Der Prediger und der Organist von Veitshöchheim waren zu Gast bei dem
Amtmann. Sie waren schon nachmittags herüber gekommen und hatten ein
Spielchen arrangiert. Ihre Bekanntschaft mit Truchs lag höchstens um
einen Sonntag zurück.
Die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit zwischen dem Amtmann und seinen
Gästen war laut und ungezwungen. Die Schaffnerin, die Truchs gegenüber
saß, blickte ohne eine Bewegung zu machen und ohne ein Wort zu sprechen,
auf ihren Teller nieder und berührte die Suppe nicht, die vor ihr stand.
Tarnow, der neben der Schaffnerin saß, war ebenso schweigsam.
Es gab Brotsuppe. Der Amtmann hatte sich und seinen Gästen Suppe
gegeben und reichte nun Tarnow den Vorlegelöffel, damit er sich selbst
nehme. Tarnow nahm den Löffel und schöpfte sich Suppe, aber er vermied
dabei das Brot, das er nie aß, wenn es in der Brühe gelegen hatte. Da
fuhr ihn der Amtmann zornig an: »Das thun ungezogene Leute. Das ist
unschicklich.«
Tarnow schwieg.
Der Organist platzte mit Lachen heraus. Der Prediger, ein noch junger
Mann, der unter widerwärtigem Schlürfen seine Suppe aß, nickte etwas
stupid vor sich hin. Der Amtmann stieß während der ganzen Dauer der
Mahlzeit beleidigende und kränkende Worte gegen Tarnow aus, machte sogar
zotenhafte Witze, bei denen der Prediger errötete und wie beschwörend
die Hand erhob, während der Organist krampfhaft Brotrinden zerbiß. »Na,
Leutholdin,« sagte dann der Amtmann jedesmal und warf der Schaffnerin
funkelnde Blicke zu, »meinen Sie nicht auch?« Die junge Frau lächelte
dann, -- aber mit welch einem rätselhaften Lächeln! Ihr Gesicht erhielt
dadurch fast gar keine Veränderung, außer daß der Mund sich in die Länge
zog.
Tarnow schwieg zu allem.
Es war schon zehn Uhr vorbei, als der Amtmann mit seinen Gästen
aufbrach, um sie zu begleiten. Die Nacht war finster. Ein stürmischer
Wind ging und die Fensterscheiben klapperten in ihrer Einfassung.
Zum erstenmal wieder befand sich Tarnow mit der Schaffnerin allein. Er
hatte gezittert vor diesem Alleinsein und hatte es doch auch gewünscht.
Sie saßen lange Zeit, ohne etwas zu sagen und hörten der schaurigen
Windmusik zu. Im Haus selbst war es ganz still. Tarnow glaubte
bisweilen, er höre eine Glocke läuten. Es war nur ein ganz dumpfes,
hinsterbendes Geräusch, das sich seinen Sinnen darstellte, nicht als ob
es die Stille, sondern nur die Finsternis durchbreche, die sich draußen
um die Mauern schmiegte. Und wieder glaubte er dann seinen Namen von
irgend einem Unsichtbaren gerufen und lauschte voll Angst.
»Fanny, was haben Sie mit dem Amtmann gehabt?« fragte er endlich ohne
weitere Überlegung.
Sie schüttelte den Kopf und sagte nichts. Es quälte ihn, daß sie
schwieg, aber er wiederholte seine Frage nicht.
Da reichte sie ihm einen Zettel. Er nahm ihn und las mit Bleistift
geschriebene Worte: Ich darf nichts reden, wenn ich Ruhe haben will.
Heiraten werd ich ihn nicht, nein. Ich werd mich nicht mit dir
auseinanderbringen lassen, Tarnow. Eher zieh ich fort.
Der Umstand, daß sie dies geschrieben hatte und offenbar schon lange
vorher geschrieben, und daß sie nicht redete, machte einen furchtbaren
Eindruck auf Tarnow. Flüsternd, als könne selbst die Stille sie
belauschen, fragte er: »Warum sprechen Sie denn nichts, Fanny?«
Sie sah ihn an und blickte dann deutend nach den Fenstern, nach der
Thüre, als sei sie gewiß, daß des Amtmanns Ohr eifersüchtig daran
gepreßt sei, oder als sei sie gewiß, daß die Luft, in die sie ihre Worte
hauchte, ihm den Schall zutragen müßte. Das erfüllte Tarnow mit
Schrecken, und er schwieg gleichfalls, obwohl er wußte, daß Truchs in
Wirklichkeit mit den beiden Männern fortgegangen war, da er sie selbst
bis zur Hausthür begleitet und noch von ferne das dröhnende Lachen des
Amtmanns gehört hatte.
Und es dauerte auch noch eine Viertelstunde, bis er zurückkam. Er schien
in sehr heiterer Stimmung, that aber, als ob Tarnow gar nicht da sei.
Dieses Verhalten erregte Tarnow auf unerklärliche Art. Aufmerksam
verfolgte er jeden Schritt, jede Geste des Amtmanns, und erst als man
dann aufbrach, um sich zu Bett zu begeben, hatte sich die Unruhe in ihm
etwas gelegt. Aber schlafen konnte er nicht. Er setzte sich an das
kleine Tischchen, das zwischen dem Bett des Jägers und dem seinen stand,
zündete eine gebrechliche Lampe an, die auf dem eisernen Ofen stand und
die ein mageres Licht in der Stube verbreitete, und schrieb einen Brief
an seine Mutter, die in einem Weiler in der Nähe von Aschaffenburg
wohnte. Er schrieb, daß es ihm gut gehe und daß er sich für ihre
sorgliche Nachfrage bedanke; daß er seine Stelle nicht so bald zu
verlassen gedenke wegen der Mutter, und daß er bald eine einträgliche
Beförderung zu erfahren hoffe; daß er sich zwar nicht viel ersparen
könne, daß ihm aber trotzdem an leiblichen Dingen nichts abgehe. Sein
Stil war plump, aber zärtlich; all das sanfte Licht, das in seiner Seele
wohnte, strömte dabei in die Zeilen über, die ganze Güte seines Wesens
kam in wunderlichen Wortverschnörkelungen zum Ausdruck, wie diese: daß
du, meine so hochgeliebte Mutter, mich immer ermahnst, beim Rechten zu
bleiben, ist ein herrliches Zeugnis deiner Tugend und kann mir nichts
Lieberes geschehen. Diese altmodischen Banalitäten nahmen in seiner
Schrift, unter seiner langsam sich über das Papier schiebenden Hand
etwas Edles und Rührendes an und zeigten, wie sein Gemüt an diesem Tag
noch sein Gleichgewicht besaß.
Als Tarnow am nächsten Morgen in das Bureau trat, war der Amtmann schon
anwesend. Tarnow war erstaunt, denn es war das erste Mal, daß dies der
Fall war. Der Amtmann erwiderte seinen Gutenmorgengruß nicht. Er war mit
keiner Arbeit beschäftigt, sondern starrte nur dumpf vor sich hin. »Ich
muß mit Ihnen reden, Tarnow,« sagte er einmal, aber als Tarnow den Kopf
erhob und lauschte, schwieg der Amtmann. Dagegen wurde er plötzlich
aufgeräumt und redselig, als Tarnow sagte, er müsse nach den Vorwerken
und dann nach Strelentin hinüber und käme erst Nachmittag zurück.
Aber Tarnow kam schon früher zurück und begegnete am Kloster
Himmelspforta der Schaffnerin, die in der Stadt gewesen war. Es hatte zu
regnen begonnen, auch der Wind hatte seit gestern noch nicht aufgehört.
Tarnow hatte keinen Schirm und bat die Schaffnerin, ihn unter ihrem
Schirm mitzunehmen. Förmlich gepeitscht, rasten zerfaserte Wolken über
den Himmel. Kein Mensch war weitherum zu sehen. Das Kloster lag in einer
gleichsam steinernen Stille da, und die Akazien, die zum Portal führten,
krümmten sich und ächzten und die Blätter rauschten laut. Die
Schaffnerin war wieder schweigsam und in Tarnow kehrte die Furcht des
letzten Abends zurück. Oft glaubte er, die Schaffnerin lächle, aber dann
schloß er, daß er sich getäuscht haben müsse. Er meinte es immer dann zu
sehen, wenn sie beide schwer gegen den Wind ankämpften, und wenn sie
sich dann an ihn preßte oder seine Hand zufällig die ihre berührte. Sein
Herz klopfte, wenn er sie ansah, -- das liebliche Oval ihrer Wangen, das
duftige Rot, das der Sturm darüber gehaucht, die feine, weiße Haut des
Halses, unter der die Adern pochten, das blaue Band, das den Nacken
umschloß; und er dachte sich aus, was er ihr vielleicht sagen könnte, um
ihr zu gefallen. Aber es blieb beim Denken. Sie näherten sich dem Gut
und aus dem Fenster des Bureaus blickte der Amtmann nach ihnen.
Kurze Zeit nachher kam der Krüger Kitz, der eine Zahlung leisten wollte,
und Tarnow hatte die Quittung zu schreiben. Er datierte sie, wie es
richtig war, auf den 28. Juni, den Tag der Zahlung. Die Zahlung war
schon im Mai zu leisten gewesen. Der Amtmann geriet plötzlich in große
Wut, als er das Datum der Quittung sah. Er warf das Quittungsbuch des
Krügers auf den Tisch und schrie Tarnow aus allen Kräften an: »Herr, zum
tausend Teufel, was haben Sie da wieder für dummes Zeug gemacht!«