Zweitnächsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem
Neugeborenen Mallis über das Feld zurück von Beutendorf, wo es getauft
war. Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der Säugling an
der Brust. Sie saßen an einem langen Tisch und noch allein. Als andere
Gäste eintraten, hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren
aufgeräumt. Der Großonkel Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen
Gehrock und mit dem Grinsen im Bocksbart, vollführte einen Tanz,
verbunden mit Händeklatschen und Gestampf, um seine Nichte Leni her. Er
behauptete, draußen irgendwo Derartiges gesehen zu haben.
Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mühsam aus seinen
Hängebacken. Indes ringsum Lärm war, beobachtete Karl Balrich gespannt
das Wackeln des Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste.
Plötzlich, das Auge auf ihm, raunte er ihm zu:
»Onkel, was war es damals, mit dir und Heßling?«
Gellert starrte verständnislos. »Damals?« fragte er. Balrich nickte
fest.
»Mit dir und -- du weißt schon.«
Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschwätz
von neulich. »Was fehlt viel, und ich wäre, was er ist,« hatte der alte
Tunichtgut gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschwätz, dachte
Balrich, so oft es ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete
er, bis der da kam, -- und schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte
zitternd:
»Hab' ich denn geschwatzt?«
»Du hast schon zu viel gesagt,« erklärte Balrich. »Jetzt sag' auch den
Rest!«
»Weiß schon jemand?«
»Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir --«
Der Alte winkte beschwörend. »Lieber du als die anderen. Du bist der
tüchtigste. Dein Onkel leider war nicht tüchtig.«
Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn für
Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas
Erworbenes hätten mitbringen können, und statt dessen fielen sie ihnen
noch zur Last. Auch der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mißfallen.
Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen ließ er alles
fahren.
»Konnte man denn wissen, damals?« Man hat einen alten Freund,
Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine
Laus, deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett.
Manchmal waren es Taler. Und als der eine im Städtchen bleiben will,
sein Handwerk treiben und Meister werden, läßt der andere ihm, bis er
wiederkommt, seine Taler.
»Das warst du?«
»Gott sei es geklagt.«
»Und der die Taler nahm, war der alte Heßling.«
»Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl?« wisperte Gellert. Balrich
hob die Schultern.
»Würdest du sie sonst noch haben?«
Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der
Fistel:
»Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld würde ich haben!«
Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der
Nächsten. Sie hatten in ihrem Lärm es nicht gehört. Balrich seinerseits
wendete sich unwirsch weg. Das war einmal der Mühe wert, um solch ein
Gefasel noch nachzufragen. »Mit deinen vier Talern hat er also
Gausenfeld gegründet?«
Gellert zischte. »Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und
alles war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte --
gearbeitet, du weißt schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich,
würde ich beileibe das nicht verdient haben.«
»Unehrliches Geld,« sagte Balrich. Der Alte meckerte.
»Sie hat es hergeben müssen, sonst holte sie der Teufel.«
»Und der Heßling wußte davon.«
»Vielleicht nicht?«
»Auch ein Lump.«
Gellert ward ernst und verweisend.
»Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er
nannte mich Lump.«
»Wenigstens gab er dir einen Schuldschein.«
»Das mußte er nicht.«
Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht:
»Jetzt hab ich genug von deinen, Räubergeschichten.«
Hier fing der Alte zu weinen an. »Ich war es doch,« schluchzte er, »und
du willst sagen, ich war es nicht.«
Er stieß Dinkl an und auch Herbesdörfer, bis sie ihm zuhörten.
»Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrüdern? Habt
ihr das erlebt?«
Da sie nicht begriffen, erzählte er nochmals das Ganze, begegnete auch
ihren Einwänden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet.
Warum er es nicht zurückgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren
Jahren, war es nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Geschäft.
»Es steckte im Geschäft? Kannst du das beweisen?«
»Ob ich es kann! Der alte Heßling hat mich doch bei der Hand genommen in
seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet.«
Balrich sagte, grabenden Blickes:
»Gausenfeld hat dem alten Heßling nie gehört. Seine Fabrik stand in der
Meisestraße.«
Gellert ward wild.
»Meisestraße oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim
Fenster, er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur
warten, bald würde ich anfangen, mit zu verdienen.«
»Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?«
»Daß er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein
Mohrenkopf.«
Dinkl fragte ernsthaft:
»Wielange ist das nun her?«
»Auf den Schlag vierzig Jahre!« schrie Gellert.
»Das ist Zeit genug,« sagte Dinkl. »Inzwischen hat der Mohrenkopf
vielleicht das Reden gelernt und kann für dich zeugen.«
Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen Gäste sich her und wollten
hören. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erläutern;
Balrich aber verbot es ihm leise und kurz.
Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte
er nur noch die Sorge, daß niemand weiter von der alten Geschichte
erfahre, besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu
komisch, man dürfe es nicht für sich behalten. »Onkel Gellert Teilhaber
von Heßling auf Gausenfeld! Generaldirektor Gellert!« kreischte er und
tanzte auf einem Bein, -- indes der Alte mit blutunterlaufenen Augen
dabeistand wie ein bittender Hund. Aber Balrich verlangte dringend, daß
kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten Arbeiter, der sich in der
Fabrik mit Anstreichen ein Stück Brot verdiene, ins Elend bringen wolle.
Dinkl erklärte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit verliere, werfe
er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!
Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen
Rippenstoß für ihn. »Wann lassen wir uns denn unsere Dividende
auszahlen?« fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie
ein Dieb. Eines Tages aber, in einem Winkel des großen Hofes in
Gausenfeld, als er vor dem Schichtmachen sein Gerät ordnete, stieß auch
Balrich ihn so an und raunte:
»Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?«
Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem
Tor kam, glitt er hinein und drückte sich. In diesem Augenblick ward es
Balrich zum erstenmal gewiß, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei
wahr.
Er hätte es nicht geglaubt, -- obwohl er jetzt jede Nacht darüber
nachdachte. Noch nicht in der ersten; die Zweifel näherten sich langsam,
nahmen immer mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der
Schlaflosigkeit. Da er nun gewiß war, schlich er, anstatt zu seinem
Mädchen, dem alten Gellert nach, der ihm auswich. Eines Abends nur traf
er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte, leicht angetrunken,
schien weniger ängstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in mittleren
Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der
Gang etwas einwärts, -- und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es
ging so schnell, im Schatten die Wand hin und ab, daß der Herr sich
nicht einmal umsah.
»Ich bin der Rechtsanwalt Buck,« sagte er. »Guten Abend, ich bringe
Ihnen, was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl.« Und mit
zarter Hand legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen
verschlossenen Umschlag.
Dinkl erwies sich gewandt, räumte die Kinder fort und machte dem Herrn
Rechtsanwalt so viel Platz, als genügte seinem Umfang das ganze Zimmer
nicht. Buck ließ sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen
gerührten Blick für Malli mit dem Säugling, einen bewundernden für Leni,
die die Brust herausstreckte, einen erstaunten über die Kinderschar hin,
dann seufzte er und fragte mild und etwas fett:
»Wohnen Sie hier gut?«
Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der
Schwager des Herrn Generaldirektors fragte: »Wohnen Sie hier gut?« --
anstatt nur hinzuwerfen, daß sie glänzend wohnten! In der Stille traf
Buck auf die gefalteten Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab,
dann suchten sie um so eindringlicher die des Arbeiters, -- dessen
Gesicht sich ein wenig entspannte unter dem braunen, weich glänzenden
Blick. Buck sagte sanft:
»Lieber möchten Sie natürlich auf Villa Höhe wohnen.«
Und als sei dies noch nicht genug des Unerhörten, hob er seine schweren
Schultern und sagte ergeben:
»Begreiflich, aber was kann man machen.«
Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht
einen ganzen Flügel von Villa Höhe, sondern allenfalls ein Kellerloch.
Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen,
und entschwand ihnen, langsam und einwärts. Die Meinung Mallis und
Dinkls war: »Ein armer Herr!« Leni blies nur geringschätzig durch die
Nase. Balrich schwieg, und er blieb nicht mehr lange.
Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang, --
und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich
zweifelte nicht, er ließ sich in der Kantine ein Fläschchen mit Schnaps
füllen und ging damit durch die rückwärtige Gartenpforte der Villa
Klinkorum, zu dem Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als
zwecklos, denn Gellert saß schon vor einer Flasche und war nun soweit,
daß er sich ganz allein etwas vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:
»So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!«
Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei
kein Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts
an. »Wie soll ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug
er noch Röckchen.«
»Aha. Bei seinem Vater.«
Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.
»Sein Vater ist doch tot,« sagte er, den Blick auf dem Glas. »Was willst
du von ihm. Damals freilich wollte jeder etwas von ihm. Er war der
mächtigste Mann in der Stadt, noch zu meiner Zeit und der Zeit des alten
Heßling. Der junge Heßling dann --«
Er strich sich mit der gestreckten Hand über die Kehle.
»-- ist mit ihm fertig geworden. Hat ihm sein Geld genommen, seine
Aktien, seine Würden, und stellt nun mehr vor als je der alte Buck.«
»Der junge Buck aber -- -- ist ein armer Herr,« sagte Balrich, finster
grübelnd. Gellert kicherte.
»Hat sich zuerst abschlachten, dann heiraten lassen. Nicht das
gesundeste Schwein hält das aus.«
Balrich rückte näher.
»Onkel Gellert, du mußt jetzt loslegen.«
Da der Alte sich duckte, faßte er ihn beim Arm. »Das hilft dir nicht
mehr. Ich weiß schon zu viel. Und dann bin ich dein Großneffe. Wer wird
wollen, daß du reich wirst, Onkel Gellert? Der, der dich beerben soll --
wie?«
Der Alte zwinkerte von unten.
»Glaube doch nur nicht, daß da etwas zu machen ist. Hast du eine Ahnung,
was für eine Laus du bist gegen Heßling?«
»Sage mir, was du mit dem alten Buck gehabt hast. Vielleicht wächst die
Laus.«
Seine Faust rüttelte an den Alten, bis er sich entschloß. Ja, bei dem
alten Herrn Buck war er damals gewesen, in dem alten Haus in der
Fleischhauergrube, mit den Stufen, die abgewetzt waren von den Füßen der
ganzen Stadt. Der Vertrauensmann der ganzen Stadt sollte ihm zu seinem
Geld helfen. »Das Seine hat er getan. Er hat sich den Vater Heßling
kommen lassen, und Heßling hat ihm auch geschrieben.«
»Auch geschrieben!« rief Balrich unterdrückt.
»Hat ihm schriftlich gegeben, daß in seiner Werkstätte mein Geld stak
und daß ich mitverdienen sollte.«
»Wo ist der Brief?«
»Die Abschrift vom Herrn Buck habe ich,« -- und Gellert entnahm sie der
Kommode. »Er hat sie mir nachgeschickt auf die Wanderschaft und hat mich
vertröstet. Mein alter Kriegskamerad Heßling sei schwer bedrängt, und
sonst noch allerlei.«
Balrich las schon, gierig versenkt. Zurückkehrend seufzte er.
»Das ist eine Abschrift, die muß keiner uns glauben. Wo ist der Brief
selbst?«
Der Alte grinste.
»Der Brief meines alten Kriegskameraden? Gewiß in den Papieren des Herrn
Buck. Das ganze Haus war voll von Papieren.«
»Und die Papiere?«
Der Alte kam grinsend näher.
»Heimlich habe ich umhergehört.«
Plötzlich zerrte er an seinen Knöpfen, riß sich die Kleider auf bis zur
nackten Brust. Sein Gesicht zerteilte sich in violette Fetzen, und auf
heulte er:
»Aus! Der Junge hat sie verbrannt.«
Balrich rührte sich nicht. Gellert begann allmählich, sich wieder
zuzuknöpfen. »Noch ein Gläschen,« sagte er.
Balrich trank aus.
»Dann kann ich nach Haus gehen.«
Unter der Tür fiel er gegen den Pfosten, kam aber gleich wieder auf.
Er ging nicht heim, sondern die Straße nach Villa Höhe. Die Linden
dufteten, ein warmer Wind schlug ihm entgegen. Sommer war geworden aus
dem dürren Frühling, in dem er angefangen hatte zu leben, -- zu hoffen,
zu wollen, zu leben. Sollte dies aus sein jetzt, nie hätte es dann
anfangen dürfen. Lieber tot, als alles wieder sein lassen wie sonst.
»So wird es nicht mehr!« rief er in die Nacht. Vorgebeugt gegen den
Wind, machte er Fäuste und zerstampfte die Lindenblüten. Jetzt weißt du!
Aufgedeckt war jetzt die Grube. Gestohlenes Geld, und Geld noch dazu,
das ein alter Elendsgenosse auf schmutzige Art erworben hatte, dies war
die Grundlage des Heßlingschen Reichtums. So sah die Grundlage eines
großen Vermögens aus, Geschlechtsschande und Diebstahl. Dies ist das
wahre Gesicht derer, die ihr enteignen werdet, Proletarier!
»Enteignen! Setzet mich und die Meinen, ehrliche Arbeiter, an die Stelle
solcher Verbrecher! Wäre in der Welt nur ein Funken Gerechtigkeit, hier
liefen alle zusammen, zeugten und hülfen. Statt dessen würden alle nur
lachen über den armen Arbeiter, und schrie er zu laut sein
verlorengegangenes Recht, ihn totschlagen für toll. Lieber gleich
sterben! So ist es bestellt. Lieber gleich sterben!«
Er nahm sein Halstuch ab und suchte in den Bäumen nach einem passenden
Ast.
Als er aber schon in einer Krone saß, vernahm er Stimmen, und von der
Villa herab kamen zwei Gestalten, Herren, schien es. Wer sollte es sein?
Nun, gut, Heßling und sein Schwager Buck sollten die ersten sein, die
ihn hängen sahen . . . Er fand aber, dies wäre dennoch eine übertriebene
Genugtuung für die glücklichen Verbrecher. Ihr Eintreffen war vielleicht
ein Fingerzeig ganz anderen Sinnes.
So ließ er sie vorbei, stieg hinunter und folgte ihnen. Die Nacht war
schwarz, und er schlich. Dennoch hörten sie ihn, wenigstens Heßling,
denn er blickte sich mehrmals um und ward unruhig, wenn ein Leuchtkäfer
ihn anglühte. »Er hat Furcht vor mir,« sah Balrich und freute sich. Er
fühlte: Wer schon zum Sterben bereit gewesen war, der hatte und konnte
viel mehr als diese reichen Schächer. Er hatte ein doppeltes Leben, und
mit denen da konnte er Schindluder treiben. Balrich im Gebüsch tat einen
Sprung, daß es knackte, und stieß dazu einen Laut aus wie ein
Phantasieungeheuer, -- worauf Heßling sich hinter einen Baum duckte.
Buck blieb nur stehen und knipste mit den Fingern.
Dann gingen sie weiter, immer sprechend; und Balrich versuchte zu
verstehen, soviel der warme Wind ihm übrigließ, der das meiste wegtrug.
Eins war klar, daß Heßling seinen Schwager herunterputzte wie einen
Tagelöhner. Er warf ihm den Weg in der Dunkelheit vor; das Volk sei
verroht, es werde immer gefährlicher; und ihre Geheimnisse hätten sie
sich auch anderswo sagen können . . . Welche Geheimnisse? Buck redete
von ihnen nur leise. Darauf erinnerte Heßling ihn, um so lauter, an das
Geld, das er von ihm bekomme, die Prozesse und Verhandlungen, die er für
ihn führen dürfe.
»Solche nicht!« schrie plötzlich Buck, -- worauf es eine Zeitlang still
blieb. Balrich schlich noch leiser, von Nüchternheit ergriffen. Wie kam
er hierher? Was hatte er gewollt, welcher Fingerzeig war ihm gegeben?
Die Herren dort hatten ihre Welt, nichts wußte man. War, was ihm im Kopf
saß, nicht ein Schwindel des alten Gellert? Oder er selbst hatte
geträumt?
Aber die Herren stritten weiter -- ein richtiger Streit. Heßling
nannte seinen Schwager einen Schöngeist und Verteidiger in
Majestätsbeleidigungsprozessen, den richtigen Sohn und Erben eines alten
Achtundvierzigers. Sein Gesinnungswechsel sei ihm bezahlt worden, als
Heßling ihm seine Schwester gab. Buck habe kein Recht mehr auf
Widerstand, auf diese gewisse unernste Ironie, die das freundschaftliche
Beisammenwohnen in Villa Höhe eines Tages gefährden und ihn brotlos
machen könne . . . Worauf Buck von Manövern sprach, gewissenlosen
Treibereien, einem Ende mit Schrecken, und wer bezahle dann?
»Wir nicht!« rief Heßling und lachte.
»Nein, alle,« rief Buck. Aber Heßling hielt ihm seine Schulden vor, da
gab er klein bei.
Der Arbeiter hinter ihnen fühlte sich unheimlich verstrickt in eine
Nacht der Verschwörungen, -- und wer weiß welches Massensterben konnte
hervorgehen aus dem tückischen Gemächt dieser beiden Bourgeois, die
einander doch haßten! Denn einig sind sie nur gegen uns; untereinander
möchten sie sich umbringen. Behandeln wir sie doch nur so, wie sie
einander! Mut! und sieh, was für arme Menschen, die Furcht haben
voreinander -- und auch vor uns, wenn es Nacht ist und die Soldaten
schlafen. Nur angreifen! Haft du gegen sie Waffen, und sei es die
schlechteste, schäme dich nicht! Balrich dachte: »Ein armer Herr!« und
meinte Buck. Der war der schwächere, zuerst an ihn! Einschüchtern,
erpressen -- was wäre denn unerlaubt gegen eine Verbrechergesellschaft.
Schon begannen die Laternen der Vorstadt, dem Heßling kam wohl der Mut,
er sagte zu seinem Begleiter: »Magst du nicht weiter, keine Umstände!«
Und Buck, nach einem Gruß mit dem Hut, kehrte allein um.
Balrich in langen Sätzen sprang zurück bis wo es dunkel war, und hinter
Ästen, die er herabzog, wartete er. Es dauerte lange, Buck kam daher,
watschelnd und barhäuptig, schwenkte seinen Hut und sprach mit sich
selbst. Mehrmals blieb er stehen, und obwohl er den Wind im Gesicht
hatte, wischte er sich den Schweiß. »Ich kann nicht länger!« sagte er,
wie beschwörend. »Ich bin der am schwersten Belastete, der Verräter,
Gott strafe zuerst mich!«
Da sah er auf, die Strafe nahte schon. Zweige schnellten, und ein Mensch
trat vor ihn hin. Buck wartete; da der andere nichts äußerte, sagte er
selbst: »Guten Abend.«
»Auweh,« dachte Balrich, »es ist gefehlt.« Und Zorn kam ihm gegen Dinkl,
den Prahlhans, der behauptete, sie schliefen immer und mit einem Finger
könne man sie umwerfen. Jetzt fragte Buck:
»Sie sind wohl erschrocken?« -- und seiner milden Stimme war es
anzuhören, daß er im Dunkeln ein spöttisches Lächeln aufgesetzt hatte.
Balrich sagte heiser:
»Sie müssen sich nun bequemen --«
Weiter wußte er nicht. Undeutlich hatte er sich vorgenommen, sofort und
auf der Stelle Geld zu verlangen und mit Skandal zu drohen. Buck
erwiderte schließlich:
»Ich tue nie etwas anderes als mich bequemen. Sie wünschen also?«
»Alles haben Sie gestohlen!« schrie Balrich. »Sie gehören nicht dahin,
wo Sie sind!«
Plötzlich brachte Buck ihm das Gesicht ganz nahe.
»Sie sind es also doch,« sagte er. »Ich habe öfter an Sie gedacht seit
heute. Sie sind doch überzeugt, daß auch Sie nicht dorthin gehören, wo
sie sind?«
Nach einer Pause:
»Sondern in die Villa Höhe?«
»Ich will mein Recht.«
»Ihr Recht. Nun ja. Gehen wir doch weiter!«
Im Gehen:
»Ich gebe zu, wir haben jeder gleich wenig Recht und fußen einzig auf
dem Zufall. Daß ich nicht meinen Platz räume, ist Feigheit, leidige
Feigheit. Möchten denn auch Sie so feig werden?«
Er hatte den Arm Balrichs genommen und stützte sich darauf. Seine
Sprache ward klangvoll und bewegt.
»Sie sind ein junger Arbeiter und stehen vor dem Leben. Ihresgleichen
kann weit kommen. Ich, ich bin ein verlorener Mensch. Könnte viel
Unrecht verhindern und, wer weiß, dem Verderben Unzähliger in den Arm
fallen. Aber der Augenblick kommt, da du Weichling das Herz nicht mehr
hast. Verstehen Sie?« fragte er, stehenbleibend.
Balrich verstand, daß der da aus der Fassung war und hier im Dunkeln mit
Dingen hervorkam, die nur ihn angingen. Ein armer Herr! Er machte seinen
Arm frei. --
»Was ich will, muß Sie nichts kosten,« sagte er hart. »Ich will Ihre
Zeugenschaft und daß Sie den alten Brief herausgeben, worin geschrieben
steht, daß das Geld des alten Heßling von meinem Onkel Gellert war.«
Buck zögerte nur kurz. Wieder mit seinem gewohnten Phlegma sagte er:
»Schon gut. Dann kommen Sie.«
Er ging voran. Balrich hinter ihm fühlte das Herz im Hals und fürchtete,
nicht mehr mitzukönnen. War es denn wahr? Buck hatte den Brief? Und gab
ihn einfach her? War dies Wahnsinn? War es eine Falle?
Er hörte nichts mehr. Erst als Buck ihm nachrief:
»Wohin laufen Sie denn?« kehrte er um. Sie waren schon vor Villa Höhe.
Ein dunkler Gartenweg. »Halten Sie sich an mich,« sagte Buck. »Ich gebe
lieber nicht das Zeichen, Licht zu machen. Wir kommen ohne Licht besser
aus.«
Er führte ihn um das Haus, an vielen dunklen Fenstern vorbei. Als es
hell ward, stand Balrich in einem weiten, seidenen Raum, goldgelb mit
hellen Bildern. Buck verschwand nebenan, dort war es rotgolden und voll
von Büchern. Sogleich kehrte er zurück.
»Da!« -- er reichte den Brief hin. »Überzeugen Sie sich!«
Indes Balrich das alte Papier hervorzog, entfaltete, prüfte, -- sprach
Buck in Ruhe weiter und holte dabei eine Kiste Zigarren.
»Daß er nicht mit verbrannt ist, dürfen Sie nicht für Zufall halten. Den
ganzen Aktennachlaß meines Vaters habe ich gesichtet und dies
zurückbehalten. Ihr Onkel war verschollen oder tot. Aber Sie, dachte
ich, sein Erbe, müßten doch einmal auftreten . . . Was haben Sie denn?«
fragte er; denn Balrich hatte eine hochgerötete Stirn, und mit wilden
Blicken über die Pracht der Räume hin, stieß er ein irres Gelächter aus.
»Das gehört mir,« sagte er. Buck ließ sich langsam in einen Sessel.
»Sie übertreiben. Der Prozeß wird Sie erstens viel Geld kosten.«
Balrich zog die Brauen zusammen, daß die Augen darunter wie ein
schwarzes Band aussahen. Er war tief erblaßt, er kämpfte mit der
Versuchung, über den Menschen herzufallen.
»Das beste ist entschieden,« sagte Buck, »Sie nehmen ein Glas von diesem
hier.« Er goß Likör ein. »Und auch eine Zigarre;« -- wobei er unter
Balrich einen Sessel schob.
»Ich will nicht,« sagte der Arbeiter. »Sie sind mein Feind.«
Buck schüttelte den Kopf. »Schade, wenn Sie es glauben. Das erschwert
unsere Sache. Zum mindesten müßten Sie doch bemerken, daß ich dem Herrn
Generaldirektor gern einen Denkzettel geben würde. Mit nichten will ich
Ihnen einreden, nur im Namen der idealen Gerechtigkeit hätte ich Ihren
Brief mir aufbewahrt. Ich verspreche mir gute Wirkung davon, wenn dem
Heßling, mindestens theoretisch, zum Bewußtsein gebracht wird, er fuße
auf Enteignung und am Anfang seines Rechtes stehe der Raub.«
Buck hatte glänzende Augen und dehnte sich in seinem Sessel.
»Noch ein Gläschen,« schlug er vor und leerte selbst eins.
Balrich dachte: »Wie Onkel Gellert. Auch dieser ist ein Taugenichts, ich
muß die Sache allein machen.«
»Aber,« begann Buck wieder, »zum Märtyrer bin ich nicht geboren, sonst
säße ich nicht hier in Villa Höhe.« Mit dem Lächeln der Verachtung:
»Leider kann ich ihn nicht erledigen, ohne auch mich zu erledigen.
Darum, alles mit Maßen.«
»Das sagen Sie allein,« stellte Balrich fest.
»Nein. Auch Sie müssen es einsehen. Tatsächlich geht es nur sehr mit
Maßen. Auf gütlichem Wege, will sagen mit Hilfe jeder nicht
lebensgefährlichen Bedrohung wird vielleicht eine Verzinsung des
eingelegten Kapitals zu erreichen sein, wenn schon keine Tantiemen. Das
ist nichts Großartiges, aber unterschätzen wir nicht den Gegner! Er
wird, selbst wenn er zahlt, die Echtheit des Briefes leugnen.«
»Dann gibt es Richter,« behauptete Balrich. Buck zuckte die Achseln.
»Wollen Sie es darauf ankommen lassen, wie ein Gericht befindet? Sie als
Arbeiter müssen sich doch sagen: in den Vorstellungskreis bürgerlicher
Richter paßt es nicht, daß ein Armer ein gültiges Dokument sollte
beibringen können gegen einen Reichen, geeignet, ihn aus seinem Besitz
zu werfen.«
»Wenn es aber doch echt ist!« sagte Balrich, verbissen.
»Die Möglichkeit, daß es echt wäre,« erklärte Buck, »wird mancher
interessant finden, auch unter meinen Kollegen mancher. Dennoch
übernimmt nicht einer die Sache ohne einen hohen Vorschuß. Ich selbst in
meiner Lage kann es nicht, zum Märtyrer nicht geboren, wie ich mich
fühle.«
Balrich hörte, nahm auf, und ward unsicher, je klarer der Herr dort
sprach. Man hätte es nicht geglaubt, es sei derselbe, der vorhin im
Dunkeln sich fassungslos hatte gehen lassen. Jetzt saß er in der Helle
und wußte Bescheid in seiner Welt. Für Balrich war sie ein nächtlicher
Verhau voller Fallen, -- und ihn stürme!
»Was würden denn Sie tun?« fragte er kleinlaut.
Buck sah ihn an wie einen Sohn.
»Ich? So wie ich bin? Ziemlich mürbe schon und in meinem Gedächtnis ohne
Beispiel, daß eine gerechte Sache, die schwach war, je gesiegt hätte?
. . . Dies würde ich tun.«
Er nahm den Brief seines Vaters aus den Händen Balrichs und bewegte die
brennende Zigarre darauf zu. Balrich, mit rauhem Schrei, entriß ihm den
Brief. Heraus aus dem weichen Sessel stand er fest auf seinen Beinen und
schnaubte:
»Ich bin nicht Sie, Gott sei Dank. Und brauche Sie nicht, und Ihre
Kollegen nicht. Mein Recht schaff' ich mir selbst.«
Buck änderte seine Haltung und den leichten Ton.
»Dazu müssen Sie Anwalt sein. Wie wollen Sie das machen.«
»Das weiß ich!« stieß Balrich hervor und stapfte nach der Tür.
»Halt!« rief Buck. »Warten Sie noch! Sie hören das Auto, das ausfährt,
um meinen Schwager abzuholen. Draußen ist jetzt alles beleuchtet.«
Er ging selbst zu dem jungen Menschen, er legte ihm die Hand auf die
Schulter.
»Erst zwanzig, wie? Und einen festen Kopf, vorwiegend Willen. Mein Sohn
möchte so sein. Durch meine Schuld ist er anders.«
Buck trat zurück und sagte prüfend:
»Man soll es versuchen. Ich hole Ihnen etwas, aus dem Zimmer meines
Jungen. Er schläft im übernächsten Zimmer, ich bin sogar erstaunt, daß
er nicht erwacht ist von Ihrem Schreien. Denn mehrmals haben Sie
geschrien. Sein Schlaf ist doch gut,« sagte der Vater zärtlich und ging
leise in die Tiefe seiner Wohnung.
Mit einem Buch kam er zurück.
»Da nehmen Sie! Er ist nicht aufgewacht. Die Stunde der Verschwörer ist
nun auch vorbei,« sagte er und zeigte auf eine Uhr, die Eins schlug.
»Gute Nacht.«
Er führte Balrich ins Freie. Man sah jetzt; aus den Räumen, die sie
verlassen hatten, fiel Licht auf den Weg.
Vor der Pforte, auf der Landstraße, wendete Balrich sich; gerade erlosch
das Licht, -- und im Dunkeln suchte er nach der Villa seiner Wünsche,
sein brennender Blick holte ihre Umrisse hervor, zwischen
herausspringenden Flügeln den zurückweichenden Haupttrakt und davor die
Terrasse. »Ich werde sie haben,« fühlte er. »Die schwachen, verwöhnten
Menschen dort innen ahnen gar nichts.« Er griff an seine Brust, nach dem
Brief. »Der, der so dumm war, ihn herzugeben, ahnt am wenigsten. Sie
denken, alles muß bleiben, wie es ist. Wie viel stärker ist der
Angreifer! Wie bedroht ist der, der etwas hat!« Laut und stark sagte er:
»Ich werde dich haben, so wahr ich dich sehe!«
Da, gerade da ward der Mond frei, strömte hin sein Licht über Haus und
Garten -- schenkte sie ihm geisterhaft, Farben des Traumes und der
lüsternen Märchen, tiefblaue Schatten, silberne Wand; bot den Besitz ihm
an wie ein Weib. Er taumelte.
Schon nahte wieder das Auto. Balrich warf sich rückwärts in die Tannen,
brach hervor weiterhin und eilte fort im stampfenden Marschtakt, die
Straße hinan in die Ferne, stundenlang.
Als er zurückkehrte, umschleierte blaue Frühe die Villa. Vogelstimmen
erhoben sich schon und feuchte Düfte, aber noch streifte Mondlicht die
Wege. Von der Terrasse dahinten rieselte es. Oder nein: ein Wesen,
herabwandelnd im schleppenden Silbergewand, langsam von Stufe zu Stufe.
Er suchte das Gesicht und fand nur Augen, die Augen seiner Schwester
Leni.
»Siehst du,« sagte er ihr, »dies ist für uns.«