(Offener Platz in Samarkand. Die ersten Kulissen des Vorgrundes
bilden eine zeltartige Estrade, deren hintere Vorhänge offen sind.
Rechts ist ein Sofa von Kissen angebracht, nach oben mit einem
Baldachin, nach rückwärts mit einer herabhängenden Draperie geziert.
Daneben ein Tischchen. Gegenüber auf der linken Seite ein
größerer Tisch, dunkelrotbehangen.
Der Platz von außen ist mit Volk beiderlei Geschlechts besetzt.
Jubelruf, kriegerische Musik, Truppenaufzüge.)
Volk.
Heil dem Sieger!--Heil dem König!
Rustan! Rustan!--Hoch Gülnare!
(Der König kommt, zu beiden Seiten Rustan und Gülnare an der Hand
führend. Reichgekleidete Große hinter ihm. Sie gehen in dem Raume
außer dem Zelte quer über die Bühne und auf der linken Seite ab.)
Zanga (durch das Volk kommend, zu denen, die am Eingange des Zeltes
stehen).
Platz da! Platz! Ich bin vom Hause!
(Er kommt nach vorn.)
Nun, bei Gott! Das geht vortrefflich!
Unser Rustan wirkte Wunder!
Tritt hervor aus jenem Wald,
Und der Ruf der Tat durchschallt
Rings das Land nach allen Seiten.
Nieder von den Bergen schreiten
Hirten, jetzt zum erstenmal,
Völker ohne Maß und Zahl,
Die sich sammeln, die sich scharen
Um den Retter in Gefahren.
Und der Feind, er steht verblüfft;
Ihm, der kam zu leichtem Krieg,
Dünkt der Rückzug jetzt schon Sieg.
Rasch wir nach, und weit und weiter!
Schon sind handgemein die Streiter.
Da sieht Rustan jenen Khan,
Der so überstolz getan,
Sprengt auf ihn,--zwar, wie mich dünkt,
Ist das just der Punkt, der hinkt--
Rustan stürzt. Allein, was tut's!
Unsre Völker, hohen Muts,
Sehen bange Zweifel schweben
Ob des Führers teurem Leben,
Dringen nach, und--sahst du's nicht!
Bald kein Feind mehr im Gesicht.
Also sich's begeben hat;
Ich bin selbst das Zeitungsblatt,
Schwarz gekommen schon zur Erden,
Darf's nicht erst durch Lügen werden. Da kommt Rustan mit dem
König,
Tut schon vornehm, blickt schon stolz.
Ei, umgüldet's nur ein wenig,
Dünkt sich Edelstein das Holz.
(Der König und Rustan kommen.)
König.
Hörtest du? vernahmst du? sahst du?
Ihres Mundes freundlich Lächeln,
Ihrer Rede Sommerfächeln,
Fühltest du den Druck der Hand?
Ja, Gülnare, meine Tochter,
Sinnt nicht länger Widerstand.
Freude, Wonne, sondergleichen!
Ihre Hand will sie dir reichen;
Und was an des Todes Toren
Ich mir selber zugeschworen,
Und was Nacht bisher verhüllt,
Glänzend, herrlich wird's erfüllt.
Du, an meiner Tochter Seite,
Sitzest auf der Väter Thron,
Breitest aus in alle Weite
Mit der Kriegsdrommete Ton
(Dieses Landes) Macht und Ruhm,
Noch vor wenig kurzen Tagen
Stolzer Nachbarn Eigentum.
Und sie zittern und sie beben
Vor dem Dräun der starken Hand,
Und des Ruhmes Säulen heben
Hoch den Thron von Samarkand.
Sieh dies Land, es ist das deine,
Sieh mein Selbst, es folgt dem Land;
Oh, des sel'gen Abends Scheine,
Da ich dich, den Retter fand!
(Er setzt sich.)
Ich bin müd, bringt mir zu trinken,
Selbst die Freude schwächt die Kraft.
Alles scheint mir zuzuwinken:
Tu, was neu das Alte schafft. Gebt mir Wein, die Zunge lechzet,
Und verschließt des Zeltes Hüllen.
Freuden, wie sie mich erfüllen,
Hegt man gern bei sich allein.
(Zanga gibt den Auftrag. Man geht um Wein. Die Vorhänge des
Zeltes fallen herab.)
Rustan.
Wenn auch das, was ich getan,
Voll und wirklich Lohn erheischet,
Doch so übermäß'ge Gunst--
König (aufstehend).
Laß du über dem Geschick,
Auszugleichen Wert und Glück!
Wär's Verdienst denn, wenn der Regen
Niederträuft auf unsre Flur?
Ist Verdienst es, wenn der Leu,
Reichbegabt und stark und frei
Hineilt auf des Wildes Spur;
Wenn die kreisende Natur
Aus der Gaben Reichtum spendet,
Achtlos, wer ihn zu sich wendet?
Auch der Zufall will sein Spiel.
Nimm, was dein; und scheint's zuviel,
Dieses als zuviel Erkennen
Macht dich wert, es dein zu nennen. Eins nur ist noch zu
bericht'gen:
Rustan, alle, die ich fragte
Nach den Eltern, die du nanntest,
Nach den Deinen, deiner Abkunft,
Niemand will die Namen kennen,
Und den Stamm, das Volk, den Ort.
Zanga.
Ist's doch auch ein kleines Völkchen,
Seiner Herden Zucht ergeben,
Und da sie nomadisch leben,
Kommt's heut an, zieht morgen fort.
Rustan.
Dann, o Herr, wenn erst das Was
Des Geschehnen klar und deutlich,
Forscht man viel noch hinterher
Um das Wie und um das Wer?
König.
Du hast recht! und wer auch immer,
Bist du immer doch derselbe,
Der mein Land, mein Volk befreit;
Der an jenem grausen Morgen
Meiner Tage Rest geborgen,
Dessen Mute, dessen Schlag
Jenes Untiers Grimm erlag.
Bist derselbe, und bist's nicht;
Und wenn nicht, mir so viel teurer,
Als mir teuer dies dein Selbst. Wenn ich dich so vor mir sehe,
Hochgewachsen, stark und kühn,
Mit der hellen, klaren Stimme,
Freu ich doppelt mich und dreifach,
Daß du anders, als ich damals
In der Sinne wirrem Wanken,
Mehr ein Wahnbild der Gedanken,
Meines Retters Bild gesehn.
Du schienst damals klein und bleich,
Eingehüllt in braunen Mantel,
Und die Stimme scharf und schneidend--
(Man hört aus der Ferne Gemurmel von Stimmen, dazwischen klagend
ausgestoßene Laute.)
König.
Welch Geräusch?--Seht zu, was ist.
(Es geht jemand.)
Widerlich stört's meine Rede,
Und dazwischen Klagetöne,
Fast wie jene--
(Zu Rustan.)
Warst du damals
Auch mit diesem ganz allein?
(Auf Zanga weisend.)
War kein dritter, war kein andrer
Neben dir?
Rustan.
Nur er und ich.
König.
Eine Stimme, dumpf und schaurig,
Die ich früher schon gehört,
Sonst im Leben schon vernommen,
Schien da in mein Ohr zu kommen,
Wie ich lag von Angst betört.
Du standst damals--
Rustan.
Herr, am Felsen.
Zanga.
Oben, oben, auf dem Felsen.
König.
Oben, recht! Je mehr ich sinne,
Um so widerlicher wird's.
Auf dem Felsen, klein und bleich,
Eingehüllt in braunen Mantel,
Und die Stimme--
(Die vorigen Klagelaute wiederholen sich.)
König.
Pfui des Lauts!
Schafft sie fort, die ekle Stimme,
Die Erinnerung mit ihr.
(Zanga geht ab.)
(Ein Diener hat Wein gebracht.)
König.
Hier ist Wein. Komm, laß uns trinken!
Weg es waschen dieses Bild!
Was ich damals dumpf geträumt,
Lieblich hat's den Platz geräumt
Dem Erfreulichen, dem Wahren.
Wo sich Götter offenbaren,
Kündigt sie ein Schauder an,
Daß, wenn ein die Mächt'gen fahren,
Schon die Pforten aufgetan.
Hier ist Wein. Komm, laß uns trinken!
Und noch diesen Abend sollen
Laute Zimbeln und Trommeten
Hoch von dieser Feste Türmen
Es in alle Lüfte stürmen,
Daß du Erbe mir und Sohn.
Ja, du Edler, ja, du Guter,
Schutzgeist, Lebensretter du,
Sieh dein Vater trinkt dir's zu!
(Indem er den Becher emporhebt und Rustan sich vor ihm auf ein Knie
niederläßt, kommt Zanga eilig zurück; hart hinter ihm ein
Kämmerling.)
König (einhaltend).
Was begab sich?
Zanga (zu Rustan leise).
Herr, nur Mut!
König.
Soll ich länger noch erwarten--?
Kämmerling.
Herr, die Stadt beinah in Aufruhr.
König (den Becher abgebend).
Aufruhr? Torheit! Und warum?
Kämmerling.
Herr, die Wellen des Tschihun,
Die an unsern Mauern nagen,
Haben auf den flachen Sand
Eines Mannes Leib getragen,
Der durch Mord sein Ende fand.
König.
Laßt sie das dem Richter klagen!
Kämmerling.
Und der Mann, er ward erkannt
Als derselbige mit jenem,
Den, aus deiner Kämmrer Scharen,
Nie hat man den Grund erfahren,
Du vorlängst vom Hof verbannt.
König.
Wohl, ich weiß.--Doch diese Laute?
Schaurig, widrig, wirren Klanges--?
Kämmerling.
Herr, es ist sein alter Vater,
Den du kennst, der stumme Mann;
Eine Schrift in seinen Händen,
Fleht er um Gericht dich an.
König.
Wohl, es sei ihm, doch er schweige!
Rustan!
Rustan.
Herr!
König.
Du kanntest nie
Jenen Mann, der nun getötet?
Rustan.
Herr, so meinst du--?
König.
Nun, nur Gutes.
Doch die Stimme, deren Klang
Damals mir zu Ohren drang,
Als du mich befreit beim Jagen,
Schien des Manns, der nun erschlagen.
Es kommt näher, wächst im Raum,
Wie ein halbvergeßner Traum.
Und wen klagt man an als Täter?
Kämmerling.
Herr--
König.
Du zögerst?
Kämmerling.
Wag ich's?
König.
Sprich!
Wen zeiht man des Mordes?
Kämmerling.
Dich!
König.
Mich? Ha Torheit und Verrat!
Nicht nur ein Sinn fehlt dem Alten,
Alle fehlen in der Tat.
(Die Vorhänge auseinanderschlagend.)
Komm herein, du Mann der Torheit,
Stumm an Zunge, an Verstand,
Und beweise deine Klagen,
Oder stirb von meiner Hand!
(Der alte Kaleb, grau gekleidet, mit schwarzem Überwurf, weißem
Bart und Haar, tritt, von Karkhan geleitet, eine Schrift
emporhaltend, ein und wirft sich vor dem Könige nieder, wobei er,
nach Art der Stummen, unartikulierte Laute ausstößt.)
König.
Nicht berühre meine Kleider,
Bis du Widerruf getan.
Zanga (leise).
Herr, was dünkt euch?
Rustan.
Harr und schweig!
Zanga.
Diesen Mann sah ich schon früher.
Gleicht er nicht--?
Rustan.
Ob auch! Wem immer!
Laß uns hören, was er bringt.
König (dem der Alte eine Schrift emporgereicht hat).
Was soll ich mit diesen Zeilen?
Zorn quillt mir im Auge heiß.
(Zu dem Führer des Greisen.)
Bist du einer, der da weiß?
Karkhan.
Seinem Hause nah verwandt.
König.
Nun, so sprich, was dir bekannt.
Karkhan.
Was man sagt, nicht was ich meine.
Jenen Toten, dir bewußt,
Fanden wir im Abendscheine,
Einen Dolch in seiner Brust.
Und der Dolch--er war der deine.
König.
Mein Dolch? Wie?
(Seinen Dolch halb ziehend.)
Hier ist mein Dolch.
Karkhan.
Jenen Dolch, den du beim Jagen
Pflegtest in dem Gurt zu tragen,
Und auch trugst zu jener Zeit,
Da ein Wunder dich befreit.
König (zu Rustan tretend, halblaut).
Rustan, dir gab ich den Dolch,
Der im Wahnwitz der Gefahr
Meiner Hand entfallen war.
Bring ihn her! Gib mir ihn wieder!
Du entfärbst dich?--Rustan! Rustan!
Jener Mann, den sie beschrieben,
Ward durch mich vom Hof vertrieben,
Weil sein Trachten, frech gesinnt,
Sich erhob zu meinem Kind.
Also denn dein Nebenbuhler!
Rustan! Rustan! Und die Stimme,
Die von jenem Felsen sprach,
Und nun auftaucht, hell und wach,
Sie glich jenes Mannes Stimme,
Der nur jetzt des Mörders Grimme,
Unbekanntem Tod erlag.
Rustan, gib den Stahl mir wieder.
(Laut.)
War's ein Dolch mit grünen Steinen?
Karkhan.
Mit Smaragden reich besetzt;
Tief im Busen eingetrieben,
Wo er graß zusammenhielt
Den durchnäßten braunen Mantel.
König.
Braunen Mantel?--Stand am Felsen
Bleich und hager--du standst seitwärts.
Oben er, und schoß--Wer traf?
Rustan, Rustan!--Sprich nicht jetzt!
Nicht ein Wort, das dich gereuet.
Ich will hin, den Toten sehn,
Du magst nach dem Dolche gehn. Alter, folg! und folget ihr!
(Zu Rustan tretend.)
Auf! zerstreue diese Wolke!
Denn Rechtfert'gung schulden wir,
Ich, der Fürst, dem ganzen Volke,
Du, der Sohn und Bürger, mir.
(Er geht, von Kaleb und seinem Gefolge begleitet ab.)
Zanga.
Herr, was nun?
Rustan.
Das fragst du mich?
Du, der sonst so überreichlich
Mittel wußte, Kniffe, Ränke,
Der mich bis hierher geleitet;
Losgerissen von der Heimat,
Mich die Würfel hieß ergreifen
Zu des Glückes falschem Spiel?
Dessen Zunge Schmeichellaut
Ich, ein Törichter, vertraut;
Der mit Lügen und mit Leugnen
Mich verlockt, mir anzueignen,
Was ein anderer getan;
Abgelockt mich von der Bahn,
Von der ebenen, geraden,
Von des Ruhmes goldnen Pfaden.
Zanga.
Ebnen Pfaden? Schöner Wahn!
Ach, verzeiht zu hohen Gnaden,
Fast kommt mir ein Lachen an:
Wackre Faust und schlichter Geist
Fördern auch und bringen weiter,
Etwa zu 'ner Fahne Reiter,
Einer Hauptmannsstell' zumeist,
Läßt mit halbzerschoßnen Knochen
Magre Gnadensuppen kochen.
Aber wen es höher treibt,
Auf zu Glückes reichern Spenden,
Wenn auch der im Fußweg bleibt,
Mag er nur die Schritte wenden.
Ich stellt' Euch mit einem Ruck,
Sei's im Guten, sei's im Schlimmen,
Auf des Berges höchsten Hang,
Dessen Mitte zu erklimmen
Ihr gebraucht ein Leben lang.
Rustan.
Und nun gähnt der Untergang!
Zanga.
Pah! und was ist auch verloren?
Wenn Ihr nicht die Schlange schlugt,
Habt Ihr doch den Feind geschlagen,
Allen ihren künft'gen Tagen
Heil gebracht und Sicherheit.
Habt Ihr nicht das Heer für Euch?
Flüchtet Euch in ihre Reihen,
Die Euch kühn gefolgt im Streit;
Mag dann dieser König dräuen,
Und wer weiß, wer noch gebeut.
Herr, nur Mut! Dort seh ich zwei
Von den Führern unsers Heeres.
Wie sie lauern! wie sie spähn!
Bleibt nur hier und harrt der Dinge,
Ich will mal sie prüfen gehn.
(Er geht nach dem Hintergrunde auf den Halbkreis von Menschen zu,
die dort zurückgeblieben sind.)
Rustan.
Folg ich ihm? benütz ich eilend
Die Gelegenheit der Flucht?
Schändlich! Niedrig! Greulich! Greulich,! Nicht daß ich den
Mann erschlug.
Hab ich ihm den Tod gegeben,
War's, verteidigend mein Leben,
War's, weil jener Brücke Pfad,
Schmal und gleitend wohl genug,
Einen nur von beiden trug.
War's, weil er mit gift'gem Hohn
Lauernd seine Tat versteckte,
Und die Hand erst nach dem Lohn,
Dem bereits gegebnen, streckte.
War es, weil--muß ich's denn sagen
Er und ich zwei Häupter tragen,
Und dies Land nur eine Kron'.
Es geschah. Allein, wenn nicht,
Ständ', genüber seiner Tücke,
Jetzt ich auf der Schauerbrücke,
Es geschähe jetzt, wie da.
Doch, daß nach durchfochtnem Krieg,
Da mein Stern zum Scheitel stieg,
Ich, verklagt, soll Antwort geben
Über ein so niedrig Leben,
Dafür tröstet mich kein Sieg. Oh, hätt' ich, o hätt' ich nimmer
Dich verlassen, heimisch Dach,
Und den Taumelpfad betreten,
Dem sich Sorgen winden nach.
Hätt' ich nie des Äußern Schimmer
Mit des Innern Wert bezahlt,
Und das Gaukelbild der Hoffnung
Fern auf Nebelgrund gemalt.
Wär' ich heimisch dort geblieben,
Wo ein Richter noch das Herz,
Wo kein Trachten ohne Lieben,
Kein Versagen ohne Schmerz! Ha, und doch! zurück es lassen,
Was mir anbeut das Geschick?
Diese Stadt mit lauten Gassen,
Eines Reiches fürstlich Glück?
Wornach heiß mein Wunsch getrachtet,
Leibhaft, wirklich, schau ich's an
Und beim Griff der Hand umnachtet
Mich ein gaukelhafter Wahn?
Standen nicht der Vorzeit Helden
Oft auf gleicher Zweifelbahn?
Tu's! ließ Geist und Mut sich hören;
Tu's nicht! rief das Herz sie an;
Und sie ließen sich betören,
Um den Zaudrer war's getan;
Oder taten's, und wir schwören
Nun bei dem, was sie getan. Ich will harren, ich will bleiben,
Gähnte weit des Todes Schlund;
Und wer's wagt, mich zu vertreiben,
Stehe fest auf seinem Grund.
(In einer Öffnung des Halbkreises, den die in der Ferne stehenden
Menschen bilden, wird Zanga sichtbar.)
Rustan.
Zanga! Zanga!
Zanga (kommt nach vorn, von einem graugekleideten alten Weibe gefolgt,
das einen Becher trägt).
Fort, du Hexe!
Die Alte.
Zanga, komm! gib's deinem Herrn!
Zanga.
Laß mich! Laß mich!
Die Alte.
Böser Diener!
Sorgst du nicht um deinen Herrn?
Rustan.
Was ist das?
Zanga.
Weiß ich es selber?
Sie verfolgt mich mit dem Becher,
Nennt's ein Mittel, nennt's Arznei.
Die Alte.
Wohl Arznei! Du böser Diener!
Nimm es nur, gib's deinem Herrn!
Zanga.
Laß mich, laß!
Rustan.
Wer sendet sie?
Die Alte.
Ich mich selbst, mein schöner Herr!
Du bist krank; sieh, das erfuhr ich--
Rustan.
Krank?
Die Alte.
Ei, Sohn! Bedenklich krank!
Wie glimmt wild dein dunkles Auge,
Wie zuckt gichterisch der Mund!
Gib die Hand mir, reich den Arm,
Und ich deute dir dein Fieber.
Rustan.
Laß!
Die Alte.
Wohl krank! (ansteckend) krank!
Einer starb schon, der dir nahte,
Draußen liegt er auf dem Sand.
Und der König fürchtet auch wohl,
Daß dein Übel ihn ergreife,
Darum harrt er, weilt mit Vorsatz,
Will dir Zeit, mein Söhnlein, geben,
Zu entweichen, zu entfliehn.
Rustan.
Zanga!
Die Alte.
Nun! Nur nicht verzagt!
Sieh, mein Sohn, hier ist ein Mittel,
Sieh den glimmernd schäum'gen Saft.
Kaum benetzt er deine Lippen,
Sinkt die Brandung ebbend nieder,
Lösen sich die müden Glieder,
Schweigt der Schmerz, erlischt der Tag,
Zürne dann, wer zürnen mag!
Rustan.
Greulich! Greulich!
Die Alte.
Ei, ich seh wohl,
Dich erschreckt des Trankes Anblick,
Weil er gar so brausend zischt.
Ei, das gibt sich, ei, das legt sich,
Wie Begeisterung der Jugend.
Auch, mein Sohn, in Wein gegossen,
Wirkt ein Tropfen wie das Ganze.
Hier steht Wein. Ha, und der Becher,
Sieh! wie gleicht er hier dem meinen.
Nun, ich mische dir den Trank.
(Sie nähert sich dem Tischchen neben dem Ruhebette, auf dem des
Königs Becher steht.)
Rustan (sie anfassend).
Halt!--Und Zanga!--Laß den Vorhang
Laß des Zeltes Vorhang nieder!
(Zanga zieht den Vorhang, er schließt sich.)
Die Alte.
Hi, hi, hi! Warum den Vorhang?
Warum Decken denn und Hüllen,
Wenn wir Rechtes nur erfüllen?
Ei, du möchtest wohl den Trank,
Aber auch, daß man dich zwänge!
Ei, ich zwinge niemand, Sohn!
Bietend reich ich meine Gaben,
Wer sie nimmt, der mag sie haben.
Und so stell ich hin den Becher,
Der dich reizt, und der dich schreckt.
Wird dein Übel, Söhnlein, schlimmer,
Weißt du, was dir Heilung weckt.
Doch nicht bloß an dich gebunden,
Andern auch hilft dieser Trank,
Macht die Kranken schnell gesunden,
Die Gesunden freilich krank.
(Sie hat den Becher auf den links stehenden Tisch gestellt.)
Nun, mein Söhnlein, Gott befohlen!
Ohne Abschied, ohne Dank!