Ideeller und profaner Gewinn

Die in den Sport getätigten Investitionen müssen sich auszahlen.

Niemand erwartet, daß der erfolgreiche Sportler über diesen Profit

Rechenschaft ablegt. Denn niemand fragt auch nach dem Preis der

körperlichen oder psychischen Schäden, mit dem er erkauft wurde.

Diese gehören zur zynischen Erfolgsformel dazu, die offenbar jeder

begeistert akzeptiert. Die enorm hohen Summen, die die auf dem Markt

gehandelten Spieler vertraglich zugesichert bekommen, spiegeln fast

bis auf den letzten Pfennig die Höhe die Zahl derer wider, die ihnen

zuschauen oder die Produkte kaufen, die deren Namen tragen. In

einigen Ländern ist die Sportwette, ob legal oder illegal, der

Hauptwirtschaftszweig.

Dabei ist die Wette, obwohl sie ihre eigene partielle Literalität

entwickelt hat und ohne die Vermittlung von Schreiben und Lesen

auskommt, keineswegs eine neue Erfindung. Das Spielen mit dem Glück

hat die Menschheit schon immer fasziniert. Seitdem indes die

Vernetzung der Welt jedem jederzeit den Zugang zu jedem gewünschten

Sportereignis ermöglicht hat, ist die Wette wichtiger geworden als

das Ereignis selbst. Unsere Sehnsüchte und Träume werden von denen

getragen, durch die wir uns repräsentiert sehen und auf deren Siege

wir nicht nur hoffen, sondern auch setzen. Der Sport hat eine

ideelle Seite, den erfolgreichen Spieler, und eine profane, den

finanziellen Einsatz. Die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis leitet

sich aus den Erwartungen der Schriftkultur her. Hier liegt der naive

Glaube zugrunde, daß sich geistige Bildung und körperliche

Extremleistung zu einer harmonischen Persönlichkeit zusammenfügen

lassen. Warum dies nicht möglich ist, brauche ich nicht zu

wiederholen. Wichtig ist indes, daß die ideelle und die profane

Seite nicht getrennt voneinander zu sehen sind. Das verleiht dem

Wettkampf eine zusätzliche, undurchschaubare Dimension, die aus

sportfremden, durch diese indirekte Wette repräsentierten Faktoren

besteht.

Den größten indirekten Wetteinsatz stellen die Kosten für Vermarktung

und Werbung dar. Die hierfür aufgebrachten Dollarbeträge in

Milliardenhöhe gehören vermutlich zu den spektakulärsten olympischen

Rekorden. Mit der Verlagerung von der Produktions- zur

Dienstleistungsgesellschaft ist aus dem Sport eine

Unterhaltungsindustrie geworden. Die neuen Medien tragen die

internationalen Großereignisse weltweit in jeden Haushalt. Früher

haben wir uns mit den Bildern vom Sieger begnügt. Heute besitzen wir,

so wir es wollen, eine Videoaufzeichnung des gesamten Spiels und

können uns jede Spielphase noch einmal ansehen; mit noch mehr

Breitband können wir uns das Ereignis live auf den Monitor holen,

natürlich gegen Bezahlung (wie im Pay-TV).

Sport ist eine Ware geworden, die wir gegen hohe Bezahlung

konsumieren, je nachdem, wohin uns das jeweilige Angebot eines

Reisebüros bringt: nach Atlanta, Barcelona oder Sydney. Wir können

uns sogar die besten Trainer der Welt für eine Trainingseinheit oder

eine ganze Fitneßwoche leisten. Tatsachen spielen, wie überall, kaum

noch eine Rolle; was zählt, ist das Image. Im Mittelpunkt des

Schulsports stehen nicht mehr Autorität und Selbstdisziplin, sondern

die freie Wahl zwischen zahlreichen Sportarten und eine allgemein

verbreitete Lässigkeit und Genußsucht, die bisweilen die ganze Welt

als ein einziges großes Sportereignis erscheinen läßt. Der Sport

wird von vielen Anliegen und Interessensgruppen vereinnahmt. Auf der

Bühne der sportlichen Großereignisse konkurrieren die größten Firmen

der Welt mit feministischen und Menschenrechtsorganisationen, mit

AIDS-Hilfe- und Behindertengruppen um die Aufmerksamkeit und das Geld

der Zuschauer. Sponsoring ist sehr wählerisch und steht oft genug im

krassen Gegensatz zu den Werbeslogans, die es verbreitet. Diese

Formen des indirekten Wetteinsatzes haben den riesigen Markt der

Unterhaltungsindustrie im Auge, innerhalb dessen die

Interessensgebiete abgesteckt werden.

Der Wetteinsatz erfolgt über Produktwerbung auf Kleidung und Banden,

allgemeine Werbemaßnahmen und durch Öffentlichkeitsarbeit. Bei der

Olympiade in Atlanta wurden eine halbe Million Markennamen vermarktet.

Allein ihre Auflistung und Verwaltung erforderte einen ungeheuren

Aufwand, der mit "Wahrung des Olympischen Gedankens und der Rechte

der offiziellen Sponsoren" begründet wurde. Jeder Quadratzentimeter

am Körper eines Sportlers wird vermarktet. Je besser der Manager

(nicht unbedingt die sportliche Leistung), desto höher der

Werbevertrag. Detailaufnahmen von höchster Schärfe bringen den

Herstellernamen einer Armbanduhr aufs Bild, ein Firmenlogo auf den

Socken, Hemden und Stirnbändern den Getränkelieferanten oder den

Schnee- und Eisproduzenten der Olympischen Winterspiele. Der

Wettkampf in der Arena und der Wettkampf um die sportlichen

Werbeträger nähren sich gegenseitig.

In der Tat ist die Welt ein Dorf, und zwar eines, das dem Ergebnis

geringere Bedeutung beimißt als den neuesten Werbespots. Die

Botschaft ist dabei verlorengegangen. Der Sportschuh ist die

Botschaft oder irgend etwas anderes, was den kurzen Triumphzug in der

Welt des Konsums antritt. Ist dieser Triumph erreicht, halten

wahnwitzige Handelsaktivitäten mit dem Original und dessen

zahlreichen Derivaten und Kopien die Welt zwischen New York und

Sambia, Paris und den Stämmen des tropischen Regenwaldes, Frankfurt

und der hungerleidenden Bevölkerung Asiens und Afrikas in Atem. Die

Verführungskraft des Sportmarketing wird allenfalls noch erreicht von

den ebenso ‘illiteraten’ Stars der Unterhaltungsindustrie, die

bisweilen auch für den Hunger in der Welt singen, was allerdings ihr

Werbepotential noch erhöht.

Mit all diesen Erscheinungsformen hat der Sport seinen Bezug zu Natur

und Natürlichkeit verloren. Es sieht ganz so aus, als falle der

Sport in sich selbst zusammen, als erlebe er eine Art Implosion, die

Raum freigibt für die vielen Geräte, an denen wir daheim unsere

verweichlichten Körper ertüchtigen. Radfahren, Rudern, Laufen und

Bergsteigen üben wir in der künstlichen Zurückgezogenheit unseres

Eigenheims und haben dabei den Blick auf die wenigen gerichtet, die

das alles noch wirklich tun, freilich aus Gründen, die immer weniger

mit sportlicher Leistungsfreude zu tun haben. Bald schon werden wir

uns in den Swimming Pools und auf den Abfahrten der virtuellen

Realität tummeln, und damit wäre dann eine neue Phase in der

Geschichte der Olympischen Spiele eingeläutet.

Kapitel 3:

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 42 / 81 题