Das Kind im Mutterleibe hat bloß einen Körpergeist, den Bildungstrieb.
Die Schöpfung und Entwickelung der Gliedmaßen, womit es aus sich
herauswächst, sind seine Handlungen. Es hat noch nicht das Gefühl, daß
diese Glieder sein Eigentum sind, denn es gebraucht sie nicht und kann
sie nicht gebrauchen. Ein schönes Auge, ein schöner Mund sind ihm bloß
schöne Gegenstände, die es geschaffen, unwissend, daß sie einst
dienstbare Teile seines Selbst sein werden. Sie sind für eine folgende
Welt gemacht, wovon das Kind noch nichts weiß; es stößt sie aus vermöge
eines ihm selbst dunkeln Triebes, der nur in der Organisation der Mutter
klar begründet liegt.[1] Aber so, wie das Kind zur zweiten Lebensstufe
reif, die Organe seines bisherigen Schaffens abstreift und dahinten
läßt, sieht es sich plötzlich als selbstkräftige Einheit aller seiner
Schöpfungen. Dieses Auge, dieses Ohr, dieser Mund sind jetzt ihm
zugehörig, und wenn es erst nach dunkelem eingebornen Gefühle dieselben
schuf, so lernt es jetzt deren köstlichen Gebrauch kennen. Die Welt des
Lichts, der Farben, der Töne, der Düfte, des Geschmacks und Gefühls
gehen ihm erst jetzt in den dazu erschaffenen Werkzeugen auf, wohl ihm,
wenn es sie brauchbar und tüchtig schuf.
Das Verhältnis der ersten Stufe zur zweiten wird gesteigert wiederkehren
im Verhältnisse der zweiten zur dritten. Unser ganzes Handeln und Wollen
in dieser Welt ist eben so nur berechnet, uns einen Organismus zu
schaffen, den wir in der folgenden Welt als unser Selbst erblicken und
brauchen sollen. Alle geistigen Wirkungen, alle Folgen der
Kraftäußerungen, die bei Lebzeiten eines Menschen von ihm ausgehen und
sich durch die Menschenwelt und Natur hindurchziehen, sind schon durch
ein geheimes, unsichtbares Band miteinander verbunden, sie sind die
geistigen Gliedmaßen des Menschen, die er bei Lebzeiten treibt,
verbunden zu einem geistigen Körper, zu einem Organismus von rastlos
weitergreifenden Kräften und Wirkungen, deren Bewußtsein noch außer ihm
liegt und die er daher, obwohl untrennbar mit seinem jetzigen Sein
zusammengesponnen, doch nur im Ausgangspunkte von demselben für sein
erkennt. Im Augenblick des Todes aber, wo sich der Mensch von den
Organen scheidet, an welche seine schaffende Kraft hier geknüpft war,
erhält er auf einmal das Bewußtsein alles dessen, was als Folge seiner
frühern Lebensäußerungen in der Welt von Ideen, Kräften, Wirkungen
fortlebt, fortwirkt und, als #einem# Quell organisch entflossen, auch
noch seine organische Einheit in sich trägt, die aber nun lebendig,
selbstbewußt, selbstkräftig wird und in der Menschheit und Natur mit
eigener individueller Machtvollkommenheit nach eigener Bestimmung
waltet.
Was irgend jemand während seines Lebens zur Schöpfung, Gestaltung oder
Bewahrung der durch die Menschheit und Natur sich ziehenden Ideen
beigetragen hat, das ist sein unsterblicher Teil, der auf der dritten
Stufe noch fortwirken wird, wenn auch der Leib, an den die wirkende
Kraft auf der zweiten geknüpft war, lange verfault ist. Was Millionen
gestorbener Menschen geschaffen, gehandelt, gedacht haben, ist nicht mit
ihnen gestorben, noch wird es wieder zerstört von dem, was die nächsten
Millionen schaffen, handeln, denken, sondern es wirkt in diesen fort,
entwickelt sich in ihnen selbstlebendig weiter, treibt sie nach einem
großen Ziele, das sie selbst nicht sehen.
Freilich erscheint uns dieses ideale Fortleben nur als eine Abstraktion
und das Fortwirken des Geistes der gestorbenen Menschen in den Lebenden
nur als ein leeres Gedankending. Aber nur darum erscheint es uns so,
weil wir keine Sinne haben, die Geister auf der dritten Stufe in ihrem
wahren, die Natur erfüllenden und durchdringenden Sein zu erfassen, bloß
die Anknüpfungspunkte ihres Daseins an unseres können wir erkennen, den
Teil, mit dem sie in uns hineingewachsen sind und der uns eben unter der
Form jener Ideen erscheint, die sich von ihnen in uns fortgepflanzt
haben.
Ob der Wellenkreis, den ein versinkender Stein im Wasser hinterließ, um
jeden Stein, der noch daraus hervorragt, durch seinen Anprall einen
neuen Wellenkreis erregt, bleibt es doch ein in sich zusammenhängender
Kreis, der alle erregt und in seinem Umfang trägt; die Steine aber
wissen nur um die Zerstückelung der Umfangskreise. Wir sind solche
unwissende Steine, nur daß wir, ungleich festen Steinen, selbst jeder
schon im Leben einen zusammenhängenden Kreis von Wirkungen um uns
schlagen, der sich nicht bloß um andere, sondern in andere hinein
verbreitet.
In der Tat schon während seiner Lebzeiten wächst jeder Mensch mit seinen
Wirkungen in andere hinein durch Wort, Beispiel, Schrift und Tat. Schon
als Goethe lebte, trugen Millionen Mitlebende Funken seines Geistes in
sich, an denen neue Lichter entbrannten; schon als Napoleon lebte, drang
seines Geistes Kraft in fast die ganze Mitwelt ein; als beide starben,
starben diese Lebenszweige, die sie in die Mitwelt getrieben, nicht mit;
bloß die Triebkraft neuer diesseitiger Zweige erlosch, und das Wachstum
und die Fortentwickelung dieser von #einem# Individuum ausgegangenen, in
ihrer Gesamtheit #ein# Individuum wieder bildenden Ausgeburten geschieht
jetzt mit einem gleichen inwohnenden, von uns freilich nicht zu
erfassenden Selbstbewußtsein, als früher ihr erstes Hervortreiben. Noch
leben ein Goethe, ein Schiller, ein Napoleon, ein Luther unter uns, in
uns als selbstbewußte, schon höher als bei ihrem Tode entwickelte, in
uns denkende und handelnde, Ideen zeugende und fortentwickelnde
Individuen, jeder nicht mehr eingeschlossen in einen engen Leib, sondern
ergossen durch die Welt, die sie bei Lebzeiten bildeten, erfreuten,
beherrschten, und weit hinausreichend mit ihrem Selbst über die
Wirkungen, die wir noch von ihnen spüren.
Das größte Beispiel eines mächtigen Geistes, der noch in der Nachwelt
fortlebt und fortwirkt, haben wir an Christo. Es ist nicht ein leeres
Wort, daß Christus in seinen Bekennern lebe; jeder echte Christ trägt
ihn nicht bloß vergleichungsweise, sondern wahrhaft lebendig in sich;
jeder ist seiner teilhaftig, der in seinem Sinne handelt und denkt, denn
eben nur Christi Geist wirkt in ihm dieses Handeln und Denken. Er hat
sich ausgebreitet durch die ganzen Glieder seiner Gemeinde, und alle
hängen durch seinen Geist zusammen wie die Äpfel eines Stammes, wie die
Reben eines Weinstocks.
»Denn gleich wie #ein# Leib ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder
aber #eines# Leibes, wiewohl ihrer viele sind, sind sie doch #ein# Leib,
also auch Christus« (1. Kor. 12, 12).[2]
Aber nicht bloß die größten Geister, sondern jeder tüchtige Mensch
erwacht in der folgenden Welt mit einem selbstgeschaffenen, eine Einheit
unendlicher geistiger Schöpfungen, Wirkungen, Momente in sich
befassenden Organismus, der einen größern oder kleinern Umfang erfüllen
und mehr oder weniger Fortentwickelungskraft haben wird, je nachdem der
Geist des Menschen selbst bei Lebzeiten weiter und kräftiger um sich
griff. Wer aber hier an der Scholle klebte und seinen Geist nur
brauchte, seine Materie zu bewegen, zu nähren und zu vergnügen, von dem
wird auch nur ein bedeutungsloses Wesen übrigbleiben. Und so wird der
Reichste der Ärmste werden, wenn er sein Geld nur austut, um seine Kraft
zu sparen, und der Ärmste der Reichste, wenn er seine Kraft austut, sein
Leben redlich zu gewinnen. Denn was jeder hier austut, wird er dort
haben, und das Geld dort nur gelten, was es des Geltenden geschaffen.
Die Rätsel unsers jetzigen Geisteslebens, der Durst nach Erforschung der
Wahrheit, die uns zum Teil hier nichts frommt, das Streben jedes rechten
Geistes, Werke zu schaffen, die bloß der Nachwelt zugute kommen, das
Gewissen mit der Reue, das uns eine unergründliche Angst wegen
schlechter Handlungen einpflanzt, die uns doch hier keine Nachteile
bringen, gehen aus ahnenden Vorgefühlen hervor, was uns alles dies in
jener Welt eintragen wird, wo selbst die Frucht unsrer kleinsten und
verborgensten Tätigkeit uns als ein Teil unseres Selbst anheimfällt.
Das ist die große Gerechtigkeit der Schöpfung, daß jeder sich die
Bedingungen seines zukünftigen Seins selbst schafft. Die Handlungen
werden dem Menschen nicht durch äußerliche Belohnung oder Strafen
vergolten; es gibt keinen Himmel und keine Hölle im gewöhnlichen Sinne
der Christen, Juden und Heiden, wohin die Seele nach dem Tode käme; sie
macht weder einen Sprung aufwärts noch einen Fall abwärts, noch einen
Stillstand; sie zerplatzt nicht, sie zerfließt nicht in das Allgemeine;
sondern nachdem sie die große Stufenkrankheit, den Tod, überstanden,
entwickelt sie sich nach der unwandelbaren, jede spätere Stufe über dem
Grunde der früheren aufbauenden Folgerichtigkeit der Natur auf der Erde
ruhig weiter fort in einem und zu einem höheren Sein; und je nachdem der
Mensch gut oder schlecht, edel oder gemein gehandelt, fleißig oder müßig
gewesen, wird er im folgenden Leben einen gesunden oder kranken, einen
schönen oder häßlichen, einen starken oder schwachen Organismus als sein
Eigentum finden, und seine freie Tätigkeit in dieser Welt wird seine
Stellung zu den andern Geistern, seinen Schicksalsweg, seine Anlagen und
Talente für das weitere Fortschreiten in jener Welt bestimmen.
Darum seid rüstig und wacker. Denn wer hier langsam geht, wird dort lahm
gehen, und wer seine Augen nicht auftut, wird dort ein blödes Gesicht
haben, und wer Falschheit und Bosheit übt, wird seine Disharmonie mit
dem Chor der wahren und guten Geister als Schmerz fühlen, der ihn noch
in jener Welt treiben wird, das Übel zu bessern und zu heilen, was er in
dieser verschuldet, und ihn nicht Rast und Ruhe finden lassen wird, bis
er auch seine kleinste und letzte Übeltat abgestreift und abgebüßt. Und
wenn die andern Geister schon lange in Gott ruhen, oder vielmehr leben
als Teilhaber seiner Gedanken, wird er noch umgetrieben werden im
Trübsal und in der Wandelbarkeit des Lebens auf der Erde, und sein
Seelenübel wird die Menschen plagen mit Ideen des Irrtums und
Aberglaubens, sie führen zu Laster und Torheiten, und indem er selbst
dahinten bleibt auf seinem Wege in der dritten Welt zur Vollendung, wird
er auch sie, in denen er fortlebt, zurückhalten auf ihrem Wege in der
zweiten zur dritten.
Wie lange aber auch das Unwahre, Böse und Gemeine noch fortwirken und um
seinen Bestand mit dem Wahren, Schönen, Rechten ringen möge, es wird
zuletzt durch dessen immer wachsende Macht bezwungen, durch seine
eigenen mit wachsender Kraft zurückschlagenden Folgen vernichtet werden,
und so wird nichts von aller Lüge, aller Bosheit, allem Schmutz in der
Seele des Menschen endlich übrigbleiben. Nur das ist der ewige
unvergängliche Teil des Menschen, was an ihm wahr, schön und gut ist.
Und wenn nur ein Senfkorn davon in ihm ist -- in wem aber keines wäre,
der wäre nicht --, so wird es zuletzt gereinigt von Spreu und Schlacken
durch das, nur den Bösen quälende, Fegefeuer des Lebens auf der dritten
Stufe übrigbleiben und, wenn auch spät, noch zum herrlichen Baume wachsen
können.
Freut euch auch, ihr, deren Geist hier gestählt ist durch Trübsal und
Schmerz, euch wird die Übung zugute kommen, die hier im wackeren Kampfe
mit den Hindernissen gegen euer Fortschreiten gefunden, und kräftiger
geboren in das neue Dasein, werdet ihr rascher und freudiger einholen,
was euer Geschick euch hier versäumen ließ.