Sechstes Kapitel

Die große Unruhe, welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs, ward

ihr dadurch vergütet, daß sie ihre Tochter völlig begreifen lernte,

worin ihr die Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hülfe kam. Es war

nicht zum erstenmal, daß ihr ein so seltsamer Charakter begegnete, ob

er ihr gleich noch niemals auf dieser Höhe erschien. Und doch hatte sie

aus der Erfahrung, daß solche Personen, durchs Leben, durch mancherlei

Ereignisse, durch elterliche Verhältnisse gebildet, eine sehr angenehme

und liebenswürdige Reife erlangen können, indem die Selbstigkeit

gemildert wird und die schwärmende Tätigkeit eine entschiedene Richtung

erhält. Charlotte ließ als Mutter sich um desto eher eine für andere

vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen, als es Eltern wohl

geziemt, da zu hoffen, wo Fremde nur zu genießen wünschen oder

wenigstens nicht belästigt sein wollen.

Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer

Tochter Abreise getroffen werden, indem diese nicht sowohl durch das

Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das, was man daran

lobenswürdig hätte finden können, eine üble Nachrede hinter sich

gelassen hatte. Luciane schien sichs zum Gesetz gemacht zu haben, nicht

allein mit den Fröhlichen fröhlich, sondern auch mit den Traurigen

traurig zu sein und, um den Geist des Widerspruchs recht zu üben,

manchmal die Fröhlichen verdrießlich und die Traurigen heiter zu

machen. In allen Familien, wo sie hinkam, erkundigte sie sich nach den

Kranken und Schwachen, die nicht in Gesellschaft erscheinen konnten.

Sie besuchte sie auf ihren Zimmern, machte den Arzt und drang einem

jeden aus ihrer Reiseapotheke, die sie beständig im Wagen mit sich

führte, energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich

vermuten läßt, gelang oder mißlang, wie es der Zufall herbeiführte.

In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und ließ sich gar

nicht einreden, weil sie fest überzeugt war, daß sie vortrefflich

handle. Allein es mißriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen

Seite, und dieser war es, der Charlotten viel zu schaffen machte, weil

er Folgen hatte und jedermann darüber sprach. Erst nach Lucianens

Abreise hörte sie davon; Ottilie, die gerade jene Partie mitgemacht

hatte, mußte ihr umständlich davon Rechenschaft geben.

Eine der Töchter eines angesehenen Hauses hatte das Unglück gehabt, an

dem Tode eines ihrer jüngeren Geschwister schuld zu sein, und sich

darüber nicht beruhigen noch wiederfinden können. Sie lebte auf ihrem

Zimmer beschäftigt und still und ertrug selbst den Anblick der Ihrigen

nur, wenn sie einzeln kamen; denn sie argwohnte sogleich, wenn mehrere

beisammen waren, daß man untereinander über sie und ihren Zustand

reflektiere. Gegen jedes allein äußerte sie sich vernünftig und

unterhielt sich stundenlang mit ihm.

Luciane hatte davon gehört und sich sogleich im stillen vorgenommen,

wenn sie in das Haus käme, gleichsam ein Wunder zu tun und das

Frauenzimmer der Gesellschaft wiederzugeben. Sie betrug sich dabei

vorsichtiger als sonst, wußte sich allein bei der Seelenkranken

einzuführen und, soviel man merken konnte, durch Musik ihr Vertrauen zu

gewinnen. Nur zuletzt versah sie es; denn eben weil sie Aufsehn erregen

wollte, so brachte sie das schöne, blasse Kind, das sie genug

vorbereitet wähnte, eines Abends plötzlich in die bunte, glänzende

Gesellschaft; und vielleicht wäre auch das noch gelungen, wenn nicht

die Sozietät selbst aus Neugierde und Apprehension sich ungeschickt

benommen, sich um die Kranke versammelt, sie wieder gemieden, sie durch

Flüstern, Köpfezusammenstecken irregemacht und aufgeregt hätte. Die

zart Empfindende ertrug das nicht. Sie entwich unter fürchterlichem

Schreien, das gleichsam ein Entsetzen vor einem eindringenden

Umgeheuren auszudrücken schien. Erschreckt fuhr die Gesellschaft nach

allen Seiten auseinander, und Ottilie war unter denen, welche die

völlig Ohnmächtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten.

Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die

Gesellschaft gehalten, ohne im mindesten daran zu denken, daß sie

allein alle Schuld habe, und ohne sich durch dieses und andres

Mißlingen von ihrem Tun und Treiben abhalten zu lassen.

Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden, ja

das Übel hatte sich so gesteigert, daß die Eltern das arme Kind nicht

im Hause behalten konnten, sondern einer öffentlichen Anstalt

überantworten mußten. Charlotten blieb nichts übrig, als durch ein

besonder zartes Benehmen gegen jene Familie den von ihrer Tochter

verursachten Schmerz einigermaßen zu lindern. Auf Ottilien hatte die

Sache einen tiefen Eindruck gemacht; sie bedauerte das arme Mädchen um

so mehr, als sie überzeugt war, wie sie auch gegen Charlotten nicht

leugnete, daß bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewiß

herzustellen gewesen wäre.

So kam auch, weil man sich gewöhnlich vom vergangenen Unangenehmen mehr

als vom Angenehmen unterhält, ein kleines Mißverständnis zur Sprache,

das Ottilien an dem Architekten irregemacht hatte, als er jenen Abend

seine Sammlung nicht vorzeigen wollte, ob sie ihn gleich so freundlich

darum ersuchte. Es war ihr dieses abschlägige Betragen immer in der

Seele geblieben, und sie wußte selbst nicht warum. Ihre Empfindungen

waren sehr richtig; denn was ein Mädchen wie Ottilie verlangen kann,

sollte ein Jüngling wie der Architekt nicht versagen. Dieser brachte

jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwürfe ziemlich gültige

Entschuldigungen zur Sprache.

„Wenn Sie wüßten“, sagte er, „wie roh selbst gebildete Menschen sich

gegen die schätzbarsten Kunstwerke verhalten, Sie würden mir verzeihen,

wenn ich die meinigen nicht unter die Menge bringen mag. Niemand weiß

eine Medaille am Rand anzufassen; sie betasten das schönste Gepräge,

den reinsten Grund, lassen die köstlichsten Stücke zwischen dem Daumen

und Zeigefinger hin und her gehen, als wenn man Kunstformen auf diese

Weise prüfte. Ohne daran zu denken, daß man ein großes Blatt mit zwei

Händen anfassen müsse, greifen sie mit einer Hand nach einem

unschätzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen Zeichnung, wie ein

anmaßlicher Politiker eine Zeitung faßt und durch das Zerknittern des

Papiers schon im voraus sein Urteil über die Weltbegebenheiten zu

erkennen gibt. Niemand denkt daran, daß, wenn nur zwanzig Menschen mit

einem Kunstwerke hintereinander ebenso verführen, der einundzwanzigste

nicht mehr viel daran zu sehen hätte“.

„Habe ich Sie nicht auch manchmal“, fragte Ottilie, „in solche

Verlegenheit gesetzt? Habe ich nicht etwan Ihre Schätze, ohne es zu

ahnen, gelegentlich einmal beschädigt?“

„Niemals“, versetzte der Architekt, „niemals! Ihnen wäre es unmöglich;

das Schickliche ist mit Ihnen geboren“.

„Auf alle Fälle“, versetzte Ottilie, „wäre es nicht Übel, wenn man

künftig in das Büchlein von guten Sitten nach den Kapiteln, wie man

sich in Gesellschaft beim Essen und Trinken benehmen soll, ein recht

umständliches einschöbe, wie man sich in Kunstsammlungen und Museen zu

betragen habe“.

„Gewiß“, versetzte der Architekt, „würden alsdann Kustoden und

Liebhaber ihre Seltenheiten fröhlicher mitteilen“.

Ottilie hatte ihm schon lange verziehen; als er sich aber den Vorwurf

sehr zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte, daß er

gewiß gerne mitteile, gern für Freunde tätig sei, so empfand sie, daß

sie sein zartes Gemüt verletzt habe, und fühlte sich als seine

Schuldnerin. Nicht wohl konnte sie ihm daher eine Bitte rund

abschlagen, die er in Gefolg dieses Gesprächs an sie tat, ob sie

gleich, indem sie schnell ihr Gefühl zu Rate zog, nicht einsah, wie sie

ihm seine Wünsche gewähren könne.

Die Sache verhielt sich also. Daß Ottilie durch Lucianens Eifersucht

von den Gemäldedarstellungen ausgeschlossen worden, war ihm höchst

empfindlich gewesen; daß Charlotte diesem glänzenden Teil der

geselligen Unterhaltung nur unterbrochen beiwohnen können, weil sie

sich nicht wohl befand, hatte er gleichfalls mit Bedauern bemerkt. Nun

wollte er sich nicht entfernen, ohne seine Dankbarkeit auch dadurch zu

beweisen, daß er zur Ehre der einen und zur Unterhaltung der andern

eine weit schönere Darstellung veranstaltete, als die bisherigen

gewesen waren. Vielleicht kam hierzu, ihm selbst unbewußt, ein andrer

geheimer Antrieb: es ward ihm so schwer, dieses Haus, diese Familie zu

verlassen, ja es schien ihm unmöglich, von Ottiliens Augen zu scheiden,

von deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast

ganz allein gelebt hatte.

Die Weihnachtsfeiertage nahten sich, und es wurde ihm auf einmal klar,

daß eigentlich jene Gemäldedarstellungen durch runde Figuren von dem

sogenannten Präsepe ausgegangen, von der frommen Vorstellung, die man

in dieser heiligen Zeit der göttlichen Mutter und dem Kinde widmete,

wie sie in ihrer scheinbaren Niedrigkeit erst von Hirten, bald darauf

von Königen verehrt werden.

Er hatte sich die Möglichkeit eines solchen Bildes vollkommen

vergegenwärtigt. Ein schöner, frischer Knabe war gefunden; an Hirten

und Hirtinnen konnte es auch nicht fehlen; aber ohne Ottilien war die

Sache nicht auszuführen. Der junge Mann hatte sie in seinem Sinne zur

Mutter Gottes erhoben, und wenn sie es abschlug, so war bei ihm keine

Frage, daß das Unternehmen fallen müsse. Ottilie, halb verlegen über

seinen Antrag, wies ihn mit seiner Bitte an Charlotten. Diese erteilte

ihm gern die Erlaubnis, und auch durch sie ward die Scheu Ottiliens,

sich jener heiligen Gestalt anzumaßen, auf eine freundliche Weise

überwunden. Der Architekt arbeitete Tag und Nacht, damit am

Weihnachtsabend nichts fehlen möge.

Und zwar Tag und Nacht im eigentlichen Sinne. Er hatte ohnehin wenig

Bedürfnisse, und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu

sein; indem er um ihretwillen arbeitete, war es, als wenn er keines

Schlafs, indem er sich um sie beschäftigte, keiner Speise bedürfte. Zur

feierlichen Abendstunde war deshalb alles fertig und bereit. Es war ihm

möglich gewesen, wohltönende Blasinstrumente zu versammeln, welche die

Einleitung machten und die gewünschte Stimmung hervorzubringen wußten.

Als der Vorhang sich hob, war Charlotte wirklich überrascht. Das Bild,

das sich ihr vorstellte, war so oft in der Welt wiederholt, daß man

kaum einen neuen Eindruck davon erwarten sollte. Aber hier hatte die

Wirklichkeit als Bild ihre besonderen Vorzüge. Der ganze Raum war eher

nächtlich als dämmernd und doch nichts undeutlich im Einzelnen der

Umgebung. Den unübertrefflichen Gedanken, daß alles Licht vom Kinde

ausgeht, hatte der Künstler durch einen klugen Mechanismus der

Beleuchtung auszuführen gewußt, der durch die beschatteten, nur von

Streiflichtern erleuchteten Figuren im Vordergrunde zugedeckt wurde.

Frohe Mädchen und Knaben standen umher, die frischen Gesichter scharf

von unten beleuchtet. Auch an Engeln fehlte es nicht, deren eigener

Schein von dem göttlichen verdunkelt, deren ätherischer Leib vor dem

göttlich-menschlichen verdichtet und lichtsbedürftig schien.

Glücklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung

eingeschlafen, sodaß nichts die Betrachtung störte, wenn der Blick auf

der scheinbaren Mutter verweilte, die mit unendlicher Anmut einen

Schleier aufgehoben hatte, um den verborgenen Schatz zu offenbaren. In

diesem Augenblick schien das Bild festgehalten und erstarrt zu sein.

Physisch geblendet, geistig überrascht, schien das umgebende Volk sich

eben bewegt zu haben, um die getroffenen Augen wegzuwenden, neugierig

erfreut wieder hinzublinzen und mehr Verwunderung und Lust als

Bewunderung und Verehrung anzuzeigen, obgleich diese auch nicht

vergessen und einigen ältern Figuren der Ausdruck derselben übertragen

war.

Ottiliens Gestalt, Gebärde, Miene, Blick übertraf aber alles, was je

ein Maler dargestellt hat. Der gefühlvolle Kenner, der diese

Erscheinung gesehen hätte, wäre in Furcht geraten, es möge sich nur

irgend etwas bewegen; er wäre in Sorge gestanden, ob ihm jemals etwas

wieder so gefallen könne. Unglücklicherweise war niemand da, der diese

ganze Wirkung aufzufassen vermocht hätte. Der Architekt allein, der als

langer, schlanker Hirt von der Seite über die Knieenden hereinsah,

hatte, obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt, noch den größten

Genuß. Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen

Himmelskönigin? Die reinste Demut, das liebenswürdigste Gefühl von

Bescheindenheit bei einer großen, unverdient erhaltenden Ehre, einem

unbegreiflich unermeßlichen Glück bildete sich in ihren Zügen, sowohl

indem sich ihre eigene Empfindung, als indem sich die Vorstellung

ausdrückte, die sie sich von dem machen konnte, was sie spielte.

Charlotten erfreute das schöne Gebilde, doch wirkte hauptsächlich das

Kind auf sie. Ihre Augen strömten von Tränen, und sie stellte sich auf

das lebhafteste vor, daß sie ein ähnliches liebes Geschöpf bald auf

ihrem Schoße zu hoffen habe.

Man hatte den Vorhang niedergelassen, teils um den Vorstellenden einige

Erleichterung zu geben, teils eine Veränderung in dem Dargestellten

anzubringen. Der Künstler hatte sich vorgenommen, das erste Nacht- und

Niedrigkeitsbild in ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln, und

deswegen von allen Seiten eine unmäßige Erleuchtung vorbereitet, die in

der Zwischenzeit angezündet wurde.

Ottilien war in ihrer halb theatralischen Lage bisher die größte

Beruhigung gewesen, daß außer Charlotten und wenigen Hausgenossen

niemand dieser frommen Kunstmummerei zugesehen. Sie wurde daher

einigermaßen betroffen, als sie in der Zwischenzeit vernahm, es sei ein

Fremder angekommen, im Saale von Charlotten freundlich begrüßt. Wer es

war, konnte man ihr nicht sagen. Sie ergab sich darein, um keine

Störung zu verursachen. Lichter und Lampen brannten, und eine ganz

unendliche Hellung umgab sie. Der Vorhang ging auf, für die

Zuschauenden ein überraschender Anblick: das ganze Bild war alles

Licht, und statt des völlig aufgehobenen Schattens blieben nur die

Farben übrig, die bei der klugen Auswahl eine liebliche Mäßigung

hervorbrachten. Unter ihren langen Augenwimmpern hervorblickend,

bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend. Sie

erkannte ihn nicht, aber sie glaubte die Stimme des Gehülfen aus der

Pension zu hören. Eine wunderbare Empfindung ergriff sie. Wie vieles

war begegnet, seitdem sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht

vernommen! Wie im zackigen Blitz fuhr die Reihe ihrer Freuden und

Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die Frage auf: ‘darfst

du ihm alles bekennen und gestehen? Und wie wenig wert bist du, unter

dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen, und wie seltsam muß es

ihm vorkommen, dich, die er nur natürlich gesehen, als Maske zu

erblicken?’ Mit einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten

Gefühl und Betrachtung in ihr gegeneinander. Ihr Herz war befangen,

ihre Augen füllten sich mit Tränen, indem sie sich zwang, immerfort als

ein starres Bild zu erscheinen; und wie froh war sie, als der Knabe

sich zu regen anfing und der Künstler sich genötiget sah, das Zeichen

zu geben, daß der Vorhang wieder fallen sollte!

Hatte das peinliche Gefühl, einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu

können, sich schon die letzten Augenblicke zu den übrigen Empfindungen

Ottiliens gesellt, so war sie jetzt in noch größerer Verlegenheit.

Sollte sie in diesem fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn? Sollte

sie sich umkleiden? Sie wählte nicht, sie tat das letzte und suchte

sich in der Zwischenzeit zusammenzunehmen, sich zu beruhigen, und war

nur erst wieder mit sich selbst in Einstimmung, als sie endlich im

gewohnten Kleide den Angekommenen begrüßte.

Die Wahlverwandtschaften · 第 39 / 55 题