war reicher beschickt als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und das
Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein und
Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen blieb noch
Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten Sehnenfetzen von
den Knochen.
Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge
ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am
gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu
Tag mehr in die Breite ging.
Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung
lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan
hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine
seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert
hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und
eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und
heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und
schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören
mißmutig ab; denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und
einige Deckenfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die
niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.
Aber der Tod ging immer noch durch den Wald, und er schlug Stück um
Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte
er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte
stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu
halten. Es schneite und schneite, und der Wind pfiff böse; er schob
den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen,
kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und
verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs
ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und
er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte
unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen, und dann schnürte
er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen
ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er
trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so wie oben.
Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er
dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke
Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis
zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn
immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr
er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten
war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als
wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und
geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen
vermag.
In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche
und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er
am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze,
schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich
vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der
Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich
näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam
schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung
entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die
fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stück
wahrgenommen hatte, das ihm verlorengegangen war, eine unbekannte,
verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung,
zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich
und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen,
Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den
Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute
dem Frieden nicht.
Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das
Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten,
da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und groß
schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind,
trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend
zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.
Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlangstrich, um
eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen,
rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der
ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit
dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann strich
die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.
Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel
absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die
Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in
dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte
der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.
Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er
nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im
Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war,
die Zeit der schweren Not.
Hermann Löns
Am Futterplatz
Still träumt der Wald in tiefem Schnee.
Ein weißer Dom schließt rings mich ein;
Durch seine Lücken in der Höh
Blickt grauer Winterhimmel drein.
Wie starr der Bäume Säulen stehn!
Von überall haucht’s kalt mich an;
Und doch: wie schön, wie wunderschön!
Ein Märchen, das der Tod ersann.
Zuweilen wie ein Glöcklein klingt’s:
Das ist der Meise Silberton;
Durchs weiße Netzwerk oben schwingt’s
Und ist im Nu dem Blick entflohn.
Und dort: ein Werk der Menschenhand –
Gestützte Dächer, dick verschneit –
Im unbarmherz’gen Winterland
Ein Tempel der Barmherzigkeit.
Im weißen Grunde scharrt das Reh
Und äugt und wittert langsam fort:
Kein nährsam Hälmchen überm Schnee,
Und drunter alles Grün verdorrt.
Und näher stampft es, da – und da –
Am nächsten Busche rührt sich’s schon.
Zum Tempel kommt von fern und nah
Die hungrig stumme Prozession.
Der Wärtel hat gedeckt den Tisch:
Die Raufen füllt das duft’ge Heu.
Nun quillt’s in schwärzlichem Gemisch
Und zupft behaglich sonder Scheu …
Ich späh versteckt; mein Auge hängt
An ihrer zierlichen Gestalt,
Bis alles satt und weiter drängt –
Und wieder einsam träumt der Wald.
Victor Blüthgen
Fichtennadelduft
Durch schwülen Wald in Sommertagen,
Wo der Pirol aus Wipfeln rief,
Sonst alles ruhte, alles schlief,
Da ging ich, wo man Holz geschlagen.
Der sommerlichen Sonne Gluten,
Sie senkten sich in goldnen Fluten
Hin auf den unbeschützten Grund –
Ein süßer Fichtennadelduft
Erfüllte rings die heiße Luft,
Still brütend in der Lichtung Rund.
Und wie auf Schwingen fortgetragen,
Hinflog mein Geist zu Wintertagen,
Wo in des Zimmers stillem Kreis
Der Tannenbaum die harz’gen Düfte,
Haucht in die sanft durchwärmten Lüfte,
Und Rauschgold knistert zart und leis.
Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen,
Und mich befiel ein kindlich Sehnen
Nach dir, du holde Weihnachtszeit.
Was darf man in des Sommers Reichen
Wohl deinem stillen Glanz vergleichen
Und deiner trauten Heimlichkeit!
Die Zeit verging. – In Wintertagen,
Da wurden Buden aufgeschlagen
Mit all dem sonderlichen Tand.
Das Wunder stieg vom Himmel wieder
Auf die verschneite Erde nieder –
Die heil’ge Weihnacht kam ins Land.
Es stand die schön geschmückte Fichte
In farb’gem Glanz, in hellem Lichte,
Ein goldumglänzter Märchenbaum.
Doch als der Zweige harz’ges Düften
Nun schwebte in den warmen Lüften,
Kam’s über mich gleichwie ein Traum.
Da ward mein Geist hinweggetragen
Zu glutgetränkten Sommertagen –
Ich hört ihn rufen, den Pirol,
Und Vogelsang und blühende Wälder,
Und grüne Wiesen, goldne Felder –
Ein Märchen schienen sie mir wohl. –
Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen,
Und mich befiel ein tiefes Sehnen
Mit drängend-lieblicher Gewalt,
Und als ein Glück, nicht auszusagen,
Erschien es mir: in Sommertagen
Zu wandern durch den grünen Wald!
Heinrich Seidel
[Illustration]
Der vereisete Wald
Da wir endlich gegen den Taugrund kamen und der Wald, der von der
Höhe herabzieht, anfing, gegen unsern Weg herüberzulangen, hörten wir
plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen
steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war und das keiner von uns je
vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von
Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die
Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten
entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und
in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns
recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir
den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und
auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir
hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes
Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine
Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge
unseres Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und
näherten uns dem Walde des Taugrundes immer mehr und sahen endlich
schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hineingeht. Wenn es
auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht
schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken
sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß
sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem
Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar
sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hintereinander
stehenden Stämme abstach.
Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes
hineinfahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns
eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen
Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern
zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises
von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte
Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen
schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern und
standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen
Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften
gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften;
jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es
ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde
fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von
dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine
Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum
sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harrten und
schauten hin, man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht,
in das Ding hineinzufahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in
einer Ähnlichkeit teilen; denn das arme Tier schob, die Füße sachte
anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück.
Wie wir noch dastanden und schauten – wir hatten noch kein Wort
geredet –, hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal
vernommen hatten. Jetzt war es uns aber völlig bekannt. Ein helles
Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes
Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall,
mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein
Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es
war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas
durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie
vorher, die Stämme standen und ragten durcheinander, nichts regte sich,
und das stillstehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn
ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man
sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen,
hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des
verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie
früher, dauerte fort.
Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren
konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem
Geäste liegen, über den wir nicht hinüber konnten, und der nicht zu
umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und
der Schnee bis an das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn
wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück
wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herübergelegt
hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte
unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir
uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten
war schwerfällig und verglast, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn
irgend etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es
fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen,
wie Keile, mochten niederfahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege,
der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der
Ferne wieder dumpfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten,
woher wir gekommen, war auf den Feldern und in der Gegend kein Mensch
und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem
Fuchse waren allein in der freien Natur. Ich sagte dem Thomas, daß wir
umkehren müßten. Wir fuhren dann, so schnell wir konnten, gegen die uns
zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück.
Adalbert Stifter
Winter im Hochwald
Den Fels erstieg, demantenübersät,
Im Hermelin des Winters Majestät.
Die Faust gekrampft in den vereisten Bart,
Hält sinnend er hier Rast von langer Fahrt.
Kein Laut, kein Lauscher stört des Alten Ruh.
Bald fallen ihm die müden Augen zu …
Ein fernes Fuchsgebell erstirbt im Forst;
Leis schwebt ein Adler zum verschwiegnen Horst,
Und tief im Grunde tritt ein scheues Reh
Lautlos heraus an den erstarrten See. –
Dies ist die Stunde, wo die müde Zeit
Zu schlummern scheint im Schoß der Ewigkeit,
Wo uns der weiterschlossne Himmel still
Sein wundersam Geheimnis künden will,
Und durch die Wälder leis von Baum zu Baum
Ein Flüstern geht, ein goldner Frühlingstraum.
Paul Wolf
Der Tannenbaum
Draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum. Er hatte einen guten,
luftigen Platz, war freundlich von der Sonne beschienen, und ringsumher
wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Der kleine
Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete
nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht
um die Bauernkinder, die in den Wald kamen, um Erdbeeren und Himbeeren
zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topf voll und hatten
Erdbeeren an einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den
kleinen Tannenbaum und sagten: »Wie niedlich klein ist der!« Das mochte
der Baum aber nicht hören.
Im folgenden Jahre wurde er schon um einen Ansatz größer und das Jahr
darauf wieder; denn an den Tannenbäumen kann man an den Ansätzen, die
sie haben, sehen, wie viele Jahre sie alt sind.
»O, wäre ich doch ein großer Baum,« seufzte er, »dann könnte ich meine
Zweige weit umher ausbreiten und mit dem Gipfel in die weite Welt
hinausblicken! Die Vögel würden dann ihre Nester in meinen Zweigen
bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich ebenso vornehm nicken wie
die andern!«
Er hatte keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den
rötlichen Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten.
War es dann Winter und der Schnee lag blendendweiß ringsumher, so kam
zuweilen ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum
weg – o, wie er sich darüber ärgerte! – Aber zwei Winter vergingen, und
im dritten war das Bäumchen schon so groß, daß der Hase um dasselbe
herumlaufen mußte. »O, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist
doch das einzig Schöne in dieser Welt!« dachte der Baum.
Im Spätherbst kamen Holzhauer und fällten einige der größten Bäume. Das
geschah alle Jahre, und den jungen Tannenbaum schauerte dabei, denn
die großen Bäume fielen mit Prasseln und Krachen zur Erde, die Zweige
wurden ihnen abgehauen, so daß die Bäume ganz nackt aussahen; sie waren
fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und
Pferde zogen sie davon. Wo kamen sie hin?
Im Frühjahr, als die Schwalbe und der Storch geflogen kamen, fragte sie
der Baum: »Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen
nicht begegnet?«
Die Schwalbe wußte nichts; aber der Storch sah sehr nachdenklich aus,
nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube fast! Mir begegneten
viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen
waren prächtige Mastbäume; ich glaube, daß sie es waren; sie hatten
Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; sie sahen stolz und prächtig
aus und überragten alles.«
»O, wäre ich doch auch groß genug, um so über das Meer hinfahren zu
können! Wie sieht denn eigentlich das Meer aus?«
»Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,« sagte der Storch und ging
fort.
»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich des
jungen Lebens, das in dir ist!«
Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn; aber
das alles verstand der Tannenbaum nicht.
Gegen Weihnachten wurden ganz junge Bäume gefällt, die oft nicht einmal
so groß wie dieser Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte,
sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume – es waren gerade die
allerschönsten – behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen
gelegt, und Pferde zogen sie fort.
»Wohin sollen die?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer als
ich, ja einer war sogar noch kleiner! Weshalb behielten sie alle ihre
Zweige? Wohin fahren sie?«
»Das wissen wir! das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »In der
Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren!
O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit! Wir haben gesehen,
daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit vergoldeten
Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern
geschmückt werden.«
»Und dann?« fragte der Tannenbaum und bebte an allen Zweigen. »Und
dann? Was geschieht dann?«
»Ja, mehr haben wir nicht gesehen!«
»Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?«
jubelte der Tannenbaum. »Das ist noch schöner, als über das Meer zu
ziehen! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß, wie die anderen,
die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem
Wagen! Wäre ich doch erst in der warmen Stube mit aller Pracht und
Herrlichkeit! Und dann –? Ja, dann kommt noch etwas weit Schöneres,
weshalb würden sie uns sonst so schmücken! Es muß noch etwas
Herrlicheres kommen –! Aber was? O, ich sehne mich, ich weiß selbst
nicht, wie mir ist!«
»Freue dich,« sagten die Luft und das Sonnenlicht, »deiner frischen
Jugend im Freien!«
Aber er freute sich gar nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer
stand er grün; die Leute, die ihn sahen, sagten: »Das ist ein hübscher
Baum!« Und zu Weihnachten wurde er vor allen zuerst gefällt. Die Axt
hieb tief ein, der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte
einen Schmerz, eine Art Ohnmacht, er konnte gar nicht an das kommende
Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen; er
wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und
Blumen ringsum nie mehr erblicken würde, ja vielleicht nicht einmal die
Vögel. Die Abreise war gar nicht angenehm.
Der Baum kam erst in einem Hofe in der Stadt wieder ganz zu sich, als
er einen Mann sagen hörte: »Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur
diesen!«
Nun kamen zwei Diener und trugen den Tannenbaum in einen großen,
schönen Saal. An den Wänden hingen Bilder, und neben dem Kachelofen
standen große chinesische Vasen. Da gab es Schaukelstühle, seidene
Sofas, große Tische voller Bilderbücher und Spielzeug. Der Tannenbaum
wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber niemand
konnte sehen, daß es ein Faß war; denn es wurde mit grünen Zweigen
behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. O, wie der Baum vor
Erwartung bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Zunächst kamen Diener und
Fräulein und schmückten ihn. An seine Zweige hingen sie kleine Netze
aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete
Äpfel und Nüsse hingen herab, und über hundert rote, blaue und weiße
kleine Lichter wurden in die Zweige gesteckt. Puppen, die wie Menschen
aussahen, schwebten im Grünen, und oben auf der Spitze wurde ein Stern
von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz unvergleichlich
prächtig!
»Heut abend,« sagten alle, »heut abend wird er strahlen!«
»O!« dachte der Baum, »wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald
angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde
kommen, um mich anzuschauen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben
fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt
dastehen werde?«
Er hatte ordentlich Borkenweh vor lauter Sehnsucht, und Borkenweh ist
für einen Baum ebenso schlimm, wie Kopfschmerzen für uns andre.
Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der
Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne
anbrannte.
»Gott bewahre uns!« schrien die Fräulein und löschten es schnell aus.
Jetzt durfte der Baum nicht einmal mehr beben. Ihm war so bange, etwas
von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz geblendet von all dem
Glanze. Und nun gingen die Zimmertüren auf, und eine Menge Kinder
stürzten herein, als wollten sie den Baum umwerfen; die älteren Leute
kamen langsam nach. Die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen
Augenblick, dann jubelten sie wieder, tanzten um den Baum herum, und
ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.
»Was machen sie denn?« dachte der Baum. Und die Lichter brannten bis
an die Zweige herunter, und je nachdem eins niederbrannte, wurde es
ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis, den Baum zu
plündern. O, die stürzten auf ihn ein, daß er in allen Zweigen knackte;
wäre er nicht mit der Spitze an der Decke befestigt gewesen, so hätten
sie ihn sicher umgeworfen.
Die Kinder tanzten dann mit ihrem prächtigen Spielzeuge herum. Niemand
sah nach dem Baume, als die alte Kindsfrau, welche zwischen die Zweige
blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel
vergessen worden sei.
»Eine Geschichte! Eine Geschichte!« riefen die Kinder und zogen einen
kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin; und er setzte sich gerade
unter denselben, »denn da sind wir im Grünen,« sagte er, »und der
Baum kann Nutzen davon haben, wenn er aufmerksam zuhört! Aber ich
erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die von
Klumpe-Dumpe hören, der die Treppe herunterfiel und doch die Prinzessin
erhielt?«
»Ivede-Avede!« schrien einige, »Klumpe-Dumpe!« schrien andre; das war
ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg und dachte: »Komme
ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?«