Vorrede zur zweiten Auflage.
An diese neue Bearbeitung der Wissenschaft der Logik, wovon hiermit
der erste Band erscheint, bin ich wohl mit dem ganzen Bewußtseyn
sowohl der Schwierigkeit des Gegenstandes für sich und dann seiner
Darstellung, als der Unvollkommenheit, welche die Bearbeitung
desselben in der ersten Ausgabe an sich trägt, gegangen; so sehr ich
nach weiterer vieljähriger Beschäftigung mit dieser Wissenschaft
bemüht gewesen, dieser Unvollkommenheit abzuhelfen, so fühle ich noch
Ursache genug zu haben, die Nachsicht des Lesers in Anspruch zu
nehmen. Ein Titel solchen Anspruchs aber zunächst darf wohl auf den
Umstand gegründet werden, daß sich für den Inhalt vornehmlich nur
äußerliches Material in der früheren Metaphysik und Logik vorgefunden
hat. So allgemein und häufig dieselben, die letztere noch bis auf
unsere Zeiten fort, getrieben worden, so wenig hat solche Bearbeitung
die spekulative Seite betroffen; vielmehr ist im Ganzen dasselbe
Material wiederholt, abwechselnd bald bis zu trivialer
Oberflächlichkeit verdünnt, bald der alte Ballast umfangsreicher von
Neuem hervorgeholt und mitgeschleppt worden, so daß durch solche,
häufig ganz nur mechanische Bemühungen dem philosophischen Gehalt
kein Gewinn zuwachsen konnte. Das Reich des Gedankens philosophisch,
d.i. in seiner eigenen immanenten Thätigkeit, oder was dasselbe ist,
in seiner nothwendigen Entwickelung darzustellen, mußte deswegen ein
neues Unternehmen seyn, und dabei von vorne angefangen werden; jenes
erworbene Material, die bekannten Denkformen, aber ist als eine
höchst wichtige Vorlage, ja eine nothwendige Bedingung, dankbar
anzuerkennende Voraussetzung anzusehen, wenn dieselbe auch nur hier
und da einen dürren Faden, oder die leblosen Knochen eines Skeletts,
sogar in Unordnung untereinander geworfen, dargiebt.
Die Denkformen sind zunächst in der Sprache des Menschen
herausgesetzt und niedergelegt, es kann in unseren Tagen nicht oft
genug daran erinnert werden, daß das, wodurch sich der Mensch vom
Thiere unterscheidet, das Denken ist. In Alles, was ihm zu einem
Innerlichen, zur Vorstellung überhaupt, wird, was er zu dem Seinigen
macht, hat sich die Sprache eingedrängt, und was er zur Sprache macht
und in ihr äußert, enthält eingehüllter, vermischter, oder
herausgearbeitet, eine Kategorie; so sehr natürlich ist ihm das
Logische, oder vielmehr dasselbige ist seine eigenthümliche Natur
selbst. Stellt man aber die Natur überhaupt, als das Physikalische,
dem Geistigen gegenüber, so müßte man sagen, daß das Logische
vielmehr das Übernatürliche ist, welches sich in alles Naturverhalten
des Menschen, in sein Empfinden, Anschauen, Begehren, Bedürfniß,
Trieb eindrängt und es dadurch überhaupt zu einem Menschlichen, wenn
auch nur formell, zu Vorstelllungen und Zwecken, macht. Es ist der
Vortheil einer Sprache, wenn sie einen Reichthum an logischen
Ausdrücken, nämlich eigenthümlichen und abgesonderten, für die
Denkbestimmungen selbst besitzt; von den Präpositionen, Artikeln,
gehören schon viele solchen Verhältnissen an, die auf dem Denken
beruhen; die chinesische Sprache soll es in ihrer Ausbildung gar
nicht oder nur dürftig bis dahin gebracht haben; aber diese Partikeln
treten ganz dienend, nur etwas weniges abgelöster, als die Augmente,
Flexionszeichen und dergl. auf. Viel wichtiger ist es, daß in einer
Sprache die Denkbestimmungen zu Substantiven und Verben
herausgestellt und so zur gegenständlichen Form gestempelt sind; die
deutsche Sprache hat darin viele Vorzüge vor den anderen modernen
Sprachen; sogar sind manche ihrer Wörter von der weiteren Eigenheit,
verschiedene Bedeutungen nicht nur, sondern entgegengesetzte zu haben,
so daß darin selbst ein spekulativer Geist der Sprache nicht zu
verkennen ist; es kann dem Denken eine Freude gewähren, auf solche
Wörter zu stoßen, und die Vereinigung Entgegengesetzter, welches
Resultat der Spekulation für den Verstand aber widersinnig ist, auf
naive Weise schon lexikalisch als Ein Wort von den entgegengesetzten
Bedeutungen vorzufinden. Die Philosophie bedarf daher überhaupt
keiner besonderen Terminologie; es sind wohl aus fremden Sprachen
einige Wörter aufzunehmen, welche jedoch durch den Gebrauch bereits
das Bürgerrecht in ihr erhalten haben, ein affektirter Purismus würde
da, wo es am entschiedensten auf die Sache ankommt, am wenigsten am
Platze seyn.--Das Fortschreiten der Bildung überhaupt und
insbesondere der Wissenschaften, selbst der empirischen und
sinnlichen; indem sie im Allgemeinen sich in den gewöhnlichsten
Kategorien (z.B. eines Ganzen und der Theile, eines Dinges und seiner
Eigenschaften und dergleichen) bewegen, fördert nach und nach auch
höhere Denkverhältnisse zu Tage, oder hebt sie wenigstens zu größerer
Allgemeinheit und damit zu näherer Aufmerksamkeit hervor. Wenn z.B.
in der Physik die Denkbestimmung der Kraft vorherrschend geworden ist,
so spielt in neuerer Zeit die Kategorie der Polarität, die übrigens
zu sehr... tort e... travers in Alles selbst in das Licht eingedrängt
wird, die bedeutendste Rolle,--die Bestimmung von einem Unterschiede,
in welchem die Unterschiedenen untrennbar verbunden sind;--daß auf
solche Weise von der Form der Abstraktion, der Identität, durch
welche eine Bestimmtheit z.B. als Kraft eine Selbstständigkeit erhält,
fortgegangen, und die Form des Bestimmens, des Unterschiedes,
welcher zugleich als ein Untrennbares in der Identität bleibt,
herausgehoben und eine geläufige Vorstellung geworden, ist von
unendlicher Wichtigkeit. Die Naturbetrachtung bringt durch die
Realität, in welcher ihre Gegenstände sich festhalten, dieses
Zwingende mit sich, die Kategorien, die in ihr nicht länger ignorirt
werden können, wenn auch mit der größten Inkonsequenz gegen andere,
die auch geltend gelassen werden, zu fixiren, und es nicht zu
gestatten, daß, wie im Geistigen leichter geschieht, zu Abstraktionen
von dem Gegensatze und zur Allgemeinheit übergegangen wird.
Aber indem so die logischen Gegenstände, wie deren Ausdrücke, etwa in
der Bildung Allbekanntes sind, so ist, wie ich anderwärts gesagt, was
bekannt ist, darum nicht erkannt, und es kann selbst die Ungeduld
erregen, sich noch mit Bekanntem beschäftigen zu sollen, und was ist
bekannter, als eben die Denkbestimmungen, von denen wir allenthalben
Gebrauch machen, die uns in jedem Satze, den wir sprechen, zum Munde
herausgehen. Über den Gang des Erkennens von diesem Bekannten aus,
über das Verhältniß des wissenschaftlichen Denkens zu diesem
natürlichen Denken, die allgemeinen Momente anzugeben soll dieses
Vorwort bestimmt seyn, so viel, zusammengenommen mit dem, was die
frühere Einleitung enthält, wird hinreichend seyn, um eine allgemeine
Vorstellung, wie man eine solche von einer Wissenschaft zum voraus,
vor derselben, welche die Sache selbst ist, zu erhalten fordert, von
dem Sinne des logischen Erkennens zu geben.
Zunächst ist es als ein unendlicher Fortschritt anzusehen, daß die
Formen des Denkens von dem Stoffe, in welchen sie im selbstbewußten
Anschauen, Vorstellen, wie in unserem Begehren und Wollen, oder
vielmehr auch in dem vorstellenden Begehren und Wollen (--und es ist
kein menschliches Begehren oder Wollen ohne Vorstellen--) versenkt
sind, befreit, diese Allgemeinheiten für sich herausgehoben, und wie
Plato, dann aber Aristoteles vornehmlich gethan, zum Gegenstande der
Betrachtung für sich gemacht worden; dieß giebt den Anfang des
Erkennens derselben. "Erst nachdem beinahe alles Nothwendige", sagt
Aristoteles, "und was zur Bequemlichkeit und zum Verkehr des Lebens
gehört, vorhanden war, hat man angefangen, sich um philosophische
Erkenntniß zu bemühen." "In Ägypten," hatte er vorher bemerkt, "sind
die mathematischen Wissenschaften früh ausgebildet worden, weil
daselbst der Priesterstand früh in die Lage versetzt worden, Muße zu
haben."--In der That setzt das Bedürfniß sich mit den reinen Gedanken
zu beschäftigen einen weiten Gang voraus, den der Menschengeist
durchgemacht haben muß, es ist, kann man sagen, es ist das Bedürfniß
des schon befriedigten Bedürfnisses der Nothwendigkeit der
Bedürfnißlosigkeit, zu dem er gekommen seyn muß, der Abstraktion von
dem Stoffe des Anschauens, Einbildens u.s.f. der konkreten Interessen
des Begehrens, der Triebe, des Willens, in welchem Stoffe die
Denkbestimmungen eingehüllt stecken. In den stillen Räumen des zu
sich selbst gekommenen und nur in sich seyenden Denkens schweigen die
Interessen, welche das Leben der Völker und der Individuen bewegen.
"Nach so vielen Seiten," sagt Aristoteles in demselben Zusammenhange,
"ist die Natur des Menschen abhängig, aber diese Wissenschaft, die
nicht zu einem Gebrauche gesucht wird, ist allein die an und für sich
freie und sie scheint darum nicht ein menschlicher Besitz zu seyn.
"--Die Philosophie überhaupt hat es noch mit konkreten Gegenständen,
Gott, Natur, Geist, in ihren Gedanken zu thun, aber die Logik
beschäftigt sich ganz nur mit diesen für sich in ihrer vollständigen
Abstraktion. Diese Logik pflegt darum dem Studium der Jugend
zunächst anheim zu fallen, als welche noch nicht in die Interessen
des konkreten Lebens eingetreten ist, in der Muße in Rücksicht
derselben lebt, und nur erst für ihren subjektiven Zweck mit der
Erwerbung der Mittel und der Möglichkeiten, in den Objekten jener
Interessen thätig zu werden, sich und mit diesen selbst noch
theoretisch sich zu beschäftigen hat. Unter diese Mittel wird im
Widerspiele von der angeführten Vorstellung des Aristoteles, die
logische Wissenschaft gerechnet, die Bemühung mit derselben ist eine
vorläufige Arbeit, ihr Ort die Schule, auf welche erst der Ernst des
Lebens und die Thätigkeit für die wahrhaften Zwecke folgen soll. Im
Leben geht es zum Gebrauch der Kategorien, sie werden von der Ehre,
für sich betrachtet zu werden, dazu herabgesetzt, in dem geistigen
Betrieb lebendigen Inhalts in dem Erschaffen und Auswechseln der
darauf bezüglichen Vorstellungen, zu dienen,--Theils als
Abbreviaturen durch ihre Allgemeinheit;--denn welche unendliche Menge
von Einzelnheiten des äußerlichen Daseyns und der Thätigkeit faßt die
Vorstellung. Schlacht, Krieg, Volk, oder Meer, Thier u.s.f. in sich
zusammen;--wie ist in der Vorstellung: Gott oder Liebe u.s.f. in die
Einfachheit solchen Vorstellens eine unendliche Menge von
Vorstellungen, Thätigkeit, Zuständen u.s.f. epitomirt!--Theils zur
näheren Bestimmung und Findung der gegenständlichen Verhältnisse,
wobei aber Gehalt und Zweck, die Richtigkeit und Wahrheit des sich
einmischenden Denkens ganz von dem Vorhandenen selbst abhängig
gemacht ist und den Denkbestimmungen für sich keine Inhaltbestimmende
Wirksamkeit zugeschrieben wird. Solcher Gebrauch der Kategorien, der
vorhin die natürliche Logik genannt worden ist, ist bewußtlos, und
wenn ihnen in wissenschaftlicher Reflexion das Verhältniß, als Mittel
zu dienen, im Geiste angewiesen wird, so wird das Denken überhaupt zu
etwas den anderen geistigen Bestimmungen Untergeordnetem gemacht.
Von unseren Empfindungen, Trieben, Interessen sagen wir nicht wohl,
daß sie uns dienen, sondern sie gelten als selbstständige Kräfte und
Mächte, so daß wir dieß selbst sind, so zu empfinden, dieß zu
begehren und zu wollen, in dieß unser Interesse zu legen. Aber
wieder kann es vielmehr unser Bewußtseyn werden, daß wir im Dienste
unserer Gefühle, Triebe, Leidenschaften, Interessen, ohnehin von
Gewohnheiten stehen, als daß wir sie im Besitz haben, noch weniger,
daß sie bei unser innigen Einheit mit ihnen uns als Mittel dienen.
Dergleichen Bestimmungen des Gemüths und Geistes zeigen sich uns bald
als Besondere im Gegensatze gegen die Allgemeinheit, als die wir uns
bewußt werden, in der wir unsere Freiheit haben, und halten dafür, in
diesen Besonderheiten vielmehr befangen zu seyn, von ihnen beherrscht
zu werden. Sonach können wir dann viel weniger dafür halten, daß die
Denkformen, die sich durch alle unserer Vorstellungen, diese seyen
bloß theoretisch, oder enthalten einen Stoff, der der Empfindung, dem
Triebe, dem Willen angehört, hindurch ziehen, uns dienen, daß wir sie,
und sie nicht vielmehr uns im Besitz haben; was ist uns übrig gegen
sie, wie sollen wir, ich mich als das Allgemeinere über sie
hinausstellen, sie die selbst das Allgemeine als solches sind. Wenn
wir uns in eine Empfindung, Zweck, Interesse legen, und uns darin
beschränkt, unfrei fühlen, so ist der Ort, in den wir daraus heraus
und in die Freiheit zurück zu ziehen vermögen, dieser Ort der
Gewißheit seiner selbst, der reinen Abstraktion, des Denkens. Oder
ebenso, wenn wir von den Dingen sprechen wollen, so nennen wir die
Natur oder das Wesen derselben ihren Begriff, und dieser ist nur für
das Denken; von den Begriffen der Dinge aber werden wir noch viel
weniger sagen, daß wir sie beherrschen oder daß die Denkbestimmungen,
von denen sie der Komplex sind, uns dienen, im Gegentheil muß sich
unser Denken nach ihnen beschränken und unsere Willkür oder Freiheit
soll sie nicht nach sich zurichten wollen. Insofern also das
subjektive Denken unser eigenstes, innerlichstes Thun ist, und der
objektive Begriff der Dinge die Sache selbst ausmacht, so können wir
aus jenem Thun nicht heraus seyn, nicht über demselben stehen, und
ebenso wenig können wir über die Natur der Dinge hinaus. Von der
letzteren Bestimmung jedoch können wir absehen; sie fällt mit der
ersteren insofern zusammen, da sie eine Beziehung unserer Gedanken
auf die Sache, aber nur etwas Leeres ergäbe, weil die Sache damit als
Regel für unsere Begriffe aufgestellt werden würde, aber eben die
Sache für uns nichts Anderes als unsere Begriffe von ihr seyn kann.
Wenn die kritische Philosophie das Verhältniß dieser drei Terminorum
so versteht, daß wir die Gedanken zwischen uns und zwischen die
Sachen als Mitte stellen in dem Sinne, daß diese Mitte uns von den
Sachen vielmehr abschließt, statt uns mit denselben
zusammenzuschließen, so ist dieser Ansicht die einfache Bemerkung
entgegenzusetzen, daß eben diese Sachen, die jenseits unserer und
jenseits der sich auf sie beziehenden Gedanken auf dem anderen
Extreme stehen sollen, selbst Gedankendinge, und als ganz unbestimmte,
nur Ein Gedankending, (--das sogenannte Ding-an-sich) der leeren
Abstraktion selbst sind.
Doch dieß mag für den Gesichtspunkt genügen, aus welchem das
Verhältniß verschwindet, nach welchem die Denkbestimmungen nur als
zum Gebrauch und als Mittel genommen werden; wichtiger ist das weiter
damit Zusammenhängende, nach welchem sie als äußere Formen gefaßt zu
werden pflegen.--Die uns alle Vorstellungen, Zwecke, Interessen und
Handlungen durchwirkende Thätigkeit des Denkens ist, wie gesagt,
bewußtlos geschäftig (die natürliche Logik); was unser Bewußtseyn vor
sich hat, ist der Inhalt, die Gegenstände der Vorstellungen, das,
womit das Interesse erfüllt ist; die Denkbestimmungen gelten nach
diesem Verhältniß als Formen, die nur an dem Gehalt, nicht der Gehalt
selbst seyen. Wenn es aber an dem ist, was vorhin angegeben worden,
und was sonst im Allgemeinen zugestanden wird, daß die Natur, das
eigenthümliche Wesen, das wahrhaft Bleibende und Substantielle bei
der Mannigfaltigkeit und Zufälligkeit des Erscheinens und der
Zufälligkeit des Erscheinens und der vorübergehenden Äußerung, der
Begriff der Sache, das in ihr selbst Allgemeine ist, wie jedes
menschliche Individuum zwar ein unendlich eigenthümliches, das Prius
aller seiner Eigenthümlichkeit darin Mensch zu seyn in sich hat, wie
jedes einzelne Thier, das Prius, Thier zu seyn: so wäre nicht zu
sagen, was, wenn diese Grundlage aus dem mit noch so vielfachen
sonstigen Prädikaten Ausgerüsteten weggenommen würde, ob sie gleich
wie die anderen ein Prädikat genannt werden kann, was so ein
Individuum noch seyn sollte. Die unerläßliche Grundlage, der Begriff,
das Allgemeine, das der Gedanke, insofern man nur von der
Vorstellung bei dem Worte: Gedanke, abstrahiren kann, selbst ist,
kann nicht nur als eine gleichgültige Form, die an einem Inhalte sey,
angesehen werden. Aber diese Gedanken aller natürlichen und
geistigen Dinge, selbst der substantielle Inhalt, sind noch ein
socher, der vielfache Bestimmtheiten enthält und noch den Unterschied
einer Seele und eines Leibes, des Begriffs und einer relativen
Realität an ihm hat; die tiefere Grundlage ist die Seele für sich,
der reine Begriff, der das Innerste der Gegenstände, ihr einfacher
Lebenspuls, wie selbst des subjektiven Denkens derselben ist. Diese
logische Natur, die den Geist beseelt, in ihm treibt und wirkt, zum
Bewußtseyn zu bringen, dieß ist die Aufgabe. Das instinktartige Thun
unterscheidet sich von dem intelligenten und freien Thun dadurch
überhaupt, daß dieses mit Bewußtseyn geschieht, indem der Inhalt des
Treibenden heraus aus der unmittelbaren Einheit mit dem Subjekte zur
Gegenständlichkeit vor dieses gebracht ist, beginnt die Freiheit des
Geistes, der in dem instinktweisen Wirken des Denkens befangen in den
Banden seiner Kategorien in einen unendlich mannigfachen Stoff
zersplittert ist. In diesem Netze schürzen sich hin und wieder
festere Knoten, welche die Anhalts- und Richtungspunkte seines Lebens
und Bewußtseyns sind, sie verdanken ihre Festigkeit und Macht eben
dem, daß sie vor das Bewußtseyn gebracht an und für sich seyenden
Begriffe seiner Wesenheit sind. Der wichtigste Punkt für die Natur
des Geistes ist das Verhältniß nicht nur dessen, was er an sich ist,
zu dem was er wirklich ist, sondern dessen, als was er sich weiß;
dieses Sichwissen ist darum, weil er wesentlich Bewußtseyn,
Grundbestimmung seiner Wirklichkeit. Diese Kategorien, die nur
instinktmäßig als Triebe wirksam sind, und zunächst vereinzelt, damit
veränderlich und sich verwirrend in das Bewußtseyn des Geistes
gebracht, und ihm so eine vereinzelte und unsichere Wirklichkeit
gewähren, zu reinigen und ihn damit in ihnen zur Freiheit und
Wahrheit zu erheben, dieß ist also das höhere logische Geschäft.
Was wir als Anfang der Wissenschaft, dessen hoher Werth für sich und
zugleich als Bedingung der wahrhaften Erkenntniß vorhin anerkannt
worden ist, angaben, die Begriffe und die Momente des Begriffs
überhaupt, die Denkbestimmungen zunächst als Formen, die von dem
Stoffe verschieden und nur an ihm seyen, zu behandeln, dieß giebt
sich sogleich an sich selbst als ein zur Wahrheit, die als Gegenstand
und Zweck der Logik angegeben wird, unangemessenes Verhalten kund.
Denn so als bloße Formen, als verschieden von dem Inhalte, werden sie
in einer Bestimmung stehend angenommen, die sie zu endlichen stempelt
und die Wahrheit, die in sich unendlich ist, zu fassen unfähig macht.
Mag das Wahre sonst, in welcher Rücksicht es sey, wieder mit
Beschränkung und Endlichkeit vergesellschaftet seyn, dieß ist die
Seite seiner Negation, seiner Unwahrheit und Unwirklichkeit, eben
seines Endes, nicht der Affirmation, welche es als Wahres ist. Gegen
die Kahlheit der bloß formellen Kategorien hat der Instinkt der
gesunden Vernunft sich endlich so erstarkt gefühlt, daß er ihre
Kenntniß mit Verachtung dem Gebiete einer Schullogik und
Schulmetaphysik überläßt, zugleich mit der Mißachtung des Werthes,
den schon das Bewußtseyn dieser Fäden für sich hat, und mit der
Bewußtlosigkeit, in dem instinktartigen Thun natürlicher Logik, noch
mehr in dem reflektirten Verwerfen der Kenntniß und Erkenntniß der
Denkbestimmungen selbst, im Dienste des ungereinigten und damit
unfreien Denkens gefangen zu seyn. Die einfache Grundbestimmung oder
gemeinschaftliche Formbestimmung der Sammlung solcher Formen ist die
Identität, die als Gesetz, als A=A, als Satz des Widerspruchs in der
Logik dieser Sammlung behauptet wird. Die gesunde Vernunft hat ihre
Ehrerbietung vor der Schule, die im Besitze solcher Gesetze der
Wahrheit und in der sie noch immer so fortgeführt werden, so sehr
verloren, daß sie dieselbe darob verlacht, und einen Menschen, der
nach solchen Gesetzen wahrhaft zu sprechen weiß: die Pflanze ist
eine--Pflanze, die Wissenschaft ist--die Wissenschaft, und sofort
ins Unendliche, für unerträglich hält. Über die Formeln auch,
welche die Regeln des Schließens, das in der That ein Hauptgebrauch
des Verstandes ist, hat sich--so ungerecht es ist zu verkennen, daß
sie ihr Feld in der Erkenntniß haben, worin sie gelten müssen und
zugleich, daß sie wesentliches Material für das Denken der Vernunft
sind,--das ebenso gerechte Bewußtsein festgesetzt, daß sie
gleichgültige Mittel wenigstens ebenso sehr des Irrthums und der
Sophisterei sind, und wie man auch sonst die Wahrheit bestimmen mag,
für die höhere, z.B. die religiöse Wahrheit unbrauchbar sind; daß sie
überhaupt nur eine Richtigkeit der Erkenntnisse, nicht die Wahrheit
betreffen.
Die Unvollständigkeit dieser Weise, das Denken zu betrachten, welche
die Wahrheit auf der Seite läßt, ist allein dadurch zu ergänzen, daß
nicht bloß das, was zu äußeren Form gerechnet zu werden pflegt,
sondern der Inhalt mit in die denkende Betrachtung gezogen wird. Es
zeigt sich von selbst bald, daß was in der nächsten gewöhnlichsten
Reflexion als Inhalt von der Form geschieden wird, in der That nicht
formlos, nicht bestimmungslos in sich, seyn soll; so wäre er nur das
Leere, etwa die Abstraktion des Dings-an-sich,--daß er vielmehr Form
in ihm selbst, ja durch sie allein Beseelung und Gehalt hat und daß
sie selbst es ist, die nur in den Schein eines Inhalts, so wie damit
auch in den Schein eines an diesem Scheine Äußerlichen, umschlägt.
Mit dieser Einführung des Inhalts in die logische Betrachtung, sind
es nicht die Dinge, sondern die Sache, der Begriff der Dinge, welcher
Gegenstand wird.
Hierbei kann man aber auch daran erinnert werden, daß es eine Menge
Begriffe, eine Menge Sachen giebt. Wodurch aber diese Menge
beschränkt wird, ist Theils vorhin gesagt worden, daß der Begriff als
Gedanke überhaupt, als Allgemeines, die unermeßliche Abbreviatur
gegen die Einzelnheit der Dinge, wie sie ihre Menge dem unbestimmten
Anschauen und Vorstellen vorschweben, ist; Theils aber ist ein
Begriff sogleich erstens der Begriff an ihm selbst, und dieser ist
nur Einer, und ist die substantielle Grundlage; vor's Andere aber ist
er wohl ein bestimmter Begriff, welche Bestimmtheit an ihm das ist,
was als Inhalt erscheint, die Bestimmtheit des Begriffs aber ist eine
Formbestimmung dieser substantiellen Einheit, ein Moment der Form als
Totalität, des Begriffes selbst, der die Grundlage der bestimmten
Begriffe ist. Dieser wird nicht sinnlich angeschaut oder vorgestellt;
er ist nur Gegenstand, Produkt und Inhalt des Denkens, und die an
und für sich seyende Sache, der Logos, die Vernunft dessen, was ist,
die Wahrheit dessen, was den Namen der Dinge führt; am wenigsten ist
es der Logos, was außerhalb der logischen Wissenschaft gelassen
werden soll. Es muß darum nicht ein Belieben seyn, ihn in die
Wissenschaft herein zu ziehen oder ihn draußen zu lassen. Wenn die
Denkbestimmungen, welche nur äußerliche Formen sind, wahrhaft an
ihnen selbst betrachtet werden, kann nur ihre Endlichkeit und die
Unwahrheit ihres Für-sich-seyn-sollens und als ihre Wahrheit, der
Begriff, hervorgehen. Daher wird die logische Wissenschaft, indem
sie die Denkbestimmungen, die überhaupt unsern Geist instinktartig
und bewußtlos durchziehen, und selbst indem sie in die Sprache
hereintreten, ungegenständlich, unbeachtet bleiben, abhandelt, auch
die Rekonstruktion derjenigen seyn, welche durch die Reflexion
herausgehoben und von ihr als subjektive, an dem Stoff und Gehalt
äußere Formen fixiert sind.
Die Darstellung keines Gegenstandes wäre an und für sich fähig, gar
streng ganz immanent plastisch zu seyn, als die der Entwickelung des
Denkens in seiner Nothwendigkeit; keiner führte so sehr diese
Forderung mit sich; seine Wissenschaft müßte darin auch die
Mathematik übertreffen, denn kein Gegenstand hat in ihm selbst diese
Freiheit und Unabhängigkeit. Solcher Vortrag erforderte, wie dieß in
seiner Art in dem Gange der mathematischen Konsequenz vorhanden ist,
daß bei keiner Stufe der Entwickelung eine Denkbestimmung und
Reflexion vorkäme, die nicht in dieser Stufe unmittelbar hervorgeht,
und aus den vorhergehenden in sie herübergekommen ist. Allein auf
solche abstrakte Vollkommenheit der Darstellung muß freilich im
Allgemeinen Verzicht gethan werden; schon indem die Wissenschaft mit
dem rein Einfachen, hiermit dem Allgemeinsten und Leersten, anfangen
muß, ließe der Vortrag nur eben diese selbst ganz einfachen Ausdrücke
des Einfachen ohne allen weiteren Zusatz irgend eines Wortes zu;--was
der Sache nach Statt finden dürfte, wären negirende Reflexionen, die
das abzuhalten und zu entfernen sich bemühten, was sonst die
Vorstellung oder ein ungeregeltes Denken einmischen könnte. Solche
Einfälle in den einfachen immanenten Gang der Entwickelung sind
jedoch für sich zufällig, und die Bemühung, sie abzuwehren, wird
somit selbst mit dieser Zufälligkeit behaftet; ohnehin ist es
vergeblich allen solchen Einfällen, eben weil sie außer der Sache
liegen, begegnen zu wollen, und wenigstens wäre Unvollständigkeit das,
was hierbei für die systematische Befriedigung verlangt würde. Aber
die eigenthümliche Unruhe und Zerstreuung unseres modernen
Bewußtseyns läßt es nicht anders zu, als gleichfalls mehr oder
weniger auf nahe liegende Reflexionen und Einfälle Rücksicht zu
nehmen, ein plastischer Vortrag erfordert dann auch einen plastischen
Sinn des Aufnehmens und Verstehens; aber solche plastische Jünglinge
und Männer so ruhig mit der Selbstverläugnung eigener Reflexionen und
Einfälle, womit das Selbstdenken sich zu erweisen ungeduldig ist, nur
der Sache folgende Zuhörer, wie sie Plato dichtet, würden in einem
modernen Dialoge nicht aufgestellt werden können; noch weniger dürfte
auf solche Leser gezählt werden. Im Gegentheil haben sich mir zu
häufig und zu heftig solche Gegner gezeigt, welche nicht die einfache
Reflexion machen mochten, daß ihre Einfälle und Einwürfe Kategorien
enthalten, welche Voraussetzungen sind und selbst erst der Kritik
bedürfen, ehe sie gebraucht werden. Die Bewußtlosigkeit hierüber
geht unglaublich weit; sie macht das Grund-Mißverständniß, das üble d.
h. ungebildete Benehmen, bei einer Kategorie, die betrachtet wird,
etwas Anderes zu denken und nicht diese Kategorie selbst. Diese
Bewußtlosigkeit ist um so weniger zu rechtfertigen, als solches
Anderes andere Denkbestimmungen und Begriffe sind, in einem Systeme
der Logik aber eben diese anderen Kategorien gleichfalls ihre Stelle
müssen gefunden haben, und daselbst für sich der Betrachtung werden
unterworfen seyn. Am auffallendsten ist dieß in der überwiegenden
Menge von Einwürfen und Angriffen, die auf die ersten Begriffe oder
Sätze der Logik, das Seyn und Nichts und das Werden, als welches,
selbst eine einfache Bestimmung, wohl unbestritten,--die einfachste
Analyse zeigt dieß,--jene beiden Bestimmungen als Momente enthält.
Die Gründlichkeit scheint zu erfordern, den Anfang, als den Grund,
worauf Alles gebaut sey, vor Allem aus zu untersuchen, ja nicht
weiter zu gehen, als bis er sich fest erwiesen hat, im Gegentheil
vielmehr, wenn dieß nicht der Fall ist, alles noch Folgende zu
verwerfen. Diese Gründlichkeit hat zugleich den Vortheil, die größte
Erleichterung für das Denkgeschäft zu gewähren, sie hat die ganze
Entwickelung in diesen Keim eingeschlossen vor sich, und hält sich
für mit Allem fertig, wenn sie mit diesem fertig ist, der das
Leichteste zum Abthun ist, denn er ist das Einfachste, das Einfache
selbst; es ist die geringe Arbeit, die erforderlich ist, wodurch sich
diese so selbst zufriedene Gründlichkeit wesentlich empfiehlt. Diese
Beschränkung auf das Einfache läßt der Willkür des Denkens, das für
sich nicht einfach bleiben will, sondern seine Reflexionen darüber
anbringt, freien Spielraum. Mit dem guten Rechte, sich zuerst nur
mit dem Princip zu beschäftigen, und damit sich auf das Weitere nicht
einzulassen, thut diese Gründlichkeit in ihrem Geschäfte selbst das
Gegentheil hiervon, vielmehr das Weitere, d.i. andere Kategorien als
nur das Princip ist, andere Voraussetzungen und Vorurtheile
herbeizubringen. Solche Voraussetzungen, daß die Unendlichkeit
verschieden von der Endlichkeit, der Inhalt etwas Anderes als die
Form, das Innere ein Anderes als das Äußere, die Vermittelung ebenso
nicht die Unmittelbarkeit sey, als ob einer dergleichen nicht wüßte,
werden zugleich belehrungsweise vorgebracht und nicht sowohl bewiesen,
als erzählt und versichert. In solchem Belehren als Benehmen
liegt--man kann es nicht anders nennen,--eine Albernheit; der Sache
nach aber Theils das Unberechtigte, dergleichen nur vorauszusetzen
und geradezu anzunehmen, Theils aber noch mehr die Unwissenheit, daß
es das Bedürfniß und Geschäft des logischen Denkens ist, eben dieß zu
untersuchen, ob denn so ein Endliches ohne Unendlichkeit etwas Wahres
ist, ebenso solche abstrakte Unendlichkeit, ferner ein formloser
Inhalt und eine inhaltlose Form, so ein Inneres für sich, das keine
Äußerung hat, eine Äußerlichkeit ohne Innerlichkeit u.s.f.--etwas
Wahres, ebenso etwas Wirkliches ist.--Aber diese Bildung und Zucht
des Denkens, durch welche ein plastisches Verhalten desselben bewirkt
und die Ungeduld der einfallenden Reflexion überwunden würde, wird
allein durch das Weitergehen, das Studium und die Produktion der
ganzen Entwickelung verschafft.
Bei der Erwähnung platonischer Darstellung kann, wer ein
selbstständiges Gebäude philosophischer Wissenschaft in modernen
Zeiten neu aufzuführen arbeitet, an die Erzählung erinnert werden,
daß Plato seine Bücher über den Staat sieben Mal umgearbeitet habe.
Die Erinnerung hieran, eine Vergleichung, insofern sie eine solche in
sich zu schließen schiene, dürfte nur um so mehr bis zu dem Wunsch
treiben, daß für ein Werk, das, als der modernen Welt angehörig, ein
tieferes Princip, einen schwereren Gegenstand und ein Material von
reicherm Umfang zur Bearbeitung vor sich hat, die freie Muße, es
sieben und siebenzig Mal durchzuarbeiten, gewährt gewesen wäre. So
aber mußte der Verfasser, indem er es im Angesicht der Größe der
Aufgabe betrachtet, sich mit dem begnügen, was es hat werden mögen,
unter den Umständen einer äußerlichen Nothwendigkeit, der
unabwendbaren Zerstreuung durch die Größe und Vielseitigkeit der
Zeitinteressen, sogar unter dem Zweifel, ob der laute Lärm des Tages
und die betäubende Geschwätzigkeit der Einbildung, die auf denselben
sich zu beschränken eitel ist, noch Raum für die Theilnahme an der
leidenschaftslosen Stille der nur denkenden Erkenntniß offen lasse.
Berlin, den 7. November 1831.
Die subjektive Logik, oder: Die Lehre vom Begriff.
Dieser Theil der Logik, der die _Lehre vom Begriffe_ enthÄlt, und den
dritten Theil des Ganzen ausmacht, wird auch unter dem besondern
Titel: _System der subjektiven Logik_, zur Bequemlichkeit derjenigen
Freunde dieser Wissenschaft ausgegeben, die fÜr die hier
abgehandelten, in dem Umfange der gewÖhnlich so genannten Logik
befaßten Materien ein größeres Interesse zu haben gewöhnt sind, als
für die weitern logischen Gegenstände, die in den beiden ersten
Theilen abgehandelt worden.--Für diese frühern Theile konnte ich auf
die Nachsicht billiger Beurtheiler wegen der wenigen Vorarbeiten
Anspruch machen, die mir einen Anhalt, Materialien und einen Faden
des Fortgangs hätten gewähren können. Bei dem gegenwärtigen darf ich
diese Nachsicht vielmehr aus dem entgegengesetzten Grunde ansprechen;
indem sich für die Logik des _Begriffs_ ein völlig fertiges und
festgewordenes, man kann sagen, verknöchertes Material vorfindet, und
die Aufgabe darin besteht, dasselbe in Flüssigkeit zu bringen, und
den lebendigen Begriff in solchem todten Stoffe wieder zu entzünden;
wenn es seine Schwierigkeiten hat, in einem öden Lande eine neue
Stadt zu erbauen, so findet sich zwar Material genug, aber desto mehr
Hindernisse anderer Art, wenn es darum zu thun ist, einer alten,
festgebauten, in fortwährendem Besitz und Bewohnung erhaltenen Stadt
eine neue Anlage zu geben; man muß sich unter anderem auch
entschließen, von vielem sonst Werthgeachtetem des Vorraths gar
keinen Gebrauch zu machen.-Vornehmlich aber darf die Größe des
Gegenstandes selbst zur Entschuldigung der unvollkommenen Ausführung
angeführt werden. Denn welcher Gegenstand ist erhabener für die
Erkenntniß, als die _Wahrheit_ selbst?--Der Zweifel aber, ob nicht
dieser Gegenstand es eben sey, der einer Entschuldigung bedürfe,
liegt nicht aus dem Wege, wenn man sich des Sinns erinnert, in
welchem _Pilatus_ die Frage: _was ist Wahrheit?_ sagte;--nach dem
Dichter:--mit der Miene des Hofmanns, die kurzsichtig, doch lächelnd
des Ernstes Sache verdammet.
Jene Frage schließt dann den Sinn, der als ein Moment der Höflichkeit
angesehen werden kann, und die Erinnerung daran in sich, daß das Ziel,
die Wahrheit zu erkennen, etwas bekanntlich Aufgegebenes, längst
Abgethanes, und die Unerreichbarkeit der Wahrheit auch unter
Philosophen und Logikern von Profession etwas Anerkanntes sey?--Wenn
aber die Frage der _Religion_ nach dem Werthe der Dinge, der
Einsichten und Handlungen, die dem Inhalte nach einen gleichen Sinn
hat, in unsern Zeiten ihr Recht sich wieder mehr vindicirt, so muß
wohl die Philosophie hoffen, daß es auch nicht mehr so auffallend
gefunden werde, wenn sie wieder, zunächst in ihrem unmittelbaren
Felde, ihr wahrhaftes Ziel geltend macht, und nachdem sie in die Art
und Weise und in die Anspruchslosigkeit anderer Wissenschaften auf
Wahrheit herabgefallen, sich wieder zu demselben zu erheben strebt.
Wegen dieses Versuchs kann es eigentlich nicht erlaubt seyn, eine
Entschuldigung zu machen; aber wegen der Ausführung desselben darf
ich für eine solche noch erwähnen, daß meine Amtsverhältnisse und
andere persönliche Umstände mir nur eine zerstreute Arbeit in einer
Wissenschaft gestatten, welche einer unzerstreuten und ungetheilten
Anstrengung bedarf und würdig ist.
Nürnberg, den 21. Jul. 1816.
Vom Begriff im Allgemeinen.
_Was die Natur des Begriffes_ sey, kann so wenig unmittelbar
angegeben werden, als der Begriff irgend eines andern Gegenstandes
unmittelbar aufgestellt werden kann. Es könnte etwa scheinen, daß,
um den Begriff eines Gegenstandes anzugeben, das Logische
vorausgesetzt werde, und dieses somit nicht wieder etwas Anderes zu
seinem Voraus haben, noch ein Abgeleitetes seyn könne, wie in der
Geometrie logische Sätze, wie sie in Anwendung auf die Größe
erscheinen und in dieser Wissenschaft gebraucht werden, in der Form
von _Axiomen, unabgeleiteten und unableitbaren_
Erkenntnißbestimmungen vorangeschickt werden. Ob nun wohl der
Begriff nicht nur als eine subjektive Voraussetzung, sondern als
_absolute Grundlage_ anzusehen ist, so kann er dieß doch nicht seyn,
als insofern er sich zur Grundlage _gemacht_ hat. Das
abstrakt-Unmittelbare ist wohl ein _Erstes_; als dieß Abstrakte ist
es aber vielmehr ein Vermitteltes, von dem also, wenn es in seiner
Wahrheit gefaßt werden soll, seine Grundlage erst zu suchen ist.
Diese muß daher zwar ein Unmittelbares seyn, aber so, daß es aus der
Aufhebung der Vermittelung sich zum Unmittelbaren gemacht hat.
_Der Begriff_ ist von dieser Seite zunächst überhaupt als _das
Dritte_ zum _Seyn_ und _Wesen_, zum _Unmittelbaren_ und zur
_Reflexion_ anzusehen. Seyn und Wesen sind insofern die Momente
seines _Werdens_; er aber ist ihre _Grundlage_ und _Wahrheit_, als
die Identität, in welcher sie untergegangen und enthalten sind. Sie
sind in ihm, weil er ihr _Resultat_ ist, enthalten, aber nicht mehr
als _Seyn_ und als _Wesen_; diese Bestimmung haben sie nur, insofern
sie noch nicht in diese ihre Einheit zurückgegangen sind.
_Die objektive Logik_, welche das _Seyn_ und _Wesen_ betrachtet,
macht daher eigentlich die _genetische Exposition des Begriffes_ aus.
Näher ist die _Substanz_ schon das _reale Wesen_, oder das _Wesen_,
insofern es mit dem _Seyn_ vereinigt und in Wirklichkeit getreten ist.
Der Begriff hat daher die Substanz zu seiner unmittelbaren
Voraussetzung, sie ist das _an sich_, was er als _Manifestirtes_ ist.
Die _dialektische Bewegung der Substanz_ durch die Kausalität und
Wechselwirkung hindurch ist daher die unmittelbare _Genesis_ des
_Begriffes_, durch welche sein _Werden_ dargestellt wird. Aber sein
_Werden_ hat, wie das Werden überall, die Bedeutung, daß es die
Reflexion des Übergehenden in seinen _Grund_ ist, und daß das
zunächst anscheinend _Andere_, in welches das Erstere übergangen,
dessen _Wahrheit_ ausmacht. So ist der Begriff die _Wahrheit_ der
Substanz, und indem die bestimmte Verhältnißweise der Substanz die
_Nothwendigkeit_ ist, zeigt sich die _Freiheit_ als die _Wahrheit der
Nothwendigkeit_, und als _die Verhältnißweise des Begriffs_.
Die eigene, nothwendige Fortbestimmung der Substanz ist das _Setzen_
dessen, was _an und für sich_ ist; der _Begriff_ nun ist diese
absolute Einheit des _Seyns_ und der _Reflexion_, daß das _An- und
Fürsichseyn_ erst dadurch ist, daß es ebenso sehr _Reflexion_ oder
_Gesetzseyn_ ist, und daß das _Geseztseyn_ das _An- und Fürsichseyn_
ist.--Dieß abstrakte Resultat erläutert sich durch die Darstellung
seiner konkreten Genesis; sie enthält die Natur des Begriffes; sie
muß aber dessen Abhandlung vorangegangen seyn. Die Haupt-Momente
dieser Exposition (welche im zweiten Buch der objektiven Logik
ausführlich abgehandelt worden ist) sind daher hier kürzlich zusammen
zu stellen:
Die Substanz ist das _Absolute_, das an- und für-sichseyende
Wirkliche;--_an sich_ als einfache Identität der Möglichkeit und
Wirklichkeit, absolutes, alle Wirklichkeit und Möglichkeit in _sich_
enthaltendes Wesen; _für sich_, diese Identität als absolute _Macht_
oder schlechthin sich auf sich beziehende _Negativität_.--Die
Bewegung der Substantialität, welche durch diese Momente gesetzt ist,
besteht darin,
1. Daß die Substanz, als absolute Macht oder sich auf sich beziehende
_Negativität_, sich zu einem Verhältnisse unterscheidet, worin jene
zunächst nur einfache Momente, als _Substanzen_, und als
ursprüngliche _Voraussetzungen_ sind.--Das bestimmte Verhältniß
derselben ist das einer _passiven_ Substanz,--der Ursprünglichkeit
des einfachen _An-sich-seyns_, welches machtlos sich nicht selbst
setzend, nur ursprüngliches _Gesetztseyn_ ist;--und von _aktiver_
Substanz der _sich auf sich beziehenden_ Negativität, welche als
solche sich als Anderes gesetzt hat, und _auf dieß_ Andere bezieht.
Dieß Andere ist eben die passive Substanz, welche sie sich in der
Ursprünglichkeit ihrer Macht als Bedingung _vorausgesetzt_ hat.--Dieß
Voraussetzen ist so zu fassen, daß die Bewegung der Substanz selbst
zunächst unter der Form des einen Moments ihres Begriffs, des
_An-sich-seyns_ ist, daß die Bestimmtheit der einen der im Verhältniß
stehenden _Substanzen_ auch Bestimmtheit dieses _Verhältnisses_
selbst ist.
2. Das andere Moment ist das _Fürsichseyn_, oder daß die Macht _sich
als sich auf sich selbst_ beziehende Negativität setzt, wodurch sie
das _Vorausgesetzte_ wieder aufhebt.--Die aktive Substanz ist die
_Ursache_; sie _wirkt_; das heißt, sie ist nun das _Setzen_, wie sie
vorher das _Voraussetzen_ war, daß a) der Macht auch der _Schein_ der
Macht, dem Gesetztseyn auch der _Schein_ des Gesetztseyns gegeben
wird. Das, was in der Voraussetzung _Ursprüngliches_ war, wird in
der Kausalität _durch die Beziehung auf Anderes_ das, was es an sich
ist; die Ursache bringt eine Wirkung, und zwar an einer andern
Substanz hervor; sie ist nunmehr _Macht in Beziehung auf ein Anderes;
erscheint_ isofern als Ursache, aber ist es erst durch dieß
_Erscheinen_.--An die passive Substanz tritt die Wirkung, wodurch sie
als _Gesetztseyn_ nun auch erscheint, aber erst darin passive
Substanz ist.
3. Aber es ist noch mehr hierin vorhanden, als nur diese
_Erscheinung_; nämlich a). Die Ursache wirkt auf die passive
Substanz; sie _verändert_ deren Bestimmung; aber diese ist das
Gesetztseyn, sonst ist nichts an ihr zu verändern; die andere
Bestimmung aber, die sie erhält, ist die Ursachlichkeit; die passive
Substanz wird also zur Ursache, Macht und Thätigkeit. b) Es wird die
Wirkung an ihr _gesetzt_ von der Ursache; das aber von der Ursache
Gesetzte ist die im Wirken mit sich identische Ursache selbst; es ist
diese, welche sich an die Stelle der passiven Substanzen setzt.
--Ebenso in Ansehung der aktiven Substanz ist a) das Wirken das
Übersetzen der Ursache in die Wirkung, in ihr _Anderes_, das
Gesetztseyn, und b) in der Wirkung zeigt sich die Ursache als das,
was sie ist, die Wirkung ist identisch mit der Ursache, nicht ein
Anderes; die Ursache zeigt also im Wirken das Gesetztseyn als das,
was sie wesentlich ist.--Nach beiden Seiten also des identischen
sowohl als des negativen _Beziehens der andern auf sie_, wird jede
das _Gegentheil_ ihrer selbst; dieß Gegentheil aber wird jede, daß
die andere, also auch jede, _identisch mit sich selbst_ bleibt.--Aber
Beides, das identische und das negative Beziehen, ist ein und
dasselbe; die Substanz ist nur in ihrem Gegentheil identisch mit sich
selbst, und dieß macht die absolute Identität der als zwei gesetzten
Substanzen aus. Die aktive Substanz wird durch das Wirken, d. h.
indem sie sich als das Gegentheil ihrer selbst setzt, was zugleich
das Aufheben ihres _vorausgesetzten Anderseyns_, der passiven
Substanz, ist, als Ursache oder ursprüngliche Substantialität
manifestirt. Umgekehrt wird durch das Einwirken das Gesetztseyn
_als_ Gesetztseyn, das Negative _als_ Negatives, somit die passive
Substanz als _sich auf sich beziehende_ Negativität, manifestirt; und
die Ursache geht in diesem Andern ihrer selbst schlechthin nur mit
sich zusammen. Durch dieß Setzten wird also die _vorausgesetzte_
oder _an sich seyende_ Ursprünglichkeit _für sich_; aber dieß An- und
Für-sichseyn ist nur dadurch, daß dieß Setzen ebenso sehr ein
_Aufheben_ des Vorausgesetzten ist, oder die absolute Substanz nur
_aus_ und _in ihrem Gesetztseyn_ zu sich selbst zurückgekommen, und
dadurch absolut ist. Diese Wechselwirkung ist hiermit die sich
wieder aufhebende Erscheinung; die Offenbarung des _Scheins_ der
Kausalität, worin die Ursache _als_ Ursache ist, _daß er Schein ist_.
Diese unendliche Reflexion in sich selbst, daß das An- und
Fürsichseyn erst dadurch ist, daß es Gesetztseyn ist, ist die
_Vollendung der Substanz_. Aber diese Vollendung ist nicht mehr die
_Substanz_ selbst, sondern ist ein Höheres, der _Begriff_ das
_Subjekt_. Der Übergang des Substantialitäts-Verhältnisses
geschieht durch seine eigene immanente Nothwendigkeit, und ist weiter
nichts, als die Manifestation ihrer selbst, daß der Begriff ihre
Wahrheit, und die Freiheit die Wahrheit der Nothwendigkeit ist.
Es ist schon früher im zweiten Buch der objektiven Logik S. 194 f.
Anm. erinnert worden, daß die Philosophie, welche sich auf den
Standpunkt der _Substanz_ stellt und darauf stehen bleibt, das
_System des Spinoza_ ist. Es ist daselbst zugleich der _Mangel_
dieses Systems sowohl der Form als Materie nach aufgezeigt worden.
Ein Anderes aber ist die _Widerlegung_ desselben. In Rücksicht auf
die Widerlegung eines philosphischen Systems ist anderwärts
gleichfalls die allgemeine Bemerkung gemacht worden, daß daraus die
schiefe Vorstellung zu verbannen ist, als ob das System als durchaus
_falsch_ dargestellt werden solle, und als ob das _wahre_ System
dagegen dem falschen _nur entgegengesetzt_ sey. Aus dem
Zusammenhange, in welchem hier das spinozistische System vorkommt,
geht von selbst der wahre Standpunkt desselben und der Frage, ob es
wahr oder falsch sey, hervor. Das Substantialitäts-Verhältniß
erzeugte sich durch die Natur des _Wesens_; dieß Verhältniß, so wie
seine zu einem Ganzen erweiterte Darstellung in einem Systeme ist
daher ein _nothwendiger Standpunkt_, auf welchen das Absolute sich
stellt. Ein solcher Standpunkt ist daher nicht als eine Meinung,
eine subjektive, beliebige Vorstellungs- und Denkweise eines
Individuums, als eine Verirrung der Spekulation, anzusehen; diese
findet sich vielmehr auf ihrem Wege nothwendig darauf versetzt, und
insofern ist das System vollkommen wahr.--Aber es _ist nicht der
höchste Standpunkt_. Allein insofern kann das System nicht als
_falsch_, als der _Widerlegung_ bedürftig und fähig angesehen werden;
sondern nur dieß daran ist als das _Falsche_ zu betrachten, daß es
der höchste Standpunkt sey. Das _wahre_ System kann daher auch nicht
das Verhältniß zu ihm haben, ihm nur _entgegengesetzt_ zu seyn; denn
so wäre dieß Entgegengesetzte selbst ein Einseitiges. Vielmehr als
das Höhere muß es das Untergeordnete in sich enthalten.
Ferner muß die Widerlegung nicht von Außen kommen, d. h. nicht von
Annahmen ausgehen, welche außer jenem System liegen, denen es nicht
enspricht. Es braucht jene Annahmen nur nicht anzuerkennen; der
_Mangel_ ist nur für den ein Mangel, welcher von den auf sie
gegründeten Bedürfnissen und Forderungen ausgeht. Insofern ist
gesagt worden, daß wer die Freiheit und Selbstständigkeit des
selbstbewußten Subjekts nicht für sich als entschieden voraussetze,
für den könne keine Widerlegung des Spinozismus Statt finden.
Ohnehin ignorirt ein so hoher, und in sich schon so _reicher_
Standpunkt, als das Substantialitäts-Verhältniß, jene Annahmen nicht,
sondern enthält sie auch; eins der Attribute der spinozistischen
Substanz ist das _Denken_. Er versteht vielmehr die Bestimmungen,
unter welchen diese Annahmen ihm widerstreiten, aufzulösen und in
sich zu ziehen, so daß sie _in demselben_, aber in den ihm
angemessenen Modifikationen, erscheinen. Der Nerv des äußerlichen
Widerlegens beruht dann allein darauf, die entgegengesetzten Formen
jener Annahmen, z.B. das absolute Selbstbestehen des denkenden
Individuums gegen die Form des Denkens, wie es in der absoluten
Substanz mit der Ausdehnung identisch gesetzt wird, seiner Seits
steif und fest zu halten. Die wahrhafte Widerlegung muß in die Kraft
des Gegners eingehen und sich in den Umkreis seiner Stärke stellen;
ihn außerhalb seiner selbst angreifen und da Recht zu behalten, wo er
nicht ist, fördert die Sache nicht. Die einzige Widerlegung des
Spinozismus kann daher nur darin bestehen, daß sein Standpunkt zuerst
als wesentlich und nothwendig anerkannt werde, daß aber zweitens
dieser Standpunkt _aus sich selbst_ auf den höhern gehoben werde.
Das Substantialitäts-Verhältniß, ganz nur _an und für sich selbst_
betrachtet, führt sich zu seinem Gegentheil, dem _Begriffe_, über.
Die im letzten Buch enthaltene Exposition der Substanz, welche zum
_Begriffe_ überführt, ist daher die einzige und wahrhafte Widerlegung
des Spionzismus. Sie ist die _Enthüllung_ der Substanz, und diese
ist die _Genesis des Begriffs_, deren Haupt-Momente oben
zusammengestellt worden.--Die _Einheit_ der Substanz ist ihr
Verhältniß der _Nothwendigkeit_; aber so ist sie nur _innere
Nothwendigkeit_; indem sie durch das Moment der absoluten Negativität
_sich setzt_, wird sie _manifestirte_ oder _gesetzte Identität_, und
damit die _Freiheit_, welche die Identität des Begriffs ist. Dieser,
die aus der Wechselwirkung resultirende Totalität, ist die Einheit
der _beiden Substanzen_ der Wechselwirkung, so daß sie aber nunmehr
der Freiheit angehören, indem sie nicht mehr ihre Identität als ein
Blindes, das heißt _Innerliches_, sondern daß sie wesentlich die
Bestimmung haben, als _Schein_ oder Reflexions-Momente zu seyn,
wodurch jede mit ihrem Andern oder ihrem Gesetztseyn ebenso
unmittelbar zusammengegangen und jede ihr Gesetztseyn _in sich_
selbst enthält, somit in ihrem Andern schlechthin nur als identisch
mit sich gesetzt ist.
Im _Begriffe_ hat sich daher das Reich der _Freiheit_ eröffnet. Er
ist das freie, weil die _an und für sich seyende Identität_, welche
die Nothwendigkeit der Substanz ausmacht, zugleich als aufgehoben,
oder als _Gesetztseyn_ ist, und dieß Gesetztseyn, als sich auf sich
selbst beziehend, eben jene Identiät ist. Die Dunkelheit der im
Kausal-Verhältnisse stehenden Substanzen für einander ist
verschwunden, denn die Ursprünglichkeit ihres Selbstbestehens ist in
Gesetztseyn übergegangen, und dadurch zur sich selbst durchsichtigen
_Klarheit_ geworden; die _ursprüngliche_ Sache ist dieß indem sie nur
die _Ursache ihrer selbst_ ist, und dieß ist die _zum Begriffe
befreite Substanz_.
Es ergiebt sich hieraus für den Begriff sogleich folgende nähere
Bestimmung. Weil das An- und Fürsichseyn unmittelbar als
_Gesetztseyn_ ist, ist der Begriff in seiner einfachen Beziehung auf
sich selbst absolute _Bestimmtheit_; aber welche ebenso als sich nur
auf sich beziehend unmittelbar einfache Identität ist. Aber diese
_Beziehung_ der Bestimmtheit _auf sich selbst_, als das
_Zusammengehen_ derselben mit sich, ist ebenso sehr die _Negation_
der _Bestimmtheit_, und der Begriff ist als diese Gleichheit mit sich
selbst das _Allgemeine_. Aber diese Identität hat so sehr die
Bestimmung der Negativität; sie ist die Negation oder Bestimmtheit,
welche sich auf sich bezieht, so ist der Begriff _Einzelnes_. Jedes
von ihnen ist die Totalität, jedes enthält die Bestimmung des Andern
in sich, und darum sind diese Totalitäten ebenso schlechthin nur
_Eine_, als diese Einheit die Diremition ihre selbst in den freien
Schein dieser Zweiheit ist;--einer Zweiheit, welche in dem
Unterschied des _Einzelnen_ und _Allgemeinen_ als vollkommener
Gegensatz erscheint, der aber so sehr _Schein_ ist, daß, indem das
eine begriffen und ausgesprochen wird, darin das Andere unmittelbar
begriffen und ausgesprochen ist.
Das so eben Vorgetragene ist als der _Begriff des Begriffes_ zu
betrachten. Wenn derselbe von demjenigen abzuweichen scheinen kann,
was man sonst unter Begriff verstehe, so könnte verlangt werden, daß
aufgezeigt würde, wie dasselbe, was hier als der Begriff sich ergeben
hat, in anderen Vorstellungen oder Erklärungen enthalten sey. Einer
Seits kann es jedoch nicht um eine durch die _Autorität_ des
gewöhnlichen Verstehens begründete Bestätigung zu thun seyn; in der
Wissenschaft des Begriffes kann dessen Inhalt und Bestimmung allein
durch die _immanenten Deduktion_ bewährt werden, welche seine Genesis
enthält, und welche bereits hinter uns liegt. Auf der andern Seite
muß wohl an sich in demjenigen, was sonst als der Begriff des
Begriffs vorgelegt wird, der hier deducirte zu erkennen seyn. Aber
es ist nicht so leicht, das aufzufinden, was andere von der Natur des
Begriffes gesagt haben. Denn meistens befassen sie sich mit dieser
Aufsuchung gar nicht, und setzen voraus, daß jeder es schon von
selbst verstehe, wenn man von dem Begriffe spreche. Neuerlich konnte
man sich der Bemühung mit dem Begriffe um so mehr überhoben glauben,
da, wie es eine Zeit lang Ton war, der Einbildungskraft, dann dem
Gedächtnisse alles mögliche Schlimme nachzusagen, es in der
Philosophie seit geraumer Zeit zur Gewohnheit geworden, und zum Theil
noch gegenwärtig ist, auf den _Begriff_ alle üble Nachrede zu häufen,
ihn, der das Höchste des Denkens ist, verächtlich zu machen und
dagegen für den höchsten, sowohl scientifischen als moralischen,
Gipfel das _Unbegreifliche_ und das _Nichtbegreifen_ anzusehen.
Ich beschränke mich hier auf eine Bemerkung, die für das Auffassen
der hier entwickelten Begriffe dienen kann, und es erleichtern mag,
sich darein zu finden. Der Begriff, insofern er zu einer solchen
_Existenz_ gediehen ist, welche selbst frei ist, ist nichts Anderes
als _Ich_ oder das reine Selbstbewußtseyn. Ich _habe_ wohl Begriffe,
das heißt, bestimmt Begriffe; aber _Ich_ ist der reine Begriff selbst,
der als Begriff zum _Daseyn_ gekommen ist. Wenn man daher an die
Grundbestimmungen, welche die Natur des Ich ausmachen, erinnert, so
darf man voraussetzen, daß an etwas Bekanntes, d. i. der Vorstellung
Geläufiges, erinnert wird. _Ich_ aber ist diese _erstlich_ reine sich
auf sich beziehende Einheit, und dieß nicht unmittelbar, sondern
indem es von aller Bestimmtheit und Inhalt abstrahirt, und in die
Freiheit der schrankenlosen Gleichheit mit sich selbst zurückgeht.
So ist es _Allgemeinheit_; Einheit, welche nur durch jenes _negative_
Verhalten, welches als das Abstrahiren erscheint, Einheit mit sich
ist, und dadurch alles Bestimmtseyn in sich aufgelöst enthält.
_Zweitens_ ist Ich ebenso unmittelbar als die sich auf sich selbst
beziehende Negativität, _Einzelnheit absolutes Bestimmtseyn_, welches
sich Anderem gegenüberstellt, und es ausschließt; _individuelle
Persönlichkeit_. Jene absolute _Allgemeinheit_, die ebenso
unmittelbar absolute _Vereinzelung_ ist, und ein An- und Fürsichseyn,
welches schlechthin Gesetztseyn und nur dieß _An- und Fürsichseyn_
durch die Einheit mit dem _Gesetztseyn_ ist, macht ebenso die Natur
des _Ich_, als des _Begriffes_ aus; von dem einen und dem Andern ist
nichts zu begreifen, wenn nicht die angegebenen beiden Momente
zugleich in ihrer Abstraktion und zugleich in ihrer vollkommenen
Einheit aufgefaßt werden. Wenn nach der gewöhnlichen Weise von dem
_Verstande_, den _Ich habe_, gesprochen wird, so versteht man
darunter ein _Vermögen_ oder _Eigenschaft_, die in dem Verhältnisse
zu Ich stehe, wie die Eigenschaft des Dings zum _Dinge_ selbst,
--einem unbestimmten Substrate, welches nicht der wahrhafte Grund und
das Bestimmende seiner Eigenschaft sey. Nach dieser Vorstellung
_habe_ Ich Begriffe und den Begriff, wie ich auch einen Rock, Farbe
und andere äußerliche Eigenschaften habe.
--_Kant_ ist über diese äußerliche Verhältniß des Verstandes als des
Vermögens der Begriffe, und der Begriffe selbst, zum Ich,
hinausgegangen. Es gehört zu den tiefsten und richtigsten Einsichten,
die sich in der Kritik der Vernunft finden, daß die _Einheit_, die
das _Wesen des Begriffs_ ausmacht, als die
_ursprünglich-synthetische_ Einheit _der Apperception_, als Einheit
des: _Ich denke_, oder des Selbstbewußtseyns erkannt wird.--Dieser
Satz macht die sogenannte _transcendentale_ Deduktion der Kategorie
aus; sie hat aber von jeher für eines der schwersten Stücke der
kantischen Philosophie gegolten,--wohl aus keinem andern Grunde, als
weil sie fordert, daß über die bloße _Vorstellung_ des Verhältnisses,
in welchem _Ich und der Verstand_ oder der die _Begriffe_ zu einem
Ding und seinen Eigenschaften oder Accidenzen stehen, zum _Gedanken_
hinausgegangen werden soll.--_Objekt_, sagt Kant, Kritik der r. V. S.
137, 2. Ausg., ist das, in dessen _Begriff_ das _Mannigfaltige_
einer gegebenen Anschauung _vereinigt_ ist. Alle Vereinigung der
Vorstellungen erfordert aber _Einheit des Bewußtseyns_ in der
_Synthesis_ derselben. Folglich ist diese _Einheit des Bewußtseyns_
dasjenige, was allein die Beziehung der Vorstellungen auf einen
Gegenstand, mithin ihre _objektive Gültigkeit_, ausmacht, und worauf
selbst _die Möglichkeit des Verstandes_ beruht. Kant unterscheidet
die _subjektive Einheit_ des Bewußtseyns hiervon, die Einheit der
Vorstellung, ob ich mir eines Mannigfaltigen als _zugleich_ oder nach
einander bewußt bin, was von empirischen Bedingungen abhänge. Die
Principien dagegen der _objektiven_ Bestimmung der Vorstellungen
seyen allein aus dem Grundsatze der _transcendentalen Einheit der
Apperception_ abzuleiten. Durch die Kategorien, welche diese
objektiven Bestimmungen sind, werde das Mannigfaltige gegebener
Vorstellungen so bestimmt, daß es zur _Einheit des Bewußtseyns_
gebracht werde.--Nach dieser Darstellung ist die Einheit des Begriffs
dasjenige, wodurch etwas nicht bloße _Gefühlsbestimmung, Anschauung_
oder auch bloße _Vorstellung_, sondern _Objekt_ ist, welche objektive
Einheit, die Einheit des Ich mit sich selbst ist.--_Das Begreifen_
eines Gegenstandes besteht in der That in nichts Anderem, als daß Ich
denselben sich zu _eigen_ macht, ihn durchdringt, und ihn in _seine
eigene Form,_ d. i. in die _Allgemeinheit_, welche unmittelbar
_Bestimmtheit_, oder Bestimmtheit, welche unmittelbar Allgemeinheit
ist, bringt. Der Gegenstand in der Anschauung oder auch in der
Vorstellung ist noch ein _Äußerliches, Fremdes_. Durch das
Begreifen wird das _An- und Fürsichseyn_, das er im Anschauen und
Vorstellen hat, in ein _Gesetztseyn_ verwandelt; Ich durchdringt ihn
_denkend_. Wie er aber im Denken ist, so ist er erst _an und für
sich_; wie er in der Anschauung oder Vorstellung ist, ist er
_Erscheinung_; das Denken hebt seine _Unmittelbarkeit_, mit der er
zunächst vor uns kommt, auf, und macht so ein _Gesetztseyn_ aus ihm;
dieß sein _Gesetztseyn_ aber ist _sein An- und Fürsichseyn_, oder
seine _Objektivität_. Diese Objektivität hat der Gegenstand somit im
_Begriffe_, und dieser ist die _Einheit des Selbstbewußtseyns_, in
die er aufgenommen worden; seine Objektivität oder der Begriff ist
daher selbst nichts Anderes, als die Natur des Selbstbewußtseyns; hat
keine andere Momente oder Bestimmungen, als das Ich selbst.
Hiernach rechtfertigt es sich durch einen Hauptsatz der kantischen
Philosophie, daß, um das zu erkennen, was der _Begriff_ sey, an die
Natur des Ich erinnert wird. Umgekehrt aber ist hierzu nothwendig,
den _Begriff_ des Ich aufgefaßt zu haben, wie er vorhin angeführt
worden. Wenn bei der bloßen _Vorstellung_ des Ich stehen geblieben
wird, wie sie unserem gewöhnlichen Bewußtseyn vorgeschwebt, so ist
Ich nur das einfache _Ding_, welches auch _Seele_ genannt wird, dem
der Begriff als ein Besitz oder Eigenschaft _inhärirt_. Diese
Vorstellung, welche sich nicht damit einläßt, weder Ich noch den
Begriff zu begreifen, kann nicht dazu dienen, das Begreifen des
Begriffs zu erleichtern oder näher zu bringen.
Die angeführte kantische Darstellung enthält noch zwei Seiten, die
den Begriff betreffen, und einige weitere Bemerkungen nothwendig
machen. Vor's Erste sind der _Stufe_ des _Verstandes_ die _Stufen
des Gefühls und der Anschauung_ vorausgeschickt; und es ist ein
wesentlicher Satz der kantischen Transcendentalphilosophie, daß die
_Begriffe ohne Anschauung leer_ sind, und allein als _Beziehung_ des
durch die Anschauung gegebenen _Mannigfaltigen_ Gültigkeit haben.
Zweitens ist der Begriff als das _Objektive_ der Erkenntniß angegeben
worden, somit als die _Wahrheit_. Aber auf der andern Seite wird
derselbe als etwas _bloß Subjektives_ genommen, aus dem sich die
_Realität_, unter welcher, da sie der Subjektivität gegenübergestellt
wird, die Objektivität zu verstehen ist, nicht _herausklauben_ lasse;
und überhaupt wird der Begriff und das Logische für etwas nur
_Formelles_ erklärt, das, weil es von dem Inhalt abstrahire, die
Wahrheit nicht enthalte.
Was nun erstens _jenes Verhältniß des Verstandes oder Begriffs zu den
ihm vorausgesetzten Stufen_ betrifft, so kommt es darauf an, welches
die Wissenschaft ist, die abgehandelt wird, um die Form jener Stufen
zu bestimmen. In unserer Wissenschaft, als der reinen _Logik_, sind
diese Stufen _Seyn_ und _Wesen_. In der _Psychologie_ sind es das
_Gefühl_ und die _Anschauung_, und dann die _Vorstellung_ überhaupt,
welche dem Verstande vorausgeschickt werden. In der _Phänomenologie_
des Geistes, als der Lehre vom Bewußtseyn, wurde durch die Stufen des
_sinnlichen Bewußtseyns_ und dann des _Wahrnehmens_ zum Verstande
aufgestiegen. Kant schickt ihm nur Gefühl und Anschauung voraus.
Wie _unvollständig_ zunächst diese Stufenleiter ist, giebt er schon
selbst dadurch zu erkennen, daß er als _Anhang_ zu der
transcendentalen Logik oder Verstandeslehre noch eine _Abhandlung_
über die _Reflexions-Begriffe_ hinzufügt;--eine Sphäre, welche
zwischen der _Anschauung_ und dem _Verstande_, oder dem _Seyn_ und
_Begriffe_ liegt. Über die Sache selbst ist _vor's Erste_ zu
bemerken, daß jene Gestalten von _Anschauung, Vorstellung_ und
dergleichen dem _selbstbewußten Geiste_ angehören, der als solcher
nicht in der logischen Wissenschaft betrachtet wird. Die reinen
Bestimmungen von Seyn, Wesen und Begriff machen zwar auch die
Grundlage und das innere einfache Gerüste der Formen des Geistes aus;
der Geist als _anschauend_, ebenso als _sinnliches Bewußtseyn_, ist
in der Bestimmtheit des unmittelbaren Seyns, so wie der Geist als
_vorstellend_, wie auch als _wahrnehmendes_ Bewußtseyn sich vom Seyn
auf die Stufe des Wesens oder der Reflexion erhoben hat. Allein
diese konkreten Gestalten gehen die logische Wissenschaft so wenig an,
als die konkreten Formen, welche die logischen Bestimmungen in der
Natur annehmen, und welche _Raum und Zeit_, alsdann der sich
erfüllende Raum und Zeit, als _unorganische Natur_, und die
_organische Natur_ seyn würde. Ebenso ist hier auch der Begriff,
nicht als Aktus des selbstbewußten Verstandes, nicht der _subjektive
Verstand_ zu betrachten, sondern der Begriff an und für sich, welcher
ebenso wohl eine _Stufe_ der _Natur_, als des _Geistes_ ausmacht.
Das Leben oder die organische Natur ist diese Stufe der Natur, auf
welcher der Begriff hervortritt; aber als blinder, sich selbst nicht
fassender, d. h. nicht denkender Begriff; als solcher kommt er nur
dem Geiste zu. Von jener ungeistigen aber sowohl, als von dieser
geistigen Gestalt des Begriffes ist seine logische Form unabhängig,
es ist hierüber schon in der _Einleitung_ die nöthige Vorerinnerung
gemacht worden; es ist dieß eine Bedeutung, welche nicht erst
innerhalb der _Logik_ zu rechtfertigen ist, sondern mit der man _vor_
derselben im Reinen seyn muß. Wie nun aber auch die Formen gestaltet
seyn möchten, welche dem Begriffe vorangehen, so kommt es _zweitens_
auf das _Verhältniß_ an, in welchem der _Begriff_ zu _denselben
gedacht_ wird. Dieß Verhältniß wird sowohl in der gewöhnlichen
psychologischen Vorstellung, als auch in der kantischen
Transcendentalphilosophie so angenommen, daß der empirische _Stoff_,
das Mannigfaltige der Anschauung und Vorstellung zuerst _für sich da_
ist, und daß dann der Verstand dazu _hintrete, Einheit_ in denselben
bringe, und ihn durch _Abstraktion_ in die Form der _Allgemeinheit_
erhebe. Der Verstand ist auf diese Weise eine für sich leere _Form_,
welche Theils nur durch jenen _gegebenen_ Inhalt Realität erhält,
Theils von ihm _abstrahirt_, nämlich ihn als etwas, aber nur für den
Begriff Unbrauchbares _wegläßt_. Der Begriff ist in dem einen und
dem andern Thun nicht das Unabhängige, nicht das Wesentliche und
Wahre jenes vorausgehenden Stoffes, welches vielmehr die Realität an
und für sich ist, die sich aus dem Begriffe nicht herausklauben läßt.
Es muß nun allerdings zugegeben werden, daß der _Begriff als solcher_
noch nicht vollständig ist, sondern in die _Idee_ sich erheben muß,
welche erst die Einheit des Begriffs und der Realität ist; wie _sich_
in dem Verfolge durch die Natur des Begriffes _selbst ergeben_ muß.
Denn die Realität, die er sich giebt, darf nicht als ein Äußerliches
aufgenommen, sondern muß nach wissenschaftlicher Forderung aus ihm
selbst abgeleitet werden. Aber es ist wahrhaftig nicht jener durch
die Anschauung und die Vorstellung gegebene Stoff, welcher gegen den
Begriff als das _Reale_ geltend gemacht werden darf. _"Es ist nur ein
Begriff"_, pflegt man zu sagen, indem man nicht nur die Idee, sondern
das sinnliche, räumliche und zeitliche handgreifliche Daseyn als
etwas gegenüberstellt, das vortrefflicher sey, als der Begriff. Das
_Abstrakte_ hält man dann darum für geringer, als das Konkrete, weil
aus jenem so viel dergleichen Stoff weggelassen worden sey. Das
Abstrahiren hat in dieser Meinung die Bedeutung, daß aus dem
Konkreten nur zu _unserem subjektiven Behuf ein_ oder _das andere
Merkmal_ so herausgenommen werden, daß mit dem Weglassen so vieler
anderer _Eigenschaften_ und _Beschaffenheiten_ des Gegenstandes
denselben an ihrem _Werthe_ und ihrer _Würde_ nichts benommen seyn
solle; sondern sie als das _Reelle_, nur auf der andern Seite drüben,
noch immer als völlig Geltendes gelassen werden; so daß es nur das
_Unvermögen_ des Verstandes sey, solchen Reichthum nicht aufzunehmen,
und sich mit der dürftigen Abstraktion begnügen zu müssen. Wenn nun
der gegebene Stoff der Anschauung und das Mannigfaltige der
Vorstellung als das Reelle gegen das Gedachte und den Begriff
genommen wird, so ist dieß eine Ansicht, welche abgelegt zu haben
nicht nur Bedingung des Philosophirens ist, sondern schon von der
Religion vorausgesetzt wird; wie ist ein Bedürfniß und der Sinn
derselben möglich, wenn die flüchtige und oberflächliche Erscheinung
des Sinnlichen und Einzelnen noch für das Wahre gehalten wird? Die
Philosophie aber giebt die _begriffene_ Einsicht, was es mit der
Realität des sinnlichen Seyns für eine Bewandniß habe, und schickt
jene Stufen des Gefühls und der Anschauung, des sinnlichen
Bewußtseyns u. s. f. insofern dem Verstande voraus, als sie in dessen
Werden seine Bedingungen, aber nur so sind, daß der Begriff _aus
ihrer Dialektik_ und _Richtigkeit_ als ihr _Grund_ hervorgeht, nicht
aber, daß er durch ihre _Realität_ bedingt wäre. Das abstrahirende
Denken ist daher nicht als bloßes Auf-die-Seite-stellen des
sinnlichen Stoffes zu betrachten, welcher dadurch in seiner Realität
keinen Eintrag leide, sondern es ist vielmehr das Aufheben und die
Reduktion desselben als bloßer _Erscheinung_ auf das _Wesentliche_,
welches nur im _Begriff_ sich manifestirt.
Wenn das freilich nur als ein _Merkmal_ oder _Zeichen_ dienen soll,
was von der konkreten Erscheinung in den Begriff aufzunehmen sey, so
darf es allerdings auch irgend eine nur sinnliche einzelne Bestimmung
des Gegenstandes seyn, die wegen irgend eines äußerlichen Interesses
aus den anderen herausgewählt wird, und von gleicher Art und Natur,
wie die übrigen, ist.
Ein hauptsächlicher Mißverstand, welcher hierbei obwaltet, ist, als
ob das _natürliche_ Princip, oder der _Anfang_, von dem in der
_natürlichen_ Entwickelung oder in der _Geschichte_ des sich
bildenden Individuums ausgegangen wird, das _Wahre_ und im _Begriffe
Erste_ sey. Anschauung oder Seyn sind wohl der Natur nach das Erste
oder die Bedingung für den Begriff, aber sie sind darum nicht das an
und für sich Unbedingte, im Begriffe hebt sich vielmehr ihre Realität
und damit zugleich der Schein auf, den sie als das bedingende Reelle
hatten. Wenn es nicht um die _Wahrheit_, sondern nur um die
_Historie_ zu thun ist, wie es im Vorstellen und dem erscheinenden
Denken zugehe, so kann man allerdings bei der Erzählung stehen
bleiben, daß wir mit Gefühlen und Anschauungen anfangen, und der
Verstand aus dem Mannigfaltigen derselben eine Allgemeinheit oder ein
Abstraktes herausziehe, und begreiflich jene Grundlage dazu nöthig
habe, welche bei diesem Abstrahiren noch in der ganzen Realität, mit
welcher sie sich zuerst zeigte, dem Vorstellen stehen bleibe. Aber
die Philosophie soll keine Erzählung dessen seyn, was geschieht,
sondern eine Erkenntniß dessen, was _wahr_ darin ist, und aus dem
Wahren soll sie ferner das begreifen, was in der Erzählung als ein
bloßes Geschehen erscheint.
Wenn in der oberflächlichen Vorstellung von dem, was der Begriff ist,
alle Mannigfaltigkeit _außer dem Begriffe_ steht, und diesem nur die
Form der abstrakten Allgemeinheit oder der leeren Reflexionsidentität
zukommt, so kann schon zunächst daran erinnert werden, daß auch sonst
für die Angaben eines Begriffs oder die Definition, zu der Gattung,
welche selbst schon eigentlich nicht rein abstrakte Allgemeinheit ist,
ausdrücklich auch die _specifische Bestimmtheit_ gefordert wird.
Wenn nur mit etwas denkender Betrachtung darauf reflektirt würde, was
dieß sagen will, so würde sich ergeben, daß damit das _Unterscheiden_
als ein ebenso wesentliches Moment des Begriffes angesehen wird.
_Kant_ hat diese Betrachtung durch den höchst wichtigen Gedanken
eingeleitet, daß es _synthetische Urtheile_ a priori gebe. Diese
ursprüngliche Synthesis der Apperception ist eines der tiefsten
Principien für die spekulative Entwickelung; sie enthält den Anfang
zum wahrhaften Auffassen der Natur des Begriffs, und ist jener leeren
Identität oder abstrakten Allgemeinheit, welche keine Synthesis in
sich ist, vollkommen entgegengesetzt.--Diesem Anfange entspricht
jedoch die weitere Ausführung wenig. Schon der Ausdruck: _Synthesis_
leitet leicht wieder zur Vorstellung einer _äußerlichen_ Einheit, und
_bloßen Verbindung_ von solchen, die _an und für sich getrennt_ sind.
Alsdann ist die kantische Philosophie nur bei dem psychologischen
Reflexe des Begriffs stehen geblieben, und ist wieder zur Behauptung
der bleibenden Bedingtheit des Begriffs durch ein Mannigfaltiges der
Anschauung zurück gegangen. Sie hat die Verstandeserkenntnisse und
die Erfahrung nicht darum als einen _erscheinenden_ Inhalt
ausgesprochen, weil die Kategorien selbst nur endliche sind, sondern
aus dem Grunde eines psychologischen Idealismus, weil sie _nur_
Bestimmungen seyen, die vom Selbstbewußtseyn herkommen. Auch gehört
hierher, daß der Begriff wieder ohne das Mannigfaltige der Anschauung
_inhaltslos_ und _leer_ seyn soll, ungeachtet er a priori eine
_Synthesis_ sey; indem er dieß ist, hat er ja die Bestimmtheit und
den Unterschied in sich selbst, Indem sie die Bestimmtheit des
Begriffs, damit die _absolute Bestimmtheit_, die _Einzelnheit_, ist,
ist der Begriff Grund und Quelle aller endlichen Bestimmtheit und
Mannigfaltigkeit. Die formelle Stellung, welche er als Verstand
behält, wird in der kantischen Darstellung dessen, was _Vernunft_ sey,
vollendet. In der Vernunft, der höchsten Stufe des Denkens, sollte
man erwarten, der Begriff werde die Bedingtheit, in welcher er auf
der Stufe des Verstandes noch erscheint, verlieren, und zur
vollendeten Wahrheit kommen. Diese Erwartung wird aber getäuscht.
Dadurch, daß Kant das Verhalten der Vernunft zu den Kategorien als
nur _dialektisch_ bestimmt, und zwar das Resultat dieser Dialektik
schlechthin nur als das _unendliche Nichts_ auffaßt, so verliert die
unendliche Einheit der Vernunft auch noch die Synthesis und damit
jenen Anfang eines spekulativen, wahrhaft unendlichen Begriffs, sie
wird zu der bekannten ganz formellen, _bloß regulativen Einheit_ des
_systematischen Verstandesgebrauchs_. Es wird für einen Mißbrauch
erklärt, daß die Logik, die bloß _ein Kanon der Beurtheilung_ seyn
solle, als ein _Organon_ zur Hervorbringung _objektiver_ Einsichten
angesehen werde. Die Vernunftbegriffe, in denen man eine höhere
Kraft und tiefern Inhalt ahnen mußte, haben nichts _Konstitutives_
mehr, wie noch die Kategorien; sie sind _bloße_ Ideen; es soll _ganz
wohl erlaubt_ seyn, sie zu gebrauchen, aber mit diesen intelligibeln
Wesen, in denen sich alle _Wahrheit_ ganz aufschließen sollte, soll
weiter nichts gemeint seyn, als _Hypothesen_, denen eine Wahrheit an
und für sich zuzuschreiben, eine völlige Willkür und Tollkühnheit
seyn würde, da sie--_in keiner Erfahrung vorkommen können._--Hätte
man es je denken sollen, daß die Philosophie den intelligibeln Wesen
darum die Wahrheit absprechen würde, weil sie des räumlichen und
zeitlichen Stoffes der Sinnlichkeit entbehren?