Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wo

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DER

JUDENSTAAT.

VERSUCH

EINER

MODERNEN LÖSUNG DER JUDENFRAGE

VON

THEODOR HERZL

DOCTOR DER RECHTE.

LEIPZIG und WIEN 1896.

M. BREITENSTEIN'S VERLAGS-BUCHHANDLUNG

WIEN, IX., WÄHRINGERSTRASSE 5.

Vorrede.

Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist

die Herstellung des Judenstaates.

Die Welt widerhallt vom Geschrei gegen die Juden, und das weckt den

eingeschlummerten Gedanken auf.

Ich erfinde nichts, das wolle man sich vor Allem und auf jedem Punkte

meiner Ausführungen deutlich vor Augen halten. Ich erfinde weder die

geschichtlich gewordenen Zustände der Juden, noch die Mittel zur

Abhilfe. Die materiellen Bestandtheile des Baues, den ich entwerfe, sind

in der Wirklichkeit vorhanden, sind mit Händen zu greifen; jeder kann

sich davon überzeugen. Will man also diesen Versuch einer Lösung der

Judenfrage mit einem Worte kennzeichnen, so darf man ihn nicht

»Phantasie«, sondern höchstens »Combination« nennen.

Gegen die Behandlung als Utopie muss ich meinen Entwurf zuerst

vertheidigen. Eigentlich bewahre ich damit nur die oberflächlichen

Beurtheiler vor einer Albernheit, die sie begehen könnten. Es wäre ja

keine Schande, eine menschenfreundliche Utopie geschrieben zu haben. Ich

könnte mir auch einen leichteren literarischen Erfolg bereiten, wenn ich

für Leser, die sich unterhalten wollen, diesen Plan in den gleichsam

unverantwortlichen Vortrag eines Romans brächte. Aber das ist keine

solche liebenswürdige Utopie, wie man sie vor und nach Thomas Morus so

häufig producirt hat. Und ich glaube, die Lage der Juden in

verschiedenen Ländern ist arg genug, um einleitende Tändeleien

überflüssig zu machen.

Um den Unterschied zwischen meiner Construction und einer Utopie

erkennbar zu machen, wähle ich ein interessantes Buch der letzten Jahre:

»Freiland« von Dr. Theodor Hertzka. Das ist eine sinnreiche

Phantasterei, von einem durchaus modernen, national-ökonomisch

gebildeten Geist erdacht, und so lebensfern, wie der Aequatorberg, auf

dem dieser Traumstaat liegt. »Freiland« ist eine complicirte Maschinerie

mit vielen Zähnen und Rädern, die sogar ineinander greifen; aber nichts

beweist mir, dass sie in Betrieb gesetzt werden könne. Und selbst, wenn

ich Freilands-Vereine entstehen sehe, werde ich es für einen Scherz

halten.

Hingegen enthält der vorliegende Entwurf die Verwendung einer in der

Wirklichkeit vorkommenden Treibkraft. Die Zähne und Räder der zu

bauenden Maschine deute ich nur an, in aller Bescheidenheit, unter

Hinweis auf meine Unzulänglichkeit und im Vertrauen darauf, dass es

bessere ausführende Mechaniker geben wird, als ich einer bin.

Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die

Judennoth.

Wer wagt zu leugnen, dass diese Kraft vorhanden sei? Wir werden uns

damit im Capitel über die Gründe des Antisemitismus beschäftigen.

Man kannte auch die Dampfkraft, die im Theekessel durch Erhitzung des

Wassers entstand und den Deckel hob. Diese Theekesselerscheinung sind

die zionistischen Versuche und viele andere Formen der Vereinigung »zur

Abwehr des Antisemitismus«.

Nun sage ich, dass diese Kraft, richtig verwendet, mächtig genug ist,

eine grosse Maschine zu treiben, Menschen und Güter zu befördern. Die

Maschine mag aussehen, wie man will.

Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, dass ich Recht habe -- ich weiss

nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens Recht behalten werde. Die ersten

Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles

Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das

Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein.

Um den Entwurf vor dem Verdacht der Utopie zu schützen, will ich auch

sparsam sein mit malerischen Details der Schilderung. Ich vermuthe

ohnehin, dass gedankenloser Spott durch Zerrbilder des von mir Entworfenen

das Ganze zu entkräften versuchen wird. Ein im Uebrigen gescheiter Jude,

dem ich die Sache vortrug, meinte: »das als wirklich dargestellte

zukünftige Detail sei das Merkmal der Utopie«. Das ist falsch. Jeder

Finanzminister rechnet in seinem Staatsvoranschlage mit zukünftigen

Ziffern und nicht nur mit solchen, die er aus dem Durchschnitt früherer

Jahre oder aus anderen vergangenen und in anderen Staaten vorkommenden

Erträgen construirt, sondern auch mit präcedenzlosen Ziffern,

beispielsweise bei Einführung einer neuen Steuer. Man muss nie ein Budget

angesehen haben, um das nicht zu wissen. Wird man darum einen

Finanzgesetzentwurf für eine Utopie halten, selbst wenn man weiss, dass der

Voranschlag nie ganz genau eingehalten werden kann?

Aber ich stelle noch härtere Zumuthungen an meine Leser. Ich verlange

von den Gebildeten, an die ich mich wende, ein Umdenken und Umlernen

mancher alten Vorstellung. Und gerade den besten Juden, die sich um die

Lösung der Judenfrage thätig bemüht haben, muthe ich zu, ihre bisherigen

Versuche als verfehlt und unwirksam anzusehen.

In der Darstellung der Idee habe ich mit einer Gefahr zu kämpfen. Wenn

ich all' die in der Zukunft liegenden Dinge zurückhaltend sage, wird es

scheinen, als glaubte ich selbst nicht an ihre Möglichkeit. Wenn ich

dagegen die Verwirklichung vorbehaltlos ankündige, wird Alles vielleicht

wie ein Hirngespinst aussehen.

Darum sage ich deutlich und fest: ich glaube an die Möglichkeit der

Ausführung, wenn ich mich auch nicht vermesse, die endgiltige Form des

Gedankens gefunden zu haben. Der Judenstaat ist ein Weltbedürfniss,

folglich wird er entstehen.

Von irgend einem Einzelnen betrieben, wäre es eine recht verrückte

Geschichte -- aber wenn viele Juden gleichzeitig darauf eingehen, ist es

vollkommen vernünftig, und die Durchführung bietet keine nennenswerthen

Schwierigkeiten. Die Idee hängt nur von der Zahl ihrer Anhänger ab.

Vielleicht werden unsere aufstrebenden jungen Leute, denen jetzt schon

alle Wege versperrt sind, und denen sich im Judenstaate die sonnige

Aussicht auf Ehre, Freiheit und Glück eröffnet, die Verbreitung der Idee

besorgen.

Ich selbst halte meine Aufgabe mit der Publication dieser Schrift für

erledigt. Ich werde das Wort nur noch nehmen, wenn Angriffe

beachtenswerther Gegner mich dazu zwingen, oder wenn es gilt,

unvorhergesehene Einwände zu widerlegen, Irrthümer zu beseitigen.

Ist das, was ich sage, heute noch nicht richtig? Bin ich meiner Zeit

voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht gross genug? Wir werden

sehen.

Es hängt also von den Juden selbst ab, ob diese Staatsschrift vorläufig

nur ein Staatsroman ist. Wenn die jetzige Generation noch zu dumpf ist,

wird eine andere, höhere, bessere kommen. Die Juden, die wollen, werden

ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen.

Einleitung.

Die volkswirthschaftliche Einsicht von Männern, die mitten im

praktischen Leben stehen, ist oft verblüffend gering. Nur so lässt sich

erklären, dass auch Juden das Schlagwort der Antisemiten gläubig

nachsagen: wir lebten von den »Wirthsvölkern«, und wenn wir kein

»Wirthsvolk« um uns hätten, müssten wir verhungern. Das ist einer der

Punkte, auf denen sich die Schwächung unseres Selbstbewusstseins durch

die ungerechten Anklagen zeigt. Wie verhält es sich mit dem

»Wirthsvolklichen« in Wahrheit? Soweit das nicht die alte

physiokratische Beschränktheit enthält, beruht es auf dem kindlichen

Irrthum, dass im Güterleben immer dieselben Sachen rundlaufen. Nun

müssen wir nicht erst, wie Rip van Winkle, aus vieljährigem Schlafe

erwachen, um zu erkennen, dass die Welt sich durch das unaufhörliche

Entstehen neuer Güter verändert. In unserer vermöge der technischen

Fortschritte wunderbaren Zeit sieht auch der geistig Aermste mit seinen

verklebten Augen rings um sich her neue Güter auftauchen. Der

Unternehmungsgeist hat sie geschaffen.

Die Arbeit ohne Unternehmungsgeist ist die stationäre, alte; ihr

typisches Beispiel die des Ackerbauers, der noch genau dort steht, wo

sein Urvater vor tausend Jahren stand. Alle materielle Wohlfahrt ist

durch Unternehmer verwirklicht worden. Man schämt sich beinahe, eine

solche Banalität niederzuschreiben. Selbst wenn wir also ausschliesslich

Unternehmer wären -- wie die thörichte Uebertreibung behauptet --

brauchten wir kein »Wirthsvolk«. Wir sind nicht auf einen Rundlauf immer

gleicher Güter angewiesen, weil wir neue Güter erzeugen.

Wir haben Arbeitssclaven von unerhörter Kraft, deren Erscheinen in der

Culturwelt eine tödliche Concurrenz für die Handarbeit war: das sind die

Maschinen. Wohl braucht man auch Arbeiter, um die Maschinen in Bewegung

zu setzen; aber für diese Erfordernisse haben wir Menschen genug, zu viel.

Nur wer die Zustände der Juden in vielen Gegenden des östlichen Europa

nicht kennt, wird zu behaupten wagen, dass die Juden zur Handarbeit

untauglich oder unwillig seien.

Aber ich will in dieser Schrift keine Vertheidigung der Juden vornehmen.

Sie wäre nutzlos. Alles Vernünftige und sogar alles Sentimentale ist

über diesen Gegenstand schon gesagt worden. Nun genügt es nicht, die

treffenden Gründe für Verstand und Gemüth zu finden; die Hörer müssen

zuerst fähig sein zu begreifen, sonst ist man ein Prediger in der Wüste.

Sind aber die Hörer schon so weit, so hoch, dann ist die ganze Predigt

überflüssig. Ich glaube an das Aufsteigen der Menschen zu immer höheren

Graden der Gesittung, nur halte ich es für ein verzweifelt langsames.

Wollten wir warten, bis sich der Sinn auch der mittleren Menschen zur

Milde abklärt, die Lessing hatte, als er Nathan den Weisen schrieb, so

könnte darüber unser Leben und das unserer Söhne, Enkel, Urenkel

vergehen. Da kommt uns der Weltgeist von einer andern Seite zu Hilfe.

Dieses Jahrhundert hat uns eine köstliche Renaissance gebracht durch die

technischen Errungenschaften. Nur für die Menschlichkeit ist dieser

märchenhafte Fortschritt noch nicht verwendet. Die Entfernungen der

Erdoberfläche sind überwunden, und dennoch quälen wir uns ab mit Leiden

der Enge. Schnell und gefahrlos jagen wir jetzt in riesigen Dampfern

über früher unbekannte Meere. Sichere Eisenbahnen führen wir hinauf in

eine Bergwelt, die man ehemals mit Angst zu Fuss bestieg. Die Vorgänge

in Ländern, die noch gar nicht entdeckt waren, als Europa die Juden in

Ghetti sperrte, sind uns in der nächsten Stunde bekannt. Darum ist die

Judennoth ein Anachronismus -- und nicht weil es schon vor hundert

Jahren eine Aufklärungszeit gab, die in Wirklichkeit nur für die

vornehmsten Geister bestand.

Nun meine ich, dass das elektrische Licht durchaus nicht erfunden wurde,

damit einige Snobs ihre Prunkgemächer beleuchten, sondern damit wir bei

seinem Scheine die Fragen der Menschheit lösen. Eine, und nicht die

unbedeutendste, ist die Judenfrage. Indem wir sie lösen, handeln wir

nicht nur für uns selbst, sondern auch für viele andere Mühselige und

Beladene.

Die Judenfrage besteht. Es wäre thöricht sie zu leugnen. Sie

ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Culturvölker auch

heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten. Den

grossmüthigen Willen zeigten sie ja, als sie uns emancipirten. Die

Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie

nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir

ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser

Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. Das ist wahr, muss wahr

bleiben, überall, selbst in hochentwickelten Ländern -- Beweis

Frankreich -- so lange die Judenfrage nicht politisch gelöst ist. Die

armen Juden tragen jetzt den Antisemitismus nach England, sie haben ihn

schon nach Amerika gebracht.

Ich glaube, den Antisemitismus, der eine vielfach complicirte Bewegung

ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne Hass

und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz,

gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurtheil, religiöse Unduldsamkeit --

aber auch was darin vermeintliche Nothwehr ist. Ich halte die Judenfrage

weder für eine sociale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch

so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen,

müssen wir sie vor Allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im

Rathe der Culturvölker zu regeln sein wird.

Wir sind ein Volk, Ein Volk.

Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden

Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu

bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen

Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben

Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns

den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren

Reichthum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern,

in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als

Fremdlinge ausgeschrieen; oft von Solchen, deren Geschlechter noch nicht

im Lande waren, als unsere Väter da schon seufzten. Wer der Fremde im

Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden; es ist eine Machtfrage,

wie Alles im Völkerverkehre. Ich gebe nichts von unserem ersessenen

guten Recht preis, wenn ich das als ohnehin mandatloser Einzelner sage.

Im jetzigen Zustande der Welt und wohl noch in unabsehbarer Zeit geht

Macht vor Recht. Wir sind also vergebens überall brave Patrioten, wie es

die Hugenotten waren, die man zu wandern zwang. Wenn man uns in Ruhe

liesse ...

Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen.

Durch Druck und Verfolgung sind wir nicht zu vertilgen. Kein Volk der

Geschichte hat solche Kämpfe und Leiden ausgehalten wie wir. Die

Judenhetzen haben immer nur unsere Schwächlinge zum Abfall bewogen. Die

starken Juden kehren trotzig zu ihrem Stamme heim, wenn die Verfolgungen

ausbrechen. Man hat das deutlich in der Zeit unmittelbar nach der

Judenemancipation sehen können. Den geistig und materiell höherstehenden

Juden kam das Gefühl der Zusammengehörigkeit gänzlich abhanden. Bei

einiger Dauer des politischen Wohlbefindens, assimiliren wir uns

überall; ich glaube, das ist nicht unrühmlich. Der Staatsmann, der für

seine Nation den jüdischen Raceneinschlag wünscht, müsste daher für die

Dauer unseres politischen Wohlbefindens sorgen. Und selbst ein Bismarck

vermöchte das nicht.

Denn tief im Volksgemüth sitzen alte Vorurtheile gegen uns. Wer sich

davon Rechenschaft geben will, braucht nur dahin zu horchen, wo das Volk

sich aufrichtig und einfach äussert: das Märchen und das Sprichwort sind

antisemitisch. Das Volk ist überall ein grosses Kind, das man freilich

erziehen kann; doch diese Erziehung würde im günstigsten Falle so

ungeheure Zeiträume erfordern, dass wir uns, wie ich schon sagte, vorher

längst auf andere Weise können geholfen haben.

Die Assimilirung, worunter ich nicht etwa nur Aeusserlichkeiten der

Kleidung, gewisser Lebensgewohnheiten, Gebräuche und der Sprache,

sondern ein Gleichwerden in Sinn und Art verstehe, die Assimilirung der

Juden könnte überall nur durch die Mischehe erzielt werden. Diese müsste

aber von der Mehrheit als Bedürfniss empfunden werden; es genügt

keineswegs, die Mischehe gesetzlich als zulässig zu erklären. Die

ungarischen Liberalen, die das jetzt gethan haben, befinden sich in

einem bemerkenswerthen Irrthum. Und diese doctrinär eingerichtete

Mischehe wurde durch einen der ersten Fälle gut illustrirt: ein

getaufter Jude heiratete eine Jüdin. Der Kampf um die jetzige Form der

Eheschliessung hat aber die Gegensätze zwischen Christen und Juden in

Ungarn vielfach verschärft und dadurch der Racenvermischung mehr

geschadet als genützt. Wer den Untergang der Juden durch Vermischung

wirklich wünscht, kann dafür nur eine Möglichkeit sehen. Die Juden

müssten vorher so viel ökonomische Macht erlangen, dass dadurch das alte

gesellschaftliche Vorurtheil überwunden würde. Das Beispiel liefert die

Aristokratie, in der die Mischehen verhältnissmässig am häufigsten

vorkommen. Der alte Adel lässt sich mit Judengeld neu vergolden, und

dabei werden jüdische Familien resorbirt. Aber wie würde sich diese

Erscheinung in den mittleren Schichten gestalten, wo die Judenfrage

ihren Hauptsitz hat, weil die Juden ein Mittelstandsvolk sind? Da wäre

die vorher nöthige Erlangung der Macht gleichbedeutend mit der

wirthschaftlichen Alleinherrschaft der Juden, die ja schon jetzt

fälschlich behauptet wird. Und wenn schon die jetzige Macht der Juden

solche Wuth- und Nothschreie der Antisemiten hervorruft, welche

Ausbrüche kämen erst durch das weitere Wachsen dieser Macht. Eine solche

Vorstufe der Resorption kann nicht erreicht werden; denn es wäre die

Unterjochung der Majorität durch eine noch vor kurzem verachtete

Minorität, die nicht im Besitze der kriegerischen oder administrativen

Gewalt ist. Ich halte deshalb die Resorption der Juden auch auf dem Wege

des Gedeihens für unwahrscheinlich. In den derzeit antisemitischen

Ländern wird man mir beipflichten. In den anderen, wo sich die Juden

augenblicklich wohlbefinden, werden meine Stammesgenossen meine

Behauptungen vermuthlich auf das heftigste bestreiten. Sie werden mir

erst glauben, bis sie wieder von der Judenhetze heimgesucht sind. Und je

länger der Antisemitismus auf sich warten lässt, umso grimmiger muss er

ausbrechen. Die Infiltration hinwandernder, von der scheinbaren

Sicherheit angezogener Juden, sowie die aufsteigende Classenbewegung der

autochthonen Juden wirken dann gewaltig zusammen und drängen zu einem

Umsturz. Nichts ist einfacher, als dieser Vernunftschluss.

Dass ich ihn aber unbekümmert und nur der Wahrheit folgend ziehe, wird

mir voraussichtlich den Widerspruch, die Feindschaft der in günstigen

Verhältnissen lebenden Juden eintragen. Soweit es nur Privatinteressen

sind, deren Träger sich aus Beschränktheit oder Feigheit bedroht fühlen,

könnte man mit lachender Verachtung darüber hinweggehen. Denn die Sache

der Armen und Bedrückten ist wichtiger. Ich will jedoch von vorneherein

keine unrichtigen Vorstellungen aufkommen lassen; namentlich die nicht,

dass wenn jemals dieser Plan verwirklicht würde, die besitzenden Juden

an Hab und Gut geschädigt werden könnten. Darum will ich das

Vermögensrechtliche ausführlich erklären. Kommt hingegen der ganze

Gedanke nicht über die Literatur hinaus, so bleibt ja ohnehin alles beim

Alten.

Ernster wäre der Einwand, dass ich den Antisemiten zu Hilfe komme, wenn

ich uns ein Volk, Ein Volk nenne. Dass ich die Assimilirung der Juden,

wo sie sich vollziehen will, hindere, und wo sie sich vollzogen hat,

nachträglich gefährde, soweit ich als einsamer Schriftsteller überhaupt

etwas zu hindern oder zu gefährden vermag.

Dieser Einwand wird namentlich in Frankreich hervorkommen. Ich erwarte

ihn auch an anderen Orten, will aber nur den französischen Juden im

voraus antworten, weil sie das stärkste Beispiel liefern.

Wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, die starke

Einzelpersönlichkeit des Staatsmannes, Erfinders, Künstlers, Philosophen

oder Feldherrn sowohl, als die Gesammtpersönlichkeit einer historischen

Gruppe von Menschen, die wir Volk nennen, wie sehr ich auch die

Persönlichkeit verehre, beklage ich doch nicht ihren Untergang. Wer

untergehen kann, will und muss, der soll untergehen. Die

Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muss aber nicht untergehen.

Sie kann nicht, weil äussere Feinde sie zusammenhalten. Sie will nicht,

das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. Sie

muss nicht, das versuche ich in dieser Schrift nach vielen anderen

Juden, welche die Hoffnung nicht aufgaben, darzuthun. Ganze Aeste des

Judenthumes können absterben, abfallen; der Baum lebt.

Wenn nun alle oder einige französische Juden gegen diesen Entwurf

protestiren, weil sie sich bereits »assimilirt« hätten, so ist meine

Antwort einfach: Die ganze Sache geht sie nichts an. Sie sind

israelitische Franzosen, vortrefflich! Dies ist jedoch eine innere

Angelegenheit der Juden.

Nun würde allerdings die staatbildende Bewegung, die ich vorschlage, den

israelitischen Franzosen ebensowenig schaden, wie den »Assimilirten«

anderer Länder. Nützen würde sie ihnen im Gegentheile, nützen! Denn sie

wären in ihrer »chromatischen Function«, um Darwin's Wort zu gebrauchen,

nicht mehr gestört. Sie könnten sich ruhig assimiliren, weil der jetzige

Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es

ihnen auch glauben, dass sie bis in's Innerste ihrer Seele assimilirt

sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur

Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen.

Noch mehr Vortheil als die christlichen Bürger würden die »Assimilirten«

von der Entfernung der stammestreuen Juden haben. Denn die Assimilirten

werden die beunruhigende, unberechenbare, unvermeidliche Concurrenz des

jüdischen Proletariats los, das durch politischen Druck und

wirthschaftliche Noth von Ort zu Ort, von Land zu Land geworfen wird.

Dieses schwebende Proletariat würde festgemacht werden. Jetzt können

manche christliche Staatsbürger -- man nennt sie Antisemiten -- sich

gegen die Einwanderung fremder Juden sträuben. Die israelitischen

Staatsbürger können das nicht, obwohl sie viel schwerer betroffen sind;

denn auf sie drückt zunächst der Wettbewerb gleichartiger

wirthschaftlicher Individuen, die zudem auch noch den Antisemitismus

importiren oder den vorhandenen verschärfen. Es ist ein heimlicher

Jammer der Assimilirten, der sich in »wohlthätigen« Unternehmungen Luft

macht. Sie gründen Auswanderungsvereine für zureisende Juden. Diese

Erscheinung enthält einen Gegensinn, den man komisch finden könnte, wenn

es sich nicht um leidende Menschen handelte. Einzelne dieser

Unterstützungsvereine sind nicht für, sondern gegen die verfolgten Juden

da. Die Aermsten sollen nur recht schnell, recht weit weggeschafft

werden. Und so entdeckt man bei aufmerksamer Betrachtung, dass mancher

scheinbare Judenfreund nur ein als Wohlthäter verkleideter Antisemit

jüdischen Ursprungs ist.

Aber selbst die Colonisirungsversuche wirklich wohlmeinender Männer

haben sich bisher nicht bewährt, obwohl es interessante Versuche waren.

Ich glaube nicht, dass es sich Dem oder Jenem nur um einen Sport

gehandelt habe; dass Der oder Jener arme Juden wandern liess, wie man

Pferde rennen lässt. Dazu ist die Sache denn doch zu ernst und traurig.

Interessant waren diese Versuche insofern, als sie im Kleinen die

praktischen Vorläufer der Judenstaats-Idee vorstellten. Und sogar

nützlich waren sie insofern, als dabei Fehler gemacht wurden, aus denen

man bei einer Verwirklichung im Grossen lernen kann. Freilich ist durch

diese Versuche auch Schaden gestiftet worden. Die Verpflanzung des

Antisemitismus nach neuen Gegenden, welche die nothwendige Folge einer

solchen künstlichen Infiltration ist, halte ich noch für den geringsten

Nachtheil. Schlimmer ist, dass die ungenügenden Ergebnisse bei den Juden

selbst Zweifel an der Brauchbarkeit des jüdischen Menschenmaterials

hervorriefen. Diesem Zweifel wird aber bei den Verständigen durch

folgende einfache Argumentation beizukommen sein: Was im Kleinen

unzweckmässig oder undurchführbar ist, muss es noch nicht im Grossen

sein. Ein kleines Unternehmen kann unter denselben Bedingungen Verlust

bringen, unter denen ein grosses sich rentirt. Ein Bach ist nicht einmal

mit Kähnen schiffbar; der Fluss, in den er sich ergiesst, trägt

stattliche eiserne Fahrzeuge.

Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach

einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat

wohl eine solche Gewalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer

Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu

träumen: »Ueber's Jahr in Jerusalem!« ist unser altes Wort. Nun handelt

es sich darum, zu zeigen, dass aus dem Traum ein tagheller Gedanke

werden kann.

Dazu muss vor Allem in den Seelen tabula rasa gemacht werden von

mancherlei alten, überholten, verworrenen, beschränkten Vorstellungen.

So werden dumpfe Gehirne zunächst meinen, dass die Wanderung aus der

Cultur hinaus in die Wüste gehen müsse. Nicht wahr! Die Wanderung

vollzieht sich mitten in der Cultur. Man kehrt nicht auf eine niedrigere

Stufe zurück, sondern ersteigt eine höhere. Man bezieht keine Lehmhütten,

sondern schönere, modernere Häuser, die man sich neu baut und ungefährdet

besitzen darf. Man verliert nicht sein erworbenes Gut, sondern verwerthet

es. Man gibt sein gutes Recht nur auf gegen ein besseres. Man trennt sich

nicht von seinen lieben Gewohnheiten, sondern findet sie wieder. Man

verlässt das alte Haus nicht, bevor das neue fertig ist. Es ziehen immer

nur diejenigen, die sicher sind, ihre Lage dadurch zu verbessern. Erst die

Verzweifelten, dann die Armen, dann die Wohlhabenden, dann die Reichen.

Die Vorangegangenen erheben sich in die höhere Schichte, bis diese

letztere ihre Angehörigen nachschickt. Die Wanderung ist zugleich eine

aufsteigende Classenbewegung.

Und hinter den abziehenden Juden entstehen keine wirthschaftlichen

Störungen, keine Krisen und Verfolgungen, sondern es beginnt eine

Periode der Wohlfahrt für die verlassenen Länder. Es tritt eine innere

Wanderung der christlichen Staatsbürger in die aufgegebenen Positionen

der Juden ein. Der Abfluss ist ein allmäliger, ohne jede Erschütterung,

und schon sein Beginn ist das Ende des Antisemitismus. Die Juden

scheiden als geachtete Freunde, und wenn Einzelne dann zurückkommen,

wird man sie in den civilisirten Ländern genau so wohlwollend aufnehmen

und behandeln, wie andere fremde Staatsangehörige. Diese Wanderung ist

auch keine Flucht, sondern ein geordneter Zug unter der Controle der

öffentlichen Meinung. Die Bewegung ist nicht nur mit vollkommen

gesetzlichen Mitteln einzuleiten, sie kann überhaupt nur durchgeführt

werden unter freundlicher Mitwirkung der betheiligten Regierungen, die

davon wesentliche Vortheile haben.

Für die Reinheit der Idee und die Kraft ihrer Ausführung sind

Bürgschaften nöthig, die sich nur in sogenannten »moralischen« oder

»juristischen« Personen finden lassen. Ich will diese beiden

Bezeichnungen, die in der Juristensprache häufig verwechselt werden,

auseinanderhalten. Als moralische Person, welche Subject von Rechten

ausserhalb der Privat-Vermögenssphäre ist, stelle ich die Society of

Jews auf. Daneben steht die juristische Person der Jewish Company, die

ein Erwerbswesen ist.

Der Einzelne, der auch nur Miene machte, ein solches Riesenwerk zu

unternehmen, könnte ein Betrüger oder ein Wahnsinniger sein. Für die

Reinheit der moralischen Person bürgt der Charakter ihrer Mitglieder.

Die ausreichende Kraft der juristischen Person ist erwiesen durch ihr

Capital.

* * * * *

Durch die bisherigen Vorbemerkungen wollte ich nur in aller Eile den

ersten Schwarm von Einwendungen abwehren, den schon das Wort

»Judenstaat« hervorrufen muss. Von hier weiter wollen wir uns mit mehr

Ruhe auseinandersetzen, andere Einwände bekämpfen und manches schon

Angedeutete gründlicher ausführen, wenn auch die Schwerfälligkeit im

Interesse der Schrift, die fliegen soll, nach Möglichkeit zu vermeiden

sein wird. Kurze aphoristische Capitel dienen einem solchen Zweck wohl

am besten.

Wenn ich an die Stelle eines alten Baues einen neuen setzen will, muss

ich zuerst demoliren und dann construiren. Diese vernünftige Reihenfolge

werde ich also einhalten. Zuerst im allgemeinen Theil sind die Begriffe

zu klären, dumpfe alte Vorstellungen hinwegzuräumen, die politischen und

nationalökonomischen Vorbedingungen festzustellen und der Plan zu

entwickeln.

Im besonderen Theil, der in drei Hauptabschnitte zerfällt, ist die

Ausführung darzustellen. Diese Hauptabschnitte sind: Jewish Company,

Ortsgruppen und Society of Jews. Die Society soll zwar zuerst entstehen,

und die Company zuletzt; aber im Entwurf empfiehlt sich die umgekehrte

Ordnung, weil gegen die finanzielle Durchführbarkeit sich die grössten

Bedenken erheben werden, die also zunächst zu widerlegen sind.

Im Schlusswort wird dann den noch übrigen vermuthbaren Einwendungen ein

letztes Treffen zu liefern sein. Meine jüdischen Leser mögen mir

geduldig bis an's Ende folgen. Bei Manchem werden die Einwendungen in

anderer Reihenfolge entstehen, als in der hier gewählten der

Widerlegung. Wessen Bedenken aber vernünftig besiegt sind, der soll sich

zur Sache bekennen.

Indem ich nun zur Vernunft spreche, weiss ich dennoch wohl, dass die

Vernunft allein nicht genügt. Alte Gefangene gehen nicht gern aus dem

Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen,

nachgewachsen ist; die Jugend, welche die Alten mitreisst, auf starken

Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung.

Allgemeiner Theil.

Die Judenfrage.

Die Nothlage der Juden wird niemand leugnen. In allen Ländern, wo sie in

merklicher Anzahl leben, werden sie mehr oder weniger verfolgt. Die

Gleichberechtigung ist zu ihren Ungunsten fast überall thatsächlich

aufgehoben, wenn sie im Gesetze auch existirt. Schon die mittelhohen

Stellen im Heer, in öffentlichen und privaten Aemtern sind ihnen

unzugänglich. Man versucht sie aus dem Geschäftsverkehr hinauszudrängen:

»Kauft nicht bei Juden!«

Die Angriffe in Parlamenten, Versammlungen, Presse, auf Kirchenkanzeln,

auf der Strasse, auf Reisen -- Ausschliessung aus gewissen Hotels -- und

selbst an Unterhaltungsorten mehren sich von Tag zu Tag. Die

Verfolgungen haben verschiedenen Charakter nach Ländern und

Gesellschaftskreisen. In Russland werden Judendörfer gebrandschatzt, in

Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie

gelegentlich durch, in Oesterreich terrorisiren die Antisemiten das

ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf, in

Paris knöpft sich die sogenannte bessere Gesellschaft zu, die Cercles

schliessen sich gegen die Juden ab. Die Nuancen sind zahllos. Es soll

hier übrigens nicht eine wehleidige Aufzählung aller jüdischen

Beschwerden versucht werden. Wir wollen uns nicht bei Einzelheiten

aufhalten, wie schmerzlich sie auch seien.

Ich beabsichtige nicht, eine gerührte Stimmung für uns hervorzurufen.

Das ist Alles faul, vergeblich und unwürdig. Ich begnüge mich, die Juden

zu fragen, ob es wahr ist, dass in den Ländern, wo wir in merklicher

Anzahl wohnen, die Lage der jüdischen Advocaten, Aerzte, Techniker,

Lehrer und Angestellten aller Art immer unerträglicher wird? Ob es

wahr, dass unser ganzer jüdischer Mittelstand schwer bedroht ist? Ob es

wahr, dass gegen unsere Reichen alle Leidenschaften des Pöbels gehetzt

werden? Ob es wahr, dass unsere Armen viel härter leiden, als jedes

andere Proletariat?

Ich glaube, der Druck ist überall vorhanden. In den wirthschaftlich

obersten Schichten der Juden bewirkt er ein Unbehagen. In den mittleren

Schichten ist es eine schwere, dumpfe Beklommenheit. In den unteren ist

es die nackte Verzweiflung.

Thatsache ist, dass es überall auf dasselbe hinausgeht und es lässt sich

im classischen Berliner Rufe zusammenfassen: Juden raus!

Ich werde nun die Judenfrage in ihrer knappsten Form ausdrücken: Müssen

wir schon »raus«? und wohin?

Oder können wir noch bleiben? und wie lange?

Erledigen wir zuerst die Frage des Bleibens. Können wir auf bessere

Zeiten hoffen, uns in Geduld fassen, mit Gottergebung abwarten, dass die

Fürsten und Völker der Erde in eine für uns gnädigere Stimmung gerathen?

Ich sage, wir können keinen Umschwung der Strömung erwarten. Warum? Die

Fürsten -- selbst wenn wir ihrem Herzen ebenso nahe stehen, wie die

anderen Bürger -- können uns nicht schützen. Sie würden den Judenhass

indossiren, wenn sie den Juden zuviel Wohlwollen bezeigten. Und unter

diesem »zuviel« ist weniger zu verstehen, als worauf jeder gewöhnliche

Bürger oder jeder Volksstamm Anspruch hat.

Die Völker, bei denen Juden wohnen, sind alle sammt und sonders,

verschämt oder unverschämt Antisemiten.

Das gewöhnliche Volk hat kein historisches Verständniss und kann keines

haben. Es weiss nicht, dass die Sünden des Mittelalters jetzt an den

europäischen Völkern heimkommen. Wir sind, wozu man uns in den Ghetti

gemacht hat. Wir haben zweifellos eine Ueberlegenheit im Geldgeschäfte

erlangt, weil man uns im Mittelalter darauf geworfen hat. Jetzt

wiederholt sich der gleiche Vorgang. Man drängt uns wieder in's

Geldgeschäft, das jetzt Börse heisst, indem man uns alle anderen

Erwerbszweige abbindet. Sind wir aber in der Börse, so wird das wieder

zur neuen Quelle unserer Verächtlichkeit. Dabei produciren wir rastlos

mittlere Intelligenzen, die keinen Abfluss haben und dadurch eine

ebensolche Gesellschaftsgefahr sind, wie die wachsenden Vermögen. Die

gebildeten und besitzlosen Juden fallen jetzt alle dem Socialismus zu.

Die sociale Schlacht müsste also jedenfalls auf unserem Rücken

geschlagen werden, weil wir im capitalistischen wie im socialistischen

Lager auf den exponirtesten Punkten stehen.

Bisherige Versuche der Lösung.

Die künstlichen Mittel, die man bisher zur Ueberwindung des

Judennothstandes aufwandte, waren entweder zu kleinlich -- wie die

verschiedenen Colonisirungen -- oder falsch gedacht, wie die Versuche,

die Juden in ihrer jetzigen Heimat zu Bauern zu machen.

Was ist denn damit gethan, wenn man ein paar tausend Juden in eine

andere Gegend bringt? Entweder sie gedeihen, und dann entsteht mit ihrem

Vermögen der Antisemitismus -- oder sie gehen gleich zu Grunde. Mit den

bisherigen Versuchen der Ableitung armer Juden nach anderen Ländern

haben wir uns schon vorhin beschäftigt. Die Ableitung ist jedenfalls

ungenügend und zwecklos, wenn nicht geradezu zweckwidrig. Die Lösung

wird dadurch nur vertagt, verschleppt und vielleicht sogar erschwert.

Wer aber die Juden zu Ackerbauern machen will, der ist in einem

wunderlichen Irrthume begriffen. Der Bauer ist nämlich eine historische

Kategorie und man erkennt das am besten an seiner Tracht, die in

den meisten Ländern Jahrhunderte alt ist, sowie an seinen

Werkgeräthschaften, die genau dieselben sind, wie zu Urväterzeiten. Sein

Pflug ist noch so, er sät aus der Schürze, mäht mit der geschichtlichen

Sense und drischt mit dem Flegel. Wir wissen aber, dass es jetzt für

all' das Maschinen gibt. Die Agrarfrage ist auch nur eine

Maschinenfrage. Amerika muss über Europa siegen, sowie der

Grossgrundbesitz den kleinen vertilgt.

Der Bauer ist also eine auf den Aussterbeetat gesetzte Figur. Wenn man

den Bauer künstlich conservirt, so geschieht es wegen der politischen

Interessen, denen er zu dienen hat. Neue Bauern nach dem alten Recept

machen zu wollen, ist ein unmögliches und thörichtes Beginnen. Niemand

ist reich oder stark genug, die Cultur gewaltsam zurückzuschrauben.

Schon das Erhalten veralteter Culturzustände ist eine ungeheuere

Aufgabe, für die alle Machtmittel selbst des autokratisch geleiteten

Staates kaum ausreichen.

Will man also dem Juden, der intelligent ist, zumuthen, ein Bauer alten

Schlages zu werden? Das wäre gerade so, wie wenn man dem Juden sagte:

»Da hast Du eine Armbrust, zieh' in den Krieg!« -- Was? mit einer

Armbrust, wenn die Anderen Kleinkaliber-Gewehre und Krupp'sche Kanonen

haben? Die Juden, die man verbauern will, haben vollkommen Recht, wenn

sie sich unter solchen Umständen nicht vom Flecke rühren. Die Armbrust

ist eine schöne Waffe und sie stimmt mich elegisch, wenn ich Zeit habe.

Aber sie gehört in's Museum.

Nun gibt es freilich Gegenden, wo die verzweifelten Juden sogar aufs

Feld gehen oder doch gehen möchten. Und da zeigt sich, dass diese Punkte

-- wie die Enclave von Hessen in Deutschland und manche Provinzen

Russlands -- gerade die Hauptnester des Antisemitismus sind.

Denn die Weltverbesserer, die den Juden ackern schicken, vergessen eine

sehr wichtige Person, die sehr viel dreinzureden hat. Und das ist der

Bauer. Auch der Bauer hat vollkommen Recht. Grundsteuer, Erntegefahr,

Druck der Grossbesitzer, die billiger arbeiten und besonders die

amerikanische Concurrenz machen ihm das Leben sauer genug. Dazu können

die Kornzölle nicht in's Endlose wachsen. Man kann den Fabriksarbeiter

doch auch nicht verhungern lassen; man muss, weil sein politischer

Einfluss im Steigen ist, sogar immer mehr Rücksicht auf ihn nehmen.

Alle diese Schwierigkeiten sind wohlbekannt, ich erwähne sie daher nur

flüchtig. Ich wollte lediglich andeuten, wie werthlos die bisherigen in

bewusster Absicht -- in den meisten Fällen auch in löblicher Absicht --

gemachten Versuche der Lösung waren. Weder die Ableitung, noch die

künstliche Herabdrückung des geistigen Niveaus in unserem Proletariat

kann helfen. Das Wundermittel der Assimilirung haben wir schon erörtert.

So ist dem Antisemitismus nicht beizukommen. Er kann nicht behoben

werden, so lange seine Gründe nicht behoben sind. Sind diese aber

behebbar?

Gründe des Antisemitismus.

Wir sprechen jetzt nicht mehr von den Gemüthsgründen, alten Vorurtheilen

und Bornirtheiten, sondern von den politischen und wirthschaftlichen

Gründen. Unser heutiger Antisemitismus darf nicht mit dem religiösen

Judenhasse früherer Zeiten verwechselt werden, wenn der Judenhass auch

in einzelnen Ländern noch jetzt eine confessionelle Färbung hat. Der

grosse Zug der judenfeindlichen Bewegung ist heute ein anderer. In den

Hauptländern des Antisemitismus ist dieser eine Folge der

Juden-Emancipation. Als die Culturvölker die Unmenschlichkeit der

Ausnahmegesetze einsahen und uns freiliessen, kam die Freilassung zu

spät. Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr

emancipirbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem

Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Concurrenz

für den Mittelstand heraus. So standen wir nach der Emancipation

plötzlich im Ringe der Bourgeoisie und haben da einen doppelten Druck

auszuhalten, von innen und von aussen. Die christliche Bourgeoisie wäre

wohl nicht abgeneigt, uns dem Socialismus als Opfer hinzuwerfen;

freilich würde das wenig helfen.

Dennoch kann man die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie

besteht, nicht mehr aufheben. Nicht nur weil es gegen das moderne

Bewusstsein wäre, sondern auch, weil das sofort alle Juden, Arm und

Reich, den Umsturzparteien zujagen würde.

Man kann eigentlich nichts Wirksames gegen uns thun. Früher nahm man den

Juden ihre Juwelen weg. Wie will man heute das bewegliche Vermögen

fassen? Es ruht in bedruckten Papierstücken, die irgendwo in der Welt,

vielleicht in christlichen Cassen, eingesperrt sind. Nun kann man

freilich die Actien und Prioritäten von Bahnen, Banken, industriellen

Unternehmungen aller Art durch Steuern treffen, und wo die progressive

Einkommensteuer besteht, lässt sich auch der ganze Complex des

beweglichen Vermögens packen. Aber alle derartigen Versuche können nicht

gegen Juden allein gerichtet sein, und wo man es dennoch versuchen

möchte, erlebt man sofort schwere wirthschaftliche Krisen, die sich

keineswegs auf die zuerst betroffenen Juden beschränken. Durch diese

Unmöglichkeit, den Juden beizukommen, verstärkt und verbittert sich nur

der Hass. In den Bevölkerungen wächst der Antisemitismus täglich,

stündlich und muss weiter wachsen, weil die Ursachen fortbestehen und

nicht behoben werden können. Die causa remota ist der im Mittelalter

eingetretene Verlust unserer Assimilirbarkeit, die causa proxima unsere

Ueberproduction an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluss nach

unten haben und keinen Aufstieg nach oben -- nämlich keinen gesunden

Abfluss und keinen gesunden Aufstieg. Wir werden nach unten hin zu

Umstürzlern proletarisirt, bilden die Unterofficiere aller

revolutionären Parteien und gleichzeitig wächst nach oben unsere

furchtbare Geldmacht.

Wirkung des Antisemitismus.

Der auf uns ausgeübte Druck macht uns nicht besser. Wir sind nicht

anders als die anderen Menschen. Wir lieben unsere Feinde nicht, das ist

ganz wahr. Aber nur wer sich selbst zu überwinden vermag, darf es uns

vorwerfen. Der Druck erzeugt bei uns natürlich eine Feindseligkeit gegen

unsere Bedränger -- und unsere Feindseligkeit steigert wieder den Druck.

Aus diesem Kreislauf herauszukommen, ist unmöglich.

»Doch!« werden weichmüthige Schwärmer sagen, »doch, es ist möglich! Und

zwar durch die herbeizuführende Güte der Menschen.«

Brauche ich wirklich erst noch zu beweisen, was das für eine

sentimentale Faselei ist? Wer eine Besserung der Zustände auf die Güte

aller Menschen gründen wollte, der schriebe allerdings eine Utopie!

Ich sprach schon von unserer »Assimilirung«. Ich sage keinen Augenblick,

dass ich sie wünsche. Unsere Volkspersönlichkeit ist geschichtlich zu

berühmt und trotz aller Erniedrigungen zu hoch, als dass ihr Untergang

zu wünschen wäre. Aber vielleicht könnten wir überall in den uns

umgebenden Völkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen

hindurch in Ruhe liesse. Man wird uns nicht in Ruhe lassen. Nach kurzen

Perioden der Duldsamkeit erwacht immer und immer wieder die

Feindseligkeit gegen uns. Unser Wohlergehen scheint etwas Aufreizendes

zu enthalten, weil die Welt seit vielen Jahrhunderten gewohnt war, in

uns die Verächtlichsten unter den Armen zu sehen. Dabei bemerkt man aus

Unwissenheit oder Engherzigkeit nicht, dass unser Wohlergehen uns als

Juden schwächt und unsere Besonderheiten auslöscht. Nur der Druck presst

uns wieder an den alten Stamm, nur der Hass unserer Umgebung macht uns

wieder zu Fremden.

So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine

historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit.

Wir sind ein Volk -- der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie

das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängniss stehen wir

zusammen und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die

Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle

menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nöthig sind.

Es wäre hier eigentlich schon der Platz, von unserem »Menschenmaterial«

zu sprechen, wie der etwas rohe Ausdruck lautet. Aber vorher müssen die

Hauptzüge des Planes bekannt sein, auf den ja Alles zu beziehen ist.

Der Plan.

Der ganze Plan ist in seiner Grundform unendlich einfach, und muss es ja

auch sein, wenn er von allen Menschen verstanden werden soll.

Man gebe uns die Souveränetät eines für unsere gerechten

Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere

werden wir selbst besorgen.

Das Entstehen einer neuen Souveränetät ist nichts Lächerliches oder

Unmögliches. Wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt, bei Völkern,

die nicht wie wir Mittelstandsvölker, sondern ärmere, ungebildete und

darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränetät zu verschaffen, sind

die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesuchten Länder lebhaft

interessirt.

Es werden für die im Princip einfache, in der Durchführung complicirte

Aufgabe zwei grosse Organe geschaffen: die Society of Jews und die

Jewish Company.

Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat,

führt die Jewish Company praktisch aus.

Die Jewish Company besorgt die Liquidirung aller Vermögensinteressen der

abziehenden Juden und organisirt im neuen Lande den wirthschaftlichen

Verkehr.

Den Abzug der Juden darf man sich, wie schon gesagt wurde, nicht als

einen plötzlichen vorstellen. Es wird ein allmäliger sein und Jahrzehnte

dauern. Zuerst werden die Aermsten gehen und das Land urbar machen. Sie

werden nach einem von vornherein feststehenden Plane Strassen, Brücken,

Bahnen bauen, Telegraphen errichten, Flüsse reguliren, und sich selbst

ihre Heimstätten schaffen. Ihre Arbeit bringt den Verkehr, der Verkehr

die Märkte, die Märkte locken neue Ansiedler heran. Denn jeder kommt

freiwillig, auf eigene Kosten und Gefahr. Die Arbeit, die wir in die

Erde versenken, steigert den Werth des Landes. Die Juden werden schnell

einsehen, dass sich für ihre bisher gehasste und verachtete

Unternehmungslust ein neues, dauerndes Gebiet erschlossen hat.

Will man heute ein Land gründen, darf man es nicht in der Weise machen,

die vor tausend Jahren die einzig mögliche gewesen wäre. Es ist

thöricht, auf alte Culturstufen zurückzukehren, wie es manche Zionisten

möchten. Kämen wir beispielsweise in die Lage, ein Land von wilden

Thieren zu säubern, würden wir es nicht in der Art der Europäer aus dem

fünften Jahrhundert thun. Wir würden nicht einzeln mit Speer und Lanze

gegen Bären ausziehen, sondern eine grosse fröhliche Jagd veranstalten,

die Bestien zusammentreiben und eine Melinitbombe unter sie werfen.

Wenn wir Bauten ausführen wollen, werden wir nicht hilflose Pfahlbauten

an einen Seerand stecken, sondern wir werden bauen, wie man es jetzt

thut. Wir werden kühner und herrlicher bauen, als es je vorher geschehen

ist. Denn wir haben Mittel, die in der Geschichte noch nicht da waren.

Unseren niedersten wirthschaftlichen Schichten folgen allmälig die

nächsthöheren hinüber. Die jetzt am Verzweifeln sind, gehen zuerst. Sie

werden geführt von unserer überall verfolgten mittleren Intelligenz, die

wir überproduciren.

Die Frage der Judenwanderung soll durch diese Schrift zur allgemeinen

Discussion gestellt werden. Das heisst aber nicht, dass eine Abstimmung

eingeleitet wird. Dabei wäre die Sache von vorneherein verloren. Wer

nicht mit will, mag da bleiben. Der Widerspruch einzelner Individuen ist

gleichgiltig.

Wer mit will, stelle sich hinter unsere Fahne, und kämpfe für sie in

Wort, Schrift und That.

Die Juden, welche sich zu unserer Staatsidee bekennen, sammeln sich um

die Society of Jews. Diese erhält dadurch den Regierungen gegenüber die

Autorität, im Namen der Juden sprechen und verhandeln zu dürfen. Die

Society wird, um es in einer völkerrechtlichen Analogie zu sagen, als

staatbildende Macht anerkannt. Und damit wäre der Staat auch schon

gebildet.

Zeigen sich nun die Mächte bereit, dem Judenvolke die Souveränetät eines

neutralen Landes zu gewähren, so wird die Society über das zu nehmende

Land verhandeln. Zwei Gebiete kommen in Betracht: Palästina und

Argentinien. Bemerkenswerthe Colonisirungsversuche haben auf diesen

beiden Punkten stattgefunden. Allerdings nach dem falschen Princip der

allmäligen Infiltration von Juden. Die Infiltration muss immer schlecht

enden. Denn es kommt regelmässig der Augenblick, wo die Regierung auf

Drängen der sich bedroht fühlenden Bevölkerung den weiteren Zufluss von

Juden absperrt. Die Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinn, wenn

ihre Grundlage unsere gesicherte Souveränetät ist.

Die Society of Jews wird mit den jetzigen Landeshoheiten verhandeln, und

zwar unter dem Protectorate der europäischen Mächte, wenn diesen die

Sache einleuchtet. Wir können der jetzigen Landeshoheit ungeheure

Vortheile gewähren, einen Theil ihrer Staatsschulden übernehmen,

Verkehrswege bauen, die ja auch wir selbst benöthigen, und noch vieles

andere. Doch schon durch das Entstehen des Judenstaates gewinnen die

Nachbarländer, weil im Grossen wie im Kleinen die Cultur eines

Landstriches den Werth der Umgebung erhöht.

Palästina oder Argentinien?

Ist Palästina oder Argentinien vorzuziehen? Die Society wird nehmen, was

man ihr gibt und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes

erklärt. Die Society wird beides feststellen.

Der Judenstaat: Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage · 第 1 / 6 段