Bei den Veränderungen in der Gestalt der Erdbahn setzt nun eine Theorie

ein, die von ~Croll~ begründet wurde. Er führt dabei ungefähr folgenden

Gedankengang durch: Im Maximum der Exzentrizität, das heißt zu der

Zeit, in der die Bahnellipse am stärksten von der Kreisform abweicht,

besteht ein großer Unterschied in der Dauer der Jahreszeiten. Nach

dem zweiten Keplerschen Gesetz muß sich die Erde in der Sonnennähe

rascher bewegen als in der Sonnenferne. Für die Erdhälfte, die in

der Sonnennähe Sommer hat, ist diese Jahreszeit zwar sehr heiß, sie

eilt aber rasch vorbei; das Winterhalbjahr dauert 36 Tage länger

als das Sommerhalbjahr. Dabei ist der Winter in der Sonnenferne

außerordentlich kalt und streng. Gegenwärtig befinden wir uns in einer

Periode schwacher Exzentrizität, die Erdbahn ist beinahe kreisförmig,

und Winter- und Sommerhalbjahr unterscheiden sich daher nur um acht

Tage. Der Wechsel der Exzentrizität vollzieht sich in einer Periode

von mehreren hunderttausend Jahren. Nun lehrt Croll: Ein Maximum der

Exzentrizität hat für die Erde jedesmal eine Eiszeit zur Folge. In dem

langen, kalten Winter, den diese Periode für eine Halbkugel mit sich

bringt, sammelt sich so viel Schnee und Eis an, daß auch der folgende

kurze und heiße Sommer sie nicht zum Verschwinden bringen kann. Im

nächsten Jahr verstärkt sich noch diese Wirkung, die Jahr für Jahr

weiter zunimmt und schließlich zur Vereisung führt. Währenddessen

hat zwar die andere Erdhälfte recht günstige Verhältnisse: kurze,

warme Winter und lange, kühle Sommer. Aber in der zweiten Hälfte

der Präzessionsperiode, nach 10500 Jahren,[4] beginnt für sie die

ungünstige Wärmeverteilung, während die erste Halbkugel sich auch

in der für sie günstigen Zeit nicht von der angefangenen Vereisung

erholen kann. Erst wenn die Erdbahn wieder mehr kreisförmig wird,

geht die Vereisung zurück und verschwindet schließlich ganz. Ein

Maximum der Exzentrizität mit seinen großen Gegensätzen in der Dauer

der Jahreszeiten hat also eine Eiszeit zur Folge, das Minimum mit der

gleichmäßigen Verteilung der Wärme eine Zwischeneiszeit. Die Periode,

in der der Wechsel vor sich geht, läßt sich berechnen; die vorletzte

Eiszeit müßte nach Croll in den Jahren 980000-720000, die letzte in den

Jahren 240000 bis 80000 vor unserer Zeitrechnung gewesen sein.

[4] Infolge der Verschiebung des Punkts der Sonnennähe

verkürzt sich die Periode der klimatischen Einwirkung von

26000 auf 21000 Jahre.

Das sind die Grundgedanken der Crollschen Theorie; sie ist geistreich

und scharfsinnig, aber leider nicht zu halten. Wenn sie richtig wäre,

so müßten ja in der ganzen Erdgeschichte regelmäßig Eiszeiten und

Zwischeneiszeiten einander ablösen. Nun hat es wohl schon in früheren

Perioden der Erdgeschichte Eiszeiten gegeben; die letzte große Eiszeit

aber setzt nach einer langen Periode mit warmem, ja heißem Klima

beinahe unvermittelt mit ihrer Kälte ein. Kein Geologe wird außerdem

die Jahreszahlen, die Croll errechnet, für richtig halten können;

das werden uns spätere Ausführungen zur Genüge beweisen. Es kann mit

aller Bestimmtheit gesagt werden, daß das Ende der letzten Eiszeit

nicht 80000 Jahre, sondern nur wenig mehr als 10000 Jahre hinter der

Gegenwart zurückliegt. Die klimatischen Grundlagen der Theorie sind

sogar so unsicher, daß neuerdings ein Forscher (~Hildebrand~) beweisen

wollte, daß die Eiszeit in das Minimum der Exzentrizität fallen

müsse! Schließlich hat Croll noch eine Reihe von meteorologischen

Faktoren unberücksichtigt gelassen, die von ~Pilgrim~ in einer

genauen mathematischen Nachprüfung der Theorie sorgfältig in die

Rechnung eingestellt wurden. Aber auch sie vermochte die schweren

Bedenken gegen die ganze Theorie nicht zu beheben; unser Urteil kann

nur das eine sein, daß für die Gewinnung genauer Alterszahlen die

astronomischen Theorien z. B. ausscheiden müssen. Wenn wir trotzdem

die Crollsche Theorie in den Kreis unserer Betrachtungen gezogen haben,

so hat das seinen Grund darin, daß sie ein wunderschönes Beispiel für

eine Zeitmessung nach dem Prinzip der Pendeluhr darstellt. Wie das

Pendel unter der Einwirkung der Schwerkraft rhythmisch hin und her

schwingt, so verändert sich unter dem Einfluß derselben zwischen den

Weltkörpern wirkenden Anziehungskraft die Bahn unserer Erde. Es ist ein

geheimnisvoll großartiges Bild, wie die Bahnellipse unseres Gestirns

nicht fest und starr im Weltraum liegt, sondern wie sie pulsiert,

sich abflacht und wieder rundet, wie die Erdachse nicht ständig auf

denselben Punkt des Fixsternhimmels weist, sondern langsam und gemessen

als Kreiselachse ausweicht und in der Periode von 26000 Jahren ihre

Präzessionsbewegung ausführt. Es ist tatsächlich der Pendelschlag

der Weltuhr, der sich hier vor unserem Geistesauge vollzieht:

Rhythmische Bewegung unter dem Zwange der Schwerkraft. Aber leider

ist unsere Weltuhr recht unvollkommen. Die irdische Pendeluhr besitzt

außer dem schwingenden Zeitmesser ein Zählwerk, das mit kunstvoll

ineinandergefügten Rädern die Zahl der Schwingungen auf dem Zifferblatt

sichtbar in die Erscheinung treten läßt. Unsere Weltpendeluhr schlägt

wohl, aber ob und wie sie zählt, das ist uns noch ein Rätsel. Wohl

konnte der Mensch vermuten, in den rhythmisch sich folgenden Eiszeiten

ihre Schläge zu erkennen. Genauere Überlegung und Nachprüfung läßt

uns jedoch diese Annahme wieder verwerfen. Vielleicht ist auch der

Einfluß jener astronomischen Vorgänge viel zu geringfügig, um sich

deutlich sichtbar in Erscheinungen der Erdoberfläche auszuwirken.

Wir gehen daher von den weltumfassenden Theorien über die Eiszeit

zur geologischen Einzelforschung über, die aus der peinlich genauen

Untersuchung der Erdrinde ihre Schlüsse über die Dauer geologischer

Zeiträume zu ziehen versucht.

[Illustration: Abb. 6. Das Abschmelzen des Eises in Skandinavien.

Das Stirnende des Gletschers ragt noch in das „Noldiameer“.

Nach de Geer aus Kayser, Lehrbuch der Geologie.]

Während der letzten Eiszeit lag die skandinavische Halbinsel ganz unter

einem riesigen Eisschild verborgen, der vom Kamm des Gebirges aus bis

weit nach England, Deutschland und Rußland hinein sich ausgebreitet

hatte und der mit dem Wärmerwerden des Klimas langsam wieder

abschmolz, sich auf seinen Ausgangspunkt, die Eisscheide, zurückzog und

schließlich ganz verschwand. Einem schwedischen Geologen, ~de Geer~,

fiel schon 1878 auf, daß fast das ganze Gebiet der früheren Vereisung

zu oberst von einem Ton bedeckt ist, der ganz regelmäßig gebänderte

Schichtung aufweist. Die Frage war: Wie sind diese Bändertone

entstanden, und wie erklärt sich ihre Schichtung? Die Schichten

der Tone sind vollständig ungestört, der Gletscher konnte also

nicht mehr über sie hinweggegangen sein. Mannigfache Untersuchungen

machten es allmählich zur Gewißheit, daß sie im Zusammenhang mit dem

abschmelzenden Eis in einem Meer zum Niederschlag gekommen waren.

Als die Eisdecke abschmolz, lag das Land noch unter dem Meeresspiegel,

das Stirnende des Gletschers ragte ins Meer hinein (Abb. 6); auf der

Oberfläche des Eises sank das Schmelzwasser in Spalten und Rissen

in die Tiefe, bahnte sich unterhalb des Gletschers seinen Weg zum

Eisrand und führte dabei die leichter ausschwemmbaren Bestandteile der

Grundmoräne, Ton und Sand, mit sich. Wo nun dieser Schmelzwasserstrom

unter dem Eis hervor ins Meer mündete, da riß er den Sand noch eine

kurze Strecke mit sich, um ihn dann liegen zu lassen; die feineren

Tonbestandteile wurden erst weiter draußen abgelagert. Im Winter

bildeten sich im allgemeinen infolge der geringeren Menge des

Schmelzwassers feinkörnige, hauptsächlich tonige Niederschläge, die

durch organische Beimengungen dunklere Färbung annahmen, im Frühjahr

und Sommer, wo die stärksten Wassermengen arbeiteten, waren die

Niederschläge sandiger und von heller Farbe. Im nächsten Jahr kam

im Wechsel der Jahreszeiten eine weitere Schicht Ton und Sand zur

Ablagerung, die aber infolge des Zurückweichens des Gletschers nach

Norden so viel weiter nördlich anfing, als der Gletscher im Lauf des

Jahres zurückgewichen war und ebensoviel weiter nördlich auch wieder

aufhörte (vgl. Abb. 7).

Jahr für Jahr bildete sich also eine neue Schicht; alle Schichten,

abwechselnd aus dunklen und helleren Lagen von Ton und Sand bestehend,

mußten sich dachziegelförmig übereinander lagern, jede folgende weiter

im Norden beginnend. Die wunderbar deutlich ausgeprägten Schichten der

Bändertone hängen also mit der Periode des Jahres zusammen, sie stellen

nichts anderes als ~Jahresringe~ dar.

[Illustration: Abb. 7. Bildung der Bändertone.]

Nun handelte es sich aber noch darum, die Zahl all dieser

Jahresschichten, die über ganz Schweden weg sich ausbreiteten, zu

bestimmen; damit mußte man die Frage beantworten können, wie lange

der Gletscher zu ihrer Bildung gebraucht hatte, von der Zeit an, da

er noch an der Spitze Schonens stand bis zu dem Augenblick, da sein

letzter Rest auf der Eisscheide vollends abschmolz. Es winkte also

die Möglichkeit, durch die Zählung der Schichten die Zahl der Jahre

zu bestimmen, die der Gletscher zum Zurückweichen von Schonen bis

zur Eisscheide nötig gehabt hatte. Das war keine leichte Aufgabe,

denn es handelte sich ja um Schichten, die nirgends zusammenhängend,

sondern immer nur an einzelnen Punkten aufgeschlossen waren. Man hätte

daran denken können, von Süden nach Norden einen großen Einschnitt

herzustellen, und damit nach Art des Bildes 6 einen zusammenhängenden

Aufschluß in den Bändertonen zu schaffen, längs dessen man die Zahl

der Schichten in der schönen dachziegelartigen Überlagerung leicht

hätte feststellen können. Daß dies ein ungeheuer kostspieliges

Riesenwerk hätte sein müssen, leuchtet ohne weiteres ein. De Geer

fand einen einfacheren Weg. In zahlreichen einzelnen Aufschlüssen,

in Tongruben, Ziegeleien, Eisenbahneinschnitten wurde von ihm und

seinen Schülern, die er sich zur Mitarbeit heranzog, in den Jahren

1905 und 1906 die Mächtigkeit der einzelnen Schichten genau mit dem

Meßband gemessen. Es zeigte sich bald in benachbarten Aufschlüssen,

daß die Mächtigkeitsverhältnisse aufeinanderfolgender Schichten in

allen Profilen sich gleich blieben. Das ist auch leicht verständlich

und erklärbar, denn das eine Jahr brachte mehr Wasser und damit auch

mehr Sand und Ton mit als das andere. Die Abb. 8 und 9 sollen das

Verfahren de Geers erklären. In den Punkten A, B und C der Karte wurde

die Dicke der einzelnen Tonschichten gemessen, die Mächtigkeiten wurden

in einzelnen übereinander angeordneten wagrechten Linien graphisch

dargestellt und die Endpunkte miteinander verbunden, so daß sich für

die drei Punkte die Bilder Nr. 9 ergaben.

[Illustration: Abb. 8. Zurückweichen des Eises in der Gegend

von Stockholm. Nach de Geer.]

Es zeigte sich, daß die Schichten 1-19 des Punktes B in ihren

Mächtigkeitsverhältnissen genau den Schichten 4-22 des Punktes A

entsprachen; diese Schichten waren also in gleichen Jahren gebildet

worden und mußten einander gleichgestellt werden. Im Profil B fehlten

die drei untersten Schichten des Profils A, das Eis hatte somit zum

Zurückweichen von A nach B den Zeitraum von drei Jahren gebraucht.

Ebenso entsprachen die Schichten 1-18 des Profils C deutlich den

Schichten 7-24 des Profils B, es fehlten also im Profil C die sechs

untersten Schichten von B; das Eis hatte somit sechs Jahre zum Rückzug

von B nach C gebraucht. Durch Aufnahmen einer größeren Anzahl von

Schichtprofilen konnte auf diese Weise genau das Zurückweichen des

Gletschers bestimmt werden, und so entstand das Kärtchen aus der Gegend

von Stockholm (Abb. 8), das die aufeinander folgenden Eisrandlagen für

einen Zeitraum von etwa 25 Jahren in Kurven darstellt. Dabei ergab

sich noch ein weiteres interessantes Ergebnis: Es fanden mit dieser

Aufnahme die zahlreichen kleinen, in Abständen von 100-200 m parallel

hintereinander angeordneten Moränenrücken ihre Erklärung; sie zeigen

gleichfalls das jährliche Zurückweichen des Gletschers an und sind als

sogenannte „~Wintermoränen~“ in der kalten Jahreszeit gebildet worden,

während der Eisrand einige Monate an Ort und Stelle blieb.

[Illustration: Abb. 9. Mächtigkeiten der Bändertonschichten

an den Punkten A, B und C der Karte Abb. 8. Nach de Geer.]

Auf diese Weise war es möglich, die Schichten zu zählen, ohne große

und kostspielige Einschnitte schaffen zu müssen. De Geer untersuchte

die Bändertone längs mehrerer Linien von Schonen bis zur Eisscheide.

Es ist ja nicht nötig, die ganze Zählung einer einzigen Linie entlang

vorzunehmen, doch muß jedesmal eine neue Linie wieder in gleicher

Höhe beginnen; das Bild 10 gibt die von ihm untersuchten Linien an.

Seine Ergebnisse bei der Zählung der Schichten und der Eintragung

der Ergebnisse in die Karte waren folgende: im Süden Schwedens,

in Schonen, wich der Gletscher im Jahr um 50 m zurück, etwas weiter

nördlich um 100 m, in der Gegend des Wener- und Wettersees erfolgte

eine Pause im Zurückweichen. In dieser Stillstandszeit, die jedoch

nur wenige Jahrhunderte dauerte, häufte der Gletscher den Gürtel der

fennoskandischen Endmoränen auf, der von Kristiania an quer durch

Mittelschweden hindurch zu verfolgen ist und jenseits der Ostsee in

Finnland seine Fortsetzung findet. Die Zeit des Rückzugs von Schonen

bis zu diesen Moränen, die ~gotiglaziale Epoche~, umfaßte einen

Zeitraum von 3000 Jahren. In der folgenden ~finniglazialen Epoche~

ging der Rückzug wesentlich schneller vor sich; im Jahr betrug er

100 bis 300 m, denn der verhältnismäßig geringe Eisrest, der noch

übrig geblieben war, schmolz vollends rasch zusammen. So brauchte der

Gletscher zu seinem Rückzug von den fennoskandischen Endmoränen bis

zur Eisscheide, also bis zu seinem völligen Verschwinden, nur noch

2000 Jahre. Für den ganzen Rückzug von Schonen bis zur Eisscheide war

demnach ein Zeitraum von 5000 Jahren nötig.

[Illustration: Abb. 10. Zurückweichen des Eises in Skandinavien.

Längs der punktierten Linien erfolgte die Zählung der

Bändertonschichten durch de Geer.]

Diese Bestimmung der Zeitdauer eines genau umschriebenen geologischen

Vorgangs bedeutet einen außerordentlichen Fortschritt. Hier haben wir

es nicht mit einer von unsicheren und zweifelhaften Voraussetzungen

ausgehenden Berechnung zu tun, sondern es handelt sich um ein einfaches

Abzählen der Spuren, die der Wechsel der Jahreszeiten sichtbar

hinterlassen hat. So besitzt das Ergebnis de Geers die höchst mögliche

Zuverlässigkeit und Sicherheit, die wir von einer geologischen

Zeitmessung erwarten können; die Schönheit und Eleganz dieser Methode

steht in ihrer Art einzig da. Nachprüfungen ihrer Ergebnisse in

Finnland, wo dieselben geologischen Verhältnisse sind, haben zu einer

vollkommenen Bestätigung geführt.

Eine Reihe von Wünschen bleibt aber doch noch unerfüllt. Zunächst

müssen wir feststellen, daß es nur ein verhältnismäßig kleiner

Zeitraum ist, den die Zeitmessung de Geers umfaßt. Daran können wir

aber leider nichts ändern. Zu bedauern ist aber auch, daß sie nicht

unmittelbar an die Jetztzeit anschließt. Wir wissen wohl, daß das

Eis zu seinem Abschmelzen von Südschweden bis zur Eisscheide 5000

Jahre gebraucht hat, wir wissen aber nicht, wieviel Jahre seitdem

wieder verstrichen sind. De Geer hat zwar versucht, auch diese Zeit

zu bestimmen; er benützte dazu eine ganz ähnliche Methode wie früher

für das Zurückweichen des Eises. In dem See ~Ragunda~, der nicht weit

von der Eisscheide entfernt liegt und 1796 trocken gelegt wurde, fand

er in dem alten Seeboden eine ganz ähnliche Schichtung, wie sie von

den Eismeertonen beschrieben wurde. Es gelang ihm, auch hier die Zahl

der Schichten zu zählen; er fand annähernd 7000 Schichten, die einen

Zeitraum von 7000 Jahren vom vollständigen Verschwinden des Eises bis

zum Jahr 1796 anzeigen würden.

Seit dem Zeitpunkt, da das Eis an der Südspitze von Schonen stand,

wären also bis heute rund 12000 Jahre verflossen. Während nun aber die

Zahl von 5000 Jahren für die Zeit des Eisrückzugs als eine endgültig

und sicher bestimmte Größe gelten kann, sieht auch de Geer die zweite

Zahl nicht als ebenso sicher an. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit

kann gesagt werden, daß die Zeit seit dem Verschwinden der Gletscher

etwas größer sein muß; im Ostseegebiet hat sich seither eine ganze

Reihe von geologischen Ereignissen abgespielt, für die ein zeitlicher

Rahmen von 7000 Jahren nicht ausreicht. Aus dem kalten Eismeer, in

das die Gletscher ihre Stirn getaucht haben, wurde zuerst durch Hebung

des Landes ein Binnensee, der ~Ancylussee~ (Abb. 11). Nach dieser Zeit

senkte sich das Land wieder und gestattete dem Meer von der Nordsee her

erneut den Zutritt; der Geologe nennt diese Periode die ~Litorinazeit~.

In interessanter Weise hat ein deutscher Forscher, ~Keilhack~, aus

den Dünenbildungen an der Swinepforte bei Swinemünde die seit der

Litorinasenkung verflossene Zeit berechnet. Er fand dort eine Zahl

von etwa 200 kurzen Dünen hintereinander angeordnet, die erst nach

der Mitte der Litorinazeit entstanden sein können. Durch Vergleich

alter schwedischer Karten aus dem 17. Jahrhundert mit dem heutigen

Zustand stellte er fest, daß seit dem Jahr 1700 sechs Dünenketten

hinzugewachsen seien, daß also ein solcher Dünenzug 35 Jahre zu seiner

Entstehung braucht. Seit der Litorinasenkung wären also 7000 Jahre

verstrichen. Für die vorausgehende Ancyluszeit müssen dann mindestens

4000 Jahre angesetzt werden, und wir bekämen so für die Zeit seit

dem Abschmelzen der Gletscher 7000 + 4000 = 11 000 Jahre. Eine solche

Zahl wird gegenwärtig von der Mehrzahl der Forscher (z. B. ~Werth~,

~Olbricht~, ~Keilhack~) für wahrscheinlicher gehalten als die 7000

Jahre de Geers. Vor 16 000 Jahren wäre demnach das Eis an der Südspitze

Schonens gestanden.

[Illustration: Abb. 11. Beginn der Ancyluszeit.

Das Eis kurz vor dem endgültigen Abschmelzen.

Nach de Geer aus Kayser.]

Nachdem wir so den unmittelbaren Anschluß an die Gegenwart gefunden

haben, soll es vom Zeitpunkt, da das Eis in Schonen stand, einen

Schritt weiter in die geologische Vergangenheit zurückgehen.

Die nächste Frage muß nun sein: wie lange brauchte das Eis zum

Zurückweichen von dem großen ~baltischen Endmoränenrücken~ bis

Südschweden? Dieser riesige Endmoränenzug (vgl. Abb. 5) bedeutet

sicher einen größeren Einschnitt in der Geschichte der letzten Eiszeit;

die meisten Forscher nehmen an, daß er dem ~Bühlvorstoß~ der alpinen

Gletscher zeitlich gleichzusetzen sei.

Es scheint, daß das Eis beim Abschmelzen vom Höhepunkt der Würmeiszeit

seine Rückwärtsbewegung durch einen erheblichen Vorstoß wieder

unterbrochen hat. Dieser Vorstoß prägt sich, da der Eisrand dann

längere Zeit in seiner Lage verweilte, in ganz besonders starken

Moränenzügen aus. Nun dürfen wir, um das Zurückweichen der Gletscher

vom baltischen Höhenrücken bis Südschweden zu berechnen, nicht einfach

die Rückzugsgeschwindigkeit einsetzen, die von de Geer in Südschweden

nachgewiesen wurde (50 m in einem Jahr). Das Eis schmolz zu einem

früheren Zeitpunkt, als der ganze Eisschild noch viel größer war, ohne

Zweifel viel langsamer ab als später; dies zeigte sich ja auch mit

vollkommener Deutlichkeit für den Rückzug des Eises in Schweden. Für

seinen Rückzug vom baltischen Höhenrücken bis Schonen können daher

etwa 4000 Jahre angesetzt werden; es wären also 20000 Jahre verflossen,

seitdem das Eis in Schleswig, Mecklenburg, Pommern und Masuren stand.

Das Mindestmaß für diese Zeit mag, wenn wir statt der 11000 Jahre seit

dem vollständigen Verschwinden der Gletscher nur die 7000 Jahre de

Geers einsetzen und für das Zurückweichen vom baltischen Höhenrücken

bis Schonen nur 3000 Jahre annehmen, im ganzen 7000 + 5000 + 3000 =

15000 Jahre betragen; das Höchstmaß beträgt etwa 25000 Jahre. -- Diese

Abweichungen vom Mittelwert sind noch erträglich. Je weiter es aber

in die Vergangenheit zurückgeht, um so mehr weichen die Ansichten der

Forscher voneinander ab. Während der eine zum Höhepunkt der letzten

Eiszeit (der Würmeiszeit) nur noch 2000-4000 Jahre zurückrechnet, kommt

der andere bereits auf weitere 10000-20000 Jahre. Die geologischen

Vorgänge sind eben noch keineswegs bis in alle Einzelheiten geklärt.

Ehe wir weiter zurückschreiten, seien auch die Verhältnisse in anderen

Vereisungsgebieten näher ins Auge gefaßt.

[Illustration: Abb. 12.]

Auch im Gebiet der ~Alpen~ wurde eine Reihe von Versuchen unternommen,

Zahlen für die seit der letzten Vergletscherung verflossene Zeit zu

gewinnen. Am bekanntesten ist die Rechnung des Schweizer Geologen

~Heim~ geworden, der von Untersuchungen am ~Vierwaldstätter See~

ausging. Im Gebiet dieses Sees sind fünf hintereinanderliegende

Moränenzüge zu beobachten, die alle dem Bühlstadium zugerechnet

werden; der äußerste liegt unterhalb des Sees, die vier andern sind

durch Lotungen auf dem Seeboden deutlich nachweisbar (Abb. 12). Der

innerste und östlichste Moränenrücken schließt das Gebiet des Urner

Sees ab, in dem zwei Flüsse ihre Schlamm- und Geröllmassen ablagern:

die größere Reuß, die bei Flüelen mündet und die kleinere Muota, die

aus dem Kanton Schwyz kommt. Als der Gletscher noch durch das heutige

Seebecken strömte, muß er es vollkommen ausgeräumt haben. Seit seinem

Rückzug haben aber Reuß und Muota begonnen, jedes ein Delta in den

See hineinzubauen und ihn so allmählich auszufüllen. Unter bestimmten

Voraussetzungen läßt sich der Kubikinhalt der Deltabildungen berechnen.

Da auch die jährlich durch die beiden Flüsse in den See geführte

Schlamm- und Geröllmasse einigermaßen bekannt ist, so folgt daraus

die Zeit, die zur Bildung der Aufschüttungen nötig war. Heim geht sehr

vorsichtig in seiner Berechnung vor und erhält 10000-50000 Jahre; am

wahrscheinlichsten erscheint ihm die Zahl von 16000 Jahren. So viel

Jahre wären also verflossen, seit sich der große Reußgletscher nach dem

Bühlvorstoß zurückzog und das Gebiet des Vierwaldstätter Sees freigab.

[Illustration: Abb. 13. Thuner und Brienzer See.]

Eine ganz ähnliche Berechnung führte ~Steck~ am ~Thuner~ und ~Brienzer

See~ aus; der letztere wurde zur selben Zeit wie der Vierwaldstätter

See vom Gletscher verlassen. In den Brienzer See ergießt sich die Aare,

in den Thuner See die Kander, die seitlich einmündende Lütschine hat

bei Interlaken in den früher einheitlichen See ein Delta hineingebaut,

das ihn beim Größerwerden schließlich in zwei einzelne Seebecken

trennte (Abb. 13). Steck erhielt für die Zeit, welche die Lütschine zur

Aufschüttung ihres Deltas nötig hatte, 20000 Jahre, für die Bildung des

Aaredeltas im Brienzer See 15000 Jahre.

Von anderen Voraussetzungen ging ~Nüesch~ aus, der die Ablagerungen

einer Höhle, des ~Schweizersbildes~, untersuchte. Die Höhle wurde

erst nach dem Bühlstadium vom Gletscher freigegeben und war von da an

eine Behausung des Steinzeitmenschen. In den Schichten, die sich im

Lauf der Jahrtausende auf dem Boden der Höhle gebildet hatten, konnte

Nüesch durch Funde von Werkzeugen eine Kulturentwicklung der Bewohner

von der älteren Steinzeit bis zur Metallzeit nachweisen. Durch den

Vergleich der Mächtigkeit der alten Kulturschichten mit der obersten

Metallzeitschicht, für deren Bildungszeit 4000 Jahre angenommen werden

können, fand er für die ältesten Schichten ein Alter von 24000 Jahren.

Vergleicht man alle drei Altersberechnungen aus dem Gebiet der

alpinen Vergletscherung, so zeigt sich eine nicht unbefriedigende

Übereinstimmung: Die Zeit, als sich die Gletscher nach dem Bühlvorstoß

in die Alpentäler zurückgezogen, liegt rund 20000 Jahre zurück. Dieses

Ergebnis stimmt auch nicht schlecht mit dem Alter zusammen, das für

die baltischen Endmoränen berechnet wurde; sie sind ja vermutlich dem

Bühlvorstoß gleichzusetzen.

Jahreszahlen der Erdgeschichte · 第 2 / 7 段