Die Mächtigen

[Illustration]

Wenn ein Gewitter im Anzug ist, darf die Kompagnie auf Heimkehr ins

Quartier hoffen. Die Posten werden zusammengezogen, der Leutnant nimmt

den Rapport entgegen, die Unteroffiziere versammeln ihre

Korporalschaften um sich, die Kolonne wird formiert und setzt sich in

dumpfem Trab in Bewegung. Die Soldaten sind müde und staubbedeckt; sie

sollen singen, damit ihnen der Marsch müheloser werde, aber sie können

nicht singen. Es ist eine schwere und schwüle Stimmung in der Natur und

es ist, als ob diese rohen Söhne des Dorfes und der Fabrik zum

Nachdenken gezwungen würden, über etwas, das bisher nur als dumpfe

Sehnsucht oder als starrer Groll in ihrer Brust gewohnt. Der Leutnant

fragt den Sergeanten, warum nicht gesungen würde; der Sergeant giebt

einigen Unteroffizieren freundschaftliche Rippenstöße und diese fluchen

leise in die Sektionen hinein und kommandieren das Lied: Der Feind, der

kommt von Frankreich her. Aber kaum begonnen, ersterben die unwillig

hingemurmelten Laute wieder und der Leutnant verzichtet für heute auf

den Gesang. Tief und dunkel hängen die Wolken, und die Schwalben fliegen

mit einem fast klagenden Zwitschern am Rand der Felder hin. Und der Wald

in der Ferne, ist es nicht, als ob er zu fliehen versuchte vor dem

Anmarsch der Kolonne? Leiser Donner rollt über den Wald und der dicke

Staub liegt über und zwischen den Reihen und der Wind erhebt sich und

treibt ihn den Männern ins Gesicht, und alle sind sie so stumpf

geworden, daß sie sich nicht einmal bemühen, ihn von den Augenlidern

oder von den Lippen zu wischen. Und es geht durch ein Dorf, wo aus

kleinen schmutzigen Fenstern neugierige oder mitleidige oder finstere

Gesichter schauen und dralle Mägde stehen an den Scheunen und lachen

ziemlich grundlos. Und dann kommt wieder die Ebene und die Landschaft

wird trüber und der Donner zieht heran, langsam hallend, gleichsam Gehör

fordernd. Eine bissige Bemerkung wird laut unter den Soldaten oder eine

derbe Zote, dann ist es wieder lange Zeit hindurch still. Sie denken an

die Nacht: da können sie schlafen; manche wünschen immer schlafen zu

dürfen, bis die Jahre des Dienstes vorbei sind. Viele haben einen Schatz

und sie denken an den Urlaub des letzten Sonntags und an das einsame

Liebesbett in einem stillen Waldwinkel oder auf einem hohen

Scheunenboden. Die meisten aber denken an gar nichts; wie eine Decke

hängt es vor ihren Augen und ihre Füße sind schwer. Das Gewehr drückt

die Schulter und der Tornister drückt den Rücken. Der Schweiß hat die

Gewänder an den Leib festgeklebt und alle Sinne sind erschlafft und

abgestorben. Sie sind keinem Eindruck mehr zugänglich außer dem

gleichmäßigen Geräusch der Schritte; und es klingt wie ein schwerer

Rhythmus in die Unermeßlichkeit hinein: eins zwei, eins zwei ...

Der Wald kam näher und leichte Dünste hoben sich von ihm. Die ersten

Regentropfen fielen, als die Spitze unter den Schutz der dichten Wipfel

einzog. Jetzt geht's der Heimat zu, dachte Frank Aschenbrenner und er

allein lächelte in diesem großen Haufen müder und gleichgültiger Männer.

Wenn auch der Schweiß in heißen Perlen von der Stirn und den roten

Haaren troff, er hörte doch nicht auf, an Veni Escher zu denken.

Eigentlich hieß sie Juvenia und es kam ihm so seltsam und der

Bewunderung würdig vor, daß eine Bauerntochter Juvenia heißen konnte.

Stets zwinkerte er so eigen vertraulich mit den Augen, wenn er an sie

dachte, an ihre dicken Zöpfe, an die weißen, schönen Zähne, an die

festen starken Arme, an ihren Trotz, an ihren Hochmut, an ihre Wildheit

und an ihre guten Küsse. Und das ganze Dorf sah er im Innern, so wie es

damals beim Abschied gewesen war: wie es still und feierlich am See

ausgebreitet lag, ein wenig gehoben durch die sanfte Krümmung der Hügel;

und in der Ferne flimmerte der Mondschein auf dem Wasser wie ein

Schleier, der leise flattert im leisen Wind. Und ein wohlthuender

Frieden war allenthalben und in manchem Häuschen war noch ein Fenster

rot und dann kamen lange Wolken und legten den Mond gleichsam in ein

Grab, und die Wellen plätscherten ans Ufer, daß die Kieselsteine

klirrten wie geschwätzige Gnomen, und es war auch wie eine Klage, wenn

die Äste knisterten und sich furchtsam niederbogen vor dem schwellenden

Nachtwind. Oder wenn er an den Morgen dachte! Wie frisch erschien das

ganze Dorf, gleichsam gebadet! Am Anger blökten die Schafe und am Haus

der Veni roch es so angenehm nach neugebackenem Brot (denn ihr Vater war

der Bäcker des Orts), und da kam sie oft unters Thor und lachte aller

Welt keck ins Gesicht.

Fort mit den Träumen --: er erhielt von hinten einen Stoß mit dem

Gewehrkolben, weil er den Schritt verloren hatte. Auf allen Seiten rief

es: Tritt fassen! Tritt fassen! Es war, als wolle sich die Ordnung des

Marsches im Nu auflösen vor der Macht des Gewitters. Donnerschlag auf

Donnerschlag durchdröhnte den Wald und die Luft zitterte; es war

mühselig und beängstigend, taktmäßig weiter zu marschieren. Manche

bittere Anspielung wurde laut, von den Unteroffizieren geflissentlich

überhört; mancher Fluch drängte sich durch zusammengepreßte Zähne. Aber

selbst dazu waren sie zu müd, mit ihren Gedanken bei ihrem Groll zu

bleiben; vielmehr wurde die krankhaft erregte Phantasie beschäftigt von

den Bildern der Rast, von den Bildern des Schlummers und einem

Strohsack, von einem fetten Glas Milch und einem saftigen Stück Fleisch

bei den Bauern des Quartiers. Aber der Wald wurde immer dichter und die

Dämmerung nahm zu und der Regen strömte herab und rann von den Helmen

auf die Riemen des Tornisters, und rauschte und trommelte in den Kronen

und die Blitze erleuchteten die Tiefen des Forstes, daß es aussah, als

ob eine gespenstige Rotte hinter fernen Stämmen vorbeiraste.

Frank Aschenbrenner, erregt von dem Bild der Heimat, vergaß die Vorgänge

der Umgebung und wie ein Schlummernder, dessen Schlaf unterbrochen

wurde, alsbald von neuem die Augen schließt, versank er beinahe hilflos

und ganz selbstvergessen in eine Folge von phantastischen Vorstellungen,

von wunderbaren Zufällen und Ereignissen, die von den Wünschen und von

der Erwartung in uns geweckt werden. Warum empfand er im Innern seines

Herzens ein bitteres Gefühl, einen Zweifel, wenn er an Veni dachte? Und

gerade dies trieb ihn dazu, Luftschlösser zu bauen, die seiner

bäuerischen Natur sonst ganz fremd waren.

Die Kompagnie sollte in Sankt Heinrich übernachten und den nächsten

Tag, der ein Rasttag war, dort verbringen. Der Hauptmann und drei

Offiziere ritten mehrere Kilometer hinter der Abteilung und dem Leutnant

Baron Gerlach war die Führung während des Marsches anvertraut worden. Er

war ein hübscher und sympathischer junger Mann, der es wohl zu meinen

glaubte mit der Mannschaft, und der sich jene von den Vorgesetzten so

wohlgelittene Schneidigkeit angeeignet hatte, die den Untergebenen

gleichsam in Atem hält. Er stammte aus einer alten und angesehenen

Familie, war jedoch ganz arm und besaß keine Garantien für die Zukunft

als seinen Degen und seinen Ehrgeiz. Etwas von einem Träumer war in ihm.

Still und in sich gekehrt, schien er mit einer wachsenden Verachtung des

Lebens zu kämpfen und die Unerfüllbarkeit seiner Wünsche schien er nicht

länger zu bezweifeln. Der Wald lichtete sich und die erschöpfte

Kompagnie sah das Dorf vor sich liegen, eingehüllt in einen zarten,

grauen Regenschleier, mit regenglänzenden Ziegeldächern, mit plumpen

Schlöten, aus denen sich bläulicher Rauch langsam in die reine, kühle

Luft erhob; und dahinter lag der See, matt schimmernd wie eine

Eisenplatte. Alles war voll Frieden in dieser Weltabgeschiedenheit, und

die Soldaten atmeten freier, und manche wurden wieder froher Laune in

der Hoffnung auf ein Stück Fleisch und auf einen Tag der Ruhe. Denn bei

den Bauern hatten sie es immer am besten, wenn sie nicht durch die

boshafte Parteiischkeit des Quartiermachers gleich dutzendweise in den

Stadel eines armen oder eines geizigen Mannes geworfen wurden.

Frank Aschenbrenner wohnte mit zwei Kameraden bei seinen Eltern. Die

beiden alten Leute standen unterm Thor und ihre Gesichter leuchteten vor

Stolz. Es gab keine Redensarten und keine langen Erzählungen; nachdem

die drei Soldaten sich ihres Gepäcks entledigt hatten, nahmen sie auf

der Bank hinter dem riesigen Tisch Platz und der Bauer brachte Brot und

sauren Rahm. Dann setzte er sich den erschöpften Männern gegenüber und

sah mit breitem Lächeln zu, wie es ihnen schmeckte. Und bald fiel der

Abend nieder über das Dorf. Frank, der noch nicht gewagt hatte, nach

Veni zu fragen, weil ihn eine seltsame Angst daran hinderte, zog, als es

schon ziemlich spät war, den frischgewaschenen Drillichrock an, setzte

die Mütze auf und ging lässigen Schritts die Dorfstraße entlang. Er

spähte scheu nach den Mädchen, die am Brunnen standen, doch er fand die

nicht, die er suchte. Vor manchem Thor blieb er stehen und begrüßte die

Freunde und die Bekannten, und oft ließ man ihn kaum weitergehen; man

wollte sich etwas von ihm erzählen lassen, man sagte ihm Komplimente und

alle waren stolz darauf, daß ein so schmucker Soldat ein Sohn des Dorfes

war. Doch seine Sehnsucht trieb ihn gebieterisch zum Ziel, und schnell

schritt er zum Haus des Bäckers Escher. Entschlossen wollte er

hineingehen, da sah er sie träumerisch im Flur stehen und vor sich

hinstarren. Sie blickte überrascht auf, als er ihre Hand nahm; erst

schien sie nicht zu wissen, wer es sei, dann wurde sie feuerrot und

stotterte eine verlegene Begrüßung. Wie verändert ist sie, dachte Frank,

und er vergaß, daß er sie stürmisch in die Arme hatte schließen wollen.

Da standen sie nun schweigend beisammen und wußten sich nicht ein

einziges Wort zu sagen. »Bist du mir denn bös?« fragte endlich der junge

Soldat. Sie schüttelte den Kopf und wollte unbefangen lächeln. Aber

selbst in der Dunkelheit gewahrte er wohl, daß ihr Lächeln gezwungen

war, und er fühlte, daß sie ein beklommenes Herz hatte. »Geh fort,«

sagte das Mädchen plötzlich eindringlich und voll Hast, »der Leutnant

kommt gleich wieder. Er braucht dich doch da nicht zu sehen; morgen

wollen wir uns treffen, ich geh morgen nach Dürnbach, da wollen wir

mitsammen gehn, -- aber jetzt geh fort, hörst?« -- »Der Leutnant?«

murmelte Frank und sah bestürzt vor sich hin; er konnte noch nicht

begreifen, was vorging, er wollte Veni umarmen und wollte sie zwingen,

daß sie ihn küsse, aber sie entwand sich seinem Arm und huschte im

dunkeln Flur lautlos dahin.

Der junge Mensch dachte nicht ans Heimgehen, obgleich kein Soldat nach

zehn Uhr mehr auf der Straße sein durfte. Noch immer hatte er nichts

begriffen, und er schlich ums Haus herum, die Hände in den Taschen und

die Blicke an den Boden geheftet. Es roch gut nach Heu und Dünger; das

Gewitter und alle Wolken hatten sich verzogen, die Sterne schimmerten am

Himmel wie reine, klare Perlen, und es war wieder so schwül wie am Abend

vorher.

Zwei Nachtfalter flatterten durch den Hof und über die Schultern Frank

Aschenbrenners, und wie er sie mit den Augen verfolgte, sah er, daß ein

Fenster oben erleuchtet war, und er wußte aus früherer Zeit, daß dies

Venis Fenster war. Dann sah er zwei Schatten droben. Da in der Nähe ein

alter Birnbaum stand, kletterte er rasch daran hinauf, und bald konnte

er in die Kammer hineinschauen, wo der Leutnant saß und die junge Veni

umschlungen hielt. Sie sträubte sich nicht, nein, sie ergab sich seiner

Umarmung, sie suchte seine Umarmung, sie hatte das Gesicht an seiner

Brust verborgen. Das ist aber schnell gegangen, dachte der Soldat in

seinem Stumpfsinn, und der Ast, auf dem er saß, wollte schier brechen.

Die reifen Früchte des Baumes schienen um ihn herumzutanzen; unten lief

eine Katze über den Hof und stieß ein klagendes und sehnsüchtiges

Geschrei aus; eine Fledermaus schwirrte vorbei. Jetzt löschte der

Leutnant das Licht aus, und Frank starrte noch immer und wußte nicht wie

lange, da auf einmal erscholl die Trommel, die die Kompagnie zum Appell

rief. Oho, dachte Frank Aschenbrenner und brach zornig einen Zweig

mitten durch, gönnen sie uns nicht mal die Rast? Das bedeutet

Nachtübung -- Brigadebefehl ... und er lachte höhnisch vor sich hin,

stieg herab vom Baum, trottete nach Haus, wo die beiden Eltern mit

Bangen auf ihn warteten, und begann sich marschfertig zu machen wie die

andern auch.

Das ganze Dorf war in Bewegung. Die Korporalschaften ordneten sich, und

in den Gesichtern der Mannschaft lag ein düsterer Verdruß. Schwer und

schleppend setzten sich die Züge in Bewegung, um sich zu sammeln und der

Mond stieg groß und glühend über der Landschaft auf, eine halbvollendete

Scheibe. Der Hauptmann ritt vor die Front und feuerte in einer

pathetischen Ansprache die Soldaten an. In kurzen Zügen gab er dann den

Plan des nächtlichen Manövers kund. Die Ordre ging vom Armeekorps aus:

die dritte Brigade sollte den Waldrand von Heumödern besetzen und die

Position bis Tagesanbruch zu halten versuchen. Die Offiziere

orientierten sich auf ihren Karten und die Korporäle machten sich

Notizen, weniger weil es notwendig war, als um ihr waches und

unermüdetes Interesse deutlich zu zeigen. Während all dem standen die

Dorfbewohner schweigend um die Kompagnie und beobachteten neugierig das

fremdartige Thun. Die Nacht war voll von einer bedrückenden Schwülnis,

über den Feldern lagerte ein seltsamer Dunst, und heimliche Lichter

schienen oft aufzublitzen unter dem schweren Mantel der Nacht. Endlich

wurde der Marschbefehl erteilt, und dumpf und echolos ertönten die

gleichmäßigen Schritte der Kolonne auf der Dorfstraße. Hinter ihnen lag

der See; stumm und langen Schleiern gleich glitten zarte Nebel über die

glatte Fläche. Es war wie eine geheime Empörung unter den Leuten, die

aus ihrer Nachtruhe aufgescheucht, neuen Müdigkeiten und Erschöpfungen

preisgegeben waren. Die Vorgesetzten fühlten es, daß hier ein Geist der

Widersetzlichkeit zu Gast war, jener stumme Unwille, der wie ein mühsam

eingedämmtes Feuer weiterlodert und weiterlodert, bis er alle ergriffen

hat und der vernünftigen Zurückhaltung unfähig macht. Weithin glänzte

die Landschaft in der Nacht und der zitternde, dämmerige Mondschein

beleuchtete etwas gespenstisch die bewegliche Schlange, die auf der

Chaussee fortschlich, langsam und anscheinend ohne Ziel, wie eine

seltsame Maschinerie. Die Gewehrläufe und die Knöpfe der Uniformen

blitzten sanft, und keiner in der Kolonne hatte Lust zu plaudern. Nur

wenn einer im Marsch nachließ und den Schritt verlor, wurde ein

boshaftes Murren laut und die ganze stille Empörung der Gequälten kehrte

sich gegen den frühzeitig ermatteten Kameraden. Viele hatten sich

offenbar schon die Füße wund gelaufen, denn ihr Gang war zag und

vorsichtig; sie traten nur noch mit der Sohle des Stiefels auf, und

manche waren wund zwischen den Schenkeln und schritten mit gespreizten

Beinen dahin.

Auf dem langen Marsch bis zum Wald von Heumödern vereinigten sich die

zwölf Kompagnien des Regiments; kurz vor Erreichung des Zieles traf das

andere Regiment ein, und die Brigade konnte nun plangemäß das Terrain

besetzen. Lautlos ging all dies vor sich, der Mond stieg immer höher und

ein schwüler, leichter Wind kam von der Seegegend her. Gedämpfte

Kommandorufe: ausschwärmen! langsam! hinlegen! zurück! u. s. w. störten

den Nachtfrieden des Waldes. Und Frank Aschenbrenner wollte sich eben

niederlegen, beglückt, daß er nun endlich ruhen könne und unfähig, an

etwas anderes zu denken als an diese zerstörende Müdigkeit, die den

Körper förmlich aushöhlte; da vernahm er, wie man ihn und zwei Kameraden

dazu bestimmte, mit dem Leutnant von Gerlach einen Patrouillengang

anzutreten. Er dachte nicht mehr an seine Erschöpfung. Er hätte lachen

mögen, und die Begierde, jemandem seine Befriedigung mitzuteilen,

überkam ihn; die seltsame Fügung des Zufalls, die gerade ihn mit dem

Leutnant auf einen einsamen Wachtposten stellte, veranlaßte ihn nicht

einmal zum Nachdenken, sondern machte ihn nur froh und erwartungsvoll.

Der Leutnant hatte die wichtige Aufgabe erhalten, die Stellung des

Feindes an seinem linken Flügel auszukundschaften und marschierte nun

mit seinen drei Leuten am Wald entlang und dann gegen die Ebene hinüber.

Er verfolgte eine Zeitlang den Lauf des Zonhofer Baches, streifte das

herzogliche Jagdrevier Birkenfeld und dann breitete sich ein weites

flaches Land vor der müdhinschleichenden Patrouille aus. Durch

Wiesenwege gings und durch den Rain der Felder, und bald war es so

einsam rings, daß kein Baum und kein Strauch mehr zu sehen war. Und im

Osten zogen weißliche, dünne Wolken empor, gefärbt vom Licht des Mondes;

oft huschte ein scheuer Nachtvogel vorbei und die Grillen wurden laut

und lauter: ein wechselloser Rhythmus, gleichsam die Melodie des

Schweigens; dabei fielen den Soldaten ganz alte, fast vergessene

Volkslieder ein und Jürg Kohlmann summte sogar die »stille Wacht« vor

sich hin. Unfern von Obermödern war ein Kreuzweg, und am Wegweiser dort

teilte Leutnant von Gerlach seine Patrouille: Jürg Kohlmann und Stephan

Weyh sollten langsam und mit großer Vorsicht bis zur Staatsstraße

vordringen, er selbst wollte mit Frank Aschenbrenner in nördlicher

Richtung rekognoscieren. Frank lachte heiser, fast unhörbar vor sich

hin. In seltsamer Glut starrten die Herbstzeitlosen aus den Wiesen, und

der Mond wurde schon rot und neigte sich dem Horizonte zu. Die

nachttaunassen Gräser feuchteten die Stiefel; die Sterne schienen mit

den beiden Einsamen zu wandeln. Die Ebene schien gar kein Ende nehmen zu

wollen: in sanften Linien malte sich der Horizont vom schwarzblauen

Himmel ab, und bisweilen ragte ein Baum auf, die Dunkelheit wie ein

Schwert durchschneidend. Plötzlich lachte Frank Aschenbrenner mit einem

sonderbar glucksenden Lachen: der Leutnant blieb stehen und sah ihn an;

es war ein unsicherer Blick, voll Schuldbewußtsein und Unmut. Frank

erwiderte ihn furchtlos, ja, er bohrte seine Augen tief in die seines

Leutnants; er preßte die Lippen zusammen und rührte sich nicht von der

Stelle, bis der Leutnant sich umkehrte und wortlos weitermarschierte.

Aber es war von diesem Augenblick an, wie wenn der junge Offizier die

düsteren und haßerfüllten Augen seines Soldaten beständig auf sich ruhen

gefühlt hätte, als ob er dabei einen körperlichen Schmerz empfände. Und

dies Unbehagen nahm zu. Frank Aschenbrenner, todmüde und so erschöpft

wie er noch nie im Leben gewesen war, kam gleichwohl nicht eigentlich

zum Bewußtsein dieser Müdigkeit, sondern sein Kopf war ausgefüllt von

einem einzigen Gedanken, der ihn weit über alles leibliche Ungemach

hinwegtrug. Als der Leutnant vor einem mageren Weidengebüsch Halt

machte, nahm Frank das Gewehr ab und hörte wie im Traum, daß ihm der

Offizier befahl, niederzuknien und hinüberzuspähen nach der Chaussee,

während er selbst sein Taschenbuch zog und sich anschickte, Notizen zu

machen. Aber Frank gehorchte dem Befehl nicht, und der Leutnant that,

als habe er es nicht bemerkt. Er schien vertieft in seine Beobachtungen;

in Wirklichkeit empfand er eine unbestimmte, aber intensive Angst. Diese

stille Nacht, der starke und heißblütige, von glühenden Instinkten

erregte Mensch hinter ihm ließen ihn gar nicht zur Klarheit über seine

wichtige militärische Mission kommen. Nicht als ob er sich gefürchtet

hätte, aber es herrschte eine fremdartige Verwirrung in seinem Innern,

die ihm nicht einmal zu einem bestimmten Befehl für den stummen

Untergebenen Mut verlieh.

Die Landstraße erstreckte sich drüben, ein ein graues, dünnes Band, und

jetzt sah der Leutnant eine feindliche Patrouille sich auf das ferne

Dorf zu bewegen. »Wir müssen in die Schonung hinein,« sagte er mit

leiser Stimme und deutete mit der Hand auf einen kleinen Fichtenhain,

der sich hinter einer hügeligen Erhebung der nahen Wiesen ausbreitete.

Wieder sah er dem Soldaten starr ins Gesicht, und diesmal zuckte er

zusammen und drehte krampfhaft an seinem dünnen Bart. Frank folgte ihm:

Vergangene Jahre blühten plötzlich auf in seiner Phantasie, das

Liebesglück stiller Jugendzeit und das Glück, das selbst im Abschied

lag, und seine Augen wurden nun groß; gleichsam verlangend sah er in die

Nacht, voll Rachedurst und voll Durst nach Freiheit, die er so lange

entbehrt hatte und deren Entbehrung ihm erst jetzt bewußt wurde. Er

heftete den Blick, von Haß und Wildheit erfüllt auf den jungen Offizier,

der es immer stärker empfand, welche Gefahr ihm drohte, als hätte der

tiefe Friede und die lautlose Nacht seine Nerven bis ins feinste

verschärft.

Sie standen unter den Bäumen des finsteren Wäldchens. Die Stille war

hier noch bedrückender, die Luft noch schwüler. »Herr Leutnant,« sagte

Frank Aschenbrenner. -- Der Offizier wandte sich um. »Nun?« -- »Die Veni

war mein Schatz.« -- Der Leutnant begann zu zittern. Er wußte nicht zu

antworten. Nach einer Weile befahl er mit heiserer Stimme: »Sie haben

sich ruhig zu verhalten. Was wollen Sie?« -- »Du bist ein Hund,« sagte

Frank mit einer Bestimmtheit, die ihm selbst unerwartet erschien. »Du

bist ein Hund,« wiederholte er, als der Leutnant schwieg. -- »Gewehr und

Seitengewehr ablegen!« schrie der Leutnant gleichsam mit einem letzten

Kraftaufwand und ging entschlossen auf den Soldaten zu, der da stand

ohne eine Hand zu rühren. Doch plötzlich sprang er wie ein wildes Tier

auf seinen Offizier los.

Der Morgen naht: auf die Fluren legt sich ein silberner Nebel und der

Himmel erblaßt im Osten. Es ist die fahle Stirn des Tages, die langsam

emportaucht; erschrocken ziehen weißliche Wolken eilig gegen Westen und

weit in der Ferne ertönt das Kleingewehrfeuer der manövrierenden

Brigaden. Frank Aschenbrenner sitzt an der Leiche des Offiziers, dem er

den Waffenrock vom Leib gerissen hat und starrt fortwährend nieder in

das vom Morgenschein immer bleicher werdende Gesicht des Toten. Jetzt,

da er nicht mehr den bunten Rock mit den Epauletten am Körper des jungen

Leutnants erblickte, war es auch nicht mehr der Vorgesetzte, den er

getötet, sondern es war ein Mensch gleich ihm. Er hatte seine Ehre

verteidigt und seine Pflicht erfüllt, indem er sich gerächt hatte. Er

sitzt da und starrt und bereut nichts; er fühlt sich seltsam zufrieden

durch das, was er gethan. Ob man ihn suchen würde? Es kümmert ihn nicht.

Endlich erhebt er sich, -- längst schon war das Signal zum Sammeln

ertönt, -- ordnet seinen Anzug, nimmt das Gewehr über und schreitet

langsam über die Äcker, als ob nichts geschehen wäre. Leicht und heiter

ist ihm zu Mut, mit glänzenden Augen schaut er in den heller werdenden

Himmel und nie hat er das Leben so golden vor sich liegen gesehen als

gerade jetzt, da er doch eigentlich mit dem Leben abgeschlossen haben

sollte. Ja, er beginnt leise vor sich hinzusummen und gut gelaunt stößt

er die Steine fort, die in seinem Weg liegen. Auf einmal bleibt er

stehen. Er dachte daran, daß er arm sei, und daß er noch nie einen

überflüssigen Pfennig besessen hatte. Ein Offizier hat doch immer viel

Geld, dachte er, und es that ihm sehr leid, daß er nicht einmal die

Kleider des toten Leutnants untersucht hatte. Dann wuchs die Vorstellung

von dem Reichtum des Offiziers so sehr in seiner Phantasie, daß er

umkehrte und mit hastigen Schritten den Schauplatz seiner nächtlichen

That wieder aufsuchte. Bald stand er wieder unter den niedern Bäumen des

Wäldchens. Er durchsuchte mit zitternden Händen alle Taschen, aber er

fand nichts, als einen Geldbeutel mit einem Inhalt von wenig mehr als

sieben Mark. Das machte ihn bestürzt und erschütterte ihn. Daß ein

Leutnant arm sein sollte, ärmer als er selbst, konnte er nicht fassen

und versetzte ihn in einen kindischen Schrecken.

Und Frank Aschenbrenner steckte das gefundene Geld zu sich und ging.

Sein Gesicht war bleich und auf einmal empfand er Furcht. Das Geld in

seiner Tasche bedrückte ihn, es schien den ganzen Körper niederzuziehen

in eine Schlucht oder in das Ackerfeld da neben ihm. Alle Heiterkeit und

alle Befriedigung war mit einemmal fort und er stierte in die Ebene

hinaus, ob man ihn nicht verfolge. Er glaubte Schreie zu hören, er

glaubte, der Tote sei aufgewacht und springe hinter ihm her, und die

Mutter des Todten sah er, die ihm zurief .... Er nahm das Geld und warf

es weit von sich, aber da half nichts, die heiße Angst in seiner Seele

wurde unerträglicher, und plötzlich sah er eine militärische Patrouille

am Horizont auftauchen. Da warf er das Gewehr von sich und begann zu

laufen, aber ein seltsamer Wahnsinn ließ ihn gerade auf die Patrouille

zulaufen, -- er stöhnte in seinem tollen Lauf, Geld, Geld rollte in

hunderttausend Plättchen um ihn her und als die Sonne heraufstieg, war

ihm, als sähe er ein großes glänzendes Geldstück vor sich, das langsam

auf ihn zukam, um ihn zu zermalmen. Dann kamen mehrere; sie liefen viel

schneller als er vermochte, stürzten sich über ihn, schienen seinen

Körper zu durchschneiden wie Messer und wie ein unvertilgbarer Jammer

kam die Erkenntnis über ihn, wodurch er unterlegen war und was jene

Mächtigen dort über ihm so mächtig werden ließ: jenes gute Gesetz, das

jeden ihrer Pfennige schützt und das höhnisch und unnahbar jedes

verzweifelte Aufraffen der Schwachen und Reinen tötet.

Bald hatte ihn eine militärische Eskorte aufgegriffen.

Mit Zintara und Bumtara marschiert die Brigade ins Quartier. Ein bißchen

Blechmusik und die Kraft der erschöpften Armeen belebt sich wieder.

Aller Groll ist vergessen, die Gewehre und die Degen der Offiziere

blitzen im Sonnenschein. Nichts erinnert an die Qualen des nächtlichen

Marsches; der Geist der Ordnung und der Disciplin ist wieder eingekehrt,

und als die Musik schweigt, erschallt das kecke Soldatenlied von tausend

Kehlen:

Der Feind, der kommt von Frankreich her,

Zu Fuß und auch zu Pferd.

[Illustration]

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

Von _Jakob Wassermann_ erschienen im gleichen Verlag:

_Melusine._ Roman 1896

_Schläfst du Mutter?_ _Ruth._ Novellen 1896

_Die Juden von Zirndorf._ Roman 1897

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der 1898 erschienenen Originalausgabe erstellt.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, kleinere

Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Gesperrt

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Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the original

print edition, published in 1898. Obvious printing errors have been

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Die Schaffnerin; Die Mächtigen: Novellen · 第 17 / 18 题