Euer Hochfürstlichen Durchlaucht

submissester A. Z.

Vorwort.

Die Geschichte lehrt uns, daß alle Menschen sterben können, ja höchst

wahrscheinlich sterben müssen. Dieselbe lehrt uns aber auch, daß sie

in manchen Fällen, wiewohl selten und nur bei großen Gelegenheiten,

aus ihren Gräbern wieder auferstehen, oder auch wohl nur länger als

sonst üblich, (z.B. 50 oder 100 Jahre, wie der alte Ueberall und

Nirgends und andre beglaubigte historische Personen) schliefen, welches

oberflächliche Beobachter dann in der Eile für den wahren bittern Tod

ansahen. Es ist wohl möglich, daß es mit dem verstorbenen Verfasser

dieses Buchs eine ähnliche Bewandniß habe. Sollten daher aufmerksame

Leser im Verfolg desselben hie und da Anachronismen oder sonstige

Anomalieen ausfindig machen, so wird es nicht ungereimt seyn, sie

sich auf die angegebene Weise zu erklären. Dem sey indeß, wie ihm

wolle, so viel ist gewiß, daß in Paris die Memoiren des Fürsten von

+Pückler-Muskau+ erschienen sind, welche (und man kann sich meine

Verwunderung darüber denken!) nicht ein Wörtchen mehr enthalten, als

meine eignen posthumen Briefe; man müßte denn die seichten Noten des

Uebersetzers für etwas mehr als nichts halten wollen. Dies hat mich um

so mehr verdrossen, da ich aus einem eben so beliebten als verbotnen

Buche ersehen habe, daß besagter Fürst nichts als ein verkappter

Aristokrat sey, dennoch aber meine Briefe geschrieben haben soll, die

Viele wiederum zu liberal und demokratisch finden. Ich kann aus diesem

Wirrwarr selbst gar nicht mehr klug werden, und fürchte fast, daß, im

Gegensatz von andern Leuten, die einen geisterartigen Doppelgänger

entdeckten, mein Geist einen irdischen bekommen hat, welches denn

natürlich niemand andres als derselbe gefährliche Mann seyn kann, den

ich deßhalb auch ernstlich hiermit auffordere, sich nicht ferner in

meine Angelegenheiten zu mischen, und wenn er Memoiren herausgeben

will, seine eignen zu schreiben, aber nicht die meinigen. Ich glaube

hierin alle Billigkeit und Gerechtigkeit so sehr auf meiner Seite zu

haben, daß ich selbst aus die thätigste Unterstützung meiner gütigen

Leser rechne, wenn dieser lebendige Mensch mich armen Abgeschiedenen

noch ferner in meiner Ruhe zu stören beabsichtigen sollte. Ueberall

compromittirt er mich. So war das Literaturblatt der Staatszeitung mir

äußerst hold; mit einemmal hat es umgesattelt, weil es dem Fürsten von

Muskau einfällt, in einem Briefe an den Buchhändler +Fournier+

in Paris zu sagen: „Er verdenke es keinem Franzosen, ja selbst einem

Deutschen nicht, wenn er die Staatszeitung ungelesen lasse.“ Gleich

muß dies der Verstorbene wieder entgelten und bald darauf im erwähnten

Literaturblatt die angenehme Nachricht lesen, daß seine Briefe in

Frankreich fast keine Beachtung fänden, demohngeachtet aber das

dortige Publikum sich dahin ausgesprochen: dem Verfasser sey gar kein

+politisches+ Urtheil zuzugestehen.

Was nun das erste betrifft, so wäre freilich nichts natürlicher,

da aber mein Herausgeber zu derselben Zeit einen Brief von Herrn

+Fournier+ bekam, in dem dieser ihm zu dem guten Abgange des

Buches gratulirte, und den Autor sogar bat, noch mehr Briefe zu

schreiben (was ich wohl bleiben lassen werde), so muß die Behauptung

des Referenten in dieser Hinsicht doch wohl auf einem Irrthum beruhen.

Wie komme ich aber nun gar zum zweiten Tadel, ich, der nie, auch nur

halb im Ernste, ein politisches Glaubensbekenntniß von mir gegeben

habe. Daß +der erwähnte Fürst+ durch seine eben angeführte

Aeußerung über die Staatszeitung hinlänglich bewiesen, daß +er+

kein politisches Urtheil besitze, muß auch dem Bornirtesten klar

werden, aber wie komme ich dazu für ihn zu leiden? Ich liebe die

preußische Staatszeitung und ihr Literaturblatt ganz ungemein, ja

ich kann es mit einem körperlichen Eide bekräftigen, daß ich gar

keine andre politische Zeitung in meinem kleinen Hause halte, und

mir es sogar zu einer Art Gesetz gemacht habe, Abends nach des Tages

Last und Hitze nie ohne dieselbe einzuschlafen. Wie viel Belehrung

danke ich ihr aber noch außerdem. So las ich neulich in ihrem

besagten Appendix, dem Literaturblatt, einen Artikel: +Nächtliche

Blindheit+ betitelt, worin diese dem Einfluß des Mondes auf die

Augen zugeschrieben wird, -- denn, setzt der Verfasser hinzu: „Viele

Menschen schlafen +bekanntlich+ mit offnen Augen.“ Ich schämte

mich meiner Unwissenheit, da ich gestehen muß, diesen Umstand bisher

gänzlich ignorirt zu haben, vielmehr glaubte ich nur die Hasen dieses

Kunststückes fähig. Es fällt aber nun wie Schuppen von meinen eignen

Augen, und so manche politische Räthsel werden mir plötzlich gelöst!

Kann man z.B. die Motive einer Regierung, eines Ministers nicht mehr

begreifen, sieht man selbst ein ganzes Collegium wie Blinde handeln --

Was ist der Grund? Der so einfache +bekannte+: Sie schlafen mit

offnen Augen.

Ich hoffe also, die Redaction des Literaturblattes, welche selbst gewiß

nie mit offnen Augen schläft, wird in sich gehen und mich wieder zu

Gnaden annehmen -- oder sollte die Sache vielleicht sich dennoch anders

verhalten? Sollte es vielleicht Leute geben, die sich wirklich ein

wenig vor meinem politischen Urtheil fürchteten und es gern mit guter

Manier im Voraus entkräften möchten? Gott im Himmel weiß Alles -- ich

aber zu wenig!

Um mich indeß für so viel Unbilden an dem Fürsten von Muskau doch

einigermaßen zu erholen, werde ich jetzt wenigstens in so weit das

Vergeltungsrecht üben, daß ich unbedenklich in dem vorliegenden Buche

einen Theil +seiner+ Memoiren unter +meinem+ Namen herausgebe, wo er

dann sehen mag, wie er dabei zurecht kömmt. Bei den Mitteln, die mir

zu Gebote stehen, ist es mir, ohne zu prahlen, ein Leichtes, seinen

Schreibtisch zu öffnen und heraus zu nehmen, was mir beliebt; ja

es möchte ihm sogar schwer werden, mich wegen eines solchen Raubes

zu belangen; denn so sehr auch unsre Justiz Prozesse liebt, hegt

und pflegt, +die+ Klage gegen einen Verstorbenen, den keine Erben

repräsentiren, müßte doch nothgedrungen per ~Decretum~ abgewiesen

werden. Ich wollte zuerst aus Furcht vor französischen Redensarten,

nicht Memoiren, sondern +Denkwürdigkeiten+ sagen, fürchtete aber, damit

nur „noch mehr Rumohr zu machen“ und dann als doppelter Plagiarius

zu erscheinen. Ich wählte daher einen italiänischen Titel. (weil im

Deutschen ohnehin kein neuer mehr zu erfinden ist) und da es heißt:

An deinen Früchten wird man dich erkennen -- so wirst Du, geliebter

Leser, bald inne werden, ob die folgenden Blätter und Früchte wirklich

von mir oder nicht von mir sind.

Geschrieben am 30. October auf dem großen Kirchhofe zu B...,

als der Mond so hell schien wie am Tage, und viele Geister eben

munter aus dem Sande hervorkrochen, um eine Raupach’sche Tragödie

aufzuführen.

* * * * *

+Anmerkung.+ Daß in dem vorliegenden Buche die Orthographie nicht

immer dem Recipirten gemäß ist, geschieht mit Absicht. Wenn ich

z.B. Gebürge statt Gebirge schreibe, so habe ich meine ästhetischen

Gründe dafür. Gebürge malt, meines Erachtens, den Gegenstand

besser, die Hauptqualität, die ein Wort haben kann. Man sieht

bei Gebürge, so zu sagen, dieses schon sich in seinen schönen

Wellenlinien und Massen übereinander thürmen, während Gebirge

dagegen etwas Enges, Gekniffenes hat, was nicht zu dem Bezeichneten

paßt. Um die Etymologie aber bekümmere ich mich wenig.

Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen · 第 6 / 25 题