Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei Kreuze vor dem
Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau,
der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen
Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt,
und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in
welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine
Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron
mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie
gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben.
Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung
auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und
sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober
Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal
auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines
galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate
im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und
bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und
gerechtes Buch „Das Land der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein
solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein
fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen
schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau,
der welt-, witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat
eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen
mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der
großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der
und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder
minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die
Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle,
durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige
hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der
germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst
und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene die _Germanistic
Society of America_ gegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen
deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und
etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen
Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und
andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend
vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger,
Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren
deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart
interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der
Gegenwart zu bringen.
(M1)
Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und
Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe
dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre
deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher
Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder mich über das Theater der
deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau
die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß
ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in
die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ,
da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten
Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie
haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach
getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da
behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun
nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über
Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns
schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren
Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen
lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem
Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens
vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst
gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die
Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der
Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher
genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr
beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben
möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem
als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten
Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst
feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der Erotik sind bei den
Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und
künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die
Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von
diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch
Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen
Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser
des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von lieben süßen Mädeln“ und
gar „des Erzketzers“ und habe niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder
zum „Daheim“ geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an
jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose
Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören
lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich
machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und
besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten
Deutsch-Amerikanern.
(M2)
Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf
die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur
zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste
verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe
Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten
dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem
gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner
Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein
bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein
suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll
gespannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen,
mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten
Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so
vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem
kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern
auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem
Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der
Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er
sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg
haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten
Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche
Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität
eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben
hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und
Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung
gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten
erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die
frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen
nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muß die erbauliche
Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und
sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten
Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derben
Clownspäßen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu
bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie
ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: „Nu, mer lacht“,
könnte hier leicht manches Gegenstück finden. Das ist nun etwa nicht als
besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der
Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben
Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die
geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu
genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein
Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der
handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute
und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen
ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß
es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch
interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute
können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum
weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die
deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus
machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu
erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger
Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit
akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte,
Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen
nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe
hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine
höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine
sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und
literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach
Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen
Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche
wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten
Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu
finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften,
kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man
kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein
gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine
kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn
man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen
im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr
Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen
freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt
überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten
deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige
Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den
Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal
der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High
School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor
Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter
Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit
einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über „_The black and tan
Doggie, that burst into a thousand pieces_“ (das schwarzbraune Hündlein,
das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und
meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren
gedachte, war blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen
gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des
deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.
(M3)
Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer
hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche
Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als
Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die
Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den
Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als
illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das
einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des
Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den
Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und
Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die
einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa
Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen,
bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere
Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee
wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu
bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis
hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt
genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht
einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler
noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten
Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden
diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der
Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt.
Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie
bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind
selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch
sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu
sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden
ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und
gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines
Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die
amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen
ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen
Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine
Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife
Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht
selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h.
nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn
der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und
Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig
kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form
der „reception“. Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein
Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem
Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich
interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee
geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so
darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es
ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur
Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der
Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch
immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch
mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß
so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den
meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar
größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte
Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen
Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie
beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs
Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann
Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne
mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend
gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem
nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den
Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche
Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte,
stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und
ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten
eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich
auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur
wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem
Dessert zu öffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach
parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt
erst der echt amerikanische Hauptspaß, indem der _Toastmaster_ noch unter
den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten
Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer
auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit
jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder
gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man
unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht
selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert
ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt
wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge – über
ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese
beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an,
daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche
Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte,
sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder
geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht
zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig,
wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung
bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und
klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und
probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich
ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen
stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf
und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig
nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören.
In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten,
ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß
ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das
elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im
Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und
Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung
zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran,
aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese
stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der
Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es
gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter
Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen
oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den
widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und
seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen
Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden
Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.
(M4)
Die große _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte
Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des
zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der
Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im
Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann
sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines
scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber
vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen
Höflichkeit sich bemüßigt fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table
d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit
kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein
Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem
Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit
gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „_Aoh,
is that so?_“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten
bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend,
und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine
besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine
formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft
nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man
sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen
unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigten _receptions_. Jeder,
der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre
oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung
zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser
hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in
musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine
Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere
Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein
_Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher =
Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall
alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In
langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die
Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wünschen, und der Usher
waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John
Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten
Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat
vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle
stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak
und Schießpulver eröffnet.“
„_How do you do, Mister Uolsogen?_“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh
aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie
mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich
Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn
se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).
Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons
in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert,
entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter,
und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei,
Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser
berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht
hätten.
„_Move on, please!_“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar
sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O.
Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister
Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der
Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein
Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen
hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des
Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar
wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße
mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt
(_so awfully sorry!_), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann,
denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen
von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen,
darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von
Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe
alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.
Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines
dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren
Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.
Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die
Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine
Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen
Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und
geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James
Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt,
daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß
bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch
letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein
1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört
hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir
kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben
ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland
als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der
Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges
Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der
Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der
Ethik durchaus obenauf, _up to date_ wären und überhaupt...
„_Move on, please!_“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte
bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter
schieben.
Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im
Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees,
die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich
den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer
Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt
– lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen
zurückziehen möchte – es hilft nichts: „_Move on, please!_“ kommandiert
die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich
die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und
feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein
und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder
geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß
sie _so_ glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an
der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos
so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe:
lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand
einschlagen und die Affäre mit dem stereotypen „_How d’ye do?_“ möglichst
rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen
versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr
großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches
Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas
hineinzuschreiben.
„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.
„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere
es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable
Literaturgeschichte sei.
(M5)
Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein.
Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas
ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den
unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften
beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese
„reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig
darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt
seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen
Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur
Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen
Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis
Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten
und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben
wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des
jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten
der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige
James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe
stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht
beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen
Amerikaner, sagen zu dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und
schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das
Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von
Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er
_so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach
Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48
Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das
nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei
denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu
beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch
sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe,
Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen
Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen
hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der
kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren
wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für
mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten
Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren
unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von
früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung
war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.
Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den
Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie
gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie
Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herumgezeigten
Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben
ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen
Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit
aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich
verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu
fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes
Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“
(M6)
In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin
interviewt. Selbstverständlich: „_How do you like America_“ usw., und dann
kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da
kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese
Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine
wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich
erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie
vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein
von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner
Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen
Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke,
unanständig gesunde Jugend ist.