Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschäftigung
fand, so war die Folge, daß sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte. Für
sie sprach ohnehin seit einiger Zeit eine stille, freundliche Neigung
in seinem Herzen. Gegen jedermann war sie dienstfertig und
zuvorkommend; daß sie es gegen ihn am meisten sei, das wollte seiner
Selbstliebe scheinen. Nun war keine Frage: was für Speisen und wie er
sie liebte, hatte sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker zum Tee zu
nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist, entging ihr nicht.
Besonders war sie sorgfältig, alle Zugluft abzuwehren, gegen die er
eine übertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau,
der es nicht luftig genug sein konnte, manchmal in Widerspruch geriet.
Ebenso wußte sie im Baum- und Blumengarten Bescheid. Was er wünschte,
suchte sie zu befördern, was ihn ungeduldig machen konnte, zu verhüten,
dergestalt daß sie in kurzem wie ein freundlicher Schutzgeist ihm
unentbehrlich ward und er anfing, ihre Abwesenheit schon peinlich zu
empfinden. Hiezu kam noch, daß sie gesprächtiger und offener schien,
sobald sie sich allein trafen.
Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten,
das der Jugend Ottiliens besonders zusagte. Sie erinnerten sich gern
früherer Zeiten, wo sie einander gesehen; es stiegen diese Erinnerungen
bis in die ersten Epochen der Neigung Eduards zu Charlotten. Ottilie
wollte sich der beiden noch als des schönsten Hofpaares erinnern; und
wenn Eduard ihr ein solches Gedächtnis aus ganz früher Jugend absprach,
so behauptete sie doch, besonders einen Fall noch vollkommen
gegenwärtig zu haben, wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in
Charlottens Schoß versteckt, nicht aus Furcht, sondern aus kindischer
Überraschung. Sie hätte dazusetzen können: weil er so lebhaften
Eindruck auf sie gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen.
Bei solchen Verhältnissen waren manche Geschäfte, welche die beiden
Freunde zusammen früher vorgenommen, gewissermaßen in Stocken geraten,
sodaß sie für nötig fanden, sich wieder eine Übersicht zu verschaffen,
einige Aufsätze zu entwerfen, Briefe zu schreiben. Sie bestellten sich
deshalb auf ihre Kanzlei, wo sie den alten Kopisten müßig fanden. Sie
gingen an die Arbeit und gaben ihm bald zu tun, ohne zu bemerken, daß
sie ihm manches aufbürdeten, was sie sonst selbst zu verrichten gewohnt
waren. Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann, gleich der erste
Brief Eduarden nicht gelingen. Sie quälten sich eine Zeitlang mit
Konzipieren und Umschreiben, bis endlich Eduard, dem es am wenigsten
vonstatten ging, nach der Zeit fragte.
Da zeigte sich denn, daß der Hauptmann vergessen hatte, seine
chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen, das erstemal seit vielen
Jahren; und sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, daß die
Zeit anfange, ihnen gleichgültig zu werden.
Indem so die Männer einigermaßen in ihrer Geschäftigkeit nachließen,
wuchs vielmehr die Tätigkeit der Frauen. Überhaupt nimmt die
gewöhnliche Lebensweise einer Familie, die aus den gegebenen Personen
und aus notwendigen Umständen entspringt, auch wohl eine
außerordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft in sich wie ein
Gefäß auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses neue
Ingrediens eine merkliche Gärung verursacht und schäumend über den Rand
schwillt.
Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen
von der angenehmsten Wirkung. Die Gemüter öffneten sich, und ein
allgemeines Wohlwollen entsprang aus dem besonderen. Jeder Teil fühlte
sich glücklich und gönnte dem andern sein Glück.
Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und
alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das
Unermeßliche. So waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung
befangen. Ihre Spaziergänge dehnten sich weiter aus, und wenn dabei
Eduard mit Ottilien, die Pfade zu wählen, die Wege zu bahnen,
vorauseilte, so folgte der Hauptmann mit Charlotten in bedeutender
Unterhaltung, Teilnehmend an manchem neuentdeckten Plätzchen, an
mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren
Vorgänger.
Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schloßpforte des
rechten Flügels hinunter nach dem Gasthofe, über die Brücke gegen die
Teiche zu, an denen sie hingingen, soweit man gewöhnlich das Wasser
verfolgte, dessen Ufer sodann, von einem buschigen Hügel und witerhin
von Felsen eingeschlossen, aufhörte, gangbar zu sein.
Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war,
drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl
wissend, daß die alte, zwischen Felsen versteckte Mühle nicht weit
abliegen konnte. Allein der wenig betretene Pfad verlor sich bald, und
sie fanden sich im dichten Gebüsch zwischen moosigen Gestein verirrt,
doch nicht lange; denn das Rauschen der Räder verkündigte ihnen
sogleich die Nähe des gesuchten Ortes.
Auf eine Klippe vorwärts tretend, sahen sie das alte, schwarze,
wunderliche Holzgebäude im Grunde vor sich, von steilen Felsen sowie
von hohen Bäumen umschattet. Sie entschlossen sich kurz und gut, über
Moos und Felstrümmer hinabzusteigen, Eduard voran; und wenn er nun in
die Höhe sah und Ottilie leicht schreitend, ohne Furcht und
Ängstlichkeit, im schönsten Gleichgewicht von Stein zu Stein ihm
folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das über ihm
schwebte. Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine
ausgestreckte Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter stützte, dann
konnte er sich nicht verleugnen, daß es das zarteste weibliche Wesen
sei, das ihn berührte. Fast hätte er gewünscht, sie möchte straucheln,
gleiten, daß er sie in seine Arme auffangen, sie an sein Herz drücken
könnte. Doch dies hätte er unter keiner Bedingung getan, aus mehr als
einer Ursache: er fürchtete sie zu beleidigen, sie zu beschädigen.
Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich. Denn als er nun
herabgelangt, ihr unter den hohen Bäumen am ländlichen Tische
gegenübersaß, die freundliche Müllerin nach Milch, der bewillkommende
Müller Charlotten und dem Hauptmann entgegen gesandt war, fing Eduard
mit einigem Zaudern zu sprechen an:
„ich habe eine Bitte, liebe Ottilie; verzeihen Sie mir die, wenn Sie
mir sie auch versagen! Sie machen kein Geheimnis daraus, und es braucht
es auch nicht, daß Sie unter Ihrem Gewand, auf Ihrer Brust ein
Miniaturbild tragen. Es ist das Bild Ihres Vaters, des braven Mannes,
den Sie kaum gekannt und der in jedem Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen
verdient. Aber vergeben Sie mir: das Bild ist ungeschickt groß, und
dieses Metall, dieses Glas macht mir tausend Ängste, wenn Sie ein Kind
in die Höhe heben, etwas vor sich hintragen, wenn die Kutsche schwankt,
wenn wir durchs Gebüsch dringen, eben jetzt, wie wir vom Felsen
herabstiegen. Mir ist die Möglichkeit schrecklich, daß irgendein
unvorgesehener Stoß, ein Fall, eine Berührung Ihnen schädlich und
verderblich sein könnte. Tun Sie es mir zuliebe, entfernen Sie das
Bild, nicht aus Ihrem Andenken, nicht aus Ihrem Zimmer; ja geben Sie
ihm den schönsten, den heiligsten Ort Ihrer Wohnung; nur von Ihrer
Brust entfernen Sie etwas, dessen Nähe mir, vielleicht aus
übertriebener Ängstlichkeit, so gefährlich scheint!“
Ottilie schwieg und hatte, während er sprach, vor sich hingesehen;
dann, ohne Übereilung und ohne Zaudern, mit einem Blick mehr gen Himmel
als auf Eduard gewendet, löste sie die Kette, zog das Bild hervor,
drückte es gegen ihre Stirn und reichte es dem Freunde hin mit den
Worten: „heben Sie mir es auf, bis wir nach Hause kommen! Ich vermag
Ihnen nicht besser zu bezeugen, wie sehr ich Ihre freundliche Sorgfalt
zu schätzen weiß“.
Der Freund wagte nicht, das Bild an seine Lippen zu drücken, aber er
faßte ihre Hand und drückte sie an seine Augen. Es waren vielleicht die
zwei schönsten Hände, die sich jemals zusammenschlossen. Ihm war, als
wenn ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre, als wenn sich eine
Scheidewand zwischen ihm und Ottilien niedergelegt hätte.
Vom Müller geführt, langten Charlotte und der Hauptmann auf einem
bequemeren Pfade herunter. Man begrüßte sich, man erfreute und
erquickte sich. Zurück wollte man denselben Weg nicht kehren, und
Eduard schlug einen Felspfad auf der andern Seite des Baches vor, auf
welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen, indem man ihn mit einiger
Anstrengung zurücklegte. Nun durchstrich man abwechselndes Gehölz und
erblickte nach dem Lande zu mancherlei Dörfer, Flecken, Meiereien mit
ihren grünen und fruchtbaren Umgebungen; zunächst ein Vorwerk, das an
der Höhe mitten im Holze gar vertraulich lag. Am schönsten zeigte sich
der größte Reichtum der Gegend, vor- und rückwärts, auf der
sanfterstiegenen Höhe, von da man zu einem lustigen Wäldchen gelangte
und beim Heraustreten aus demselben sich auf dem Felsen dem Schlosse
gegenüber befand.
Wie froh waren sie, als sie daselbst gewissermaßen unvermutet ankamen!
Sie hatten eine kleine Welt umgangen; sie standen auf dem Platze, wo
das neue Gebäude hinkommen sollte, und sahen wieder in die Fenster
ihrer Wohnung.
Man stieg zur Mooshütte hinunter und saß zum erstenmal darin zu vieren.
Nichts war natürlicher, als daß einstimmig der Wunsch ausgesprochen
wurde, dieser heutige Weg, den sie langsam und nicht ohne
Beschwerlichkeit gemacht, möchte dergestalt geführt und eingerichtet
werden, daß man ihn gesellig, schlendernd und mit Behaglichkeit
zurücklegen könnte. Jedes tat Vorschläge, und man berechnete, daß der
Weg, zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten, wohlgebahnt in
einer Stunde zum Schloß zurückführen müßte. Schon legte man in Gedanken
unterhalb der Mühle, wo der Bach in die Teiche fließt, eine
wegverkürzende und die Landschaft zierende Brücke an, als Charlotte der
erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot, indem sie an die
Kosten erinnerte, welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein
würden.
„Hier ist auch zu helfen“, versetzte Eduard. „Jenes Vorwerk im Walde,
das so schön zu liegen scheint und so wenig einträgt, dürfen wir nur
veräußern und das daraus Gelöste zu diesen Anlagen verwenden, so
genießen wir vergnüglich auf einem unschätzbaren Spaziergange die
Interessen eines wohlangelegten Kapitals, da wir jetzt mit Mißmut, bei
letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs, eine kümmerliche Einnahme
davon ziehen“.
Charlotte selbst konnte als gute Haushälterin nicht viel dagegen
erinnern. Die Sache war schon früher zur Sprache gekommen. Nun wollte
der Hauptmann einen Plan zu Zerschlagung der Grundstücke unter die
Waldbauern machen; Eduard aber wollte kürzer und bequemer verfahren
wissen. Der gegenwärtige Pachter, der schon Vorschläge getan hatte,
sollte es erhalten, terminweise zahlen, und so terminweise wollte man
die planmäßigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen.
So eine vernünftige, gemäßigte Einrichtung mußte durchaus Beifall
finden, und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege
sich schlängeln, auf denen und in deren Nähe man noch die angenehmsten
Ruhe- und Aussichtsplätze zu entdecken hoffte.
Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwärtigen, nahm man abends zu
Hause sogleich die neue Karte vor. Man übersah den zurückgelegten Weg
und wie er vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu führen
wäre. Alle früheren Vorsätze wurden nochmals durchgesprochen und mit
den neuesten Gedanken verbunden, der Platz des neuen Hauses gegen dem
Schloß über nochmals gebilligt und der Kreislauf der Wege bis dahin
abgeschlossen.
Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen, als Eduard zuletzt den Plan,
der bisher vor Charlotten gelegen, vor sie hinwandte und sie zugleich
einlud, ihre Meinung zu sagen, und, als sie einen Augenblick anhielt,
sie liebevoll ermunterte, doch ja nicht zu schweigen; alles sei ja noch
gleichgültig, alles noch im Werden.
„Ich würde“, sagte Ottilie, indem sie den Finger auf die höchste Fläche
der Anhöhe setzte, „das Haus hieher bauen. Man sähe zwar das Schloß
nicht, denn es wird von dem Wäldchen bedeckt; aber man befände sich
auch dafür wie in einer andern und neuen Welt, indem zugleich das Dorf
und alle Wohnungen verborgen wären. Die Aussicht auf die Teiche, nach
der Mühle, auf die Höhen, in die Gebirge, nach dem Lande zu ist
außerordentlich schön; ich habe es im Vorbeigehen bemerkt“.
„Sie hat recht!“ rief Eduard. „Wie konnte uns das nicht einfallen!
Nicht wahr, so ist es gemeint, Ottilie?“—er nahm einen Bleistift und
strich ein längliches Viereck recht stark und derb auf die Anhöhe.
Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele, denn er sah einen sorgfältigen,
reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet; doch
faßte er sich nach einer leisen Mißbilligung und ging auf den Gedanken
ein. „Ottilie hat recht“, sagte er; „macht man nicht gern eine
entfernte Spazierfahrt, um einen Kaffee zu trinken, einen Fisch zu
genießen, der uns zu Hause nicht so gut geschmeckt hätte? Wir verlangen
Abwechselung und fremde Gegenstände. Das Schloß haben die Alten mit
Vernunft hieher gebaut, denn es liegt geschützt vor den Winden und nah
an allen täglichen Bedürfnissen; ein Gebäude hingegen, mehr zum
geselligen Aufenthalt als zur Wohnung, wird sich dorthin recht wohl
schicken und in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewähren“.
Je mehr man die Sache durchsprach, desto günstiger erschien sie, und
Eduard konnte seinen Triumph nicht bergen, daß Ottilie den Gedanken
gehabt. Er war so stolz darauf, als ob die Erfindung sein gewesen wäre.