Die Fürstin von Campobasso

Es war im Jahre 1726, also zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, in

Rom. Der Nepotismus trieb seine übelsten Blüten. Aber zu keiner Zeit

war der römische Hof glänzender gewesen. Benedikt der Dreizehnte aus

dem Hause Orsini regierte, oder vielmehr sein Neffe, der Fürst von

Campobasso, der im Namen des Papstes alle Geschäfte führte, die

großen wie die kleinen. Von überallher strömten die Fremden in die

ewige Stadt. Italienische Nobili und spanische Granden, damals noch im

Überflusse des Goldes der Neuen Welt, kamen in Scharen. Jeder Reiche

und jeder Machthaber stand über den Gesetzen. Galanterie und Prunk

waren offenkundig die einzigen Betätigungen im Gewimmel der Fremden und

der Einheimischen.

Die beiden Nichten des Papstes, die Gräfin Orsini und die Fürstin

von Campobasso, teilten sich in die Macht ihres Onkels und in die

Huldigungen des Hofes. Die Schönheit beider Frauen wäre aufgefallen,

selbst wenn sie der Hefe des Volkes angehört hätten. Die Orsini, wie

man in Rom familiär zu sagen pflegte, war heiter und lebenslustig, die

Campobasso verträumt und fromm. Aber gerade diese zarte Seele war

der wildesten Leidenschaft fähig. Ohne erklärte Feindinnen zu sein,

wiewohl sie sich tagtäglich beim Papste trafen und sich oft besuchten,

waren die beiden Damen Nebenbuhlerinnen in allem, in ihrer Schönheit,

ihrem Ansehen, ihrem Reichtum.

Die Gräfin Orsini war weniger schön, aber sie war verführerisch,

leichtlebig, tatenlustig, intrigant. Sie hatte Liebhaber, aber ihr Herz

blieb ewig frei. Keiner herrschte länger denn einen Tag. Ihr Glück

bestand darin, zweihundert Menschen in ihren Sälen zu empfangen und

unter ihnen als Königin zu erscheinen. Arg spottete sie ihrer Kusine,

der Campobasso. Diese hatte die Ausdauer gehabt, sich drei Jahre lang

allerorts mit einem spanischen Granden zu zeigen, bis sie ihm zu guter

Letzt sagen ließ, er möge Rom binnen vierundzwanzig Stunden verlassen,

wenn ihm sein Leben lieb sei. »Seit dieser Großtat«, scherzte die

Orsini, »hat meine erhabene Kusine das Lachen ganz verlernt. Das ist

nun schon etliche Monate her. Zweifellos geht die Ärmste an Mißmut

oder Liebessehnsucht langsam zugrunde. Und ihr Gatte, dieser Schlaukopf,

verfehlt nicht, Seiner Heiligkeit, unserm Onkel, diese Gemütsöde als

das Ideal frommen In-sich-gehens zu preisen. Ich denke, eines schönen

Tages unternimmt die fromme Büßerin eine Wallfahrt nach Hispania.«

Die Campobasso war indessen himmelweit davon entfernt, sich nach

ihrem spanischen Herzog zu sehnen. Sie hatte sich während seiner

Regierungszeit zu Tode gelangweilt. Hätte sie Verlangen nach ihm

gefühlt, so hätte sie ihn einfach wieder holen lassen. Sie gehörte zu

den in Rom nicht raren Menschenkindern, die in der Alltäglichkeit wie

in der Leidenschaft immerdar natürlich und naiv sind. Obgleich kaum

dreiundzwanzig Jahre alt und in der vollen Blüte ihrer Schönheit, war

sie in der Tat fanatisch fromm. Es geschah, daß sie vor ihrem Onkel auf

die Knie sank und seinen päpstlichen Segen erflehte. Man weiß sattsam

genug, daß der gute Benedikt der Dreizehnte von jedweder Gewissenslast,

mit Ausnahme von zwei oder drei Todsünden, auch ohne Beichte

absolvierte. Er weinte vor Rührung. »Stehe auf, liebe Nichte!« sprach

er. »Du bedarfst meines Segens nicht. In den Augen des Herrn stehst du

höher als ich.«

Hierin täuschte sich Seine Heiligkeit trotz aller Unfehlbarkeit. Und

mit ihm ganz Rom. Die Campobasso war toll verliebt. Ihr neuer Liebhaber

liebte sie ebenso leidenschaftlich wie sie ihn. Aber trotzdem war sie

tief unglücklich.

Seit mehreren Monaten sah sie bei sich fast täglich den Attaché

Chevalier von Senecé, einen Neffen des Herzogs von Saint-Aignan, des

damaligen Gesandten Ludwigs des Fünfzehnten in Rom.

Der junge Senecé war als Sohn einer Favoritin des Regenten Philipp von

Orleans der Empfänger ausgesuchter Ehren. Er war kaum zweiundzwanzig

Jahre alt und schon längst Oberst. In seinem Wesen hatte er etwelche

dandyhafte Angewohnheiten, aber er war nicht anmaßend. Heiterkeit,

nimmermüde Vergnügungssucht, Unbesonnenheit, Schneid und Gutmütigkeit

waren die Haupteigenschaften seines eigenartigen Charakters, und man

konnte zum Lobe seiner Nation sagen, daß er ein vollauf mustergültiger

Vertreter von ihr war. Gerade das typisch Gallische hatte die Fürstin

vom ersten Augenblick an bestochen. »Ich traue dir nicht über den

Weg,« sagte sie einmal zu ihm. »Du bist Franzose. Und eines erkläre

ich dir im voraus: An dem Tage, wo Rom erfährt, daß ich dich manchmal

heimlich bei mir habe, weiß ich, daß du mich verraten hast. Dann ist

meine Liebe aus.«

Sie hatte mit der Liebe gespielt und war dabei der wildesten

Leidenschaft verfallen. Auch Senecé hatte sie geliebt, wie bereits

gesagt, aber das Einvernehmen beider währte bereits acht Monate, und

in der Zeit, da sich die Liebe einer Italienerin verdoppelt, stirbt

die eines Franzosen. Die Eitelkeit tröstete den Chevalier ein wenig

in seiner Langenweile. Bereits hatte er zwei oder drei Porträts der

Fürstin nach Paris gesandt. Übrigens war er von Jugend auf in jeder

Hinsicht ein begnadetes Glückskind, so daß er seine sorglose Natur

selbst in Dingen der Eitelkeit nicht verleugnete, die doch sonst die

Herzen seiner Landsleute nicht in Ruhe läßt.

Senecé hatte für den Charakter seiner Geliebten nicht das geringste

Verständnis. Infolgedessen kam ihm ihre Bizarrerie bisweilen spaßig

vor. Sehr oft, ganz besonders am Festtage der Heiligen Balbina, deren

Namen sie trug, hatte er die Herzenskämpfe und Gewissensbisse dieser

aufrichtig frommen Schwärmerin zu beschwichtigen. Bei aller Liebe

und Leidenschaft hatte sie, gerade wie eine Frau aus dem Volke, ihren

Glauben nicht vergessen. Der Chevalier hatte diese Regung nur mit Gewalt

besiegt und mußte sie so immer von neuem besiegen.

Dies Hindernis war das erste, das dem mit allen Gaben des Zufalls

überschütteten jungen Mann in seinem Leben begegnete. Es war der

Anlaß, daß er der Fürstin gegenüber zärtlich und aufmerksam blieb.

Von Zeit zu Zeit hielt er es für seine Pflicht, sie zu lieben.

Er hatte in Rom nur einen Vertrauten. Das war sein Gesandter, der Herzog

von Saint-Aignan, dem er durch die Campobasso, der er alles erzählte,

ein paarmal Dienste leistete. Nicht zu vergessen: die Wichtigkeit, die

er dadurch in den Augen des Gesandten gewann, schmeichelte ihm ungemein.

Die Campobasso war auch hierin so ganz anders als Senecé. Die

gesellschaftlichen Vorzüge des Geliebten machten gar keinen Eindruck

auf sie. Geliebt oder nicht geliebt werden war ihr ein und alles. »Ich

opfre ihm auf ewig mein Seelenheil,« dachte sie oft bei sich. »Er

ist ein Ausländer. Ein Ketzer. Er kann mir derlei Opfer gar nicht

entgelten.« Aber wenn dann der Chevalier erschien, in seinem Frohsinn,

der so entzückend und so ungezwungen war, dann staunte sie wie vor

einem Wunder und ließ sich so gern bezaubern. Bei seinem Anblicke

vergaß sie alles, was sie sich vorgenommen hatte ihm zu sagen, und alle

ihre düsteren Gedanken waren verflogen. Das war für sie ein Zustand,

den ihre erdenferne Seele noch nie erlebt hatte. Er dauerte weiter,

wenn Senecé längst von ihr wieder fort war. Schließlich ward sie sich

klar, daß sie ohne den Geliebten nicht denken, nicht leben konnte.

Die Mode, die in Rom zwei Jahrhunderte hindurch die Spanier bevorzugt

hatte, begann sich schon damals den Franzosen zuzuwenden. Man fing an,

ihren Charakter zu verstehen, der Freude und Glück überall hinträgt,

wo er sich zeigt. Diesen Charakter gab es einstmals nur in Frankreich.

Seit der großen Revolution von 1789 ist er nirgends mehr zu finden.

Denn ein so beständiger Frohsinn gedeiht nur bei Sorglosigkeit.

Heutzutage gibt es in Frankreich für niemanden mehr eine sichere

Laufbahn und ruhige Lebensentwicklung, nicht einmal mehr für das Genie,

das so seltene. Zwischen den Angehörigen der Kaste Senecés und dem

Reste der Nation herrscht Kriegszustand. Auch in Rom war es damals bei

weitem anders als in unsren Tagen. Im Jahre 1726 ahnte man nichts von

dem allen, was sich daselbst zwei Menschenalter später zutragen sollte,

als das Volk, von etlichen Pfaffen bestochen, den Jakobiner Basseville

umbrachte, der die Hauptstadt der Christenheit angeblich zivilisieren

wollte.

Dem Chevalier gegenüber hatte die Campobasso, was ihr noch

nie widerfahren, die Vernunft verloren. Dinge, die der gesunde

Menschenverstand nicht billigt, hatten sie himmelhoch jauchzend und zu

Tode betrübt gemacht. Nachdem Senecé einmal die Religiosität ihres

strengen ehrlichen Herzens besiegt hatte, also etwas, was ihr hehrer

und höher gewesen als die irdische Vernunft -- seitdem war ihre Liebe

lodernde Leidenschaft geworden.

Die Fürstin hatte einem Monsignore Ferraterra ihr Wohlwollen geschenkt

und sich vorgenommen, ihn emporzubringen. Ihr ward ganz seltsam zumute,

als Ferraterra ihr eines Tages vermeldete, Senecé ginge nicht nur

auffällig viel zur Orsini, sondern er wäre auch daran schuld, daß

die Gräfin ihrem offiziellen Liebhaber, einem berühmten Sänger, den

Laufpaß gegeben hatte.

Es war an dem Abend, da die Campobasso diese schicksalsschwere Nachricht

erhalten hatte.

Regungslos saß sie im Erdgeschoß ihres Palastes in einem riesigen

Lehnstuhl von vergoldetem Leder. Neben ihr, auf einem Tischchen mit

schwarzer Marmorplatte, stand ein mächtiger zweiarmiger Leuchter auf

hohem Fuß, ein Meisterwerk von Benvenuto Cellini. Das Licht der dicken

Kerzen durchhellte das weite Gemach und ließ Einzelheiten aus der

Finsternis hervortreten. An den Wänden hingen Gemälde, vom Alter

gedunkelt; denn die Zeit der großen Meister war längst vorüber.

Der Fürstin gegenüber, fast zu ihren Füßen, auf einem niedrigen

Ebenholzschemel, der mit massivem Goldzierat geschmückt war, hockte

die rassige Gestalt des jungen Franzosen. Die Römerin schaute ihn an.

Ununterbrochen. Seit er den Saal betreten, hatte sie noch kein Wort an

ihn gerichtet. Sonst war sie ihm immer entgegengeeilt und ihm in die

Arme geflogen.

Im Jahre 1726 war Paris bereits die Königin der Eleganz und des

Schicks. Der Chevalier ließ sich von dort durch die Post regelmäßig

allerlei kommen, was das schmucke Aussehen auch des feschesten Franzosen

noch erhöht. Senecé hatte seine weltmännische Schulung durch die

großen Mondänen am Hofe des Regenten und unter der Anleitung des

berüchtigten Canillac, eines Roués am Hofe Philipps, empfangen. Aber

trotz seiner bei einem Manne seines Ranges so natürlichen Sicherheit

war er einigermaßen verlegen. Seine Miene verriet es deutlich. Er sah

ihr ins Gesicht. Ihr schönes blondes Haar war nicht ganz in Ordnung.

Ihre großen schwarzblauen Augen starrten ihn an. Aber er verstand

nicht, was ihr düsterer Ausdruck besagte. Sann sie auf tödliche Rache?

Oder war es nur der tiefe Ernst leidenschaftlicher Liebe?

»Also du liebst mich nicht mehr?« stieß sie endlich hervor.

Dieser Kriegserklärung folgte neues langes Schweigen.

Es fiel der Fürstin schwer, auf diesen verführerischen entzückenden

Mann verzichten zu sollen. Wenn sie ihm keine Szene machte, war er stets

bereit, ihr tausend Torheiten zu sagen. Des war sie überzeugt. Aber sie

war viel zu stolz, als daß sie die Aussprache hinausgeschoben hätte.

Eine gefallsüchtige Frau ist eifersüchtig aus Eigenliebe. Eine

leichtlebige, weil sie das so gewohnt ist. Eine Frau jedoch, die

wahrhaftig und leidenschaftlich liebt, hegt das Bewußtsein ihrer

Rechte.

Die sonderbare Art ihres Blickes, die der römischen Leidenschaft

eigentümlich ist, belustigte Senecé. Er sah in eine Tiefe voller

Geheimnisse und Rätsel. Das war Seelennacktheit. Die Orsini besaß

diesen Reiz nicht.

Trotz dieser Entdeckung dauerte dem jungen Franzosen das Stillschweigen

über die Maßen an. Da er in der Kunst, die geheime Innenwelt eines

italienischen Herzens zu ergründen, so gar kein Meister war, fand er

seine ruhige vernünftige Miene wieder und geriet in sein gewohntes

Wohlbehagen. Das heißt: einen Kummer hatte er in diesem Augenblick

doch. Beim Durchschreiten des Kellerganges, der aus einem Nachbarhause

in den tiefgelegenen Saal führte, in dem die Fürstin ihn empfing, war

an der blitzsauberen Stickerei seines wunderfeinen, erst gestern aus

Paris angekommenen Rockes eine Spinnewebe hängengeblieben. Das verdroß

ihn. Vor Spinnen hatte er Abscheu.

Senecé bildete sich ein, in den Augen der Geliebten die Stille vor dem

Sturm zu erkennen. »Um einen Auftritt zu vermeiden,« dachte er, »gehe

ich ihren Vorwürfen aus dem Wege. Dann brauche ich nicht Rede und

Antwort zu stehen.« Dann aber, in einem Stimmungsmischmasch von

Ärgerlichkeit und Ernst, sagte er sich folgendes:

»Wäre hier nicht eine günstige Gelegenheit da, ihr die Wahrheit leise

anzudeuten? Sie wirft die Frage aus freien Stücken auf. Damit ist schon

der halbe Verdruß überstanden. Ganz bestimmt: ich bin wirklich nicht

für die Liebe geschaffen. Aber nie habe ich etwas Schöneres gesehen

als diese Frau mit ihren Sphinxaugen. Sie hat schlechte Manieren. Sie

läßt mich durch abscheuliche Keller schleichen. Andrerseits ist sie

die Nichte des Souveräns, an dessen Hof mich mein König und Herr

gesandt hat. Mehr noch: sie ist blond in einem Lande, wo alle Frauen

brünett sind. Das ist ein ganz besonderer Vorzug. Es vergeht kein Tag,

an dem ich nicht hörte, daß sie himmlisch schön sei, und das sagen

Leute, deren Zeugnis unparteiisch ist, Leute, die nicht im entferntesten

ahnen, daß sie mit dem glücklichen Besitzer so vieler Reize sprechen.

Was die Macht anbelangt, die ein Mann über seine Geliebte haben soll,

so brauche ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Wenn ich

es darauf ankommen lassen wollte, so genügt ein einzig Wort und ich

entführe sie aus diesem Palaste mit seinen Goldmöbeln, weg von ihrem

Onkel und all dem Glanz seines Hofes, nach Frankreich, nach einem meiner

Güter, in einen Winkel der Provinz, in ein obskures Dasein ... Hol mich

der Teufel: die Aussicht auf diese selbstlose Treue veranlaßt mich zu

dem festen Entschluß, sie lieber nicht zu fordern. Die Orsini ist lange

nicht so hübsch. Wenn sie mich liebt, liebt sie mich eben. Vielleicht

ein bißchen mehr als den Kastraten Butafoco, den sie gestern in

Gnaden entlassen hat, mir zu Ehren. Aber sie ist ein Weltkind. Sie hat

Lebensart. Man kann bei ihr im Wagen vorfahren. Und eins weiß ich ganz

bestimmt: eine Szene wird sie mir niemals machen. Dazu liebt sie mich

viel zu wenig.«

Während des langen Schweigens hatte die Fürstin ihren starren Blick

nicht abgewandt von der sonnigen Stirn des jungen Franzosen.

»Ich sehe ihn zum letzten Male,« klagte sie bei sich. Und urplötzlich

warf sie sich in seine Arme und drückte heiße Küsse auf seine Stirn

und auf seine Augen, die längst nicht mehr leuchteten, wenn er sich bei

ihr einstellte.

Der Chevalier hätte sich selber verachtet, hätte er nicht

augenblicklich all seine Pläne, mit ihr zu brechen, vergessen. Sie

freilich, sie war zu erregt und empört, um von ihrer Eifersucht zu

lassen. Im nächsten Augenblick sah Senecé zu seiner Verwunderung, daß

Tränen der Wut über ihre Wangen jagten. Halblaut redete sie mit

sich selbst: »Wie? Ich erniedrige mich so sehr, daß ich ihm seinen

Wankelmut vorwerfe! Ich, die ich mir geschworen habe, mir nie etwas

davon anmerken zu lassen! Ach, meine Niedrigkeit ist noch viel

schlimmer. Ich muß der Leidenschaft nachgeben, mit der mich dieser

Verführer vergiftet hat! Ach, ich verworfene, verworfene, verworfene

Fürstin! Ich muß ein Ende machen.«

Sie trocknete ihre Tränen und gab sich den Anschein, als beruhige sie

sich.

»Chevalier,« sagte sie fast friedsam, »wir müssen ein Ende machen!

Sie gehen oft zur Gräfin ...«

Hier ward sie totenbleich.

»Wenn du sie liebst, so gehe alle Tage hin! Meinetwegen. Aber komme nie

wieder hierher ...«

Sie hielt inne, als ob es ihr schwer fiele, weiter zu reden. Sie wartete

auf ein Wort des Chevaliers. Aber dieses Wort ward nicht gesprochen.

Sie mußte einen leichten Krampf in sich überwinden, und aus

aufeinandergebissenen Zähnen drangen ihre weiteren Worte hervor:

»Das ist mein Todesurteil und das Ihre!«

Diese Drohung machte die schwankende Seele des Chevaliers wieder

fest. Zunächst war er über den unvermittelten Wandel von zärtlicher

Liebkosung zu Zorn erstaunt gewesen. Jetzt begann er zu lachen.

Rasche Röte überflutete die Wangen der Fürstin, bis sie scharlachrot

wurden. »Jetzt erstickt sie vor Wut,« dachte Senecé. »Sie kriegt

einen Schlaganfall.«

Er eilte auf sie zu, um ihr das Kleid am Halse zu öffnen. Sie stieß

ihn zurück, mit einer Entschlossenheit und einer Kraft, die er nicht

gewohnt war. Später erinnerte er sich, daß sie mit sich selber

gesprochen hatte, als er den Versuch gemacht, sie in seine Arme zu

nehmen. Im Moment trat er ein wenig zurück, ohne recht zu wissen,

warum. Seine halb unbewußte Diskretion war unnötig. Offenbar sah

sie ihn gar nicht mehr. Er war ihr tausend Meilen fern. Halblaut, aus

zusammengepreßter Kehle, stammelte sie: »Er beschimpft mich. Er höhnt

mich. Ich weiß, jung wie er ist, und bei der Plauderhaftigkeit, die

hierzulande herrscht, wird er der Orsini meine ganze Würdelosigkeit

erzählen, meine Selbsterniedrigung ... Ich bin meiner nicht mehr

sicher. Ich habe nicht einmal mehr die Macht über mich, vor seinen

hübschen Augen kalt zu bleiben ...«

Wiederum ward sie schweigsam. Der Chevalier langweilte sich

gräßlich. Endlich erhob sich die Fürstin und sagte abermals in noch

unheilvollerem Tone:

»Wir müssen ein Ende machen!«

Senecé, der unter ihren Küssen auf den Gedanken einer ernsten

Erklärung verzichtet hatte, sagte ein paar Scherzworte, die ein

Ereignis betrafen, über das man in Rom zurzeit gerade viel redete.

»Lassen Sie mich, Chevalier!« unterbrach sie ihn unwillig. »Ich

fühle mich nicht wohl.«

»Diese Frau ist mißlaunig,« dachte Senecé bei sich und beeilte sich

zu gehorchen. »Nichts ist so ansteckend wie schlechte Laune.«

Die Fürstin folgte ihm mit den Augen, bis er aus dem Saale verschwunden

war. Mit bitterem Lächeln sagte sie sich:

»Und ich wollte blindlings über mein Lebensgeschick entscheiden! Es

war ein Glück, daß mich seine unangebrachten Scherze aufgerüttelt

haben. Wie beschränkt ist dieser Mann! Wie kann ich ein Wesen lieben,

das mich so wenig versteht? Er will mich durch einen Scherz erheitern,

zu einer Stunde, da mein und sein Leben auf dem Spiele steht! Ach, wie

klar wird mir hierbei das unheimliche dunkle Element in meiner Natur,

das mein Unglück ist!«

Sie fuhr wild aus ihrem Lehnstuhl auf.

»Wie herrlich waren seine Augen, als er mir jene heiteren Worte

sagte! Ja, ich kann es nicht leugnen: die Absicht des armen Jungen war

liebenswert. Er kennt den Unglückszug meines Charakters. Er wollte

mich über das schwarze Herzeleid hinwegtrösten, das mich quält. Andre

hätten mich nach dem Grund gefragt. Liebenswürdiger Franzose! Mein

Gott, was wußte ich vom Glück, eh ich ihn liebte?«

Der Gedanke an die guten Seiten ihres Geliebten verführte sie zu

köstlicher Träumerei. Dann aber fielen ihr die Vorzüge der Gräfin

Orsini ein. Wiederum ward ihr die Seele finster. Die Qualen der

schrecklichsten Eifersucht peinigten ihr das Herz. In Wahrheit stand sie

seit zwei Monaten im Banne düsterer Vorahnung. Erträgliche Augenblicke

hatte sie nur in der Gegenwart des Chevaliers gehabt, und doch hatte

sie ihm beinahe immer, wenn sie in seinen Armen gelegen, bittere Worte

gesagt.

Der Abend war furchtbar für sie. Erschöpft und durch den Schmerz

gewissermaßen sanfter gestimmt, erwog sie den Gedanken, noch einmal

mit dem Chevalier zu reden. »Er hat wohl gesehen, daß ich empört

bin, aber er kennt den Grund meiner Klage nicht. Vielleicht liebt er die

Gräfin gar nicht. Vielleicht geht er nur zu ihr, weil er als Fremder

die geselligen Zustände des Landes kennen lernen, insonderheit in der

Familie des Herrschers verkehren muß. Wenn ich mir Senecé offiziell in

mein Haus einführen lasse, wenn er vor aller Augen hierher kommen

kann, dann bleibt er vielleicht ebenso stundenlang bei mir wie bei der

Orsini.«

»Nein!« rief sie in Raserei. »Ich erniedrige mich, wenn ich spreche.

Er würde mich verachten. Weiter käme nichts dabei heraus. Der

Flattersinn der Orsini, den ich in meiner Tollheit oft verachtet habe,

ist wahrlich angenehmer als mein Charakter, zumal in den Augen eines

Franzosen. Ich bin dazu geschaffen, mürrisch mit einem Spanier

dahinzuleben. Was ist verrückter, als immer ernst zu sein, als ob die

Tatsachen des Daseins nicht schon an und für sich ernst genug wären!

Was soll aus mir werden, wenn ich meinen Chevalier nicht mehr habe, der

frohes Leben in mich bringt, der die warme Sonne in mein Herz trägt,

die sonst nicht drinnen scheint?«

Sie hatte befohlen, niemanden vorzulassen außer Monsignore Ferraterra.

Er kam, um ihr Bericht zu erstatten, was sich im Hause der Gräfin

Orsini bis ein Uhr nachts zugetragen hatte. Der Prälat hatte der

Fürstin in ihrer Liebesgeschichte ehrlich gedient. Er zweifelte

seit gestern nicht mehr, daß Senecé sehr bald mit der Orsini die

allerintimsten Beziehungen haben würde, ja, vielleicht bereits hätte.

Sein Gedankengang war nun folgender:

»Die Fürstin wird mir mehr nützen, wenn sie sich von ihrer Sünde

kehrt, denn als Dame der großen Welt. Dort wird sie immer einen haben,

der ihr lieber ist als ich, einen Liebhaber. Eines Tages kann diese

Rolle ein Römer spielen. Er kann einen nahen Verwandten haben, der

Kardinal werden will. Bekehre ich sie aber zu einem frommen Wandel,

so wird sie immer zuerst an ihren Gewissensrat denken, und bei ihrem

leidenschaftlichen Sinn ... was kann ich da nicht alles von ihrem Onkel

erhoffen!«

So wiegte sich der ehrgeizige Prälat in den verlockendsten

Zukunftsträumen. Im Geiste sah er, wie sich die Fürstin dem Papste

zu Füßen warf und den Kardinalshut für ihn erbat. Seine Heiligkeit

würde ihr dies allergnädigst gewähren, schon aus Erkenntlichkeit

gegen ihn. Er hatte nämlich die Absicht, sobald die Fürstin

bekehrt wäre, Benedikt dem Dreizehnten unwiderlegliche Beweise ihres

Verhältnisses mit dem jungen Ausländer vorzulegen. Der Papst, fromm,

sittenstreng und voller Abscheu vor den Franzosen, würde demjenigen

ewige Dankbarkeit bewahren, der eine Seiner Heiligkeit so mißfällige

Sache aus der Welt geschafft hätte.

Ferraterra gehörte dem Hochadel von Ferrara an. Er war reich und schon

über fünfzig Jahre alt. Durch die nahe Aussicht auf den Kardinalshut

vollbrachte er Wunder. Alsbald änderte er seine Rolle bei der

Campobasso. Der Prälat, der sich in Senecés Charakter schlecht

zurechtfand, hielt ihn für ehrgeizig. Es war zwei Monate her, daß der

Chevalier die Fürstin vernachlässigte. Ihm zu nahe zu treten, dünkte

ihn gefährlich.

Der Prälat hatte eine sehr lange Zwiesprache mit der vor Liebe

und Eifersucht tollen Fürstin. Er begann mit einem ausführlichen

Geständnis der traurigen Wahrheit. Nach dieser wuchtigen Einleitung

war es nicht schwierig, die religiösen und moralischen Gefühle, die

im Herzensgrund der Römerin schlummerten, in Bewegung zu bringen. Es war

echte Frömmigkeit in ihr.

»Jedwede gottlose Leidenschaft muß mit Unglück und Schande enden!«

sagte Ferraterra salbungsvoll.

Als er den Palazzo Campobasso verließ, war es hellichter Tag. Er hatte

der Bußfertigen das Gelübde abgenommen, Senecé an diesem Tage nicht

einzulassen.

Dies zu versprechen, war der Fürstin nicht schwer gefallen. Sie wollte

fromm sein. Außerdem fürchtete sie, sich in den Augen des Geliebten

verächtlich zu machen, wenn sie sich schwach zeigte.

Ihr Entschluß hielt bis vier Uhr nachmittags an. Das war die Stunde,

da der Chevalier sie zu besuchen pflegte. In der Tat erschien er auf dem

Wege, der an der Rückfront des Palazzo Campobasso vorbeiführte. Als

er das Zeichen bemerkte, das ihm kundtat, sein Eintritt sei unmöglich,

ging er höchst zufrieden von dannen, zur Orsini.

Die Einsame fühlte, wie der Wahnsinn sie langsam überkam. In ihrem

Hirn jagten sich die seltsamsten Pläne und Entschlüsse. Plötzlich

lief sie wie eine Rasende die große Treppe ihres Hauses hinunter,

befahl ihren Wagen und rief dem Kutscher zu:

»Palazzo Orsini!«

Das Übermaß ihres Leids zwang sie, ohne rechten Willen, ihre Kusine

aufzusuchen. Sie traf sie in einer Gesellschaft von fünfzig Personen.

Alles, was in Rom Witz und Ehrgeiz hatte, ging im Palazzo Orsini ein und

aus. Im Palazzo Campobasso fand man nicht so leicht Eingang.

Das plötzliche Erscheinen der Fürstin erregte großes Aufsehen.

Ehrerbietig machte ihr alle Welt Platz. Sie bemerkte das gar nicht. Sie

sah nichts als ihre Rivalin und staunte sie an. Zu ihrer Qual und Pein

fand sie eine Menge reizender Dinge an ihr. Stumm und versonnen saß sie

da.

Nach ein paar Höflichkeitsphrasen begann die Orsini wie vorerst in

ihrer witzigen, munteren losen Art zu plaudern. Die Campobasso dachte

bei sich:

»Dieser Frohsinn paßt tausendmal besser zum Chevalier als meine tolle

grüblerische Liebe.«

In einer ihr selber unerklärlichen Aufwallung von Bewunderung und Haß

fiel sie der Gräfin um den Hals. Sie hatte für nichts Augen als für

den Charme ihrer Kusine. Aus der Nähe wie von ferne schien sie ihr in

gleichem Maße anbetungswürdig. Sie verglich ihr Haar, ihren Teint,

ihre Augen mit den eigenen. Das Ergebnis dieser wunderlichen Prüfung

war, daß die Fürstin an sich selbst alles häßlich und abscheulich

fand. An ihrer Rivalin hingegen dünkte sie alles unvergleichlich und

köstlich.

Starr und finster saß die Campobasso inmitten der schwatzenden und

gestikulierenden Menschenmenge wie eine Basaltstatue. Man kam und ging,

laut und lärmend. Alles das verursachte ihr Unbehagen, geradezu Pein.

Da hörte sie, daß man den Chevalier von Senecé meldete. Es wurde ihr

ganz seltsam zumute.

Zu Beginn ihrer heimlichen Beziehungen war sie mit ihm übereingekommen,

daß er in Gesellschaft wenig mit ihr reden und sich so benehmen solle,

wie sich das für einen ausländischen Diplomaten geziemt, der einer

Nichte des Souveräns, bei dem er beglaubigt ist, just zwei- oder

dreimal den Monat begegnet.

Senecé begrüßte die Fürstin mit dem gewohnten Respekt und Ernst.

Sodann gesellte er sich wieder zur Gräfin Orsini, bei der er den

heiteren, fast vertraulichen Ton anschlug, dessen man sich vor

einer lebhaften Frau bedient, die einen gern und täglich sieht. Die

Campobasso war zu Tode verwundet.

»Die Gräfin zeigt mir, wie ich hätte sein sollen,« sagte sie

sich und ging hinweg. Sie hatte die letzte Leidensstation erreicht.

Unglücklicher konnte kein menschliches Wesen werden. Sie war

entschlossen, Gift zu nehmen. Alle Wonnen, die ihr der Geliebte je

geschenkt, vermochten die Wagschale mit den grenzenlosen Herzensqualen

nicht zu halten, die sie in der Nacht heimsuchten. Römerinnen haben

tausendmal mehr Leidenschaft als andere Frauen.

Am nächsten Tage kam Senecé wiederum am Palast vorüber. Wiederum

grüßte ihn das Zeichen der Ablehnung. Wiederum ging er fröhlich von

dannen. Trotzdem war er gekränkt.

»Also war das neulich doch der Laufpaß!« meinte er, und seine

Eitelkeit flüsterte ihm zu: »Du mußt sie in Tränen sehen!«

Bei dem Gedanken, ein so schönes Weib, die Nichte Seiner Heiligkeit,

auf immerdar verloren zu haben, empfand er eine verliebte Regung. Er

kroch in den wenig sauberen Kellergang, der ihm jedesmal gräßlich

unangenehm war, und trat die Tür ein, die zu dem Saale des

Erdgeschosses führte, in dem ihn die Fürstin zu empfangen pflegte.

»Unerhört!« rief die Fürstin, die in diesem Raume ihrem Leid

nachhing. »Sie wagen es, hier zu erscheinen?«

»Ihre Entrüstung ist Heuchelei!« dachte der junge Franzose bei sich.

»Diesen Saal betritt sie nur, wenn sie meiner harrt.«

Der Chevalier ergriff ihre Hand. Sie zitterte. Ihre Augen füllten sich

mit Tränen. Er sah sie an. Nie war sie ihm hübscher erschienen. Im

Augenblick liebte er sie. Sie aber vergaß alle die frommen Gelübde der

letzten zwei Tage und warf sich in seine Arme. »Und dieses Glück soll

fortan die Orsini haben!« rief sie.

Senecé, der wie immer die römische Seele mißverstand, wähnte, sie

wolle sich von ihm in guter Freundschaft trennen, wolle einen Bruch

unter Wahrung des äußeren Scheins. Dies wäre so recht nach seinem

Sinn gewesen. »Als Attaché der königlichen Gesandtschaft«, sagte

er sich, »wäre es inkorrekt von mir, wenn ich mir die Nichte des

Souveräns, bei dem ich beglaubigt bin, zur Todfeindin machte. Viel

fehlte dazu nicht.« Im voraus stolz auf den glücklichen Ausgang, zu

dem er es höchstwahrscheinlich, wie er meinte, bringen würde, begann

er der Fürstin Vernunft zu predigen. Sie würden im angenehmsten Verein

leben. Warum sollten sie nicht sehr glücklich sein? Was hätte sie

ihm eigentlich vorzuwerfen? Die Liebe mache einer guten traulichen

Freundschaft Platz. Er bäte inständig um das Vorrecht, von Zeit

zu Zeit an diesen lieben, alten Ort zurückkehren zu dürfen. Ihre

Beziehungen würden immer zärtlich sein ...

Zuerst verstand ihn die Fürstin nicht. Als sie endlich zu ihrem

Entsetzen begriff, erstarrte sie. Unbeweglich, stieren Blicks stand sie

da. Schließlich, bei seiner letzten Torheit, »den immer zärtlichen

Beziehungen«, unterbrach sie ihn mit dumpfer, wie aus der untersten

Tiefe ihres Herzens dringender Stimme, wobei sie langsam Wort für Wort

betonte:

»Sie wollen wohl sagen, Sie finden mich immer noch hübsch genug, um

mich als Dirne zu gebrauchen!«

»Aber beste, teuerste Freundin,« erwiderte ihr Senecé in

ungeheuchelter Verwunderung, »habe ich denn Ihre Eigenliebe verletzt?

Wie kann es Ihnen nur in den Sinn kommen, Worte des Vorwurfs zu

äußern? Glücklicherweise ahnt ja kein Mensch etwas von unserm

Einverständnis. Ich bin ein Edelmann. Ich gebe Ihnen von neuem mein

Ehrenwort: niemals soll ein lebendes Wesen von dem Glück erfahren, das

Sie mir geschenkt haben!«

»Auch die Orsini nicht?« fragte sie in so kühlem Tone, daß des

Chevaliers Verblendung weiterwährte. Naiv gab er die Antwort:

»Habe ich Ihnen je die Namen derer genannt, die ich vielleicht geliebt

habe, ehe ich Ihr Sklave ward?«

»Bei aller meiner Hochachtung vor Ihrem Ehrenworte, stehe ich hier doch

vor einer Gefahr, die ich vermeiden möchte.«

Das klang so fest und feierlich, daß der junge Franzose endlich

stutzte.

»Leben Sie wohl, Chevalier!«

Ihre Stimme zitterte mit einem Male. Aber schon wiederholte sie klar und

bestimmt:

»Leben Sie wohl, Chevalier!«

Er ging.

Die Fürstin ließ Ferraterra holen.

»Es gilt, mich zu rächen!« erklärte sie ihm.

Der Prälat war hocherfreut.

»Jetzt gibt sie sich in meine Hände!« frohlockte er. »Nun ist sie

mein für ewig!«

Zwei Tage später, nach einem erdrückend heißen Tage, ging Senecé um

Mitternacht auf dem Korso spazieren, um frische Luft zu schöpfen. Ganz

Rom war auf den Beinen. Als er wieder in seinen Wagen steigen wollte,

vermochte ihm sein Diener kaum zu antworten. Er war betrunken. Der

Kutscher war verschwunden. Der Diener meldete ihm lallend, der Kutscher

hätte einen Streit mit einem »Feinde« gehabt.

»Großartig! Mein Kutscher hat Feinde!« lachte der Chevalier und

schickte sich an, zu Fuß nach Haus zu gehen.

Unterwegs, kaum zwei oder drei Straßen vom Korso weg, nahm er wahr,

daß er verfolgt wurde. Drei, vier oder fünf Männer blieben jedesmal

stehen, sobald er haltmachte. Wenn er weiterging, setzten auch sie ihren

Weg fort.

»Ich könnte einen Bogen machen und auf einer andern Straße nach dem

Korso zurückkehren,« überlegte sich Senecé. »Unsinn!« meinte er

dann wieder. »Was stören mich diese Kerle? Ich bin ja bewaffnet.«

Er nahm den blanken Dolch in die Hand.

Mit diesen Gedanken schritt Senecé weiter, durch mehrere abgelegene

Straßen, von denen eine immer einsamer war als die andere. Er hörte,

daß die Männer hinter ihm schneller gingen. Er spähte nach

vorwärts. Da bemerkte er gerade vor sich eine kleine Kirche, die den

Franziskanermönchen gehörte. Seltsamer Schimmer leuchtete hinter den

hohen Fenstern.

Senecé stürzte auf das Portal und pochte mit dem Holzknauf stark an

die Tür. Die Männer, die ihm nachgegangen, waren fünfzig Schritt

von ihm entfernt. Jetzt begannen sie auf ihn zuzulaufen. In diesem

Augenblick öffnete ein Mönch die Tür. Senecé trat eilends in die

Kirche. Der Mönch schlug die Tür rasch zu. Gleich darauf donnerten die

Banditen mit den Füßen gegen die Türe.

»Gottlose Buben!« murmelte der Mönch.

Senecé gab ihm eine Zechine.

»Offenbar wollten sie mir ans Leben,« sagte er.

Die Kirche strahlte im Glanze von mindestens tausend Kerzen.

»Seltsam! Messe zu dieser Stunde?« fragte der Chevalier den Mönch.

»Zu Befehlen, Eccellenza! Mit besonderer Erlaubnis Seiner Eminenz des

Herrn Kardinal-Vikar.«

Das Chor der kleinen Kirche -- genannt _San Francesco a Ripa_ -- war

auf das prächtigste zu einer Trauerfeier hergerichtet. Man sang die

Totenmesse.

»Wer ist der Verstorbene?« erkundigte sich Senecé. »Ein Fürst?«

»Ich glaube,« antwortete der Priester. »Denn man hat nichts gespart.

Wahrlich, das ist Geld- und Lichtverschwendung! Der Herr Pfarrer hat uns

übrigens erzählt, der Entschlafene sei ohne das Sakrament gestorben.«

Senecé ging näher heran und erblickte ein Wappenschild von

französischer Form. Seine Neugier steigerte sich. Er trat dicht an

den aufgebahrten Sarg und erkannte sein eigenes Wappen und las die

lateinische Inschrift:

+---------------------------+

| _NOBILIS HOMO |

| IOANNES NOBERTVS SENECE |

| EQVES |

| DECESSIT ROMAE |

| A. D. MDCCXXVI_ |

+---------------------------+

Zu deutsch: Der edle Herr Johann Norbert Chevalier von Senecé,

gestorben zu Rom im Jahre des Herrn 1726.

»So habe ich also den Vorzug, meiner eigenen Leichenfeier

beizuwohnen,« sagte sich Senecé halblaut. »Bisher hat sich meines

Wissens nur Kaiser Karl der Fünfte dieses Vergnügen geleistet. Mir

scheint, hier weiter zu verweilen ist vom Übel.«

Er gab dem Mesner ein zweites Goldstück.

»Pater, laßt mich durch das Hinterpförtchen Eures Klosters hinaus!«

»Sehr gern, Eccellenza!« erwiderte der Mönch.

Kaum war der Chevalier auf der Straße, da begann er, in der Linken den

Dolch, in der Rechten sein Pistol, zu laufen, was er nur konnte.

Bald hörte er wiederum hinter sich Verfolger. Als er vor seinem Haus

anlangte, schien ihm die Türe verschlossen zu sein. Ein Mann stand

davor.

»Jetzt gibts einen Kampf!« dachte der junge Franzose. Eben wollte er

den Dastehenden niederknallen, da gewahrte er, daß es sein Kammerdiener

war.

»Schließ auf!« rief er ihm zu.

Die Türe war offen. Beide huschten hinein und verriegelten die Türe.

»Gnädiger Herr,« meldete der Diener. »Ich habe Euer Gnaden überall

gesucht. Ich habe Trauriges zu berichten. Der arme Johann, der Kutscher,

ist erdolcht worden. Die Mörder stießen Flüche auf Euer Gnaden aus.

Der Dolchstoß hat dem gnädigen Herrn gegolten ...«

Der Diener wollte noch mehr sagen. Da schlugen ein halbes Dutzend

Flintenschüsse gleichzeitig durch eins der offenen Fenster, die von der

Halle des Hauses nach dem Garten hinaus gingen.

Senecé und sein Kammerdiener stürzten tot nieder, beide von mehreren

Kugeln durchbohrt.

Zwei Jahre später stand die Fürstin von Campobasso im Gerücht, die

frömmste Frau Roms zu sein. Monsignore Ferraterra war längst Kardinal.

Römerinnen: Zwei Novellen · 第 4 / 7 题