Zweites Kapitel

Das Kind im Mutterleibe hat bloß einen Körpergeist, den Bildungstrieb.

Die Schöpfung und Entwickelung der Gliedmaßen, womit es aus sich

herauswächst, sind seine Handlungen. Es hat noch nicht das Gefühl, daß

diese Glieder sein Eigentum sind, denn es gebraucht sie nicht und kann

sie nicht gebrauchen. Ein schönes Auge, ein schöner Mund sind ihm bloß

schöne Gegenstände, die es geschaffen, unwissend, daß sie einst

dienstbare Teile seines Selbst sein werden. Sie sind für eine folgende

Welt gemacht, wovon das Kind noch nichts weiß; es stößt sie aus vermöge

eines ihm selbst dunkeln Triebes, der nur in der Organisation der Mutter

klar begründet liegt.[1] Aber so, wie das Kind zur zweiten Lebensstufe

reif, die Organe seines bisherigen Schaffens abstreift und dahinten

läßt, sieht es sich plötzlich als selbstkräftige Einheit aller seiner

Schöpfungen. Dieses Auge, dieses Ohr, dieser Mund sind jetzt ihm

zugehörig, und wenn es erst nach dunkelem eingebornen Gefühle dieselben

schuf, so lernt es jetzt deren köstlichen Gebrauch kennen. Die Welt des

Lichts, der Farben, der Töne, der Düfte, des Geschmacks und Gefühls

gehen ihm erst jetzt in den dazu erschaffenen Werkzeugen auf, wohl ihm,

wenn es sie brauchbar und tüchtig schuf.

Das Verhältnis der ersten Stufe zur zweiten wird gesteigert wiederkehren

im Verhältnisse der zweiten zur dritten. Unser ganzes Handeln und Wollen

in dieser Welt ist eben so nur berechnet, uns einen Organismus zu

schaffen, den wir in der folgenden Welt als unser Selbst erblicken und

brauchen sollen. Alle geistigen Wirkungen, alle Folgen der

Kraftäußerungen, die bei Lebzeiten eines Menschen von ihm ausgehen und

sich durch die Menschenwelt und Natur hindurchziehen, sind schon durch

ein geheimes, unsichtbares Band miteinander verbunden, sie sind die

geistigen Gliedmaßen des Menschen, die er bei Lebzeiten treibt,

verbunden zu einem geistigen Körper, zu einem Organismus von rastlos

weitergreifenden Kräften und Wirkungen, deren Bewußtsein noch außer ihm

liegt und die er daher, obwohl untrennbar mit seinem jetzigen Sein

zusammengesponnen, doch nur im Ausgangspunkte von demselben für sein

erkennt. Im Augenblick des Todes aber, wo sich der Mensch von den

Organen scheidet, an welche seine schaffende Kraft hier geknüpft war,

erhält er auf einmal das Bewußtsein alles dessen, was als Folge seiner

frühern Lebensäußerungen in der Welt von Ideen, Kräften, Wirkungen

fortlebt, fortwirkt und, als #einem# Quell organisch entflossen, auch

noch seine organische Einheit in sich trägt, die aber nun lebendig,

selbstbewußt, selbstkräftig wird und in der Menschheit und Natur mit

eigener individueller Machtvollkommenheit nach eigener Bestimmung

waltet.

Was irgend jemand während seines Lebens zur Schöpfung, Gestaltung oder

Bewahrung der durch die Menschheit und Natur sich ziehenden Ideen

beigetragen hat, das ist sein unsterblicher Teil, der auf der dritten

Stufe noch fortwirken wird, wenn auch der Leib, an den die wirkende

Kraft auf der zweiten geknüpft war, lange verfault ist. Was Millionen

gestorbener Menschen geschaffen, gehandelt, gedacht haben, ist nicht mit

ihnen gestorben, noch wird es wieder zerstört von dem, was die nächsten

Millionen schaffen, handeln, denken, sondern es wirkt in diesen fort,

entwickelt sich in ihnen selbstlebendig weiter, treibt sie nach einem

großen Ziele, das sie selbst nicht sehen.

Freilich erscheint uns dieses ideale Fortleben nur als eine Abstraktion

und das Fortwirken des Geistes der gestorbenen Menschen in den Lebenden

nur als ein leeres Gedankending. Aber nur darum erscheint es uns so,

weil wir keine Sinne haben, die Geister auf der dritten Stufe in ihrem

wahren, die Natur erfüllenden und durchdringenden Sein zu erfassen, bloß

die Anknüpfungspunkte ihres Daseins an unseres können wir erkennen, den

Teil, mit dem sie in uns hineingewachsen sind und der uns eben unter der

Form jener Ideen erscheint, die sich von ihnen in uns fortgepflanzt

haben.

Ob der Wellenkreis, den ein versinkender Stein im Wasser hinterließ, um

jeden Stein, der noch daraus hervorragt, durch seinen Anprall einen

neuen Wellenkreis erregt, bleibt es doch ein in sich zusammenhängender

Kreis, der alle erregt und in seinem Umfang trägt; die Steine aber

wissen nur um die Zerstückelung der Umfangskreise. Wir sind solche

unwissende Steine, nur daß wir, ungleich festen Steinen, selbst jeder

schon im Leben einen zusammenhängenden Kreis von Wirkungen um uns

schlagen, der sich nicht bloß um andere, sondern in andere hinein

verbreitet.

In der Tat schon während seiner Lebzeiten wächst jeder Mensch mit seinen

Wirkungen in andere hinein durch Wort, Beispiel, Schrift und Tat. Schon

als Goethe lebte, trugen Millionen Mitlebende Funken seines Geistes in

sich, an denen neue Lichter entbrannten; schon als Napoleon lebte, drang

seines Geistes Kraft in fast die ganze Mitwelt ein; als beide starben,

starben diese Lebenszweige, die sie in die Mitwelt getrieben, nicht mit;

bloß die Triebkraft neuer diesseitiger Zweige erlosch, und das Wachstum

und die Fortentwickelung dieser von #einem# Individuum ausgegangenen, in

ihrer Gesamtheit #ein# Individuum wieder bildenden Ausgeburten geschieht

jetzt mit einem gleichen inwohnenden, von uns freilich nicht zu

erfassenden Selbstbewußtsein, als früher ihr erstes Hervortreiben. Noch

leben ein Goethe, ein Schiller, ein Napoleon, ein Luther unter uns, in

uns als selbstbewußte, schon höher als bei ihrem Tode entwickelte, in

uns denkende und handelnde, Ideen zeugende und fortentwickelnde

Individuen, jeder nicht mehr eingeschlossen in einen engen Leib, sondern

ergossen durch die Welt, die sie bei Lebzeiten bildeten, erfreuten,

beherrschten, und weit hinausreichend mit ihrem Selbst über die

Wirkungen, die wir noch von ihnen spüren.

Das größte Beispiel eines mächtigen Geistes, der noch in der Nachwelt

fortlebt und fortwirkt, haben wir an Christo. Es ist nicht ein leeres

Wort, daß Christus in seinen Bekennern lebe; jeder echte Christ trägt

ihn nicht bloß vergleichungsweise, sondern wahrhaft lebendig in sich;

jeder ist seiner teilhaftig, der in seinem Sinne handelt und denkt, denn

eben nur Christi Geist wirkt in ihm dieses Handeln und Denken. Er hat

sich ausgebreitet durch die ganzen Glieder seiner Gemeinde, und alle

hängen durch seinen Geist zusammen wie die Äpfel eines Stammes, wie die

Reben eines Weinstocks.

»Denn gleich wie #ein# Leib ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder

aber #eines# Leibes, wiewohl ihrer viele sind, sind sie doch #ein# Leib,

also auch Christus« (1. Kor. 12, 12).[2]

Aber nicht bloß die größten Geister, sondern jeder tüchtige Mensch

erwacht in der folgenden Welt mit einem selbstgeschaffenen, eine Einheit

unendlicher geistiger Schöpfungen, Wirkungen, Momente in sich

befassenden Organismus, der einen größern oder kleinern Umfang erfüllen

und mehr oder weniger Fortentwickelungskraft haben wird, je nachdem der

Geist des Menschen selbst bei Lebzeiten weiter und kräftiger um sich

griff. Wer aber hier an der Scholle klebte und seinen Geist nur

brauchte, seine Materie zu bewegen, zu nähren und zu vergnügen, von dem

wird auch nur ein bedeutungsloses Wesen übrigbleiben. Und so wird der

Reichste der Ärmste werden, wenn er sein Geld nur austut, um seine Kraft

zu sparen, und der Ärmste der Reichste, wenn er seine Kraft austut, sein

Leben redlich zu gewinnen. Denn was jeder hier austut, wird er dort

haben, und das Geld dort nur gelten, was es des Geltenden geschaffen.

Die Rätsel unsers jetzigen Geisteslebens, der Durst nach Erforschung der

Wahrheit, die uns zum Teil hier nichts frommt, das Streben jedes rechten

Geistes, Werke zu schaffen, die bloß der Nachwelt zugute kommen, das

Gewissen mit der Reue, das uns eine unergründliche Angst wegen

schlechter Handlungen einpflanzt, die uns doch hier keine Nachteile

bringen, gehen aus ahnenden Vorgefühlen hervor, was uns alles dies in

jener Welt eintragen wird, wo selbst die Frucht unsrer kleinsten und

verborgensten Tätigkeit uns als ein Teil unseres Selbst anheimfällt.

Das ist die große Gerechtigkeit der Schöpfung, daß jeder sich die

Bedingungen seines zukünftigen Seins selbst schafft. Die Handlungen

werden dem Menschen nicht durch äußerliche Belohnung oder Strafen

vergolten; es gibt keinen Himmel und keine Hölle im gewöhnlichen Sinne

der Christen, Juden und Heiden, wohin die Seele nach dem Tode käme; sie

macht weder einen Sprung aufwärts noch einen Fall abwärts, noch einen

Stillstand; sie zerplatzt nicht, sie zerfließt nicht in das Allgemeine;

sondern nachdem sie die große Stufenkrankheit, den Tod, überstanden,

entwickelt sie sich nach der unwandelbaren, jede spätere Stufe über dem

Grunde der früheren aufbauenden Folgerichtigkeit der Natur auf der Erde

ruhig weiter fort in einem und zu einem höheren Sein; und je nachdem der

Mensch gut oder schlecht, edel oder gemein gehandelt, fleißig oder müßig

gewesen, wird er im folgenden Leben einen gesunden oder kranken, einen

schönen oder häßlichen, einen starken oder schwachen Organismus als sein

Eigentum finden, und seine freie Tätigkeit in dieser Welt wird seine

Stellung zu den andern Geistern, seinen Schicksalsweg, seine Anlagen und

Talente für das weitere Fortschreiten in jener Welt bestimmen.

Darum seid rüstig und wacker. Denn wer hier langsam geht, wird dort lahm

gehen, und wer seine Augen nicht auftut, wird dort ein blödes Gesicht

haben, und wer Falschheit und Bosheit übt, wird seine Disharmonie mit

dem Chor der wahren und guten Geister als Schmerz fühlen, der ihn noch

in jener Welt treiben wird, das Übel zu bessern und zu heilen, was er in

dieser verschuldet, und ihn nicht Rast und Ruhe finden lassen wird, bis

er auch seine kleinste und letzte Übeltat abgestreift und abgebüßt. Und

wenn die andern Geister schon lange in Gott ruhen, oder vielmehr leben

als Teilhaber seiner Gedanken, wird er noch umgetrieben werden im

Trübsal und in der Wandelbarkeit des Lebens auf der Erde, und sein

Seelenübel wird die Menschen plagen mit Ideen des Irrtums und

Aberglaubens, sie führen zu Laster und Torheiten, und indem er selbst

dahinten bleibt auf seinem Wege in der dritten Welt zur Vollendung, wird

er auch sie, in denen er fortlebt, zurückhalten auf ihrem Wege in der

zweiten zur dritten.

Wie lange aber auch das Unwahre, Böse und Gemeine noch fortwirken und um

seinen Bestand mit dem Wahren, Schönen, Rechten ringen möge, es wird

zuletzt durch dessen immer wachsende Macht bezwungen, durch seine

eigenen mit wachsender Kraft zurückschlagenden Folgen vernichtet werden,

und so wird nichts von aller Lüge, aller Bosheit, allem Schmutz in der

Seele des Menschen endlich übrigbleiben. Nur das ist der ewige

unvergängliche Teil des Menschen, was an ihm wahr, schön und gut ist.

Und wenn nur ein Senfkorn davon in ihm ist -- in wem aber keines wäre,

der wäre nicht --, so wird es zuletzt gereinigt von Spreu und Schlacken

durch das, nur den Bösen quälende, Fegefeuer des Lebens auf der dritten

Stufe übrigbleiben und, wenn auch spät, noch zum herrlichen Baume wachsen

können.

Freut euch auch, ihr, deren Geist hier gestählt ist durch Trübsal und

Schmerz, euch wird die Übung zugute kommen, die hier im wackeren Kampfe

mit den Hindernissen gegen euer Fortschreiten gefunden, und kräftiger

geboren in das neue Dasein, werdet ihr rascher und freudiger einholen,

was euer Geschick euch hier versäumen ließ.

Das Büchlein vom Leben nach dem Tode · 第 7 / 20 题