24. Man hatte ihn also und dergestalten

In seinem Schlafe für wirklich todt gehalten.

Dieses Beispiel lehret nun jedermann,

Wie leicht man sich am Tode irren kann.

25. Man sagt, es hätte schon andre Fälle gegeben,

Daß man ohnmächt'ge Menschen, bei noch leben-

digem Leibe, aus Irrthum hab'

Zu frühzeitig gebracht in die Erde hinab.

26. In unsern Tagen ist's also 'ne rühmliche Mode,

Daß man vorsichtig ist bei der Menschen Tode,

Und daß nun niemand mehr in die Erde sinkt,

Bis er, ^salva venia^, faul ist und stinkt.

27. Beiläufig führ' ich dies jedem zu Gemüthe,

Damit man überall ein Unglück verhüte;

Denn ein jeder ehrlicher Biedermann

Könnte sonst mal erschrecklich laufen an.

28. Auf Herrn Schnellers Veranstaltung faßten

Nun die Träger den Sarg mit dem weiland Erblaßten,

Trugen ihn geschwinde ins nächste Haus,

Zogen die Todtenkleider ihm aus,

29. Und Herr Schneller, der rüstige Bader,

Schlug ihm drauf tüchtig eine Ader,

Rieb Stirn und Schläfe mit Salmiak,

Und setzte ein Klistier von Rauchtabak.

30. Der Leib ward mit warmen Tüchern frottiret,

Die Nase mit Essig und Spiritussen geschmieret,

Und so kehrte Hieronimus zum Glück,

Bald wieder ganz ins Leben zurück.

31. Er hat sich darauf seit diesen Stunden,

Völlig gut und gesund befunden,

Und des Herren Schnellers Arzenei

Truge dazu augenscheinlich bei.

32. Nur behielt er noch lange eine blasse Farbe

Und am Kopf vom Stoßen im Sarge eine Narbe,

_Wurde jedoch von solcher Zeit an

Ein sehr vernünftiger und braver Mann._

33. Ob etwa die Herren Psychologen

Die Ursach' einer so günstigen Aenderung erwogen,

Und ob davon mehr Exempel sein,

Dieses zu erfahren sollte mich freun.

Drittes Kapitel.

Worin die Frau Nachtwächterin Jobs plötzlich stirbt, aber Hieronimus

selbst sich wohl befindet.

1. Nach dem gemeinen Sprüchwort ist große Freude

Gemeiniglich gemischt oder befolgt mit Leide,

Und vom lustigen Hopsa und Fröhlichkeit

Ist Jammer, Auweh und Trauer nicht weit.

2. Dies Sprüchwort hat auch leider bald nach diesen

Geschichten in Hieronimi Hause als wahr sich gewiesen,

Wo nur ein Schritt, ja nur ein Haar,

Zwischen dem Tode und Leben war.

3. Denn kaum war Hieronimus wieder auferwecket,

So ward seine Frau davon so heftig erschrecket,

Daß alles Blut im Leibe bei ihr erstarrt

Und sie plötzlich eine Leiche ward.

4. Da half weder Aderlassen noch Klystiren;

Sie blieb todt, ohne einmal sich zu rühren,

Und Herrn Schnellers erhabene Kunst

Erschöpfte sich an ihr ganz umsunst.

5. Ob etwa die schnelle Freude sie so verdorben,

Daß sie davon so geschwinde gestorben,

Dieses, sowol als anders noch mehr,

Genau zu erörtern, gehört nicht hieher.

6. Einige haben wollen behaupten und sagen,

Als ob Frau Jobs schon in den ersten zwei Tagen

Der Wittwenschaft mit einem andern sich

Hätte verlobt und eingelassen ehelich;

7. Des erblaßten Gatten Auferstehung aber wäre

Nun bei ihr gekommen in die Quere,

Und dieser unvermuthete große Schmerz

Hätte ihr gebrochen das empfindliche Herz.

8. Allein, es ist Sünde sich so zu übereilen

Und von armen jungen Wittwen so lieblos zu urtheilen;

Das sicherste, was man davon sagen kann,

Ist: der Tod will eine Ursache han.

9. Sie ward nach vier Tagen zur Erde bestattet,

Und Hieronimus, zwar noch etwas ermattet,

Gab doch mit aller Zärtlichkeit

Ihr zur Ruhestatt das Geleit,

10. Froh, daß er diesmal dem Grabe entnommen

Und mit dieser Kleinigkeit glücklich davon gekommen;

Denn er dachte, besser heißt's: _Heute dir

Und nach Gelegenheit erst morgen mir._

Viertes Kapitel.

Allerlei Bewegungen und Reden, welche nach diesen Begebnissen

entstanden, und von der Verordnung, welche der Magistrat herausgab,

niemand zu begraben, als wenn er todt sei; bei 14 Goldgulden Brüchte zum

Behuf der Kämmerei.

1. Das Gerücht von dem geschehenen Abenteuer

Verbreitete sich überall wie ein laufend Feuer,

Und ward bald durch ganz Schwabenland,

Theils mit, theils ohne Zusatz bekannt.

2. Mancher hielt es für eine ersonnene Märe,

Was da in Schildburg neulich geschehen wäre,

Und jeder nach seiner besondern Manier,

Disputirte davon, theils _wider_, theils _für_.

3. Andre erzählten, daß man letzthin habe

In Schildburg gebracht einen Mann zu Grabe,

Welcher nunmehr in Gespenstergestalt

Herumging und erschreckte Jung und Alt.

4. Andre haben sogar behauptet und gesprochen,

Er habe, als Geist, seiner Wittwe den Hals gebrochen,

Weil sie einen jungen Menschen geküßt;

Und was des dummen Zeugs mehr ist.

5. Aber vor allen andern betrug sich

Der Magistrat von Schildburg sehr kluglich;

Denn sobald der erste Schrecken verschwand,

Nahm man das wichtige Geschäft zur Hand,

6. Und that ^in pleno^ deliberiren,

Damit nicht künftig was Aehnlich's möge passiren,

Und machte ^sub Dato^ _den_ 21ten _Hornung_

Von Wort zu Wort folgende Verordnung:

7. »Sintemal und alldieweil in diesen Tagen

Sich der besondere ^Casus^ zugetragen,

Daß man jemand beinahe mit Haut und Haar

Begraben hätte, der noch lebendig war;

8. Also findet ein hochweiser ^Magistratus

Schildburgensis^, daß es ein fürchterlicher ^Status^

Sei, wenn man jemanden steckt ins Loch,

Welcher bei diesem ^Actu^ lebet noch.

9. Dergleichen Excessen nun künftig vorzubeugen,

Wollen wir alle obrigkeitliche Mühe bezeigen,

Und geben hiemit das ernstliche Gebot:

Niemand zu begraben, er sei dann todt.

10. Wer sich das Gegentheil läßt kommen zu Schulden,

Soll gestraft werden um 14 Goldgulden,

Und dieses verwirkte Strafgeld sei

Dann für's ^Aerarium^ der Kämmerei.

11. Damit es zu jedermanns Kenntniß mög' gelangen,

Soll man dies an der Rathhausthür festhangen,

Imgleichen noch sonst hier und dort,

An den Kirchen und andern öffentlichen Ort.

12. Auf daß jeder Bürger dasselbe sehe

Und sich nach dem Inhalte pünktlich begehe,

'S findet folglich bei diesem Placat

Keine Excüse der Unwissenheit statt.

13. ^Datum^ im völligen ^plenissimo magistratu^,

^Coram^ sämmtlichen gegenwärtigen ^Senatu^.

^Affigatur et bublicetur^

^Et ad Prutacollum notetur^.«

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Wie diese Wundergeschichte vom Magistrate protocolliret ward. Item

gelehrte Nachricht von der Schildburgischen Chronik.

1. Anfangs vermochte niemand es zu errathen,

Was die Herren ohnedem noch vorhatten und thaten,

Denn sie hielten nicht lange nachher,

Eine Rathsversammlung extraordinär.

2. Drin wurde der Vorfall protocolliret

Und von Wort zu Wort geregistriret,

Damit dereinst Kind und Kindeskind

Dies Wunder zum ewigen Andenken fünd'.

3. Nämlich zwischen manchem von Mäusen zernagten Briefe,

Lag wohlverwahrlich im Stadtarchive

Ein besonders ehrwürdiges Stück,

Genannt Schildburger Chronik.

4. Die Tinte war vor Alter sehr erbleichet,

Das Papier von Nässe durch und durch erweichet,

Wobei auch der starke schweinslederne Band

Sich wurmstichicht und gar zerlumpt befand.

5. Der Titel, welcher noch halb gut geblieben,

Zeigte, wer ehmals den Anfang davon geschrieben,

Nämlich _Meister Lolf Didrich Lax_,

Schildburger Historiograph und Scribax.

6. Von wannen und in welchem Jahr der Autor gewesen,

Das konnt' man auf'm Titel leider nicht mehr lesen,

Auch _Jöchers_ Gelehrten-Lexikon,

Welches ich nachschlug, meldet nichts davon.

7. Darf ich indeß bei dieser dunkeln Sache es wagen,

Meine unmaßgebliche Meinung zu sagen:

So lebte Meister Lolf Didrich Lax, um

S' funfzehnte, sechzehnte oder siebenzehnte Säculum.

8. Man wird es mir auch hoffentlich erlauben,

Vor der Hand zu behaupten und fest zu glauben,

Wegen der deutschen Schreiberei,

Daß er ein Deutscher gewesen sei.

9. Wahrscheinlich hat der, der die Chronik geschrieben,

Zugleich das löbliche Schusterhandwerk getrieben;

Denn diese rare Antiquität

War mit Pechdraht geheftet und genäht.

10. Er war übrigens ein Erzspaßvogel;

Denn er führte bald vom Papst, bald vom Großmogel,

König Jan Böckels, Knipperdolling und Lipstullian,

Anekdoten bunt durcheinander an.

11. Weiters wird man schwerlich von ihm was erfahren,

Bis vielleicht andre geschickte Antiquaren

Des Autors genaue Biographie

Untersuchen und beschreiben spät oder früh.

12. Der Schreibstil war zwar in den meisten Stücken

Elendig wie in andern alten Chroniken,

Auch war nur drin zu sehn hie und da 'ne Spur

Einer mit Tinte gemalten Figur;

13. Aber es war doch drin ausführlich zu lesen,

Was in Schildburg von Anfang der Welt Merkwürdig's gewesen,

Und wie die Arche Noäh nach der Sündflut

Auf dem Alpengebirge Ararat geruht,

14. Und wie die Deutschen von Japhet abstammen,

Und zum Theil nach dem Städtchen Schildburg kamen,

Als zur babylonischen Thurmzeit

Sich die Nationen hin und her zerstreut;

15. Auch von Nimrod dem gewaltigen Jäger,

Und Goliath dem renommirten Philister und Schläger;

Ferner von Abraham, Isaak und Jakob

Und vom geduldigen Mann Hiob;

16. Die Bauzeit der ägyptischen Pyramiden;

Nachricht von den Alrunen und Druiden;

Und mehr Dinge bald aus alter, bald neuer Zeit,

Nach der Umstände und des Reims Gelegenheit;

17. Der Kinder Israels Marsch durch das rothe Meer;

Und wie Pharao drin ersoff mit seinem ganzen Heer,

Da doch einige Zeit hernach der große Christoph

Durch eben dies Meer ging und nicht ersoff;

18. Der Juden in Aegypten erlittenes Bedrängniß;

Ihre nachherige babylonische Gefängniß;

Salomons Tempelbau, und wie nach der Hand

Jerusalem wurde vom Titus verbrannt;

19. Josua's Vertilgung der bösen Canaaniten,

Lojola's Stiftung der kreuzbraven Jesuiten,

Amerika's Entdeckung von Colon und Vesputs,

Aussprüche des weisen Griechen Solon und Chinesen Confuts.

20. Der Hamelschen Kinder Ausgang nach Siebenbürgen,

Die Tödtung des Lindwurms durch Ritter Sanct Jürgen,

Simsons bekannte lustige Fuchsjagd,

Des deutschen Hermanns große Befreiungsschlacht.

21. Auch von Mahomet dem großen Lügenpropheten,

Anton von Padua dem frommen Anachoreten,

^Item^ von den heiligen drei Königen

Sowol in Mailand als in Köln noch jetzt zu sehn.

22. Noch sonst viel Merkwürdiges von den Hebräern

Und von den Wundern unter den Makkabäern,

Und was sonst alles noch unbeschwert

Genau zur Schildburger Chronik gehört.

23. Daß lange die Türken und Hünen das Land besessen,

Welche Heiden gewesen und Menschen gefressen,

Bis der heil'ge Bonifaz rund herum

Die Schildburger gebracht zum Christenthum;

24. Auch daß Karl der Große sie vollends bekehret,

Indem er das Land überall verheeret;

Auch wie sein Vetter der große Roland,

Das Fechten aus dem Fundament verstand;

25. Auch wie zur Zeit der leidigen Kreuzzüge,

Unter Gottfried von Bouillon im heiligen Kriege,

Aus Schildburg und dem benachbarten Land,

Sich mancher Kämpe beim Heer befand;

26. Wie bald darauf, vor ein paar hundert Jahren,

Die Kirchen in Schildburg gebauet waren,

Und wer darin, genau Jahr vor Jahr,

Küster, Schulmeister und Pfarrer war;

27. Auch was zur Reformationszeit passiret,

Wie man sich da geprügelt und disputiret,

Und wie drauf mancherlei Ketzerei

Erreget öfters Lärm und Geschrei;

28. Auch wann das Rathhaus zu Schildburg aufgeführet

Und man drin zum ersten Mal consultiret,

Nebst Rechnung der gehabten Kosten bei

Der damals geschehenen Schmauserei;

29. Wie der Ort selbst nur im Anfange

Ein Dorf gewesen, und erst lange

Nach Christi Geburte, erhalten da

Vom Fürsten Stadtsprivilegia,

30. Nebst einem Galgen für arme Sünder

Zum Behuf ihrer und ihrer Kinder,

So daß man zu ewigen Zeiten dran

Nur Schildburger Bürger hängen kann;

31. Auch sonst der lieben Bürgerschaft zum Guten

Unverbrüchliche besondere Statuten,

Welche durch die Länge der Zeit

Gekommen außer Gebräuchlichkeit.

32. Es war ferner in dem Buche beschrieben,

Was sonst in Schildburg geschehen und betrieben,

Alles mit Tag und Datum aufgeführt,

Und durch fremde Hände continuirt.

33. Zum Exempel: Blutige Balgereien,

Bestechungen und andre Teufeleien

Bei Rathmannswahlen; ^item^ Hagelschlag;

Stadtprocesse und sonstige Landplag';

34. Die Erscheinung furchtbarer Kometen

Mit ellenlangen Schwänzen, welche als Propheten

Krieg, Pest, Seuchen und theure Zeit

Den armen Schildburgern geprophezeit;

35. Viele schreckliche Sonn- und Mondfinsternisse,

Windstürme, Wasserfluten und Regengüsse,

Erdbeben, Mißwachs an Korn und Wein,

Erzählte die Chronik umständlich und haarklein.

36. Auch waren darin keinesweges vergessen,

Alle Schildburgische Criminalprocessen,

Besonders wie viel Unholdinnen und Hexen man

Nach gehöriger Wasserprobe verbrann;

37. Merkwürdige Todesfälle und Ungelücken,

Reparirung der Kirchen, Thoren und Brücken;

Verstorbener Betschwestern fromme Stiftung;

Der bösen Juden Brunnenvergiftung.

38. Mißgeburten, rathhäusliche Decreten,

Kluge Anstalten in allgemeinen Nöthen,

(Doch letztere eben nicht interessant)

Machte die Chronik gleichfalls bekannt.

39. Auch Scheibenschießen und feierliche Aufzüge,

Klage über erlittenes Drangsal im Kriege;

Feindliche Durchmärsche und Einquartirung,

Contributionen und Fouragirung;

40. Auch Nachrichten von erfolgten Feuersbrünsten,

Und berühmten Schildburgern, und erfund'nen Künsten;

(Doch von letzten war Verzeichniß und Bericht

Weder lang, noch von sonderbarem Gewicht.)

41. So ward dann auch, wie ich oben that sagen,

Das erwähnte Wunder in die Chronik eingetragen,

Woselbst es jeder neugierige Mann

Noch jetzt folgendermaßen lesen kann:

42. »Im tausend siebenhundert und drei und achtzigsten Jahre

Starb ein Mann hieselbst und war auf der Bahre,

Woselbst er bis an den dritten Tag

Als eine leibhafte Leiche lag;

43. Man war schon mit ihm auf dem Gottesacker,

Da wurde er wieder lebendig und wacker,

Und ward darauf völlig gesund, durch

Einen geschickten hiesigen Chirurg.

44. Die klare Wahrheit dieser Begebnissen

Bezeugen unterzeichnete ^Subscripti^ auf Pflicht und Gewissen.

_Lippel Schnack_, erster Burgermeister und Schenkwirth.

_Kunz Jack_, zweiter Burgermeister und Schweinehirt.

45. _Görgel Peter_, erster Rathsherr und Blaufärber.

_Michele Krummholz_, zweiter ^dito^ und Gerber.

_Hännsle Damm_, Hopfenhändler und Kamerar.

_Max Grunz_, Lumpensammler und Archivar.«

46. ^Nota bene!^ es ware hiebevoren

^Altissimum silentium^ bei allen Autoren,

Von dieser höchstschätzbaren Antik,

Der noch ungedruckten Schildburger Chronik;

47. Ich habe also bei dieser Gelegenheit geeilet

Und der gelehrten Welt Nachricht davon ertheilet;

Vielleicht macht nun irgend ein Verleger sein Glück

Mit dem Drucke der Schildburger Chronik.

Sechstes Kapitel.

Beschreibet die Verdienste des Herrn Schnellers.

1. Ehe wir nun weiter zur Geschichte schreiten,

Ist es nöthig den Leser zu bedeuten,

Was Herr Schneller gewesen für'n Mann,

Durch den Hieronimus dem Tode entrann.

2. Er hatte, wie gesagt, viel und große Verdienste,

War erfahren und kannte alle Heilkünste,

Uebte sie immer gar fleißig, und

Machte Gesunde krank und Kranke gesund.

3. Er hatte in Straßburg die Baderkunst studiret,

Und daselbst, ^qua talis cum Applausu^ cursiret;

Auch manches pergament'ne Testimonium

Mit Siegel dran, erhöhte seinen Ruhm.

4. Er war ungemein berühmt im prakticiren,

Durch vomiren, purgiren, klystiren,

Scarificir'n und kauterisir'n,

Accuschir'n und amputir'n,

5. Saliviren, fomentiren, anatomiren,

Pflasterschmieren, und andere iren,

Und dieses machte ihn durch ganz Schwabenland

Als einen Wunderdoctor bekannt.

6. Keiner that sich so, wie er, auf den Puls verstehen,

Keiner konnte, so wie er, das Wasser besehen,

Und Keiner sagte so gewiß, wie er,

Gesundheit, oder vielmehr den Tod vorher.

7. Keiner war mit der Säge und dem Messer

Bei chirurgischen Operationen fixer und besser,

Und er nahm bei jedem schicklichen Umstand

Sofort die Section vor die Hand.

8. Glücklicher als mancher promovirter Doctor

Steckte er oft dem Freund Hein den Stock vor,

Und machte also mit aller Gewalt

Durch schöne Mittel in der Krankheit Halt.

9. Denn entweder den einen Weg oder den andern

Mußten die Patienten in weniger Zeit wandern,

Und sie wurden, wie sich's gebührt,

Sicher zur Behörde expedirt.

[Illustration]

10. Fieber, Schwindsucht, ansteckende Seuchen,

Wassersucht, Schlag, Lähmung und dergleichen,

Krätze, Wahnsinn, Stein und Skorbut,

Curirte er alle, meist kurz und gut.

11. Eine seiner Pillen that mehr Zeichen

Als zehn andre Pillen ihres gleichen;

Und was er gewöhnlich den Kranken gab,

Das führte nach allen Seiten schnell ab.

12. Kurz! seine Arzneien waren durchgehend kräftig,

Purgirten wenigstens 40 mal heftig,

Und wer sie nahm morgens nüchtern und frisch,

Dem ward Magen und Darm so rein wie ein Fisch.

13. Seine Arcana pflegte er selbst zu bereiten,

Und verkaufte sie theuer, doch nur reichen Leuten;

Von Armen nahm er nur mäß'gen Profit

Als ein gewissenhafter Mann beiläufig mit.

14. Und weil sich auch in benachbarten Landen

Käufer für seine herrliche Composita fanden,

So gab er sie erga 50 Procent davon,

Andern zu verhandeln in Commission.

15. Er ersann schlau für seine Arzneimittel

Des mehrern Abgangs wegen, prächtige Titel,

Obgleich sich meistens es so befand,

Daß alles aus simpeln Sachen bestand.

16. Eine Unze vom ^Pulvis aureus Doctoris Schneller^

Kostete bei der Anlage nicht mal 'nen Heller;

Denn es war Salz mit Ziegelstein,

Zu einem Pulver gerieben gar fein.

17. Sein ^Praeservans contra^ alle Krankheiten,

Bestand aus Honig und einigen Kleinigkeiten;

Und etwas Eichenrinde mit Fliedermus war

Das königliche Restaurativ ^Electuar^.

18. Sein ^Elixir tonicum universale^

Bestund aus Weinessig und gefeiltem Stahle,

Und seine ^Essentia stomachalis pretiosa^

Aus Wasser mit abgekochter Menta.

19. Die ^Pilulae purgantes miraculosae^

Bestunden aus Aloe, nebst einer guten Dose

Von Jalappenharz und Gummigutt,

Elaterium und ^Semen Cataput^.

20. Sein berühmter Trank, die Lebensgeister zu wecken,

War der Absud von Haferkörnern und Quecken,

Und das Decoct ^ad omnes morbos pectoris^,

War eine Brühe von Süßholz und Anis.

21. Das ^Specificum infallibile contra^ Fieberhitze,

War eine Mixtur von Salpeter und Gerstengrütze,

Und die ^Tinctura contra^ Gicht und Stein,

War Terpentinöl mit Branntewein.

22. Das ^Extract imperiale^, die Ausdünstung zu mehren,

Bestand aus Bier, gekocht mit Wachholderbeeren,

Und sein ^Balsam vulnerar^ für Leib und Seel'

War etwas Kampher mit Rüböl.

23. Seine ^Species nobiles confortantes^

Waren gleichfalls etwas ganz Bekanntes;

Sie bestanden aus Kreide, Salbei,

Und etlichen Körnern von Carwei.

24. Seine ^incomparable visceral^-Tropfen

Waren ein Extract von Wermuth und Hopfen,

Und sein ^Unguent nervin^ war Theer,

Stark vermenget mit Schweineschmeer.

25. Sein ^Emplastrum summum^ für Hauen und Stechen,

Beinbrüche und ähnliche Gebrechen,

Bestand, so viel ich mich erinnern kann,

Aus Schuhpech, Bleiglätte und Fischthran.

26. Sein ^Egregium linimentum^ zum Schmieren beim Anwachsen,

Und in Sugillationen vom Stoßen, Fallen oder Baxen,

Oder wenn etwa der Unterleib schwall,

War grüne Seife und Ochsengall.

27. Sein ^Cataplasma^ gegen alte Geschwüre und Scirrhen

War Mehlkleister mit etwas Asa und Myrrhen,

Und sein ^Spiritus magnus resolvens^ war

Bierhefen mit ^ana^ Urin gar.

28. Sein ^Arcanum arcanorum Supracoeleste^

War, trotz des hohen Titels, auch nicht das Beste,

Weil es aus geraspelten Knochen und

Gedörretem Hammelblute bestund.

29. Sein ^Lapis excellens et divinus^

Bestund aus etwa zwei Theilen ^plus minus^,

Von Alaun, und von Zucker einem Theil;

Das stopfte jeden Blutsturz in Eil'.

30. So war auch weder mehr noch minder

Seine ^Emulsio nobilis^ für kleine Kinder,

Bei Verstopfung, Würmern und schwerer Noth,

Ziegenmilch mit zerriebenem Mäusekoth.

31. Sein ^Antidotum Dominae Principissae^

Waren zerquetschte unreife welsche Nüsse,

Und seine ^Orientalis Confectio^

War Syrup mit zermalmtem Bohnenstroh.

32. Es fanden sich ^salva venia^ in seiner Apotheke

Noch mehr Büchsen mit ähnlichem Drecke,

Von dem ich die Bereitung, nebst dem Preis,

Nicht so genau mehr kenne noch weiß.

33. Lange hatte er vormals in fremden Landen

Oeffentlich als ein leibhafter Doctor ausgestanden,

Wodurch er sich, obgleich mancher Kranke starb,

Doch ein ziemliches Vermögen erwarb.

[Illustration]

34. Endlich ließ er sich in Schildburg nieder,

Legte flott daselbst alle seine Collegen und Brüder,

Und fand auf Kosten der Kranken alsbald

Reichlich allda seinen Unterhalt.

35. Denn er war der ganzen Gegend Orakel,

In seinem Hause war immer Gewühl und Spectakel,

Reiche und Arme, groß und klein,

Drängten sich beständig aus und ein.

36. Gelückte eine Heilung unter seinen Händen,

So war ein Posaunen hier und an allen Enden,

Und es hieß: »Da hat der hochberühmte Mann

Abermal eine treffliche Cur gethan«;

37. Hingegen, wenn seine Patienten verdarben,

Oder gar bald in seiner Cur starben;

So hieß es: »Je nun mein lieber Christ!

Für 'n Tod kein Kräutlein gewachsen ist.«

38. Er pflegte auch wol zu thun kleine Reisen

Und seine Hilfe dringend anzupreisen,

Und Keiner, dem etwas fehlte nur,

War sicher vor seinen Pillen und Cur.

39. Auch junge Weibchen, denen was quälte,

Oder Mädchen, denen es heimlich wo fehlte,

Gingen weit und breit, mit frohem Sinn,

Zu Niemand als zu Doctor Schneller hin;

40. Denn sie konnten in jedem weiblichen Anliegen

Immer bei ihm sichre Specifica kriegen,

Dabei unterhielt er gewöhnlich sich

Als ein artiger Mann mit ihnen vertraulich.

41. Auch für Männer, die ihre ehliche Pflichten,

Wegen ihrer Jugendsünden, nicht konnten verrichten,

Hatt' er ein geheimes Aphrodisiak,

Von herrlicher Wirkung und gutem Geschmack.

42. Das wachsame ^Collegium medicum^ des Landes,

Welches viel von ihm hörte, verstand es

Unrecht und nannte es Pfuscherei,

Weil er nicht ^rite promotus^ sei,

43. Und ließ ihn oft zur Verantwortung citiren;

Er blieb aber vor wie nach beim Practiciren

Und nannte diese Zudringlichkeit,

Offenbare Mißgunst und Nahrungsneid.

44. Er wußte übrigens weder Latein noch andre Sprachen,

Und was sollte er auch eigentlich damit machen?

Denn mit Griechisch und Lateinisch wird

Doch nie, sondern mit Arzneien curirt.

45. Er haßte alle sogenannte Methoden und Secten,

Wünschte gar, daß alle Dogmatiker verreckten,

Und verließ sich einzig im Curiren nur

Auf Erfahrung und des Kranken starke Natur.

46. Von medicinischen Büchern, sowol neuen als alten,

Pflegte er ebenfalls gar nichts Gescheidtes zu halten;

Nur besaß er ein geheimes Manuscript

Und war in dessen Lectüre geübt.

47. Zwar war's schon alt, ohne Namen und Titel,

Doch zeigte es lauter schöne Hausmittel,

Und enthielte für allerlei Weh,

Manch sicheres Geheimniß und Recipe.

48. Es will mir übrigens hier nicht geziemen,

Diesen Wundermann länger zu preisen und zu rühmen;

Genug, es war der Retter des Hieronimus,

_Es lebe Herr Schneller, der Medicus!_

Siebentes Kapitel.

Wie Hieronimus Verdrießlichkeiten bekam, wegen seines Auflebens, mit dem

Todtengräber und seinem Amtssuccessor.

1. Als Hieronimus wieder zu Kräften gekommen,

Hat er sein altes Amt wieder übernommen,

Jedoch bei dieser Gelegenheit

Gerieth er in bittre Verdrießlichkeit.

2. Denn schon gleich nach seinem vermeinten Ableben,

Wurde der Wächterdienst einem andern übergeben,

Folglich hatte dieser etliche Tage schon

Das Nachtwächterhorn in Possession.

[Illustration]

3. Dieses aber bei Hieronimi neuem Leben,

So mir nichts, dir nichts, ihm wieder abzugeben,

Ginge freilich in der Güte nicht;

Drum kam die Sache vor Gericht.

4. Jeder suchte sich also einen Advocaten,

Um in dieser kritischen Sache ihm zu rathen,

Und vor der Hand ward rechtlich decretirt:

Daß das Wächteramt entweder würd' suspendirt,

5. Oder, weil die Unterlassung der Nachtwache

Eine gar zu bedenkliche Staatssache

Und bei Feuersbrunst und Dieberei

Für das Städtlein gefährlich sei:

6. So könnten beide Competenten gebührlich,

Des Nachts jeder für sich unpräjudicirlich,

So daß darin keine Verwirrung sei,

Anstimmen ihre nächtliche Melodei.

7. Das Gehalt aber könnte pendente lite,

Unter ihnen getheilet werden in Güte;

Allenfalls könnten auch um die andre Nacht

Sie halten die gewohnte Wacht.

Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen · 第 9 / 20 段