Vanina Vanini

Es war an einem Frühlingsabend des Jahres 1829. Ganz Rom war in

Bewegung. Der Duca di Bracciano (der berühmte Bankier Torlonia) gab

in seinem neuen Palazzo an der Piazza di Venezia einen Ball. Was die

Künste Italiens, was der Luxus von Paris und London an Prunk und Pracht

nur aufbieten konnten, hatte zum Schmucke des Palastes beigetragen.

Britanniens kühle blonde Schönheiten waren ob der Ehre der Einladung

in Wallung geraten. Sie kamen in Menge, und die schönsten Römerinnen

machten ihnen den Ruhm ihrer Schönheit streitig.

So war auch eine junge Dame in Begleitung ihres Vaters erschienen,

der man ihre römische Herkunft auf den ersten Blick an ihrem

ebenholzschwarzen Haar und ihren flammenden Augen ansah. Die allgemeine

Aufmerksamkeit wandte sich ihr zu. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach

seltsamer Hochmut.

Angesichts all des Glanzes waren die anwesenden Ausländer sichtlich

verblüfft. »Kein König in ganz Europa gibt solch ein Fest!« sagten

sie.

Die europäischen Potentaten haben aber auch keine Paläste

in römischer Architektur, und sie müssen ihre Damen nach der

Hofrangordnung einladen, während der Duca di Torlonia nur hübsche

Frauen in sein Haus bittet. An diesem Abend hatte er dabei besonderes

Glück. Die Männer waren wie geblendet, und es war nur die Frage,

welche unter so vielen schönen Frauen die allerschönste sei. Eine

Zeitlang war man sich hierüber nicht einig; aber schließlich erklärte

man die Principessa Vanina Vanini, jene junge Dame mit dem tiefschwarzen

Haar und den Glutaugen, für die Königin des Abends. Alsobald strömten

Fremde wie Römer in den Saal, in dem sie sich gerade aufhielt.

Gemäß dem Wunsche ihres Vaters, des Fürsten Asdrubale Vanini,

tanzte Vanina zunächst mit etlichen deutschen Prinzen aus regierenden

Häusern. Darauf ließ sie sich von einigen bildschönen hochvornehmen

Engländern auffordern. Das steife Gebaren dieser Gentlemen langweilte

sie. Mehr Vergnügen bereitete es ihr, den jungen, sichtlich maßlos

verliebten Livio Savelli zu quälen, den glänzendsten jungen Römer,

gleichfalls fürstlichen Blutes. Allerdings, einen Roman hätte man

ihm nicht zu lesen geben dürfen; er hätte ihn nach den ersten zwanzig

Seiten in die Ecke geworfen und behauptet, er bekäme Kopfschmerzen

davon. In Vaninas Augen war dies sein Fehler.

Gegen Mitternacht verbreitete sich unter der Ballgesellschaft eine

Neuigkeit, die ziemliches Aufsehen erregte. Ein junger Karbonaro, der in

der Engelsburg gefangen gehalten worden war, hatte sich soeben gerettet.

Dank seiner Verkleidung und seiner romantischen Tollkühnheit war er bis

zu den Außenposten gedrungen. Mit einem Dolche war er auf die Soldaten

losgestürmt und, wenn auch verwundet, durchgekommen. Sbirren

folgten seinen Blutspuren durch die Gassen Roms. Man hoffte, ihn

wiedereinzufangen.

Als diese Geschichte die Runde machte, führte Livio Savelli Vanina,

mit der er getanzt hatte, gerade zu ihrem Platz zurück. Im Banne

ihrer Schönheit und stolz auf den Eindruck, den sie ringsum machte,

flüsterte er ihr, fast toll vor Liebe, zu:

»Bitte, sagen Sie mir einmal, wer könnte Ihnen denn eigentlich

gefallen?«

»Der junge Karbonaro, der eben entronnen ist!« erwiderte ihm Vanina.

»Er hat zum mindesten etwas mehr getan, als sich bloß ins irdische

Dasein bemüht ...«

Ihr Vater, der an die beiden herantrat, machte der Unterhaltung ein

Ende.

Fürst Hasdrubal Vanini war ein reicher Mann, der sich von seinem

Verwalter seit zwanzig Jahren keine Abrechnung vorlegen ließ. Wer ihm

auf der Straße begegnete, hielt ihn für einen alten Schauspieler.

Seine beiden Söhne waren Jesuiten geworden und in Verrücktheit

gestorben. Der Fürst hatte sie vergessen. Sein größter Schmerz war

der Umstand, daß seine Tochter Vanina keine Lust zum Heiraten zeigte.

Sie war schon neunzehn Jahre alt und hatte die glänzendsten Partien

ausgeschlagen. Welchen Grund hatte sie dazu? Den nämlichen, der Sulla

zur Abdankung veranlaßte: sie verachtete die Römer.

Am Tage nach dem Balle fiel es Vanina auf, daß ihr Vater, sonst der

sorgloseste Mensch von der Welt, der nie in seinem Leben von einem

Schlüssel Gebrauch gemacht hatte, die Türe zu einer kleinen Treppe

sorglich abschloß, die in ein Zimmer des dritten Stockes führte.

Dieses Gemach lag nach einer Terrasse hinaus, auf der Orangenbäume

standen.

Vanina machte ein paar Besuche in der Stadt. Als sie wieder nach Hause

kam, war das Hauptportal des Palastes infolge der Vorbereitungen zu

einer Illumination versperrt. Der Wagen mußte deshalb durch das Hoftor

einfahren. Dabei überblickte Vanina die Rückfassade des Hauses und

sah, daß eins der Fenster des von ihrem Vater abgesperrten Zimmers

offen stand.

Nachdem sie ihre Gesellschafterin weggeschickt hatte, stieg sie auf

den Oberboden des Palastes und fand nach langem Suchen ein vergittertes

Fensterchen, von dem aus man auf die Terrasse mit den Orangenbäumen

hinabsehen konnte. Das offene Fenster, das Vanina vom Hofe aus gesehen

hatte, lag von hier nicht weit. Ohne Zweifel war das Zimmer bewohnt.

Aber von wem?

Am Tage darauf war Vanina im Besitze des Schlüssels zu einer Türe, die

auf die mit Orangenbäumen besetzte Terrasse ging. Wie ein Luchs schlich

sie an das Fenster, das noch immer offen stand. Der Vorhang war dicht

zugezogen. Trotzdem erspähte Vanina, daß im Hintergrunde des Gemaches

ein Bett stand und daß jemand darin lag. Unwillkürlich fuhr sie

zurück. Da erblickte sie einen Frauenrock auf einem der Stühle.

Nunmehr lugte sie schärfer nach der im Bette liegenden Person. Sie

war blond und sichtlich sehr jung. Vanina war überzeugt, es müsse

ein weibliches Wesen sein. Der auf den Stuhl geworfene Rock hatte

Blutflecke. Auch an den Frauenschuhen, die auf einem Tische standen,

waren Blutspuren zu sehen.

Als die Unbekannte eine Bewegung machte, bemerkte Vanina, daß sie

verwundet war. Über ihrer Brust lag ein großes blutgetränktes Stück

Leinwand, nur mit Bändern befestigt. So sah ein von einem Wundarzt

angelegter Verband nicht aus!

Vanina stellte fest, daß sich ihr Vater täglich um vier Uhr in seine

Zimmer zurückzog und regelmäßig kurz darauf die Kranke besuchte.

Er verließ sie stets sehr bald wieder und pflegte sodann zur Gräfin

Vitelleschi zu fahren. Sobald er fort war, ging Vanina hinauf nach der

Terrasse und beobachtete die Fremde. Ihre empfindsame Natur entflammte

sich rasch für die unglückliche junge Frau. Was für ein Abenteuer

hatte sie bestanden? Ihr blutiges Kleid war augenscheinlich von

Dolchstößen durchbohrt. Man konnte die Löcher zählen.

Eines Tages sah Vanina die Unbekannte deutlicher. Ihre schönen blauen

Augen starrten gen Himmel. Offenbar betete sie. Sodann kamen ihr

Tränen. Die junge Prinzessin konnte sich kaum noch bezwingen. Am

liebsten hätte sie die Unglückliche angesprochen.

Am nächsten Tage wagte sich Vanina draußen auf der Terrasse zu

verstecken, ehe ihr Vater kam. Von da aus beobachtete sie, wie Fürst

Hasdrubal ins Zimmer der Unbekannten trat. Er brachte einen Korb mit

Lebensmitteln und sah beunruhigt aus. Er sprach wenig und so leise, daß

die Lauschende die einzelnen Worte nicht verstand, obwohl das Fenster

offen war. Bald verschwand er wieder.

»Die arme Frau muß furchtbare Feinde haben,« sagte sich Vanina.

»Mein sonst so sorgloser Vater wagt niemanden ins Geheimnis zu ziehen

und läßt sichs nicht verdrießen, täglich die enge steile Treppe

hinaufzugehen.«

Eines Abends, als Vanina ihren Kopf zwischen die Vorhänge des offenen

Fensters hindurchsteckte, hatte die Unbekannte ihren Blick gerade dahin

gerichtet. Vanina sah sich entdeckt.

»Ich habe Sie in mein Herz geschlossen!« rief sie aus.

Die Unbekannte winkte ihr einzutreten.

»Ich muß Sie vielmals um Entschuldigung bitten,« erklärte Vanina.

»Meine törichte Neugier mag Ihnen sehr ärgerlich sein. Ich schwöre

Ihnen Geheimhaltung, und wenn Sie es verlangen, komme ich niemals wieder

her.«

»Wer sollte Ihren Anblick nicht als Glück empfinden?« erwiderte die

Fremde. »Wohnen Sie hier im Palaste?«

»Gewiß!« antwortete Vanina. »Sie kennen mich also nicht! Ich bin

Vanina, die Tochter des Hauses.«

Die Unbekannte machte ein erstauntes Gesicht und wurde rot.

»Gönnen Sie mir die Hoffnung, Sie alle Tage hier zu sehen,« sagte

sie. »Nur möchte ich nicht, daß der Fürst von Ihren Besuchen

erfährt.«

Vanina, die starkes Herzklopfen hatte, fand das Benehmen der Unbekannten

vornehm. Gewiß hatte die arme junge Frau irgendeinen Machthaber

beleidigt, oder vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht ihren

Liebhaber umgebracht. Einen gemeinen Grund hatte ihr Unglück sicherlich

nicht.

Die Unbekannte gestand ihr, daß sie an der Schulter verwundet sei. Die

Wunde reiche bis in die Brust und sei sehr schmerzhaft.

»Und Sie haben keinen Wundarzt?« rief Vanina aus.

»Wie Sie wissen, sind in Rom die Ärzte verpflichtet, der Polizei über

alle Wunden, die sie behandeln, genau zu rapportieren. Der Fürst hat

mir diesen Verband hier eigenhändig anzulegen geruht.«

Mit vollendetem Geschick vermied die Unbekannte jegliche Rührseligkeit.

Vanina war toll verliebt. Etwas freilich störte die junge Prinzessin

stark. Sie machte nämlich die Wahrnehmung, daß die Fremde einmal

mitten in der doch so ernsten Unterhaltung Mühe hatte, eine plötzliche

Lachlust zu unterdrücken.

»Ich möchte Ihren Namen gern wissen,« sagte Vanina zu ihr.

»Ich heiße Clementina.«

»Also, liebe Clementina, morgen um fünf komme ich wieder!«

Am nächsten Tage traf Vanina ihre neue Freundin in verschlimmertem

Zustande an.

»Ich werde einen Wundarzt holen lassen,« schlug Vanina vor, indem sie

die Kranke umarmte.

»Lieber will ich sterben,« erwiderte diese, »als daß ich meinen

Wohltäter in Gefahr brächte.«

Vanina redete ihr eifrig zu:

»Der Wundarzt von Monsignore Savelli-Catanzara, dem Stadtkommandanten

Roms, ist der Sohn eines unsrer Dienstboten. Er ist uns ergeben und

braucht in seiner Stellung vor niemandem Furcht zu haben. Mein Vater tut

ihm unrecht, indem er ihn nicht für unbedingt zuverlässig hält. Ich

werde ihn rufen lassen ...«

»Nein, nein! Ich will keinen Arzt!« rief die Unbekannte mit einer

Lebhaftigkeit, die Vanina hätte stutzig machen müssen. »Nur Sie

sollen kommen und mich besuchen. Und wenn es Gott gefällt, mich zu sich

zu rufen, so werde ich glücklich sterben in Ihren Armen.«

Am folgenden Tage war ihr Befinden noch schlechter. Beim Weggehen sagte

Vanina:

»Wenn Sie mich lieben, dann erlauben Sie mir, daß ich endlich einen

Wundarzt holen lasse.«

»Wenn er kommt, ist mein Glück dahin.«

»Ich muß es tun,« erklärte Vanina.

Die Unbekannte hielt sie zurück, indem sie ohne ein Wort zu sagen

ihre Rechte ergriff und Küsse darauf drückte. Lange sprach keins

von beiden. Der Fremden standen Tränen in den Augen. Endlich gab sie

Vaninas Hand frei und sagte in einem Tone, als gehe sie in den Tod:

»Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Vorgestern, als ich Ihnen

sagte, ich hieße Clementina, da hab ich gelogen. Ich bin ein

unglücklicher Karbonaro ...«

Vanina war tief betroffen. Sie rückte ihren Stuhl zurück, und bald

darauf erhob sie sich.

Der Kranke seufzte.

»Ich weiß wohl,« sagte er, »mein Bekenntnis beraubt mich des

einzigen Glückes, das mich noch ans Leben bindet. Aber es wäre meiner

unwürdig, wenn ich Sie weiter täuschte. Ich heiße Pietro Missirilli

und bin neunzehn Jahre alt. Mein Vater ist ein armer Arzt in San Angelo

in Vado, und ich bin Karbonaro. Wir sind bei unsrer letzten Venta

überrumpelt worden. Man hat mich in Ketten von der Romagna nach Rom

geschleppt. Dreizehn Monate lag ich in einem Kerkerloche, Tag und Nacht

bei trübem Laternenlicht. Da geriet eine barmherzige Seele auf den

Gedanken, mich retten zu wollen. Man zog mir Frauenkleider an. So

entrann ich meiner Zelle und war schon an der Außenwache vorbei, da

hörte ich, daß einer der Posten auf die Karbonari schimpfte. Ich

verabreichte ihm eine Ohrfeige. Ich versichere Sie: das war nicht

etwa eitle Prahlerei. Es geschah aus Geistesabwesenheit. Nach dieser

Unbesonnenheit wurde ich durch die Straßen Roms verfolgt. Es war Nacht.

Ich bekam Bajonettstiche und schon verließen mich meine Kräfte ...

Da laufe ich in ein Haus, dessen Türe offen stand. Ich höre, wie

die Soldaten hinter mir die Treppe hinaufrennen. Ich springe in den

Nachbargarten und falle zu Boden, ein paar Schritte vor einer Dame, die

dort spazieren geht ...«

»Das war die Contessa Vitelleschi, die Freundin meines Vaters ...«

unterbrach ihn Vanina.

»Was! Sie hat es Ihnen erzählt?« rief Missirilli aus. »Wie dem auch

sei: diese Dame, deren Name nie genannt werden soll, hat mir das Leben

gerettet! Als die Soldaten in ihr Haus drangen, um mich zu ergreifen,

brachte mich Ihr Herr Vater in seinem Wagen hierher ... Es geht mir gar

nicht gut. Der Bajonettstich in der Schulter erschwert mir seit mehreren

Tagen das Atmen. Ich werde sterben ... und zwar, wenn ich Sie nicht

wiedersehe, in der unseligsten Stimmung ...«

Vanina hatte geduldig zugehört. Eilends ging sie dann fort. Missirilli

glaubte in ihren schönen Augen nicht die Spur von Mitgefühl, sondern

nichts als gekränkten Stolz gesehen zu haben.

In der Nacht stellte sich ein Wundarzt ein. Er kam allein. Missirilli

war in Verzweiflung. Er fürchtete, Vanina nie wiederzusehen. Er fragte

den Arzt aus. Der waltete seines Amtes, gab aber keine Antwort. Ebenso

schweigsam blieb er an den nächsten Tagen.

Unverwandt ruhten Pietros Augen auf der Fenstertüre nach der Terrasse,

durch die Vanina eingetreten war. Er fühlte sich sterbensunglücklich.

Einmal, gegen Mitternacht, kam es ihm vor, als husche ein Schatten über

die Terrasse. War das Vanina?

Allnächtlich preßte Vanina ihre Wangen an die Fensterscheibe des

Gemachs des Karbonaro.

»Wenn ich mit ihm spreche, bin ich verloren!« sagte sie sich. »Nein!

Ich darf das niemals wieder tun.«

Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, kam ihr wider willen die

Freundschaft in den Sinn, die sie für den jungen Mann gefühlt, als sie

ihn törichterweise noch für ein Weib gehalten hatte. »Erst habe ich

mich ihm so zärtlich und zutraulich gezeigt, und jetzt meide ich ihn

vollständig!« warf sie sich vor.

In vernünftigen Augenblicken erschrak sie über den Wandel, der in

ihrer Seele vorgegangen war. Seit sich Missirilli entdeckt hatte, war

ihre ganze bisherige Gedankenwelt wie in Nebel verhüllt und in weite

Ferne gerückt.

Noch waren keine acht Tage verronnen, als Vanina, bleich und zaghaft,

zusammen mit dem Arzt in das Gemach des Kranken trat. Sie verblieb nur

ein paar flüchtige Augenblicke. Aber nach einigen Tagen erschien sie

nochmals, wieder mit dem Arzte: aus Menschlichkeit. Und schließlich,

als es Missirilli wieder viel besser ging und Vanina nicht mehr den

Vorwand hatte, sich um sein Leben zu ängstigen, wagte sie eines Abends

allein zu kommen.

Als Missirilli sie erblickte, war er namenlos glücklich; aber er

suchte seine Liebe zu verbergen. Um alles in der Welt wollte er die

Manneswürde nicht verletzen. Vanina war mit schamrotem Gesicht zu

ihm gegangen. Sie fürchtete, Liebesbeteuerungen zu hören. Um so mehr

wunderte sie sich über die edle, demütige, fast zu wenig zärtliche

Freundschaft, die er ihr erwies. Als sie von ihm schied, machte er

keinen Versuch, sie zurückzuhalten.

Ein paar Tage später kam Vanina abermals. Pietro verhielt sich genau

wieder so. Er versicherte sie seiner verehrungsvollen Ehrerbietung und

ewigen Dankbarkeit.

Da Vanina auch nicht das geringste getan hatte, was den jungen Karbonaro

hätte veranlassen können, seinen Gefühlen Zwang anzutun, so fragte

sie sich: »Bin ich der allein liebende Teil?« Voll Bitternis empfand

das bis dahin so stolze junge Mädchen, wie ungeheuerlich toll sie

war. Sie heuchelte Frohsinn und sogar Gleichgültigkeit. Sie erschien

seltener, brachte es indessen nicht über sich, den jungen Kranken gar

nicht mehr zu besuchen.

Missirilli war halb wahnsinnig vor Liebe, aber er vergaß weder seine

niedere Herkunft noch das, was er sich selbst schuldig war. Er hatte

sich fest vorgenommen, nur dann aus sich herauszugehen und seine Liebe

zu verraten, wenn Vanina ihn acht Tage lang nicht besuchte.

Der Hochmut der Prinzessin kämpfte den letzten Kampf. Schließlich

sagte sie sich:

»Wenn ich ihn besuche, so tue ich das meinetwegen, weil es mir Freude

bereitet. Nie und nimmer werde ich ihm das Mitgefühl eingestehen, das

er in mir erweckt hat.«

Fortan verweilte sie länger und länger bei Missirilli, aber er sprach

mit ihr, als ob ein Dutzend andrer Menschen dabei sei.

Eines Abends, nachdem sie ihn den ganzen Tag über verwünscht und sich

gelobt hatte, noch kälter und herber denn bisher gegen ihn zu sein,

gestand sie ihm ihre Liebe. Bald hatte sie ihm nichts mehr zu versagen.

Die Torheit war groß, aber Vanina war glückselig. Missirilli vergaß,

was er seiner Manneswürde schuldig zu sein wähnte. Er liebte, wie ein

Neunzehnjähriger unter Italiens Himmel zum ersten Male liebt. Er machte

alle Wirren der Liebe aus Leidenschaft durch; ja, er gestand der

stolzen jungen Fürstin, durch welche Politik er sie erobert hatte. Das

Übermaß ihres Glückes war ihm erstaunlich.

Vier Monate eilten dahin. Eines Tages erklärte der Arzt seinen

Patienten für völlig wiederhergestellt.

»Was soll ich nun beginnen?« fragte sich Missirilli. »Bei einer der

schönsten Römerinnen versteckt bleiben? Aber dann bilden sich die

schnöden Tyrannen, die mich dreizehn Monate lang im stockdunklen

Kerker haben schmachten lassen, am Ende gar ein, sie hätten meinen Mut

gebrochen. Italia, du hast wirklich kein Glück, da dich deine Kinder so

leicht im Stiche lassen!«

Vanina zweifelte nicht daran, daß Pietro das höchste Glück darin

erblickte, stets mit ihr vereint zu bleiben. Dies schien in der Tat so

zu sein. Aber in seiner jungen Seele hatte ein bittres Wort des Generals

Bonaparte Widerhall gefunden und ihn von jeher in seinem Verhalten gegen

Frauen beeinflußt. Als Bonaparte im Jahre 1796 aus Brescia marschierte,

versicherten ihn die Häupter der Stadt, die ihm das Geleit bis ans

Stadttor gaben, die Brescianer liebten die Freiheit mehr denn alle

anderen Italiener.

»Das weiß ich!« gab der Korse zur Antwort. »Das sagen sie mit

Vorliebe ihren Liebsten!«

In beklommenem Tone erklärte Pietro:

»Wenn die Nacht kommt, muß ich fort.«

»Sieh aber zu, daß du bei Tagesanbruch wieder im Palast bist,«

erwiderte Vanina. »Ich werde aufbleiben.«

»Bei Tagesanbruch bin ich schon mehrere Meilen weg von Rom.«

»So!« sagte Vanina kalt. »Wohin gehst du?«

»Nach der Romagna, um mich zu rächen.«

»Da ich reich bin,« sagte Vanina im ruhigsten Tone, »nimmst du

hoffentlich Waffen und Geld von mir an.«

Ein paar Sekunden schaute Missirilli sie starr an; dann fiel er ihr um

den Hals.

»Stern meines Lebens!« rief er aus. »Deinetwegen könnte ich alles

vergessen, selbst meine Pflicht! Aber je edler dein Herz ist, um so mehr

mußt du mich verstehen!«

Vanina begann heftig zu weinen. Sie kamen überein, daß Pietro erst am

übernächsten Tage Rom verlassen solle.

Am andern Morgen sagte Vanina:

»Pietro, du hast bereits mehrfach gesagt, eine bekannte

Persönlichkeit, ein römischer Fürst zum Beispiel, der über viel Geld

verfügt, könnte der Sache der Freiheit den größten Dienst leisten,

sobald Österreich einmal mit irgendeiner Großmacht im Kriege läge.«

»Gewiß!« gab Missirilli erstaunt zur Antwort.

»Höre! Mut hast du. Dir fehlt es nur an Macht. Ich biete dir meine

Hand und ein Jahreseinkommen von zweimalhunderttausend Lires. Die

Einwilligung meines Vaters verpflichte ich mich zu bringen.«

Pietro sank ihr zu Füßen nieder. Vanina strahlte vor Freude.

»Ich liebe dich von ganzem Herzen,« sagte er. »Aber ich bin ein armer

Diener meines Vaterlandes. Und je unglücklicher Italien ist, um

so treuer muß ich an ihm hängen. Um deines Vaters Einwilligung zu

erringen, müßte ich jahrelang eine traurige Rolle spielen ... Vanina,

ich schlage deine Hand aus!«

Missirilli klammerte sich an seinen Patriotismus. Sein Mut brach fast

zusammen.

»Es ist mein Unglück,« fuhr er fort, »daß ich dich mehr liebe als

das Leben. Rom verlassen zu sollen, ist mir fürchterlich. Ach, warum

ist Italien noch immer nicht von den Barbaren befreit! Mit welcher Wonne

würde ich dann mit dir über den Ozean gehen, um in Amerika zu leben!«

Vanina stand da wie eine Marmorstatue. Pietro hatte ihre Hand

ausgeschlagen! Ihr Stolz bäumte sich. Dann aber warf sie sich in seine

Arme.

»Nie bist du mir liebenswerter gewesen!« rief sie. »Mein

Landdoktorchen, ich bin doch dein auf ewig! Du bist ein ganzer Mann, ein

wahrer alter Römer!«

Alle Zukunftsgedanken, alle die trübseligen Regungen des gesunden

Menschenverstandes waren zunichte. Vanina wie Pietro waren voll reinster

Liebe.

Als sie wieder vernünftig zu reden vermochten, sagte die Principessa:

»Ich werde dir sehr bald in die Romagna nachfolgen. Ich lasse mir die

Bäder von Poretto verordnen. In unserm Schlosse zu San Nicolo bei Forli

mache ich Station ...«

»Dort will ich mein Leben mit dir verbringen!« beteuerte Missirilli.

»Mein Schicksal ist fortan, alles aufs Spiel zu setzen,« sagte Vanina

und seufzte. »Ich werde mich für dich zugrunde richten. Was tuts?

Kannst du eine Entehrte lieben?«

»Bist du nicht mein Weib?« sagte Missirilli. »Mein immerdar

angebetetes Weib! Ich werde dich lieben und schützen!«

Vanina hatte gesellschaftliche Pflichten. Kaum war sie fort, da dünkte

es Missirilli, er habe sich wie ein Barbar benommen.

»Was heißt Vaterland?« fragte er sich. »Es ist kein lebendiges

Wesen, dem wir für eine Wohltat Dank schuldeten. Wenn wir unsre

angebliche Pflicht ihm gegenüber nicht erfüllen, wird es nicht

unglücklich. Es kann uns nicht verfluchen. Vaterland und Freiheit, das

ist, nicht anders wie ein Mantel, ein Ding, das mir nützlich ist. Ich

muß es mir erwerben, wenn ich es nicht von meinem Vater ererbt habe. Im

Grunde liebe ich beides nur, weil es mir nützliche Dinge sind. Wenn

ich sie zu nichts gebrauchen könnte -- etwa wie einen Pelzmantel

im Hochsommer -- wozu wollte ich sie mir erwerben. Um einen so

ungeheuerlichen Preis? Vanina ist wunderschön. Sie hat eine erlesene

Seele. Andere werden um sie werben. Sie wird mich vergessen. Welche Frau

hätte es je bei einem Liebhaber belassen? Die römischen Fürsten, die

ich schlichter Bürger verachte, haben so manches vor mir voraus. Sie

=müssen= verführen. Ach, wenn ich scheide, so vergißt mich Vanina,

und ich habe sie auf ewig verloren!«

Mitten in der Nacht kam sie zu ihm. Er gestand ihr seinen Wankelmut und

den Kampf, der zwischen seiner Liebe und dem großen Worte =Vaterland=

tobte. Vanina war glückselig.

Sie sagte sich: »Hätte er die reine Wahl zwischen dem Vaterland und

mir, so entschiede er sich für mich.«

Die Uhr des nahen Kirchturms schlug drei. Der Augenblick des letzten

Abschieds war gekommen. Pietro entriß sich den Armen seiner Geliebten.

Eben wollte er die kleine Treppe hinunterschleichen, als Vanina unter

Bezwingung ihrer Tränen zu ihm sagte:

»Wenn dich eine arme Bäurin in einem Dorfe gepflegt hätte, würdest

du dich ihr nicht irgendwie erkenntlich zeigen? Vielleicht würdest du

sie bezahlen wollen ... Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Du

begibst dich mitten unter deine Feinde. Schenk mir aus Dankbarkeit

drei Tage. Nimm an, ich wäre ein armes Weib, das du für deine Pflege

bezahltest!«

Missirilli blieb.

Endlich verließ er Rom mit einem Paß, der auf einer ausländischen

Gesandtschaft erkauft war. So gelangte er in seine Heimat. Die Freude

der Seinen war groß. Man hatte ihn tot gewähnt. Seine Freunde wollten

zur Feier seiner Wiederkehr sogleich ein paar Karabinieri töten. So

hießen die Gendarmen im Kirchenstaat.

Missirilli hielt sie davon ab:

»Tötet ohne Not keinen Italiener, der sich auf das Waffenhandwerk

versteht. Unser Vaterland ist keine Insel wie das glückliche

Britannien. Es fehlt uns an Soldaten, um die Einmischungen der

europäischen Monarchen abzuwehren.«

Kurz darauf ward Missirilli von Karabinieri angehalten. Zwei von ihnen

schoß er mit den Pistolen nieder, die ihm Vanina gegeben hatte.

Jetzt setzte man einen Preis auf seinen Kopf aus.

Vanina erschien nicht in der Romagna, so daß sich Missirilli vergessen

wähnte. In seiner Eitelkeit verletzt, begann er sich häufig Gedanken

über den Standesunterschied zu machen, der ihn von seiner Geliebten

trennte. In einem Anfall von zärtlicher Sehnsucht nach dem verlorenen

Glücke geriet er auf den Einfall, nach Rom zurückzukehren, um

nachzusehen, was Vanina treibe. Dieser tolle Gedanke triumphierte über

das, was ihn seine Pflicht deuchte ...

Da läutete eines Abends die Glocke eines Bergkirchleins den Angelus auf

seltsame Weise. Es klang, als würde der Glöckner mitten beim Läuten

abgerufen. Dies war das Zeichen zur Venta der Gruppe Karbonari, zu der

Missirilli gehörte, seit er in seine Heimat zurückgekehrt war.

In der folgenden Nacht versammelten sich alle Verschwörer in einer

Einsiedelei im Gebirge. Die beiden Einsiedler waren durch Opium

eingeschläfert worden, so daß sie nicht wahrnahmen, wozu man ihr

Häuschen benutzte. Missirilli kam in trüber Stimmung hin. Er erfuhr,

daß das Haupt der Venta verhaftet worden und daß er, trotzdem er erst

zwanzig Jahre zählte, zum Führer des Geheimbundes gewählt war, der

Männer zu seinen Mitgliedern zählte, die Fünfziger waren und bereits

seit Murats Expedition vom Jahre 1815 an der Verschwörung teilnahmen.

Als Pietro die unverhoffte Ehre entgegennahm, pochte sein Herz heftig,

und als er wieder allein war, faßte er den Entschluß, nicht mehr

der jungen Römerin zu gedenken, die ihn offenbar vergessen hatte. Er

gelobte sich, all sein Tun und Denken der Pflicht zu weihen, =Italien

von den Barbaren= zu befreien.

Man weiß, daß dieses geflügelte Wort von Petrarka stammt, von Julius

dem Zweiten und Machiavell wiederholt und zu guter Letzt vom Grafen

Alfieri von neuem auf das Banner geschrieben worden ist.

Zwei Tage danach ersah Missirilli aus einem der Ankunfts- und

Abgangs-Rapporte, die man ihm als Karbonariführer von allen Orten der

Umgegend regelmäßig zusandte, daß die Prinzessin Vanina Vanini eben

in ihrem Schlosse zu San Nicolo eingetroffen war. Beim Lesen ihres

Namens erfüllte sich seine Seele eher mit Wankelmut denn mit Freude.

Wohl glaubte er, seine Treue gegen das Vaterland sei felsenfest, dieweil

er sich vornahm, nicht noch am nämlichen Abend nach dem Schlosse San

Nicolo hinzueilen. Aber es war nicht an dem. Die Sehnsucht nach

Vanina, die er zu bezwingen sich Mühe gab, zog ihn doch von der vollen

Erfüllung seiner Pflicht ab. Am Tage darauf suchte er Vanina auf.

Sie liebte ihn noch genau so wie in Rom. Aber ihr Vater, der sie

verheiraten wollte, hatte ihre Abreise verzögert.

Vanina brachte zweitausend Zechinen mit. Dieser unerwartete Zuschuß

festigte Pietros Ansehen in seiner neuen Würde in erstaunlicher

Weise. Man bestellte Dolche in Korfu. Ferner bestach man in Forli den

Geheimsekretär des päpstlichen Legaten, der mit der Verfolgung der

Karbonari betraut war, wodurch man die Liste der Pfarrer in die Hände

bekam, die für die Regierung spionierten.

Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten törichten

Verschwörungen, die je im unglücklichen Italien versucht worden sind.

Einzelheiten hierüber würden zu weit abseits führen. So viel aber sei

erwähnt: wenn das Unternehmen von Erfolg gekrönt worden wäre, hätte

Missirilli einen guten Teil des Ruhmes für sich beanspruchen können.

Es wäre sein Verdienst gewesen, daß sich auf ein zu gebendes Zeichen

mehrere Tausend Rebellen erhoben und sich gutbewaffnet einem höheren

Führer zur Verfügung gestellt hätten. Der entscheidende Augenblick

war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwörung durch die

Verhaftung der Rädelsführer völlig lahmgelegt, wie dies meist zu

geschehen pflegt.

Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie

zu erkennen, daß die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im

Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmütige stolze Römerin war

empört. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel

dem düstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwünschung

der Freiheit ihres Vaterlandes.

Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis

dahin war ihr Hochmut stärker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin

ihres Herzeleids.

»Wahrlich,« sagte sie zu ihm, »du liebst mich, als seien wir

Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack.«

Alsbald flossen ihre Tränen, Tränen der Scham, sich so weit erniedrigt

zu haben, daß sie Worte des Vorwurfs geäußert hatte. Missirilli

antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz andre Dinge

im Kopfe hat. Plötzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu verlassen und

nach Rom zurückzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude, sich für

die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In wenigen

Augenblicken des Schweigens war ihr Entschluß gefaßt. Sie hätte sich

Missirilli nicht für ebenbürtig gehalten, wenn sie ihn nicht hätte

verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der Vorstellung,

wie schmerzlich überrascht er wohl wäre, wenn er sie vergeblich im

Schlosse zu San Nicolo suchte.

Der Gedanke, daß sie die Liebe des Mannes, für den sie so viele

Torheiten begangen, nicht hatte erringen können, ließ sie nicht los.

Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles erdenkliche, um

ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige

überzärtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald

von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfüllt rief er aus:

»Wenn mir auch diese Unternehmung mißglückt, wenn die Regierung

abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit!«

Vanina hörte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefühl,

daß sie den Geliebten zum letzten Male sähe. Was er eben gesagt hatte,

brachte ihre Gedanken in eine neue, verhängnisvolle Richtung.

Vanina sagte sich: »Die Karbonari haben von mir ein paar tausend

Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, daß ich die Verschwörung

begünstige.«

Sie verlor sich in Grübeleien, von denen sie sich nur losriß, um

Pietro zu sagen:

»Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schloß San Nicolo

verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren

können. Morgen früh werden wir im Parke des Schlosses spazieren gehen.

Das wird deine Erregung mildern und dir die Kaltblütigkeit verschaffen,

die du bei deiner großen Unternehmung nötig hast.«

Pietro willigte ein.

Alsbald verließ ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur

Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer früheren

Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli

begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie

im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die

Verschwörer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten.

Ihre Denunziation schloß mit den Worten: »Die Versammlung wird aus

folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen: ....« Es folgten die Namen und

Wohnungsangaben.

Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis

Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlässigkeit ihr sicher

war:

»Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was

hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurückgeben. Hier

hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfährt,

bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin

beschriebene Blatt zu lesen gibst.«

Alles ging tadellos nach Erwarten. Der Legat war dermaßen furchtsam,

daß er auf die Rolle eines großen Herrn verzichtete. Er erlaubte der

Frau aus dem Volke, die ihn so dringend zu sprechen begehrte, maskiert

vor ihm zu erscheinen, allerdings mit gebundenen Händen. So wurde

die Krämersfrau vor den Machthaber geführt. Als sie eintrat, saß er

verschanzt hinter einem mit grünem Tuche überzogenen großen Tische.

Der Legat las das beschriebene Blatt des Gebetbuches, wobei er es weit

von sich abhielt, aus Angst vor einem Gifte. Alsdann reichte er es der

Frau zurück. Auch ließ er sie nicht verfolgen.

Vanina hatte auf die Wiederkehr ihrer ehemaligen Jungfer gewartet. Keine

dreiviertel Stunde, nachdem sie den Geliebten verlassen, stellte sie

sich wieder bei ihm ein, fest überzeugt, daß er ihr fortan allein

gehöre. Sie erzählte ihm, in der Stadt herrsche ungewöhnliche

Bewegung. Karabinieripatrouillen ritten durch Gassen, in die sie sonst

nie kämen.

»Wenn du mir Gehör schenken willst,« fügte sie hinzu, »so brechen

wir sofort nach San Nicolo auf.«

Missirilli war damit einverstanden. Zu Fuß erreichten sie den Wagen der

Prinzessin, der ebenso wie ihre Gesellschaftsdame, eine verschwiegene,

gutbezahlte Vertraute, eine halbe Wegstunde vor der Stadt wartete.

Im Schlosse von San Nicolo angelangt, war Vanina zärtlicher denn je zu

Pietro. Die sonderbare Tat lastete auf ihrem Gemüt. Und so kamen ihr

ihre Liebesworte selber wie Komödie vor. Der Verrat am Tage zuvor hatte

ihr keine Skrupel bereitet. In den Armen des Geliebten sagte sie sich:

»Ich brauche ihm nur ein einziges Wort zuzurufen, und von Stund an

haßt er mich bis in alle Ewigkeit!«

Mitten in der Nacht drang einer von Vaninas Dienern plötzlich in das

Zimmer. Ohne daß es Vanina geahnt, war auch er Karbonaro. Missirilli

hatte also Geheimnisse vor ihr, sogar in derlei Nebensachen. Sie

erbebte.

Der Mann meldete Pietro, daß in Forli in der Nacht die Häuser

von neunzehn Karbonari umstellt worden seien. Im Augenblick, da die

Verschwörer von der Venta heimkehrten, habe man sie verhaftet. Von

den Überrumpelten hätten sich trotz alledem neun retten können. Zehn

seien von den Karabinieri nach der Zitadelle abgeführt. Beim Betreten

des Burghofes habe sich einer der Gefangenen in den tiefen Brunnen

gestürzt. Er sei tot.

Vanina verlor völlig ihre Fassung. Zum Glück bemerkte es Pietro nicht;

sonst hätte er ihr die Untat an den Augen abgelesen.

Der Diener berichtete einige weitere Einzelheiten. Die ganze Garnison

von Forli sei alarmiert. Als er hinaus war, versank Missirilli in

Nachdenken, aber nur ein paar Minuten.

»Im Augenblick ist nichts zu machen,« erklärte er.

Vanina war halbtot. Sie zitterte unter den Blicken des Geliebten.

»Was regt dich denn das so auf?« fragte er. Aber schon dachte er

wieder an andre Dinge und sah Vanina nicht weiter an.

Gegen Mittag wagte sie ihm zu sagen:

»Schon wieder eine entdeckte Venta! Ich denke, du hast nun für eine

Weile genug ...«

»Übergenug!« unterbrach er sie und lachte, daß es Vanina graute.

Sie machte dem Pfarrer von San Nicolo einen Anstandsbesuch. Er konnte

ein Spion der Jesuiten sein. Als sie um sieben Uhr zum Pranzo wieder

heimkam, fand sie das Gelaß leer, das sie dem Geliebten zum Versteck

angewiesen hatte. Außer sich suchte sie ihn sofort im ganzen Schlosse.

Er war nicht mehr da. In ihrer Verzweiflung lief sie nochmals in seine

Stube. Jetzt erst fand sie einen Zettel, auf dem geschrieben stand:

»Ich stelle mich dem Legaten, weil ich an unsrer Sache verzweifle. Der

Himmel ist wider uns. Wer mag uns verraten haben? Offenbar der Schurke,

der sich in den Brunnen gestürzt hat. Da mein Leben dem armen Italien

nichts nützt, so will ich nicht, daß mich meine Kameraden allein

auf freiem Fuße sehen und sich am Ende gar einbilden, ich sei der

Verräter. Lebe wohl! Wenn Du mich liebst, so sei darauf bedacht, mich

zu rächen! Wenn Du den Verräter entdecken solltest, so vernichte den

Nichtswürdigen, und wäre es mein Vater!«

Halb von Sinnen und in den Tod unglücklich sank Vanina in einen Stuhl.

Sie war keines Wortes mächtig. Die tränenlosen Augen brannten ihr.

Schließlich fiel sie in die Knie.

»Allmächtiger!« betete sie. »Nimm mein Gelübde an! Ich will den

nichtswürdigen Verräter strafen. Aber vorher muß ich Pietro die

Freiheit verschaffen!«

Eine Stunde später war sie unterwegs nach Rom. Ihr Vater hatte sie

schon lange zur Heimkehr gedrängt und hatte in ihrer Abwesenheit dem

Principe Livio Savelli ihre Hand fest versprochen. Kaum war Vanina

wieder zu Hause, als der Fürst zaghaft davon zu sprechen begann. Zu

seinem großen Erstaunen ging Vanina sofort darauf ein. Noch am selbigen

Abend ward ihr Savelli im Hause der Gräfin Vitelleschi feierlich als

Bräutigam zugeführt.

Vanina zeigte sich ihm sehr gesprächig. Er war der eleganteste Mensch

und besaß die schönsten Pferde; aber wenn man ihn auch für sehr

intelligent hielt, so galt er doch für derartig leichtsinnig, daß er

der Regierung niemals verdächtig werden konnte. Damit rechnete Vanina.

Wenn sie ihm den Kopf verdrehte, konnte sie ihn bequem zu allerhand

gebrauchen. Ihm, dem Neffen des Monsignore Savelli-Catanzara, des

Stadtkommandanten und Polizeipräsidenten von Rom, wagte kein Spion

nachzustellen.

Nachdem Vanina den galanten Livio mehrere Tage auf das beste behandelt

hatte, erklärte sie ihm, sie werde nie seine Gattin. Er wäre ihr viel

zu leichtsinnig.

»Wenn Sie nicht das reine Kind wären,« sagte sie zu ihm, »hätten

die Beamten Ihres Onkels keine Geheimnisse vor Ihnen. Wissen Sie zum

Beispiel, was mit den Karbonari geschehen wird, die man neulich in Forli

erwischt hat?«

Nach zwei Tagen kam Livio und meldete Vanina, alle in Forli verhafteten

Karbonari seien entwischt.

Vanina sah ihn mit ihren großen schwarzen Augen eindringlich an,

lächelte bitter und unsagbar verächtlich und würdigte ihn den ganzen

Abend keines Wortes. Zwei Tage danach kam Livio abermals und gestand,

man habe ihn vor zwei Tagen falsch unterrichtet.

»Jetzt aber«, erzählte er, »habe ich mir einen Schlüssel zum

Arbeitszimmer meines Onkels verschafft. Aus den Akten, die ich daselbst

in den Händen gehabt habe, weiß ich, daß eine Kommission von

Kardinälen und hochangesehenen Prälaten in einer Geheimsitzung

erörtert hat, ob es besser sei, den Karbonari in Ravenna oder in Rom

den Prozeß zu machen. Die neun in Forli festgenommenen Verschwörer

und ihr Führer, ein gewisser Missirilli, der so dumm gewesen ist, sich

selbst zu stellen, werden augenblicklich im Kastell San Leo gefangen

gehalten ...«

Bei den Worten »so dumm« kniff Vanina den jungen Fürsten mit aller

Kraft in den Arm.

»Ich will die offiziellen Akten selber einsehen. Nehmen Sie mich mit

in das Arbeitszimmer Ihres Onkels! Sie haben sich jedenfalls beim Lesen

geirrt.«

Livio erschrak zu Tode. Vanina forderte etwas geradezu Unmögliches

von ihm; aber ihr seltsames Wesen verdoppelte seine Verliebtheit. Nach

einigen Tagen konnte Vanina, als Lakai verkleidet, in der kleidsamen

Livree der Casa Savelli, eine halbe Stunde lang in den geheimsten

Papieren des Polizeipräsidenten herumkramen. Als sie den »Tagesbericht

über pp. Pietro Missirilli« las, empfand sie einen Anflug von Glück.

Kaum vermochten ihre zitternden Hände das Schriftstück zu halten. Als

sie den Namen des Geliebten las, ward sie fast ohnmächtig.

Als sie den Palast des Polizeipräsidenten wieder verließen, durfte

Livio sie küssen.

»Sie bestehen die Proben, die ich Ihnen auferlege, recht gut,«

erklärte ihm Vanina.

Im Besitze dieses Lobes hätte der junge Principe Vanina zu Gefallen den

Vatikan angesteckt.

Am Abend war Ball in der französischen Gesandtschaft. Vanina tanzte

viel und fast stets mit Livio. Er war trunken vor Glück. Vanina durfte

ihn nicht zur Besinnung kommen lassen. Des war sie entschlossen.

»Mein Vater ist manchmal wunderlich,« sagte sie eines Tages zu ihm.

»Heute morgen hat er zwei von seinen Leuten von dannen gejagt. Sie sind

weinend zu mir gekommen. Der eine hat mich gebeten, ihm eine Stelle bei

Ihrem Onkel, dem Stadtkommandanten von Rom, zu verschaffen. Der andre,

ein ehemaliger napoleonischer Artillerist, möchte auf der Engelsburg

angestellt werden.«

»Ich nehme sie alle beide in meine Dienste,« erklärte der junge

Principe eifrig.

»Habe ich Sie darum gebeten?« fragte Vanina hochmütig. »Ich habe

Ihnen die Bitte der beiden armen Schelme wörtlich wiederholt. Sie

sollen bekommen, was sie wünschen, und nichts andres!«

Das war nichts weniger als einfach. Monsignore Catanzara war ein höchst

eigenwilliger Herr, der nur Leute in sein Haus nahm, die er sehr gut

kannte.

Inmitten von tausend äußerlichen Vergnügungen ward Vanina von Reue

gequält. Sie fühlte sich grenzenlos unglücklich. Die so langsame

Entwicklung der Dinge brachte sie beinahe um. Der Bankier ihres Vaters

hatte ihr Geld versorgt. Sollte sie aus dem Vaterhause fliehen, nach der

Romagna gehen und ihren Geliebten zu befreien suchen? So unvernünftig

dieser Gedanke war, so hätte sie ihn doch wohl ausgeführt, wenn sich

der Zufall nicht ihrer erbarmt hätte.

Livio vermeldete ihr:

»Missirilli und seine neun Mitverschworenen werden nach Rom

überführt, nachdem sie in Ravenna abgeurteilt worden sind. Das hat

mein Onkel heute abend beim Papste durchgesetzt. Sie und ich, wir

sind in ganz Rom die einzigen, die dieses Geheimnis wissen. Sind Sie

zufrieden mit mir?«

»Sie werden ein Mann!« erwiderte Vanina. »Schenken Sie mir Ihr

Bild!«

Am Tage, ehe Missirilli in Rom eintreffen sollte, fand Vanina einen

Vorwand, nach Civita Castellana zu fahren. Im Gefängnis dieser Stadt

wurden Gefangene, die man von der Romagna nach Rom beförderte, stets

eine Nacht verquartiert. In der Tat sah Vanina ihren Missirilli, als er

aus dem Gefängnis herausgebracht ward. Er saß kettenbelastet auf einem

Karren für sich. Er kam ihr sehr bleich, aber durchaus nicht gebrochen

vor. Eine alte Frau warf ihm ein Veilchensträußchen zu. Pietro

lächelte ihr Dank zu.

Nachdem Vanina den Geliebten gesehen hatte, fühlte sie sich erstarkt

und von neuem Mut beseelt. Bereits seit geraumer Zeit hatte sie den

Abbate Cari, den Almosenier der Engelsburg, in der Pietro nunmehr

eingekerkert war, in seiner Karriere ein gutes Stück vorwärts

gebracht, indem sie ihn zum Beichtvater genommen. Er war ein gutmütiger

Mensch. Es ist in Rom nicht unwichtig, Beichtiger einer Prinzessin zu

sein, deren Onkel Stadtkommandant ist.

Mit den Karbonari von Forli wurde nunmehr kurzer Prozeß gemacht.

Ärgerlich darüber, daß die Sache nach Rom abgewälzt worden war,

sorgte die reaktionäre Partei dafür, daß die Kommission, der das

Urteil oblag, aus den ehrgeizigsten Prälaten bestand. Den Vorsitz

führte der Polizeipräsident.

Das Gesetz gegen den Karbonarismus ist klipp und klar. Den Rebellen von

Forli blieb keine Hoffnung. Trotzdem verteidigten sie ihr Leben durch

alle nur möglichen Ausflüchte. Die Richter verurteilten sie nicht nur

zum Tode, sondern obendrein zu allerlei schrecklichen Nebenstrafen. Es

sollten ihnen die Hände abgehauen werden usw. Der Polizeipräsident,

der keine Streberei mehr nötig hatte (man vertauscht diesen Posten nur

mit dem Kardinalshut), hatte kein Begehr nach abgehauenen Händen.

Als er das Urteil Seiner Heiligkeit vorlegte, befürwortete er

die Verwandlung sämtlicher Strafen in bloßes Gefängnis. Nur mit

Missirilli ward eine Ausnahme gemacht. In diesem jungen Manne erblickte

der Polizeipräsident einen gefährlichen Fanatiker. Überdies hatte er

wegen der Ermordung der beiden Karabinieri den Tod verdient.

Vanina erfuhr das Urteil und dessen Umwandlung wenige Augenblicke,

nachdem Monsignore Catanzara den Vatikan verlassen hatte.

Als er am Abend darauf gegen Mitternacht in seinen Palast zurückkam,

war sein Kammerdiener nicht zur Stelle. Erstaunt klingelte Catanzara

mehrmals. Endlich erschien ein alter gebrechlicher Lakai. Der Präsident

verlor die Geduld und beschloß, sich selbst auszukleiden. Als der

Diener hinaus war, verschloß er die Tür.

Es war sehr heiß. Er zog den Rock aus und warf ihn achtlos auf

einen Stuhl, warf ihn aber mit solcher Wucht, daß er über den Stuhl

hinwegflog, gegen den Musselinvorhang eines der Fenster. Da ward die

Form eines hinter dem Vorhang stehenden Menschen erkennbar.

Monsignore stürzte nach dem Nachttisch und ergriff seine Pistole. Als

er sich dem Fenster näherte, trat ein junger Mann in der Livree des

Hauses hervor, ebenfalls eine Pistole in der Hand.

Catanzara erhob die seine und wollte losdrücken. Da rief ihm der junge

Mann lachend zu:

»Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht?«

»Was soll der schlechte Scherz?« fragte er zornig.

»Sprechen wir in aller Ruhe!« sagte die Principessa. »Übrigens ist

Ihre Pistole entladen.«

Der betroffene Präsident überzeugte sich von der Tatsache. Dann zog er

einen Dolch aus seiner Westentasche.

»Setzen wir uns, Monsignore!« schlug Vanina mit einer entzückend

gebieterischen Gebärde vor und nahm ruhig auf einem Sofa Platz.

»Sind Sie wenigstens allein?« fragte der Polizeipräsident.

»Gänzlich allein! Das schwör' ich Ihnen,« rief Vanina.

Monsignore stellte dies genauestens fest, indem er im ganzen Zimmer

herumging und alles durchsuchte. Darauf setzte er sich in einen

Lehnstuhl, drei Schritte von Vanina entfernt.

Sie sagte im friedlichsten Tone:

»Welches Interesse könnte ich wohl haben, einem politisch

maßvollen Manne nach dem Leben zu trachten, damit an seine Stelle

höchstwahrscheinlich ein jähzorniger Schwachkopf träte, der imstande

wäre, sich und die anderen zugrunde zu richten?«

»Was wollen Sie eigentlich, Principessa?« fragte Catanzara ärgerlich.

»Die Geschichte paßt mir nicht. Sie hat schon lange genug gedauert.«

Hochmütig und ihre Grazie plötzlich verlassend, entgegnete ihm Vanina:

»Was ich noch zu sagen habe, ist für Sie wichtiger als für mich. Man

will, daß der Karbonaro Missirilli mit dem Leben davonkommt. Wenn er

hingerichtet wird, ist es binnen acht Tagen auch um Sie geschehen. Ich

selbst habe keinerlei Interesse an der Sache. Die Torheit, die Ihnen

unangenehm ist, begehe ich erstens zu meinem Vergnügen und zweitens,

um einer meiner Freundinnen gefällig zu sein ...« Indem sie ihren

früheren artigen Ton wieder annahm, fuhr sie fort: »Auch wollte ich

einem klugen Manne einen Dienst erweisen, der demnächst mein Onkel wird

und offenbar den Glanz seines Hauses noch strahlender machen kann.«

Der Polizeipräsident verlor seine ärgerliche Miene. Vaninas Schönheit

trug zweifellos zu diesem plötzlichen Stimmungswechsel bei. Monsignore

Catanzaras Vorliebe für hübsche Frauen war stadtbekannt, und in ihrer

Maskerade als Lakai mit straffsitzenden seidenen Strümpfen, roter Weste

und kokettem himmelblauen silberbetreßten Rocke, die Pistole in der

Hand, sah Vanina verführerisch aus.

»Meine liebe Nichte _in spe_,« sagte Catanzara, fast lachend. »Sie

begehen eine große Torheit. Es wird wohl nicht die letzte sein.«

Vanina erwiderte:

»Ich hoffe, ein so kluger Grandseigneur wird mein Geheimnis wahren,

besonders vor Ihrem Neffen Livio. Um Sie darauf zu verpflichten,

verehrter Onkel, und wenn Sie dem Schützling meiner Freundin das Leben

retten wollen, sollen Sie einen Kuß von mir bekommen.«

In diesem halb scherzhaften Tone, mit dem die vornehmen Römerinnen die

wichtigsten Angelegenheiten zu behandeln verstehen, führte Vanina die

Unterhaltung fort. Dadurch wurde aus der Pistolenszene schließlich

eine Art Besuch, den die künftige Principessa Savelli ihrem Onkel, dem

Stadtkommandanten von Rom, machte.

Wenn Monsignore Catanzara auch den Gedanken, man könne ihn durch

Furcht einschüchtern, stolz von sich wies, so war er doch bald so

weit umgestimmt, daß er seiner Nichte genau darlegte, welche großen

Schwierigkeiten es mit sich brachte, dem Karbonaro das Leben zu

erhalten. Schließlich aber versprach er ihr beinahe Missirillis

Rettung.

»Unser Geschäft ist gemacht!« frohlockte Vanina. »Zur Besiegelung

haben Sie hier Ihren Lohn!«

Sie fiel ihm um den Hals, und Monsignore nahm seinen Lohn entgegen.

»Meine liebe Vanina,« sagte er, »Sie müssen wissen, daß ich kein

Freund vom Blutvergießen bin. Außerdem bin ich noch jung, wenngleich

ich Ihnen wohl recht alt erscheine. Ich kann sehr wohl noch die Zeit

erleben, wo das heute vergossene Blut auf mein Haupt kommt.«

Es schlug zwei Uhr, als Monsignore Catanzara die schöne Vanina nach dem

Gartenpförtchen seines Palastes geleitete.

Zwei Tage darauf erschien er vor dem Papst, ein wenig über sein

Anliegen verlegen.

Seine Heiligkeit empfing ihn mit den Worten:

»Vor allem erwarte ich, daß Sie mir eine Begnadigung unterbreiten.

Einer der Karbonari von Forli ist zum Tode verurteilt. Der Gedanke daran

hat mich nicht schlafen lassen. Der Mann muß gerettet werden!«

Als der Polizeipräsident sah, daß der Papst dasselbe wollte wie

er, machte er allerlei Einwände. Schließlich setzte er aber eine

Verfügung auf, die der Papst ganz gegen seine Gewohnheit _motu proprio_

unterzeichnete.

Vanina glaubte zwar an die Möglichkeit, die Begnadigung ihres Geliebten

zu erreichen, aber sie befürchtete, man könne ihn vergiften. Schon am

Tage vor der Begnadigung erhielt Missirilli durch den Abbate Cari ein

paar Pakete Zwiebäcke und die Warnung, die Gefängniskost nicht mehr

anzurühren.

Nunmehr erfuhr Vanina, daß die gefangenen Karbonari wieder nach dem

Kastell San Leo überführt werden sollten. Sofort faßte sie den

Entschluß, Pietro bei seinem Durchzuge durch Civita Castellana zu

sehen. Vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen langte sie daselbst an,

wo sie mit dem Abbate Cari zusammentraf, der bereits einige Tage dort

verweilte. Er hatte den Kerkermeister dazu gebracht, daß Missirilli

um Mitternacht in der Gefängniskapelle der Messe beiwohnen durfte. Ja,

wenn Missirilli damit einverstanden wäre, sich Arme und Beine in

Ketten legen zu lassen, so war der Kerkermeister bereit, sich in den

Hintergrund der Kapelle zurückzuziehen, allerdings ohne den Gefangenen

außer Sehweite zu lassen. Hören konnte er da nichts von dem, was mit

Missirilli gesprochen werden würde.

Endlich kam der Tag, an dem sich Vaninas Schicksal entscheiden sollte.

Ganz früh am Morgen schloß sie sich in der Gefängniskapelle ein. Sie

litt tausend Qualen. Immer wieder fragte sie sich, ob Missirillis Liebe

groß genug sei, um ihr zu verzeihen. Sie hatte seine Mitverschworenen

denunziert, aber ihm selbst hatte sie das Leben gerettet. Jedesmal,

wenn die Vernunft in ihres Herzens Kämpfen die Oberhand gewann, war sie

voller Hoffnung, er würde einwilligen, mit ihr zusammen aus Italien zu

fliehen. Wenn sie auch Böses getan hatte, so war es doch aus Übermaß

von Liebe geschehen.

Als es vier Uhr schlug, hörte Vanina von weitem auf dem

Straßenpflaster die Hufschläge der Karabinieri. Bei jedem einzelnen

Schlag erzitterte ihr Herz. Bald vernahm sie auch das Rollen der Karren,

auf denen die Gefangenen befördert wurden.

Auf dem kleinen Platze vor dem Gefängnis machte der Zug halt. Vanina

beobachtete, wie zwei Karabinieri Missirilli herunterhoben. Er befand

sich allein in einem der Karren und war derart mit Ketten belastet, daß

er sich nicht rühren konnte.

»Er ist wenigstens noch am Leben,« sagte sich Vanina, Tränen in den

Augen. »Man hat ihn nicht mit Gift aus der Welt geschafft.«

Der Abend war grauenhaft. Die düstere Kapelle ward nur beleuchtet durch

eine hochhängende Altarlampe, an der man mit dem Öl sparte.

Vaninas Augen irrten über die Grabmäler etlicher Grandseigneurs des

Mittelalters, die vor Zeiten im benachbarten Kerker umgekommen waren.

Die Steinbilder starrten sie grimmig an. Längst waren alle Geräusche

verstummt. Vanina war einsam und allein, in ihre finsteren Grübeleien

versunken.

Kurz nachdem es Mitternacht geschlagen hatte, vernahm sie ein leises

Geräusch, als ob eine Fledermaus durch den Raum schwirre. Sie wollte

ein paar Schritte machen, sank aber halb ohnmächtig an die Balustrade

des Altars. Im nämlichen Augenblick sah sie dicht vor sich zwei

nebelhafte Gestalten, deren Herannahen sie nicht gehört hatte. Es war

der Kerkermeister mit Missirilli. Der letztere war mit Ketten geradezu

umwickelt.

Der Kerkermeister klappte seine Laterne auf und stellte sie in Vaninas

Nähe auf die Altarbalustrade. Dann zog er sich nach der Tür zurück.

Kaum war er verschwunden, da fiel Vanina dem Gefesselten um den Hals.

Sie drückte ihn an sich, aber sie spürte nichts als seine kalten

harten Ketten. So empfand sie nicht die geringste Freude. Aber ihrem

Schmerze darüber folgte noch ein viel schlimmerer. Missirillis Benehmen

war so eisig, daß Vanina einen Augenblick lang glaubte, er wisse alle

ihre Übeltaten.

Schließlich begann er zu sprechen:

»Liebe Vanina, ich bedaure, daß du dich in mich verliebt hast.

Vergeblich suche ich an mir nach Vorzügen, durch die ich deine Liebe

verdient hätte ... Reden wir von christlicheren Dingen! Vergessen wir

die Illusionen, die uns einstmals in die Irre geführt haben! Ich

darf nicht mehr der Deine sein. Das fortgesetzte Unglück, das meine

Unternehmungen verfolgt, hat seine Ursache vielleicht darin, daß ich

mich dauernd im Zustande der Todsünde befunden habe. Es fällt

mir schwer, das alles vom Standpunkte der nüchternen Vernunft zu

beurteilen. Warum ward ich in jener verhängnisvollen Nacht in Forli

nicht ebenso verhaftet wie meine Genossen? Warum war ich in der Stunde

der Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den

allerschrecklichsten Verdacht aufkommen lassen: ich hätte eine andre

Leidenschaft als die Befreiung Italiens?«

Vanina vermochte sich nicht von ihrer Verwunderung zu erholen,

Missirilli so gewandelt zu sehen. Er sah eigentlich nicht magerer aus

als früher, aber er erschien ihr wie zehn Jahre älter geworden. Sie

schob diese Veränderung auf die schlechte Behandlung, die er offenbar

in der Gefangenschaft erfahren hatte. In Tränen ausbrechend, sagte sie:

»Ach, die Kerkermeister haben ihr Wort nicht gehalten, dich gut zu

behandeln!«

In Wirklichkeit hatten sich angesichts des sicheren Todes in der Seele

des jungen Karbonaro allerhand fromme Skrupel zu seiner Leidenschaft

für die Befreiung Italiens gesellt. Allmählich begriff Vanina, daß

die erstaunliche Veränderung, die sie an ihrem Geliebten wahrnahm,

rein innerlicher Art war, keineswegs aber die Wirkung von schlechter

körperlicher Behandlung. Wenn sie erst schon geglaubt hatte, ihr

Schmerz sei ungeheuer, so fühlte sie ihn jetzt ins Maßlose wachsen.

Missirilli war verstummt. Vanina erstickte fast vor Schluchzen. Ein

wenig bewegt begann er von neuem:

»Vanina, wenn ich hienieden etwas geliebt habe, so bist du das gewesen!

Aber gottlob hat mein Dasein nur noch ein Ziel: den Tod, sei es im

Kerker, sei es bei neuen Versuchen für Italiens Freiheit!«

Wiederum herrschte Stillschweigen. Vanina vermochte kein Wort

hervorzubringen. Das sah man ihr an. Vergeblich machte sie

Anstrengungen, zu reden. Missirilli fuhr fort:

»Liebe Vanina, die Pflicht ist grausam, aber wenn ihre Erfüllung gar

nicht schwer wäre: wo gäbe es dann Heldentum? Gib mir dein Wort, daß

du nie wieder den Versuch machen wirst, mich zu sehen!«

Soweit das ihm seine Ketten gestatteten, machte er eine Bewegung und

reichte Vanina die Finger.

»Wenn du dem, der dir lieb und wert war, Gehör schenkst, so sei

vernünftig und heirate irgendeinen angesehenen Mann, den dir dein Vater

wählen wird! Mach ihm kein peinliches Geständnis! Aber ebensowenig

versuche, mich wiederzusehen! Seien wir fortan einander fremd! Du hast

dem Wohle des Vaterlandes eine beträchtliche Summe gespendet. Wird

es je von seinen Tyrannen befreit, so wird dir dieses Geld aus dem

Nationalgut getreulich wiedererstattet.«

Vanina war trostlos. Während Pietro so sprach, hatten seine Augen nur

einmal aufgeleuchtet: bei dem Worte =Vaterland=.

Schließlich brach der Stolz der jungen Römerin durch. Sie hatte sich

mit einem Päckchen Diamanten und etlichen kleinen Feilen versehen. Dies

bot sie Missirilli an, ohne ihm etwas zu erwidern.

»Ich nehme es an,« sagte der Karbonaro, »denn das erheischt

meine Pflicht. Ich muß zu entkommen suchen. Aber ich werde dich nie

wiedersehen. Das schwöre ich dir angesichts deiner neuen Wohltat! Lebe

wohl, Vanina! Versprich mir, niemals an mich zu schreiben und keinen

Versuch zu machen, mich wiederzusehen! Laß mich ganz dem Vaterlande!

Ich bin für dich gestorben. Lebe wohl!«

»Nein!« rief Vanina in Raserei. »Du sollst erfahren, was ich getan,

aus Liebe zu dir!«

Nun erzählte sie ihm alle ihre Handlungen von dem Augenblick ab, da

Missirilli das Schloß von San Nicolo verlassen hatte, um sich dem

Legaten zu stellen. Als sie ihren Bericht beendet hatte, sagte sie:

»Aber alles das ist noch nichts. Aus Liebe zu dir hab ich noch mehr

getan!«

Jetzt erzählte sie ihm ihren Verrat.

»Bestie du!« schrie Missirilli voller Empörung. Er stürzte auf sie

los, um sie mit seinen Ketten zu erschlagen. Es wäre ihm auch gelungen,

wäre nicht der Kerkermeister bei seinem ersten Aufschrei herbeigeeilt.

Er packte den Wütenden.

»Bestie! Dir will ich nichts zu danken haben! Da!«

Er warf ihr die Feilen und die Edelsteine, so gut er konnte, vor die

Füße.

Sodann ward er rasch abgeführt.

Vanina blieb besinnungslos zurück. Dann kehrte sie heim nach Rom. Kurz

darauf vermeldeten die Zeitungen ihre Heirat mit Livio Savelli.

Römerinnen: Zwei Novellen · 第 3 / 7 题