II.

In der dritten Woche des Mai wurde der Amtmann Bödensaß plötzlich sehr

krank. Er konnte weder stehen noch gehen, und auch im Liegen ächzte er.

Man holte den Arzt, der den Kopf schüttelte und heiße Wicklungen

verordnete. Aber an demselben Abend noch bemerkten alle vom Gut, daß es

unaufhaltsam zu Ende gehe mit dem Alten. Am anderen Morgen um ein halb

fünf Uhr verschied er. Die Trauer um ihn war herzlich und aufrichtig,

denn er war ein seelenguter Mann gewesen. Zorn und Härte waren ihm

ebenso fremd gewesen, wie Enthaltsamkeit und übermäßige Anstrengung. Nur

die Stadt war ihm verhaßt gewesen, und ein Städter war in seinen Augen

ein untauglicher Mensch.

Dem Begräbnis wohnte der Generalleutnant selbst bei. Er hielt eine

kurze Ansprache in strengen militärischen Worten, die wie mit dem Messer

geschnitten von seinem lippenlosen Mund fielen und legte einen Kranz auf

den Sarg. Da der Amtmann keinerlei Anverwandte in der Welt hatte,

verlief die Feierlichkeit im ganzen ziemlich kühl. Auf dem Gut wurde

nachmittags ein Gelage abgehalten, bei dem von Trauer nicht mehr viel zu

spüren war. Tarnow hielt sich jedoch fern. Er war der Abrechnungen

halber mit den Büchern zum Generalleutnant gegangen. Die Knechte

spöttelten darüber; ob er wohl glaube, daß er den ledigen Posten jetzt

für sich bekomme? Da hätte es aber gute Wege. Stauff saß mit der Libuhn

Arm in Arm, und beide lachten über den ehrgeizigen Schreiber.

Möglich, daß Tarnow gehofft hatte, Amtmann zu werden. Redlich und

geduldig genug hatte er gedient. Auf jeden Fall schlug sein Herz

gewaltig, als am Sonntag in der Früh der Überlandbote einen an den

Wirtschaftsschreiber gerichteten Brief brachte, dessen Adresse von der

Hand des Generalleutnants stammte. Mit zitternden Fingern riß Tarnow den

Umschlag entzwei; die Augen gingen ihm fast über, und er bat den Jäger

Klein, der heute vom Forst gekommen war, um einen Stuhl. Aber der

Generalleutnant schrieb in seiner kurzen, gemessenen Weise nichts als

das, daß der neue Amtmann am 1. Juni auf Bruneck eintreffen werde und

befahl, die nötigen Vorkehrungen unverzüglich zu treffen.

Tarnow saß noch lange mit dem Papier in der Hand und starrte auf die

Wiesen hinaus. Dann aber streichelte er seinem Kater das pechschwarze,

glänzende Fell und lächelte in seiner geduldigen Weise.

Einige Tage später traf der neue Amtmann ein. Er hieß Truchs. Er war

weit über Mittelmaß gewachsen. Dabei war er ziemlich dick, so daß seine

Schultern etwas nach rückwärts gebeugt waren. Er hatte einen hellbraunen

Bart, der an manchen Stellen schon ins Graue spielte, eine Adlernase

und eine vollkommene Glatze. Seine Augen hatten etwas Unruhiges,

Spähendes, fast Irres. Sie waren stets wie in weite Ferne gerichtet,

schienen durch die Gegenstände hindurchzublicken und nahmen oft einen

kalten, tückischen Ausdruck an.

Gegen Mittag war er in einer etwas altmodischen Kalesche vorgefahren, in

Begleitung eines jungen Weibes, die er dem Tarnow gegenüber als seine

Wirtschafterin bezeichnete. Er besah das Herrenhaus vom Giebel bis zum

Keller, ließ sich die Ställe zeigen, ging in den Garten, auf die Äcker

und in die Vorwerke, wobei ihn der Knecht Stauff begleitete. Als er

zurückkam, suchte er das für ihn hergerichtete Wohnzimmer auf und ließ

den Kaffee bringen, den Frau Leuthold, seine Wirtschafterin, inzwischen

bereitet hatte. Während er aß, gab er seine Zufriedenheit zu erkennen.

»Fanny,« sagte er unter behaglichem Schmatzen, »man wird sich hier gut

einnisten. Hier ist gut sein.« Lachend tätschelte er ihre Hand.

Fanny Leuthold nickte nachdenklich.

Als er fertig war, rief der Amtmann nach Tarnow. Tarnow kam. Sein

Gesicht war etwas blasser als sonst, seine Haltung etwas gebückter. Mit

Augen, die fast den fragenden Augen eines Kindes glichen, sah er den

Amtmann an. Truchs warf sich mit übertriebenem Behäbigthun auf seines

Vorgängers alten Lehnstuhl, den man hierherein geschafft hatte, und

fragte spöttisch: »Na, was machen _Sie_ denn für ein Gesicht?«

Tarnow senkte den Kopf und lächelte schüchtern.

»Mir scheint, das Gut wurde bisher ziemlich schlecht verwaltet, wa?«

sagte Truchs plötzlich mit gleichsam drohendem Ernst und auf seine Stirn

legte sich eine lange, tiefe Falte wie ein Reifen.

»Wir haben nach besten Kräften gearbeitet,« erwiderte Tarnow langsam und

unbefangen.

Der Amtmann brach in ein wieherndes Gelächter aus und patschte sich auf

die Schenkel. »Vorzüglich, hähä! Haben Sie gehört, Fanny, -- hähä --?

Nach besten Kräften ist doch vor -- züglich, hähähä! wa? Der Mann hat

Talent. Wo haben _Sie_ denn die Schule besucht, Tarnow?«

»In Arnstein,« sagte Tarnow mit völliger Ruhe.

Der Amtmann schien dem Ersticken nahe; sein Gewieher wurde immer

dumpfer. »Vor--züglich!« ächzte er, »giebt's da mehr von der Sorte, in

Arnstein? Vor--züglich! Nach besten Kräften ist unbezahlbar!« Er klopfte

sich noch ein paarmal wie beschwichtigend auf seine fleischigen Schenkel

und verschnaufte dann. Plötzlich stand er auf, und sein Gesicht zeigte

nun unvermittelt eine bösartige Ruhe. »Von heute ab wird das anders,«

sagte er rauh. »Oder sagen wir lieber von morgen früh ab, ich will nicht

tyrannisch sein. Also von morgen früh ab wird hier ein anderes Regiment

sein. Jetzt können Sie sich trollen, mein lieber Tarnow aus Arnstein.«

Tarnow verließ die Stube und wie er in den langen, schmalen Flur trat,

glaubte er, die getünchten Mauern hätten auf einmal eine andere Farbe

erhalten. Vor dem Thor mußte er die flache Hand vor die Augen halten;

denn die untergehende Sonne blendete ihn. Die Berge und der Strom waren

verschwenderisch übergossen mit gelber Glut, die von Sekunde zu Sekunde

tieffarbiger wurde, bis die ersten scharlachroten Streifen über einer

zerfließenden Wolke im Westen hervorquollen. Alles zitterte und bebte

auf den Feldern und Wiesen: die Halme der Gräser und des Getreides, das

Insektengetier in den Lüften, die Dächer ferner Hütten und die

Eisenschienen der Bahn glitzerten an den Kurven so sehr, als seien sie

nahe daran, Feuer zu fangen. Tarnow erschrak fast vor all dem Leben in

Flammen. Er dachte: nun, heuer wird man guten Wein haben.

Er sah von der Richtung der Kaserne her ein Mädchen kommen. Zuerst war

er ungewiß, wer es sei, denn die Gestalt schien völlig zu verfließen im

Sonnenglast. Dann aber nickte er beifällig vor sich hin; er wußte schon,

es war Galeners Anna, eine Base der Libuhn, ein junges Ding von vierzehn

Jahren. Sie kam jeden Samstag auf das Gut heraus und schleppte einen

Korb mit sich, in welchem sich Fettnudeln befanden. Für geringes Geld

verkaufte sie die an die Knechte und Mägde, und auch Tarnow nahm

bisweilen ein Stück, nicht, weil ihm die Mehlspeise besonders

wohlschmeckte, sondern aus Gutmütigkeit und weil er damit dem Mädchen

eine Freude zu machen glaubte. Nun kam sie wieder und lachte schon aus

aller Ferne dem Wirtschaftsschreiber zu. Auch der Knecht Stauff sah es

und kam und die Miresin, eine Magd, die schon mehr als zwanzig Jahre auf

Bruneck war, »dazumal, als die Herrschaft noch da war.«

Tarnow stand schon bei ihr, öffnete mit der einen Hand den Korb und

strich mit der andern sanft über die erhitzten Wangen des Mädchens. Auch

die andern schauten neugierig, halb verschmitzt, halb begehrlich

lächelnd in den Korb, aus dem ein fettig-süßer Geruch stieg. Auf einmal

machte sie eine harte, zornige Stimme auseinander fahren. Bestürzt sahen

sie sich um: es war der Amtmann. »In des Teufels Namen, was ist hier

los!« Er schrie so, daß der Hofhund mit eingekniffenem Schwanz in seine

Hütte kroch. Der Kopf des Amtmanns war blutrot vor Wut, er fletschte die

Zähne und seine Augen quollen vor. »Herr, haben Sie nichts Besseres zu

thun, als hier zu stehen?« schrie er Tarnow ins Ohr, der mit gesenktem

Kopf schweigend zurücktrat. »Haben Sie keine Bücher, haben Sie keine

Abrechnungen?«

Dann ging Truchs auf das Mädchen zu, das vor Schrecken zu zittern

begann. »Nun Fräulein Balg«, schrie er sie an, »wollen Sie sich wohl

vom Hof scheren!« Und er packte das Kind wie ein Kleidungsstück, schlug

es ins Gesicht und gab ihm Stöße in die Brust, dann warf er es wie ein

Scheit Holz mitten auf die Straße hinaus, wo es liegen blieb und leise

zu weinen begann. Selbst der Knecht Stauff schien entsetzt. Er ging hin,

sammelte die zur Erde gefallenen Fettnudeln wieder in den Korb, trug ihn

zu dem Mädchen hinaus, richtete es auf und staubte, mehr aus

Verlegenheit als weil es nötig war, mit der flachen Hand das Röckchen

ab.

Tarnow strich sich mit der Hand über die Augen. Ruhig und bescheiden

antwortete er auf Truchs Frage, wieviel Uhr es sei: »Einviertel vor

acht.« Der Amtmann kniff das eine Auge zu, zerrte an der

Schnurrbartspitze und sah aus, als ob er sich nur mit Mühe das Lachen

verbeißen könne. »Weiches Herz, was?« kicherte er und schlug Tarnow

leutselig auf die Schulter. Tarnow versuchte zu lächeln.

Dann wandte sich der Amtmann zu Fanny Leuthold, die unterdes auf die

Schwelle getreten war. Er rieb sich die Hände, schnalzte mit der Zunge

und sagte: »Was, liebe Leutholdin, das haben wir doch wieder mal fein

gemacht? Wie das Mädel flog! Ein Hui und weg war se.« Er lachte und

schien über alle Maßen vergnügt.

Fanny Leuthold sah ihn an, und es war ein seltsam sirenenhafter Blick,

den Tarnow auffing. Er dachte bei sich: lieber Gott, sie ist ein schönes

Weib.

Als er zu abend gegessen hatte, trat er wieder auf den Hof, um sich am

Brunnen die Hände zu waschen. Da trat die »Schaffnerin,« wie man Frau

Leuthold auf dem Gut schon nannte, zu ihm heran und fragte: »Sind Sie

denn traurig, Herr Tarnow?«

Ihre Stimme, so nah, machte ihn aufmerksam, doch in einer ungewohnten

Weise, als lauschte er dem, was hinter der Stimme sei. Er errötete und

vermochte nicht zu antworten, sie tippte mit einem Zweig, den sie in

der Hand hielt an seine Ohren und flüsterte schelmisch: »Na, bin ich

denn so schrecklich, daß man mir gar nicht antwortet?«

Tarnow hatte seine Fassung wieder gewonnen und entgegnete in der

bescheidenen Art, die ihm stets eigen war: »O nein, ich finde Sie nicht

schrecklich. Ich bin immer Ihr ergebener Diener.« Wieder begegnete er

jenem sirenenhaften Blick, der diesmal ihm selbst galt und vor dem er

die Augen niederschlug wie ein Knabe.

Als sie ihn verlassen hatte, schritt er gegen die Scheune und ließ einen

leisen Pfiff ertönen. Darauf sprang der Kater vom Boden der Scheune,

ging zu seinem Herrn und rieb sich schnurrend an den langen

Stiefelschäften. Dann trabte er wohlgemut in gewohnter Weise hinter

Tarnow her, der in tiefen Gedanken hinauswandelte in die dunkelnden

Felder.

Die Schaffnerin; Die Mächtigen: Novellen · 第 9 / 18 题