Vereisungsgebiet, zu, das, ähnlich wie Nordeuropa, unter einer
ungeheuren Decke von Inlandeis begraben war. Beim Rückzug des Eises,
der zur selben Zeit erfolgt sein muß wie in Europa, wurde allmählich
das Gebiet der heutigen großen Seen (Abb. 14) eisfrei; ihr Wasser mußte
dem Meere zu abfließen. Zwischen dem Erie- und dem tiefer gelegenen
Ontariosee bildete sich ein Fluß, der über die dazwischenliegende
Geländestufe hinabstürzte. Das war der Anfang der ~Niagarafälle~. Durch
die ausstrudelnde Wirkung des stürzenden Wassers wurden am Grund des
Falls die weicheren Schichten herausgewaschen, so daß die härteren
nachstürzen mußten (Abb. 15). Auf diese Weise schnitt sich der Fall
immer weiter rückwärts in die Gesteinstafel ein, und auch heute noch
weicht er immer mehr in der Richtung gegen den Eriesee zurück. Er hat
im Laufe der Zeit eine 11,3 km lange Schlucht eingenagt, die in ihren
verschiedenen Teilen die Geschichte ihrer Entstehung noch deutlich
erkennen läßt (Abb. 16). Der Fall war anfangs nur 11 m hoch. Da der
Fluß damals nur den Eriesee entwässerte (die drei andern Seen hatten
noch ihren besonderen Abfluß zum Meer), so betrug seine Wassermenge
nur 15% der heutigen. Die Schlucht war eng, das Zurückweichen erfolgte
langsam und betrug nur etwa 12 cm im Jahr. Nach wechselnden geologischen
Ereignissen kam schließlich das Wasser aller fünf Seen durch den
Niagara zum Abfluß, der gegenwärtig in zwei Fällen, dem schwächeren
amerikanischen und dem Hufeisenfall, 50 ~m~ tief in die Schlucht
stürzt, ein urgewaltiges Naturschauspiel bietend. In dem jüngsten
Teil der Schlucht wurde das jährliche Zurückweichen des Falls zu 1,37 m
berechnet. Eine Reihe von Geologen (~Spencer~, ~Taylor~, ~Gilbert~) hat
auf Grund aller Einzelheiten im Ablauf der geologischen Ereignisse die
Zeit zu berechnen versucht, die der Niagara zur Eintiefung der ganzen
Schlucht benötigte; sie erhalten Zahlen, die sich zwischen 20000 und
40000 Jahren, im Mittel um 30000 Jahre bewegen. So lange schon muß
demnach die Gegend des Erie- und Ontariosees vom Eise verlassen sein.
[Illustration: Abb. 14.]
[Illustration: Abb. 15. Ausstrudelnde Wirkung
des Wassers der Niagarafälle.]
[Illustration: Abb. 16. Schlucht des Niagaraflusses.]
Die Zahlen stimmen ungefähr mit dem Ergebnis der Berechnungen überein,
die wir für die Zeit seit dem Abschmelzen der Gletscher im europäischen
Vereisungsgebiet ausgeführt haben; allerdings scheint sich ein etwas
höherer Wert zu ergeben, als wir ihn für das Alter der baltischen
Endmoränen und des Bühlvorstoßes gewonnen haben; dies erklärt sich
vielleicht so, daß die Gegend des Erie- und Ontariosees schon vor der
Bühlzeit vom Gletscher verlassen wurde.
Durch all diese Berechnungen, die sich bis jetzt nur auf die Spät-
und Nacheiszeit bezogen haben, werden wir aber ganz von selber
weitergeführt zur nächsten Frage: Wie erhalten wir Alterszahlen für
die ~ganze Eiszeit~? Je weiter wir zurückgehen, um so schwieriger wird
unsere Aufgabe, und es ist leicht verständlich, daß es so sein muß: Das
uns zeitlich Nächstliegende übersehen wir mit all seinen Einzelheiten
am besten und klarsten. Je weiter wir uns von der Gegenwart entfernen,
um so lückenhafter werden unsere Kenntnisse, um so stärker sind die
Ablagerungen umgewandelt oder gar teilweise schon wieder abgetragen.
~Penck~, der Erforscher der „Alpen im Eiszeitalter“, geht bei der
Berechnung folgendermaßen vor: Er weist darauf hin, daß die Flüsse
in der Nacheiszeit und in den verschiedenen Zwischeneiszeiten eine
riesige Arbeit geleistet haben. Sie haben die Moränen zum großen
Teil aufgearbeitet und mächtige Schottermassen aufgeschüttet, die als
Deckenschotter und Terrassenschotter dem Geologen bekannt sind. In den
verschiedenen Zwischeneiszeiten und der Nacheiszeit konnte auch die
Verwitterung auf die verschiedenen Eiszeitablagerungen einwirken und
sie der Länge der Zeit entsprechend mehr oder weniger tief angreifen.
Nach dem Maß der von den Flüssen in der Spät- und Nacheiszeit
geleisteten Aufschüttungsarbeit und der Stärke der Verwitterung
versucht nun Penck, Verhältniszahlen für die Dauer der verschiedenen
Zeiten zu gewinnen. Er kommt zu folgendem Ergebnis: Nimmt man die Zeit
seit dem Bühlvorstoß, die wir kurz als Nacheiszeit im weiteren Sinn
bezeichnen wollen, als Einheit, so war die Riß-Würm-Zwischeneiszeit
etwa dreimal so lang, die Mindel-Riß-Zwischeneiszeit etwa zwölfmal so
lang, die Günz-Mindel-Zwischeneiszeit wieder etwa dreimal so lang wie
die Nacheiszeit. Die Zeitdauer aller Zwischeneiszeiten beträgt somit
das 18fache der Nacheiszeit. Gewiß hat sich auch jedesmal das Eis bei
seinem Vorstoß einige Zeit auf dem höchsten Stand gehalten. Setzt man
für diese eigentlichen Eiszeiten ungefähr das Sechs- bis Achtfache der
Nacheiszeit an, so kommt man für die ganze Eiszeit auf das 25fache
dieser Zeit. Nun haben wir für die Zeit seit dem Bühlvorstoß die
Zahl von 20000 Jahren errechnet; wir kommen damit für die Dauer der
ganzen Eiszeit auf rund 500000 Jahre.[5] Diese Zahl wird zurzeit von
den meisten Forschern für ungefähr richtig gehalten, ob sie nun die
nordeuropäischen (~Werth~, ~Olbricht~), die alpinen (~Penck~), oder die
nordamerikanischen Eiszeiterscheinungen (~Grabau~) untersuchen. Penck,
dem wir bisher in der Hauptsache gefolgt sind, ist allerdings eher
geneigt, die Zahl noch etwas höher anzunehmen und sie auf ½-1 Million
Jahre zu schätzen.
[5] Vergleiche hierzu nochmals die Abb. 4, die auf Grund
dieser Annahmen gezeichnet ist. Sie versucht, den
ganzen Ablauf der Eiszeit in richtigen Zeitverhältnissen
darzustellen.
Leider haben die Alterszahlen für die ganze Eiszeit nicht mehr
denselben Grad von Zuverlässigkeit wie die für die Nacheiszeit
berechneten. Wenn wir für die Zeit seit der Aufschüttung der
baltischen Endmoränen mit gutem Gewissen sagen können, daß sie von den
angenommenen 20000 Jahren nicht mehr als um ein Viertel nach oben oder
unten abweichen wird, so schwanken unsere Vorstellungen über die Länge
der ganzen Eiszeit schon zwischen viel weiteren Grenzen. Mit recht
großer Sicherheit können wir jedoch sagen, daß sie zwischen die Grenzen
von 200000 und 1000000 Jahren einzuschließen ist. Das Verfahren,
das wir bei diesem Übergang auf die ganze Eiszeit angewandt haben,
bezeichnet der Mathematiker als ~Extrapolation~. Er versteht darunter
den Versuch, von dem bekannten Verlauf einer Kurve zwischen zwei
gegebenen Punkten auf ihren Verlauf außerhalb dieses bekannten Teils
zu schließen. In derselben Lage ist der Geologe: Von der recht gut
bekannten Nacheiszeit ausgehend, schließt er auf den außerhalb dieser
Zeit liegenden Verlauf der Eiszeitkurve.
Jede neue Erkenntnis hilft weiter, sie wirft auch Licht auf andere
Probleme. Wir wissen jetzt ungefähr, wie lange die Eiszeit gedauert
hat, und damit vermögen wir an eine Frage heranzugehen, die den
Menschen beschäftigt, seit er Erdgeschichte treibt, und die ihm bis zu
ihrer vollständigen Lösung keine Ruhe lassen wird. Es ist die Frage:
~Wie alt ist der Mensch?~ Vor wieviel Jahren hat es zum erstenmal Wesen
auf der Erde gegeben, die wir menschlich nennen müssen? Kein Wunder,
daß den Menschen diese Frage besonders interessiert, ist er doch an
ihr nicht nur rein wissenschaftlich, sondern sozusagen persönlich
beteiligt. Leider sind wir aber zurzeit noch weit davon entfernt,
die Antwort mit der wünschenswerten Bestimmtheit geben zu können.
Um das absolute Alter des Menschengeschlechts zu berechnen, müßten
wir zuerst sein relatives geologisches Alter einwandfrei kennen. Wir
wissen jedoch nicht einmal, ob der Mensch schon im Tertiär gelebt hat
oder ob er erst mit der Eiszeit auftrat. Körperliche Überreste des
Menschen sind in Tertiärschichten zwar noch nicht gefunden worden, wohl
aber Feuersteine, aus deren Gestalt viele Forscher schließen wollen,
daß sie künstlich bearbeitet worden seien. Wären diese „~Eolithen~“
wirklich absichtlich geformte Werkzeuge und nicht bloße Naturprodukte,
so könnte ihre Herstellung nur durch ein vernunftbegabtes, in
geistiger Hinsicht also menschenähnliches Wesen erfolgt sein. Über
die körperliche Beschaffenheit eines solchen Vorfahren des Menschen
können wir nichts aussagen, wenn wir ihn nicht am Ende in einem Fund
vor uns haben, der 1911 bei Piltdown in England gemacht wurde. Hier
wurden ein Schädeldach und der Teil eines Unterkiefers gefunden,
über die zunächst ein heftiger Streit entbrannte, ob sie von ~einem~
Lebewesen stammten oder zwei Wesen, der Schädel einem Menschen, der
Unterkiefer einem Schimpansen, angehört hätten. Neuerdings vergrößerte
sich die Wahrscheinlichkeit sehr stark, daß es sich um die Überreste
eines einzigen Wesens handle, welches demnach anatomische Merkmale
des Menschen und des Affen in sich vereinigt hätte. Leider läßt sich
das geologische Alter der Lagerstätte, in welcher der _Eoanthropus
Dawsoni_ (Dawsons „Mensch der Morgenröte“) gefunden wurde, nicht
genau bestimmen. Wenn die Vermutung zutrifft, daß die Schichten in den
letzten Zeiten des Tertiärs oder auf der Grenze von Tertiär und Eiszeit
gebildet worden seien, so hätten wir hier den ältesten Rest eines
menschenähnlichen Wesens vor uns; sein Alter könnte auf ½-1 Million
Jahre, vielleicht sogar noch höher, angesetzt werden.
Der älteste ganz sichere Menschenfund stammt von Mauer bei Heidelberg
aus Schottern und Sanden einer alten, vom Fluß schon längst verlassenen
Neckarschlinge. Leider ist es auch ein kümmerlicher Rest, nur ein
Unterkiefer, der aber gut erhalten ist und außerordentlich interessante
Merkmale aufweist. Ungeheuer stark und massig, ohne Kinn, muß er einem
Wesen gehört haben, das noch recht roh und tierisch ausgesehen haben
mag; die Form der Zähne ist jedoch durchaus menschlich. Auch das
Alter des _Homo Heidelbergensis_ ist nicht mit völliger Sicherheit
bekannt. Es läßt sich immerhin sagen, daß er der ersten oder zweiten
Zwischeneiszeit angehören muß; die übrigen Fossilreste, die in
den Sanden gefunden wurden, sprechen für die erste (Günz-Mindel-)
Zwischeneiszeit. Das würde dem Menschen von Heidelberg auf alle
Fälle ein Alter von mehreren Jahrhunderttausenden sichern. Erst in
jüngeren Ablagerungen der Eiszeit werden die Überreste des Menschen
häufiger, zugleich auch die Zeugnisse seiner Kunstfertigkeit:
Feuersteinwerkzeuge, aus denen wir uns ein Bild der Kulturentwicklung
machen können. Nach dem Fortschritt in der Verarbeitung der
Feuersteine sind eine Reihe von Kulturstufen aufgestellt worden.
Vielleicht war der Heidelberger Mensch Träger der ersten Stufe der
älteren Steinzeitkultur; für die späteren Stufen dieser Epoche war
es die bekannte ~Neandertalrasse~, von der Überreste aus der letzten
Zwischeneiszeit in guter und vollständiger Erhaltung gefunden wurden.
Diese Menschenreste haben demnach ein Alter von 50000-100000 Jahren.
Gegen das Ende der letzten Eiszeit wurde dann die Neandertalrasse von
Menschen abgelöst, die man anatomisch kaum mehr vom heute lebenden
Europäer unterscheiden kann. Zusammenfassend können wir also sagen,
daß das Auftreten des Menschen nach dem heutigen Stand unserer
Kenntnisse ungefähr mit dem Beginn der Eiszeit zusammenfällt; sein
Alter wird also rund ½-1 Million Jahre betragen. Die ersten Stufen
der Kulturentwicklung müssen ungeheuer lange Zeiträume umfaßt haben.
Die ältere Steinzeit reicht in unseren Gegenden bis ungefähr zum
Jahre 10000 v. Chr., sie hat also gewiß mehrere hunderttausend Jahre
gedauert, während die jüngere Steinzeit nur wenige Jahrtausende umfaßt
und die Metallzeit, in der wir jetzt stehen, erst auf ein Alter von
etwa 3-4 Jahrtausenden zurückblicken kann. Es sind merkwürdige und
unerwartete Verhältnisse, in die wir durch die geologische Zeitmessung
einen Einblick gewinnen.
Noch an eine andere Frage können wir nach dem, was wir über den Verlauf
der Eiszeit erfahren haben, herantreten. Es ist die Frage: An was für
einem Punkt der geologischen Entwicklung stehen wir heute? ~Haben wir
die Eiszeit endgültig hinter uns gelassen~ und können wir ohne Sorge
für kommende Generationen in die Zukunft schauen? Oder sind wir am Ende
nur in einer Zwischeneiszeit, der nach einer Reihe von Jahrtausenden
wieder eine neue Vereisung folgen wird? Auch zur Beantwortung
dieser Frage reichen unsere Kenntnisse nicht aus. Um sie sicher
und entscheidend beantworten zu können, müßten wir die Ursache der
mehrmaligen Vereisung kennen. Wir könnten dann feststellen, ob diese
Ursache endgültig oder nur zeitweilig weggefallen ist, und damit die
fernere Entwicklung voraussagen. Von einer Einsicht in die Ursachen der
Eiszeit sind wir jedoch meilenweit entfernt, und über den zukünftigen
Verlauf der Klimakurve können wir höchstens Vermutungen äußern. Da
wir das innere Gesetz der Kurve in Abb. 4 nicht kennen, so wissen wir
nicht, wie sie in den nächsten Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden
nach links weiter verlaufen wird. Sie kann auf der heutigen Höhe
bleiben oder sogar noch etwas steigen, sie kann sich aber früher oder
später auch wieder nach unten senken. Es ist möglich, daß wir über die
große Eiszeit endgültig hinweg sind, es ist ebenso denkbar, daß wir in
einigen Jahrzehntausenden wieder einer neuen Vereisung unterliegen.
Auf alle Fälle aber gibt uns die kurze Zeit seit dem Abschmelzen der
Eismassen auf ihren heutigen Stand -- es mögen 11000 Jahre sein --
nicht das Recht zu der Behauptung, daß die Gefahr endgültig vorbei sei.
Ist ja allein die letzte Zwischeneiszeit nach den Forschungen Pencks
dreimal, die vorletzte zwölfmal so lang gewesen wie die Spät- und
Nacheiszeit. Die Klimaschwankungen, die wir auch in der Jetztzeit noch
beobachten, und die zu einem zeitweiligen Vorrücken oder Zurückweichen
der heutigen Gletscher führen, sind zu unbedeutend in ihrer Auswirkung
und zeitlichen Dauer, als daß wir daraus irgendwelche Prophezeiungen
ableiten könnten. Die Menschheit geht also einer recht unsicheren
Zukunft entgegen, und es liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit,
daß in einigen Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden die Gletscher
Skandinaviens wieder zu wachsen beginnen, von den Höhen herabfließen,
die ganze Halbinsel bedecken, über die Ostsee schreiten und in das
blühende norddeutsche Land einbrechen, alles zerstörend und unter
starren Eismassen begrabend. Es ist nur gut, daß wir Menschen von heute
uns noch keine Sorgen darüber zu machen brauchen.
Nach diesen Betrachtungen soll es aber mutig noch weiter zurückgehen
in die geologische Vorzeit. In der Eiszeit fühlt sich der Geologe
immer noch ganz nahe der Gegenwart. Ihre Lebewesen sind fast alle
heute noch vorhanden, die Tier- und Pflanzenwelt zu Beginn der Eiszeit
unterscheidet sich kaum wesentlich von der heutigen. Je weiter wir
jedoch zurückschreiten, um so fremdartiger wird die Lebewelt, die
wir in versteinerten Überresten vorfinden. Die Methode, mit der wir
auch für frühere Perioden Alterszahlen gewinnen wollen, ist dieselbe,
mit der wir von der Nacheiszeit aus den Übergang auf die ganze
Eiszeit vollzogen haben: Wir schätzen das Verhältnis der Zeitdauer
verschiedener Perioden ab und kommen dann unter Verwendung der zuerst
gefundenen absoluten Zahlen auf ihren zeitlichen Abstand von der
Jetztzeit. Diese Art der Altersberechnung soll zunächst für das Tertiär
durchgeführt werden. ~Penck~ hat einen Weg hierfür angegeben. Er erhält
durch Abschätzung der geologischen Arbeit und der Entwicklung der
Lebewesen Vergleichszahlen für die Dauer von Eiszeit und Tertiär. Für
das Pliozän nimmt er die 3-4fache, für das Miozän die 6-8fache Dauer
der Eiszeit an. Wird diese zu ½ Million Jahre angesetzt, so erhalten
wir für Miozän und Pliozän die Dauer von 4½-6 Millionen Jahren.
Ohne Zweifel sind Oligozän und Eozän, denen von den Nordamerikanern
neuerdings noch ein Paleozän vorausgestellt wird, zusammen mindestens
doppelt so lang. Das ganze Tertiär würde demnach einen Zeitraum
von 13½-18 Millionen Jahren umfassen. Dabei wurde jedoch mit einem
Mittelwert der Eiszeit gerechnet; setzt man auch die Grenzwerte von
200000 und 1000000 Jahren in die Rechnung ein, so erhält man für das
Tertiär Werte zwischen 5 und 36 Millionen Jahren.
Auf andere Weise ging ~Lyell~ vor. Um Verhältniszahlen zu finden,
untersuchte er, wieviele von den Muschelarten der verschiedenen
Schichten des Tertiärs sich bis heute erhalten haben, wieviele dagegen
ausgestorben sind. Seit Beginn der Eiszeit sind nur wenige Prozent
verschwunden, seit Beginn des Miozäns oder gar des Eozäns dagegen sehr
viele. Durch genaue Zählungen der noch lebenden und der ausgestorbenen
Formen kam Lyell zu der Annahme, der Beginn des Untermiozäns müsse
20mal so weit zurückliegen wie der Beginn der Eiszeit, der Beginn des
Eozäns sogar 60mal so weit. Die Dauer des Tertiärs würde also 12-60
Millionen Jahre betragen, der wahrscheinlichste Mittelwert wäre 30
Millionen Jahre.
Ganz ähnlich verfuhr ~Matthew~, ein amerikanischer Säugetierforscher,
der die Entwicklung der Pferde zur Gewinnung eines Verhältnismaßstabs
benützte. Die Stammesgeschichte des Pferdes ist ja von jeher eines der
„Paradepferde“ der Entwicklungslehre gewesen. Aus den versteinerten
Überresten läßt sich eine fast lückenlose Reihe verschiedener Formen
bilden, die, von einem fünfzehigen Ahnen ausgehend, unter allmählicher
Rückbildung der äußeren Zehen und immer stärkerer Ausbildung der
mittleren Zehe zum heutigen Pferd führt. Matthew versuchte nun, die
Unterschiede zwischen den einzelnen Formen dieser Entwicklungsreihe
in ein zahlenmäßiges Verhältnis zu bringen und kam dabei zu der
Aufstellung folgender Tabelle:
_Equus caballus_ Gegenwart
1
_Equus Scotti_ Beginn der Eiszeit
10
_Hipparion_ Pliozän
10
_Meryhippus_ Obermiozän
15
_Parahippus_ Untermiozän
5
_Miohippus_ Oberoligozän
5
_Mesohippus_ Unteroligozän
15
_Epihippus_ Obereozän
10
_Orohippus_ Mitteleozän
10
_Eohippus_ Untereozän.
Wir lesen aus ihr folgendes heraus: der Unterschied zwischen dem heute
lebenden Pferd (_Equus caballus_) und dem Pferd, das zu Beginn der
Eiszeit lebte (_Equus Scotti_), ist recht gering; er werde = 1 gesetzt.
Viel stärker ist _Equus Scotti_ von seinem Vorfahren im Pliozän, dem
_Hipparion_ verschieden. Ihr Unterschied kann der Zahl 10 gleichgesetzt
werden; die Entwicklung von _Hipparion_ zu _Equus Scotti_ muß daher
10mal so lang gedauert haben wie die von _Hipparion_ zu _Meryhippus_,
während dessen Unterschied von _Parahippus_ mindestens 15 Einheiten
beträgt. Die Zahlen der Tabelle geben also Verhältnisgrößen für die
Unterschiede der einzelnen Formen und damit für die Zeitdauer der
Einzelentwicklungen. Das Ergebnis ist, daß seit dem Untereozän etwa
80mal so viel Zeit verstrichen ist wie seit dem Beginn der Eiszeit. Das
ganze Tertiär (einschließlich des Paleozäns) wäre etwa das 100fache
dieser Zeit. Die Einsetzung der Zahlen für die Eiszeit ergibt also
eine Dauer des Tertiärs von 20-100 Millionen Jahren, der Mittelwert
wäre 50 Millionen Jahre. Nun liegt allerdings der Rechnung die
Voraussetzung zugrunde, daß sich die Entwicklung der Pferde während
des ganzen Tertiärs in demselben Tempo vollzogen habe wie seit dem
Beginn der Eiszeit, daß also die „biologische Uhr“, wie wir sie
heißen wollen, einen gleichmäßigen Gang aufweise. Das ist gewiß nicht
selbstverständlich. Es gibt Stämme im Tierreich, die sich zu gewissen
Zeiten ungeheuer rasch entwickelt haben und dann wieder lange Zeit
in der Entwicklung scheinbar still gestanden sind. Was die Ursachen
derartiger Vorgänge sind, wissen wir nicht; Lebewesen sind eben keine
mathematisch berechenbaren Uhrwerke. Außerdem fällt es natürlich sehr
schwer, die Unterschiede von Lebensformen in Zahlen zu fassen. Es
muß aber doch gesagt werden, daß der Stammbaum der Pferde eine solch
ruhige, konsequente und zielsichere Entwicklung aufweist, daß die
Berechnungen Matthews sicher nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen
sind.
Für das Tertiär berechnet also Penck einen Mittelwert von 15 Millionen
Jahren, nach Lyell ergeben sich etwa 30 Millionen Jahre, nach Matthew
50 Millionen Jahre; die äußersten Grenzwerte aller Berechnungen
betragen 5,4-100 Millionen Jahre. Es zeigt sich damit die Erscheinung,
die schon einmal kurz gestreift wurde: Zu der Unsicherheit der
Ausgangszahl kommt die Unsicherheit der Verhältniszahlen hinzu,
und durch Multiplikation rücken die Grenzen, zwischen denen die
wirkliche Zahl liegen muß, immer weiter auseinander. Mit jedem neuen
Rückwärtsschreiten wird die ganze Rechnung unsicherer. Immerhin können
wir mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß die Zeitdauer des
Tertiärs jedenfalls schon nach Zehnern von Jahrmillionen zu bemessen
ist. Mit 20-40 Millionen Jahren werden wir von der Wahrheit nicht
allzuweit entfernt sein.
Den Abschluß der Berechnungen soll der ~Übergang vom Tertiär auf
die ganze Reihe der übrigen Formationen~ bilden. Schon ~Lyell~, der
Begründer der modernen Geologie, hat diesen weiteren Schritt gewagt.
Er erhielt für das Unterkarbon ein Alter von 160 Millionen Jahren, für
das Unterkambrium ein solches von 240 Millionen Jahren. ~Dana~ stellte
für die Zeitdauer der einzelnen Formationen folgende Verhältniszahlen
auf: wird das Tertiär zur Einheit genommen, so sind Kreide, Jura
und Trias je etwa ebenso lang, die mesozoische Periode dauerte also
dreimal so lang wie das Tertiär. Perm und Karbon entsprechen in ihrer
Zeitdauer ebenfalls dem Tertiär, dagegen war das Devon zweimal, Silur
und Kambrium je viermal so lang. Die ganze paläozoische Periode umfaßt
daher das 12fache, die Erdgeschichte seit Beginn des Kambriums etwa
das 16fache der Zeitdauer des Tertiärs. Setzen wir für das Tertiär den
Mittelwert von 30 Millionen Jahren, so ergibt dies für das Alter der
ältesten kambrischen Schichten 480 Millionen Jahre.
Etwas andere Verhältniszahlen gibt ~Walcott~ an. Er setzt für
das Tertiär 1, für das Mesozoikum 2,5, für das Paläozoikum 6; die
Erdgeschichte seit dem Kambrium entspricht also der Zahl 9-22, und für
das Alter des Kambriums würden sich 285 Millionen Jahre ergeben. Ganz
ähnliche Zahlen wie Dana nennt ~Häckel~. Er setzt für die Zeit seit dem
Beginn des Lebens bis heute die Zahl 100. Davon entfallen auf die Zeit
bis zum Beginn des Kambriums 52 Teile, auf das Paläozoikum 34 Teile,
das Mesozoikum 11 Teile, auf das Tertiär 3 Teile, die Eiszeit 0,1 Teil.
Das ergibt für das Alter des Kambriums etwa 480 Millionen Jahre. Die
Zeit, die vor Beginn des Lebens verflossen ist, wollen wir für die
Berechnung außer Betracht lassen.
Fassen wir die verschiedenen Ergebnisse zusammen, so erhalten wir,
von dem Wert von 30 Millionen Jahren für das Tertiär ausgehend, einen
Zeitraum von 285-480 Millionen Jahren, von den Grenzwerten (5,4 und 100
Millionen Jahren) ausgehend 50-1600 Millionen Jahre seit dem Beginn des
Kambriums.