So weinte er denn, versteckt im Gebüsch der Tannen; und nach langem
Weinen ging er auf die Fabrik zu, querfeldein, unter Vermeidung der
Wohnhäuser. Unnütz, daß der Aufpasser am Tor ihm diese Nacht ansah.
Am Abend, als er seinen Rock wieder anzog, begegnete er darin einem
fremden Gegenstand. Ein Buch -- das Buch des Herrn Buck. »Da wird es
sich zeigen, wie ich es mache,« dachte er hoffnungsvoll und schlug auf.
Was war das? Fremde Worte untereinander, daneben deutsche, und Sätze wie
für Kinder. Ein Lehrbuch des Lateinischen -- weniger noch, eine
Lateinfibel . . . Der Arbeiter steckte sie schnell wieder ein und ging
heim, gesenkten Kopfes.
Zu Haus aber erhob er ihn. Er hatte begriffen und war entschlossen. Sein
Brot, seinen Käse -- und gleich an den fichtenen Tisch, worauf sonst nie
etwas lag. Jetzt liegt das Buch darauf. Es will gelernt sein -- und dann
ein anderes und wieder eins, und noch immer stehst du, zwanzig Jahre
alt, bei dem, was die Knaben schon kennen. Du weißt nicht wie lange und
weißt nicht wie, aber lerne! Dein ist die Nacht. Alle Nächte sind dein.
Lerne!
Er legte sich hin, als es hell ward, goß sich drei Stunden später das
Wasser aus dem Krug über den Kopf und ging zur Arbeit, im Tritt der
Kameraden.
So fuhr Balrich fort zu leben, -- und die erste, der es auffiel, war
Thilde. Er beruhigte sie, gab ihr eine Stunde hin, die er nachher vom
Schlaf abzog; -- aber da es so nicht dauern konnte, erklärte er ihr
einfach, nur am Sonntag könnten sie sich sehen. Er arbeite des Nachts.
Er arbeite an der Verbesserung einer Maschine, es werde ihm Geld und
Stellung bringen, seine ganze Zukunft hänge ab davon. Sie sah ihn
kraftvoll erregt und ward ganz schüchtern. Er sagte noch: »Glaubst du
denn, ich will hier nicht heraus? Ich zwinge es und werde reich!«
Da weinte sie und antwortete ihm:
»Dann wirst du mich verlassen.«
Er leugnete es, aber sie glaubte ihm nicht. Das Versprechen gab sie ihm
dennoch, alles für sich zu behalten. Dann ging sie, fast von selbst,
niedergebeugt in ihrem Tuch, und Balrich hatte vor sich seine Nacht.
Zwei Sonntage später, er hatte soeben die letzte Seite des Buches
gelernt, klopfte es an seine Tür, und mit dem Kopf dienernd kam ein
Bürschlein zutage, eins in weichem blauen Anzug, mit Lackschuhen und dem
ahnungslosen Gesicht der reichen Kinder. Es legte seine Mütze auf das
Bett und bat artig um den freien Stuhl.
»Es wird etwas länger dauern,« sagte es. »Papa will, daß Sie mir das
Ganze hersagen.«
Das Bürschlein öffnete das Buch.
»Ich habe dies nämlich schon längst wieder vergessen,« äußerte es.
»Warum wollen Sie überhaupt lernen?« fragte es vertraulich. »Ein
Vergnügen ist es nicht.«
Balrich sagte:
»Zum Vergnügen bin ich nicht da.«
Jetzt antwortete der Knabe:
»Ich weiß, Sie wollen Geld haben. Sie wollen unser Geld haben. Wundern
Sie sich nur nicht,« sagte er unbefangen. »Papa ist mein Freund und sagt
mir manches.«
Der Arbeiter, nicht sicher, was zu denken sei, musterte den kleinen
Reichen, der lächelte, und bemerkte dabei, daß eigentlich die Augen
recht hell und wach blickten. Nur der Mund stand kindisch offen, und
unbegreiflich töricht erschienen die hochgebogenen Brauen, unter diesen
beiden großen schwankenden Blondlocken. Schmaler Kopf, die Schultern so
schwach, -- ein Schlag, dachte Balrich, und der freche kleine Nichtsnutz
rutscht vom Stuhl . . . Statt dessen begann er, holprig herzusagen. Der
Knabe unterbrach.
»Einen Augenblick. Ich heiße Hans Buck. Vierzehn Jahre elf Monate.
Wollen wir eine Zigarette rauchen?«
Die Fehler Balrichs berichtigte er herrisch aber flüchtig. Nach einigen
Seiten hatte er genug.
»Besser habe ich es auch nie gewußt.«
Balrich sagte:
»Ich muß es aber besser wissen. Ich brauche es nötiger.«
»Ihre Sache,« meinte Hans Buck. »Für Klinkorum jedenfalls ist es gut
genug.«
Es erwies sich, daß Balrich von Professor Klinkorum erwartet wurde. »Wir
kommen sogar schon zu spät.« Das Bürschlein stieß den Zwanzigjährigen
zur Tür hinaus. Nebeneinander durchquerten sie die Wiese. Mitten darauf,
wo die meisten Kinder lärmten, fiel Balrich lang hin; das Bürschlein
hatte ihm ein Bein gestellt. Es bog sich vor Lachen, in einer Rotte, die
mitlachte. Als Balrich dann zornrot aufkam, lief Hans schon. Er lief
schwebend leicht, keine Aussicht, daß Balrich ihn fing, -- wenn nicht
ein paar junge Arbeiter ihm, trotz seinem Geschrei, es gölte nicht, den
Weg verstellt hätten. Nun rangen sie; ein Griff Balrichs, und der
Kleine, verzweifelt gegen den Boden gestemmt, war so gut wie aufgehoben
und geworfen. Balrich aber, der ihn so schwach fühlte, tat unversehens,
als verliere er selbst den Boden, und sprang zurück.
Sie gingen weiter, Hans Buck mit gepreßten Lippen und die Augen gesenkt.
Da plötzlich nahm er Balrich beim Arm.
Klinkorum, der es anläuten gehört hatte, empfing sie an seinem Tisch
stehend, den grünen Schlafrock drapiert über dem Spitzbauch, und in
weißer Krawatte. Er warf den Kopf zurück, der Bart stand in sieben
harten Strähnen hechtgrau vom Gesicht ab, die Lippen entblößten lange
Zacken mit ebensovielen Lücken, und er lachte erhaben. Unter Gelächter
begann er eine Rede über den Ernst des Lebens, das Eigentum und die
Bildung. Die letztere gehe vor, erklärte er mit einem grünen Blick auf
den Knaben von Villa Höhe. Wer aber, sagte er dem Arbeiter, bisher in
fröhlicher Unwissenheit dahingelebt habe, der lerne jetzt den Ernst
kennen, einen Sohn des Wissens. Vorausgesetzt immer, er sei berufen.
Balrich, zuerst eingeschüchtert, kam bald auf den Verdacht, daß dies
Geschwätz sei, und ärgerte sich über den Zeitverlust. Da sagte Hans
Buck, dreist und hell:
»Na los!«
Und Klinkorum schnappte nur noch, ganz auf dem Trocknen.
Er ließ beide dieselbe Übersetzung machen, »um den Abstand der Geister
festzustellen,« -- fand aber dann, daß der eine durch Flüchtigkeit
ersetze, was der andere an Unbelecktheit voraushabe. Hierbei fielen die
Hände Balrichs ihm unliebsam auf. Er sagte nichts, seine Pausen und die
Ausrufe seiner Blicke bewirkten es aber, daß Balrich die Hände vom Tisch
nahm. Der Fünfzehnjährige bemerkte hierzu:
»Er tut nämlich richtige Arbeit;« -- worauf Klinkorum ihm strafweise
voraussagte, auch er werde sie noch tun müssen.
Inzwischen ging die Glocke, und Besuch trat ein, zwei Herren, die schon
vorbereitet schienen auf den Anblick des studierenden Arbeiters, denn
sie nahmen ihn stumm in Augenschein. Hans Buck sagte schneidig: »Darf
ich die Herren bekannt machen,« -- und stellte dem Arbeiter die Herren
Dr. Heuteufel und Konsistorialrat Zillich vor.
Sie zeigten eine Teilnahme, die Heuteufel geradezu für wissenschaftlich
erklärte. Klinkorum bekräftigte sie darin, er erläuterte ihnen in der
Übersetzung Balrichs die Fehler, die das Fortfallen selbst der
allgemeinsten kulturmenschlichen Grundlage zur Voraussetzung hätten und
Zeichen einer Klasse seien, einer hoffnungslos rückständigen Klasse.
Sie schüttelten die Köpfe und fragten, ob wenigstens im einzelnen Fall
eine Aussicht sei. Der junge Buck schwatzte laut dazwischen, und in das
Heft Balrichs zeichnete er recht geschickt einen Haifisch.
»Ähnlich?« fragte er, und Balrich erkannte Klinkorum -- strengte sich
aber nur noch mehr an, um den Reden der Herren zu folgen. Es war schwer,
die Sätze verwickelten sich ihm, und gewisse Worte hatten keinen Sinn.
Ein interessantes Experiment, dies wiederholte Klinkorum mehrmals. Ein
rudimentäres Gehirn, unvermittelt in Berührung gebracht mit den
Humaniora --.
Aber es gehe doch, meinte Dr. Heuteufel, der seinerseits die Hefte der
beiden Schüler verglich. Es sehe aus, als könne es jeder.
Dies schien dem Professor zu mißfallen. Er stellte schnell mehrere
Fragen an Balrich, die Balrich nicht einmal begriff, -- worauf alle
lachten, auch Hans. Das schmerzte den Zwanzigjährigen, er zwickte das
Bürschlein stark in den Schenkel. Durch seinen Erfolg ermutigt, teilte
Klinkorum den Herren mit, wie groß die Liebe zur Wissenschaft bei
solchen Leuten oft sei, -- leider meistens eine unglückliche Liebe.
Dieser einfache Arbeiter habe ein vom Schüler Buck verlorenes Buch
gefunden, und es nicht früher zurückgebracht, als bis er es auswendig
gewußt habe. »Solcher fast ergreifend zu nennenden Strebsamkeit waren
wir immerhin einen Versuch schuldig,« sagte Klinkorum und lachte mit
allen seinen Zacken. Die anderen Herren begleiteten ihn.
Balrich wollte nicht wissen, ob auch Hans sich freue. Er sah vor sich
hin und sann düster, dies müsse ein Ende haben; allein werde er seinen
Weg suchen . . . Da sagte Hans, mit einem gewissen Blick von einem der
drei Herren zum andern:
»Aber Onkel Heßling wird sich ärgern.«
Und wie sie nun schmunzelten und nur gerade noch an sich hielten, dies
bemerkte auch Balrich. Der Konsistorialrat nahm das Wort. Kein
Arbeitgeber, soviel verstehe er, könne gleichgültig bleiben,
überschritten seine Leute eine gewisse Grenze der Bildung. Dies ändere
das Verhältnis, die Gesichtspunkte und die Rechte, dies sei in Wahrheit
schon Umsturz.
Was er ernst und warnend sprach. Aber hätte seine Stimme die
Schadenfreude versteckt gehalten bis auf ihre letzte Spur, die Gesichter
der beiden anderen verrieten sie. Balrich sah mit Staunen, daß der
Generaldirektor hier keinen Freund hatte. Er horchte auf. Dr. Heuteufel
lehrte:
»Für die Gewalt eines einzelnen muß ein Gegengewicht gefunden werden,
und das ist --«
»Die geistige Bildung,« schloß Klinkorum. Worauf Heuteufel:
»Die Bildung und sogar der Geist sind nur Mittel zum Zweck. Ihm und
seinesgleichen muß wieder einmal klargemacht werden, was persönliche
Freiheit heißt. Auf dem Wege, den die Herren, und zwar gern gesehen von
der Behörde, eingeschlagen haben, kommen wir zur Staatssklaverei, sogar
früher als man denkt.«
Feierliches Schweigen. Der Arbeiter Balrich ergab sich einem heftigen
Vertrauen zu denen, die so sprachen und dachten.
»Das ist aber auch wahr,« beteuerte er und schlug auf den Tisch. »Wissen
Sie wohl, warum wir nach Gausenfeld keine Elektrische bekommen? Weil wir
unter uns bleiben sollen und nicht aufgeklärt werden sollen und in
seiner Kantine saufen sollen. Das ist doch wie ein Ghetto!« rief er,
stolz auf dieses Wort.
Die Herren, mit gekniffenen Lippen, blinzelten einander schnell zu, und
dann traten sie ein Stück weg. Klinkorum äußerte:
»Für heute Schluß. Das nächste Mal, Herr Balrich, könnten einmal Sie,
anstatt meiner, den Unterricht geben, etwa über den Zukunftsstaat.«
»Obwohl --,« bemerkte Zillich. »Das eherne Lohngesetz liegt doch auch
schon beim alten Eisen.«
Balrich fühlte, enttäuscht und grimmig: Was soll man verlangen von den
Bourgeois. Dumm wie mein Steiß, und dazu falsch . . . Ihr Wissen haben
sie nur, weil sie Geld haben. Her damit, und dann ihnen an den Hals. Da
ist nicht Dank noch Schonung. Gelte jeder, was er ist!
Er räumte zusammen, stand auf, trug seinen Stuhl an den früheren Platz
und verabschiedete sich mit mehreren Kratzfüßen. Inzwischen sprachen die
Herren gedämpft.
»Die Sachen sind wie sie sind, und manch' einer spricht sie aus. Aber es
kommt doch sehr darauf an, wer.«
Als der Arbeiter schon draußen war, rückte Klinkorum mit dem
Eigentlichen heraus.
»Was soll man sagen. Die Begriffe fehlen, folglich die Worte. Ihm genügt
es nicht länger, mein Haus, die Zuflucht meiner Muse, hinabgezerrt zu
haben in sein Tal der Armut und des Schmutzes, es entwertet und
verelendet zu haben: er will mich umbringen!«
Sie wollten es ihm nicht glauben, aber er belegte es mit Zahlen und
Daten, herrührend von dem Heßlingschen Baumeister selbst. Ein drittes
Arbeiterwohnhaus war bereit zu entstehen; auf dem Plan bestand es schon
-- und wo, und wo? Hinter Klinkorum, vielmehr, im Bogen um ihn her, --
so daß er auf drei Seiten verstellt war, und vorn die Landstraße, Staub
und Benzingestank. Das Ende von allem, man konnte ihm nur noch die Hände
schütteln. Klinkorum schwur freilich, dies endlich werde nicht so
hingehen, es gäbe Richter . . .
Balrich draußen wollte schon das Gartengitter zuschlagen, aber Hans Buck
lief herbei.
»Ich habe gehorcht. Sind sie dumm und falsch!«
Balrich dachte: Dein Glück! Denn er hatte das Bürschlein schon verworfen
mit den übrigen.
»Es sind nämlich bloß Neidhämmel,« erklärte Hans Buck. »Und dann das
Buch, das du mir gestohlen haben sollst oder so!«
Er sagte plötzlich du. Dabei tanzte er vor Freude.
»Papa hat gewollt, ich soll es dem Haifisch aufbinden, -- und der tut,
als glaubt er es, denn er kriegt bezahlt. So sind sie.«
»Das ist -- ein abgekartetes -- Spiel?« sagte Balrich schwerfällig, und
starrte ernst in das schlaue Gesichtchen. Fünfzehn Jahre, und wußte
Bescheid über die Menschen, und war lustig dabei! Ihre Niedertracht war
ein Spaß für das Bürschlein!
»Komm' mit!« verlangte es. »Bis zu der großen Fichte, wo man die Villa
sieht. Weiter darfst du nicht.«
Balrich erwiderte:
»Nein. Ich will nicht.«
Und er ging über die Wiese nach Haus B. Hans Buck rief ihm nach:
»Morgen abend wieder!«
»Aber nicht, weil du es bist,« dachte Balrich. »Und Villa Höhe, die will
ich erst wiedersehen, wenn sie mein ist, das schwöre ich. Dann komme ich
und werfe euch hinaus.«
In dieser Nacht an seinem Tisch dachte er dennoch viel an Hans Buck. Was
Klinkorum ihm mitgegeben hatte, war bald aufgearbeitet, und seine
eigenen Bücher hatte er noch nicht da; ganz leicht hätte er Thilde
folgen können, abends, als sie ihm nachschlich bis auf die Treppe. Er
hatte sie aber fortgeschoben, und lieber dachte er, aus Sparsamkeit beim
Mondschein, des feinen und schlauen Knaben von Villa Höhe, und daß er
ihn wiedersehen werde.
Am Montag nach Feierabend trafen sie sich freilich bei Klinkorum, und
nach dem Unterricht hatte Hans Buck nichts Geringeres vor, als daß sie
zusammen in die Stadt gingen, das Bezahlen sei seine Sache. Aber
Balrich, mit finsterer Miene, zeigte auf den Packen Bücher, den er
bekommen hatte.
»Sechs Stunden bis zum Morgen -- das reicht kaum.«
Und er ließ den Leichtfuß dastehen.
Erst am Sonntag willigte er ein, spazieren zu gehen. Schwere Luft,
rauchiger Sonnenuntergang, -- und da Balrich nichts anderes zuließ,
gingen sie querfeldein und vorbei an den Arbeitervillen, eben dort, wo
er ehemals mit Thilde ging. Auch jetzt herrschte Ernst; Hans Buck ging
gemessen und überlegte.
»Das sind nun sieben Nächte,« sagte er, »und du hast rote Augen.«
»Anders geht es nicht,« entschied Balrich. Der reiche Kamerad gab es zu,
im Tone hoher Achtung.
»Nein. Denn du willst in einem Jahr lernen, wozu sie mir im Gymnasium
fünf oder sechs Jahre gegeben haben, -- und ich weiß es nicht.«
Plötzlich fielen ihm die Spiele der Kinder auf, an einem schlammigen
Graben, in den jeder den anderen einzutauchen suchte mit dem Gesicht.
»Sie sind schmutzig und boshaft,« bemerkte er; und er behauptete: »Wenn
sie das nicht wären, brauchtest du nicht so furchtbar viel zu lernen.«
Wieso? Ihm selbst machte die Erklärung Schwierigkeiten. Er fühlte nur:
zuerst sauber sein -- und ein anständiger Mensch. Das Lernen ist dann
Nebensache.
»Besser als Lernen ist Denken; und das Denken geht am besten, solange
man nicht daran denkt.« äußerte er.
Balrich sagte nüchtern: »Das ist Unsinn. Vielleicht, wenn man Geld hat.
So aber, wenn ich da heraus will,« -- er zeigte auf den Graben -- »muß
ich lernen wie ein --« Gehässig knurrend: »Wie ein Tier.«
Hans Buck verstand dies nicht völlig, er suchte sich einzufühlen. »Ich
habe doch auch nie Geld. Und sogar Papa hat es meistens nur vom Onkel
Heßling.
Der hat zu viel, darin habt ihr Recht. Meinem Papa sollte er mehr geben.
Aber mir wieder sollte Papa mehr geben. Wirklich anständig ist keiner.«
Balrich wußte nun schon, daß sogar die Reichsten noch Unterschiede
machen zwischen einander; er dachte mit Verachtung: »Ihr liefert euch
selbst an das Messer.«
Hans Buck seinerseits blieb plötzlich zurück; es war klar, er versteckte
sich hinter dem Größeren. Und Balrich, der den Zusammenhang sogleich
erfaßte, blieb stehen, einen Fuß vorgestellt, in der Haltung des
Beschützers. »Ist es der Rote dort?« fragte er, den Blick auf dem nahen
Rande des Arbeiterwaldes.
Ja, es war der Rote. Er war der natürliche Feind des jungen Buck, keines
Zusammenstoßes hatte es bedurft, keiner Absage. Längst lauerten sie
aufeinander und nur der entscheidende Augenblick fand Buck nicht
gesammelt. Balrich hörte, daß sein Freund außer Atem war.
»Er soll herankommen,« knurrte er. »Dann kriegt er genug.«
Hans Buck antwortete mit Anstrengung:
»Du darfst nicht. Es ist meine Sache.«
Balrich sah den Roten vorgehen und sah, er war der Stärkere.
»Wenn es deine Sache ist, dann hast du längere Beine. Lauf!« riet er.
»Das ist aber gegen meine Ehre,« sagte der Knabe aus Villa Höhe, --
worauf der Arbeiter die Achseln zuckte und dann lachte, zuerst leise
brummend, endlich aber mit wüstem Hoho.
Indessen trat Hans Buck hinter ihm hervor, machte einige Schritte und
faßte Fuß. Er spannte sich, ward größer, bekam scharfe Fäuste. Der Feind
schlich gebückt, seine Hände streiften das Gras. An der Wendung des
Weges angelangt, hielt er an -- und bog ab. Hans Buck behielt seine
Haltung, bis der breite Mensch, ihn seitwärts anschielend, zu laufen,
richtig zu laufen anfing. Darauf kehrte er zu Balrich zurück.
»Der Dummkopf hat sich bluffen lassen,« erklärte er, mit einer Bewegung,
die die Sache abtat. Der Arbeiter hatte zu lachen aufgehört.
Am Waldrand wendete sich ein Mädchen nach Hans um. Da erst kam ihm das
Selbstbewußtsein des Siegers, und er wagte es, ihr eine Kußhand
zuzuwerfen, -- obwohl sie in Begleitung war. Sie war goldblond, ohne Hut
und in einem dunklen Tuch wie die Arbeiterinnen, aber der Rock modern
und kleine Lackschuhe mit Stöckeln. Ihr Begleiter trug blaues Leinen,
wie ein Maschinist, aber darüber einen koketten Sommermantel.
»Es ist ein Techniker,« sagte Balrich im Ton einer Entschuldigung. »Ein
besserer Mensch.« Das Mädchen war Leni, seine Schwester; dies verschwieg
er. Er fühlte: das versteht so einer nicht.
Leni ging mit dem Techniker, der Bruder hatte es ruhig dahin kommen
gesehen. Der Techniker war ein Arbeiter und doch mehr. Wollen wir, daß
er sie heiratet? Nun also. Auch Thilde hatte hören müssen. Jetzt
freilich hatte Balrich sie satt. So konnte es enden.
Er gab sich Mühe, zurückzubleiben, aber der junge Buck drängte gewaltig
den beiden entgegen. Er sagte: »Das ist einmal ein Mädel!« und tat
mutig. Als sie sich aber endlich begegneten, griff er so ungeschickt
nach seiner Mütze, daß er sie herunterwarf. Dennoch grüßte Leni ihn mit
ihren Goldaugen, und erst nachher lachte sie. Hans, trotz seiner Scham,
wollte ihr nach, der Techniker indessen hatte sich wohl mit ihr in die
Büsche geschlagen; man fand sie nicht, soviel Staub und Kohlenruß man
aufstöberte im Arbeiterwald. Erst am Teich -- er war braun von Schmutz,
einige badeten, drei Paare ruderten, -- in einem wackelnden Kahn, da
fand er sie. Aus dem Kahn schöpfte sie, das Kleid gerafft, Wasser und
bespritzte damit den Techniker. Bleich und schweigend kehrte der Knabe
um.
Beim Arbeiterhaus A wollte er Balrich durchaus nach rechts und auf die
Landstraße lenken. Was Arbeit, was Essen! Etwas war noch zu sagen.
Balrich wartete; es schien schwer zu sagen . . . Dann gab Hans Buck sich
einen überlegenen Ton und begann von einem Haus, das er schon lange im
Auge habe; er kenne es, er sei vorübergegangen, in der engen Straße
Klein-Berlin, hinter der Marienkirche des alten Zillich, und habe in dem
Haus das Lachen gehört, er müsse hinein. Groß genug sei er schon, seine
Vettern Heßling hätten ihn mitnehmen können. Aber vor ihm stellten sie
sich wie Duckmäuser, und so wollte er mit Balrich hingehen, -- er habe
Geld, sagte er nachdrücklich und klimperte.
Balrich sagte zu dem allen nur nein. Ob er nicht neugierig sei? Ob man
einem Freund nicht beistehen müsse? Oder gönne er ihm das Vergnügen
nicht? Nein. Nein. -- Hans fragte schmerzlich: »Warum -- warum denn
nicht?« Er bekam keine Antwort; Balrich machte lange Schritte, als
wollte er ihm entlaufen, aber Hans Buck verfolgte ihn mit seinem Warum
bis in das Haus. Da wendete Balrich sich um, sagte:
»Weil ich ein Arbeiter bin, und weil die Mädchen dort meine Schwestern
sein könnten.«
Und ließ den jungen Reichen dastehen.
Hans Buck sagte: »Ach so«; aber er ließ seine langen Wimpern herab und
dachte sich das Seine. Arbeiterinnen, -- die so lachten? Wie mochten sie
glücklich sein, in ihrem geheimnisvollen Hause! »Hierin, wie es scheint,
verstehen wir uns nicht. Er ist nüchtern wie ein Arbeiter, er sieht
nicht, was das Haus für ein Märchen ist, mitten in der ordentlichen
Stadt was für ein Abenteuer!«
Und auf seinem Heimweg in der Dämmerung träumte der Fünfzehnjährige von
Schleiern und Goldgürteln aus Bilderbüchern oder vom Theater, -- die
sich aber nun lösten und aufhoben von nie erblickten Gliedern. Schon ihr
Gedanke war brennend. Plötzlich, zum Greifen deutlich erschienen ihm Fuß
und Wade eines Mädchens, das den Rock gerafft in einem Kahn saß. Daheim
noch lange, über sein Buch hinweg, sann er, sie, jene Goldblonde, würde
eine der Schönsten sein in dem zauberhaften Hause . . . Sein Freund
Balrich inzwischen lernte; und ging es hart, tauchte sein Geist, sich
erfrischend, in das Gesicht einer bläulichen Frühe, als Leni, seine
Schwester, in einem schleppenden Gewand aus Mondlicht die Terrasse
herabgewandelt war von Villa Höhe. »Dort sollst du zu Hause sein,«
versprach er ihr.