Abbildungen der Dampfmaschine in Schulbüchern kennen, hat Watt nicht
selbst erfunden. Dies Verdienst gebührt dem als bedeutenden Erfinder
bekannten obersten Betriebsingenieur des Sohoer Werkes: Murdock,
der 1779 als einfacher Arbeiter bei Boulton und Watt eintrat.
Ein herkulisch gebauter Mann, Sohn eines Mühlenbauers und selber
Mühlenbauer, fand Murdock bei Boulton sofort Arbeit, als Boulton
darauf aufmerksam wurde, daß Murdock einen Hut eigner Erfindung und
Herstellung in der Hand trug. Murdock war in den nächsten Jahren der
einzige Arbeiter, auf den man sich immer verlassen konnte. Während
die andern, stolz auf ihre Stellung in dem berühmten Werke, sich
oft gewaltige Räusche leisteten, kam es Murdock nicht darauf an,
Tage und Nächte durchzuarbeiten, um einen Maschinendefekt, eine
Betriebsstörung in Ordnung zu bringen. Wo alles nichts mehr half, mußte
Murdock kommen. Die Grubenbesitzer in Cornwall, mit deren ungeberdigen
Betriebsführern Murdock manchen schweren Handel buchstäblich ausboxte,
boten ihm eine große Summe, falls er die Überwachung ihrer Maschinen
übernähme. Doch Murdock blieb seiner Firma treu. Er baute 1784 das
erste Modell einer Lokomotive mit Benutzung der Wattschen Maschine und
im Jahre 1785 die erste Dampfmaschine mit schwingendem Zylinder. Auch
führte er zuerst in der Fabrik von Soho und in andern Birminghamer
Betrieben die Gasbeleuchtung ein. Als er später zum Schutze seiner
Erfinderehre von einer Parlamentskommission vernommen wurde, meinte
einer der weisen Politiker, Murdock versuche doch zuviel zu beweisen,
wenn er sich anheischig mache, ein Licht ohne Docht zu liefern. Auch
die Erfindung des ~D~-Schiebers, aus dem sich der Muschelschieber als
Dampfverteilungsorgan entwickelte, war Murdocks Verdienst. Er hat
viele Jahre lang das Werk in Soho als erster Ingenieur geleitet, eine
schlichte, markige, vorbildliche Persönlichkeit, eine würdige Gestalt
neben Boulton und Watt.
[Illustration: Abb. 21. Muschelschieber im Dampfverteilungsraum. Die
Abbildungen veranschaulichen gleichzeitig die Bewegung des Kolbens
unter dem Druck des Dampfes.]
Watt baute nur sogenannte Niederdruckmaschinen, in denen höchstens 1¼
Atmosphärendruck verwendet wurde. Den Typus von Maschinen mit höheren
Dampfspannungen stellt Abbildung 22 dar.
[Illustration: Abb. 22. Hochdruckmaschine, wie sie erst nach Watt
gebaut wurde, vertikale Einzylindermaschine. ~E~ Dampfweg vom Kessel
nach dem Dampfverteilungsbehälter oder Schieberkasten ~K~, zwischen ~E~
und ~K~ die Drosselklappe. ~A~ Dampfzylinder, ~e~ und ~d~ lassen den
Dampf ein und aus, der entweichende Dampf geht durch ~g~ und ~r~ ins
Freie. ~B~ Kolben, ~R~ Kreuzkopf, ~P~ Pleuel- (oder Kurbelstange), ~Q~
Kurbelzapfen, ~f~ Exzenterscheibe, auf der durch ~Q~ gedrehten Welle
sitzend, die auch das Schwungrad ~x~ dreht, die Exzenterscheibe bewegt
den Dampfschieber in ~K~ auf und ab; ~h a v~ Regulator, hochgehendes
~h~ hebt ~b~ und dreht die Drosselklappe zwischen ~K~ und ~E~. ~c~
Exzenterscheibe, betätigt Speisepumpe ~o~, die den Dampfkessel mit
Wasser versorgt.]
Die Verwendung der Expansion des Dampfes, das heißt der Eigenschaft
des Dampfes, im Zylinderraum Arbeit durch Entspannung zu leisten,
obwohl die Dampfzufuhr abgesperrt wird, wenn erst ein kleiner Bruchteil
des Zylinderraums gefüllt ist, diese in der späteren Entwicklung der
Dampfmaschine nach Watt bedeutungsvoll gewordene Eigenschaft des
Dampfes beschrieb Watt selber bereits in einem Briefe an ~Dr.~ Small
im Jahre 1769. »Ich erwähnte gegen Sie ein Verfahren, das mich in
Stand setzt, auf ziemlich leichte Weise die Wirkung des Dampfes zu
verdoppeln, indem man die Spannkraft des Dampfes, die jetzt unbenutzt
im Kondensator verloren geht, wirken läßt. Das würde aber zu große
Zylinder erfordern. Die Idee ist daher am ersten für rotierende
Dampfmaschinen von Bedeutung. Öffnen Sie das eine Dampfventil und
lassen Sie so viel Dampf ein, bis der vierte Teil des in Frage
kommenden Raumes mit Dampf gefüllt ist, schließen Sie jetzt den
Dampfzutritt ab, dann wird der Dampf fortfahren, sich auszudehnen, und
mit abnehmender Kraft seine Wirkung ausüben, bis er mit einem Viertel
der anfänglichen Kraftäußerung endet. Die Summe dieser Reihe werden Sie
größer finden als ½, obwohl nur ⅓ des Dampfes angewendet wurde. Die
Kraftleistung wird allerdings ungleichmäßig sein, doch kann man diesem
Übelstand durch ein Schwungrad oder auf andre Weise abhelfen.«
Nachdem die Expansion mit der Sohoer Versuchsmaschine erprobt
worden, baute Watt für ein Londoner Wasserwerk die erste
Expansionsdampfmaschine mit ⅔ Füllung. Ein Patent auf die
Expansionsmaschine nahm er im Jahre 1782. Von der Ausführung dieser
Maschine kam er aber bald zurück, weil die Dampfmaschinenwärter lieber
mit vollem Dampf arbeiteten. Dafür waren die Verhältnisse des Kessels
natürlich nicht vorgesehen, der Kessel lieferte bald nicht mehr
genügend Dampf, und Klagen über Klagen liefen bei der Firma ein. So
beschloß Watt, keine weiteren Expansionsmaschinen zu bauen, solange
mit der Untauglichkeit des Wärterpersonals zu rechnen sei. Dagegen
führte sich die doppeltwirkende Maschine mit Drehbewegung rasch in die
verschiedensten Betriebe ein, so in Walzwerke und Mühlen aller Art. Für
die Gebläse von Eisenhütten war die einfachwirkende Maschine mit hin
und her gehender Bewegung verwendbar. Um in London aller Welt vor Augen
zu führen, was die doppeltwirkende Maschine mit Drehbewegung leisten
könne, errichtete Boulton 1786 unter großen Kosten eine Dampfmühle. Das
Kapital wurde von einer Gesellschaft aufgebracht. Diese Dampfmühle, die
den stärksten Widerstand der Mühlenbesitzer erfuhr, arbeitete anfangs
nicht richtig. Da mußte Murdock herbei, um sie in Gang zu bringen.
Die Albionmühle wurde ein Stelldichein für die vornehme Welt. Man
bewunderte das neue Werk der Firma Boulton und Watt und wollte sogar
ein Maskenfest darin abhalten. Das gestattete aber Watt keineswegs.
Einige Jahre warf die Maschine keinen Gewinn ab, obwohl sie in einer
Woche Mehl für 150000 Menschen mahlte. Als man hoffen durfte, daß sie
sich bezahlt mache, wurde sie böswillig in Brand gesteckt, ein großer
Geldverlust für die Gesellschafter. Die Täter ermittelte man nie.
Prozesse.
Vom Jahre 1785 ab begann endlich das Werk zu Soho Überschüsse zu
zeitigen. Watt wurde in kurzer Zeit ein vermögender Mann. Er beeilte
sich, sein sauer verdientes Vermögen in Grundbesitz anzulegen, so daß
er Boulton nicht einmal beispringen konnte, als dieser nach einigen
Jahren noch einmal mit großen Geldschwierigkeiten zu kämpfen hatte.
Eine stete Sorge war von den ersten Jahren des Sohoer Betriebes an die
Furcht vor unlauterem Wettbewerb gewesen. Man hatte unter verschiedenen
Patentverletzungen zu leiden. Die widerrechtlich von Konkurrenten
hergestellten Maschinen taugten nichts, und dann hieß es, die Wattsche
Maschine enttäusche. Das schädigte natürlich den Ruf der Firma sehr.
Mit großer Besorgnis blickte Watt auch auf die Bemühungen fähiger
Ingenieure, sein Patent zu umgehen, d. h. ebenfalls eine Wattsche
Dampfmaschine zu bauen, aber ohne in juristisch nachweisbarer Form
Watts Patent zu verletzen, wenn immer schon die Idee die gleiche
war. Jonathan Hornblower war der Ingenieur, von dem man am ehesten
Wettbewerb zu besorgen hatte. Schon 1776 baute er eine Maschine mit
Expansion. Er benützte zwei verschieden große Zylinder, ließ den
Dampf aus dem kleineren in den größeren Zylinder weichen und auch
darin auf den Kolben wirken. Diese Maschine wurde 1781 patentiert.
Watt sah darin eine Verletzung seines Patentes. Die Hornblowers
hatten im Dienste der Firma Boulton und Watt seine Maschine genau
kennen gelernt. Im letzten Jahrzehnt des Schutzes für die Wattsche
Maschine kam es daher noch zu schwierigen Patentprozessen, die sich
jahrelang hinzogen. Die Rechtsanwälte schienen, wie Watt bemerkte,
sich verabredet zu haben, den Prozeß zu einer milchenden Kuh zu
machen. Und von den Richtern war nicht zu verlangen, daß sie in heißer
Inbrunst, dem Verletzten Recht zu schaffen, ihre Pflicht taten. Eine
einzige Anwaltsrechnung für Bemühungen in Patentprozessen in den
vier letzten Schutzjahren 1796-1800 belief sich auf mehr als 100000
Mark. Nun überlege man aber, was diese Prozesse Männer wie Watt und
Boulton noch an Zeit, Aufregungen und Verdrießlichkeiten gekostet
haben! Wir begegnen ja im Leben auch andrer höchst verdienter Erfinder
solchen Patentprozessen, die Hunderttausende von Mark verschlangen.
Die verklagten Patentverletzer erhoben gegen das Wattsche Patent vom
Jahre 1769 die lächerlichsten Einwendungen: die Patentschrift sei nicht
klar genug, um auf ihrer Grundlage eine Maschine zu bauen. Deshalb
verdienten die Patentinhaber keinen Schutz. Ein zweiter Einwand war
der, daß Watt seine Einspritzmethode nicht näher gekennzeichnet habe.
In dieser Beziehung wollte aber Watt gar nichts Neues erfunden haben.
Drittens machte man geltend, Watt habe nicht die Größenverhältnisse
angegeben, in denen sich Zylinder, Kondensator und Luftpumpe zueinander
befinden. Ferner sollte sich von den verschiedenen Dichtungsmitteln,
die Watt erwähnt habe, nur eins, Tierfett, bewährt haben. Und fünftens
bemängelten die Verletzer das Fehlen einer Zeichnung oder eines
Modells bei der Patentschrift. Aber Watt hatte sich weislich auf
Blacks und Smalls Rat gehütet, in seiner Spezifikation eine einzelne
Maschine mit bestimmten Abmessungen zu beschreiben. Denn dann wären
sofort die Nachahmer gekommen, hätten die gleiche Maschine in andern
Größenverhältnissen und mit unwesentlichen Abweichungen gebaut und
hätten sich, falls sie verklagt wurden, darauf berufen, die geschützte
Maschine sei ja ganz verschieden von der ihren. Deshalb hatte Watt
sich eine »Methode« patentieren lassen, den Dampfverbrauch und
Brennstoffverbrauch durch gewisse Grundsätze zu verringern, von denen
der Kondensator der wichtigste und die ausschlaggebende neue Erfindung
war. Watt gibt selbst zu, alles andre an der Dampfmaschine nenne er
nicht sein.
Von großem Gewicht im Prozesse gegen Hornblower war das Zeugnis des
damals berühmten Professors Robison, der mitten im Winter von Edinburg
herbeieilte, trotz körperlicher Leiden vor Gericht eine begeisterte
Rede auf Watt zu halten. Obwohl Watt im Prozesse siegte, äußert er
doch die Bemerkung, es habe ihm die juristische Zulänglichkeit der
Richter nicht gerade imponiert. Mit der Ungunst der Richter war
insofern zu rechnen, als Watt und Boulton ein Monopol genossen, und
schon von den ersten Dampfmaschinen an die Grubenbesitzer in Cornwall
undankbar genug die Inhaber der Sohoer Firma »Monopolisten, Tyrannen,
Unterdrücker« nannten. Die Richter hatten vielleicht Verwandte, denen
das Patent unbequem war, wer weiß? Schon oft hatten die Richter, die
ja in weltgeschichtlich berühmten Prozessen selten die Gelegenheit
verpaßten, sich der schlechteren Sache zuzuneigen, in Patentprozessen
andrer Erfinder, zum Beispiel Arkwrights, dem Unrecht zum Rechte
verholfen. Wenn sich brieflich auch einmal bei Watt die Äußerung
findet, daß er mehr auf die Richter als auf die Gesetze vertraue, so
ist doch wieder eine andere Äußerung des Erfinders bezeichnend, daß er
Prozesse verabscheue und eine Sache für halb verloren erachte, die vor
Gericht müsse. Den Eindruck, den Watt von den Spitzfindigkeiten sowohl
der Advokaten wie der Richter empfing, kennzeichnen des Erfinders
Worte: »Seit ich mich soviel unter den zweifelsüchtigen Gliedern der
Juristenzunft bewege, ist es mir wahrhaft unmöglich, eine feste Ansicht
über irgend etwas zu gewinnen.« Und wenn Watt später eine übertriebene
Rechnung zu bezahlen hatte, pflegte er zu bemerken, »diese Rechnung
könnte beinahe einem Londoner Rechtsanwalt Ehre machen«.
Von den im Prozeß gegen Hornblower verhörten gegnerischen Zeugen rührte
sich später noch in einem Schmähschriftstücke der als geschickter
Mechaniker und Erfinder bekannte Joseph Bramah. Man weiß im Publikum
sehr wenig von den Leuten, die als Zeitgenossen eines Genies sich
selber für weiser und besser hielten und sich in den unglaublichsten
Schmähungen der Männer ergingen, an die sie nicht heranreichten.
Welche elende, unreife Bürschchen haben sich sogar dem großen Galilei
gegenüber als Meister aufspielen wollen! Welche dreisten Subjekte
verhöhnten einen Robert Mayer! Und ein Bramah warf einem Watt
Unklarheit, unverdaute, unzusammenhängende, unmögliche Ideen vor,
nannte den Kondensator eine verzwickte und fragwürdige Sache: Watt
hätte in Wahrheit nichts erfunden, als was dem Publikum mehr Schaden
denn Nutzen zu bereiten geeignet wäre! Und in einer 1827 erschienenen
Geschichte der Dampfmaschine von Tredgold wird behauptet, die Idee
des Kondensators hätte auch einem andern früher oder später kommen
müssen, und die Erzgruben wären dann schon lange vor dem Erlöschen des
Wattschen Patentes besser entwässert worden.
Andre Erfindungen und Entdeckungen Watts.
Warum hat Watt nicht bereits selber seine Dampfmaschine dazu verwendet,
Schiffe und Wagen zu bewegen? Aus dem sehr einfachen Grunde, weil er
Geld verdienen mußte, um für seine Familie zu sorgen, und seine ganze
Arbeitskraft brauchte, um die Maschinen fertigzustellen, die für die
Bergwerke, die Walzwerke, Brauereien, Hochöfen und sonstige Betriebe
benötigt wurden. Zwanzig Jahre lang hatte es gedauert, bis er auf
einen grünen Zweig zu kommen begann. Zehn Jahre, das heißt: solange
die Sohoer Fabrik noch keine Überschüsse erzielte, war Watt dem Namen
nach Geschäftsteilhaber von Boulton, im Grunde aber, da er jährlich
von der Firma 6600 Mark Gehalt erhielt, deren freilich unentbehrlicher
Ingenieur. Indessen haben die Lebensschicksale andrer Erfinder, zum
Beispiel Porters, gezeigt, daß kaufmännische Leiter intelligent genug
sein können, den besten und unentbehrlichsten Mann aus dem Geschäfte
zu drängen. Wäre Boulton nicht mehr als ein reiner Geschäftsmensch
gewesen, Watt hätte schwerlich bei ihm ausgehalten. Vorläufig war er ja
nur Angestellter und dachte gar nicht daran, immer auf neue Erfindungen
auszuschauen, die sich vielleicht erst nach Jahrzehnten verwerten
ließen. Lief er ja doch bei jeder Erfindung Gefahr, bestohlen und um
die Früchte seines Geistes gebracht zu werden. Als Murdock, nach den
Besitzern der beste Mann der Firma, 1784 eine Lokomotive baute, war
Watt dagegen, nicht nur, weil er einen Eingriff in seine Patentrechte
befürchtete, sondern weil er einen so fähigen und unersetzlichen Mann
wie Murdock nicht auf Gebieten sehen wollte, wo er von den dringenden
Aufgaben des Tages abgezogen würde. Wenn nun aber Watt auch sich
nicht weiter mit der Verwertung der Dampfmaschine für Schiffahrt und
Fuhrwerke befaßte, so hat er doch immer noch eine ganze Reihe andrer
Erfindungen und Entdeckungen gemacht. Die allerbekannteste und heute
in kaufmännischen Betrieben überall verbreitete ist die Kopiermaschine
(Abbild. 23). Watt hatte, während er von Boulton getrennt war -- es
mußte sich ja jahrelang fast immer einer von den beiden im Minenbezirk
Cornwall aufhalten, um bei den Maschinen nach dem Rechten zu sehen, --
fast täglich ausführliche Briefe an Boulton zu schreiben. Beide Männer
standen schriftlich in ununterbrochenem Gedankenaustausch. Da brachte
die lästige Pflicht, Abschriften von diesem Briefwechsel zu machen,
den Erfinder auf ein mechanisches Verfahren zur Herstellung solcher
Abschriften. Die Kopierpresse, anfänglich als Walzenpresse ausgeführt,
wurde erfunden. Boulton führte sie 1780 ins Geschäftsleben ein, indem
er sie zuerst in London der vornehmen Welt und den Parlamentariern
zeigte. Die Maschine begegnete großem Widerwillen. Man fürchtete, die
Münz- und Notenfälscher würden das Papiergeld auch mit einer solchen
Maschine nachahmen, und an falschem Gelde lief im Lande schon genug
um. Einige Tage lang schimpfte ganz London über die Erfindung. Hörte
Boulton doch selber, wie man ihn an den Galgen wünschte. Trotzdem trat
die Maschine bald ihren Siegeszug um die Erde an.
[Illustration: Abb. 23. Kopierpresse (Zeitschr. d. Ver. D. Ing. 1896.)]
Für die verschiedenen Typen von Maschinen, die in Soho hergestellt
wurden, stellte Watt in Verbindung mit Southern Rechenformeln
zur Abmessung der voneinander abhängigen Größen auf. Daß er den
gewöhnlichen Rechenschieber durch Zufügung logarithmischer Skalen
verbesserte, erinnert uns an Watts Landsmann Lord Napier, den Erfinder
der natürlichen Logarithmen, zu dessen Bild Watt von Kind auf im
Vaterhause aufgeschaut hatte.
Napier war auch Erfinder der Rechenstäbchen, die die Vielfachen der
einzelnen Ziffern bis zum Neunfachen enthalten. Watt aber war eine
Zeitlang damit beschäftigt, eine Rechenmaschine zum Multiplizieren und
Dividieren zu erfinden.
Das Bestreben, in den Kesselfeuerungen eine möchlichst rauchfreie
Verbrennung zu erzielen, führte Watt 1787 im Briefwechsel mit Argand
zu Vorschlägen für verbesserte Lampen mit ständiger Ölzufuhr durch
ein kleines Pumpwerk mit Federbelastung und Aufziehwerk. Dieser
Gedanke ist, wie Prof. Ernst in seiner Arbeit über Watt und die
Grundlagen des modernen Dampfmaschinenbaues schreibt, erst vor fünf
Jahrzehnten in Deutschland bei der Moderateurlampe verwendet,
durch die Petroleumbeleuchtung aber verdrängt worden. Im Jahre 1788
teilte Watt seinem berühmten Freunde Black mit, er habe ein neues
Instrument erfunden, das gestatte, sehr einfach das spezifische
Gewicht von Flüssigkeiten zu ermitteln. Es war eine sich in zwei
Äste gabelnde Glasröhre, die mit der Mündung des einen Astes auf
die Einheitsflüssigkeit, mit der andern auf die zu bestimmende
Flüssigkeit gesetzt wurde. Dabei standen die beiden Flüssigkeitsspiegel
gleich hoch. Saugte man oben an dem gemeinsamen Stiel, so traten
die Flüssigkeiten in die Röhrenäste ein, die leichteren höher, die
schwereren tiefer. Maß man nun, das Wievielfache der niederen die
höhere Flüssigkeitssäule war, so hatte man das spezifische Gewicht der
zu bestimmenden Flüssigkeit in Hinsicht auf die als Einheitsflüssigkeit
benützte.
Die bleichende Wirkung des Chlors lernte Watt durch einen französischen
Freund Berthollet kennen, und er veranlaßte daraufhin seinen
Schwiegervater Macgregor, die Chlorbleiche in die Gewebeindustrie
einzuführen. Ebenfalls für seinen Schwiegervater tätig war er durch
Erfindung der Walzentrockenmaschine mit Dampfheizung (1781). Bis in die
letzten Tage seines Lebens beschäftigte er sich mit der Herstellung
einer Kopiermaschine für Medaillen und Büsten in Metall, Holz, Stein
und Elfenbein. Viele dieser Büsten gelangen sehr gut und wurden
Freunden »als Versuche eines jungen Anfängers«, geschenkt, wie Watt
scherzend zu sagen pflegte.
Auf seine Erfindungen zur Verbesserung der Nivellierinstrumente, das
prismatische Mikrometer, eine Teilungsschraube, die einen Zoll in
tausend Teile teilte, und dergleichen wollen wir nicht weiter eingehen.
Watt gehörte als Boultons Freund der sogenannten Mondgesellschaft
an, einem erlesenen Kreis hervorragender Männer der Wissenschaft
und Literatur, der sich zur Vollmondszeit versammelte, damit das
große Licht den Heimweg erleuchte. Zu diesem Kreise gehörte auch
Priestley, der Verfasser liberaler theologischer Streitschriften,
einer Geschichte der Elektrizität und Entdecker des Sauerstoffs,
ein ungemein vielseitiger Mann, der sich den glücklichsten Menschen
nannte, immer heiter dreinblickte und doch stets in einen Federkrieg
verwickelt war. Watt erlebte es mit, daß zur Zeit der französischen
Revolution eine betörte Volksmenge unter dem Rufe »Kirche und König«
das Haus Priestleys anzündete. Der große Chemiker und Theologe mußte
damals fliehen, und tagelang wütete die offenbar von orthodoxen
Geistlichen aufgestachelte Menge in Birmingham, so daß auch Boulton
und Watt für ihre Sicherheit fürchteten, obwohl sie bekannt dafür
waren, daß sie mit »Kirche und König« gingen. Durch Priestley lernte
Watt den Versuch kennen, bei dem eine bestimmte Mischung brennbarer
und entphlogistisierter (unentzündlicher) Luft (modern ausgedrückt:
eine Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff oder von gewöhnlicher
Luft und Wasserstoff) durch den elektrischen Funken entzündet wird.
Dabei wurde beobachtet, daß sich nach der Entladung am Glasgefäß innen
Flüssigkeitströpfchen wie Tau ansetzten. Warltire stellte das gleiche
Experiment an, um zu sehen, ob Wärme schwer ist oder nicht. Wir müssen
uns in diese Zeit zurückversetzen, die noch nicht die Zusammensetzung
des Wassers, auch nicht die Natur der Wärme als einer Kraft kannte,
sie vielmehr für einen Stoff hielt. Auch Cavendish, der die
Zusammensetzung der Luft entdeckt hatte, machte 1781 diesen Versuch,
und er beobachtete ebenfalls den feuchten Niederschlag. Cavendish soll
sofort vermutet haben, daß das Verschwinden der entphlogistisierten
Luft, des Sauerstoffs, und das Erscheinen des wässrigen Niederschlages
im Zusammenhang ständen und auf die Zusammensetzung des Wassers
hinwiesen. Ende Januar 1784 stellte Cavendish seine Versuche an und
gab dann seine Auffassung, daß Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff
bestehe, der Gelehrtenwelt bekannt. Vor ihm aber hatte Watt schon als
der Mann, der seit Jahrzehnten Zeuge war, wie Wasser in Luft (das
heißt in Dampf) überging, herausgefunden, daß, wenn ganz trockene
brennbare Luft (Wasserstoff) und ganz trockene entphlogistisierte
Luft (Sauerstoff) durch den elektrischen Funken entzündet wurden,
nach Abkühlung des Gefäßes die Menge des an der Innenwand des Gefäßes
haftenden Wassers nahezu dem Gewicht der ganzen Luft gleich war.
Daraus schloß Watt: das Wasser entsteht aus entphlogistisierter Luft
(Sauerstoff) und brennbarer Luft (Wasserstoff) oder Phlogiston,
das seiner latenten Wärme teilweise beraubt ist und sich mit Wärme
und Licht vereinigt hat. »Und wenn Licht nur eine Modifikation von
Wärme ist oder ein wesentlicher Bestandteil von Phlogiston, dann
besteht reine Luft aus Wasser, das seines Phlogistons oder seiner
latenten Wärme beraubt ist.« Das heißt: reine Luft ist Wasser ohne
Wasserstoff, also Sauerstoff. In einem Briefe an Priestley setzte
Watt 1783 seine Theorie auseinander. Dieser Brief, bestimmt vor der
angesehensten Londoner Gelehrtengesellschaft, der Royal Society,
vorgelesen zu werden, kam durch Watts eigene Schuld erst April 1784
zum Vortrag, nachdem Cavendish im Januar vorher seine Ansicht gleicher
Richtung bekanntgegeben hatte, ohne Watt zu nennen. Watt hat Cavendish
des »~plagiarism~«, des wissenschaftlichen Diebstahls einer Idee,
beschuldigt, auch gibt es von ihm folgende briefliche Bemerkung: »Ich
hatte, wie andere große Männer, die Ehre, mir meine Ideen gestohlen zu
sehen. Nachdem ich meinen ersten Aufsatz über den Gegenstand schrieb,
setzte ~Dr.~ Blagden (Cavendishs Freund und Vermögenserbe) meine
Theorie Herrn Lavoisier in Paris auseinander. Bald darnach erfand
Lavoisier sie selber und las einen Aufsatz über den gleichen Gegenstand
vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Seitdem hat Herr
Cavendish eine Abhandlung vor der Königlichen Gesellschaft über die
gleiche Idee vorgelesen, ohne mich im mindesten zu erwähnen. Lassen
Sie uns beide immer in unsrer Vorwurfslosigkeit verharren und solche
Verfahren verachten!« Später, nach Jahren, soll Watt sich weniger
scharf über Cavendish ausgesprochen haben. Doch ist hier nicht der Ort,
diese Frage zu entscheiden. Es genügt, daß Watt unbestritten als erster
Entdecker in Frage kommt.
Und nun haben wir noch ein Verdienst Watts zu erwähnen: seinen Anteil
an der Einführung eines für Europa und damit für die Erdenmenschheit
einheitlichen Maß- und Gewichtssystems. Wir erinnern uns, daß Watt
Deutsch lernte, um Leupolds großes technisches Werk »Schauplatz
der Maschinen« lesen zu können. Ebenso erlernte er nach Robisons
Zeugnis das Italienische. Watt fand beim Studium fremdsprachlicher
Gelehrtenwerke den Mißstand, daß zur Vergleichung der Größenangaben
immer von einem Land zum andern umgerechnet werden mußte. So schlug
er denn schon 1783 vor, man solle von der Längeneinheit ausgehen,
zur Gewichtseinheit die mit Wasser gefüllte Kubikeinheit nehmen, die
Gewichtseinheit nach dem Zehnersystem von 1 bis 10000 abstufen, die
Flüssigkeiten wägen, nicht messen und die Gewichte der Gase auf die
Kubikeinheit des Wassers beziehen, so daß spezifische und absolute
Gewichte durch die gleiche Gewichtseinheit ausgedrückt würden. Als
Längeneinheit sollte das Sekundenpendel gelten, wie es Huygens
bereits vorgeschlagen hatte. Statt des Sekundenpendels wurde später
von der französischen Akademie der Wissenschaften das Meter gewählt.
Schon 1783 brachte Watt dieses Maß- und Gewichtssystem französischen
Gelehrten nahe, und da Watt mit Laplace, Monge, Berthollet und andern
hervorragenden Franzosen Briefe tauschte, auch bei einem Aufenthalt in
Paris persönlich mit ihnen verkehrte, so ist sein Verdienst um diese
ideelle Einigung Europas nicht abzustreiten. Auch in dieser Hinsicht
hat er fast buchstäblich »Werte umgewertet«.
Watt, Darwins Großvater und Goethe.