Aber in jener Nacht, da . . . da erkannte ich tiefer den Tod in der
ungeheuerlichsten Schwellung des Lebens.
Ich lief ins Schloß, kroch in eine Ecke und fürchtete mich.
Ich wurde verachtet, geschmäht, verlacht. Man tat das Äußerste zur
Erklärung des Unbegreiflichen im zivilen Dasein: man zweifelte an meiner
Zurechnungsfähigkeit. Man hätte mich anspeien können.
Ich hätte gebettelt: Leben . . . leben . . .
So ist es.
Schwester -- aber ich weiß, ich weiß nun mehr, unerträglich mehr wie alle
anderen Menschen. Ich weiß: ungeheure Taten mögen geschehen, endloser Ruhm
errafft werden von Dichtern, Feldherrn, Musikanten und Malern . . . im
letzten Ziel ist Tod. Andere wissen das nicht, ahnen es, haben aber nicht
die Schärfe ewigverkündlichen Wissens und Umsichfühlens.
Wie ist die Welt bunt! Leichte Karussells laufen über die Jahrmärkte.
Flieger erschwimmen die betäubende Höhe der Gestirne, gewiegt vom Nichts.
Kapellen spielen in Theatern und Gärten. Mädchen tragen Schürzen im Hause
und Bänder zum Ball. Und die Pferde . . . auch die Hunde sind schön und von
Andacht . . . Städte erleuchten sich abends mit sanftem Gas.
Wie kann ich dieses Beschwingte fürder noch spüren, den feinen Reiz und die
breite Schönheit, wenn ich den Tod darin sehe jederzeit? Und muß sie doch
lieben grenzenloser als immer und brennender wie jeder, weil ich weiß, daß
das Leben so schwer und so gewaltig hoch das Letzte ist. Aber meine
glühende Liebe wird stets auf den Tod stoßen, und so werde ich hin und her
geschleudert sein, ahasverisch und in einem verzehrenden Tosen, zwischen
ungeheuerer Anbetung und tödlicher Erkenntnis.
Ich werde in unmenschlichen Spannungen leben müssen, denn das Spannungslose
saugt mich auf. Ich werde lächeln und, von Gefahr und höchstem Erleben zu
anderen springend, mich bewegen wie aus dem Arm von unzähligen Frauen in
den von neuen Namenlosen. Es ist eine tolle übersinnliche Liebe zum Leben
dies, Schwester.
Ich werde nicht mehr ruhen können.
Denn Gefahr ist ein kleiner Augenblick und Sterben darin eine strahlende
Sekunde. Schönheit der Welt aber dem Wissenden eine unendliche Qual und
Bedrohung und ewige Leere.
Ich möchte nicht, daß Sie an diese Erkenntnis streiften, Schwester, weil
Sie ein schönes und ruhiges Gesicht haben.
Ich bin von Freude geschwellt für den Augenblick, wo ich hier abziehe. Denn
alles da ist trostlos und müd und ohne Heroischkeit.
Sehn Sie, es ist furchtbar, wenn ich müßig in die Ferne schaue . . .
Schwester, liebe Schwester . . . wie der Horizont sich dann zusammenzieht,
wie Hügel hineinschwanken und gleichsam in einem Rachen verschwinden.
Manchmal blinkt es silbern. Nun hebt sich die Ebene. Taumelnd gurgelt die
Welt in den Strudel. Die Leere . . . die Leere --
Glauben Sie nichts. Ich weiß, daß das eine Vision ist, daß wir fest stehen
und unerschütterlich, wie wir es glauben. Aber ich empfinde alles im
Gleichnis, und oft ist Gleichnis uns die nächste und verwirrend deutlichste
Realität. Ich sehe vieles im Bilde, weil ich in einer übersteigerten
Sekunde über das Leben und gewöhnte Maß hinaus _erkannt_ habe.«
Er schwieg und schloß die Augen.
Er sagte noch: »_Wo ich das Grauen vor dem Tod am zerschmetterndsten
empfunden habe, an dieser Stelle, meine ich, muß die ungeheuerlichste Kraft
des Lebens sitzen --_