DAS BESCHÄMENDE ZIMMER

DEN ABEND war ich bei einem Freunde. Wir waren allein. Wir hatten uns in

politischen Dingen ausgerast. Wir hatten Tee getrunken, der -- ich glaube

-- sehr leicht nach dem Haar von Kamelen roch. Er sprach von einer Jagd in

Turkestan. Darauf sagte ich einiges und beiläufig von Wintertagen bei

Utrecht. Dann redeten wir lange wieder von Paris. Ich hatte gerade die

Schattenspiele der Connards erwähnt und wollte anfangen, von dem

merkwürdigen Effekt zu erzählen, als ich Wolfsberg ohne Bart am Square de

Vaugirard traf . . . da war mein Freund, der ganz ruhig gesessen hatte, wie

unter einem lang zurückgehaltenen Entschluß rapid aufgestanden und hatte

mich durch sein Bad in ein Zimmer geführt, von dessen Existenz ich keine

Ahnung hatte.

Er hob den Arm. Zwei Lichter am Fuß der Wände füllten sich langsam mit

prächtigem Licht und strichen in warmen Flutungen und Bündeln die

honiggelben Seiten hinauf. Dann öffnete er das große Fenster nach der

Straße und schob eine Jalousie vor das Loch. Sein Profil stand rasch, von

Abenteuern zerfetzt, aber gütig, vor dem hellen Tuch . . . dann waren nur

seine Hände da, die grotesk waren in ihrer Röte und noch mehr wie sonst

denen eines Matrosen ähnlich schienen, wo sie allein von Licht überspielt

dastanden. Kraft, die in Weichheit gebändigt war, ging von allen seinen

Bewegungen aus.

Dann öffnete er gegenüber zwischen zwei Schränken das Schiebefenster zum

Garten. Sommerliche Nacht strich herein. Das Tuch lehnte sich tief aus der

Füllung. Schatten überschaukelten den Teppich und an den Wänden zog ein

Klappern hin. Es war ein melancholisches unangenehmes Geräusch. Als ich

aufsah, lächelte der Freund, wies mit halbgedrehter Hand auf die Bilder,

die die hohe und breite Mauer in einem Gurt durchschnürten, daß über und

unter ihnen eine gleiche Fläche glänzender Tapete freiblieb. Sie hingen an

Stricken, Bändern, Seidenkordeln und Tauen. Einige bedeckten sich fast

völlig, manche überschnitten sich mit den Rahmen und bildeten in allen

Stufen und Farben zusammenhängend ein eigentümliches Mosaik.

Wies auf die Bilder und sagte: »Es ist keines darunter, in dem nicht ein

Erlebnis wühlte. Es ist eine Laune oder ein Experiment. Ich muß es

abwarten. Ich habe sie hier aufgehängt ohne Auswahl, ohne Ordnung, je wie

ich hierher zurückkehrte und wie es mir gefiel. Es liegen Jahre in manchem

eingeschlossen und strömen sich aus.

Oft ist mein ganzes Zimmer hier voll von dem Frühling in Paris. Dieses Bild

ist die Schaukelnde des Fragonard. Sie hat das eine Bein zurückgezogen, das

andere zieht in dem trotzigen Aufschwung noch die Volute der

losgeschnippten Pantoufle nach, und um diese graziöse Entblößung fällt das

Schwebende der weiten Robe und der Duft der Farbe, der gleich einer Wolke

darübersteht.

Ich kaufte es eines Abends an einem Tag, da wir morgens nach St. Germain

gefahren waren. Es war der erste jener bezwingenden Tage, die aufquellen

aus einer gleichgültigen Nacht und voll sind von der Zärtlichkeit des Blaus

und der warmen Stille einer Verheißung. Wir standen auf den Dächern der

Waggons, die starrten von Ruß. In den Gärten brachen die Mandelbäume auf.

Wir liefen wie ganz junge Hunde die Quere durch den Park. Es gibt in dieser

Zeit nur eine Seligkeit: fühlen, wie das Spiel der Muskeln um eine Freude

herum erwacht. Wir lachten und liefen, sprangen über Hürden, öffneten eine

Holztür mit Lilien . . . und dann wußten wir erst, daß wir Eindringlinge

seien: als wir gerade hineintraten in das Rondell.

Aus einem Bogengang ließ sich eine Schaukel nieder. Eine Dame saß darin.

Sie trug ein dünnes hellrosa Kleid. Wir sahen sie vom Rücken. Ihre Arme

umfingen die beiden Schnüre und zogen sie in einer lässigen Knickung

zusammen, wobei sie sich etwas nach rechts lehnte. Ihre nach vorn

vereinigten Hände mußten etwas halten, über das sie den Kopf senkte. Es war

so still, daß man die Schaukel quietschen hörte, wenn die Dame am vorderen

Auslauf sich mit dem einen Bein an einem in rotpunktierten Blüten stehenden

Aprikosenbaum abstieß, während sie das andere hastig zurückzog. Dabei

senkten sich jedesmal eine Handbreit Spitzen unter dem Brett

augenblickslang über ein sehr zierliches Bein.

Dann hörte sie uns. Sie glitt von dem Holz. Ihr schmaler weißer Kopf senkte

sich schräg. Sie raffte mit einer schützenden Bewegung die dünne und kurze

Matinee. Damit gab sie sich noch mehr preis. Wieder erschien ihre Wade in

dem glänzenden Strumpf und der noch hellere Schuh. Allein das merkwürdige

war . . . sie ward nicht rot, nicht verlegen, sagte nur mit einer Stimme,

die kindlich war, anklagend, alles war und umschloß in Inhalt, Tiefe und

Modulation dieses >Good morning< -- nur dieses --, schritt langsam, ohne

wieder herzusehen, in einen Seitenweg.

Wir zogen uns zurück.

Ein Erlebnis wie ein Pastell . . . sagte einer.

Kindlich, dachte ich, niedlich, ästhetisch! Verstehen Sie! Es war kein Herr

dazugekommen, niemand hatte gerufen, etwas gesagt, nur ein Geräusch: good

morning.

Aber am Abend im aufheulenden Lärm des Boulevards kaufte ich dies Bild.

Manchmal hörte ich den Klang der Stimme nachts im ganz Stillen, oft am

Meer, im Orkan der Versammlungen, im Räderstampfen und in der Explosion der

Dampfer. Jetzt im Augenblick rieche ich, physisch -- Sie lächeln -- ich

rieche jeden Geruch jenes Morgens, das Feuchte vom Boden, das Arom der Luft

zwischen den Knospen, den Aprikosenbaum und das Warme darüber. Sie sehen,

mit welch wahnsinniger Intensität sich ein Erlebnis einfressen kann, das

wir zuerst flach empfinden und leicht ablösbar wie die Spur des Atmens an

einem Spiegel . . . und das bleibt, stärker und nachwirkender wie das

Ungeheuere im ersten Erblicken eines anderen Erdteils, wie verstörter

Ehrgeiz und Tod der Schwester. -- -- --

Ich habe stets das gedacht, was mich retten konnte. Darum liebe ich jenes

Bild. Es ist wenig daran. Eine alte Radierung, zwei alte Menschen, ganz

dunkel, um die Köpfe nur ein wenig Licht. Ich dachte mir einiges Angenehme

dazu. Es half mir. Ich lag damals immer zu Bett, krank und mutlos. Ein

kleines Mädchen schenkte es mir, das abends in den Vorstädten geigte. Ich

besinne mich vergeblich auf ihre Haltung. Ich weiß keinen Zug mehr von

ihrem Gesicht. Aber ich weiß, wie sie das Bild auf meine Decke legte und

ihren grauen baumwollenen Handschuh daneben, der irgendwo dunkler geflickt

war. -- -- --

Der Goya da kam eines Morgens als Paket in graues Sackpapier eingeschlagen.

Mag sein, daß ich mißmutig war. Riß es auf, und der Riß fuhr in ihn hinein,

klaffend bis mitten in die Kampfszene. Genau zwischen Stier, der den Nacken

zum Stoß einzieht, und Pferdebauch und gerade über den schnelleren Heft der

Lanze.

Er kam von einem Brasilianer, mit dem ich eine Nacht fuhr von Kowno nach

der Grenze. Es war Schneesturm. Er sagte mir mit Leidenschaft vieles von

seiner Heimat: dem fürstlichen Meer des Amazonenstroms, den glühenden

Nächten, die sie erträglicher machten durch das Genießen unzähliger Kannen

sehr heißen Kaffees, und dem Gekreisch der Papageienherden.

Der Sturm brach sich an der Böschung, drückte mit blödsinnigen Stößen auf

den langen Leib des Zuges. Wir wurden warm und zogen zusammen das Fenster

herunter. Sofort zerbrach es. Die Scheibe spritzte uns ins Gesicht. Wir

bluteten mit vielen kleinen Wunden. Der Wind knallte das andere Fenster

hinaus, die Rahmen krachten. Schnee stopfte uns den Mund voll, wenn wir

sprechen, rufen wollten, wir würgten, konnten nicht atmen. Pse! lachte der

Brasilianer. Mehr hörte ich nicht.

Hagel klatschte uns gegen das Gesicht, das anschwoll, schmolz daran, und

fror im gleichen Augenblick in einer Maske von Eis wieder vor. Wir sahen

aus, als hätten wir Gesichter aus Glas oder von roter Gelatine. Denn wir

bluteten sehr und lachten.

Es ist auf dem Bild des Stierkampfs nur die unterste Reihe der Zuschauer zu

erkennen. Doch es scheint: eine Welle von Wut und Ekstase sei das

Amphitheater in einer Kaskade hinuntergestürzt und habe sich in diesem

Parkett bäumend gestaut.

Es ist eine schwere Lache Blut auf dem Bild.

Der Stich liegt auf einem alten gelben Papier, das vor Leidenschaft

knistert, wenn die Sonne durch das kleine Fenster in einer Säule darauf

steht.

Ich denke gern an diese Nacht.

Aber ich liebe noch mehr jenen Sommer, in dem alle Tage waren wie jene

Nacht.« (Er hob mit steifem Arm eine breite, weißgerahmte Radierung heraus,

daß die Schnur sich straff ins Zimmer spannte, und blieb, sie auf der

hohlen Hand wiegend -- die andere in der Tasche -- stehen.) -- »Man kann

nicht anders empfinden: Alles ist hier bezwungen von dem bleichen Weg. Sei

es, daß er zwischen dunklen Hügeln in einer geheimnisvollen Biegung läuft,

. . . ob dämmrige, schwere Fischerhäuser nebenan der Düne liegen mit

verglasten Luken und dann der Spuk der Telegraphenstangen ihn begleitet bis

zu dem Kreuz auf dem Hügel . . . mag sein, daß das alles die geballte

Atmosphäre gibt von Trauer, Unheil und ganz schwachem süßem Licht am

Horizont . . . ganz groß und so, daß er all dies missen könnte, ist nur der

lange weiße Gang des Wegs, der sich langsam mit unheimlichem Wollen,

steigend, verblassend, in den grauen Himmel über den Dünen wie in

ungeheure, frevelhafte Übersinnlichkeiten hinausschraubt.

Es ist ein Sujet aus Bornholm von dem jungen Radierer Georgi. Ich traf ihn

auf einem Petroleumsegler von Kopenhagen nach den Faeroers. Wir waren die

einzigen Passagiere. Und die einzigen Fremden (wenn wir einen kleinen

Botaniker, der nach drei Tagen von einem unmöglichen Hügel abstürzte, nicht

rechnen) auf den Faeroers von Anfang Juli bis in den Oktober hinein, der

schon Eis brachte von Island her.

Wir lebten jeder in einem anderen Fischerdorf. Er zeichnete. Ich schrieb,

nein ich fischte, schoß mit einem siebenendigen Kugellazo nach Vögeln und

liebte die breiten Mädchen. Meistens war Sturm. Er kam und man fühlte ihn

rund oder blau und so stets wie als könne man ihn packen irgendwo. Oft

schien es, er flösse aus einer immer breiteren metallenen Hülse, dann stieg

er auf der See hoch gleich einem Segel und überschwemmte in einer

plastischen Strömung den Strand.

Häufig lagen wir einen ganzen Tag auf einer Klippe, die in rechtem Winkel

hinabsauste zum Meer. Wir hatten die Köpfe in den Arm gewühlt. So raste der

Wind. Ganz hell, fast weiß war der Himmel. Wir konnten nicht aufstehn. Er

hätte uns hinuntergeweht. Ganz sacht vielleicht, spielend wie ein Stück

Tuch, locker es aufhebend, kreisend, rasch senkend und dann aufs Wasser

legend. Wer weiß! Zeitweis hielt ich mit aller Kraft (er machte eine Parade

als zerknackte er etwas im Armgelenk) einen Block vor den andern, auf den

er Striche setzte. Wie hinter einer Barrikade verschanzt und in atemloser

Eile. So raste der Wind.

Ich lag ein anderesmal allein einen Tag in brennender Sonne und dann noch

eine Nacht auf einem Felsen und wagte _einen_ Tritt nicht zurück, bis

morgens unten die Mädchen der Fischer vorüberfuhren. Eine trug einen roten

Rock. Sie winkte. Sie rief: Du bist früh hinaufgestiegen . . . Sie war aus

Store Dimon. Da tat ich es.

Wir trugen keine Schuhe in dieser Zeit. Bündel Bast lagen um unsere Füße.

Unsere Insel hatte einen kleinen Strand. Schwarze Felsen lagen um sie herum

in Aufstiegen von hundert Metern. Unten formten sie kleine in sich selbst

strudelnde Fjords von hinreißender Elastizität der Linie. Ganz schwarz

waren sie und am Abend wie Basalt dunkelblau. Manchmal lösten sich hellere

aus den anderen und wurden Mövenschwärme, die den Himmel zuzogen und das

Meer überschrien.

Aller acht Tage kam der Dampfer von Edinburgh, der Konserven brachte und

Tabak. Er legte nur bei gutem Wetter an. Während der großen Sturmzeit kam

er vier Wochen nicht. Mit dem Glas sahen wir ein paar Amerikaner an der

Reling stehen, die nach Island fuhren. In dieser Zeit versäumte ich die

wichtigste Post in meinem Leben. Was lag mir an Post?

Teufel lag mir daran. Merde lag mir daran . . .

Freund! in diesen Tagen fingen wir eine Art Delphin. Größer als ein Mann.

Aufgesperrt den Rachen mit Lamellen aus samtnem Weiß. Die Augen ganz

dunkles Violett mit einem rötlichen dünnen Schein drüber von der Sonne, die

ihm gerade hineinschien. Einer der Fischer mit einer farbigen Mütze, die

lang, spitz über den Rücken fiel, stieß ihm eine Harpune in den Rachen,

stieß immer noch nach, als die Augen schon hinstarben, keine Sonne mehr

brachen und der Leib aufbrandete in drei zuckenden Sprüngen. Der

scharfgefloßte Schwanz wühlte ein Loch in den Sand, schlug, rasend wie der

Kolben eines Preßlufthammers, wütenden Takt und machte Wind an dem stillen

Tag. Seltsames Ding, dieser Schwanz: Porös, wie gewebt aus Gallerte,

weichem Stahl und etwas, das war, als ob es köstlich sein müsse auf der

Zunge oder schön in einem merkwürdigen Gefäß und vor allem von einer so

maßlosen feuchten Fremdheit. Ich glaube, daß ich nie etwas Neueres erlebte,

etwas Seltsameres sah als die Flosse des Fisches, die mit einer nie

empfundenen Ekstase auf meine Seele stieß.

Was war mir der wichtigste Brief meines Lebens?

Zut . . . ein Dreck war er mir.

Zwischen Georgis und meinem Dorf lag eine schwierige Klippe. Morgens

schossen wir, ließen die Echos hinüber- und herüberrollen, grüßten uns so.

Abends trafen wir uns darauf. Dann sahen wir ins Innere der Insel, das wie

eine Arena war, in deren Mitte das große, weiße Viereck lag, das Gebäude

für die einzige Krankheit, die diese Menschen hinfrißt, Männer Frauen,

Frauen Männer, durcheinander, wie es kam, aus ihren Hütten heraus in dies

Gebäude, das in das Dunkel noch lange hinausblitzt wie der Bauch eines

Hais. -- -- --

Um zu diesem tief vorwachsenden holländischen Rahmen zu kommen, von dem ich

wollte, daß er aus dem siebzehnten Jahrhundert sei . . . vielleicht ein

wenig früher, aber keine Minute mehr, mußte ich achtundzwanzig

Seineantiquariate durchsuchen vier Tage lang, dann fand ich ihn . . . und

sollte dazwischen das Überfahrenwerden eines blonden Kindes erleben, das

mir jeden Morgen um zehn Uhr auf der ersten Straße des Jardin des Plantes

ein Lächeln ins Gesicht warf. Es hatte ein Kleid aus schwarzer Seide und

eine gelbe, schöne Krause an.

Von dem Bild in diesem Rahmen, das Segelboote zeigt, will ich nicht

erzählen. -- -- --

An dem kältesten Tag, den ich in Deutschland erlebte, stand ich vor dem

Bildzyklus in der Ecke dort, Hallo . . . ich stand nicht. Ging!

So kalt war es. Ging auf den Holzfliesen. Aber die Kälte brannte mir in die

Füße. Ich ging rascher und dann sehr rasch. Drei Schritte auf das Bild zu,

drei kleinere es entlang nach rechts, sechs die ganze Fläche hinunter nach

links, zurück zur Mitte und drei wieder, langsamer, rückwärts . . . und so

fortfahrend eilender im Schauen, unheimlich und lautlos gleich der Parade

des schwarzen Panthers vor seinem Gitter im ersten Käfig in Frankfurt.

Es ist der Isenheimer Altar des Grünewald. Sehen Sie die übersinnliche

Kraft des Lichtstrahls aus der oberen Ecke und den Leib dieses Leprösen,

der schon grün ist und überfault und so vegetativ, daß er sich nach Erde

sehnt und halb schon Erde ist, aber hier aufgefangen steht als qualvoller

Schrei des Fleisches zwischen Sehnsucht und Hiersein und Bestimmung zum

Ende. Ganz Kolmar klirrte an diesem Tag vor Kälte.

Ich liebe das Bild, weil es mich plötzlich mit einer überflutenden

Intuition mehr als durch tausend Bücher wie durch eine klaffende Wunde

hineinschauen ließ in das aufzischende Herz des Mittelalters. -- -- --«

(Nun hob er den Arm, als wollte er eine Lanze werfen und beschoß mit den

zitternden Kreisen der elektrischen Taschenlampe ein ganz kleines Bild)

»Erinnerungen eines Monats in einem schottischen Landhaus. Abends Silber,

Kerzen, Toaste. Sonst Gehen auf geraden Wegen im Park, Rasen, zwei

Schwestern, Lilith und Jane, Rudern mit den Brüdern, die auf Ferien aus

Oxford waren, und zwischen all diesem Frischen endlose Ruhe. Holte mir

Arbeitslust für ein paar Jahre. Stahl, als ich wegging, von der Diele

diesen winzigen Stich. Es ist eine Szene mit Affen. Einer trägt das Kostüm

Voltaires. Steht darunter: the travelling monkey. -- -- --

Weheste und zarteste Erlebnisse, die wahllos ineinanderstürzen, aber binden

sich an diese Silhouette. Germaine schnitt sie mir, ultramarin auf orange,

in unserem kleinen Haus an den Tuilerien, als der Sommer dunkel und mit

Gerüchen durch unsere Gardinen wehte. Niemals in der grenzenlosen Flucht

der Zeit habe ich den Leib einer Frau mit dieser Hingebung geliebt wie den

Germaines. Ich ließ sie alle Tänze lernen, die ihren Gliedern neue Linien,

tiefere Inbrunst und glänzendere Seligkeit geben konnten. Am schönsten war

sie, wenn sie auf einem Fell abends neben meinen Füßen lag.

Sie trug ein langes weißes Hemd, träumte und färbte die Nägel ihrer Zehen.

Draußen der dunkle Garten bewegte sich manchmal. In Pausen ging jemand

vorüber, roter Himmel wuchs über die Rideaux, und wir wußten, wie nah und

brennend Paris über der Seine sei.

Germaine saß oft tagelang auf ihrem sechsbeinigen Schemel und schnitt

Silhouetten. Dann nahm ich sie mit ans Meer in ein kleines Nest der

Bretagne. Tagelang wieder lagen wir da im Sand, ihr Leib an meinem Leib,

und wenn sie anfing zu zittern, dann ward es Abend, und die Nacht schliefen

wir in einem Bett, das Boot war, und Germaines Glieder lagen auf den

schweren roten Decken wie Achat.

Paul Fort sagte von ihr, sie sei rührender als ein Papillon und

schmerzender als ein Gedicht von Francis Jammes.

Germaine liebte mich, ehe sie mich verließ, aber sie hatte keine Seele.

Allein sie besaß -- unsagbarstes Wunder -- besaß Knie von ungeheurer Süße,

kleiner, zärtlicher als die Brust eines schlanken norddeutschen Mädchens

von dreizehn Jahren. -- -- --

Den Carrière in dem ovalen Rahmen nahm ich aus dem Zimmer des Malers

Binetti, als er nach dreitägigem Kranksein an Cholera starb. Stunde auf

Stunde, den ganzen letzten Tag rief er einen seltsamen Namen. Er diktierte

mir einen Brief, dessen Adresse ich nicht verstand. Binetti schrie. Ich

habe ihm Wasser gereicht. Habe ihn in Eis gepackt. Ich habe ihn gebadet mit

einer alten Frau. Binetti schrie den Namen. Ich habe ihn nicht verstanden.

Am Abend gestikulierte er und formte immer eine merkwürdige Gebärde in die

Luft. Sein Blick wollte mich zwingen, zu begreifen. Immer wieder machte er

die Bewegung, und eine maßlose wütende Angst löste sich von seinen Augen

ab. Er stieß mit der Zunge noch lange wie mit einem Dolch in die Luft,

rascher, qualvoller, spitzer. Aber ich verstand es nicht.

Der Brief ist das Furchtbarste an Weh. Ich habe die Adresse nie gefunden.

Es war in Marseille. Der Mond bewarf das Meer von flachen Dächern mit einem

Licht, daß sie, eine aufflammende Kette von Spiegeln, Feuer in den Himmel

brannten.

Vom Hafen her heulte das wahnsinnige Schmerzgeschrei eines Arabers die

Straße herauf.

Ich und Binetti, wir hatten nach Tunis fahren wollen.

Ich trug diesen Brief in der Tasche, und manchmal machte ich die vage Geste

in die Luft und wunderte mich und erschrak und wollte mich zwingen, es zu

lassen. Aber sie hatte Macht über mich bekommen und meinen Nachahmungstrieb

vergewaltigt, und so lief ich, ein Automat der fürchterlichen Gebärde des

Sterbenden, den Quai entlang. Und ich fühlte, wie ich anfing einen Namen zu

rufen, der sich langsam rundete wie aus einem zu A hin erhellten O mit

fremden Palatallauten dahinter. Bis ich mich plötzlich wiederfand und den

Kopf in die Fäuste geklammert aus dem Hafen rannte. Zwei Sergeanten traten

mir in den Weg. Ich kam in eine Allee, wo ein Weinen mich nahm und über

eine Bank warf.

Das rasende Leben: Zwei Novellen · 第 8 / 21 题