und doch die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die
Hände und riefen: »Erzähle! erzähle!« Sie wollten auch die Geschichte
von Ivede-Avede hören; aber sie mußten sich mit der von Klumpe-Dumpe
begnügen. Der Tannenbaum stand ganz nachdenklich und still, nie hatten
die Vögel im Walde dergleichen erzählt. »Klumpe-Dumpe fiel die Treppe
herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der
Welt!« dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei. »Ja, ja,
wer kann es wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und
bekomme eine Prinzessin.« Und er freute sich darauf, den nächsten Tag
wieder mit Lichtern, Spielzeug, Gold und Früchten geputzt zu werden.
»Morgen werde ich nicht zittern!« dachte er. »Ich will mich recht
meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von
Klumpe-Dumpe oder auch die von Ivede-Avede hören.« Und der Baum stand
die ganze Nacht still und träumte von dem Erlebten.
Am andern Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein.
»Nun beginnt das Schmücken aufs neue!« dachte der Baum. Aber sie
schleppten ihn die Treppe hinauf auf den Boden und stellten ihn in
einen dunklen Winkel. »Was soll das bedeuten?« dachte der Baum. »Was
werde ich hier wohl hören sollen?« Und er lehnte sich an die Mauer und
dachte und dachte. Wahrlich, er hatte Zeit genug; denn es vergingen
Tage und Nächte; aber niemand kam herauf. Als endlich jemand kam, so
geschah es nur, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen. Nun
stand der Baum so versteckt, als ob er ganz und gar vergessen wäre.
»Jetzt ist es Winter draußen!« dachte der Baum. »Die Erde ist gefroren
und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich jetzt nicht pflanzen,
deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutze stehen! Wie die
Menschen doch so gut sind! Wäre es nur nicht so dunkel hier und so
schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase kommt zu mir! Das
war doch so hübsch da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der
Hase vorbeilief, ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals
konnte ich es nicht leiden. Hier ist es doch schrecklich einsam!«
»Pip, pip!« sagte da eine kleine Maus und huschte hervor, und dann kam
noch eine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und schlüpften zwischen
seine Zweige.
»Es ist eine furchtbare Kälte!« sagten die kleinen Mäuse. »Sonst ist
es hier gut sein! Nicht wahr, du alter Tannenbaum?«
»Ich bin gar nicht alt!« sagte der Tannenbaum, »es gibt viel ältere als
ich bin!«
»Woher kommst du?« fragten die Mäuse, »und was weißt du?« Sie waren
sehr neugierig. »Erzähle uns doch. Bist du schon an dem herrlichsten
Orte auf Erden, in der Speisekammer, gewesen, wo die Käse liegen und
die Schinken hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, mager hinein- und
fett herauskommt?«
»Das kenne ich nicht!« sagte der Baum. »Aber den Wald kenne ich, wo die
Sonne scheint und wo die Vögel singen!« Und dann erzählte er alles aus
seiner Jugend, und die kleinen Mäuse horchten auf und sagten: »Wie viel
du doch gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!«
»Ich?« sagte der Tannenbaum, und dachte über das, was er selbst
erzählte, nach. »Ja, es waren im Grunde recht fröhliche Zeiten!« – Aber
dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern
geschmückt war.
»O!« sagten die kleinen Mäuse, »wie glücklich du gewesen bist, du alter
Tannenbaum!«
»Ich bin gar nicht alt!« sagte der Baum, »erst diesen Winter bin ich
vom Walde gekommen! Ich bin nur sehr rasch gewachsen!«
»Wie schön du erzählst!« sagten die kleinen Mäuse. Und in der nächsten
Nacht kamen sie mit vier anderen Mäuschen, die den Baum erzählen hören
sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich
selbst an alles und dachte: »Es waren doch fröhliche Zeiten! Aber sie
können wiederkehren! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt
doch die Prinzessin!« Und dann dachte der Tannenbaum an eine niedliche
Birke draußen im Walde; das war für ihn eine wirkliche Prinzessin.
»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen. Dann erzählte der
Tannenbaum das Märchen; er konnte sich jedes Wortes entsinnen, und die
Mäuse wollten vor lauter Freude bis an die Spitze des Baumes springen.
In der folgenden Nacht kamen noch mehr Mäuse und am Sonntage sogar zwei
Ratten. Aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das
betrübte die kleinen Mäuse, denn nun gefiel sie ihnen auch nicht mehr
recht.
»Wissen Sie nur die eine Geschichte?« fragten die Ratten.
»Nur die eine!« sagte der Baum, »die hörte ich an meinem glücklichsten
Abend. Damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich doch war.«
»Das ist eine langweilige, schlechte Geschichte! Wissen Sie keine von
Speck oder Talglicht? Keine Speisekammer-Geschichte?«
»Nein!« sagte der Baum.
»Dann danken wir dafür!« erwiderten die Ratten und gingen fort.
Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum:
»Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen und zuhörten, wie
ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken,
mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgeholt werde.« Das dauerte aber
recht lange.
Endlich eines Morgens kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die
Kasten wurden weggesetzt und der Baum hervorgezogen; sie warfen ihn
freilich ziemlich hart hin, aber ein Diener schleppte ihn sogleich nach
der Treppe, wo es hell war.
»Nun beginnt das Leben wieder!« dachte der Baum; er fühlte die frische
Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles
ging sehr rasch; der Baum vergaß ganz, sich selbst zu betrachten. Der
Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingen
frisch und duftend über das niedere Gitter hinaus, die Lindenbäume
blühten, und die Schwalben flogen umher und zwitscherten: »Quirre-virre
vit, mein Mann ist kommen!« Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie
meinten.
»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit
aus; aber ach, sie waren alle vertrocknet und gelb, und er lag da im
Winkel zwischen Unkraut und Nesseln! Der goldene Stern saß noch oben an
der Spitze und glänzte im Sonnenschein.
Im Hofe spielten einige von den Kindern, die zu Weihnachten den Baum
umtanzt hatten und so fröhlich gewesen waren. Eins lief hin und riß den
Goldstern ab.
»Sieh, was da noch an dem alten, häßlichen Tannenbaum sitzt!« sagte es
und trat auf die Zweige, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten.
Und der Baum sah all die prachtvollen Pflanzen und Bäume im Garten,
betrachtete sich dann selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln
Winkel auf dem Boden liegen geblieben wäre; er dachte an seine frische
Jugend im Walde, an den lustigen Weihnachtsabend und an die kleinen
Mäuse, die so gerne die Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten.
»Vorbei! vorbei!« seufzte der arme Baum. »Hätte ich mich doch gefreut,
als ich es noch konnte! Vorbei! Vorbei!«
Und der Knecht kam und hieb den Baum in viele kleine Stücke; ein ganzer
Haufen lag da; ein großes Bündel wurde daraus gemacht und in die Küche
getragen; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum
seufzte tief, und jeder Seufzer glich einem kleinen Schusse. Deshalb
liefen die Kinder herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten
in dasselbe hinein und riefen: »Piff! Paff!« Aber bei jedem Knalle,
der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im
Walde oder an eine Winternacht, wenn die Sterne so hell funkelten;
er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige
Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wußte, und dann war er
verbrannt.
Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste steckte an die Brust
den Goldstern, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen
hatte. Aber der war vorbei, und mit dem Baum war es auch vorbei!
Vorbei! vorbei! So geht es mit allen Geschichten.
Hans Christian Andersen
Gefunden
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Wolfgang von Goethe
Ein kleines Nest
Ein kleines Nest, o sagt mir an,
Was uns so herzig rührt daran?
Ein Halmenkranz ist es doch bloß,
Ein Züpflein Gras, ein Flöcklein Moos,
Darin ein Blatt, ein Borkenstück
Und – eine ganze Welt voll Glück.
Julius Lohmeyer
Das Blatt im Buche
Ich hab eine alte Muhme,
Die ein altes Büchlein hat,
Es liegt in dem alten Buche
Ein altes, dürres Blatt.
So dürr sind wohl auch die Hände,
Die einst im Lenz ihr’s gepflückt.
Was mag doch die Alte haben?
Sie weint, so oft sie’s erblickt.
Anastasius Grün
Wanderers Nachtlied
Über allen Gipfeln
Ist Ruh;
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Wolfgang von Goethe
Abschied
O Täler weit, o Höhen,
O schöner grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftige Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!
Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!
Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward’s unaussprechlich klar.
Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in die Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben:
So wird mein Herz nicht alt.
Joseph von Eichendorff
Inhalt
Seite
Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen! [Avenarius] 4
Jetzt rede du! [Meyer] 4
Erster Mai [Greif] 4
Der Herr des Waldes [Sergel] 5
Morgens im Walde [Ebert] 5
Die Waldkapelle [Scherer] 6
Waldesstimme [Hille] 6
Waldandacht [Weber] 7
Mittag [Fontane] 7
Schneeweißchen und Rosenrot [Grimm] 8
Im Wald [Strauß-Torney] 14
Waldeinsamkeit [Eichendorff] 14
Nachts [Eichendorff] 15
Das Abenteuer im Walde [Trojan] 16
Was den Kindern im Walde passiert ist [Trojan] 20
Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt [Rückert] 22
Das Häslein [Morgenstern] 27
Waldabenteuer [Weber] 28
Der weiße Hirsch [Uhland] 31
Der Schütze [Schiller] 31
Im Waldhof [Tielo] 32
Sterben [Gagern] 33
Auf der Wacht [Rosegger] 37
Mondwanderung [Reinick] 45
Wo Bismarck liegen soll [Fontane] 46
Als die hellen Nächte waren [Rosegger] 46
Waldkonzert [Dieffenbach] 51
Jüngst sah ich den Wind [Holz] 51
Schlechtes Wetter [Langewiesche] 52
Waldlieder [Keller] 53
Gewitter im Walde [Scherer] 54
Nach dem Gewitter [Waldburg] 55
Regen [Schlaf] 56
Durchlaucht [Gumppenberg] 56
Bei den Holzern [Rosegger] 57
In der Stadt [Keller] 58
Herbstlicher Wald [Lenau] 59
Novembersonnenschein [Löns] 59
Herbstgold [Avenarius] 64
Die Zeit der schweren Not [Löns] 65
Am Futterplatz [Blüthgen] 69
Fichtennadelduft [Seidel] 70
Der vereisete Wald [Stifter] 73
Winter im Hochwald [Wolf] 76
Der Tannenbaum [Andersen] 76
Gefunden [Goethe] 84
Ein kleines Nest [Lohmeyer] 85
Das Blatt im Buche [Grün] 85
Wanderers Nachtlied [Goethe] 85
Abschied [Eichendorff] 86
Der deutsche Spielmann
herausgegeben von _Ernst Weber_, eine großangelegte Auswahl aus dem
Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten
deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-
und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,
von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von
einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des
jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung
eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche
Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die
Familienbücherei. _Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand
jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden._ Er huldigt ja nicht einer
vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten
Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das
Jahrhundert behalten.
Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)
Bd. 2 Wanderer (J. V. Cissarz)
Bd. 3 Wald (W. Weingärtner)
Bd. 4 Hochland (Franz Hoch)
Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz)
Bd. 6 Helden (W. Weingärtner)
Bd. 7 Schalk (Julius Diez)
Bd. 8 Legenden (G. A. Stroedel)
Bd. 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)
Bd. 10 Soldaten (Gg. O. Erler)
Bd. 11 Sänger (Hans Röhm)
Bd. 12 Frühling (H. v. Volkmann)
Bd. 13 Sommer (Edmund Steppes)
Bd. 14 Herbst (Karl Biese)
Bd. 15 Winter (Karl Biese)
Bd. 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)
Bd. 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)
Bd. 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz)
Bd. 19 Bach u. Strom (E. Liebermann)
Bd. 20 Heide (Adalbert Holzer)
Bd. 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)
Bd. 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)
Bd. 23 Germanentum (H. Röhm)
Bd. 24 Mittelalter (H. Schroedter)
Bd. 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch)
Bd. 26 Neuzeit (Angelo Jank)
Bd. 27 Gespenster (Julius Diez)
Bd. 28 Tod (Matthäus Schiestl)
Bd. 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)
Bd. 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau)
Bd. 31 Italien (Hans Volkert)
Bd. 32 Hellas (Karl Bauer)
Bd. 33 Fremde Zonen (H. Volkert)
Bd. 34 Vaterland (W. Roegge jun.)
Bd. 35 Tierwelt (Ludwig Werner)
Bd. 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)
Bd. 37 Glück und Trost (H. Schwegerle)
Bd. 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
Bd. 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)
Bd. 40 Fabelreich (Ernst Weber)
Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in
Klammern.
Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: »Deutsches Jahr«,
»Deutsche Gestalten«, »Deutsche Natur«, »Deutsche Heimat«, »Deutsches
Land«, »Deutsches Volk«, »Deutsches Leben«, »Deutsche Geschichte«,
»Deutscher Glaube« und »Fremde Welt«.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.