Auf einmal erhielt er diesen Stoß, der so heftig war, daß er mit dem
Kopf gegen den Ofen zurückstieß. Er fühlte plötzlich ein Kribbeln in
der Nase. Dieses stieg ihm dann nach dem Kopfe, und es war ihm zu Mute,
als wenn das Gehirn gleich einem Uhrwerk sich ihm herumdrehe. Dann lief
es ihm ganz kalt durch das Genick in die Schultern und er meinte, es
falle ihm durch die Zimmerdecke geschmolzener Schnee auf den Rücken.
Darauf versetzte es ihm einen heftigen Ruck in der Brust und er hatte
eine heftige äußere und innere Hitze. Die Brust wurde ihm aufgetrieben,
und er mußte sich Rock und Weste aufknöpfen, um sich Luft zu
verschaffen. Er bemerkte nicht mehr, daß die Schaffnerin bleich und
aufgeregt hereinkam, um den Amtmann zu beruhigen; er hörte nicht, daß
sie ihm leidenschaftlich zuredete und ihm seine Hitze verwies, und daß
sie dann die beiden Männer zum Abendessen bat. Etwas später fand er sich
am Tisch sitzend, ohne daß er wußte, wie er herübergekommen.
Der Amtmann war jetzt plötzlich wieder ein anderer Mensch. »Man muß doch
endlich einmal aufhören,« sagte er, als er das Fleisch von der Schüssel
nahm. Er redete gegen Tarnow hinüber ganz ruhig über Geschäfte und über
eine Fahrt, die sie zusammen nach dem Rottendorfer Jahrmarkt machen
wollten. Tarnow, der sonst stets glücklich war, wenn der Amtmann wieder
freundlich wurde, sagte diesmal kein Wort.
Gleich nach dem Essen fing der Amtmann an, Stiefel und Jacke auszuziehen
und sagte: »Kinder, wenn euch so schläfert wie mich, dann geht
schlafen.« Er wünschte gute Nacht und ging in sein Schlafzimmer.
Auch Tarnow legte sich zu Bett. Der Jäger, der sonst zugleich mit ihm
schlafen ging, war noch nicht da. Er hörte ihn bald darauf im Wohnzimmer
mit der Schaffnerin sprechen, so deutlich, als ob es in der Stube
nebenan wäre. Die Schaffnerin sagte ihm, er solle jetzt auch schlafen
gehen. Der Jäger kam nun und sagte zu Tarnow, der Amtmann sei schon zu
Bett.
Tarnow lag in unerträglicher Hitze da. Er hörte in der Nebenstube die
Libuhn buttern. Nach einer Weile hörte sie damit auf, verließ die Stube,
war aber nach kurzer Zeit an Tarnows Thür und rief leise durch die Thür:
»Herr Tarnow, schlafen Sie?«
»Warum?« fragte er.
»Wenn Sie mal rauskommen könnten, thäten Sie was Schönes belauern,«
entgegnete sie kichernd.
»Was denn?« fragte er.
»Wie der Jäger fort war, ist die Schaffnerin zum Amtmann ins Zimmer. Und
jetzt ist sie immer noch drin,« flüsterte die schwatzhafte Magd.
Tarnow erwiderte nichts, und die Libuhn fuhr fort zu buttern. Zu dem
Jäger, der noch nicht schlief, und der alles gehört hatte, sagte Tarnow:
»Sehen Sie nur, Klein, was das für eine Hundezucht ist. So heilig hat
mir der Amtmann versprochen und zugeschworen, daß er und ich und die
Schaffnerin gleichzeitig in unsere Stuben sollen und jetzt ist es doch
nichts!«
Der Jäger lachte. Ob denn das was Neues sei, meinte er.
Nun kam die Libuhn abermals vor die Thüre. »Herr Tarnow,« raunte sie,
»ich hab gehorcht an der Thür. Sie ist noch drin.«
Tarnow richtete sich ein wenig auf und stützte den Kopf auf die Hand. Er
empfand immer größere Hitze im Kopfe und am ganzen Körper. Er konnte
nicht einmal die Augen zumachen und warf sich wild im Bett umher.
Es schlug zehn und es schlug halb elf und da kam jemand in die Stube
nebenan, wo die Magd immer noch butterte. Das muß die Schaffnerin sein,
dachte Tarnow. Und als er dann wirklich ihre Stimme hörte, schlugen
seine Zähne aneinander wie im Fieber. Er wollte ihr merken lassen, daß
er noch wach sei, daß er bis jetzt gewacht habe, und mit einer seltsam
metallisch klingenden Stimme schrie er lauter als nötig war hinüber:
»Haben Sie jetzt Butter, Libuhnin?«
Statt ihrer antwortete die Schaffnerin: »Wir werden bald welche
bekommen; ich brühe jetzt.« Und Tarnow lauschte ihren Worten, als sie
schon längst verklungen waren. Es kam ihm vor, als klängen sie nach in
der Stille der Stube, als wiederhole sie der Wind draußen tausendzüngig.
Er hatte eine Lust in sich zu klagen, was ihm alles widerfahren, aber
die Hitze, die er empfand, drückte seine Kehle zusammen. »O Gott,«
murmelte er, »wirst du mich denn nicht erlösen!«
Eine kleine Weile darauf wurde es nebenan still. Dann wünschte die
Schaffnerin durch die Thür in einem freundlichen Ton Tarnow gute Nacht.
»Gut Nacht,« sagte auch Tarnow.
Er horchte gespannt. Ihre leichten Schritte verhallten auf dem Flur. Sie
ging in ihr Zimmer, aber sie verschloß die Thüre nicht, wie es doch
verabredet war.
»Sehen Sie, Klein, jetzt schließt sie doch ihre Thür nicht zu,« sagte
Tarnow und biß wie verzweifelt in sein Kissen.
Der Jäger, verwundert, den Tarnow heute so redselig zu finden, brummte
bestätigend.
Es schlug elf Uhr.
Die Hitze, in der Tarnow lag, wurde zu einer furchtbaren Glut. Alle
Beleidigungen, die er in diesem Haus erlitten, vom ersten Tag an bis
heute, alles trat ihm vor die Seele. Dann lag er gedankenlos im Bett. Er
fühlte nur noch ein Sausen und Brausen, als ob ihm das Gehirn im Kopf
herumgewälzt würde. Er konnte es nicht mehr aushalten im Bette; auch die
Stille im Haus war ihm zu groß. Sie drückte weniger auf ihn, wenn er
saß, als wenn er lag. Er setzte seine Füße hinaus, zog seine Pantoffeln
an, blieb aber so sitzen und sitzen, hörte halb zwölf und zwölf und halb
eins und eins schlagen. Dann zog er seine Strümpfe und Beinkleider und
seinen Überrock an und fragte: »Schlafen Sie, Klein?«
Keine Antwort kam. Klein schlief.
Er verließ die Stube. Er riegelte das Hausthor auf und ging in den Hof,
wo ihn ein jagender Wind empfing. Er lief ein ganzes Stück hinaus in die
Wiesen und kehrte dann ebenso schnell laufend wieder um. Er ging dann in
die Amtsregistratur. Er wußte, daß der Amtmann in der Registratur an
einem Nagel einen Strick aufbewahrte. Er ging immer schnell und fühlte
nur das Sausen und Brausen in seinem Kopf. Er fand den Strick nicht an
dem Nagel. Aber im Finstern suchte er und fand den Strick an einem
zweiten Nagel. Und er nahm den Strick und steckte ihn in die Tasche.
Dann stand er wie erstarrt still und sagte ziemlich laut: »Nein, mit dem
Strick geht es nicht.« In einem Zimmer nebenan stand eine Kiepe mit
Eisenzeug. Er nahm einen Hammer daraus, den größten und schwersten, den
er fand. Sobald er den Hammer in der Hand hatte, wurde es ruhig um ihn
und das Sausen und Brausen hörte auf. Er dachte: ich mache es wie der
Blutmartin, dessen Bild ich auf der Messe gesehen habe. Und wenn er
seine Thür zugesperrt hat, will ich ihn um Zündhölzer bitten; will
sagen, es ist mir recht schlecht, Herr Amtmann, zünden Sie mir die Kerze
an.
Er stand vor der Thür der Schaffnerin, kniete hin und betete.