ÖFFENTLICHE UND PRIVATE MORAL.

Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen

sich allgemein darüber, daß sie gezwungen seien, ihre Berichte den

Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu

beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Daß sie

Unglücksfälle nur kabeln dürfen, wenn sich über zehn Tote ergeben haben,

ist ja eine ganz weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen,

immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in der Politik, in der

Rechtsprechung, im Gebaren der großen Truste, offenbare Verrücktheiten und

groteske Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels

und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schließlich gröbste

Familienskandale aus der Welt der Milliardäre zu berichten, das ist doch

recht bedenklich. Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger jeder

Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der Dinge, die öffentliche

wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem

anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur

Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der

öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen; denn die Unterschätzung fremder

und noch dazu rasseverwandter Völker kann unter Umständen doch recht üble

Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut

aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er wohlunterrichtete Leute

drüben die Verhältnisse besprechen hörte, gestattet, mein bescheidenes

Teil zur Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und privaten

Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.

(M23)

Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Geheimnis und wird von

niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl

der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes

und besonders des Umstandes, daß sich alle vier Jahre verfassungsgemäß ein

Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue

Präsident, Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und

Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten Stellungen zu

bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darüber

nicht weiter zu entrüsten; aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß

der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwährend in

Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschäftigten Staatsbürger natürlich

unmöglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern.

Er muß notgedrungen diese Betätigung Leuten überlassen, die daraus einen

Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der

Geschäftspolitiker. Da selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse,

nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können, so schaffen

sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich für die Unterstützung bei

Wahlen, für die Erlangung von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und

Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres

ein, daß sich nicht die Blüte der Nation, sondern nur machthungrige und

geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und

daß diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem

intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu

verhelfen, sondern demjenigen, der am meisten zahlt. Da es nur zwei große

politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier

Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels durch den Sieg der

Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Ämter, die ganze

Beamtenschaft, vom Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an die

Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boß am besten

geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat

und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte für noch

schlechtere einzutauschen, und daß die öffentliche Moral dadurch

schändlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen

wollen, daß die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum

mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben, und daß in die

obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige

Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man

den hochentwickelten _common __sens_, den gesunden Menschenverstand der

führenden angelsächsischen Rasse in Betracht zieht. Der anständige

Geschäftsmann und die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich um

das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit

dem glücklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die

tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch

die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, daß die Bosse irgend

etwas im Schilde führen, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die

Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der

Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute von tadellosem

Leumund zusammen – die führenden Deutschen sind immer bei dieser

Anstandspartei zu finden – und klären durch geeignete Maßnahmen die Massen

der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden soll. Und siehe da: immer

gelingt es der Wucht der öffentlichen Meinung, wenigstens die gröbsten

Schandtaten zu verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu

schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die

Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unübertreffliches Werk

genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch

seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden für vorzüglich

gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln an den Gesetzen und öffentlichen

Einrichtungen, jenes höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers,

kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fügt sich sogar in

Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, daß anders die Ordnung nicht

aufrechterhalten werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm

beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram

passen. Man weiß, daß die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den

Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die

Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter

zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den

schreiendsten Mißständen schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben

läßt, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt

und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine

persönliche Bewegungsfreiheit und seine geschäftlichen Unternehmungen

nicht empfindlich stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und

gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln dieser Gesetze

leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschäftsleuten und

geistvollen Hochstaplern, ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten

Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Königen

der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums können ja überhaupt

die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst jüngst wieder in dem

vorsichtig weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichtshofes in

Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz großen Herren, in deren

Macht es steht, die Bundesarmee gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen,

oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzählige Betriebe lahmzulegen,

Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureißen, mit denen

hütet sich natürlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der

Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die

kleineren Machthaber irgendwie lästig, so versteht man ihnen selbst in dem

Falle beizukommen, daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt.

(M24)

Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in

St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst

unerträglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale

herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte frühlingsheiter

vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt

einfuhr, verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten

Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen, schweflig riechenden Nebels,

der selbst die nächsten Gegenstände nur in verschwommenen Umrissen

erscheinen ließ. In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte

Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß sofort eine dichte

Rußschicht, wie von einer schwer blakenden Öllampe, sich auf alle

Gegenstände im Zimmer legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen

und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einließ, so

schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll

von Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand. Überall

erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen mit Vorschlägen zur

Beseitigung des Übels. Man erinnerte sich plötzlich wieder, daß es im

Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche

Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen

Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und ähnlichen

Maßnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer

hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stürzen wegen

dieser ärgerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der

Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaßen günstig

wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden

Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen

mußten, ihre Lungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl immer

noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute

Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu

bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein

vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um

ein möglichst großes Damenpublikum für ihre Zwecke herbeizuziehen,

kündigten sie mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an.

Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten Kreisen wurden hierzu

zusammengetrommelt und nach Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte

die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich über

die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. Es war alles so gut

vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine große

Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus

gewählt und die notwendigen Mittel zur Ausführung des Planes gezeichnet

waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft übernahm es

nämlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit

Weichkohlenfeuerung einzudringen und nötigenfalls Tag und Nacht Patrouille

zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Mißachter der Gesetze

zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die

vorgeschriebenen Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich ausgeführt waren.

Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor

energischen Frauen kapituliert der Yankee immer.

(M25)

Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und Übelständen, wenn auch

vielleicht erst im Moment der höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur

Unerträglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die

Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen optimistischen Gleichmut.

Selbstverständlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor

Paragraphen oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt sogar

recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich keine Ordnung

irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und

Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege

bis zum Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt wird, kann man

sich drüben fast völlig sparen, da sie doch keine Beachtung finden würden;

aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unterordnung,

Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da übt er sie

auch ohne Warnungstafeln und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde

Schutzleute aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im

Straßenverkehr der Großstädte sehr angenehm auf; nie hört man wild

aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedränge; nie werden

Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit

einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Straßenkreuzungen den

kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung

ab, daß um 6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den Straßen-

und Untergrundbahnen, in überfüllten Lokalen jeder Art macht jedermann

bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in

der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses war, so

waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, daß der

berühmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf

einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen

Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Plattform schufen der

Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins

Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum, die

hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stießen einigen

Passagieren in die Bäuche oder gegen die Kniescheiben – und dennoch zeigte

sich niemand gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gutmütigen

Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns wäre ein

Sturm der Entrüstung losgebrochen. Auch der eiligste Geschäftsmann wartet

geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und

niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für sich Ausnahmemaßregeln

durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der

öffentlichen Hygiene werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem

vernünftigen Menschen klar ist.

(M26)

Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche Fragen löst, die

anderwärts der Polizei die allergrößten Schwierigkeiten machen und über

die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die

Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee nämlich

einfach dadurch, daß er erklärt, sie existierten gar nicht. Der

Prostitution z. B. ist im Gesetze überhaupt nicht Erwähnung getan, und in

den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Männern nennt man

die Prostitution verschämt „das soziale Übel“ (_the social evel_), aber in

der Öffentlichkeit erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals,

weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und

weil man annimmt, daß der Amerikaner überhaupt viel zu anständig sei, um

irgendwelcher heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens

zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich jeder erwachsene

Mensch, daß die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten,

auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei hat dafür

zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat

also nicht nur die öffentlichen Häuser, sondern auch jede einzeln

flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen

Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten

beschäftigen müßten, so könnte es nicht ausbleiben, daß das Publikum auf

diese Dinge aufmerksam würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze

des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. Folglich duldet es die

Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane sich von den Übeltäterinnen

dafür bezahlen lassen, daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß

die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafür

entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden bewahren.

Selbstverständlich erhalten solche Häuser keine polizeilichen

Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien

Prostitution. In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen,

Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhäuser

werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevölkert,

und zwar vornehmlich mit – wahlfähigen Männern! Man bedient sich zu diesem

Zweck der Namen längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten.

Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen dem Boß für jede

Gefangene einer solchen Lasterstätte ein Wahlzettel für seine Partei zu.

Eine Folge dieser unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen

des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel in den Vereinigten

Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschäfte, der

weiße Sklavenhandel, blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen großen

Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als in denen Südamerikas. Die dunkeln

Ehrenmänner, die sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen,

ausschließlich galizische, ungarische und rumänische Juden, führen der

Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche

Summen zu.

Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen: „_The House of

Bondage, by Reginald Wright Kaufmann_“. Es dürfte wohl das erstemal sein,

daß in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der

Dichtung erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine

literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else Jerusalems „Der

heilige Scarabäus“ messen, und es ist bezeichnend, daß der mutige

Verfasser selbst mit dem größten Eifer betont, er habe in diesem Werke

nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten

wollen. Im Anhang des Buches sind all die behördlichen Aktenstücke

abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers

gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen

angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen

heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behörden

zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die

niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße an ihren

Einkünften erleiden würden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen

schönen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge

Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen

Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in vielen Tausenden von

Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Töchter ja

hauptsächlich gefährdet sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht

mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür verantwortlich

gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller

geraten.

(M27)

Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in demselben Lande, in

welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte

in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den

Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten in der gesamten Tagespresse

kein Wort über ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des

berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben

hier den für uns überaus seltsamen Fall, daß selbst der indiskreteste und

von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der

Journalisten aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung übt. Die

verehrten Pilgerväter schon haben das Dogma aufgestellt, daß in den

Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert

sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe

wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt,

der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen

oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche Begierden zu

verspüren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht

sagt, daß seine smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt seien;

aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller dürfen es nicht

wagen, einen Yankee als Verführer der Unschuld hinzustellen. Die

schärfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, müssen

dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem

Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses

starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, daß es im

Yankeelande eine pornographische Literatur überhaupt nicht gibt, daß die

schlüpfrigen französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und der Import

von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen höchstens auf ganz

versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muß auch unbedingt zugegeben

werden, daß der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine

starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen

ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre dem jungen Mann, zumal der

gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen

bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße vorhanden sein

dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee sich durch gewandtes Erzählen von

Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und daß man selbst in

intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des Alkohols schwerlich

jemals die Sauglocke läuten hört. Es ist auch richtig, daß ein junger Mann

von guter Familie, der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise

kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner Standesgenossen

verfällt – aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Überzeugung das

Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung

empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu fördern,

die den weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt,

und außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in allen

gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in bezug auf die Erotik

das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall

der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehörigen

der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begüterte junge Mann,

der die größte Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen

seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen würde,

macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine

fesche Maniküre, Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus dem

Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in

seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen, wenn er nur von seiner

Liebschaft kein großes Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein

Mädchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise

einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft,

die sich die beste zu nennen beliebt, dieselbe niederträchtige Doppelmoral

wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen

Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten,

aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glück und der Ehre

anderer Mädchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung

ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf des verfluchten Schwerenöters

dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen

aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den höheren

geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der höheren Gesellschaft

aufgenommen zu werden, falls es sich nur _ladylike_ zu benehmen versteht;

dagegen fällt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die

Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien

Liebesverhältnisses drüben herrscht. Der Yankee hat für die illegitime

Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der

Ausdruck _Sweetheart_ hat einen verächtlichen Nebenklang bekommen. Die

amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet vor dem „Verhältnis“ des

Deutschen oder vor der „Collage“ des französischen Studenten. Die

amerikanische junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich

liebenden deutschen „Gretchens“ oder der französischen Grisette nicht nur

für _shocking_, sondern besonders für entsetzlich dumm halten; denn sie

ist gewohnt, möglichst viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu

gewähren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist folglich die

poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses völlig unmöglich.

Ein Autor, der dergleichen wagen würde, und sei er selbst ein Mann von

anerkannter Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches schwer

schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich unmöglich machen. Ob bei

dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu

entscheiden, sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe viel

dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen

christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns Europäern ja

geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glück hat,

sein geraubtes Schäfchen ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter

Umständen sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren emporarbeiten;

landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muß er gewärtig

sein, daß er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu

heiraten, oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem Ozeandampfer

wachen scharfe Yankeeaugen über dem Benehmen der paarweise Reisenden, und

wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann

sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu

werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen

Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem

die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenüber zu

bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend jetzt schon als

Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit und der vernünftigen

Erziehung auszeichnet, so dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen

der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber müssen wir

uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Überlegenheit mit einem

großen Fragezeichen zu versehen.

Der Dichter in Dollarica · 第 14 / 44 题