Zetteltöpfen eines Unruhigen.
Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muß,
und hinausgepeitscht wird, während Madame
Schooßhündin am Feuer stehen und
stinken darf.
Shakespeare.
Thätet Ihr nicht besser, lieben Freunde, mich mit ernstern, wichtigern
Dingen zu beschäftigen? Warum muß die Kraft, die an etwas Großem hätte
mitarbeiten können, sich in Kinderspielen und Narrenspossen erschöpfen?
-- Glaubt mir, es giebt Dinge, zu denen ich zu gebrauchen bin, ja,
vielleicht solche, zu denen Meinesgleichen allein zu gebrauchen sind.
Doch Ihr habt Recht -- denn was im Leben ist wohl eigentlich wichtig,
was ist Kinderspiel zu nennen? In welche dieser beiden Kathegorieen
gehören z.B. wohl solche Haupt- und Staats-Actionen, wie sie eben
vorgingen, als da sind -- das sanfte, friedliche Morden vor Antwerpen,
nebst den Friedensgefangenen der Franzosen, und dem Incognito-Kriege
der Engländer; das +Heldenthum+ des Königs von Holland und die
+Freiheit+ der Belgier; oder die, gleich den olympischen Spielen,
fast zu bestimmten Epochen wiederkehrenden französischen Revolutionen,
oder ihre Duellherausforderungen zu 4000 Mann, oder die Frankfurter
Enormitäten -- alles im grellen Gegensatz zu der stabilen Politik
anderer Mächte, welche nur deßhalb ihre Völker durch ungeheure Armeeen
langsam erdrücken, um -- den ewigen Frieden zu sichern! Treiben
vielleicht manche Minister, manche Volksbeglücker, ja ganze Nationen
auch nur Possen, als Narren, oder mit Narren? --
Beim Jupiter! Ich weiß auf Alles dies nicht zu antworten; aber oft
bedünkt es mich, es sey heut zu Tage am +wichtigsten+, ganz still,
im kleinsten Wirkungskreise so viel Nützliches zu schaffen, als man
kann, und in bescheidener Genügsamkeit ruhig seinen Kohl zu pflanzen,
mit dem Motto des schottischen Ritters: Ich wart’ auf meine Zeit. Ja,
man könnte dies bei Honoratioren sogar eine Auszeichnung nennen, fast
eben so groß, als die: keinen Orden zu haben.
Das politische Treiben, welches auf Napoleon gefolgt ist, kömmt mir
überdieß höchstens vor, wie das Ballet nach der Tragödie. Bis jetzt
ist es sogar nur Uebung der Figuranten geblieben, die Solotänzer
werden noch erwartet; nur einige Sprünge im Orient erscheinen
bereits bedeutend. Im ganzen Schauspielhause ist aber überall
viel unbequemes Gedränge, noch mehr Cabale und Unruhe im Parterre,
und eine verzweifelte Hitze in den Logen. Wer nicht ein besonders
Theaterlustiger ist, bleibt in der That besser zu Hause.
Alte Prophezeihung, aufgefunden zu Freiberg im Erzgebirge.
Wer im Jahr 1834 nicht verdirbt,
Wer im Jahr 1835[7] nicht stirbt,
Wer im Jahr 1836 nicht wird todtgeschlagen,
Der hat im Jahr 1837 von Glück zu sagen.
(Kurz und bündig!)
In England sah ich einen Knaben, den bekannten Thelluson, von dem es
heißt, daß er einst der Erbe von zehn oder gar zwanzig Millionen Pfund
Sterling seyn werde. Glücklicher Sterblicher! -- Denn so viel Geld zu
besitzen, +ist+ ein ungeheures Glück.[8] Nichts lächerlicher,
beschränkter, als wenn irgend ein spießbürgerlicher Philister sagt: Ich
würde in die größte Verlegenheit gerathen, was ich mit so vielem Gelde
anfangen sollte. O ihr phantasielosen Menschen! Hätte mir es der Himmel
doch beschieden, wie schnell wäre ich mit dem Plane der Anwendung und
mit dem Capitale selbst fertig; denn nur mit solchem Vermögen, das in
den Schranken des Gewöhnlichen bleibt, geziemt sich Sparsamkeit, mit
einem so außerordentlichen muß man sich dem allgemeinen Besten opfern.
Ich würde zwar keinen Luxus damit treiben, das wäre alltäglich, selbst
Almosen würde ich ganz so, wie ich es jetzt zu thun gewohnt bin, nur
den wirklich Hülflosen +umsonst+ geben, den Andern +allein für Arbeit+
-- beiläufig gesagt: die einzige wahrhaft wohlthuende Barmherzigkeit.
Schulen -- dafür mag der Staat sorgen; es gehen ohnedem schon zu Viele
in die Schule, und erhalten dort mehr Nahrung als sie in der Regel
zu verdauen im Stande sind. Kirchen zu bauen, ist zwar jetzt wieder
sehr beliebt, aber wir haben deren auch schon genug, und die stete
Vermehrung dieser Tempel in unsrem Lande scheint mir überhaupt zum
wahren Nutzen der Religion gerade so viel beizutragen, als das vierte
Thor, welches die Schildaer erbauten, um ihre Zolleinnahme zu erhöhen.
Aus demselben Grunde will ich keine Heiden bekehren.... aber, fragt
Ihr endlich ungeduldig: was willst Du denn thun? -- O Kleinigkeiten,
angenehme ~whyms~, nur von etwas colossaler Dimension.
Also zuerst würde ich aus der höchsten der ~Aiguilles~ des ~Montblanc~
Napoleons Statue ausarbeiten lassen. Ihr seht, dabei würden schon
verschiedene Millionen schwinden, und die Welt hätte fortwährend
ein kleines Angedenken an den Riesengeist, das vielleicht so lange
stünde, als sie selbst, oder gar ewig; denn mein Freund Nürnberger
hat mich kürzlich erst belehrt, es sey nunmehr +erwiesen+, daß das
Weltall in seiner jetzigen Form ewig verbleiben werde und kein Princip
der Umwälzung darin möglich sey. -- Was die Menschen nicht Alles zu
beweisen verstehen! Wahrlich, der liebe Gott wird einstens noch selbst
bei ihnen in die Schule gehen müssen, um zu erfahren, wer er eigentlich
sey, und wie er die Welt erschaffen habe.
Während man nun an meinem Napoleon arbeitet, und ihm einen Kopf
macht, in welchem sich ein größerer Raum für Gehirn befindet,
als, nach physiologischen Gesetzen, das aller Potentaten der Erde
zusammengenommen in natura ausfüllen könnte, würde ich ferner zwei
Expeditionen ausrüsten: +die eine+, um Afrika nach allen Richtungen
der Windrose zu durchforschen, die Quellen des Nils, das Gold
der Mondgebirge, das fabelhafte Einhorn, wohl gar den Vogel Rock
aufzufinden, (es ist vielleicht möglich, daß ich dieser Expedition
dennoch eine Compagnie Missionaire und fünfmalhunderttausend Bibeln
mitgebe,) +die zweite+, um Japan zu erobern -- wäre es auch nur
aus Aerger über diese geschmacklosen Barbaren, welche bloß von den
Holländern Besuch annehmen wollen, oder auch aus Neugierde, zu wissen,
was sie denn eigentlich für eine Kunst und Weisheit vor den Blicken
aller Welt so hermetisch verschließen mögen, daß selbst gescheiterte
Schiffsmannschaften an ihren unwirthbaren Küsten sich nicht vom
Ertrinken retten dürfen, immer vorausgesetzt, wenn es keine Holländer
sind.
Welch ein Mäcen der Geographen, welch ein Besonderer der Wissenschaft
im Allgemeinen, wäre ich nun schon geworden, nach glücklicher
Vollbringung dieser gemeinnützigen Werke! Aber das Geld -- ich fürchte,
von dem würden jetzt kaum noch einige elende Millionen mehr übrig
seyn. ~N’importe~, der Rest wird dazu angewandt, ein Loch von
einer deutschen Meile Tiefe in unsern Nationalsand zu graben, wie
es schon Maupertuis Friedrich dem Großen anrieth, und was bis jetzt
bekanntlich noch nirgends hat gelingen wollen. Mit dem letzten Thaler
ließ ich mich aber selbst hineinwerfen; gewiß, eine grandiose Gruft!
Dann läge ich jedenfalls tief genug, um es nicht zu hören, wenn man
etwa über mir sagte:.... Nein! ich will dem Leser in nichts vorgreifen,
er fülle die Punkte selbst ~ad libitum~ aus, ich gebe ihm ~carte
blanche~.
Eine Frage.
Bei den Römern war es, wie Appian erzählt, erlaubt, die Triumphatoren
zu loben, oder zu verspotten, wie es einem Jeden beliebte; denn frei
und zwanglos sollte der Triumph seyn und Jeder aussprechen dürfen, was
er darüber denke. Es war die Freiheit der Presse jener Zeiten. Warum
sind nun unsre modernen Staatsmänner so kitzlich in diesem Puncte?
Fehlt es ihnen an der antiken Gediegenheit jener Römer, oder ist
seitdem der Spott gefährlicher geworden?[9]
Zweite Frage.
Warum haben die Deutschen eine solche Zuneigung zum Teufel? Ist es,
weil sie wirklich einige Wahlverwandtschaft zu ihm in sich spüren,
oder aus dem entgegengesetzten Grunde, weil man sich am meisten nach
dem sehnt, was Einem ganz fehlt? -- Wenn ich von mir auf Andere
schließen darf, so kömmt es vielleicht auch ein wenig daher, daß der
Teufel ohne Zweifel von allen Personen der neueren Mythologie die am
meisten poetische ist, denn das Poetische ist weltlich, weßhalb auch
Milton mehr Glück machte, als Klopstock.
* * * * *
Heute ging ich noch in der Dämmerung im Park spazieren und setzte
mich dann beim Schein der Töpferfeuer im Thale, die der Sturm seltsam
umherwirbelte, ermüdet auf das Grab des Unbekannten, in Betrachtung
der Capelle versunken, wo mich meine eigne Ruhestätte erwartet.
Es schwirrten mancherlei Nachtgedanken wie Fledermäuse in meinem
Kopfe umher. Unter andern grübelte ich auch über die sonderbare
Eigenthümlichkeit der Menschen nach, daß Große und Kleine so viel
Werth auf ihr Begräbniß legen, und dennoch die Art desselben durch
die verschiedenen Phasen der Menschenbildung so mannigfach schon
umgewandelt worden ist.
Da ging der Mond roth und voll über den Zinnen des alten Thurmes auf,
und es war, als leuchtete er mir zurück in lang vergangene Jahrhunderte.
Vor meiner Phantasie wichen die irdischen Schranken. Ich ward plötzlich
ins graue Alterthum versetzt, blickte rückwärts im magnetischen
Schlafe, und sah jetzt, als begäbe sich Alles vor meinen Augen, wie
eben einem Barbaren-Häuptling, der hier geherrscht, die letzte Ehre
erwiesen wurde.
Hunderte in Thierhäute gehüllte Krieger von colossalem Gliederbau
bewegten sich bei grellen Feuern in wilder Verwirrung um einen hohen,
frisch aufgeworfenen Hügel von regelmäßiger Form, an dessen Fuß eine
schwarze Oeffnung bestimmt schien, den entseelten Körper aufzunehmen.
Einige heulten und wehklagten, Andere tranken aus den Schädeln
erlegter Feinde. Seitwärts unter einer uralten Eiche standen Priester
von grausem Ansehn, emsig mit blutigen Ceremonieen beschäftigt. Ein
lautes, bei gewissen Zeichen, die sie gaben, periodisch wiederkehrendes
Schlachtgebrüll übertönte das Schmerzgeschrei der unglücklichen Opfer,
die dem Häuptling zu Ehren am rohen Steinaltar geschlachtet wurden.
Mit Abscheu wandte ich den Blick -- und allsogleich fiel dichte Nacht,
wie ein Vorhang, vor mir herab, und Schlummer deckte meine Augenlieder.
Als ich wieder erwachte, hatte sich die Scene gänzlich geändert. Die
wilde Gegend war freundlicher geworden, und mir gegenüber lag auf
zierlich aufgeschichtetem Scheiterhaufen der entseelte Körper des
römischen Abentheurers Mosca, den die Sage unsrer Chronik, als einst
im Alterthum hierher verschlagen, anführt. Wohlgeruch köstlicher
Specereien erfüllte die Luft, und anmuthig umher gruppirt standen
in malerischen Gewändern die römischen Gefährten, nur hie und da
mit einzelnen, schon halb civilisirten, Eingebornen gemischt. Auch
hier waren Priester -- wo wären sie nicht? Auch hier fielen Opfer,
doch nur der Thiere Blut röthete die Erde zu den Füßen bereits
+vermenschlichter+ Götter.
Wieder erneuerte sich die Decoration. Wir standen jetzt inmitten jener
feudalen, romantischen Zeit, welche die Dichter und Künstler lieben und
die Freithümler hassen.
In voller strahlender Rüstung, das treue Schwerdt an seiner Seite,
ruhte der kühne Gaugraf im Sarge. Sein Streitroß, schwarz behangen,
der Trupp der Reisigen mit schwarzen Fähnlein, die schöne, weinende
Burgfrau, von zwei blühenden Knaben begleitet, die wehmüthig zur Mutter
auf, stolz zur Menge herabblickten, folgten zu Roß der Bahre. Der
Heidenpriester im langen, weißen Gewande, hatte sich in ein braunes,
wohlgenährtes Pfäfflein verwandelt, mit dem siegenden Kreuze hoch in
der Hand, gemächlich auf einem frommen Esel reitend.
So zog, mit gedämpftem, kriegerischem Klange, der lange Zug an uns
vorüber, der hohen Kirche zu, wo bald unter Posaunentönen die Gruft
sich schloß über dem stolzen Ritter -- für immer.
Hier wars, als spränge, wie ein Prolog zu dem Kommenden, ein Hanswurst
über die Scene; denn die neuere Zeit begann. Ich kanns nicht läugnen
-- es war einer meiner eigenen Ahnen, den ich auf einem prächtigen
Paradebett, auf seidnen Kissen vor mir liegen sah. Ein Ritter ist
es noch, des heiligen Johannes von Jerusalem sogar; aber das rothe
Röcklein, die kurzen weißen Hosen, von unmalerischen Stolpenstiefeln
begleitet, erinnern schon mehr an moderne Schneider und Schuster, als
an alte Ritter. Zwölf silberne Candelabres erleuchten den Leichnam Tag
und Nacht bei verschlossenen Fensterläden, und seltsam genug ist der
Ort gewählt, nach altem Brauch. Der Eßsaal nämlich ists, in dem die
Leiche ruht.[10]
Schon grünlich gefärbt und übelriechend, tragen endlich um Mitternacht
sechs adeliche Vasallen, +Rudera+ verschwindender Verhältnisse,
den todten Grafen, beim Scheine von hundert Fackeln, im samtbehangenen
Sarge zur Familiengruft. Da findet er große Gesellschaft -- ob sie sich
aufrichten werden, die alten Bekannten, wenn kein irdisches Auge mehr
wacht, und den neuen Gast bewillkommnen mit den Geheimnissen des Grabes?
Wer kann antworten, wer hat ergründet, wo das Leben denn eigentlich
aufhört, wo der wahre Tod beginnt? Die Nachtseite der Natur ist uns
verschlossen, die Tagesseite nicht minder ein Räthsel!
Woher das unbegreifliche Grauen vor den Todten, die kein Glied mehr
rühren können, uns zu schaden -- woher die nächtlichen Schauer, woher
die eisige Furcht vor dem, was einst Leben hatte, und uns wieder
erscheint ohne Fleisch und Bein? -- Wenn man jung ist, will man alle
Furcht besiegen. Ich ließ mir einst die Fallthür aufschließen, die
mitten in der Kirche zu unsrer Ahnengruft hinabführt, schickte herzhaft
den Küster fort und stieg um Mitternacht allein hinab.
Drei Särge hatte man schon vorher auf meinen Befehl geöffnet, und die
Deckel lagen daneben. Es war eine unbeschreibliche Stimmung, in der
ich mich befand. Nein, es war nicht Furcht, es war nicht Grausen noch
Entsetzen, es war nicht Wehmuth -- aber als sey alles dies in mir zu
einem unerklärlichen Zustande zusammen gefroren, als sey ich selbst
schon ein Todter -- so war mir zu Muthe. Mein 86jähriger Großvater war
der erste, den ich erblickte. Sein schlohweißes Haar hatte sich in der
bleiernen Hülle wieder blond gefärbt. Sein Haupt lag nicht mehr in
der alten Richtung auf dem Kissen, sondern hatte sich seitwärts mir
zugewandt und seine weiß calcinirten Augen starrten mich an, wie zum
Vorwurf, daß ich im jugendlichen Uebermuthe der Todten Ruhe gestört.
Wieder auflebend, tröstete ich mich, würde der liebevolle Mann mir doch
nicht zürnen. Er war zu milde, selbst zu freidenkend dazu. Ich ging
vorüber.
Im andern Sarge streckte sich unter goldgestickten Lumpen ein langes
Gerippe hin; es war einst ein mächtiger Mann gewesen: Feldobrist im
dreißigjährigen Kriege und Landvogt im Markgrafthum Lusatia. Sein
stattliches Bild hängt noch in meinem Ahnensaale, wie er eben, an
der Spitze seiner Kürassiere unter Pappenheim auf fliehende Schweden
einhaut. Ach! lange ist die ~laterna magica~ verlöscht, die jene
hübschen Bilder erleuchtete -- eine der übrig gebliebenen Glasscherben
nur lag vor mir!
Der dritte Sarg enthielt eine Frau, bei ihrem Leben die schöne Ursula
genannt. Der kleine Todtenkopf hatte eine dunkelbraune, häßliche Farbe
angenommen; der ganze übrige Körper war mit einem langen, wunderbar
erhaltenen Mantel von feuerfarbner Seide mit silbernen Fransen
bedeckt. Ich wollte ihn aufheben, doch er kam mir selbst zuvor, denn
bei der ersten Berührung zerfiel er fast in Staub, und eine Legion
Kellerwürmer, Gott weiß wie hier hereingekommen, wimmelten unter meinen
Händen auf den zusammengebrochenen Knochen.
Ich setzte mich hin und betrachtete die lange Reihe Särge und die
aufgedeckten Todten lange in dumpfer Betäubung; dann fiel ich auf
meine Knie und betete, bis das Eis in meiner Brust in schmerzlich süße
Thränen zerschmolz. Was von Furcht, Grausen und allen unheimlichen
Gefühlen in mir gewesen, es verschwand vor Gott, und stille sanfte
Wehmuth blieb allein zurück. Ich küßte ohne Abscheu meines guten
alten Großvaters kaltes Haupt, schnitt eine spärliche Locke von
seinem ehrwürdigen Scheitel, und hätte er in diesem Augenblick sich
empor gehoben und meine Hand gefaßt, ich hätte mich nicht davor
entsetzt. -- Wundervolle Macht des Gebets! -- Wahrlich der Werth der
Frömmigkeit besteht nicht darin, daß sie in der Noth durch unser Gebet
ein drohendes Unglück abwenden könne, -- Millionen Fromme verderben,
ohne daß Gott ihr Flehen erhört -- sondern darin, daß es uns selbst
kräftigt, jeder Noth zu widerstehen und sie zu ertragen, ja in der
dadurch herbeigeführten innigern Gemeinschaft mit Gott etwas zu finden,
was uns schon +an sich selbst+ über alle irdische Noth siegend
hinweg hebt. -- Könnte eine so mächtige Wirkung Täuschung seyn? -- Wohl
wenigstens dann dem Getäuschten!
Doch laß mich fortfahren in der Reihe meiner Begräbnißbilder --
die Vergangenheit habe ich ausgebeutet, nun noch einen Blick in
die Zukunft! Ich begrabe mich selbst. -- Wie aber richte ich dies
zeitgemäß wohl am passendsten ein? Die heutige Zeit spiegelt die
factische Kräftigkeit der vergangenen in idealer Romantik wieder ab;
aber diese Poesie ist stark mit metaphysischen skeptischen Elementen
versetzt. +Vorrechte+ z.B. ist ein übel klingendes Wort geworden;
von allgemeinen Menschenrechten soll es sich künftig nur handeln.
Gleichheit lockt beinahe noch mehr als Freiheit, und schon ist im
Wesentlichsten der Unterschied der Stände gefallen.
Also von meinen Vasallen, die bei dem bloßen Namen schon lächeln, lasse
ich mich gewiß nicht zu Grabe tragen. Von der alten modrigen Gruft will
ich ebenfalls nichts mehr wissen, seit ich sie schon im Leben gesehen;
dem Zeitgeist gemäß bin ich auch schon zu gut polizeilich gesinnt
worden, um unter der allsonntäglich vereinten Gemeinde verfaulen, und
auch mein bescheiden Theil an der Ursache verschiedener Epidemieen auf
mich nehmen zu wollen.
Nein -- von den guten, rüstigen Wenden, denen ich mein ganzes Leben
hindurch das ihrige leidlich erhalten, durch die Arbeit, welche ich
ihnen gab, so viel sie deren nur verlangten, von diesen, denen es
als ein zehnfacher Arbeitstag gerechnet werden mag, will ich mich
hinaustragen lassen auf die Berge, und einsenken an der Stelle, wo
meine liebste Aussicht war. Dürfte ich dort in Feuer aufgehen, noch
besser, aber ich glaube, die Kirche gestattet es nicht. Sie verbrennt
nur Lebende; freilich auch diese schon lange nicht mehr, aber unsere
Schuld ist dies, ihre gewiß nicht. Den Schein der Fackeln will ich auch
nicht, sondern Sonne, aber Musik darf nicht fehlen; nur keine traurige,
lieber moderne Kirchenmusik von Rossini aus Graf Ory z.B., oder, wie
ich neulich, nach eben eingeführter neuer Agende, das Jäger-Chor aus
dem Freischützen recht brav von der Schuljugend ausführen hörte. --
Warum auch Trauer? Gott lebt ja noch, wenn +wir+ auch todt sind,
und also ist eigentlich kein Ende, sondern nur ein neuer Anfang -- kein
Tod, sondern nur eine Geburt zu celebriren.
Ich protestire feierlich, wenn ich ausgestellt werden muß, gegen
alle Fratzenkleidung unsrer Zeit, es sey nun eine zusammengeschnürte
Uniform, die selbst einen Todten noch incommodiren könnte, oder das
Unding eines modernen Fracks nebst Weste und Hosen. Sollte sich gar
einer unterstehen, mir einen Orden anzuhängen, so gebe ich ihm im
Voraus meinen Fluch dafür, daß er einen Leichnam noch so zu verspotten
wagt. Es giebt meines Erachtens nur +eine+ zweckmäßige Art,
Leichen zu bekleiden und diese ist: sie mit einem weißen Tuche zu
bedecken -- wie der Himmel auch sein eingeschlafnes Jahr mit weißer
Decke überzieht. Die Liebe mag das geheimnißvolle Tuch noch einmal
lüften, die Neugier suche sich etwas Andres aus. -- Ja die Liebe! für
die ist kein Tod! für die ist auch nichts entstellt, denn sie lebt
immerfort im ewigen Reiche der Schönheit. -- Wärst du mir beschieden,
o beneidenswerthes Loos! daß ein liebendes Herz noch über mir schlüge,
wenn das meinige zu schlagen aufgehört, daß eine Thräne der Wehmuth auf
mein blasses Antlitz fiele und eine zitternde Hand den letzten frischen
Rosenkranz auf mein Haupt drückte -- ach! gewiß, ich würde sanfter,
süßer davon schlafen! --
Und wieder sind nach meinem Tode hundert Jahre vergangen. Wie wird es
nun wohl mit der Liebe stehen, wo die industrielle Zeit in aller ihrer
Kraftentwickelung da ist, deren Morgenröthe schon während meines Lebens
mit Dampf- und Geld-Regiment so hell hereinbrach -- wo die rohe, die
classische, die romantische, unsre confuse und wiederkäuende Zeit --
alle vorbei sind, und die +nützliche+ allein die Menschen regiert?
Noch einmal berührt mit magischem Stabe mich der Zauberer. Ich erblicke
die Fluren wieder, deren Verschönerung ich den besten Theil meines
Lebens gewidmet. Was seh’ ich? Schiffbar ist der Fluß geworden, der
meinen Park durchströmt; aber Holzhöfe, Bleichen, Tuchbahnen, häßliche,
nützliche Dinge, nehmen die Stelle meiner blumigen Wiesen, meiner
dunklen Haine ein! Das Schloß -- darf ich meinen Augen trauen? -- beim
Himmel! es ist in eine Spinnanstalt umgeschaffen. „Wo wohnt der Herr?“
ruf’ ich ungeduldig aus. -- „In jenem kleinen Hause, das ein Obst-
und Gemüsegarten umgiebt“, tönt meines Unsichtbaren Antwort. -- „Und
gehört meinem Urenkel denn das Alles nicht +mehr+, was ich einst
mein nannte?“ -- „O nein, das hat sich mit der Zeit wohl unter hundert
verschiedene Besitzer vertheilt. Wie könnte Einer so viel haben und
Freiheit und Gleichheit bestehen!“
Ich schreite auf das Häuschen zu, dessen Mauern sich meinem
magnetisirten Auge alsobald öffnen, und sehe, wie der Tod schon wieder
geschäftig gewesen. Verlassen in dem Winkel einer Kammer liegt der Herr
des Hauses, still in seinem Bett. -- „Der Vater ist todt!“ höre ich
eben den Sohn zu einem Andern sagen; „es ist kein Zweifel mehr, fahrt
ihn hinaus.“
Ach lieber Leser, welch ein Begräbniß! Du fragst, wohin es mit der
Leiche ging? -- Nun natürlich, wo sie am nützlichsten ist: -- aufs Feld
als Dünger.
Nutzanwendung.
Ja, nicht allein irdische Wirklichkeit, auch ein Reich der Einbildung
ist uns nöthig, nicht allein ewiger Fortschrit, sondern auch weise
Beschränkung, nicht allein Religion, sondern auch ihre heiligen
Gebräuche. Obgleich es, tief in unsrem Innern offenbart, für Jeden
schon individuell etwas Höheres giebt, als die äußere Welt gewähren
kann, so wird doch nur, wie Jemand schön sagt, „+die Kirche+, die einst
Alle in +einem+ Glauben zusammenfaßt, den allgemeinen Versammlungsplatz
auf des Lebensberges Mitte gewähren, zu dem die am Fuße Wohnenden
zutrauungsvoll hinauf, und die auf der Spitze Thronenden demuthsvoll
hinabwandeln können, zu jeder Zeit, wenn sie Trostes bedürfen aus dem
himmlischen Reich.“
+Diese+ Kirche, die wahre und ächte, ihr Mangel ist es, der uns am
meisten verwirrt, sie fehlt uns, sie allein sollten wir suchen, um
aller Noth, allem Widerspruch ein Ende zu machen.
Ihr aber, meine Freunde, gebt nicht viel darauf, suchet und strebt nur
nach +Freiheit+ und +Gleichheit+, und denkt: Das wird genügen. Ach,
suchet lieber +Freiheit+ und +Liebe+! diese werden Euch weiter führen.
Das wilde Streben nach Gleichheit, das nimmer hienieden Befriedigung
erreichen kann, weil es Gott nicht gewollt hat -- es ist der zweite
Apfelbiß, der uns aus dem Rest des Paradieses werfen wird. Manches
Gute möget Ihr zwar anfänglich auf dem ersten Wege erreichen. Bald
wird es keine Sklaven und keine Zwingherrn mehr geben, keine absoluten
Monarchen und kein ihrer Laune unterworfenes Volk, keine übermüthigen
Kriegsfürsten und keine zur Schlachtbank geführten Heere, keine von
Prunk umgebene Aristokraten und keine mit dem Fuße zurückgestoßnen
Bettler, keine grausame Hierarchie und keine verfolgten Ketzer. Also
weniger herbes Leid gewiß, aber -- vielleicht auch unendlich weniger
Genuß! denn wie viele herrliche Lichter werden zugleich mit jenen
Schatten entfliehen! Alle Tugenden der Liebe, als: freiwillige
Entsagung, Demuth, Opfer, kindlicher Gehorsam, uneigennützige Treue
bis in den Tod, Edelmuth, zartes Ehrgefühl -- ich fürchte: sie werden
alle auf dem harten Boden der Freiheit und Gleichheit allmählich
verdorren, um dem strengen Recht allein, dem starren Egoismus Platz
zu machen. Es wird dann nicht mehr Liebende und Freunde geben,
sondern nur Compagnons, nach Umständen contractlich vereinigt zum
Geschäft, oder zur Fortpflanzung des Geschlechts. An die Stelle der
elterlichen Autorität wird die staatspolizeiliche treten. Statt der
Könige wird man Präsidenten haben, statt der Ritter Bürgersoldaten,
statt der Diener Miethlinge, statt unsres Herrn und Gottes endlich --
einen constitutionellen Weltregierer in abstracto. Poesie und Kunst,
Pracht und Luxus werden gleichmäßig dahinschwinden in der allgemeinen
nüchternen Zweckmäßigkeit. Jeder wird das unumgänglich Nöthige haben
und keiner mehr den Ueberfluß. Der Ehrgeiz wird allerdings Niemand mehr
plagen, da nichts mehr zu beneiden seyn wird, denn kein glänzendes
Ziel steht mehr zu erstreben, kein Tempel des Ruhms, keine Höhe zu
erklimmen, da, wo die hausbackne Nothdurft allein erreicht werden
soll. Mit Einem Wort: keine brennenden Farben werden mehr das Leben
umspielen, ein todtes Grau in Grau allein seyd Ihr bestimmt, liebe
Nachkommen „in den sausenden Webstuhl der Zeit zu wirken.“ Es bekomme
Euch wohl! Gern versinke ich vorher mit meiner lieben alten bunten
Welt, wie der Katholik lieber unter dem Helldunkel der schimmernden
Juwelenfenster seines geschmückten Domes ruhen will, als in der lichten
und scheuerartigen Kirche einer reformirten Gemeinde. --
Es ist dies nur eine Phantasie, lieben Freunde, +eine Ansicht+,
wie jede andre. Ob es die wahre ist? -- Ach Gott! was ist wahr? --
Alles und Nichts, jedes aber einmal und zu seiner Zeit. Denn Alles
erhält seinen Werth ja nur von der Meinung. Heute wird gesteinigt, wer
gestern gekrönt wurde. So bedeutete der Lorbeerkranz in Rom den Sieg,
in Griechenland demüthiges Bitten, wie ich gestern im Morgenblatte
gelesen.
* * * * *
Ich will aber jetzt zu etwas Praktischerem übergehen:
Rath an Gutsbesitzer.
In unserm Anti-Midas’schen Zeitalter, das alles Gold in Papier
verwandelt, bleibt keine lohnendere Speculation mehr übrig, als --
wiederum aus Papier Gold zu machen. Dies kann geschehen, entweder durch
Schreiben, ein weites Feld, oder durch Anlegung von Papiermühlen.
Beides empfehle ich aus eigner Erfahrung, besonders aber meinen lieben
Collegen und Landsleuten, den Gutsbesitzern, das Letztere. Denn ich
und Viele derselben wissen wohl, daß seit der glücklichen Epoche des
schwer erkämpften allgemeinen Weltfriedens, und der dadurch erlangten
respectiven Freiheit, dieser hohen Wohlthat der heiligen Allianz,
dennoch sonderbarerweise die Welt immer ärmer werden will, vor allen
aber die (freilich für den Staat am wenigsten wichtigen) Grundbesitzer
ihre Einnahmen fortwährend in demselben Verhältniß schmelzen sehen, wie
auf der andern Seite ihre Abgaben sich vermehren und gleich Unkraut
lustig emporwuchern. Nur +ein+ Zweig gutsherrlichen Besitzthums
machte davon immer die rühmlichste Ausnahme und entschädigte reichlich
-- eben jene nie genug zu preisenden +Papiermühlen+, wahre Retter
in der Noth, die uns auch beweisen, welchen eminenten Platz alte und
neue Lumpen jederzeit bei uns einzunehmen berufen sind.
Billig aber ist es zugleich, die hohe hierbei obwaltende Weisheit
der Regierungen anzuerkennen, denn Weisheit kann gewiß niemals
darin bestehen, Veraltetes völlig umzustoßen, um ein junges Neues
zu schaffen, sondern nur darin: das Vorhandene klug zum langsamen
Vorwärtsschreiten auf demselben Wege zu benutzen; gewissermaßen
altbacknes Brod (das man nicht wegwerfen darf) so lange wieder
aufzubacken, bis es einen ganz andern Geschmack erhält, und doch immer
noch dasselbe bleibt. So lehren es wenigstens unsre geschicktesten
Staatsmänner. Es muß also gegründet seyn. -- Was aber ist, wenn wir
die Sache aufs genauste beleuchten wollen, unter dem jetzt bei uns
Vorhandenen wohl die Hauptsache? -- Ohne allen Zweifel Papier und
Schreiber. -- Was ist damit ferner zu erlangen? Nichts dringender, als
+noch mehr+ Papier und +noch mehr+ Schreiber. Das Uebrige wird sich
dann schon von selbst finden. -- Ich glaube, dieses Raisonnement ist
eben so einfach als logisch. Wenn also unsre Behörden Rieße auf Rieße
häufen, Ströme von Tinte, aber keinen Blutstropfen mehr vergießen;
wenn sie wenig handeln, dagegen aber zwanzigmal mehr schreiben, als
vonnöthen scheint, so werden sie dadurch nur die Wohlthäter derer,
welche dem Zeitgeiste zu folgen verstehen, und unter denen die
Papiermüller eine der ersten Stellen einnehmen. Der tiefe Denker ahnet
aber noch einen größeren, ja einen mystischen Zweck. Dürfte ich nur
eine Ecke des Vorhanges lüften, ich würde sagen: Bedenket, zu welchen
unzähligen Dingen Papier zu gebrauchen ist, bedenket, daß aus Dünger
die Saat hervorgehet. Doch genug! ~Sapienti sat!~
Laßt uns wieder deutlicher sprechen. Schriebe man auf Pergament,
so könnten Unzufriedene noch mit einigem Scheine des Rechts sich
beklagen, weil dann in gewisser Hinsicht den Eseln die Hauptrolle
zufiele. Auch ist mit dieser harten, ungefügen Haut etwas Rohes und
Festes verschwistert, was uns nicht mehr ziemt; eben der tägliche
Wechsel, der ungeheure Verbrauch, die Schwäche und Unbeständigkeit
des andern Materials, stehen in so herrlichem Einklang mit der
Verfeinerung unserer Sitten, mit dem Idealischen unserer Pläne. Jedem
Unpartheiischen muß unser Zustand beneidenswerth erscheinen. Wir
sind zwar arm, aber wir haben theure Regierungen, und ist nicht das
Theuerste immer das Beste, nur das Schlechte wohlfeil? -- Wir haben
Regierungen, die unaufhörlich, unermüdlich, Tag und Nacht regieren,
und ist diese Thätigkeit nicht ein wahrer Segen, im höchsten Grade
lobenswerth? Ihr Personal übersteigt, mit musterhafter Vorsicht, die
Nothdurft doppelt und dreifach. Wir werden also nie Mangel leiden
am Regiertwerden, ein großes Glück für alle Nationen, da keine des
Gängelbandes entbehren kann.
So erfreulich ist schon die Gegenwart, aber zu wie viel herrlicheren
Hoffnungen berechtigt uns, bei dieser Richtung der Cultur, nicht noch
die Zukunft! Ich betrachte einen unsrer +Schlag+bäume. So stumm er
ist, spricht er doch Folianten, und seine Farbe -- welche Andeutung!
Ueberall „schwarz auf weiß.“ -- Ja eine große, eine philosophische Zeit
beginnt ihre Knospen zu entfalten. Statt Krieg: Diplomatie; -- statt
Kanonenschüssen: Dintenklexe; -- statt der Jury: Dampfschreiber; --
statt einer Constitution: Papier ohne Ende, die erhabenste Erfindung
unsres Jahrhunderts. Es fehlt nur noch Eins. Gelingt es einem unsrer
Minister noch, aus Acten und Maculatur: Kuchen zu backen, so ist
das Ideal erreicht. Die Einbildungskraft schwindelt fast vor den
Resultaten, die dem Vaterlande hieraus entsprießen könnten. Das Huhn
im Topfe wäre überflügelt. Dann wäre mehr noch als die gewünschte
Gleichheit da -- schon sehe ich im Geiste einen ewigen Sonntag uns
umleuchten, die ganze Nation geadelt, oder geheimerathet, ja selbst das
Vaterunser einer Veredlung fähig, indem wir, statt wie jetzt um Brod
zu bitten, und dennoch Hunger zu leiden, künftig, mit Zuversicht der
Erfüllung, beten könnten: Herr! gieb uns unseren Kuchen täglich. Bis
dahin aber, Patrioten, begnügt Euch mit dem Schwarzbrode, was Ihr noch
habt, oder auch nicht habt. Im letztern Falle schreibt, oder werdet
Papiermacher! ~Probatum est.~
* * * * *
~Apollonius~ von ~Tyana~ sagte bereits zu den Smyrnäern die
merkwürdigen Worte: „Zur guten Verwaltung bedarf eine Stadt der
uneinigen Eintracht.“ Dies war eine constitutionelle Ahnung, denn --
was kann er damit anders gemeint haben, als dasselbe, was wir jetzt
so sehr zu realisiren wünschen, nämlich: der demokratischen, wie der
aristokratischen Gewalt im Staate gleichen Spielraum zum Streite zu
geben, und die Dissonanz zu lösen, durch die ausübende Gewalt des
Königs.
Ja selbst unsre Erde scheint diesem Principe zu folgen -- auch
in ihr findet Ihr eine ewig unruhige geistige Demokratie: das
Menschengeschlecht -- und eine mächtige unumstößliche Aristokratie:
die Elemente. Darüber aber einen ganz ideal constitutionell, d.h. nach
unwandelbaren Gesetzen, ohne Haß, noch Partheilichkeit regierenden Gott.
Nur, wo Luxusgesetze bestehen, scheint es dennoch, daß man an
Constitutionen nicht denken darf. Denn sie sind ohne Widerspruch jetzt
der +theuerste+ Modeartikel am Markt, und man kann deßhalb wohl mit
Recht noch viele desastreuse Banqueroute bei den Liebhabern befürchten,
ehe ein Land dadurch reich werden wird -- man müßte denn eine solche
Constitution erfinden, wo alle Hauptposten, der Thron versteht sich ~à
la tête~, in jährlichen Licitationsterminen an den +Mindestfordernden+
ausgethan würden.
Die ernste Wahrheit möchte seyn, daß es nicht die Verfassung ist,
welche Glück und Freiheit giebt, sondern die Fähigkeit dazu, mit andern
Worten: die Gesinnung. Nur der sittliche Zustand der Individuen bedingt
und schafft am Ende das Gesetz -- die Staatsverfassung. Wo daher die
letzte einer gewissen Form wirklich bedarf, gestaltet sich diese Form
auch von selbst, es sey nun durch Concession von oben und weise Reform
bei Zeiten, oder durch allgemein ausgesprochene, zwingende Meinung,
oder durch eine Revolution -- aber im Volke muß das Neue jedenfalls
schon organisch erwachsen seyn, sonst bleibt es nicht leben. Siehe
Spanien, Portugal, und ich fürchte Frankreich und Belgien dazu.
* * * * *
Ist es nicht ein wunderbares Jahrhundert, wo im Orient der türkische
Sultan die Moscoviter mit Rosinen und Mandeln füttert, während im
Occident, wie voriges Jahr die Zeitungen meldeten, ein Bürgerkönig
in Paris mit einem abgesetzten Kaiser aus der neuen Welt, zusammen
in Procession durch die Straßen ritten, um den Grundstein zu einem
Monumente zu legen, das zu Ehren dreier Revolutionen errichtet wird!
~Apropos~ von Revolutionen: Als die sächsische Diminutivumwälzung
und das darauf folgende Kämmerchen-Vermiethen begann, beruhigte der
ehrliche Prediger Dinter seine ebenfalls schwierig werdenden Bauern,
von der Kanzel herab, mit folgenden Worten: „Lieben Kinder, gebt Euch
keine unnütze Mühe. Es mag nun Einer oder Sechshundert in Dresden
regieren, +Ihr+ werdet immer gehorchen, zahlen und arbeiten müssen.“
-- Was etonnant ist -- die Bauern waren so klug, dies vollständig zu
capiren.
Es ist übrigens eine wahre Freude zu sehen, wie milde, ja ich möchte
sagen: häuslich, sich seitdem die neue Ordnung der Dinge in dem
glücklichen Sachsen gestaltet hat. Wie gemüthlich war z.B. die letzte
Discussion über die langen und kurzen Taillen der Dienstmädchen,
und wie ritterlich nahm sich Herr C. ihrer an. Aber mit noch mehr
Rührung las ich neulich, daß eine der Kammern (ich weiß in der That
nicht mehr ob Nro. 1 oder 2), eine Deputation ernannt habe, um den
Antrag des Pfarrer Gehe über Fangen und Halten der Singvögel zu
prüfen. Brav unschuldige Kammer, so ist es recht, laß die losen Vögel
pfeifen, und werde nicht irre in deiner Gravität, auch wenn die neuste
Gemüthsstimmung deines Gründers über dich selbst kommen sollte, was
nicht unmöglich ist -- denn nur aus dem Wunsche +alles+ frei zu machen,
hat er ja zuletzt die Dachziegel selbst für +vogelfrei+ erklärt.[11]
* * * * *
Die ~Gazette de France~ vom Monat Februar 1833 sagt: „Die
Deputirtenkammer hat gestern die Unverletzlichkeit des Königs
anerkannt und dieses Factum ist für sie ehrenvoll; wenn sie aber jene
Unverletzlichkeit des Königs als ein heiliges Princip betrachtet,
wie läßt es sich dann erklären, daß die Mitglieder dieser Kammer es
billigen, daß dieses Princip in drei Königen, die sich gegenwärtig in
Prag befinden, verletzt worden.“
Dies ist wichtig, -- denn nun weiß man doch, wenn etwa eine neue
+Johanna Southcott+ wieder mit dem Heiland schwanger gehen sollte, wo
man auch gleich der heiligen drei Könige dazu habhaft werden könnte.
* * * * *
In einer Recension des durch Menzel so lehrreich und interessant
gewordenen Literaturblattes zum Morgenblatt lese ich im Sinne beliebter
Ansichten folgende Stelle:
„Die Lobrede, welche der Verfasser dem Dismembrations- und
Parcellirungssystem in Preußen hält, verdient volle Beherzigung.
Unter allen möglichen Verhältnissen kann derselbe Boden mehr freie
Menschen ernähren, welche diesen Boden zu ihrem eigenen Vortheil
bebauen, und eben so ist Frieden und Ordnung das Trachten der
kleinen Besitzer (?), während das Trachten des Sclaven, sobald er
einmal aus seiner Dumpfheit erwacht, nur Rache und Anarchie ist.“
Diesem Ausspruche muß ich einige Betrachtungen entgegenstellen;
insbesondere rücksichtlich der Anwendung des Parcellirungssystems
in Preußen, da man, im Allgemeinen, nur durch die von Zeit zu Zeit
erscheinenden pomphaften Ankündigungen der Generalkommissionen
unterrichtet, davon eine sehr ungenaue Vorstellung hat.
Es ist ein durch Zahlen festgestelltes und erwiesenes Factum, daß
der Ackerbau in England, wo der große Grundbesitz am ausgedehntesten
ist, im Vergleich mit Frankreich, wo das Parcellirungssystem längst
in Ausführung gekommen, in jeder Hinsicht verhältnißmäßig blühender
und ergiebiger in seinen Resultaten, selbst denen der Bevölkerung,
sich ausweist. Demohngeachtet ist der kleine englische Pächter, der so
erfolgreich seines Herrn Eigenthum bebaut, fast ganz von ihm abhängig,
und wenigstens mit eben dem Rechte, nach des Recensenten Anwendung des
Wortes, ein Sclave zu nennen, als unser Bauer, denn beide arbeiten
allerdings großentheils für einen +Herrn+, ja der englische noch
viel mehr. Wenn dieser aber auch wie ein Sclave arbeiten muß, so
+ist+ er deßhalb doch keiner, weil er seine Pacht durch eignes
Gebot festsetzen, sie nach abgelaufenem Termin behalten, oder aufgeben
kann, und seine freie Willkür dabei durch nichts, als die selbst
eingegangenen Verbindlichkeiten und die Vorschriften des Gesetzes
verhindert wird.
Unsere Bauern standen aber in einem noch weit günstigeren Verhältniß
als der größte Theil der kleinen englischen Pächter. Sie waren
Erbpächtern zu vergleichen, die eine sehr mäßige Rente für den ihnen
überlassenen Hof durch mehrere Spann- oder Handtage in der Woche nebst
einer kleinen Getraideabgabe bezahlten. Dieser ~modus~ der Abgabe
war eine reine Vergünstigung +für den Pächter+ oder Bauer, wie man
jetzt seit der Ablösung bäuerlicher Dienste, nur zu deutlich in allen
ärmeren Gegenden gewahr wird. Denn sehr gern nahm in den meisten
Fällen der Gutsbesitzer Geld statt der Dienste, und sogar zur Hälfte
des gebräuchlichen Lohnwerthes, konnte sie aber dennoch selten so
realisiren, weil der Bauer sich diese Arbeit, ~in natura~, (die er
überdieß nie selbst that, sondern durch Kind oder Knecht verrichten
ließ) doch noch niedriger anschlug.
Was aber mußte der Gutsbesitzer für diese Dienste noch alles gewähren!
Er gab mehrentheils freies Holz, Streu, Waldweide, mußte die Gebäude
im Stand erhalten, sie wieder aufbauen, wenn sie abbrannten, und das
Inventarium gleichfalls anschaffen, wenn der Bauer es durch Unglück
oder Zufall einbüßte, und aus eignen Mitteln nicht bestreiten konnte.
Sind solche Leute Sclaven zu nennen, weil sie zu sogenannten
+Hofediensten+ verbunden waren? -- Wahrlich nicht mehr als jeder
Beamte, der am Schreibtische, auch mit Händearbeit, seinen Gehalt
verdient; nicht mehr, als der Handwerker, der Lohnmann und Alle,
die +arbeiten+, um zu leben.[12] Ich begreife nicht, wie Recensent
mit solchen Ansichten einen Bedienten halten mag, ohne fortwährend
Gewissensbisse darüber zu empfinden, einem Menschen Sclavendienste
aufzuerlegen. Ich aber halte nur den für einen Sclaven, der blindlings
und +ohne seine Einwilligung+ thun muß, was einer andern Persönlichkeit
gefällt. Dies war jedoch keinesweges unserer Bauern Fall, am wenigsten,
wie schon gesagt, seit Aufhebung der sogenannten Erbunterthänigkeit,
für die, obgleich immer ein gesetzlich beseßnes und einträgliches
Recht, kein Gutsbesitzer vom Staate entschädigt worden ist, und mit
deren Wegfall jede Spur von sclavischem Verhältniß gänzlich verschwand.
Schon früher aber bearbeiteten die Bauern des Herren Gut nur unter
feststehenden Bedingungen, die von diesem nicht überschritten werden
durften, und auf frühere Uebereinkunft, Leistung und Gegenleistung
gegründet waren.
Das Preußische Regulirungs- und Ablösungsgesetz hat nun diesen
Zustand aufgehoben, und unter ziemlich willkürlichen Annahmen
den +Machtspruch+ gethan: daß jeder Bauer die Hoferäthe, auf die
seine Vorfahren in alten Zeiten vom Gutsherrn gesetzt worden waren,
nebst Inventarium und zwei Drittheilen oder nach Umständen der
Hälfte der dazu gehörenden Grundstücke fortan +als Eigenthum+ zu
besitzen, das Uebrige aber (das Drittheil Land nämlich) dem Herrn als
+Entschädigung!!+ zurückzugeben habe, entweder ~in natura~ oder in
einer verhältnißmäßigen Rente. Außerdem behält der Bauer noch freies
Leseholz, Kiehnstöcke, Streu und Waldhüthung. So ist es wenigstens
in den Lausitzen, von denen ich als Selbstbetheiligter am besten
urtheilen kann, größtentheils in Ausführung gekommen, da der dritte
~modus~ -- die Supernormal-Entschädigung -- wo jede einzelne Leistung
gegenseitig berechnet wird, -- wegen der endlosen Schwierigkeiten, die
man bei der Anwendung hineinzulegen pflegt, fast niemals den Partheien
wünschenswerth erscheint.
Wie schonungslos diese Maßregel in die bestehenden Eigenthumsrechte
eingreift, liegt am Tage. In England, in Amerika, wo man nicht einmal
die Sclaverei, aus Besorgniß, den Eigenthumsrechten, den wichtigsten
im Staate, zu nahe zu treten, gewaltsam, wenigstens nicht ohne
Entschädigung der Eigenthümer, abzuschaffen wagt, wäre ein solches
Verfahren ganz unmöglich gewesen,[13] und nehmen wir den Fall an, daß
hier, wie in England, hundertjährige Verpachtungen der Güter üblich
wären, so könnte in hundert Jahren die Regierung mit eben dem Rechte,
wie sie +jetzt+ die Bauern zu freien Eigenthümern gemacht hat,
auch dann wieder eine Erblichkeit des Besitzes für diese Pächter
behaupten, und abermals den Herren durch die Rückgabe der Hälfte
oder eines Drittheiles seines Gutes +entschädigen+! -- Doch war
bei alle dem der Zweck ohne Zweifel human und gut, die Sache an sich
auch für beide Theile in vieler Hinsicht nützlich, ja, was immer eine
Hauptsache ist, der Richtung des Zeitgeistes angemessen, ein Umstand,
der oft selbst ungerechte Mittel entschuldigen muß; wäre sie also
nur auf möglichst gütlichem, vor allem einem weniger kostspieligen
Wege, und ohne ängstliche Pedanterie, hauptsächlich aber +mit
gehöriger Rücksicht auf ganz verschiedene Localität und Umstände in
den verschiedenen Provinzen ausgeführt worden+, oder -- da man
einmal gewaltsam verfuhr, und den Knoten zerhauen wollte -- hätte sie
wenigstens schnell auf einmal und mit Energie, durchgreifend statt
gefunden -- so brauchte man sich eben nicht zu sehr zu beklagen.
Statt dessen aber präparirte man sich bedächtig darauf, die
Bevölkerung am kleinen Feuer zu rösten und ihr (sehr politisch)
auf ein halbes Jahrhundert das Beispiel eines willkührlichen
Eingriffs in das Eigenthum von Seiten des Gouvernements recht
~ad oculus~ zu demonstriren. Eine Menge neuer Behörden wurde,
unter dem Namen: General-Commissionen, für die Ablösung und
Auseinandersetzung der bäuerlichen Verhältnisse creirt, und ein Heer
von Oekonomie-Commissarien (großentheils aus banquerott gewordenen
Gutsbesitzern, Pächtern, oder verabschiedeten Privat-Beamten rekrutirt)
nebst Feldmessern, Boniteurs etc. auf jene ohnehin armen Landestheile
los gelassen und deren Bewohner dadurch in unabsehbare Kosten und
Sorgen verwickelt.
Man hat dergleichen Commissarien genug gesehen, die sich jährlich über
2000 Rthlr. verdienten, und da die Reglements zum Theil mangelhaft
und unbestimmt sind, so wußten viele im Lauf eines Jahres ganz bequem
900 Arbeitstage zu liquidiren. Jetzt soll, wie man sagt, diesen
Mißbräuchen mehr vorgebeugt worden seyn, wogegen wieder vergönnt ist
durch Extrapostgelder u.s.w. sich bedeutende Summen zu verschaffen,
wie es denn überhaupt hier meistens auf die persönlichen Gesinnungen
des Commissarius ankömmt, und auch ganz besonders darauf, wie er
bei seiner Generalkommission angeschrieben steht, und was er daher
durchführen zu können glaubt. Eben so schnell werden denn auch viele
Conducteurs zu kleinen Capitalisten, und gar reichliche Brosamen fallen
noch für Boniteurs, Schreiber und dergleichen vom Tische des Herr’n.
Man hat Güter reguliren gesehen, wo die Kosten der Regulirung, noch
ehe dieselbe beendigt war, schon den ganzen Werth der Entschädigung
überstiegen hatten, so daß der Gutsbesitzer nicht nur die Dienste und
Leistungen der bäuerlichen Wirthe umsonst verlor, sondern auch noch
Geld dazu geben mußte; Fälle die leicht zu beweisen sind, und nach
der Aussage glaubwürdiger Leute würde eine gerichtliche Untersuchung,
welche Kosten viele Regulirungen z.B. im Cottbuser, Calauer und Sorauer
Kreise verursacht haben, ebenfalls beweisen, daß diese Kosten nebst
den daraus nöthig gewordnen Bauten jetzt schon ein +Drittheil+
des Werthes der ganzen Güter übersteigen, obgleich noch wenig Recesse
völlig realisirt sind. Und dennoch kann man +auch damit+
verhältnißmäßig noch sehr zufrieden seyn.
Ich werde ein stärkeres Beispiel anführen, mit dem ich auf das
genaueste bekannt bin.
In der Standesherrschaft Muskau, in der Oberlausitz, nebst der
Herrschaft Branitz, welche beide demselben Herrn gehören, und welche 45
Dörfer in sich schließen, dauert die Regulirung jetzt über 10 Jahre.[14]
Es ist erst ein einziger Regulirungs-Receß definitiv abgeschlossen,
indessen bei 10 Dörfern, bei denen sich 6 Vorwerke befinden, im
Wesentlichsten die Regulierung und auch die Separation (überall
durch Vergleich) vollendet.[15] Alle diese Vergleiche sind nur
durch die höchste Bereitwilligkeit und vielfach gebrachte Opfer des
~Dominii~ möglich geworden, und die meisten erst in letzter Zeit
zu Stande gekommen, weil der Besitzer das Glück hatte, einen berühmten
Rechtsgelehrten zum Beistande, und einen Commissarius zu erhalten,
der seinen Ruf bewahrte: durch Geschick und redlichen Willen das
Beste beider Partheien nach Kräften zu befördern.[16] Sonst wäre
auch dies jetzt Beendete alles noch im vollständigsten Chaos und die
Theilnehmer in Prozesse über Prozesse verwickelt, deren einmal (als M.
und B. noch das Unglück hatten unter der S....schen Generalkommission
zu stehen, wovon Seine Majestät der König von Preußen den Besitzer
auf sein unterthänigstes Ansuchen gnädigst befreiten) über 200 zu
gleicher Zeit anhängig waren, und ein ganzes Heer andrer, die nachher
vorläufig zurückgestellt wurden, schon in Reserve lag. Dennoch
hat die ganze Summe der nach und nach aus der Regulirung allein
hervorgegangenen und durchgeführten Prozesse gewiß das Doppelte der
angegebenen Zahl überstiegen. Bis jetzt kostet nun, nach beglaubigten
Rentkammerrechnungen, die dasige Regulirung, viele unvermeidliche
Nebenspesen noch ungerechnet, dem Dominio in runder Summe bereits
20,000 Rthlr. und den Bauern also, da beide Partheien zu gleichen
Theilen zahlen, und beide auch ohngefähr dasselbe für Assistenten
ausgeben müssen, gleichfalls 20,000 Rthlr.
Dem Dominio allein zur Last fällt aber nun noch für nothgedrungene
Bauten und Vermehrung des Inventarii, theils nach gefertigtem
Anschlag, theils schon ausgeführt +und ganz allein aus der Regulirung
hervorgehend, ohne sie aber völlig unnöthig+, eine Summe von 49,000
Rthlr.!
Es ist vorauszusehen, daß bei dem günstigsten Erfolge und einem weit
schnelleren Geschäftsgang, es dennoch, (da noch 35 Dörfer zu reguliren
sind,) wenigstens 20 Jahre dauern muß, ehe das ganze heilbringende
Geschäft beendigt seyn kann. Auch wäre, wie die Sachen nun einmal
eingerührt sind, und bei der nicht mehr zu umgehenden Anwendung
von Gesetzen, die für unsere Gegend durchaus nicht passen, eine
schnellere Betreibung der Sache nicht einmal wünschenswerth, noch
würde sie weniger kostspielig seyn, sondern durch die Uebereilung nur
noch ruinöser für beide Theile werden, indem diese ohne die übelsten
Folgen jetzt nur nach und nach in einen solchen Zustand der Dinge
übergehen können, als er verlangt wird. In 20 Jahren also wird die
dann vollendete Regulirung, nach der Analogie des Vorhergehenden,
der Grundherrschaft und der Bauern, die für einen solchen Gegenstand
fast fabelhafte Summe von 400,500 Rthlr. gekostet haben, wovon die
Herrschaft 300,500 Rthlr. allein treffen.[17]
Wäre aber der abzusehende, +endliche+ Erfolg nur noch wenigstens
glücklich zu nennen! Doch auch dies ist bloß in solchen Gegenden
der Fall, wo der Boden vortrefflich und der Umfang der Güter klein
ist. In unsern sandigen und ausgedehnten Waldgegenden, wo die
größeren Herrschaften die Dienste der Bauern, und vor allen ihre
+Lohn+-Fuhren zur Bewirthschaftung des Waldes, Klafterabfuhr,
Holztransporte aller Art u.s.w. nicht entbehren können, und der Bauer
wiederum, wegen des geringen Ertrags seiner Aecker die Unterstützung
und den Verdienst von der Gutsherrschaft nicht missen kann, stellt sich
das Resultat der Regulirung höchst hemmend und nachtheilig. In allen
Dörfern, wo die Regulirung statt findet, schaffen sämmtliche Bauern,
die Hälfte oder ein Drittheil ihres Landes verlierend, auch sogleich
ihre Pferde ab, mit denen sie früher ihre Hofedienste abthaten, (deren
sie in der Standesherrschaft Muskau nur zwei Tage, in seltenen Fällen
drei die Woche zu leisten hatten,) und die übrigen Tage dem Herrn für
Lohn fuhren. -- Sie schaffen die Pferde ab, weil sie sie nicht mehr
auf eignem Grund und Boden ernähren können. Sie werden nun sogenannte
kleine Leute, keine Art von weiter greifender Industrie kömmt ihnen
mehr nahe, sie bearbeiten und düngen ihr Bischen Feld nothdürftig
selbst mit Frau und Kind nebst ein paar Kühen, und sind für ewig
zufrieden, wenn sie nicht Hunger leiden, was sie aber auch sehr oft
unter den neuen Umständen nicht einmal erreichen, und eben so wenig die
Staatsabgaben erschwingen können, mit denen sie bereits in ungeheurem
Rest stehen.[18]
Die Herrschaft muß nun für ihre Transporte selbst große Pferdeparks
anschaffen, und die Fourage zum Theil im Auslande kaufen, da unsre
Provinz wenig Hafer trägt, die Bauern aber ihren halbwilden
Pferdeschlag mit wenig Korn, Stroh und Gras ernährten, was man ihnen
nicht nachmachen kann. Der Verlust, den die Herrschaft dadurch
jährlich erleidet, ist höchst beträchtlich, wie es bei allen solchen
gezwungenen Etablissements in der Regel der Fall ist. Der Circulation,
wie dem Verdienst im Lande aber geht eine noch größere Summe jährlich
dadurch verloren, welche sonst in der Bauern Tasche floß. Doch wie
soll es erst im Kriege werden, wenn man Vorspann, Getreidelieferungen
etc. gebraucht? Was soll man dann von diesen kleinen Leuten und den
gänzlich entkräfteten Gutsbesitzern noch nehmen, wenn eine Zeit der
Noth eintritt, da schon jetzt kaum das Nothdürftigste erzielt wird, und
die Königlichen Steuern auf den Dörfern in jenen Gegenden nur durch
fortwährende Execution höchst mangelhaft eingetrieben werden können?
Man sieht in der That nicht ein, wie dies einmal enden soll!
Um nur einige Orte namhaft zu machen, so fanden sich im Dorfe Gablenz
vor zwei Jahren noch 80 Pferde, die man fortwährend beschäftigt sah,
jetzt sind, seit ausgeführter Separation, deren noch vier, und in
dem kleineren Dorfe Berg, wo man zu derselben Zeit 24 fand, ist kein
einziges mehr geblieben. Solche Thatsachen möchten aber eher einen
schnellen Fall, als ein langsames Steigen bezeugen, und zugleich einen
kleinen Beitrag zu der Wahrheit liefern, daß es keine gefährlichere
administrative Maßregeln geben kann, als alles über einen Leisten
schlagen zu wollen. Eine Einheit muß freilich da seyn, aber nur die
des Geistes, die Details werden billig und zweckmäßig der Localität
angepaßt. Aus demselben Grunde wurden, in einer höhern Sphäre, jene so
einförmigen, nach der Spanne gezogenen und angezogenen, überexercirten
Soldaten bei Jena wie eine Heerde Schafe vom Wolfe gesprengt, weil
der Geist fehlte, und besiegten anderseits die bunten, aus hundert
heterogenen Theilen an einander gereihten Landwehren den größten
Feldherrn des Jahrhunderts, weil der Geist eben in ihnen war.
Brächte die Regulirung nicht diese Abschaffung der Bauerpferde mit
sich, und träte das Gesetz nicht hindernd ein, so würde sich überall
in den erwähnten Provinzen, schon ein paar Jahre nach ihrer Vollendung
+das alte+ Verhältniß, nur unter anderm Namen, von neuem wieder
einstellen, wie es für die Handdienste schon sehr häufig geschieht,
denn es war das alte System wirklich eben ein solches, das, ohne auf
Theorieen Rücksicht zu nehmen, +aus der Localität+ entsprungen,
sich durch gegenseitiges Interesse festgestellt und erhalten hatte,
und dies zum Vortheil beider Partheien. Es ist nämlich in unsern
öden Sandgegenden fast wie in Aegypten. Kleine Landeigenthümer können
daselbst nicht wohl auf die Länge bestehen, und das glücklichste
Verhältniß für die dortige Bevölkerung ist das: wenn der Grund und
Boden nur einem großen Besitzer gehört, und von kleinen, übrigens ganz
freien Pächtern oder Bauern, mit billiger Abgabe ~in natura~ oder
Dienst an den Herrn, für sich selbst bearbeitet wird, dieser aber
für deren gutes Durchkommen mit seinen größeren Mitteln sorgen kann,
was er aus dem sichersten Grunde von der Welt, dem +seines eignen
Interesses+, auch thun muß, und bisher immer gethan hat. Aber was
nicht in das Procrustes-Bett unsrer Staatskünstler paßt, muß ohne
Erbarmen abgeschnitten werden, es sey nun zum Heil oder Unheil.
Die Sache gestaltet sich jetzt in ihren Folgen so: Wo der Grundherr,
+bei weitläuftigen Besitzungen+, Land als Entschädigung nimmt,
verliert +er+ meistentheils so gut wie Alles, denn entweder muß
er für einige hundert Morgen Sandfelder, die vielleicht 2 bis 3 Meilen
von seinem Wohnort entfernt im Walde liegen, ein kostspieliges neues
Vorwerk erbauen, das ihm nicht einmal die Interessen der Baukosten
trägt, oder er muß das Land, als zu entlegene, und deßhalb fast
nutzlose, Schafweide verbrauchen, oder endlich bei den weiten, öden
Flächen, die er ohnedem schon besitzt, es gleich diesen mit Kiefern
besäen, wo er vor 80 Jahren keinen Ertrag gewärtigen kann. Nimmt er
aber anstatt Land Rente, so geht +der Bauer+ zu Grunde, weil
dieser mit seinem schlechten Lande seinen eignen Kräften allein
überlassen, bei den hohen directen und indirecten Landesabgaben,
und dem Mangel aller Aushülfe und Unterstützung des Gutsherren,
wie des Verdienstes, den er früher durch Lohnfuhren gewann, nach
dem geringsten Unfall, und oft selbst ohne diesen nicht bestehen,
und die Rente, welche er dem Herrn zahlen soll, in Geld nicht mehr
erschwingen kann, während ihm das Aequivalent früher durch Hand- und
Pferdearbeit so leicht zu geben war. In ein paar Jahren steht es dann
gewöhnlich dem Herrn frei, die Bauernahrung subhastiren zu lassen und
nun von neuem einen andern oder denselben Mann, +ganz unter den
alten Bedingungen+, wie sie für Häusler statt fanden, nämlich für
Handarbeit, gegen freie Wohnung, Holz und Feld, wiewohl nur auf 12
Jahre (denn länger erlaubt es das Gesetz mit einer im Praktischen zu
großer Härte werdenden humanen Theorie nicht,) wieder auf die Nahrung
hinzusetzen. Fuhrdienste jedoch bleiben für immer verloren, weil eben
nur Tagelöhner-Etablissements, nicht Bauerwirthschaften, auf diese Art
wieder auf 12 Jahre herzustellen, vom Gesetz gestattet werden.
Für ein solches trauriges Resultat werden also die als Beispiel
angeführten Herrschaften, welche einen Flächeninhalt von 10
Quadratmeilen einnehmen, 40 Jahre lang in ihrem freien Betriebe und
Verkehr gelähmt, und für ein solches Resultat zahlen sie in dieser
Zeit über 400,000 Rthlr., wovon dem Dominio allein 300,000 zur Last
fallen!!! Da nun der Werth besagter Herrschaften hauptsächlich in
Wald und Fabriken besteht, die mit der Ablösung nichts zu thun haben,
dagegen die Revenüen, welche aus den Diensten und Vorwerken der zu
regulirenden 45 Dörfer gezogen werden, kaum 20,000 Rthlr. jährlich
erreichen, so kommen die Regulirungskosten dem Besitzer wenigstens auf
75 Procent des höchsten Werthes der Güter zu stehen.
Gutsherr und Bauer verarmen natürlich während eines so gewaltsamen
Zustandes immer mehr und sehen, in fruchtloser Verzweiflung, einer übel
angewandten und noch weit übler ausgeführten Theorie, zum einzigen
Vortheil einer Masse Beamten, die das Gouvernement +ohne Noth+
creirt, und die es, wenn endlich einmal das Geschäft zu Ende kömmt,
+mit großer Noth+ wieder los werden wird, partiell eine Generation
fast hingeopfert! Es klingt dies hart, aber es ist wahr; und wo wir
mit Recht so viel Gutes wie in unserm Vaterlande zu loben haben, wo
in einem rein monarchischen, ja militärischen Staate im Allgemeinen
mehr Elemente persönlicher Freiheit vorhanden sind, als in allen
constitutionellen Monarchieen zusammengenommen, wo endlich einer der
edelsten Könige herrscht, der vor der Wahrheit nie sein Ohr unwillig
verschließt und nur das Wohl seiner Völker will, da mag es uns auch
gestattet seyn, das Mangelhafte nicht zu verschweigen. Denn gewiß
bildet die Ablösung der bäuerlichen Verhältnisse, +wie+ sie statt
findet, die schwerste, peinlichste, ja oft unleidlichste Abgabe in der
Preußischen Monarchie, und die um so pernicieuser wirkt, da sie nur von
dem wahren Marks des Staates, dem Grundbesitze zehrt.
Der Mann, von welchem die Preußische Gesetzgebung über die Ablösung
bäuerlicher Verhältnisse sich hauptsächlich herschreibt, ein stets
exaltirter Enthusiast, starb in der Zwangsjacke im Tollhause, war
aber leider schon lange bevor es zu diesem Extreme mit ihm kam, halb
verrückt, obgleich er in dieser Zeit nichts desto weniger fortfuhr,
noch immer ein Mann von großem Einflusse zu bleiben. Die weitschweifige
Pedanterie, die sich nachher des Projectes bemächtigte, that dann noch
das Ihrige hinzu, um eine an sich gute Sache durch schlechte Form und
Ausführung des größten Theils ihrer wohlthätigen Folgen zu berauben.
Daß es übrigens den genannten Herrschaften nicht allein, sondern
hundert andern Gütern eben so geht, habe ich schon erwähnt und springt
wohl auch in die Augen, obgleich bei kleinern Verhältnissen das
Ergebniß nicht so ausfallend sich herausstellt.
Ob nun unter solchen Umständen der Beifall, den der angezogene
Recensent dem Parcellirungssystem, wie es in Preußen statt findet,
+allgemein+ angedeihen läßt, (denn ich wiederhole es: in reichen
Gegenden und bei Gütern von geringem Umfange können die Resultate sich
oft sehr günstig gestalten, obgleich Kosten und Zeit auch dort immer
durch die +jetzige+ Verfahrungsart verschwendet werden;) gerechtfertigt
erscheinen dürfte, überlasse ich der Beurtheilung des Lesers.
Meiner Ansicht nach sind nicht nur ein großer Theil unsrer Bauern,
sondern auch ihre frühern Herren, durch diese Art der Ablösung
jetzt der Sclaverei weit näher gerückt, als es die Bauern auf ihrer
Seite je vorher waren -- +denn der Verarmte ist leider überall
Sclave, auch inmitten der liberalsten Civilisation+, und selbst die
leidenschaftlichsten Enthusiasten für die unbeschränkte Freiheit und
neuen Eigenthumsrechte der Bauern, deren Gesinnungen ich übrigens hoch
ehre und sogar theile, +wo die Ausführung nur möglich und zweckmäßig
ist+, können über ein solches Resultat eben nicht sehr erfreut seyn.
Aehnlich verhält es sich mit den unglücklichen Bewohnern jener andern
Länder, die in Folge zu weit getriebener (wenn auch wahrscheinlich
nicht eben so theurer) Parcellirung der Ländereien an wirklicher
Uebervölkerung leiden, und gewiß befinden diese kleinen Besitzer,
welche dort zu Tausenden auswandern müssen, sich ebenfalls in einem
weit sclavischern Zustande, als die von mir erwähnten englischen
Pächter, oder früher unsre Bauern in ihren alten Verhältnissen.
Man wird mir entgegnen, daß demohngeachtet auch aus dem von mir
gepriesenen England vielfältig ausgewandert werde, aber die Lust
dazu liegt dort mehr im abentheuerlichen Sinne, der Unruhe und dem
Speculationsgeiste jener Nation (der steten Folge so hochgeschraubter
Cultur), als in wahrer Noth; denn die meisten englischen Auswanderer
nehmen dazu ein größeres Capital mit sich, als, mit sehr wenigen
Ausnahmen, bei uns ein Landbauer zu seinem besten Auskommen zu Hause
braucht.
Findet man demohngeachtet noch vieles Elend in England, so ist es
nicht dem großen Landbesitz Einzelner, sondern vielen andern bekannten
Umständen, besonders aber der ungeheuren Last seiner Priesterschaft
beizumessen, die an das Land sich mit eisernen Klauen angeklammert
hält, und besonders durch den unheilschwangern Zehnten es wie ein Pack
Blutegel aussaugt, und zugleich daran Schuld ist, daß eine große Menge
gutes Land gar nicht cultivirt wird, und als öde Communweide liegen
bleibt.
Daß das Parcellirungssystem +ruhigere+ Staatsbürger schaffe, zeigt
die Erfahrung eben so wenig; denn mit großer Bewegung ist doch
England weit weniger unruhig und schwankend als Frankreich, das ja
eine vollständige Musterkarte darbietet von immer wieder verlassenen
Bestrebungen und fortwährenden Umwälzungen, seit seiner ersten
Revolution bis auf den heutigen Tag. In England giebt es +Reformen+, in
Frankreich +Revolutionen+, und was ist an diesen letztern Schuld, als
grade der Mangel einer +auf großen Grundbesitz+ basirten, erhaltenden
Aristokratie, und die zu ausgedehnte, in +Monarchieen+ wenigstens,
gewiß unverständige Parcellirung des Eigenthums, mit dem nothwendig
daraus folgenden Ringen nach einer unmöglichen Gleichheit.
Der große zusammenhängende Grundbesitz, die mächtige Aristokratie,
hätte den Franzosen +allein+ diejenige Stabilität geben können, deren
Mangel sie jetzt vielleicht dem Untergange zuführt, und ihre weisesten
Männer haben dies sehr wohl erkannt.[19] Warum sollten wir also uns
so sehr beeilen, dasselbe Beispiel nachzuahmen? Es wäre doch wohl der
Mühe werth, sich vorher noch einmal zu besinnen. Theorieen sind ein
fürchterliches Ding und haben schon manche gute Säule in unsrem Hause
eingerissen. Die Neuerer möchten aber ihren Pracht-Neubau lieber mit
dem Dache anfangen als mit dem Grunde, worin sie ganz dem türkischen
Sultan gleichen, aber keinesweges dem klügeren Mehemed Aly, der, wie
jeder vernünftige Reformator, es sey schnell oder langsam, doch immer
nur höchst behutsam und reiflich überlegend das Alte entfernt, vor
allem aber stets nur +den+ Grad der Cultur überhaupt bezweckt, der
wirklich erreichbar, dem Zustande des Landes und der Zeit angemessen
ist. Minutolis und Prokesch Reisen in Aegypten sind hierüber sehr
belehrend, und der für so barbarisch von Vielen geachtete Pascha
möchte, beim Lichte betrachtet, sich aufs Regieren weit besser
verstehen, als gar viele unsrer freisinnigsten und allzeit fertigen
Gesetzgeber.
* * * * *
In einem andern Blatte macht sich ein zweiter deutscher
Schriftsteller der Nützlichkeitsschule sehr lustig über des Franzosen
~Villeneuve~ „Privat-Hypothese“ -- wie er sie nennt: daß die
Ruinen antiker Denkmäler eine der schönsten Zierden seyen, deren sich
ein Land rühmen könne. „Uns“ fährt er dann fort, „dünkt im Gegentheile,
neue Gebäude, Canäle, Landstraßen, seyen rühmlicher, als Ruinen,
Verfallene Aquaducte und Schlösser und neue Auszeichnung besser als
alter Adel.“
Diese Bemerkung scheint mir in vieler Hinsicht charakteristisch. Wir
sehen in den Franzosen das Wiedererwachen poetischer, romantischer
Gefühle, gleichsam als Trost gegen die unerfreuliche, ihn umgebende
Gegenwart, im Deutschen aber die Vollendung hausbackener Tagesprosa,
die nicht einmal dulden will, daß man Ruinen schön finde! Ja wohl,
du ehrlicher Philister! von Ruinen, von Denkmälern vergangener
Jahrhunderte wird Niemand +satt+, und ein Bäckerladen ist einem
hungrigen Magen ohne Zweifel zuträglicher. Es giebt aber Menschen, die
auch etwas Nahrung für Gemüth und Phantasie gebrauchen, und solchen
wird es auch allein begreiflich werden: warum selbst alter +Adel+
wirklich dem neuen noch vorzuziehen sey, obgleich ich zugebe, daß, wie
einer und der andere bei uns beschaffen ist, beide leider nicht viel
taugen.
Ein patriotischer Gedanke.
Der Zustand eines Staates, den man Uebervölkerung nennt, tritt nicht
bloß da ein, wo wörtlich das Land nicht mehr zureicht, um die
Menschen zu ernähren, sondern schon da, wo eine weit fortgeschrittene
Civilisation dem moralischen Drange nach Thätigkeit und Verbesserung
eine so allgemeine Verbreitung gegeben hat, daß Viele das Bedürfniß
zu Hause nicht mehr bestreiten zu können glauben. So leidet
Großbrittannien schon im hohen Grade an Uebervölkerung, obgleich
vielleicht ein Drittheil des Landes noch ohne Cultur daliegt, oder nur
zum Vergnügen dienend, doch keinen Ertrag gewährt. Zu einem solchen
Zustande sind Colonieen als Ableitung der unruhigen Geister einem
Staate fast nothwendig, und mehr oder weniger entfernte, fortwährende
Kriege gegen minder cultivirte Völker nützlich.
Ein Staat, der sich diese Abflüsse bei Uebervölkerung nicht verschaffen
kann oder will, wird durch unausbleibliche innere Unruhen zuletzt das
Opfer davon seyn.
Es könnte scheinen, man wolle hier wieder den nichtswürdigen
Grundsätzen vergangener Jahrhunderte das Wort reden, die als Norm
aufstellten: daß die politische Moral eine ganz andere, als die des
Einzelnen seyn müsse. Dem ist aber nicht so. Dieselben Grundsätze des
Rechts und der Gerechtigkeit gelten gewiß für den einzelnen Menschen,
wie für die ganze Menschheit, aber auch die Moral kann, eben so gut
von Seiten der Großmuth als des Egoismus, übertrieben werden, und hier
kommen wir allerdings auf einen gewissen Unterschied. Nämlich der
Einzelne kann +mehr+ als recht, er kann edel handeln, indem er sich
Andern aufopfert. Ein Staat aber darf dies nie, weil er, als Vertreter
einer Masse, dann statt edel nur unbefugt und ungerecht handeln würde.
Nun wird es wohl Niemand bestreiten wollen, daß jeder einzelne Mensch
das unbedingte +Recht+ der Selbsterhaltung habe. Wenn z.B. Jemand
im Ersaufen begriffen ist, so hat er das Recht, jeden neben ihm
Schwimmenden zu ergreifen, auf die Gefahr, diesen mit ersaufen zu
machen, um sich dadurch wo möglich selbst zu retten. Eben so hat der,
welcher sonst verhungern müßte, das natürliche Recht, ein Brod zu
nehmen, wo er es erlangen kann, und man hat sogar den Dachdecker nicht
getadelt, der, als sein Vordermann, vom Schwindel befangen, schwankt,
in der sichern Voraussicht, daß der Fallende ihn und die Nachfolgenden
mit herabreissen müsse, selbst den nicht mehr zu Rettenden ergreift und
seitwärts in den Abgrund schleudert.
Ich halte es daher auch dem Staate erlaubt, und für sein Recht, wenn
er in seinem Innern den Keim eines durch gewöhnliche Mittel nicht
anwendbaren Verderbens emporschießen sieht, einen Abfluß desselben
dahin zu leiten, wo dieser überdem nach kurzem Uebergange nur
belebend und nützlich wirken wird -- denn jede Eroberung durch eine
civilisirte Macht wird der Besiegten zum späteren Vortheil gereichen.
So würde es eine Wohlthat für Asien seyn, durch Rußland erobert zu
werden, und für Rußland dagegen ist es ein Glück, diese Ableitung
innerer Gefahren immer zur Hand zu haben. Ohne den Türkenkrieg hätten
die Unruhen in Rußland höchst wahrscheinlich einen sehr bedeutenden
Charakter angenommen und die Theilnahme der polnischen Armee an diesem
Türkenkriege, oder zur Befreiung Griechenlands verwendet, würde eben so
wahrscheinlicherweise die Insurrection in Polen verhindert haben.
Aber auch Preußen naht sich schon dem Zustande der Uebervölkerung in
diesem Sinne, so wie ihn Frankreich und Süddeutschland längst erreicht
haben, und er ist vielleicht eine Hauptursache des unruhigen Treibens
jener Länder, da Frankreich im Verhältniß seiner Größe viel zu wenig
Abfluß nach außen, Süddeutschland aber außer seinen Auswanderungen aufs
Gerathewohl, gar keinen besitzt. Man hat dort in Constitutionstheorieen
und repräsentativen Verfassungen die Hülfe gesucht, ohne sie sonderlich
zu finden; denn die Form +allein+, sey sie auch die beste, thut es
noch nicht. Nur wo die Menschen selbst zum Gefühl ihrer Würde gekommen
sind, dürfen sie auf wahre Freiheit hoffen. Bis dahin ist sie bei jeder
Art von Verfassung unmöglich, dann aber tritt sie ein trotz jeder
Verfassung.
Doch diese schon einmal berührten Betrachtungen würden mich viel weiter
führen, als ich hier zu gehen gedenke; ich komme auf unser Land zurück.
Preußen, sagte ich, naht sich auch dem Zustande, wo dem Drange nach
Thätigkeit der Spielraum bald zu eng werden wird. Sein Handel, seine
Fabriken steigen täglich; -- Dank der moralischen Freiheit, die wir
im Allgemeinen mehr als andre Völker genießen und die, ohngeachtet der
absoluten Form unserer Verfassung eben aus einer mehr als anderswo
fortgeschrittenen allgemeinen Intelligenz entspringt, eine Intelligenz,
die beim Herrscher auf dem Throne anfängt und sich bis auf die letzte
Klasse herab erstreckt.
Es fehlt also, meines Bedünkens, Preußen zu immer steigender Macht und
Glück nichts, als ein Abfluß seiner Kräfte nach entfernten Gegenden,
da eine (vielleicht noch mehr zu wünschende) Ausdehnung derselben in
der Nähe vor der Hand noch nicht erwartet werden darf, obgleich auch
sie mit der Zeit ohnfehlbar statt finden wird; -- denn das allgemeine
Streben der Civilisation nach großen Staatenmassen ist zu unverkennbar.
Warum sollte nun, frage ich, Preußen ganz davon ausgeschlossen seyn,
sich eine +Seemacht+, wenn auch im mindern Grade, zu bilden, d.h.
nicht so bedeutend, um Seekriege mit europäischen Seemächten zu führen,
aber doch hinlänglich, um sich Colonieen zu erobern, die in kurzer Zeit
sich selbst zu erhalten fähig seyn würden und die dazu dienen müßten,
dem preußischen Handel feste Anhaltspunkte in andern Welttheilen zu
sichern.
Man behauptet oft: 20,000 Engländer seyen hinlänglich, ganz China zu
erobern. Ohne an ein so abentheuerliches Unternehmen zu denken, so
ist es doch die Frage: ob nicht z.B. der Besitz einiger Inseln in
den chinesischen Meeren einen umfassendern Handel mit China, wie mit
andern asiatischen Reichen begründen und beschützen könnte, der dem
Mutterlande einen großen Zufluß von Reichthum gewähren würde. Warum
soll den Engländern allein immer jeder Vortheil dieser Art zufallen,
warum sollten sie das Recht haben, ihn sich bei allen passenden
Gelegenheiten zu gestatten und jedem Andern zu verwehren? Ja die in
der Welt so gewaltig gewordene öffentliche Meinung hat die englische
Macht in dieser Hinsicht schon beschränkt, und wir sehen, daß sie die
Franzosen an der Eroberung von Algier nicht gehindert hat, welche sie,
nur vor wenigen Jahren noch, ganz sicher nicht geduldet haben würde.[20]
In einem solchen Besitz wäre auch ein preußisches Botanybay zu gründen,
um die Todesstrafe aufheben und unsere Verbrecher wieder zu nützlichen
Bürgern und zu Vätern eines neuen Volkes erheben zu können. Vielleicht
könnten wir bei dieser Gelegenheit auch die Hälfte unsrer Advocaten
los werden und allen übrigen unruhigen Köpfen zugleich ein Asyl dort
anweisen. Ja, ich selbst ginge gern als +Volontaire+ mit, und,
wie mein Verwandter „+Latour d’Auvergne+“ erster Grenadier von
Frankreich wurde, würde ich mich bemühen, in jenen fernen Landen als
„erster preußischer Todtenkopf“ aufzutreten. Wahrhaftig, ich rathe der
Seehandlung, die Sache in ernstliche Ueberlegung zu nehmen. Sie kann
dadurch noch eine Art von ostindischer Compagnie im Kleinen werden,
und sich in China mehr Ruhm erwerben, als ihr der Handel mit Thee und
chinesischen Curiosis bis jetzt Geld eingebracht hat.
* * * * *
Wir haben vorher von Sclaverei gesprochen, und gewiß: das lachendste
Wort in unsrer Zeit ist Freiheit, das finsterste Sclaverei. Und dennoch
könnte man sagen: daß das Schreckliche der letztern eigentlich nur
in unsrer eigenen Unvollkommenheit und Schlechtigkeit liege. Der
Zustand der Sclaverei an sich -- ich meine die unumschränkte Macht
einer Klasse über die andere -- ist in so weit noch grade kein Uebel
zu nennen, eben so wenig, als es unsere ganze Existenz überhaupt ist,
denn -- sind wir nicht sämmtlich die allervollkommensten Sclaven
einer höhern, unbekannten Macht, und bleibt dem Menschen, wie dem
Sclaven, bei den furchtbaren Martern, denen beide oft unterliegen
müssen, ein andrer Trost, als der der eignen Gesinnung? dieser kann
zweierlei Art seyn: entweder fließt er aus der frommen Ueberzeugung,
daß, es gehe uns, wie es wolle, ein liebender Gott, ein vollkommnes
Wesen alle Dinge leitet und sein weiser Rathschluß, wenn er gleich
unsern trüben Augen unerforschlich bleibt, doch immer nur ein Gutes
und Nothwendiges bezwecken müsse -- oder er entsteht aus dem eignen
beruhigenden Bewußtseyn; nach bester Ueberzeugung gut und recht, d.h.
im Gleichgewicht mit sich selbst gehandelt zu haben, und dann mag die
ganze Hölle toben, der Starke und Gerechte steht fest wie der Fels im
Meere.
Man nehme nun an, daß die Herren der Sclaven auch nur edle und gerechte
Wesen, diese aber sehr mangelhafte wären, oder, was beinahe dieselbe
Wirkung hervorbringt, daß sich die Sclaven dies nur einbildeten, (wie
z.B. listigen Betrügern oft von einem fanatisch blinden Volke die Macht
jeder Bedrückung und Grausamkeit mit Liebe eingeräumt und belohnt
wird,) so würde der Zustand der Sclaverei nichts Schlimmeres haben, als
der: Mensch zu seyn. Ja, in dunkeln, rohen und ungebildeten Zeiten war
er deßhalb eben wohl gar nothwendig.
Dies Alles ist freilich sehr einfach, es scheint aber doch, daß wir
erst ziemlich spät dahinter gekommen sind, daß die moralische Kraft
unsres Geistes, auf sich selbst und eigne Beherrschung angewandt,
leider ein zu elendes und gebrechliches Ding ist, um das die Menschen
nicht jede zu große Gewalt, die man ihnen gestattet, sogleich
mißbrauchen sollten, und in Folge dessen daher endlich einzusehen, daß
keine politische Verfassung sie ihnen je gestatten dürfe.
Wer die Länder selbst bereiste, wo der Weiße fast noch unumschränkt
über seine schwarzen Sclaven gebietet, wer dort täglicher Zeuge war,
wie man die neu angekommenen Europäer ihres Mitleids wegen verspottet,
und ihnen lachend zuruft: „Ihr werdet bald anders denken lernen!“ --
der erstaunt darüber, wie schnell das Herz des Menschen, trotz Religion
und Bildung, dem Erbarmen und aller Nächstenliebe versteinern kann,
wenn Gewohnheit und +gesetzlich+ erlaubte Zügellosigkeit den
Leidenschaften freien Spielraum gewähren. Es ist eine sehr traurige
Wahrheit, aber sie ist nicht zu leugnen: der Mensch ist dem Tiger weit
näher verwandt, als dem Lamme. Eine Lust am Zerstören liegt in seiner
innersten Natur, und hat er Blut einmal gekostet, so verlangt er noch
mehr. Im civilisirten Europa, sollte man fast glauben, befriedigte dies
Bedürfniß die Jagd und von Zeit zu Zeit der Krieg -- auf den Inseln
aber die Sclaverei -- ein empörender Gedanke! Bei alle dem zweifle ich,
ob wir, durch die Art, wie wir angefangen haben, dem Sclavenhandel
entgegen zu arbeiten, den Negern wirklich eine große Wohlthat erzeigen.
Denn, wenn es feststeht:
1) daß diese Neger in ihrem jetzigen Zustande wirklich für eine
intellectuell untergeordnete Menschenklasse zu halten sind, was kaum zu
bestreiten seyn möchte,
2) daß bei ihnen selbst die Sclaverei gleichfalls herrscht, und sie
zum Theil dort als Sclaven noch ungleich mehr leiden, als bei uns, so
möchte wohl für das Wohl und die fortschreitende Civilisation dieser
armen Raçe es weit zuträglicher seyn, den Ankauf und die Ausfuhr der
Sclaven in Afrika +nicht+ zu verhindern, dagegen aber
a) die strengsten Strafen auf ihre schlechte Behandlung
sowohl beim Transport auf dem Schiffe als später zu setzen,
b) das ganze bisherige Verhältniß des Sclaven zum Herrn
einer humanern Gesetzgebung zu unterwerfen, die, indem sie dem
Herrn den Nutzen der gezwungnen Arbeit des Negers läßt, doch
das eigentliche Sclaventhum wo nicht gänzlich aufhebt, doch im
Wesentlichen motivirt,
c) überhaupt die Zeit des Dienstes der Sclaven, soweit er
gezwungen ist, nur auf eine gewisse Anzahl von Jahren zu fixiren,
und endlich
d) dafür zu sorgen, daß nach Ablauf dieser Zeit, diejenigen
Neger, welche nicht freiwillig als Lohnarbeiter fortdienen wollten,
in freien Colonieen, gleich den Armencolonieen in Holland vereinigt
würden, wo sie ihren Unterhalt fänden, und zugleich sich durch
gemeinnützige Arbeit um den Staat verdient machen könnten.
Dies würde die transportirten Neger selbst zu etwas Besserm
heranbilden, und sie so für einstige vollständigere Freiheit reif
machen, wo dann diese von selbst eintreten müßte, während die
jetzigen Maßregeln, wie bekannt, dem Sclavenhandel +keineswegs+
gesteuert haben, und das äußere Loos dieser Unglücklichen nur dreifach
schrecklicher gemacht, bei ihnen selbst aber eine trügerische und
ungewisse Hoffnung erweckt, die ihren Zustand durch Zweifel und
Ungewißheit auch moralisch und innerlich unglücklicher als früher
werden läßt.
Uebrigens ist es leicht möglich, daß die Entdeckung des Nigerlaufes
eine ganz neue Aera für Afrika hervorbringen, und das Uebel +dort+
in der Wurzel angreifen wird, indem es jene Völkerschaften in ihrer
eigenen Heimath einer höheren Cultur entgegenführt. Von der jetzt in
England sich vorbereitenden Sclavenbefreiung darf man sich, fürchte
ich, weniger Gutes versprechen, eben so wenig wie von Anwendung der
constitutionellen Prinzipien in Portugal und Spanien. Dergleichen
Zuständen muß +von innen heraus+, nicht +von außen herein+
abgeholfen werden.
* * * * *
Die Tugend wäre ein Wahnsinn, hat Jemand geschrieben, wenn Gott nicht
hinter uns stände.
Ja wohl! kein irdisches Wesen könnte nur auf den Gedanken der Tugend
kommen, wenn eine höhere Macht sie uns nicht offenbart hätte; denn
auf der Erde ist wahrlich ihre Heimath nicht, und sie dort so wenig
beliebt, daß eine vollkommne Tugend gewiß nur in der Einöde einen
sichern Zufluchtsort vor +Verfolgung+ und +Verderben+ finden
würde. Glücklicherweise kommt es aber nicht zu einem so trostlosen
Schauspiel, da die Menschen, wie Machiavell behauptet, nie den Muth
haben, weder durchaus gut, noch durchaus schlecht zu seyn.
* * * * *
Man mag noch so viel mit redlichstem Gemüthe forschen, noch so viel
philosophische Systeme studiren, und für eins oder das andere Parthei
fassen, immer wird man sich zuletzt gestehen müssen, daß das einzige
und höchste Problem der Speculation „Gott“ unsrer Fassungskraft dennoch
entschwindet. Ein Absolutes, Abstraktes, ohne Persönlichkeit ist eben
so wenig der wahre, lebendige Gott, den unsere Frömmigkeit bedarf,
als eine Persönlichkeit ohne vollständige Durchdringung des ganzen
Universums und Einsseyn mit ihm unserer Vernunft genügen kann; aber
eben die Vereinigung dieser beiden nothwendigen Eigenschaften Gottes:
persönlich und Alles in Allem zugleich zu seyn, hat weder Spinoza, noch
irgend einer seiner Nachfolger der populairen Fassungskraft (und über
diese erhebt sich auch die meinige nicht) wahrhaft begreiflich machen
können. Wir brauchen dies auch im Grunde ja nicht, denn +fühlen+
thut Gott ein Jeder -- wenn wir ihn aber, so zu sagen zugleich sehen
und greifen wollen, so bleibt uns zuletzt doch nichts übrig, als
uns von Gott ein +Bild+ in höchster, denkbarer, menschlicher
Vollkommenheit zu entwerfen und dieses anzubeten -- was man denn sehr
füglich die wahre Menschwerdung Gottes nennen könnte. Dies ist auch
von jeher der Zweck aller positiven Religionen gröberer und feinerer
Art gewesen, welche, seit es Menschen giebt, mit mehr oder weniger
Erfolg und nach dem Stande ihrer Cultur und ihrer Zeit ein solches
Bild aufzustellen versucht haben. Es folgt daraus ganz natürlich, daß
diejenige Religion, welche das edelste Ideal erdacht, ein solches, das
Gefühl, Vernunft und Verstand am meisten befriedigt, auch die beste und
empfehlenswertheste seyn wird. In diesem Sinne nun muß jeder denkende
und gebildete Mensch, so lange die Welt noch keine höhere Steigerung
kennt, aus vollem Herzen ein Christ seyn, um so mehr, da in dieser
Lehre das Werden und nie ruhende Fortbilden eben ein Wesentliches
ist. Nur dürfen dann, meines Erachtens, keine Priesterschaften,
wie sie bisher existirten, dies ewige Fortschreiten zu versteinern
trachten, indem sie zugleich allein die privilegirte Leibwache und
unwandelbare Aristokratie des himmlischen Reiches ausmachen wollen, die
in +Religionssachen+ wenigstens gewiß nichts taugt, weil dadurch
jedesmal das gottmenschliche Ideal wieder zum Alltagsmenschlichen
herabgezogen wird, und Leidenschaften, oft die gehässigsten, das
Heiligste verdunkeln müssen.
Der ächte Protestantismus will nun auch etwas Besseres, ist aber leider
noch wenig durchgedrungen.[21] Erst wenn der Geistliche nichts weiter
als Vorbild der Tugend, liebender Lehrer und Erklärer der heiligsten
Bedürfnisse des Menschen, wahrer Seelsorger für Alle, sie nennen sich
nun Juden oder Christen, Türken oder Heiden, wird seyn wollen, ohne
Anspruch auf ausschließliche und politische Aufrechthaltung seines
Glaubens von Staats wegen, ohne eine, noch irdische Zwecke nebenbei
beabsichtigende Tendenz, ohne handwerksmäßigen Zwang dogmatischer
Schulmethode, und ohne den unwürdigen ~Modus~ seiner Bezahlung
-- erst dann, sage ich, wird die Kirche wahrhaft das höchste Institut
zur Bildung und Veredlung des Menschengeschlechts werden. Dann wird
Christus wiedergekommen seyn und das tausendjährige Reich beginnen,
mit einer praktisch religiösen Zeit in höchster Klarheit, wo man nicht
mehr darnach fragen wird, was man +glaubt+, sondern nur nach
dem, was man +thut+; der grelle Gegensatz der heutigen, eben so
unreligiösen, als vollständig verwirrten und egoistischen Zeit, die
man vielleicht am besten als die juristische bezeichnen könnte, weil
sie nur auf das leidige Mein und Dein, und den ewig daraus folgenden
Zwiespalt in allen Beziehungen, welche die Menschen mit einander
verbinden, gegründet zu seyn scheint.
* * * * *
Jemand sagt in einem beliebten Buche ganz richtig: „Eine Entartung der
Kunst kann nie ausbleiben, wo man sie ganz der Religion entfremdet;“
setzt aber dann hinzu: „Musik ist die einzige Kunst, die noch ein
integrirender Theil unsres Gottesdienstes ist, darum muß man sie
brauchen als das einzige Mittel, um wieder eine innigere Verbindung
aller Kunst überhaupt mit der Religion herbeizuführen.“
Dies ist ein seltsamer Schluß. -- Die Kunst ist ja eben entartet, weil
das ächte religiöse Gefühl, wie alle Poesie, in der jetzigen Epoche so
schwach im Menschen geworden sind. Laßt diese erst wieder erstarken,
so werden auch die Künste wieder blühen, aber nicht umgekehrt. Wenn es
zu diesem Erstarken Musik bedarf, so wird vielleicht das wirksamste
Conzert, ein dreißigjähriger Kanonendonner, das Jammergeschrei von
hundert tausend Pestkranken, einige Erdbeben und eine partielle
Sündfluth seyn.
* * * * *
Viele finden es sonderbar, daß die Bewohner der vereinigten Staaten,
trotz ihres scheinbaren Mangels an Phantasie, und ganz im Gegensatz
zu ihrer großen, politischen Aufklärung dennoch, in der Mehrheit,
einem eben so lächerlichen, als fanatischen religiösen Sectengeiste
ergeben sind. Doch scheint mir dies nur naturgemäß. Junge Nationen
(und jung ist der Amerikaner, wenn gleich ein junger Riese, der schon
in der Wiege Schlangen zerdrückte,) sind immer mehr religiös, alte
skeptischer gestimmt, wie auch das Kind blindlings glaubt und das
Alter, vielleicht eben so blindlings, zweifelt. Junger +Thatkraft+
ist der Glaube -- die Grundlage der Religiosität -- angemessen, später
erscheint erst, mit abnehmender Thatkraft und mehr Erfahrung, die
Periode des +Reflectirens+ über früheres Handeln -- die Grundlage
der Philosophie. Einst werden sich vielleicht beide Ansichten so
durchdringen, daß sie ein ganz Neues bilden.
Wer indeß unter dem Bestehenden zu wählen hätte, möchte wohl am
liebsten wieder glauben, wenn er nur könnte. Denn es als eine Pflicht
von dem zu verlangen, der über diese Lebensansicht einmal hinaus ist,
wäre buchstäblich nichts Andres, als Jemand zwingen zu wollen, daß er
wieder jung werde. Das ist unmöglich. Kindlich kann eine Nation von
neuem nicht mehr werden, wohl aber Einzelne kindisch, wie z.B. die
heutigen Frömmler.
Gott der Allgütige hat aber in seiner Weisheit das rechte Mittel, auch
dieses Wunder neuer Jugend auf andrem Wege fortwährend zu bewirken,
schon von Anfang an bestellt, einen von Ewigkeit zu Ewigkeit sich immer
wiederholenden, ohnfehlbaren Verjüngungsprozeß für Alles, was ist. Er
heißt: -- der Tod.
* * * * *
Diejenigen Politiker, welche den Erfolg einer Sache von der Vorsehung
erwarten, weil sie menschlichen Begriffen nach gerecht ist, haben,
von allen religiösen Theorieen abstrahirt, die Geschichte nicht
studirt. Sie würden daraus hinlänglich sich überzeugen können, daß die
Vorsehung, welcher uns unsichtbaren Mittel sie sich auch zur Leitung
der Weltbegebenheiten bedient, doch nie verhindert, daß bestehende
Ursachen auch ihre analogen und nothwendigen Wirkungen haben. Es wird
also auch die gerechte Sache nur dann immer siegen, wenn sie zugleich
die +stärkere+ ist, wiewohl eben diese Gerechtigkeit derselben oft
ihre Stärke werden kann, gewöhnlich aber erst etwas spät als solche
sich zu bewähren pflegt. Helft Euch selbst, so wird Euch Gott helfen,
ist, recht verstanden, eben so christlich und fromm, als vernünftig.
Der Erfahrung nach betrachtet, muß man überdies leider gestehen:
die schönsten Redensarten halten nicht Stich im Gewirre des Lebens;
und alle die herrlichen Dinge, als Recht, Billigkeit, Freiheit,
Tugend, Vergeltung -- sie treffen und äffen, und schwankend ist
ihr +äußerer Erfolg+. Nur eins auf dieser Welt ist immer des
Erfolges +sicher+, so lang es sich zu erhalten versteht -- +die
Gewalt+.
* * * * *
Leute von Genie und vielem Ehrgeiz sind den Gouvernirenden gewöhnlich
nicht sehr angenehm. Demohngeachtet ist es nur die Politik der Schwäche
oder des Uebermuths, die sie entfernt und ihnen Geringschätzung zeigt.
Die Klugheit wird das Gegentheil gebieten, um sie zu beschäftigen und
zu gewinnen, auf der einen Seite unschädlich, auf der andern nützlich
zu machen. Selbst ein Mann wie +Friedrich+ der Große hatte es
zu beklagen, einst +Laudon+ einer üblen Laune aufgeopfert zu
haben, und die Bourbons würden wahrscheinlich ihrem harten Schicksale
entgangen seyn, wenn ihr nichtiger Hof, sowie der eben so eitle als
unfähige +Necker+ verstanden hätten, +Mirabeau+ besser zu
würdigen und ihn mit Kunst zu behandeln.
* * * * *
Der Minister, welcher die Einverleibung Polens mit Rußland, und
die Aufhebung seiner Constitution unterschrieben, hat ein Grab zum
Namensanfang (Grabofsky.)
Ist dies für uns Deutsche eine Vor- oder eine Nachbedeutung?
Was dagegen jedenfalls eine freudige Vorbedeutung genannt werden muß,
ist die überraschende Nachricht, daß einem russischen Minister ein
fremder Orden, +erblich in seiner Familie+, verliehen worden ist.
Wie schön! während die gottlosen St. Simonianer selbst die Erblichkeit
von Haus und Geld und Hof aufheben wollen, läßt die russisch-persische
Morgenröthe (denn um einen persischen Orden handelt sich’s) uns sogar
die zukünftige Ordens-Erblichkeit und gewissermaßen-Unsterblichkeit
hoffen. Auch ist dies nicht mehr wie billig. Es sind der Orden zu
viele geworden, um nicht die aufmerksamste Sorge aller Regierungen
auf sich zu ziehen. Nach so vielen Emancipationen unsrer Tage, wie --
der Völker (wer hörte nicht davon), der Kinder (man betrachte unsere
Erziehung), der Pferde und Esel (S. Schefers Novellen), der Bauern
(~v.~ preußische Ablösungsgesetze), der Sclaven endlich und der
Juden (laut den englischen Parlamentsverhandlungen), -- dürfen wir auch
eine Emancipation der Orden erwarten, und der Tag ihrer allgemeinen
Erblichsprechung wird ein Tag des Segens und der Freude für Viele seyn.
* * * * *
Ich schmolle oft mit den Engländern, eben weil sie so groß sind, und
doch zuweilen wieder so klein!
Heute aber, als ich das Zeitungsblatt aus der Hand legte, fühlte ich
mich von inniger ungetheilter Verehrung für sie durchdrungen. Diese
Emancipation der Juden, deren ich eben erwähnte, ist wahrlich ein
ernstes und glorreiches Zeichen des Fortschritts ihrer geistigen
Cultur und wird für sie selbst zur Milderung und Aufklärung ihrer
Religionsbegriffe die wohlthätigsten Folgen haben; denn ein Schritt im
Guten führt eben so sicher zum Bessern, als umgekehrt das Böse „immer
Böseres muß gebähren.“ Heil dir also, edles Volk, das uns in so Vielem
schon vorleuchtete, und nun auch die Axt an jene stupide Barbarei
gelegt hat, mit der wir im ganzen Europa so lange Zeit, zu unsrer
ewigen Schmach, eine zahlreiche Klasse unsrer Mitmenschen verfolgten,
und erst selbst verderbten, um sie nachher dieser Verderbniß wegen
anklagen zu können.
Es ist ein schöner, endlicher Sieg der Menschlichkeit und
Gerechtigkeit, der Welt zum Beispiel aufgestellt, und wir wollen
gern einen Schleier darüber decken, welche Tendenzen zu derselben
Zeit bei uns in dieser Hinsicht laut wurden. Ich weiß nicht, wie
andere Christen darüber denken, aber was mich betrifft, so kann ich
wohl sagen, daß, seit ich zu Verstande gekommen bin, ich nie einem
gebildeten Juden begegnete, ohne mich gewissermaßen vor ihm zu schämen,
indem ich lebhaft fühlte: daß nicht wir zur Verachtung +seiner+
Glaubensgenossen, wohl aber er zur Verachtung der +unsrigen+ ein
Recht habe.
Es wird nun auch +dabei+ nicht bleiben. Die heutige Zeit mit
all ihren Mängeln und Geburtsschmerzen, tritt dennoch schnell ein
gehässiges Vorurtheil nach dem andern in den Staub, und wenn sie auch
durch ungeschickte Auffassung zuweilen nur wieder eine, momentan
erfolgreiche, Reaction bewirkt, auch oft selbst das arme Kind gleich
mit dem Bade verschütten will, so muß sie, nach dem göttlichen Gesetz,
am letzten Ende doch ohnfehlbar dahin kommen, wohin sie steuert --
+zum Reiche der Vernunft+.
Uebrigens bleibt es doch ein merkwürdiges Zeichen der Inconsequenz des
menschlichen Geistes, daß in derselben englischen Parlaments-Sitzung
der edle Vorschlag zur Emancipation der Juden, und die lächerliche
Bill für bessere Heilighaltung des Sonntags (nach welcher unter andern
Jeder in Strafe verfallen soll, der am Sonntag Zeitungen liest, oder
sich nur nach einer politischen Nachricht erkundigt, nebst vielem
dergleichen Unsinn mehr) zugleich zur Dicussion kommen konnten, und nur
eine eben so kleine Mehrheit für die erste günstig, als für die zweite
Narren-Schellen-Kappen-Bill ungünstig entschied.
Trocknere Variation auf ein früher berührtes Thema.
Ohne Zweifel nimmt der Stand der Grundbesitzer eine der wichtigsten,
wo nicht die wichtigste Stelle in der Gesammtheit des Staates ein.
Demohngeachtet scheint es, daß bei uns kein andrer Stand, besonders
der mit dem Adel belastete Theil desselben, nach und nach immer mehr
von seiner Geltung verloren hat, ja der Einzelne dieser Klasse sich
jetzt wohl selbst nichts weniger mehr als hoch anschlägt, wenn er
außer seinem Landbau nicht noch andre Aemter bekleidet, oder andern
Geschäften obliegt.
Viele Ursachen haben zu diesem fast beispiellos schnellen Herabsinken
beigetragen, welche zum Theil die Zeit unabänderlich mit sich führte.
Manche dagegen sind selbst verschuldet. -- Zu den Letzteren gehört
vielleicht ein verhältnißmäßiges Zurückbleiben der Mehrheit dieser
Klasse in Kunst und Wissenschaft, ja, es thut mir leid es zu sagen,
ein sich wesentlich unästhetisch zeigender Sinn der vaterländischen
Landbesitzer, und noch mehr vielleicht als dies, der Mangel an
Begnügung, an eigner Achtung für ihren Beruf.
Wenn der Geistliche zufrieden ist Geistlicher zu seyn; der Soldat (ich
spreche hier nicht von der Landwehr, die ihrer Natur nach freilich
Vielerlei seyn muß) nur Soldat, der Jurist nicht zugleich Kaufmann
und der Kaufmann nicht Jurist seyn will, so scheint der Gutsbesitzer
allein, sobald seine Bildung über die gewöhnliche Stufe nur in etwas
hinausreicht, auch noch nebenbei Staatsdiener, oder Soldat, oder
Hofmann, oder speculativer Kaufmann, oder wohl gar alles zusammen seyn
zu wollen. Hat er aber diesen unpassenden Ehrgeiz auch nicht, so glaubt
er doch wenigstens, sich mehr als Andere von seinem Beruf frei machen
zu dürfen, um: sein Leben zu genießen, wie man es zu nennen pflegt, und
sucht diesen schwer zu erjagenden Genuß -- wenn er eben +als Zweck+
gesucht wird, einen großen Theil des Jahres hindurch bald in der
Residenz, bald auf Reisen u.s.w. in der Regel aber stets wo anders als
zu Hause. Nur die Noth, der Mangel hält ihn an +dem+ Orte anhaltend
zurück, wo er eben diesen wahren Lebensgenuß finden und die ihm zu
Vergnügungen übrig bleibenden Mittel +dazu+ anwenden sollte: sein
Besitzthum nicht nur zu einem einträglichen, sondern auch würdigern und
angenehmern Aufenthalt umzuschaffen, als es in der Regel bei uns der
Fall ist; ein Bestreben, welches jedenfalls weit einfacher wäre und
ihm weit näher läge, als seinen Ueberfluß anderwärts, ohne irgend ein
bleibendes Resultat, unnütz zu verwenden.
In neuester Zeit haben sich zwar diese getadelten Ansichten
schon in etwas geändert -- die nothwendigen Folgen der frühern
Verfahrungsweise sind aber auch leider bereits nur zu vielfach
eingetreten, nämlich Deteriorirung der meisten Rittergüter in Bezug
auf ihren Werth, und noch weit mehr Vernachläßigung derselben
hinsichtlich ihres äußern Glanzes, Verschuldung des größten Theils
derselben durch das ganze Land, und daraus immer mehr überhand
nehmender Mißcredit ihrer Besitzer. Und doch möchte bei richtigerer
Beurtheilung des inne habenden Standpunktes, und bei größerer
+Liebe+ zu demselben, vielleicht kein Wirkungskreis belohnender,
ehrenvoller, verdienstlicher um den Staat selbst, und zugleich
reicher an vielfachem Genuß gewesen seyn! Ja, ohngeachtet der so sehr
bejammerten bösen Zeiten, ohngeachtet der langen Litanei von Klagen,
als z.B. über zu schwere, unverhältnißmäßig vertheilte Abgaben, über
eine besonders stiefmütterliche Behandlung der Grundbesitzer von
Seiten des Gouvernements, das, wie die Unzufriedenen behaupten, alle
Staatslasten in letzter Instanz auf den Landbewohner fast allein
zusammenhäufe und den Capitalisten ziemlich leer ausgehen lasse; über
die Verwirrung und Unzahl der Gesetze, namentlich über die Mängel
des bestehenden Hypothekenrechts, welches durch Langsamkeit und
Peinlichkeit des Verfahrens allen Credit zerstöre, und an dessen,
wie der übrigen Gesetze Revision, man zwar stets arbeite, aber nie
ein Resultat zum Vorschein bringe;[22] über eine zu langsame, zu
theure und zu schreibselige Justizverwaltung, die ohngeachtet aller
Milde und Liberalität der Gesinnung für die Schuldigen, dennoch
für den unschuldigen Bürger drückend werde, indem sie, statt, wie
es ihr Beruf sey, Streit mit Schnelle zu schlichten oder ihn zu
verhindern, im Gegentheil durch ihre Organisation Prozesse, wie
Pilze ein befruchtender Sommerregen, unzählbar aus dem ergiebigen
Boden hevorlocke und pflege; über zu vieles Einmischen der Behörden
in alle Privatverhältnisse, wie zu vieles Bevormunden und Regieren
überhaupt, dem Krebsschaden der neuern Zeit; vor allem aber über
die stets zunehmende Zahl, und den, unter einem so gütigen und
wohlwollenden Herrscher doppelt unerträglichen, Despotismus der
ganzen Beamtenhierarchie, welche schon aus Instinkt vorzüglich den
Grundbesitzer als ihren natürlichen Feind betrachte, und ihn daher
immer mehr und mehr wehrlos zu machen suche, ein Uebel, das man zwar
einsähe, ja zugäbe, aber mit zu viel Apathie dennoch immer mehr um
sich greifen lasse u.s.w., -- ohngeachtet dieser, ohne Zweifel sehr
übertriebenen, Klagen, ja selbst ohngeachtet der zerstörenden Art wie
die Ablösungsgesetze ausgeführt werden, sage ich, würden dergleichen
Mängel und Mißbräuche, wenn sie auch ganz so existirten, wie man
sie schildert, meiner Meinung nach, dennoch immer nur theilweise
Verarmungen, nur zeitliche Entbehrungen und Mißverhältnisse, aber
nie so dauernde Noth, so vielfachen gänzlichen Ruin, so allgemeine
Herabsetzung des Bodenwerthes auf dem Lande hervorgebracht haben, wie
wir es jetzt leider fast durchgängig, als die eigene Schuld früherer
Sünden, erleben müssen.
Der Art ist es denn, ich wiederhole es, auf ganz folgerechte Weise
dahin gekommen, daß in unsrem Vaterlande, welches eine so hohe Stufe
der Cultur für sich in Anspruch nimmt, der Landadel, oder Stand der
Gutsbesitzer überhaupt, weil er stets noch etwas andres seyn wollte,
als wozu er berufen war, nicht nur fortwährend immer mehr verarmt,
sondern auch in demselben Grade in der öffentlichen Meinung sinkt, als
andre Stände in derselben steigen. Seine Mitglieder nach ihrem eignen
Maßstabe gemessen, pflegen nun wirklich nur dann noch im Publico,
wie bei der Behörde, Ansehn zu genießen, wenn sie zugleich mehr
oder weniger als bloße Gutsbesitzer sind, besonders, versteht sich,
wenn sie als Räthe irgend einer Klasse mit Staatsangelegenheiten zu
experimentiren befugt wurden, obgleich leider in den meisten Fällen
dieser Art wohl der Staat eben so wenig, als ihre Güter großen Nutzen
davon verspüren mögen.
Man werfe mir hier nicht ein, daß in constitutionellen Reichen die
großen Grundbesitzer, die Aristokratie, ebenfalls einen bedeutenden
Antheil an den Staatsgeschäften nehme. Fürs Erste +haben wir gar
keine Aristokratie im wahren Sinne des Worts+ (meiner Ueberzeugung
nach auch ganz entbehrlich in einem absolut regierten Staat, wo nur
die Aristokratie des Dienstes gilt, aber gewiß ein unumgänglich
nothwendiges Institut zur Bildung einer +stabilen und kräftigen
constitutionellen+ Monarchie, sowohl zur Sicherung des Throns als
der Rechte des Volks), sondern nur titulairen Adel ohne Beruf und
Bedeutung, an ihrer statt, ein höchst trauriges Aequivalent! Zweitens
aber ist der Antheil an Staatsgeschäften bei einer ächten Aristokratie
so verschiedner Natur, und dem eignen Besitze so angemessen, ja mit ihm
verwachsen, daß die öffentlichen Funktionen +jener+ Gutsherren,
statt ihrem Interesse je hinderlich zu seyn, dasselbe überall in
gleichem Verhältniß mit dem Vortheil des Ganzen nur befördern müssen,
vorausgesetzt freilich, daß die Individuen selbst von richtigen
Staatsansichten in ihrer Handlungsweise ausgehen, was aber eben die
Bedingungen einer vernunft- und zeitgemäßen Aristokratie im Voraus
verbürgen würden. Doch wie selten sieht man in Ländern, wo schon
ähnliche Verhältnisse, wenn gleich unvollkommen, bestehen, z.B. in
England, den Chef der Familie, den Grundbesitzer, in den speciellen
Dienst des Gouvernements treten -- nur außerordentliche Talente oder
außerordentlicher Ehrgeiz, oder gänzlich zerrüttete Umstände vermögen
ihn in der Regel dazu, und der Fall gehört immer zu den Ausnahmen.
Desto eifriger suchen dagegen die jüngern Söhne, +ohne+ Landbesitz
und aristokratische Befugnisse, sich dem Staatsdienste zu widmen, und
sind gewöhnlich sehr froh, ihre Laufbahn damit zu beschließen, daß sie
sich den Wirkungskreis und die Vortheile erworben haben und in Ruhe
das verwalten und genießen dürfen, was den älteren Brüdern die Geburt
schon gab, und dessen würdige Führung diese daher vom Anfang an als
ihren wahren Beruf ansehen.
Solche glückliche Verhältnisse, welche langsam erblüht, jenseits
des Kanals eine für lange Zeit so bewundernswürdig gebliebene
Staatsmaschine hervorgebracht, und selbst bei monströsen Mängeln
und Mißbräuchen, dennoch ein wohlthätiges, öffentliches Leben und
eine größere nationelle und persönliche Freiheit gegründet haben,
als irgendwo im übrigen Europa zu finden ist, sind uns jedoch fremd,
und müssen uns aus vielen Gründen höchst wahrscheinlich auch noch
lange fremd bleiben. Erscheinen sie indeß einst, so werden sie, dem
Fortschreiten der Zeit gemäß, sich nicht nur anders, sondern ohne
Zweifel auch noch weit zweckmäßiger, besser und selbst wahrhaft freier
bei uns gestalten -- eine Hoffnung auf die Zukunft, die nichts
Unrechtmäßiges enthalten kann. Da sie aber jetzt einmal nicht da sind,
und in der That auch mit dem besten Willen von oben und unten, noch gar
nicht da seyn können, uns aber dafür so Manches entschädigt und gewiß
keine absolute Monarchie ~de jure~, nur halb so viel Freiheit
~de facto~ gewährt, als die unsrige, so ist uns vaterländischen
Landbesitzern um so mehr zu empfehlen, vom Hundertsten und Tausendsten
ein für allemal zu abstrahiren, nach Göthes Rath, Politik und Staat
für sich selbst sorgen zu lassen, und uns nur der eignen, entweder
schon angebornen, oder früh gewählten Bestimmung ganz und allein zu
widmen. Die, welche es versuchen, werden dabei negativ sich viele
unnütze ~pia desideria~ und manchen Verdruß ersparen; positiv
aber auch noch an sehr mannigfachem, nützlichem Wissen, an baarem
Vortheil, an Ansehn, und wie ich glaube, auch an Genuß und Vergnügen,
nur gewinnen können. Nur müssen sie nicht wähnen, genug zu thun, wenn
sie sich als Gutsbesitzer, +bloß+ potenzirte Landbauern zu seyn
bestreben. Damit zwar sollen sie allerdings anfangen, aber dann, ihrem
höhern Wirkungskreise angemessen, auch weiter gehen, und alles Gute und
Schöne des Lebens in ihren Bereich zu ziehen suchen, so weit sie nur
können, doch immer mit Bezug auf einen bleibenden Vortheil +für ihren
Besitz+. Ist also zuerst für die bestmöglichste Bewirthschaftung
ihrer Güter gesorgt, so wird die ästhetische Ausschmückung derselben
folgen müssen. Dieser kann sich dann jeder edlere Luxus, wie er dem
Geschmacke des Besitzers am besten zusagt, anschließen, es seyen nun
Sammlungen von Gegenständen der Kunst und der Wissenschaft, neue
Zweige der Industrie, Musterwirthschaften, oder andere gemeinnützige
Anstalten, kurz Alles, was in dem Bereiche der Mittel liegt, um das
Familieneigenthum fortwährend nicht nur werthvoller, sondern auch
+würdiger+ in seiner Erscheinung für jede Zeit und in jedem Sinne
zu machen.
So allein werden dann im Stillen die Elemente wieder gegründet werden,
die jetzt ganz verloren zu gehen drohen, und durch welche eben eine
dauerhafte Aristokratie hauptsächlich gebildet werden muß -- nämlich
ein +ansehnlicher und ein als der Stolz des Landes geachteter
Grundbesitz+, wie er z.B. England schmückt, und jeden Ausländer,
selbst wider Willen mit einem wahren Respekt vor dem Lande erfüllt,
wo ein solcher Zustand des Grundbesitzes nicht nur einzeln erlangt,
sondern bei den höhern Classen fast allgemein geworden ist.
* * * * *
+Die Hoffnung+ verläßt uns zwar nie, aber sie blinkt meistens nur
auf uns herab, wie jener Stern, den Tag für Tag, früh und Abend, der
ermattete Wanderer wohl immer sieht, aber nimmer erreicht; der ihn bald
als Lucifer, bald als Venus, bald als Morgenstern, bald als Abendstern
anlächelt, und in dieser Viereinig- oder Vierbeinigkeit fort und fort
verrätherisch bethört. -- Und doch -- wer könnte ohne diese Täuschung
leben!
* * * * *
Freiheit der Presse scheint ein unentbehrliches Bedürfnis unsres
Geistes werden zu wollen, seit der Entdeckung der Menschenrechte; wie
Thee und Kaffee es für unsre Magen geworden sind, seit den Entdeckungen
des Welthandels.
Drei neue interessante löschpapierne Zeitungs-Artikel.
1) In der Nacht vom 18ten zog in Pruntrut eine +Ratte+, unter dem
Vortragen einer dreifarbigen Fahne mit wüstem Lärm und dem Gebrülle: es
lebe die Freiheit! -- aus einem Schlupfwinkel hervorbrechend, nach dem
Amthause.
2) Man besorgt keine Hungersnoth mehr in Mastricht, da der Herzog
Bernhard mit 400 +Magen+ der Stadt zu Hülfe kommen wird.
3) Zwei Dampfschiffe, eins vom Haag, das andre von Cöln, sind heute in
Antwerpen angekommen und haben mit dem Befehlshaber der Citadelle eine
lange Unterredung gehalten.
Drei dem Vorigen analoge Regierungs-Erlasse.
1) Die Regierung zu Z....., lange schon berühmt durch ihre Genialität,
dehnte ihren Regierungseifer sogar einmal bis über die Landesgrenze
hinaus, indem sie kurz nach Abtretung eines Theils des Königreichs
R.... übersah, daß die Stadt U.... ihrem alten Beherrscher verblieben
war, und in diesem Irrthume befangen, dem dortigen Buchhändler
+Schöps+ wegen Verkauf eines verbotenen Buches ein Strafmandat
zusandte.
Die kurze Antwort war:
„Es muß mein Name Schöps, wegen seiner großen Verbreitung in der
angrenzenden Provinz, wohl die unschuldige Ursache seyn, daß Eine
Hochlöbliche Regierung zu Z..... mich zu den ihrigen zählt. Ich bin
daher so frei, Hochdieselbe hiermit gehorsamst zu benachrichtigen,
daß die Stadt U..., nach Versicherung aller Geographen, annoch
einen Theil der N....schen Lande ausmacht, und bis jetzt hier
noch nichts verlautet hat, daß dieselbe einer fremden Regierung
unterworfen worden sey, weßhalb es wohl zweckmäßig seyn wird, wenn
vor der Hand das gnädigst gegen mich erlassene Strafmandat ganz
unter uns bleibt. Einer hochweisen Regierung zu Z. submissester