(M14)
Wer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der
europäischen Kultur klar werden will, der möge sich nur ordentlich umsehen
auf den Stätten, wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und
die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, nämlich
– auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Bürger gewesen ist,
dem muß zunächst unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und drüben
in der äußeren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen.
Abgesehen davon, daß selbstverständlich der groteske Typus des Studiosus
Süffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten,
kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmütig blasierten
ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach
dem Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft um, nach den
stubenbleichen Brillenträgern, den verträumten oder frühzeitig
zergrübelten Denkerköpfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren
ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres
Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drüben sieht man
nur frische, derbe Jungens und Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft
tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife
ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft
machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der größeren oder
geringeren Zierlichkeit der Gliedmaßen und Verfeinerung der Manieren. Im
Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleichartigkeit.
Die Studierenden der beiden ersten Semester werden _Freshmen_ genannt, der
zweite Jahrgang _Sophomors_, der dritte Jahrgang _Juniors_, der vierte
Jahrgang _Seniors_. Alle zusammen sind die _Undergraduates_, und was nach
dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem
Staatsexamen, noch weiter studiert, _Postgraduates_; als äußerliches
Kennzeichen führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxfordbaretts
oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17
und 19 Jahren zur Universität oder in die Colleges; aber nicht, wie bei
uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen
Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedächtigen
Schritt vorwärts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn
auch auf der Universität und im College sind die jungen Leute einer
Disziplin unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin beschränkt.
Sie wohnen in sogenannten _Dormitories_ (Schlafhäusern), wo sie, je nach
ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten
nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie für billiges Geld
eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An
denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind
für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch Speisesäle
vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und
besondere Spielplätze; dagegen häufig gemeinsame Klublokale, wo sie
Tanzvergnügungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder
Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren
Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (_Fraternities_ und
_Sororities_). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein.
Sie bezeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit
Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines
Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein großes
Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen können
sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft
leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum
Teil sogar recht luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten
Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten
dieser Verbindungshäuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten
behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser
Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer
wieder von dem natürlichen Drange des Menschen nach aristokratischer
Absonderung durchbrochen wird; nur, daß es in der großen Republik ein
selbstverständliches Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Geburt
und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen gegenüber den vom Glück
weniger Begünstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich
jemals beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen, die sich
durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste mühsam
durchschlagen müssen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen
unterwürfig kriechen, oder daß jene sich diesen gegenüber einen
überheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen
gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der
Stolz auf ihre Alma mater äußert sich bei allen festlichen Gelegenheiten,
namentlich bei den sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in
einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen
besonderen _Cheer_, d. h. _Hochruf_, nach Rhythmus und Melodie
verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die
sportlichen Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß er gleich dem
Kriegsruf wilder Völkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer
einmal – etwa gar in dem berühmten _Stadion_ der zwanzigtausend Menschen
fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fußballmatch zwischen
Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht
vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in
den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche zum besten gibt
und während des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute
Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der
beiden Musikkorps sind Angehörige der betreffenden Parteien aufgestellt,
welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den _College-Cheer_
intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gänzlich
unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Bläser dirigieren. Und dann
fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die
anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Universität und deren
ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit
einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, daß dem unbeteiligten Fremdling
darüber Hören und Sehen vergeht. Man springt auf die Bänke, man schwenkt
Taschentücher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den
Schultern und schütteln und stoßen sich, um einander aufmerksam zu machen
auf spannende Momente oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger
aufzurütteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts
versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehüllten Knäuel
grotesk bekleideter Jünglinge, der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei
ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten den Wind
ausbläst (_to blow the wind out_) oder die schweren Sportstiefel unter die
Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem
wüsten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein junger
Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit
begeisterten Landsleuten über den Kampfplatz stürmt.
(M15)
In diesen Wettspielen der höchst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man
staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst
eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit und Anmut der
nackten Griechen fehlt freilich völlig bei dieser unförmlich wattierten,
mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber
die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und
Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht,
kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen
sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das
Nasenbein oder sonstige Extremitäten geknickt wurden, so stolz wie die
Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten
bis aufs Blut peitschen ließ.
(M16)
Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtigkeit, die übrigens
keineswegs nur auf das männliche Geschlecht beschränkt ist, trägt sehr
viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus
eigenartiges Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt,
amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, daß
diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschläger, Ruderer,
Wettläufer und Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer
wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die Antwort
bekommen, daß meine Zweifel durchaus unbegründet, vielmehr unter den
hervorragenden Athleten häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen
Begabungen, zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden seien.
Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten dagegen erhielt ich, wenn
ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar
nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es meist: „Ach,
darüber zerbrechen wir uns vorläufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen
gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti
oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht.“ Ein
anderer sagt: „O, ich trete einfach in das Geschäft meines Vaters ein, da
brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans.“ Da die
englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Weltanschauung kennt, so
ist es überhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu
machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen
Volkes sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man sich von
Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden
Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen könne. Er fühlt nicht
den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben,
weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen
Erfahrung überall bestätigt findet, daß für einen Bürger der Vereinigten
Staaten überall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner
Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft
gesund für Leib und Seele – aber für die wissenschaftliche Erkenntnis ist
sie nichts weniger als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem
Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren Zweifel und für die
Unersättlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im
allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare
praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller
amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf
eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach
seine natürlichen Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die
Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten, sondern ihre
Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das
_refinement_ der höheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu
geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische
Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die Worte seines Lehrers.
Er lernt fleißig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt
sich auf die Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig
vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit,
sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schöngeist zu glänzen, und um sich
von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den
Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der
Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpferischen Instinktes, der etwa in den
jungen Köpfen seiner Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen
und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher Forschung diesen
zukünftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnügt sich meistens damit,
sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und
Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen gründlich einprägen.
Er ist daher in weitaus den meisten Fällen nach unseren Begriffen selber
gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein
Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen Professoren
deutscher Abstammung, die es drüben als Universitätslehrer zu großem
Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals
wissenschaftlich betätigt hat und als einfacher Töchterschul-, Real- oder
Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene
Handlanger der Wissenschaft drüben als gute Pädagogen, bei denen die
Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu
Hochschullehrern aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie dann einen
Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre Darstellung ihres speziellen
Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten
der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die
meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und
pauken dies gewissenhaft den Schülern ein. Schüler bleiben die Studenten
ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der
_Freshman_ birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende Masse
verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schüler
im Abiturientenexamen nachweisen muß. In den philologischen Fächern,
namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines
deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und
Geographie weiß er vielleicht so viel, daß er bei uns das
Einjährigenexamen bestehen könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also
eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer
Obersekunda und Prima erst auf der Universität durch; die übrigen werfen
sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen
gedenken. Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Mediziner,
für Theologen – die letzteren werden von den einzelnen Denominationen
(Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am stärksten besucht und am
glänzendsten ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe,
die chemischen und physikalischen Laboratorien, die
Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen für den
Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw.
usw. Weitaus die meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als
technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultät, eine
juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind,
ganz ähnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen
über Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über Philosophie und
dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstände gehalten
werden. Es ist ja sehr begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus
überwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich
nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit hinaus die größte
praktische Bedeutung haben werden. Für Hoch- und Tiefbauingenieure,
Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker
gibt es selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen, noch
unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als für die
Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an
Ehrfurcht grenzende Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche,
anstatt ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden
Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten
Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach
Regenwürmern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Käuze, die
imstande sind, sagen wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke
Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung
irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung
keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar
solche Käuze – sie sind übrigens fast alle Deutsche – sehr gut und ist
besonders stolz auf ihren Besitz – aus demselben Grunde, aus welchem man
unerhörte Summen aufwendet, um allen möglichen alten Trödel aus Europa
neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen
Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen,
daß man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten
könne und daß man keineswegs den übeln Ruf verdiene, ein Volk von
Emporkömmlingen zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung und
Verständnis besitze.
(M17)
Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte wohl überhaupt nicht
gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren
praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer
Universitätsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als
sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also auch kein gelehrtes
Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen
wir das junge Land nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist
imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat,
später praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen
Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt,
der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde
findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur
einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten einer östlichen Großstadt mit
der Langenweile eines wildwestlichen Standquartiers zu vertauschen, so
wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben
Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges. Seine Bildung braucht
ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft
schicken ihre Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort
allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das für
die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende
Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens
finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen
Lehrtätigkeit widmen wollen, als _Postgraduates_ auch in Amerika reichlich
Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt
weder an hervorragenden Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen
Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind überaus reich
ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete
werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie
sicher Mäzene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen,
wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.
(M18)
Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Frische und Freudigkeit,
die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft
auffällt, die glückliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller
Verhältnisse drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als überfüttertes
Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schönsten
Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht
einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch
ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System und deren lebendige
Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern
entgegen und braucht sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu
quälen: wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein
Wissen auch ein sicheres Auskommen gewähren, oder wird die einzige
Vergeltung für dein höheres Streben darin bestehen, daß du einst als
abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges
Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner durch das
Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen, zur höchsten Anspannung seiner
Kräfte angefeuert wird, so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker
sein bei den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf um die
höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen näher an diesem Ziele
beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer
Verehrung zu jedem jungen _Harvard-Yale-Columbia-Cornellman_ wie zu einem
höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese strammen Burschen einst die
Richter, die Ärzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und daß ohne
Zweifel geniale Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl
Präsidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe
Wertschätzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schönsten
Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute
aus einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissenschaftliche
Zwecke machen. Sobald eine Universität in Verlegenheit ist, woher sie das
Geld beschaffen soll für notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer
Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort
Präsident genannt, nur ein paar notorische Millionäre der Stadt oder des
Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die nötige
Summe zusammenzubringen. Unsere Großindustriellen spenden ihre
Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne Orden zu bekommen;
drüben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebäude, ein Laboratorium, eine
Klinik ihren Namen trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm
genannte, jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und gar aus
eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so
eifrige Nachahmung gefunden, daß heute schon die wissensdurstigen jungen
Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere
Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt
schon eher zu viel als zu wenig Universitäten und Colleges(2). Die große
Wertschätzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert sich
manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen naiv erscheint. Die
Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der
ganzen Welt fertig herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast
ausschließlich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint
dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen
Zauberkünsten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische
Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa.
Während z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem
Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird
er in den Vereinigten Staaten als sachverständiger Berater und tätiger
Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten herangezogen. Er
schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er hält populäre Vorträge, er
beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen
diplomatischen Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D.
White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen
Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten
einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der
Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben
muß.
(M19)
Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beiträgt, die
geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu fördern, ist
die, daß man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit
landschaftlich schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten
Universitäten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington
und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der _Campus_, d. h. das
Gelände der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, mit
Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch
ein üppiger alter Baumwuchs der schändlichen Waldvernichtung der ersten
Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander
gedrängt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so daß
die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich
Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist
selbstverständlich überall reichlich gegeben, wie man sich denn überhaupt
einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht
vorstellen kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung oder
gar gefährliche Versuchung für die jungen Leute. Was sie brauchen an edler
geistiger Zerstreuung, an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich
selbst in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und
festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und
Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universität
herum und verdienen sich ein hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht
selten dazu verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen zu lassen
und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl gar hauptstädtische
Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer
und bevorzugten Schüler der Berkley-University von Kalifornien alljährlich
in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und
Blockhütten, die zum Teil im Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia
gigantea) errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die
Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel.
_Bohemian Jinks_ nennen sie diese Freilichtspiele (etwa „zigeunerische
Luftsprünge“ zu übersetzen), für die sie aus eignen Kräften Dichtung,
Musik, Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen
Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es
werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von
jungen Männern dargestellt. Im übrigen sorgt die an den meisten
Hochschulen bestehende _Coeducation_ (kurz _Coed_ genannt) dafür, daß die
jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren
im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes
Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom
zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die
jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast
jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein _best girl_, mit dem
er „geht“, wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften sind aber
durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der
_collage_ des französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu
standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von
sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen
schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau
wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme auf die weiblichen Studenten
zu.
Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den
gemischten Universitäten. Ich wüßte nicht, wo ein junges Mädchen mit
starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in
Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser
Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die schier fabelhaften
Bildungsmöglichkeiten, die hier den Töchtern der Neuen Welt geboten
werden. 17 männliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und
Assistenten lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um
aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte
1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten
Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die
Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, die der Schüler,
bei durchschnittlich 5 wöchentlichen Stunden, auf den betreffenden
Gegenstand verwendet haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein
Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um
einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte
zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung
angekündigten Vorlesungen aufzählen:
(M20)
1. Elementarkursus, Grammatik, Übungen im Sprechen, Lektüre,
Auswendiglernen von Gedichten.
2-4. Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte.
5. Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik und Stil.
6. Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen im mündlichen und
schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in
Amerika erschienener Texte.
7. Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß an die
Literaturgeschichte.
8. Geschichte der deutschen Sprache.
9. Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Götter- und
Heldensagen).
10. Goethes Leben und Werke.
11. Das Drama des 19. Jahrhunderts.
12. Der deutsche Roman.
13. Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs.
14. Literaturgeschichte bis Goethe.
15. Mittelhochdeutsch.
16. Die romantische Schule.
17. Lessing als Dramatiker und Kritiker.
18. Schiller als Philosoph und Ästhetiker.
19. Goethes Faust.
20. Schillers Leben und Werke.
21. Stilübungen.
22. Gotisch.
23. Die deutsche Lyrik und Ballade.
24 u. 25. Studien zur modernen deutschen Sprache.
(M21)
Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische Sprache und Literatur,
21 über Geschichte, 29 über Hygiene und körperliche Ausbildung, wobei
Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind.
Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und Literatur, 11 über
reine und 5 über angewandte Mathematik, 18 über Musik, 29 über Philosophie
und Psychologie, 19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über
Astronomie usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs nach ihrem
Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist
ihnen vorgeschrieben, und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen
vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, daß ihnen die
niederen Grade geläufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune
bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser
zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf
der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu
vergnügen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren,
so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus
reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehören, ihre eignen
Häuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages
sich darbieten. Das Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch
das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Fächer
sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser
Akademie, die sich also darauf beschränkt, den jungen Damen eine
humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu
vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch nur einigermaßen der
landschaftlichen Schönheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller
praktischen Einrichtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das
gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und
Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt
deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht
sein sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller
Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb
gesunden, ein bißchen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Bürgertöchter
der städtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit _Coed_.
Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Töchtern der vornehmeren
Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen
letzteren die spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt daher,
daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf für sich betrachtet,
als ein Kapital, das unter allen Umständen sich reichlich verzinst. Die
jungen Schönheiten suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des
Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten
Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt der Amüsierlinge
begnügt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und
ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das
amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen Höhe des englischen,
dagegen noch beträchtlich unter der des französischen und deutschen
Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann
man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann
und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit
gebildeten Menschen reden dürfe – und man wird sich selten enttäuscht
sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen
Töchterchen, ohne sie gerade zu Gelehrten zu machen, eine solide
weltläufige Bildung zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen
Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes
mitbringen sollten, als einen abgehärteten geschmeidigen Körper,
vernünftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten
Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als was die
üblichen Pensionate der französischen Schweiz oder die Klosterschulen für
die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.
(M22)
Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische
Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten, gerade für uns
sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein
vernünftig bedünken, daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin
zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20.
Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende Kraft des ungebärdigen
Jünglings bezw. des lebenshungrigen Mädchens nicht sofort in eine
schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem
Wohlwollen und Verständnis für die Jugend geleitet wird. Es ist überaus
bezeichnend, daß, wie die kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete
Umfrage bei einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen
hat, außer den späteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmännern
und Theologen, fast sämtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit für die
schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt in
Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schüler- und
Studentenzeit als auf die schönste seines Lebens zurückblickt. Mögen
unsere höchsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich für die
besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer acht
gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten,
die alljährlich unseren Universitäten zustreben, doch nur eine
verhältnismäßig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich
trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universität die denkbar
beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten
willen aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische
gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen Gedanken, wohl
aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen wäre, durch ein System
vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes
Schrecknis bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, es ist
auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich in den Köpfen der
Auserwählten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme
Volksfeindschaft hineintreibt und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in
ihnen groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel
hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. Sollte nicht
schließlich ein junges Geschlecht von frohen, für die höchsten Berufe der
Gegenwart gut ausgerüsteten Akademikern auch unserer Nation von größerem
Werte sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten
Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch eine teilweise
Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzügen nichts
einbüßen würden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden,
ebenso wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets
eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers und Studenten bleiben,
einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die
Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen Philosophen,
Dichter, schöpferischen Forscher hervorgebracht, weil ihr Schulsystem zu
diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als
Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten
Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der
starken Inanspruchnahme aller geistigen Kräfte durch rein praktische
Aufgaben überhaupt noch gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener
Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft und eine
nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den
verschiedenartigen Völkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine
neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan
sein wird, daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den
vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu
hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich
viel geändert werden müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der
Studierenden werden selbstverständlich gleichen Schritt halten mit denen
der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher
durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein
hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen
Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; für Amerika
ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die
beliebten demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es wird
aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch
bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der
wissenschaftlichen Kritik sich überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt
gebieten läßt, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können
wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es große Künstler und
originale Denker hervorbringe. In den regsamsten Köpfen, in den tiefsten
Gemütern dieses Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach
jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate
europäischer Arbeit nützlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege
und Setzer neuer Ziele werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf,
welchen die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge der
Wanderredner und besonders gemeinnützige Institute, wie die Sommerschule
in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel
wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig
den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europäer
werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch länger unseren
Vorrang des weisen Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen
Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung
liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß man von der Jugend immer
lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber
schwerlich jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann keinen
verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden
besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben
Höchstzielen wahrer Kultur nach.