erst verloren.
(Er steht, auf Zanga gestützt, mit vorhängendem Haupte.)
(Die Vorhänge des Zeltes teilen sich nach beiden Seiten. Die Stadt
ist vom Monde hell beleuchtet. Volk erfüllt den äußern Raum.)
Gülnare (von ihren Frauen gefolgt, kommt von der linken Seite und eilt nach
dem Vorgrunde).
Hier ist der, den ich genannt!
Rustan.
Zanga! Deinen Dolch! Gib Waffen!
Gülnare.
Herr, zu dir gehn meine Schritte.
Tot im Staube liegt mein Vater,
Und die wutentbrannten Mörder--
Rustan.
Wer? Wer sah's? Wer weiß? Weiß ich's?
Gülnare (fortfahrend).
Jener greise, stumme Mann,
Der, den Tod des Sohnes rächend,
Ausgestreckt die frevle Hand
Nach des edlen Fürsten Leben,
Seine Helfer und Genossen
Ruhen nicht, bis sie dem Vater
Mich, die Tochter, nachgesandt.
Zwar, der Frevler ist gefangen,
Aber mächtig sind die Seinen,
Man befreit ihn, er kehrt wieder,
Und vollendet sein Geschäft.
Rustan.
Zanga! Zanga! Spricht sie? Hör ich?
Gülnare (kniend).
Herr, o stoß mich nicht zurück!
Deinen Namen auf den Lippen,
Starb der gute, alte Vater,
Gleich, als wollt' er seine Liebe,
Sein Vertraun auf deinen Beistand
Noch im Abschied von dem Leben
Mir als letzte Erbschaft geben.
"Rustan", sprach er, und verschied.
Und so fleh ich denn im Staube:
Nimm die Einsame, Verlaßne,
Einst bestimmt zu nähern Banden,
Nimm sie auf in deinen Schutz!
(Trompeten.)
Gülnare (aufstehend).
Hörst du? Auch das Heer in Aufruhr.
Es rückt an auf diese Mauern.
Deinen Namen nennen sie,
Ihren Führer, dich, als Herrn.
Und das Volk schart sich zu ihnen,
Alle gegen mich gerichtet,
Ohne deinen, deinen Schutz.
(Von der linken Seite, außer den Vorhängen, bringen einige
Gewaffnete den alten Kaleb.)
Gülnare.
Siehst du dort den grauen Mörder?
Wie er funkelt, wie er glüht!
Weh!
Zanga (die Hand an den Säbel gelegt).
Auf ihn! Haut ihn in Stücke!
(Von der rechten Seite, aus dem Hintergrunde, ziehen in Reihen
bewaffnete Krieger und schwenken sich gegen die Mitte zu halb auf.)
Gülnare.
Dort das Heer! Ich bin verloren!
Rustan (gegen Zanga und die Bewaffneten, die den alten Kaleb bedrohen).
Halt!
(Gegen die Reihen der Krieger.)
Und ihr!
(Auf Kaleb.)
Was er verbrochen,
Ob er schuldig, ob er's nicht,
Übergebt ihn meiner Obhut
Und bestellet ein Gericht.
(Gegen das Heer.)
Und ihr andern, wackre Krieger,
Aber schuldig jetzt--gleich mir!
(Er wirft sich vor Gülnaren nieder.)
Werft, gleich mir, euch hin im Staube.
Eure Herrscherin steht hier!
(Die vordersten des Heeres knien, die übrigen senken die Lanzen.)
Gülnare.
Habe Dank!--Euch sei verziehen!
Allzu glücklich, als Empörer,
Daß, was ihr mit Trotz begehrt,
Eure Fürstin frei gewährt.
(Man hat den Turban des Königs gebracht und die Krone davon
abgelöst.)
Dieses Landes Herrscherschmuck,
Er bleibt mein, ich geb ihn niemand,
Sollte Tod mich übereilen,
Niemand, keinem, auch nicht dir!
Geben nie--wohl aber teilen!
(Sie hebt die Krone in der Rechten hoch empor, während Rustan mit
den Zeichen wilder Verzweiflung die Stirne gegen den Boden drückt.)
Das Volk.
Hoch Gülnare, unsre Fürstin!
Hoch Gülnare, Rustan! Rustan!
(Der Vorhang fällt.)