Die große Unruhe, welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs, ward
ihr dadurch vergütet, daß sie ihre Tochter völlig begreifen lernte,
worin ihr die Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hülfe kam. Es war
nicht zum erstenmal, daß ihr ein so seltsamer Charakter begegnete, ob
er ihr gleich noch niemals auf dieser Höhe erschien. Und doch hatte sie
aus der Erfahrung, daß solche Personen, durchs Leben, durch mancherlei
Ereignisse, durch elterliche Verhältnisse gebildet, eine sehr angenehme
und liebenswürdige Reife erlangen können, indem die Selbstigkeit
gemildert wird und die schwärmende Tätigkeit eine entschiedene Richtung
erhält. Charlotte ließ als Mutter sich um desto eher eine für andere
vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen, als es Eltern wohl
geziemt, da zu hoffen, wo Fremde nur zu genießen wünschen oder
wenigstens nicht belästigt sein wollen.
Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer
Tochter Abreise getroffen werden, indem diese nicht sowohl durch das
Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das, was man daran
lobenswürdig hätte finden können, eine üble Nachrede hinter sich
gelassen hatte. Luciane schien sichs zum Gesetz gemacht zu haben, nicht
allein mit den Fröhlichen fröhlich, sondern auch mit den Traurigen
traurig zu sein und, um den Geist des Widerspruchs recht zu üben,
manchmal die Fröhlichen verdrießlich und die Traurigen heiter zu
machen. In allen Familien, wo sie hinkam, erkundigte sie sich nach den
Kranken und Schwachen, die nicht in Gesellschaft erscheinen konnten.
Sie besuchte sie auf ihren Zimmern, machte den Arzt und drang einem
jeden aus ihrer Reiseapotheke, die sie beständig im Wagen mit sich
führte, energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich
vermuten läßt, gelang oder mißlang, wie es der Zufall herbeiführte.
In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und ließ sich gar
nicht einreden, weil sie fest überzeugt war, daß sie vortrefflich
handle. Allein es mißriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen
Seite, und dieser war es, der Charlotten viel zu schaffen machte, weil
er Folgen hatte und jedermann darüber sprach. Erst nach Lucianens
Abreise hörte sie davon; Ottilie, die gerade jene Partie mitgemacht
hatte, mußte ihr umständlich davon Rechenschaft geben.
Eine der Töchter eines angesehenen Hauses hatte das Unglück gehabt, an
dem Tode eines ihrer jüngeren Geschwister schuld zu sein, und sich
darüber nicht beruhigen noch wiederfinden können. Sie lebte auf ihrem
Zimmer beschäftigt und still und ertrug selbst den Anblick der Ihrigen
nur, wenn sie einzeln kamen; denn sie argwohnte sogleich, wenn mehrere
beisammen waren, daß man untereinander über sie und ihren Zustand
reflektiere. Gegen jedes allein äußerte sie sich vernünftig und
unterhielt sich stundenlang mit ihm.
Luciane hatte davon gehört und sich sogleich im stillen vorgenommen,
wenn sie in das Haus käme, gleichsam ein Wunder zu tun und das
Frauenzimmer der Gesellschaft wiederzugeben. Sie betrug sich dabei
vorsichtiger als sonst, wußte sich allein bei der Seelenkranken
einzuführen und, soviel man merken konnte, durch Musik ihr Vertrauen zu
gewinnen. Nur zuletzt versah sie es; denn eben weil sie Aufsehn erregen
wollte, so brachte sie das schöne, blasse Kind, das sie genug
vorbereitet wähnte, eines Abends plötzlich in die bunte, glänzende
Gesellschaft; und vielleicht wäre auch das noch gelungen, wenn nicht
die Sozietät selbst aus Neugierde und Apprehension sich ungeschickt
benommen, sich um die Kranke versammelt, sie wieder gemieden, sie durch
Flüstern, Köpfezusammenstecken irregemacht und aufgeregt hätte. Die
zart Empfindende ertrug das nicht. Sie entwich unter fürchterlichem
Schreien, das gleichsam ein Entsetzen vor einem eindringenden
Umgeheuren auszudrücken schien. Erschreckt fuhr die Gesellschaft nach
allen Seiten auseinander, und Ottilie war unter denen, welche die
völlig Ohnmächtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten.
Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die
Gesellschaft gehalten, ohne im mindesten daran zu denken, daß sie
allein alle Schuld habe, und ohne sich durch dieses und andres
Mißlingen von ihrem Tun und Treiben abhalten zu lassen.
Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden, ja
das Übel hatte sich so gesteigert, daß die Eltern das arme Kind nicht
im Hause behalten konnten, sondern einer öffentlichen Anstalt
überantworten mußten. Charlotten blieb nichts übrig, als durch ein
besonder zartes Benehmen gegen jene Familie den von ihrer Tochter
verursachten Schmerz einigermaßen zu lindern. Auf Ottilien hatte die
Sache einen tiefen Eindruck gemacht; sie bedauerte das arme Mädchen um
so mehr, als sie überzeugt war, wie sie auch gegen Charlotten nicht
leugnete, daß bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewiß
herzustellen gewesen wäre.
So kam auch, weil man sich gewöhnlich vom vergangenen Unangenehmen mehr
als vom Angenehmen unterhält, ein kleines Mißverständnis zur Sprache,
das Ottilien an dem Architekten irregemacht hatte, als er jenen Abend
seine Sammlung nicht vorzeigen wollte, ob sie ihn gleich so freundlich
darum ersuchte. Es war ihr dieses abschlägige Betragen immer in der
Seele geblieben, und sie wußte selbst nicht warum. Ihre Empfindungen
waren sehr richtig; denn was ein Mädchen wie Ottilie verlangen kann,
sollte ein Jüngling wie der Architekt nicht versagen. Dieser brachte
jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwürfe ziemlich gültige
Entschuldigungen zur Sprache.
„Wenn Sie wüßten“, sagte er, „wie roh selbst gebildete Menschen sich
gegen die schätzbarsten Kunstwerke verhalten, Sie würden mir verzeihen,
wenn ich die meinigen nicht unter die Menge bringen mag. Niemand weiß
eine Medaille am Rand anzufassen; sie betasten das schönste Gepräge,
den reinsten Grund, lassen die köstlichsten Stücke zwischen dem Daumen
und Zeigefinger hin und her gehen, als wenn man Kunstformen auf diese
Weise prüfte. Ohne daran zu denken, daß man ein großes Blatt mit zwei
Händen anfassen müsse, greifen sie mit einer Hand nach einem
unschätzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen Zeichnung, wie ein
anmaßlicher Politiker eine Zeitung faßt und durch das Zerknittern des
Papiers schon im voraus sein Urteil über die Weltbegebenheiten zu
erkennen gibt. Niemand denkt daran, daß, wenn nur zwanzig Menschen mit
einem Kunstwerke hintereinander ebenso verführen, der einundzwanzigste
nicht mehr viel daran zu sehen hätte“.
„Habe ich Sie nicht auch manchmal“, fragte Ottilie, „in solche
Verlegenheit gesetzt? Habe ich nicht etwan Ihre Schätze, ohne es zu
ahnen, gelegentlich einmal beschädigt?“
„Niemals“, versetzte der Architekt, „niemals! Ihnen wäre es unmöglich;
das Schickliche ist mit Ihnen geboren“.
„Auf alle Fälle“, versetzte Ottilie, „wäre es nicht Übel, wenn man
künftig in das Büchlein von guten Sitten nach den Kapiteln, wie man
sich in Gesellschaft beim Essen und Trinken benehmen soll, ein recht
umständliches einschöbe, wie man sich in Kunstsammlungen und Museen zu
betragen habe“.
„Gewiß“, versetzte der Architekt, „würden alsdann Kustoden und
Liebhaber ihre Seltenheiten fröhlicher mitteilen“.
Ottilie hatte ihm schon lange verziehen; als er sich aber den Vorwurf
sehr zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte, daß er
gewiß gerne mitteile, gern für Freunde tätig sei, so empfand sie, daß
sie sein zartes Gemüt verletzt habe, und fühlte sich als seine
Schuldnerin. Nicht wohl konnte sie ihm daher eine Bitte rund
abschlagen, die er in Gefolg dieses Gesprächs an sie tat, ob sie
gleich, indem sie schnell ihr Gefühl zu Rate zog, nicht einsah, wie sie
ihm seine Wünsche gewähren könne.
Die Sache verhielt sich also. Daß Ottilie durch Lucianens Eifersucht
von den Gemäldedarstellungen ausgeschlossen worden, war ihm höchst
empfindlich gewesen; daß Charlotte diesem glänzenden Teil der
geselligen Unterhaltung nur unterbrochen beiwohnen können, weil sie
sich nicht wohl befand, hatte er gleichfalls mit Bedauern bemerkt. Nun
wollte er sich nicht entfernen, ohne seine Dankbarkeit auch dadurch zu
beweisen, daß er zur Ehre der einen und zur Unterhaltung der andern
eine weit schönere Darstellung veranstaltete, als die bisherigen
gewesen waren. Vielleicht kam hierzu, ihm selbst unbewußt, ein andrer
geheimer Antrieb: es ward ihm so schwer, dieses Haus, diese Familie zu
verlassen, ja es schien ihm unmöglich, von Ottiliens Augen zu scheiden,
von deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast
ganz allein gelebt hatte.
Die Weihnachtsfeiertage nahten sich, und es wurde ihm auf einmal klar,
daß eigentlich jene Gemäldedarstellungen durch runde Figuren von dem
sogenannten Präsepe ausgegangen, von der frommen Vorstellung, die man
in dieser heiligen Zeit der göttlichen Mutter und dem Kinde widmete,
wie sie in ihrer scheinbaren Niedrigkeit erst von Hirten, bald darauf
von Königen verehrt werden.
Er hatte sich die Möglichkeit eines solchen Bildes vollkommen
vergegenwärtigt. Ein schöner, frischer Knabe war gefunden; an Hirten
und Hirtinnen konnte es auch nicht fehlen; aber ohne Ottilien war die
Sache nicht auszuführen. Der junge Mann hatte sie in seinem Sinne zur
Mutter Gottes erhoben, und wenn sie es abschlug, so war bei ihm keine
Frage, daß das Unternehmen fallen müsse. Ottilie, halb verlegen über
seinen Antrag, wies ihn mit seiner Bitte an Charlotten. Diese erteilte
ihm gern die Erlaubnis, und auch durch sie ward die Scheu Ottiliens,
sich jener heiligen Gestalt anzumaßen, auf eine freundliche Weise
überwunden. Der Architekt arbeitete Tag und Nacht, damit am
Weihnachtsabend nichts fehlen möge.
Und zwar Tag und Nacht im eigentlichen Sinne. Er hatte ohnehin wenig
Bedürfnisse, und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu
sein; indem er um ihretwillen arbeitete, war es, als wenn er keines
Schlafs, indem er sich um sie beschäftigte, keiner Speise bedürfte. Zur
feierlichen Abendstunde war deshalb alles fertig und bereit. Es war ihm
möglich gewesen, wohltönende Blasinstrumente zu versammeln, welche die
Einleitung machten und die gewünschte Stimmung hervorzubringen wußten.
Als der Vorhang sich hob, war Charlotte wirklich überrascht. Das Bild,
das sich ihr vorstellte, war so oft in der Welt wiederholt, daß man
kaum einen neuen Eindruck davon erwarten sollte. Aber hier hatte die
Wirklichkeit als Bild ihre besonderen Vorzüge. Der ganze Raum war eher
nächtlich als dämmernd und doch nichts undeutlich im Einzelnen der
Umgebung. Den unübertrefflichen Gedanken, daß alles Licht vom Kinde
ausgeht, hatte der Künstler durch einen klugen Mechanismus der
Beleuchtung auszuführen gewußt, der durch die beschatteten, nur von
Streiflichtern erleuchteten Figuren im Vordergrunde zugedeckt wurde.
Frohe Mädchen und Knaben standen umher, die frischen Gesichter scharf
von unten beleuchtet. Auch an Engeln fehlte es nicht, deren eigener
Schein von dem göttlichen verdunkelt, deren ätherischer Leib vor dem
göttlich-menschlichen verdichtet und lichtsbedürftig schien.
Glücklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung
eingeschlafen, sodaß nichts die Betrachtung störte, wenn der Blick auf
der scheinbaren Mutter verweilte, die mit unendlicher Anmut einen
Schleier aufgehoben hatte, um den verborgenen Schatz zu offenbaren. In
diesem Augenblick schien das Bild festgehalten und erstarrt zu sein.
Physisch geblendet, geistig überrascht, schien das umgebende Volk sich
eben bewegt zu haben, um die getroffenen Augen wegzuwenden, neugierig
erfreut wieder hinzublinzen und mehr Verwunderung und Lust als
Bewunderung und Verehrung anzuzeigen, obgleich diese auch nicht
vergessen und einigen ältern Figuren der Ausdruck derselben übertragen
war.
Ottiliens Gestalt, Gebärde, Miene, Blick übertraf aber alles, was je
ein Maler dargestellt hat. Der gefühlvolle Kenner, der diese
Erscheinung gesehen hätte, wäre in Furcht geraten, es möge sich nur
irgend etwas bewegen; er wäre in Sorge gestanden, ob ihm jemals etwas
wieder so gefallen könne. Unglücklicherweise war niemand da, der diese
ganze Wirkung aufzufassen vermocht hätte. Der Architekt allein, der als
langer, schlanker Hirt von der Seite über die Knieenden hereinsah,
hatte, obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt, noch den größten
Genuß. Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen
Himmelskönigin? Die reinste Demut, das liebenswürdigste Gefühl von
Bescheindenheit bei einer großen, unverdient erhaltenden Ehre, einem
unbegreiflich unermeßlichen Glück bildete sich in ihren Zügen, sowohl
indem sich ihre eigene Empfindung, als indem sich die Vorstellung
ausdrückte, die sie sich von dem machen konnte, was sie spielte.
Charlotten erfreute das schöne Gebilde, doch wirkte hauptsächlich das
Kind auf sie. Ihre Augen strömten von Tränen, und sie stellte sich auf
das lebhafteste vor, daß sie ein ähnliches liebes Geschöpf bald auf
ihrem Schoße zu hoffen habe.
Man hatte den Vorhang niedergelassen, teils um den Vorstellenden einige
Erleichterung zu geben, teils eine Veränderung in dem Dargestellten
anzubringen. Der Künstler hatte sich vorgenommen, das erste Nacht- und
Niedrigkeitsbild in ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln, und
deswegen von allen Seiten eine unmäßige Erleuchtung vorbereitet, die in
der Zwischenzeit angezündet wurde.
Ottilien war in ihrer halb theatralischen Lage bisher die größte
Beruhigung gewesen, daß außer Charlotten und wenigen Hausgenossen
niemand dieser frommen Kunstmummerei zugesehen. Sie wurde daher
einigermaßen betroffen, als sie in der Zwischenzeit vernahm, es sei ein
Fremder angekommen, im Saale von Charlotten freundlich begrüßt. Wer es
war, konnte man ihr nicht sagen. Sie ergab sich darein, um keine
Störung zu verursachen. Lichter und Lampen brannten, und eine ganz
unendliche Hellung umgab sie. Der Vorhang ging auf, für die
Zuschauenden ein überraschender Anblick: das ganze Bild war alles
Licht, und statt des völlig aufgehobenen Schattens blieben nur die
Farben übrig, die bei der klugen Auswahl eine liebliche Mäßigung
hervorbrachten. Unter ihren langen Augenwimmpern hervorblickend,
bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend. Sie
erkannte ihn nicht, aber sie glaubte die Stimme des Gehülfen aus der
Pension zu hören. Eine wunderbare Empfindung ergriff sie. Wie vieles
war begegnet, seitdem sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht
vernommen! Wie im zackigen Blitz fuhr die Reihe ihrer Freuden und
Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die Frage auf: ‘darfst
du ihm alles bekennen und gestehen? Und wie wenig wert bist du, unter
dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen, und wie seltsam muß es
ihm vorkommen, dich, die er nur natürlich gesehen, als Maske zu
erblicken?’ Mit einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten
Gefühl und Betrachtung in ihr gegeneinander. Ihr Herz war befangen,
ihre Augen füllten sich mit Tränen, indem sie sich zwang, immerfort als
ein starres Bild zu erscheinen; und wie froh war sie, als der Knabe
sich zu regen anfing und der Künstler sich genötiget sah, das Zeichen
zu geben, daß der Vorhang wieder fallen sollte!
Hatte das peinliche Gefühl, einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu
können, sich schon die letzten Augenblicke zu den übrigen Empfindungen
Ottiliens gesellt, so war sie jetzt in noch größerer Verlegenheit.
Sollte sie in diesem fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn? Sollte
sie sich umkleiden? Sie wählte nicht, sie tat das letzte und suchte
sich in der Zwischenzeit zusammenzunehmen, sich zu beruhigen, und war
nur erst wieder mit sich selbst in Einstimmung, als sie endlich im
gewohnten Kleide den Angekommenen begrüßte.