Heßling erschrak, er sagte: »So weit halten wir noch nicht.«

Dann gab er zu:

»Auf Villa Höhe haben wir die ganze Luft für uns, aber die Kaserne ist

zwei Stunden weit.«

Er nahm seinen Ältesten beim Arm.

»Deine Mutter denkt immer, alles muß glatt gehen, weil wir es sind.

Mache einmal du ihr begreiflich, daß man einen Frühlingsmonat ganz schön

auf Reisen verleben kann.«

»In Monte --?« fragte Horst, erwartungsvoll.

Am Abend dann holten die Söhne den Vater ab, um »die Runde« zu machen.

Hierbei sagten sie: »Melde mich gehorsamst zur Stelle,« und machten die

Runde in strammer Haltung. Einmal fiel aus dem Dunkeln ein Schuß. Der

Generaldirektor prallte zurück, schwankend, als sei er getroffen. »Er

ist es,« ächzte er. »Ich sehe ihn.« Horst und Kraft erhoben ihre

Revolver; es war aber Hans Buck, er hatte mit dem Mund geknallt.

Der Generaldirektor in seiner Angst verfiel sogar auf die »sittlichen

Faktoren« seines Schwagers. Man konnte sie versuchen, vor dem Äußersten;

-- und so knüpfte er mit Zillich an, wegen des Pfarrers von Beutendorf.

Der Konsistorialrat indessen wandte ein, er sei zerfallen mit jenem

Freigeist, der sich behaupte nur dank den weltlichen Behörden, ihrer

Gleichgültigkeit in Sachen der Religion. Dabei drückte er dem

Industriellen den Zeigefinger auf die Brust. Auch hier war etwas

versäumt, sah Heßling.

Der Pfarrer Leiditz von Beutendorf, nicht nur im Streit mit der Synode,

auch verschuldet wie er war in jedem Hof seiner Gemeinde -- diesmal

schien der vielgejagte Mann selbst etwas erschnappt zu haben; er sprach

am Sonntag zu den Arbeitern von dem brennenden Gegenstand, -- worauf er

noch heller brannte. Denn Leiditz hatte aus der Schrift

zusammengetragen, was sie an subversiven Tendenzen, Gott sei es geklagt,

enthält. Ihm zufolge, Heßling persönlich überzeugte sich den Sonntag

darauf, hätten ohne weiteres die Sturmglocken läuten sollen.

Vor Schluß der Predigt verschwand der Generaldirektor. Nachher stand

sein Auto leer auf der Straße; wo war er? . . . Und das nächste Mal --

nicht nur Frauen und Greise machten jetzt den Weg zur Kirche, alle

Männer von Gausenfeld! -- was hieß dies? Er machte kehrt, der Pfarrer,

er fand nicht mehr die Stellen der Schrift, in denen sonst sein Finger

lag, er fand andere. Die gingen wie von selbst auf, vielbenutzt, mit

Unmut angehört. »Das kennt man,« murrten die Männer und verliefen sich,

noch während des Amtes. Der Pfarrer, mit verfallenen Zügen, verkroch

sich hinter sein Buch . . . Vier Wochen aber, und was er schuldete, war

alles bezahlt.

Jetzt kam Napoleon Fischer daran. »Von dem Manne ihrer Wahl,« dachte

Heßling, »nehmen sie hoffentlich noch Vernunft an. Der alte ehrliche

Umstürzler kennt mich.«

Das Mitglied des Reichstages reiste auch herbei, der Generaldirektor

empfing es gleich an der Bahn, bevor irgend jemand es zu sehen bekam,

und führte es in ein leeres Wartezimmer. Hier fragte es:

»Was drehn Sie wieder für ein Ding gegen uns, Herr Doktor?«

»Ich brauche Sie, Fischer. Wir haben schon mehr Dreck zusammen

verscharrt.«

»Früher einmal, Herr Geheimrat, habe ich daran Sie erinnert, und Sie

nahmen es übel, denn damals war ich Ihr Maschinenmeister. Immer standen

Sie vor der Pleite, und machten Schiebungen mit Ihrem Proleten. Schöne

Jugendzeit!« -- Und die gealterten Geschäftsfreunde musterten sich.

Napoleon Fischer unter seiner weißen Empörermähne, aus seinem vom

Fluchen und Geschrei zerarbeiteten Kopf, den sogar die gegnerische

Presse einen alten Feuerkopf nannte, lugte giftig. Diederich Heßling,

breitflächig und hart, dünn behaart und über seine Augensäcke

hinstarrend, schnaufte.

Dann hielt der Abgeordnete in dem Saal hinter der Kantine eine

Versammlung ab. Ein Beamter suchte im Namen der Leitung es zu

verhindern, aber gegen die Tatkraft des bewährten Führers drang er nicht

durch. Napoleon Fischers brauner Jackettanzug, fast neu, ward von den

Genossen mißtrauisch gemustert. Aber die Hosen hatte er nicht bügeln

lassen und den Rock falsch zugeknöpft, so ging es ihm hin.

Er redete unter Mitbenutzung seiner langen Arme, seines gefletschten

Affengebisses und der weißen Empörermähne. Als er schon längst nur noch

heiser keifte, fand er dazwischen plötzlich einen zärtlichen Ton, um

seinen »armen Hals« zu bemitleiden. Dann wieder: die Wehrsteuer, eine

nicht zu rechtfertigende Herausforderung des Proletariates, aber die

Folgen wird das Kapital selbst spüren, -- Faustschlag. Russische

Methoden verbitten wir uns. Pogrome, Kulturschande, -- und wenn es sein

mußte, nahm auch er noch die Flinte auf seinen alten Buckel.

Nun aber, worauf es ankam, die persönliche Berührung und Aussprache in

der Kantine, einfach von Bank zu Bank, mitten drunter das Mitglied des

Reichstages, schweißtriefend und menschlich schlicht.

»Also los, Kinder, was hat er wieder ausgefressen, mein alter Ausbeuter,

droben auf seinem Fürstenschloß.«

»Wenn es seines ist!« murrte der alte Gellert, ward, aber durch

heimliche Stöße zur Ruhe verwiesen.

»Ich hab' es nie nicht gesehen,« schwur Napoleon Fischer. »Mir kümmern

die Freudenhäuser der Ausbeuter nicht, ich kenne sie höchstens aus die

>Woche<,« beteuerte er, obwohl er in den Zeitungen, auch in der >Woche<,

schon seit langem so richtig deutsch schrieb, wie jeder andere. »Er

möchte, daß ich hingehe,« Faustschlag, »aber nach Canossa gehen wir

nicht. Er wird den Weg zu mir schon finden, heute braucht er mich, er --

mich, das laßt euch gesagt sein, Genossen!«

Da ihm der Erfolg nicht durchschlagend schien, verschwur er sich noch,

auf dem Wege nach Villa Höhe solle ihn der Schlag treffen. Die Arbeiter

hörten ihm zu; nun ja, nach Villa Höhe ging er wohl nicht. Darum aber

war es noch nicht gesagt, daß er sich mit Heßling nicht anderswo traf,

zum Beispiel bei dem Regierungspräsidenten.

»Also los, Kinder!« wiederholte Fischer. »Er will verhandeln, dann hab'

ich ihn allemal schon in der Hand, das wißt ihr aus Erfahrung. Ohne

mich, sagt selbst, Genossen, was hättet ihr erreicht!«

Sie schwiegen, sie ließen ihn weiter im Dunkeln tappen. Herbesdörfer

sagte schwer:

»Was haben wir denn erreicht?«

Der Abgeordnete, unversehens, sprang aus der Bank und arbeitete sich zur

Tür hin, einem Alten entgegen, der hereinschlich mit seinem Blechgefäß,

ob ein Bissen für ihn abfalle.

»Vater Dinkl! Alter Klassenkampfgenosse!« rief er und stieß den Bettler

vor seinen hohlen Magen. »Wie? Wenn wir jetzt die Alters- und

Invalidenversicherung nicht hätten! Wir! Wir haben sie zusammen

gemacht,« -- und er nahm Dinkl unter seinen Arm und zeigte sich mit ihm.

»Da seht uns alten Freunde! Ich und er, Hose wie Jacke. Ich war auch

bloß Maschinenmeister bei Heßling, so gut wie mich könnt ihr den Vater

Dinkl wählen. Was weiß so ein hergelaufener Akademiker, der am Tisch der

Kapitalisten praßt, von euren Sorgen und Schmerzen. Ich aber, Genossen,

wenn der Heßling, grün vor Wut, zu mir kommen muß und verhandeln, das

ist der Triumph des Proletariates!«

Dies verfehlte denn doch nicht seine Wirkung, sie riefen: »Bravo!« und

»Sehr richtig!«

Daraufhin überließ der Abgeordnete den alten Dinkl sich selbst und

begann noch einmal: »Also los! . . . Macht er Schwierigkeiten mit der

Bibliotheksstiftung? . . . Hat er die versprochenen Waschgelegenheiten

nicht eingeführt? . . . Nun also, dann ist alles in Ordnung. Und in die

städtische Arbeitsvermittlung bring' ich noch einen Genossen hinein.«

Wieder erfolgte nichts. Nur Dinkl Sohn sagte:

»Wissen Sie keine Vermittlung, daß ich nicht mehr arbeiten muß?«

Hier fand Napoleon Fischer seine Würde verletzt. »Das sind Witze,« sagte

er und erhob sich streng. »Ich beantrage, daß die Versammlung die

Äußerung des Genossen Dinkl mißbilligt.«

Niemand mißbilligte sie; jemand rief sogar: »Ihre Weisheit kennen wir!«

-- genau wie beim Pfarrer Leiditz.

Da sah der Abgeordnete sich um und sah, die schweigenden Gesichter waren

düster und höhnisch. Er begann, hastiger als früher, umherzufragen: »Was

wollt ihr? Streiken?« -- fragte einzeln umher, aber nur bei denen, die

am Wege zur Tür saßen . . . Karl Balrich sagte laut:

»Streiken? Wir werden uns hüten.«

Sie stimmten bei, sie verstanden ihn. In einem Betrieb, der von Rechts

wegen uns gehört, streikt man nicht. Der Abgeordnete faßte es anders

auf.

»Das ist ein verständiges Wort, Genossen. Streiken kostet die Partei

bloß Geld; und das Geld der Partei, was ist das für ein Geld? Euer

eigenes Geld, Genossen.«

Unversehens stand er unter der Tür. Wieder ganz auf der Höhe, rief er:

»Hier herrscht ein gesunder Geist, da weiß man, wofür man arbeitet. Und

so will ich euch zum Abschied, Genossen, denn verraten, was bei dem

Kuhhandel mit der Wehrvorlage für euch herauskommt. Zwei Prozent

Lohnerhöhung! Genossen! Dafür stehe ich ein mit meiner vollen

Überzeugung! Wir bewilligen die Wehrvorlage, aber ihr kriegt zwei

Prozent. Hoch die internationale revolutionäre Sozialdemokratie!«

Er wartete nicht ab, daß sie einstimmten, schon war er draußen. Zu

seiner Verwunderung hörte er nichts, und niemand holte ihn zurück. Eine

Weile horchte er im Dunkeln, dann ging er hintenherum über die Felder;

-- am Zaun zwischen dem Arbeiter- und dem Herrschaftswald sagte er zu

Diederich Heßling, der drüben schon wartete:

»Es ist nichts. Streiken wollen sie nicht, sie wollen zwei Prozent, --

und das sage ich Ihnen, davon bringen Sie, Herr Doktor, mich nicht ab,

denn da spricht einzig mein Gewissen. Ich bin klassenbewußt geblieben,

trotz meiner paar Kröten, mich fängt der Kapitalismus nicht ein, für die

paar Kröten verrate ich meine Genossen noch lange nicht!«

»Schreien Sie nicht so!« verlangte Heßling. »Sie kennen doch Ihre Leute;

meinen Sie, hier im Dunkeln lauert keiner?«

Er klomm mühsam über den Zaun, Genosse Fischer half ihm; und gemeinsam

tasteten sich der Generaldirektor und das Mitglied des Reichstages durch

den nächtlichen Arbeiterwald.

»Ihre zwei Prozent,« sagte der Kapitalist, »sind zum Lachen. Ich will

wissen, was der Balrich vorhat.«

»Das ist der vernünftigste von allen. Er spricht gegen den Streik.«

»Dann ist es noch schlimmer als ich dachte,« murmelte Heßling. Napoleon

Fischer verstand nicht.

»Was soll dahinter sein? Hat er Macht? Ich bin Machtpolitiker. Entweder

hat er Macht oder er hat keine Macht, der Rest ist Mumpitz.«

Napoleon schrie schon wieder. »Und außerdem regnet es,« bemerkte

Heßling. »Kommen Sie mit, und halten Sie den Mund, bis ich Sie wieder

loslasse.«

Er ließ ihn erst los, als sie sich in einem Waggon befanden, draußen auf

freiem Feld. Zwischen Lumpen hockten sie beisammen, die politischen

Gegner, raunend, wie sonst hier die obdachlosen Liebenden. Und wie einst

Balrich mit Thilde, wurden sie aufgeschreckt durch Schläge gegen die

Wagenwand und krochen hervor, beleuchtet von dem Aufseher, -- der

Reißaus nahm. Aber auch sie schlugen sich schleunigst in das feuchte

Dunkel.

Wie nach seiner Nachtarbeit der Arbeiter Balrich hervorkam, trat ihm der

Genosse Fischer entgegen und begann ihn zu loben für seine Vernunft und

seinen Fleiß. Wenn er selbst sich dereinst von den Gesch --, das heißt

vom politischen Leben zurückziehe, wer weiß, ob nicht die Partei ihr

Augenmerk auf einen Genossen richten werde, der es gleich ihm, Fischer,

vom einfachen Arbeiter durch eigene Kraft zum höher Gebildeten gebracht

habe.

»Das ist gewiß das Ziel, das Sie heimlich vorhaben,« vermutete der

Abgeordnete gespannt. Balrich sagte:

»Das möchten Sie wohl wissen.«

»Ich muß gar nichts wissen,« belehrte ihn der Ältere. »Der einzelne weiß

nichts und kann nichts. Wenn ich auch auf meinen Schultern noch immer

meinen alten Feuerkopf trage. Aber das Große wie das Kleine vollzieht

sich doch immer nach den unumstößlichen wissenschaftlichen Gesetzen, auf

denen unsere Partei ruht.«

»Ruht,« wiederholte Balrich.

»Alles vollzieht sich historisch,« beteuerte nochmals der erfahrene

Genosse. »Tun muß man nichts. Der Kapitalismus wirkt sich auch nur aus.«

»An uns,« sagte Balrich.

»Und hat er sich ausgewirkt, sind wir die Erben.«

Balrich mit Bedeutung:

»Unser Erbrecht müssen wir geltend machen.«

»Wie wollen Sie das machen?«

Balrich sah ihn sich an, seinen Giftblick, sein ratloses Lauern. »Das

möchten Sie wissen,« sagte er wieder; worauf Fischer:

»Sie sind doch wohl von meiner Treue überzeugt, Genosse?«

Und Balrich, kalt, wütend:

»Nein, Genosse.«

Dem Mitglied des Reichstages ward es bange. »Nur keine Gewalttat« riet

es dringend. »Streiks und andere Gewaltmittel treffen zuerst uns,« --

und er dachte an seine paar Gausenfelder Aktien.

Der Arbeiter erriet beiläufig. Er sprach nicht mehr zu dem Armseligen

neben ihm, zu sich selbst sprach er:

»Wir müssen wollen und müssen glauben, an uns und an alle. Wir haben

doch Seelen, wir wissen doch von dem Guten, Menschen sind wir doch.

Damit allein sind wir schon stärker als das Geld.«

Der alte Politiker schielte ihn an, höhnisch aus gelben Augenwinkeln.

Dann seufzte er, denn dunkle Erinnerungen kamen ihm, an den jugendlichen

Luxus der Gefühle. In seiner Jugend, ihm war es, nicht er nur, alle

hätten damals so gefühlt und hätten geglaubt -- Unsinn wohl, aber man

glaubte . . . Ein ganzes Stück ging er beschämt, in ungewissen Gedanken

an die gealterte Partei und an ein nicht genütztes Leben.

Dann klopfte er dem jungen Menschen auf die Schulter und prophezeite ihm

trotz allem eine schöne Karriere. Zu seinem Erstaunen stieß aber Balrich

seine Hand fort und schrie ihn an. Denn auch Balrich schämte sich, er

fühlte: »Ich habe schon zu viel gelesen. Ich laß mir Redensarten

vormachen wie ein Bourgeois.«

»Was geht das Sie an,« schrie er, »was man für sich redet. Sie

spionieren hier nur. Sollen Sie also wissen, was wir hier denken!«

Von seiner Wut überwältigt:

»Alles herausgeben muß die Bande! bis jeder von ihnen sich selbst mit

seinem Rasiermesser --«

Er sah sich um, der Abgeordnete war nicht mehr da . . . Zur Besinnung

gelangt, schlug Balrich den Weg nach der Fabrik ein.

Eine Untersuchung durch die Sanitätspolizei, wußten sie dort, stehe

bevor. Viele versprachen sich Unannehmlichkeiten davon für Heßling und

sahen ihr gern entgegen. Nach einigen Tagen, schon früh morgens, hieß es

»antreten«; der Medizinalrat war da. Die Einrichtungen, dies ward bald

klar, konnte er nicht genug loben, mehr als entzückt war er von den

Waschgelegenheiten. Dem Oberinspektor Herrn -- bitte?

»Wachsmut, Herr Medizinalrat.«

Ihm trug er auf, dem leider verhinderten Herrn Generaldirektor seine

lebhafteste Anerkennung auszusprechen. Da sahen die unter den Arbeitern,

die sich gefreut hatten, einander an. Ein Licht ging ihnen auf. Der

Medizinfatzke war schon vorher abgerichtet auf die Waschgelegenheiten,

und auch Napoleon Fischer, der sich stellte, als habe er sie errungen,

steckte mit unter der Decke. Die Waschgelegenheiten, ein Vergnügen,

solange sie keins für die Herren waren, jetzt wurden sie ein gegen uns

gerichtetes Komplott.

Nach den Einrichtungen kamen die Leute daran. Der Herr von der Behörde,

massig gebaut, schritt ihre Reihen ab wie die Kolossalstatue eines

siegreichen Feldherrn. Mehrmals blieb er stehen, in die Hüfte geworfen

und die Hand darauf, und prüfte. Sie mußten die gehabten Krankheiten

hersagen, wobei er immer des festen Glaubens schien, daß etwas nicht

stimmte. Er konnte wohl auch befriedigt und leutselig sein; so bei

Jauner. Herbesdörfer dagegen, gleich neben Balrich, flößte ihm ein

erklärtes Mißtrauen ein.

»Den Verband weg!« herrschte er; und als er den Finger sah, herrschte

er:

»Wie heißt der Mann?«

Der Oberinspektor sagte es ihm, worauf alles erklärt schien.

»Natürlich haben wir den Finger in Lehm gewickelt. Naturheilverfahren,

natürlich. Aber wenn Brand hinzutritt, wer bezahlt uns die Operation?

Der Naturpfuscher? Und bezahlt er auch das Begräbnis des Mannes?«

Zu dem Oberinspektor:

»Herr, Herr --«

»Wachsmut.«

»Wachsmut. Mehr goldene Rücksichtslosigkeit, wenn ich bitten darf. Unser

Menschenmaterial ist belastet mit Versicherungen, es darf nicht nach

Belieben kaputt gehen.«

Hiernach wollte er weiter, fuhr aber unerwartet herum, wie an einem Seil

gedreht.

»Der Mann dort hat einen stieren Blick. Ist Ihnen das nicht

aufgefallen?«

Der Oberinspektor sagte merkwürdig harmlos:

»Der Mann ist ein guter Arbeiter.«

»Sie wissen nichts Besonderes über ihn?«

»Er studiert.«

Da nickte der Medizinalrat grimmig befriedigt.

»Aha! Meinem Scharfblick entgeht nichts, wie Sie sich überzeugen

können.«

Und zu dem Arbeiter:

»Sie, wie heißen Sie?«

Balrich sah ihn sich an, dann sagte er, stark betont:

»Ich heiße -- Herr -- Balrich.«

»So, so. Noch schöner.«

Der hohe Herr, diesmal warf er sich nicht nur in die Hüfte, er schlug im

Stehen die Beine übereinander; man sah, er verweilte.

»Wie lange treiben Sie schon Ihre Studia?«

»Ein Jahr.«

»Scheint Ihnen nicht zu bekommen. Leiden Sie an Reizzuständen?«

»Wenn man mich reizt,« sagte Balrich.

»Wird es Ihnen zeitweilig, besonders beim Studieren, aufgeregt zu Mut?

Werfen Sie dann die Kleider ab?«

»Nein,« sagte Balrich.

Der ging das Gesicht des Medizinalrates in die Breite, es begann zu

strahlen.

»Sie sind aber gesehen worden. Nackt am Fenster, gegen Morgen, als das

Haus schon offen und Leute unterwegs waren.«

Balrich, überrumpelt, behielt seine verschlossene Miene; in ihm jagte

es. Wann hab' ich denn --? Doch, damals hab' ich. Es ward Tag, ich lag

im Fenster und dachte. Das war doch Zufall, ich wußte es selbst nicht

mehr, woher soll dieser --. Aha! Er hat es von Heßling, und Heßling?

. . . Er wandte den Kopf. Die Kameraden blickten alle in derselben

Richtung, auf einen Mann, der sich zu verstecken suchte. Jauner, wer

sonst . . . Balrich sagte rauh:

»Das kann wahr sein oder nicht. In meinem Zimmer jedenfalls bin ich mein

eigener Herr, und Spione kümmern mich nicht.«

Der Herr von der Behörde fragte lauernd:

»Sie halten sich hier wohl überhaupt für gleichberechtigt?«

Balrich antwortete:

»Ich habe einen freien Vertrag geschlossen. Was mich angeht, ich erfülle

ihn auch.«

»Aber die Gegenseite?«

»Ich muß nicht ausspioniert werden.« Ihm kam eine Erkenntnis, er faßte

den Herrn ins Auge. »Hier muß auch keine Komödie aufgeführt werden

meinetwegen.«

Der Medizinalrat zuckte mit den Lidern; dann fragte er schnell und mit

einer Art Freundlichkeit:

»Sie haben wohl viele Feinde?«

Da Balrich nicht mehr antwortete, setzte er hinzu:

»Dann ist es auch begreiflich, daß Sie geäußert haben: Alles herausgeben

soll die Bande und jeder einzelne soll sich mit dem Rasiermesser selbst

die Gurgel abschneiden.«

Balrich stand starr: Es ist klar, dachte er.

Der Medizinalrat seinerseits sagte zu dem Obersinspektor:

»Die Sache ist klar. Der Mann ist verrückt. Das können Sie dem Herrn

Geheimrat von mir ausrichten.«

Der Oberinspektor verbeugte sich; der Medizinalrat aber, inmitten der

Stille des Entsetzens, die sich um ihn herlegte, redete geläufig weiter,

und nicht etwa leiser.

»Der Mann fühlt sich verfolgt, und alles bezieht er auf sich. Zudem

fällt noch auf, er überhebt sich und verkennt die örtlichen

Verhältnisse. Das genügt für Paranoia, man kann ihn einsperren.«

Da er es murren hörte, wandte er sich erstaunt herum. Die Gesichter, in

die er blickte, bewirkten sofort, daß er das übergeschlagene Bein

wegnahm, die Hüfte einzog und viel weniger anspruchsvoll dastand. »Nach

dem Gesetz,« rief er schnell, »und nach den medizinischen Verordnungen

gehört der Mann in die Obhut der Anstalt.«

Das Murren wuchs. »Zunächst zur Klärung,« setzte er hinzu, worauf er,

seiner Haltung wegen, vor Balrich hintrat und ihm den Daumen in die

Augenhöhle und von unten gegen den Knochen drückte. Der Daumen stank.

Balrich, dem es vor Wut schwindelte, hob schon die Hand. Mit aller

seiner Kraft zwang er sich nieder -- kalt vor Schrecken bei dem

Gedanken, was geschehen wäre.

Dem Oberinspektor erläuterte der Medizinalrat:

»Er soll sich sogleich in der Heil- und Pflegeanstalt melden. Auf die

Herren dort können wir uns verlassen.«

Eine Stimme rief: »Das ist das Irrenhaus!« -- worauf aus dem Murren ein

offener Lärm ward. Der Medizinalrat zuckte auf, er machte einige

Schritte wie ein Tanzbär; »ich telephoniere gleich hin,« rief er, eilig

aufbrechend. Erst jenseits der Schwelle ward er allmählich wieder

aussehen wie die Kolossalstatue des siegreichen Feldherrn.

Balrich in dem Lärm bewegte sich umher und beruhigte. »Ich gehe einfach

hin, sie können nichts machen, ich komme schon wieder;« -- und als alle

Hände gedrückt waren, ging er.

Auf der Landstraße, weit ausschreitend, steigerte er noch seinen Mut.

Wie sie ihn fürchten mußten, daß sie ihn zu unterdrücken versuchten auf

solche ungeheuerliche Art! »Sie sind verloren und wissen es, sonst

würden sie dies nicht wagen. Zu viele kennen doch den Tatbestand, es

kommt in die Zeitung. Wahnsinnig sind sie selbst!«

In den ersten Straßen der Stadt kam ihm ein Gedanke, der ihm auffiel.

»Sonst holte ich mir dort drinnen die Schulbücher. Jetzt gehe ich mit

dem was ich gelernt habe, in das Irrenhaus.« Hierbei spannte es sich ihm

kalt in der Magengrube, er ging zögernd -- dann aber um so schneller,

und naß vom Laufen kam er an.

Beim Pförtner vorüber, wollte er in einen Gang eindringen, der aber

verschlossen war, und nicht einmal einen Griff hatte die Tür. »Da

gehören Sie hoffentlich nicht hinein,« rief der Pförtner und schickte

ihn hinüber in die Aufnahmeabteilung. Hier ging man ungehindert durch

weiße, lange Gänge, bequemer und reinlicher als die im Haus B.

Pflegerinnen in steifen Flügelhauben rollten in jedem Stockwerk Karren

mit Essen hindurch. Im höchsten, an einem Tisch ein junger Herr in

weißem Mantel schrieb und sprach gleichzeitig. Der Arbeiter wagte nicht

Halt zu machen, der Herr selbst rief ihn an.

»Herr Balrich!« rief er.

Da stand nun Balrich, drehte seine Mütze und zog die Brauen zusammen.

Der junge Blonde sah ihm aufmerksam in die Augen, aufmerksam, nicht

feindlich, und sprach dazu, -- schien aber selbst nicht zu hören, was er

sprach.

»Sie habe ich gleich erkannt. Sie sind mir gut beschrieben worden. Weiß

Gott, auf Sie bin ich hingewiesen.«

»Nun, schön,« schloß er munter. Die Pflegerin, mit der er verhandelt

hatte, fragte er nach einem freien Zimmer. »Besonderer Fall,« sagte er

zu einem Kollegen, der vorbeikam. Dann nahm er Balrich unter dem Arm,

öffnete von den vielen Türen eine, dahinter noch eine, und ließ ihn

hinein. Drinnen ein Bett, ein Heizungskörper das Fenster geöffnet auf

Blätterdächer.

»Setzen Sie sich doch,« sagte der Arzt. »Wissen Sie, wo Sie hier sind?«

Balrich, der Vorsicht wegen, antwortete nur:

»In einem Zimmer.«

»Nun ja -- immerhin,« sagte der Doktor und lachte.

»Aber weshalb sind Sie eigentlich gekommen?«

»Weil ein Medizinalrat,« sagte Balrich sicher, denn hierauf war er

vorbereitet, »meine geistige Gesundheit bezweifelt.«

»Was noch nichts beweist,« fügte der junge Arzt hinzu . . . »Aber Sie

haben sich nicht gesetzt. Bewegen Sie sich ganz wie Sie wollen! Wir

unterhalten uns hier nur; Sie sehen, ich schreibe mir nicht einmal auf,

was Sie sagen.«

Dennoch fühlte Balrich, es komme an, nicht allein auf jedes seiner

Worte, auch darauf, wie er die Hand führte, und ob er einen schnelleren

Schritt tat oder hoch sprach anstatt tief. Er blieb regungslos stehen.

»Also setzen wir uns?« fragte der Arzt nochmals. Da ging Balrich steif

auf den Sessel zu und setzte sich auf die Armlehne.

»Weil es schon gleich ist,« dachte er dabei. Der Arzt schien es nicht zu

bemerken, er warf den Kopf in den Nacken und sagte in die Luft:

»Fühlen Sie sich krank? . . . Nein? Kein Blutandrang oder Schwindel?

Nein? Aber Sie haben sich doch nackt in Ihr Fenster gestellt,« sagte er

plötzlich mit Nachdruck und prüfend den Kopf gesenkt. Balrich saß starr.

Dann war alles eine Falle gewesen? Der da hatte sich zum Schein auf

seine Seite gestellt, eine gemeine Falle! Wütend warf er sich nach vorn,

die Faust war schon gemacht. Da sah er den andern hinter sich fassen,

nach der Klingel -- und fühlte sich weiß werden, angesichts der großen

Gefahr. Statt der Faust zeigte er eine bittende Handfläche.

»Es ist nur,« bat er, »weil schon der Medizinalrat mich damit hat reizen

wollen. Das hält man doch nicht aus, wenn alle mir vorhalten, was die

Spitzel sagen. Bei uns sind Spitzel, Sie wissen das nicht.«

Der blonde Herr hatte wieder sein harmloses Gesicht. Er wehrte

begütigend ab, weil Balrich die Sätze gar so gewaltsam hervorstieß und

nun so rot ward.

»Das kann ich freilich nicht wissen,« bestätigte er. »Darum müssen Sie

sich nicht aufregen.«

Er setzte sich bequemer. Balrich tat folgsam das Gleiche.

»Unterrichten Sie mich, bitte,« begann der Arzt. »Wie leben Sie in

Gausenfeld?«

Der Arbeiter sagte verbissen:

»Schlecht. Ausgebeutet, geknechtet und wie das Vieh zusammengesperrt.«

Das wollen sie hier gerade hören, fürchtete er, und setzte schnell

hinzu: »Das wissen aber alle. Ich bin nicht verrückter als die anderen.«

»Ich möchte es Ihnen glauben,« sagte der Arzt einfach. »Ist es wahr, daß

Sie Einfluß haben auf Ihre Genossen?« . . . Unter dem mißtrauischen

Blick Balrichs erklärte er: »Es wäre nur natürlich. Sie haben eben mehr

Willenskraft, -- was Sie auch durch Ihr Studium beweisen . . . Es muß

doch hart sein?«

Dies klang teilnehmend: der Arbeiter sagte dennoch, rauh klagend:

»Ich soll wohl überarbeitet sein? Sie wollen mich nur hineinlegen.«

Der junge Blonde beugte sich weiter vor.

»Denken Sie das nicht! Ich weiß selbst, was schuften heißt. Sie wollen

eben heraus aus dem Elend.«

»Nicht nur ich!« sagte Balrich, und Begeisterung ergriff ihn

unversehens. »Auch die anderen sollen da heraus! Einer muß es doch

machen, der bin nun ich.«

»Sie fühlen den Beruf?«

Da schlug er sich an die Brust.

»Mir ist es aufgetragen. Es ist meine -- meine --«

»Sendung?«

»Ja;« und Balrich fühlte sich tief erleichtert -- trotz der zögernden

Miene des Arztes. Der Arzt sagte dann aber:

»Sie haben eine Sendung. Warum nicht. Sendungen gibt es.«

Er nahm das Kinn in die Hand und sprach jetzt leiser.

»Weiß man es schon bei den Oberen?«

»Daher die Verfolgung,« sagte Balrich; und der Arzt ganz leise:

»Wer verfolgt Sie?«

»Immer der eine; für ihn geschieht alles Böse. Aber seine Werkzeuge sind

viele, die Spitzel, der Pfarrer von Beutendorf, unser Abgeordneter, der

ein Verräter ist, und jetzt der Medizinalrat.«

Als Balrich dies hervorgebracht hatte, schien der Blütengeruch aus dem

Garten ihm schwüler, eine Vogelstimme klang ängstlich. Der Arzt hielt

die Augen gesenkt.

»Warum nicht,« wiederholte er. »Es gibt auch Feinde. Ich habe nicht den

Beruf, das Kapital, das Sie hassen, zu verteidigen. Das mögen die Bonzen

tun,« sagte er nebenhin; aber dann eindringlich:

»Nur bedenken Sie doch, ob es nicht etwas unwahrscheinlich ist, das

gerade der sozialdemokratische Abgeordnete Ihr Feind und der Freund

Ihres Widersachers sein soll.«

Das klinge so, erwiderte kurz Balrich, denn er hatte gesprochen. Der

Arzt sagte behutsam:

»Weil Sie vorhin so böse wurden, will ich Sie an das Wort, das Sie ihm

gesagt haben, nicht erinnern. Sie wissen, das Wort von den

Rasiermessern. Es ist ihm aufgefallen, er hat es herumgesprochen, Sie

nennen das gleich Verrat. Und der Medizinalrat? Wir Doktoren sehen

überall Symptome; nur menschlich. Ich glaube wohl, Sie sprechen von

Dingen, die sind; nur möchte ich sie gemäßigter auffassen.«

»Die Gemeinheiten, die wir nicht selbst erleben, fassen wir immer

gemäßigter auf,« bemerkte Balrich; worauf der Arzt:

»Da haben Sie wieder recht.«

Und er stand auf. Balrich tat wie er. »Muß ich hier bleiben?« fragte er

dumpf. Der junge Blonde sagte sorglos:

»Die kurze Gastrolle hier darf Sie nicht verdrießen. Wir sind gut

ausgekommen. Ich bin kein schlimmer Untersuchungsrichter, wie Sie wohl

schon sehen, Sie hätten an schlimmere geraten können. Im Vertrauen« --

er hielt die Hand an den Mund -- »der Medizinalrat, als er

telephonierte, hat meinen Namen verwechselt.«

Jetzt lachte er hell auf; Balrich mußte mitlachen. Er nahm die

hingereichte Hand.

»Dies Zimmer gefällt Ihnen doch? Auch die Zimmer, Sie haben wohl davon

gehört, sind bei uns nicht alle so angenehm . . . Eins muß ich noch

fragen,« sagte der Arzt schnell, »sehen Sie manchmal etwas und merken

nachher, es war nicht da?«

»Sie meinen. Visionen? Nein!« sagte Balrich entrüstet. Gleich darauf,

sich erinnernd, erschrak er heftig. War es eine gewesen, damals, vor

Villa Höhe?

»Wäre es schlimm?« fragte er.

»Weihen Sie mich ruhig ein! Vielleicht hatten Sie nur lange gehungert

oder waren übermüdet?«

»Nein,« sagte er starr. »Es kam, weil ich wollte.«

»Wunschbilder kann am Ende jeder haben, der nicht ganz glücklich ist,

oder der viel erwartet. Wie war es?«

Da fühlte Balrich: »Ich habe Leni gesehen als reiche schöne Dame auf

Villa Höhe. Ein Traum, aber wirklicher als ihr alle, -- und im Irrenhaus

wollt ihr ihn herausholen aus mir? Pfui, Teufel!« -- und ehe er es

wußte, stampfte er auf, schlug aus Leibeskraft gegen den Kleiderschrank

und schrie ein Schimpfwort. Der Arzt hörte es an, er schüttelte sanft

den Kopf.

»Sehen Sie, jetzt ist es doch mit Ihnen durchgegangen,« sagte er

mißbilligend; -- und da er Balrich vernichtet sah: »Nun, Sie werden

nicht wieder nachgeben.«

Er ging zur Tür. Jäh anhaltend: »Wer ruft da Dieb?« fragte er. Balrich

sah auf.

»Mir kann niemand es nachrufen. Aber ich kenne Diebe genug,« sagte er

mit Verachtung. Darauf nickte der Arzt und ging.

-- Eine Weile des Lauschens -- dann endlich frei ausschreiten, schnell,

noch schneller; die Arme heben, den Tisch verrücken, alles war wieder

erlaubt. Auch lehnte er sich zum Fenster hinaus. Das Dach der Baumkronen

konnte er berühren, nicht aber hindurchsehen, was unten war. Plötzlich

fiel ihm ein, daß in solchen Häusern Löcher sein können in Tür und

Wänden. Er fand keine; -- aber er warf sich vor, er habe dem Aushorcher

zu viel schon preisgegeben. Wenn du schweigst, nur schweigst, welche

Handhabe bleibt ihnen. Statt dessen gibst du ihnen dein Höchstes preis

-- aus Furcht, weil sie die Macht haben. Er fühlte: der grauenvollste

Mißbrauch der Macht war erst hier verübt worden. Das Ideal, untersucht

im Irrenhaus.

Jetzt aber ward es ihm bewußt, der Geruch aus dem Garten, es war der

Duft von Lindenblüten, derselbe, bei dem er vor einem Jahr fast schon

gestorben wäre, erhängt in einer Baumkrone. Duft des Schicksals, fühlte

er; wie viel zwischen damals und heute, wie viel! Auf das Sofa

gestreckt, bis es dunkel ward, dachte er, ja freute sich des Denkens, an

seine Sendung, seinen Kampf, -- und dir, dir dies vorbehalten,

Auserwählter! Sollst um dich greifen, Heilbringer, von Gausenfeld

weithin, in das Land, in die Welt. Hier weißt du es nun, gerade weil du

hier bist, wie sehr sie auf dich zu hoffen, dich zu fürchten haben. Dein

höchster Augenblick, er ist hier. Sie dachten dich zu vernichten, und

stärken dich.

Im Dunkeln, entwöhnt des Schlafes, ward er nur wacher. Er drehte Licht

an; da erschien auf breiten Schultern vor ihm ein Kopf mit breiter

gebuckelter Stirn, das Gesicht aber darunter schmal wie ein Ei. Er

erschrak, denn er kannte ihn nicht. Also wahr?

Dies, dein Gesicht? Er kannte es noch viereckig wie ein Klotz. Hast du

denn schon so viel gedacht und gesorgt, armer Mensch? Dich gesorgt um

Dinge, die fern sind und den heilenden Erfolg dir lange vorenthalten?

Wie lange noch?

»Ich überlebe es nicht,« erkannte er, starren Geistes. »Ich weiß besser

als sie, wie es steht mit mir. Sie nennen es Größenwahn und

Verfolgungswahn. Sie wissen nicht, daß ich schon versucht war, den

Fischer anzufallen und den Medizinalrat. Heute ist es mit mir

durchgegangen. Das Haus wirkt, ich bin verloren.«

Die Hände um das Gesicht, neigte er es, in betender Haltung. Furchtbar,

hier zu sein, und furchtbar, wieder hinauszugehen, allein auf immer mit

deiner Kraft, ob sie aushält -- deine Kraft gegen die Welt . . . Da

sagte Gott ihm: »Nicht allein! -- und keine Sendung, die nicht alle

haben. Ihr alle sollt hinausgelangen in der Vernunft des Menschen, einer

gestützt auf den andern, und nicht einer dürfte fehlen. Der Bettler

Dinkl ist so würdig wie du.«

Es ward Morgen, Balrich schlief ein.

Er erwachte müde, aber noch unruhig. Das Hin und Her der Gedanken, dann

bald wieder Schlaf, den halben Tag, die ganze Nacht, -- und kaum ward es

hell, verlangte er nach dem Arzt. Es zeigte sich, daß er erwartet wurde,

im Garten.

Der Garten war grün, die Wege auch, und auch die Bretter, die ihn hoch

einzäunten. Man sah nicht weit, wilde Büsche schoben sich vor, oder eine

Baumkrone schwebte groß herab bis in das Gras. Durch das Gras manchmal

huschte jemand oder stolzierte. Einer nur ließ sich länger blicken. Am

Ende des Gartens lang und hager stand er, das Gesicht erhoben in die

grünliche Luft, und auch mit dem ausgereckten Arm, wenngleich er ihn

nicht rührte, grüßte er hinauf.

Der junge Blonde kam herbei, er sagte:

»Herr Balrich, ich habe Sie rufen lassen, weil ich schon jetzt

entschlossen bin, Sie zu entlassen. Sie werden sich wundern, denn Sie

sind sich bewußt, einiges Auffallende getan zu haben, kürzlich. Auch

seitdem waren Sie recht erregt, aber dann habe ich Sie schlafen gesehen,

es sah gut aus. Wenn Sie einmal wieder zu viel gearbeitet haben, erlaube

ich Ihnen, wiederzukommen und sich auszuschlafen.«

»Ist es nur das?« fragte Balrich.

»Noch anderer Namen und Titel sind zur Hand für den, der sie anwenden

will. Ich will nicht. Sie haben die Irrtümer des Geistesgesunden; dies

nehme ich an, weil ich niemandem zu Gefallen das Gegenteil annehmen

will, das mir nicht bewiesen ist. Sie irren oft, in Ihren

Sinneseindrücken wie in Ihrem Denken. Aber mir ist es nicht bewiesen,«

sagte er, abgewendet, in die grünliche Luft hinauf, »daß gerade dieser

unterwertig ist und nicht gerade dieser zu viel wert. Wir wären weit

öfter Genies, wenn nur das Leben sie immer brauchen könnte.«

»Dann bin ich dennoch verloren?« fragte Balrich, denn so hörte er es.

Sie waren im Garten am Ende; hier der den Himmel Grüßende ließ sich

nicht stören und grüßte weiter das Unbekannte. Der Arzt blieb stehen.

»Ich ahne Sie; denn ich bin jung. Wäre ich alt und ein Bonze, würde ich

Sie eingesperrt haben. Weil ich jung bin, fühle ich mich noch verbunden

mit dem Unbekannten, dem All.«

Er hatte das Gesicht und den Arm erhoben, stand und grüßte nach oben --

wie jener dort.

Nun wieder zu Balrich, mit einem ernsten Lächeln.

»Seien wir schlicht. Sie haben Unrecht erlitten, sehen Ihre Mitmenschen

fortgesetzt viel Unrecht leiden, und schließen daraus, die Welt sei

ungerecht.«

»Was soll ich anderes schließen?« fragte der Arbeiter.

»Ich -- weiß es auch nicht;« -- mit dem ernsten Lächeln. »Aber

vielleicht sollten Sie fünf grade sein lassen, ich muß es auch.«

»Ich kann es nicht,« sagte Balrich.

Schweigen. Sie gingen zurück.

»Lieben Sie jemand?« fragte der Arzt.

»Ja, o ja!«

»Lieben Sie denn! Es ist das Mittel, den Haß zu überdauern.«

Sie gaben sich die Hand. Balrich durchmaß noch einmal die weißen, langen

Gänge; Pflegerinnen schoben Karren mit Essen; -- und war draußen. Es

gibt auch Freunde, dachte er in dem fremden Gedränge der Stadt. Aber auf

der Straße nach Gausenfeld ward es ihm härter zu Mut, die Luft trug ihm

Kampf entgegen, ihn erwartete Kampf. Er dachte: »Der Doktor soll sich

nur nicht den Mund verbrennen. Er ist doch angestellt, daß er mich

verrückt macht. Er läßt mich hinaus, was mag dahinter stecken?«

In der Fabrik erfuhr er es sofort. Sie ward von Gendarmen bewacht; schon

seit gestern drohte ein Zusammenstoß. Die Arbeiter hatten die Leitung

vor die Wahl gestellt, Streik oder Balrich. Aha! Er lachte grimmig und

ging an die Arbeit. Daher der Edelmut des Arztes! Alle gleich, alle eine

Bande! . . . Ein Zweifel: war es Zufall? »Er sah mich doch an wie ein

Freund . . . Als könnte es Freunde geben! Sie sind abhängig, einer von

dem anderen, und alle von dem Reichsten. Der aber ist nicht mein Freund

. . . Niemandem glauben, nur arbeiten!«

V

Die Armen: Ein Roman · 第 13 / 23 题