DIE YANKEERASSE.

(M7)

Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den

Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren

eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse

vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war,

gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen

form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit

offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den

Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts

weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit

Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvölker gibt.

_Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine

Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut

stärker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen

Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den

britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden – drei

Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge –

haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen

und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der

neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden

Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein

Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine

nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche,

Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag

zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges

Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte

Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und

Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte

gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus

Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den

argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein

kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die

sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des

Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen,

boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne

und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. „Der Herr ist mit uns“,

war das Feldgeschrei der Pilgerväter – aber dieser Herr war eben ein

grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden

Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte

sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen

auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht

anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären,

hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die

Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten

und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten sie sich damit,

alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen

geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein

amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer

Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer

Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er

sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu

denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen

niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt

geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten,

allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu

lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig

verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste,

welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte,

und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien,

daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln

begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen

Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer,

nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz

ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige

Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter

of fact_, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die

mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles

und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des

nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die

denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevölkerung war trotz ihrer

Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber

verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos

abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein

Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung

keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die

unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu

verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische

Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung

jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken

Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe,

durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen

Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer

Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden

Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen

Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel

in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit,

daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger

in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen

riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer

Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es

immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch

mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen?

Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das

für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in

Leidenschaften verlottert oder in Trägheit versumpft. Solches

Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch

friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, denn

_Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so

mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat

sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande

waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte

ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in

einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige

Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder

des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen

Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich

geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu

vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa

herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die

Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als

Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde

vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in

seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so

lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut

gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an

allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts

dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen,

als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den

einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht

übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen

Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter

des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen

oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen

englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren

Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja

sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern

werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten

Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der

freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge

entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus

diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das

eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in

Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine

Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die

Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin

heiratet – der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so tut er es

sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne

unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist,

den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt

einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das

Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem

Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren,

und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung

einer kräftigen Rasse durch natürliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte

Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen

Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die

Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen

Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt

worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals

wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer

sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs

äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren,

schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge

dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens

körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese

Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten

Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame

Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie

den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes

und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem

aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens

sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu

mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und

man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche,

muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt.

Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur,

besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft

ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten

Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten

müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze

und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der

Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das

widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit

dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von

Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine

gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng

verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der

neuen landen zu lassen.

(M8)

Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes

Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher

Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder

vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu

erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen,

diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und

verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder

ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten!

Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden,

geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig

blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen

Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs

zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer

Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von

Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch

von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer körperlichen

Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten

Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach

englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und

naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern

beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten

Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten

Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem

deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und

angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht

schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die

guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche

Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint

im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser

Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich

glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist,

den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer

Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich

alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der

unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen

Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die

englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern

jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze

Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft.

Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und

sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an

boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein

Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen

mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die

Achsel zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was

der olle Dutchman sagt.“ („_I would’nt care, what that old Dutchman

says._“) So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in

ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem

Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei

den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie

rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern

unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater

hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die

Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der

aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald

fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er

trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der

entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann

seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so

unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter.

Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so

beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht

völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen

sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem

ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden,

Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.

(M9)

So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich

und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer

mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen

Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten

Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält

sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber

in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen

sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige

Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand

entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer

Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer

Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee

zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft

ganz hervorragend brauchbar sind – und dennoch gibt er ihnen seine Töchter

nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der

romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken

alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in

kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl

mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet,

fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es

ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht.

Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und

Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der

Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf

haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne

ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem

weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse

derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn

man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die

Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger

findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher

Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten

Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht

zugelassen!

Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem

nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert

waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle

neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls

anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate

bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie

sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig

verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht

abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von

den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken,

gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält!

Der Dichter in Dollarica · 第 11 / 44 题