Die sittlichen Faktoren

Die folgenden Tage sah man auf der Landstraße nur Heßling. Immer raste

das Auto; keine Behörde in der Stadt, vor der es nicht hielt; und fuhr

es weiter, saß eine Uniform mit darin, oder Herren von der Regierung.

Nicht jeden Abend kehrte es zurück, -- und eines Morgens früh, Doktor

Heuteufel und sein Schwager Zillich gingen am »Reichshof« vorüber, trat

Heßling aus dem Hotel hervor, frisch ausgeschlafen. Er sprach sie sogar

an. Folgenschwere Beratungen hatten ihn gestern Abend zurückgehalten,

auch hatte sein Auto eine Panne --

»Und so weiter,« sagte Heuteufel; aber Heßling, mit den Augen blitzend:

»Was heißt das? Wollen Sie meine Motive beanstanden? Anspielungen und

Gerüchte kümmern mich nicht. Ich sitze ruhig auf Villa Höhe.«

Heuteufel ergänzte: »Weit draußen, wie ein Fürst, -- aber auch mit

Leibwache?« Und Heßling, voll einer Erregung, nicht mehr zu meistern:

»Ich gehe meinen Weg, mit passiver Widersetzlichkeit ist gegen mich

nicht aufzukommen.«

Ob er die Stimmung seiner Arbeiter meine, fragte Zillich. Sie sei

allerdings eine Tatsache. »Mich haben sie, als ich zuletzt bei Klinkorum

war, betrachtet, als wäre ich meines Lebens nicht sicher.«

Da sahen die beiden mit Genugtuung, wie das tatkräftige Gesicht des

Generaldirektors weiß wurde. Er wisse nichts, stammelte er. »Man weiß

nicht, was sie wollen, das ist das Unheimliche.« -- Sie gaben ihm

heuchlerische Ratschläge: Die Anlage der elektrischen Straßenbahn nach

Gausenfeld, er sehe nun wohl, wie falsch es war, sie zu hintertreiben.

Gausenfeld, ein wimmelnder Menschenhaufen, sei, abgeschnitten von der

Welt und in sich selbst verfressen, nachgerade zur Mördergrube geworden.

Mördergrube! Dies Wort ließ Heßling denn doch nicht gelten. »Meine

Arbeiter habe ich in der Hand, das will ich mir ausbitten; Die kennen

nicht nur meine Machtmittel und meine unerbittliche Strenge, sie wissen

auch, daß sie an mir einen Vater haben. Wie Sie mich sehen, fahre ich in

die Fabrik. Wollen die Herren sich entschließen mitzufahren, mir kann es

nur recht sein, daß Sie sich überzeugen und in die Lage kommen,

böswilligen Gerüchten in Zukunft entgegenzutreten.«

Die Herren entschlossen sich gern, ließen sich dann aber bei Klinkorum

absetzen, um ihm ihre Beobachtungen mitzuteilen. Sie befriedigten den

Professor durchaus.

»Nicht nur mir also, ihm selbst, dem Anstifter, wächst das Tal des

Unrates über den Kopf. Sogar über seiner Villa Höhe schlägt es zusammen

und verschlingt ihn mitsamt seiner Brut. Gemeinsam sollen wir

untergehn!« -- Klinkorum lachte erhaben, wackelnd mit grün drapiertem

Spitzbauch, auf allen Seiten umstrahlt von seinen sieben Bartsträhnen,

und die langen Zacken sämtlich entblößt.

Heßling seinerseits suchte keineswegs die Fabrik auf, wo das lagernde

Geheimnis jetzt täglich zum Ausbruch gelangen konnte. Schon war er

wieder unterwegs nach Netzig, und mittags zurückkehrend brachte er den

General mit. Die Herren umschritten noch vor dem Frühstück Park und Wald

von Villa Höhe. Exzellenz von Popp sagten:

»Ich danke Ihnen, Herr Geheimrat. Meine Dispositionen sind getroffen;«

-- worauf der Hausherr ihn zum Frühstück führte, durch die schaukelnden

Rosengewinde der Terrasse und über die golden bespannte Halle in den

weißseidenen Barocksaal.

Während des Frühstücks war v. Popp für Geschäfte nicht zu sprechen, die

Unterhaltung blieb mondän. Nachher, beim Kaffee in der golden bespannten

Halle, gab er das Zeichen.

»Was ist in Gottesnamen nun los bei Ihnen?«

Alle waren still. Heßling atmete mit Geräusch, er begann kühn:

»Nichts. In Wirklichkeit nichts. Keine Sabotage, kein Angriff auf Werte

oder Personen, nichts. Meine Macht steht vollkommen unangetastet da, ich

wollte es mir auch ausbitten. Nur,« schloß er beklommen, »es geht etwas

um.«

v. Popp erwiderte unwirsch:

»Gegen Gespenster kann ich Ihnen die Truppe nicht schicken,« -- indes

seine Nichte, geschiedene Frau v. Anklam, ein gespanntes Interesse

bezeugte.

Der Generaldirektor bat Exzellenz dringend, ihn nicht mißzuverstehen.

»Der Umsturz nimmt neue Methoden an. Sie reden nicht, sie wispern und

haben gewisse Blicke, als wüßten sie etwas, das wir nicht wissen.«

Der Rechtsanwalt Buck vermutete:

»Eine neue Art religiöser Epidemie?«

Sein Sohn Hans blinzelte ihm zu, hinter dem Rücken seines Onkels. Aber

Heßling äußerte Bedenken.

»Wer weiß, sie haben eine Art Führer, den ich für einen ausgesprochenen

Hypnotiseur halte.«

»Wie verlockend!« sagte Frau v. Anklam, an den Augen das Lorgnon. Horst

Heßling, neben ihr, bat sie dringend, sich keine Illusionen zu machen.

Der Mann sei kein Gent, -- »seine Schwester dagegen, das Mädchen hat

Klasse,« sagte er herausfordernd; und jetzt war es an Frau v. Anklam,

sich zu ärgern. Der General v. Popp seinerseits verlangte, rot

anschwellend:

»Werfen Sie ihn hinaus, zum Teufel!« -- worauf der Industrielle ihn

ansah, als sei v. Popp im Stande der Unschuld.

»Wenn das so einfach wäre.« Dann bekam er einen Ausdruck, wie wenn er

hinter dem General jemand sähe, der nicht da war.

»Was hat er vor?« murmelte er, sichtlich erblaßt. »Ich bin bereit, der

Gefahr ins Auge zu blicken, nur wissen muß ich, wo sie ist.«

Dies ward als peinlich empfunden. v. Popp erleichterte alle durch lautes

Geschrei.

»Sie sollen nur losgehen,« schrie er, »wir werden sehen, wer die Macht

hat!« Assessor Klotzsche, in einem Winkel um Gretchen, die Tochter des

Hauses, bemüht, zog hinter ihr die Hand hervor und streckte sie zum

Schwur hin. »Sie sollen nur!« keifte er mit angestrengtem Augenrollen --

und kehrte, seine Entschlossenheit einmal bewiesen, zu seiner vorigen

Beschäftigung zurück.

Die Söhne Horst und Kraft waren »unbedingt für das Aufschneiden des

Geschwürs«; und aus ihren beiden Klubsesseln ragen ihre vier

Gamaschenbeine. Ihre Mutter Guste, stolz auf ihren Mut, aber noch

stolzer, weil die geschiedene Frau v. Anklam ihnen ermunternd

zulächelte, setzte sich derart, daß sie ihren Gatten Diederich

absonderte mit dem General und der beginnende Flirt nicht gestört ward.

Die Anklam sah jüdisch aus, aber bei der Nichte der Exzellenz war dies

sicher nur ein Naturspiel. Sie entschied sich für Horst, anstatt für

Kraft, den Liebling der Mutter. Kraft gab es schon auf, ihm lag nichts

an Weibern; mir einzig gehört er, fühlte Guste.

Emmi inzwischen, Mutter des jungen Hans Buck, war nur bedacht, ihn zu

entfernen. Zu gut wußte sie, wie es um ihn stand und daß er weiter ging

als sein Vater in der Auflehnung gegen alles dies, seine Klasse, seinen

Vorteil. Was war es mit Buck? Er widersprach schon wieder dem General,

und nicht nur der General war rot, auch Heßling. »Mein Bruder Diedel,«

sann Emmi, »hat sich hart gemacht. Ich weiß noch Zeiten, als er es nicht

war. Jetzt kennen sie ihn nicht anders, darum denkt er, es muß so sein.«

Die Schwester sann weiter. »Ich weiß noch. Sie beide aber können sich

nie mehr verstehen. Buck würde wohl wollen, erlaubte Diederich ihm nur,

über dies alles hier die Wahrheit zu denken. Das ist die Leidenschaft

Wolfgangs,« sann die Gattin, »die Wahrheit zu denken. Dann fügt er sich

doch, läßt sich gehen, auch wenn es nicht recht wäre, und bleibt im

Nest. Er hat es früher wohl zu schwer gehabt; wie sollte er noch die

Kraft finden, zu verhindern, daß die vielen anderen leiden«.

Nun aber Hans!

»Mein Hans,« sann die Mutter gramvoll, »ist sehr gefährdet. Denn er, er

will die Wahrheit nicht nur denken; ich fühle es voraus, er will sie

ausführen. Wie könnte man das. Soll ich wünschen, er wäre anders, mein

Hans?«

Da fühlte sie auf sich den mißbilligenden Blick ihrer Schwägerin Guste.

Die hatte nie gezweifelt an ihren Söhnen, -- die doch schlechter waren

als der Vater! »Meiner ist besser, und ich muß zweifeln. Verworrene

Welt,« dachte Emmi Buck.

Inzwischen auf der Terrasse unter den Rosengewinden, da Klotzsche gehen

mußte, hatte Gretchen Heßling einen Streit mit ihm und mit ihren

Brüdern. Gretchen, bleichsüchtig und versteckt, war für die Arbeiter,

und die Aussicht auf einen Streik mißfiel ihr nicht. Warum, war nicht

herauszubringen. Auf alles antwortete sie ihrem Verlobten Klotzsche:

»Ach du mit deinem Bauche!« Ihr Bruder Kraft endlich, der nicht mehr an

sich hielt, verriet ihr Geheimstes.

»Du Gans! Nur das Theater ist es. Sie hat im Theater einen Streik

gesehen, und der Streikführer war Herr Stolzeneck, verstehst du,

Klotzsche? Leon Stolzeneck, erster jugendlicher Liebhaber.«

Horst stieß Kraft in die Rippen, aber der Assessor nahm es, wie es war.

»Das gibt sich,« grunzte er gemütlich. »Theater ist etwas anderes, ich

habe auch mitgeklatscht.«

Das Auto mit dem General und dem Assessor war fort, da, in der

goldbespannten Halle, herrschte Heßling seinen Schwager an.

»Sehr verbunden, daß du mir die Exzellenz flau machst. Schickt er dann

keine Soldaten, haben wir im äußersten Fall noch dein Mundwerk.«

Das Wort als Tat unterschätze man immer, erwiderte Buck, -- so wie man

die sittlichen Faktoren unterschätze.

»Bin ich unsittlich?« herrschte Heßling.

»Deine Machtmittel,« fuhr Buck fort, »sind dieselben, auf die auch der

Umsturz pocht; und jene anderen, die er nicht kennt, sind dir so fremd

wie ihm. Ihr seid einander wert,« schloß er milde. Heßling brach

vollends aus.

»Ich kenne nur mein Recht. Gehen sie los, wird geschossen. Schleichwege

sind meinem treuen Gemüt eine Greuel.«

»Deinem treuen Gemüt,« wiederholte Buck.

»Auch deinem, hoffe ich!« Diederich blitzte. »Einen meiner -- meiner

eigenen Arbeiter Latein lernen lassen, bedeutet eine heimtückische

Förderung der subversiven Tendenzen. Dem Professor Klinkorum verzeih'

ich es nie. Noch unerbittlicher wäre ich, wenn ich wüßte, wer ihn dafür

bezahlt.«

Buck wehrte ab.

»Er tut es ohne Entgelt, aus wissenschaftlichen Motiven.«

»Das sagt er. Das kann jeder sagen. Auch dein Sohn wird sich auf die

Wissenschaft ausreden, wenn er dem Balrich seine Bücher leiht und nur

mit ihm noch gesehen wird.«

Buck zog sich ein Stück zurück, er sagte vorsichtig und ohne Ironie:

»Hans? Ein Kind, nicht wahr. Das schließt noch Freundschaft ohne Ansehen

des Standes.«

Hans, hinter einem Rohrsofa mit getürmten Kissen, hörte, sah -- und

schlug die Hände vor das Gesicht. Papa verleugnete ihn! Er log. Papa und

Hans, beide mußten lügen vor dem Onkel Heßling . . . Er schlich sich

hinaus, unter die Rosenkränze. »Darf ein Mensch uns zwingen, zu lügen?

Ich hasse ihn -- ewig, ich schwöre es!« -- wobei er dennoch ganz wohl

wußte, er habe auch sonst schon gelogen und das Leben sei so.

Heßling drinnen schrie noch:

»Was man mir sagt, muß ich glauben. Alle sagen dasselbe, wie falsche

Zeugen. Es ist, als wäre man in eine Mördergrube gefallen.«

»Du bist leidend,« sagte Buck milde. Seinem Schwager schnappte die

Stimme über.

»Aber wehe, wenn ich euch fasse!«

Und er schwenkte sich auf den Absätzen herum.

Im Garten bei der »Borkenhütte« fand er seine Söhne. Über den Fenstern

aus Rinde nagelten Horst und Kraft gebleichte Tierschädel an den rauhen

Stamm. Was dies bedeute?

»Es sind die dem Odin heiligen Pferdeschädel,« erklärte Horst, und das

Wasser troff ihm unter seinem Monokel hervor. Die kleinen Ralph und

Fritzheinz, die zusahen, erklärten ihrerseits:

»Es sind die Kalbsköpfe, die wir zu Mittag gegessen haben.«

Kraft, lang, gebeugt, mit Ringen um die Augen, sagte schleppend und

zittrig:

»Hier ist die richtige Stelle, Vater, für die Maschinengewehre.«

Die Armen: Ein Roman · 第 12 / 23 题