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[Illustration: Titelkupfer]
=Bilder=
der
Wunderkunst und des Aberglaubens.
Mit
Berücksichtigung der sogenannten Zauberbücher
von
_Albertus M., Dr. Faust, Paracelsus,
Trittheim, Agrippa u. a. m._
=Herausgegeben=
von
_Dr._ =Karl Gräbner=.
_Somnia, terrores magicos, miracula, sagas,
Nocturnos lemures, portentaque Thessala rides!_
~_HORAT. lib. II. Epist. II._~
Mit 20 bunten und schwarzen bildlichen Darstellungen.
[Illustration: Verzierung]
Weimar 1834.
Druck und Verlag von Karl Gräbner.
=Inhalt.=
=Erste Abtheilung.=
=Wunderkunst.=
Seite
Einleitung 1
Von den Gespenstern 11
Der Astral-Geist 12
Die Necromantie 16
Von der sogenannten Hexerei 18
Der Hexen-Sabbath 21
Von Elben, Holder und Hulderchen 29
Vom Wind- und Wettermachen 31
Hexen-Salbe 31
Von Entzauberung und Amuletten 32
Von den Siegeln der Planeten 35
Das Siegel des Saturns 35
" " " Jupiters 37
" " " Mars 38
" " " Sonne 38
" " " Venus 39
" " " Merkur 40
" " " Mondes 41
Der Heckethaler 42
Vom Wehrwolf 43
Vom Bannen und Festmachen 45
Einen stehend zu machen 45
Wider die Feuersbrunst 47
Der Feuersegen 47
Ein Segenspruch, womit man das Blut stillen kann 48
Ein Segenspruch gegen den Wurm am Finger 48
Vom Bannen des Wildes 49
Die Frei-Schützenkunst 50
Das Noth-Hemd 51
Von der Waffensalbe 51
Von der Wünschelruthe 53
Die Springwurzel 55
Die Alraunwurzel 55
Das Sieblaufen, (_Oscinomantia_) 57
_Speculum Salomonis_, oder der Spiegel Salomons 58
Vom Unsichtbarmachen 61
Von der Chiromantie 64
Von der Geomantie 71
Von der Onomantie oder Weissagung aus den Namen 71
Von den Geistern 76
Die Berggeister 77
Der Kobold 78
Wassergeister 79
Das wüthende Heer 80
Vom Bannen der Geister 81
Der Zauberkreis 83
Beschwörungen 86
Die Mantelfahrt 95
Schatzgräberei 97
=Zweite Abtheilung.=
=Vom Aberglauben.=
Seite
Acker, wer darauf säen will 116
Ahnung beim Scharfrichter 121
Alpdrücken 128
Basilisk, der 122
Bibel befragen 127
Blei gießen in der Christnacht 114
Christnacht, helle und finstere 114
Dreifuß, keinen leeren auf dem Feuer stehen lassen 107
Eisenkraut öffnet verschlossene Thüren 120
Exorcismus 125
Finger, mit diesem soll man nicht nach dem Himmel zeigen 106
Fistel-Heilung 129
Gevattern, wenn sie über ein Wasser kommen 109
Guckuk, im Frühjahre schreien hören 105
Haase, wenn er über den Weg läuft 113
Haselstock thut Wunder 128
Jäger-Kunststückchen 112
Jüdel, das 119
Johanniskraut, dessen Kraft 113
Kehrig, über dasselbe gehen 106
Kinder leicht reden zu lehren 117
Kinderspiele auf den Straßen 110
Kleeblatt, vierblätteriges 110
Kopf, ohne, in der Christnacht 112
Köpfe, drei, an den Menschen zu machen 111
Korn, dessen jährlichen Preis zu erfahren 117
Kröpfe zu heilen 108
Lichter, wenn sie auf dem Altar auslöschen 112
Mann, ob die Mädchen in diesem Jahre einen erhalten 110
Mutisheer, das 126
Nasenbluten zu stillen 128
Osterwasser holen 120
Schuhwerfen, das 108
Spiegel, in diesen soll man des Nachts nicht sehen 111
Stube, in derselben soll man sich niedersetzen 117
Sympathie zwischen Todten und Lebendigen 116
Todte, welche schmatzen 124
Todtenuhr, die 123
Umkehren, das, ist nicht gut 114
Vampyr, der 125
Vieh beschreien 126
Weib, ein altes, wenn es einem begegnet 114
Worte, gefrorne und eingeschlossene 121
Zahl 13, die ominöse 125
=Dritte Abtheilung.=
=Erzählungen von Geister- und Gespenster-
Erscheinungen, mit hie und da eingestreuten
natürlichen Erklärungen.=
Seite
Anzeigen des Todes 134
Behexte, die 197
Bezauberung des Viehes 200
Doppelsehen, das 144
Entdeckung der Geisterbeschwörer im 19. Jahrhundert 218
Freischütz, der 206
Frei-Schützenkunst 205
Gespenster-Geschichten 172
Gespenst, das, im Hause 133
Glockengeläute, das 170
Hexe, die 190
Hexenprozeß 193
Hexenmeister, der 195
Hexe, die gerettete 196
Hexenwaage, die 197
Hexenfahrt, die 203
Kobold, der 214
Necromantisten, die 183
Prediger, der gläubige 204
Poltergeist, der 147
Schatzgräberei 215
Sehen seiner selbst 141
Schwedenborg’s Betrügerei 188
Wahrsagerin, die 213
Wind machen 201
Wünschelruthe, die 211
=Fragmente=
=über politisch-religiöse Sekten und Mystiker.=
Seite
Ueber Sekten überhaupt 229
Jesuiten 231
Illuminaten 232
Rosenkreuzer 235
Schröpfer 236
Cagliostro 237
Die Seherin von Prevorst 239
Der Wunderdoktor 257
Prinz von Hohenlohe 258
=Erste Abtheilung.=
=Die Wunderkunst.=
=Einleitung.=
Die jetzt immer fortschreitende tiefe Kenntniß der Natur, wodurch
man die verborgenen Geheimnisse derselben untersucht, zu ergründen
strebt, um dadurch einen allgemeinen Nutzen zu schaffen, gehört
in die Naturlehre, und heißt die Wissenschaft der =natürlichen
Wunderkunst=, oder =Magie= – Eine sogenannte =Zauberkunst=, wobei
Geisterbeschwörungen, Charaktere und andere übernatürliche Dinge
vorkommen, giebt es nicht!
Die unzähligen wundervollen Erscheinungen von =Sympathie= und
=Antipathie=, deren Unerklärliches, auf einer gewissen Stufe der
Cultur, erzeugte den =Aberglauben=. So auch die Begierde, =in die
Zukunft zu schauen=, um sich solche nach Willkühr anzueignen, und
endlich das Bestreben, =höhere Wesen= (wenn der Mensch sie ahnet) in
seine Leidenschaften, Plane und Verhältnisse hineinzuziehen, um durch
diese zu erlangen, was man durch eigne Kraft nicht möglich machen kann
– Das sind wohl die ergiebigen Quellen des Aberglaubens und der nächste
Ursprung des =Zauber-Aberglaubens= alter und neuer Zeiten gewesen.
Bei allen Völkern gab es sogenannte _Magi_ oder Weise: die Griechen
und Römer nannten sie =Philosophen=, die Indier =Braminen=, die
Celten und Gallier =Druiden=, =Barden=; bei den Aegyptiern waren es
die =Priester=, bei den Juden die =Cabbalisten= und =Propheten=. Noch
finden wir Verehrer der Magie: den _Angekok_ in Grönland, den _Schaman_
in Sibirien, den tibetanischen Geisterbeschwörer, den _Wogulitze_, und
den _Abipone_ in Paraguay; in Canada, Mexiko, die Jongleurs, auf den
Caraiben die _Playen_, in Afrika bei den Kafern und Hottentoten die
_Gangas_ oder _Fetischirer_, die _Singhilis_ der _Gager_, die _Mirabus_
in Madagaskar u. s. w. Aber Allen liegt nur eine =Hauptidee= zum Grund,
welche Alle leitet und beherrscht. –
Der berühmte, auch marktschreiersche _Theoph. Paracelsus_ sagt von der
Magie überhaupt: »Sie ist eine behende, reine Kunst ohne Ceremonie,
Beschwörungen, Kreuzwege, Kreise, Schwerter, Kleider, Kerzen, Licht,
Wasser, Oel, Feuer, Räucherwerk, Charakter, Stiften, Bücher, ohne die
_Pentacula_, die _Sigilla Salomonis_, ohne Krone, Scepter, Gürtel,
Ring u. s. w. Nur die _Necromantie_ hat mit diesen Dingen zu thun. Die
Magie gebraucht allein den =Glauben=, der Berge versetzt. Aber wenn sie
gemißbraucht wird, mag auch Zauberei daraus geboren werden.« – Gleich
darauf theilt er aber seine Magie in 6 Species ein:
1) _Magica artis_, Auslegung übernatürlicher Dinge.
2) _M. Transfigurativa_, Transformirung von einem Leib in den andern,
wie es zu Mosis Zeiten geschehen ist.
3) _M. Characteralis_ lehrt Wörter machen, welche so viel wirken als
des Arztes Arzenei.
4) _Gamaheos_, welches thut, was natürliche Instrumente thun, z. B. ein
Schlüssel öffnet ein Schloß, ein Schwert schlägt Wunden u. s. w. Sie
macht also dasjenige unsichtbar, was die Natur sichtbar macht.
5) _Altera in Altera_, Bilder zu machen, welche andern Menschen
gleichen. Durch diese Bilder kann man demjenigen, den es vorstellt,
alles anthun, ohne ihn zu berühren.
6) _Ars Cabalistica._ Z. B. es kann Einer im Occident mit einem Andern
im Orient reden; denn was die Natur 100 Schritte zu hören vermag, das
kann diese Kunst 100 Meilen.
Ist unser _Paracelsus_ hier nicht über die Grenze der Natur
geschritten, wo ihm sein Glaube gewiß nichts helfen wird! – In seiner
_Necromantie_ lehrt er sogar die Menschen Geister unterthänig zu
machen, aber von Allem sagt er nicht, ob er eigne Versuche gemacht habe.
_Tharsander_, in seiner _Magia Naturalis_, sagt: die Magie soll eine
Wissenschaft geheimer Dinge und der verborgenen Kräfte in der Natur
sein, wodurch man viel Wunderbares und Seltsames ausrichten, und solche
Wirkungen hervorbringen kann, welche übernatürlich zu sein scheinen.
Sie wird eingetheilt in die =Teuflische= und =Natürliche=.
Die =Teuflische=, welche auch _ceremonialis_[1] genannt wird, ist eine
geheime Wissenschaft, sich mit den Geistern bekannt zu machen und durch
deren Beihilfe große und wunderbare Dinge zu verrichten. Sie führt
sonst den Namen =Zauberei=.
[1] Oder die =schwarze Magie=, davon =Schwarzkunst= und
=Schwarzkünstler=. D. H.
Die =natürliche Magie=[2] ist eine Wissenschaft der natürlichen Dinge
und ihrer verborgenen, theils wider einander streitenden Kräfte und
Eigenschaften, welche nicht jedermann bekannt sind, derer man sich
also zu bedienen weiß, daß, indem man sie mit einander absondert,
daraus bewundrungswürdige und erstaunende Wirkungen entstehen. Durch
die übereinstimmenden und wider einander streitenden Kräfte und
Eigenschaften versteht man die sogenannte =Sympathie= und =Antipathie=.
[2] Auch die =weiße Magie= genannt.
Die =natürliche Magie= wird ferner eingetheilt in eine =schlechterdings
natürliche=, wo die Natur für sich selbst wirkt, z. B. wenn der
Magnet das Eisen an sich zieht – oder in eine =künstliche=, da man
durch Hilfe der mathematischen Wissenschaften wunderbare Wirkungen
hervorbringt, z. B. die Zauberlaterne – Diese natürliche Magie wird
auch noch eingetheilt in die =weissagende= und =würkende=. Die erste
geht mit Anzeigung verborgener und Vorhersagung zukünftiger Dinge um;
in der zweiten aber wird Geschicklichkeit und Kunst mit den geheimen
Wissenschaften verbunden, und dadurch etwas Wunderbares bewerkstelligt,
z. B. (wie der Abergläubische meint) wenn das Eisen, womit jemand
verwundet worden, mit einer gewissen Salbe gestrichen, auf solche Art
die Wunde heilt. –
Wir wollen endlich noch zu unserer Einleitung einige gelehrte und weise
Männer anführen, die theils durch ihre Gelehrsamkeit, theils durch
eigene und untergeschobene Schriften in den Ruf der Zauberei gerathen
sind.
Der weise _=Salomo=_ selbst konnte nicht dem Verdacht der Zauberei
entgehen. Die große Anzahl magischer Bücher aber, die ihm zugeschrieben
werden, beweisen schon ihre Unächtheit. Nur einige davon: 1) _Clavicula
Salomonis_; 2) das Buch _Lamene_; 3) das Buch _Pentaculorum_; 4) das
Buch _de officiis Spirituum_; 5) das Buch _Razziel_; 6) _Speculum
Salomonis_ u. s. w.
Der Bischof _=Albertus Magnus=_ von Regensburg, war ein großer
Gelehrter, Philosoph und Theolog, daher der Beiname des Großen. Er
fiel in den Verdacht der Zauberei, da er ein Automat, einen redenden
Kopf, verfertigt haben soll. Einige Bücher über Magie, die aber
untergeschoben worden sind, machten ihn noch verdächtiger.
_=Dr. Ioh. Faust=_, der allbekannte Zauberer, dessen Leben idealisch
aufgefaßt, aber geschichtlich unbekannt sein mag. Er soll ein fahrender
Schüler und nicht jener Faust, der die Buchdruckerkunst mit erfand,
gewesen sein. Eben so ist auch sein Buch: »_Dr. Faust_ Höllenzwang,«
wie sein Leben, erdichtet.
_=Theophrastus Bombastus Paracelsus=_ von Hohenheim (gest. 1541), den
wir schon oben kennen gelernt haben, hat sowohl in der Philosophie, als
auch in der Arzneikunst und Religion eine auffallende Rolle gespielt,
und wird noch jetzt von Alchymisten hochverehrt. Seine Schriften über
Magie hatten ihn verdächtig gemacht, allein die Neuheit seiner Ideen,
die Undeutlichkeit seiner Schreibart und die Dunkelheit einer Menge
Wörter machten es zweifelhaft, was er damit wollte, denn er selbst hat
sich niemals seiner großen Geheimnisse, die er sich rühmte, bedient.
_=Ioh. Trittheim=_, Abt im Kloster Sponheim, war ein geschickter
Mathematiker, Geschichtschreiber, Redner und Theolog, und wurde
besonders von seinen Mönchen, weil er strenge Disciplin übte, der
Zauberei beschuldigt. Er soll einen Geist um sich gehabt haben, der
ihm Alles eröffnete – Das war freilich sein Verstand! – Sein Werk: _de
Steganographia_, von verborgenen Schriften, welches aber untergeschoben
sein soll, machte ihn der Hexerei verdächtig.
_=Heinr. Cornelius Agrippa=_, ein Schüler des _Trittheim_, war ein sehr
gelehrter Mann. Seiner _Philosophia occulta_ wurde ein viertes Buch
voller magischen Ceremonien und abergläubischen Gebräuchen angehängt,
daher dieser vortreffliche Mann auch in den Verdacht der Zauberei kam,
obgleich er in seinem Buche _de vanitate scientiarum_ seine Verachtung
dagegen gezeigt hat.
So viel von den Berühmtesten, wenn diese als Zauberer nicht gelten,
so werden die kleinen, die Betrüger und Taschenspieler von selbst
wegfallen.
Die neuern, als _=Schwedenborg=_, _=Schrepfer=_, _=Saint Germain=_,
_=Gassner=_, _=Messmer=_, _=Cagliostro=_, die Wunderheilungen des
Fürsten _=Hohenlohe=_, des Bauers _=Martin Michel=_ u. a. m. wollen wir
jetzt mit Stillschweigen übergehen.
In den frühesten Zeiten machten schon die Menschen bei geringen
Entdeckungen natürlicher Dinge große Geheimnisse daraus, und setzten
das unwissende Volk in Verwunderung, und auf diese Weise erhielten
sie einen Wundernamen. In der Folge gaben sie vor, geheime Künste
zu besitzen, die aber nichts waren. Die natürliche Magie ist aber
nichts anders, als was die Naturlehre uns bietet, und alle sogenannten
Wunderkünste sind natürlich.
Die =Magie= wird also immer demjenigen eine geheime Wissenschaft
bleiben, welcher die Kräfte der Natur nicht kennt, dem Wissenden bleibt
sie ein Theil der Naturlehre. Es giebt zwar und wird immer noch viele
neue Entdeckungen in der Natur geben, aber deswegen ist es und bleibt
Alles nichts Uebernatürliches.
Wir werden nun unsern neugierigen und gelehrigen Lesern und Leserinnen
nach und nach die alte versteckte Zauberei, womit so Viele geprahlt,
aber selbst keine streng untersuchte Beweise gefunden haben, zu Tage
fördern, nicht um die Dinge nach zu machen, sondern von der Entdeckung
die Wahrheit zu erhalten: daß Unkenntniß der Natur, Leichtgläubigkeit
und Betrügerei der Zauberei und Hexerei Nahrung geben.
Denn eine gewisse Classe von Menschen in Städten und Dörfern legt jetzt
noch einen großen Werth auf =Zauberbücher=, und kauft sie sehr theuer,
wenn sie dieselben nicht als ein Erbstück erhalten hat. Handschriften
sind es gemeiniglich, die unter ihnen circuliren, und sie glauben, daß
solche Bücher nicht gedruckt oder doch in wenigen Händen zu finden
sind. –
Wir werden daher auch aus mehrern =Handschriften=, die sich in
Criminalprocessen von Geisterbannern und Schatzgräbern vorgefunden
haben, Auszüge (=durch freundliche Mittheilung=) mit wunderlichen
Figuren geben können – Das ganze Werkchen zerfällt in 3 Abtheilungen:
die erste handelt von der Zauberei, die zweite vom Aberglauben, die
dritte giebt Erzählungen, welche auf die erste Abtheilung Bezug haben.
Jedoch werden wir auch, nach unserm vorgesetzten Plane, viele
Abscheuligkeiten, wobei Gottes Name zu sehr von Vorwitz, Unverstand,
Leichtsinn und bösen Willen gemißbraucht wird, unterdrücken.
So möge nun die =Zauberei= oder =Hexerei= anfangen, und, nach unserm
Plane, recht viel Gutes stiften!
=Von den Gespenstern.=
Furcht und Einbildung erzeugten schon im grauen Alterthum den Glauben
an Gespenster, denn die Phantasie ist von so grenzenlosem Umfange,
sagt ein neuer Schriftsteller, daß sie sogar das bloße Beisammensein
mehrerer Dinge zu einem Subjecte umbildet, und eine Eigenschaft der
einen Sache zur Eigenschaft der andern macht. Es kann kommen, wenn man
eine Stimme aus der Ferne hört, daß der Eine sie für die des Freundes,
den er erwartet, der Andere für die des Feindes, den er fürchtet, und
der Diener die Stimme für die seines Herrn hält.
Kinder, welchen Gespensterhistörchen erzählt werden, behalten die
Furcht, und die Nacht, den Kopf mit Gespenstern angefüllt, erzeugt
Phantome, die nicht sind. Klosterwunder, Vapeurs und hypochondrische
Dünste brachten das =Spuken= und die =Gespenster= hervor. Die Bewohner
der Klöster fanden ihre Rechnung dabei, um ihr Fegfeuer als eine
Wahrheit zu vertheidigen, und dem gemeinen Haufen den Gespensterglauben
nicht nur zu lassen, sondern auch zu verstärken.
Was soll aber nun ein Gespenst sein? Es soll eine geistige Substanz
sein, die einen Körper angenommen, und darin sich sehen, hören und
fühlen läßt, kurz, der =Geist des Verstorbenen=.
Dieser Geist, welchen Einige den =Astral-Geist= oder =Sternen-Geist=
nennen, soll sich nebst der Seele im Menschen befinden. Der Mensch
bestände nämlich aus drei wesentlichen Stücken: dem irdischen Leib,
der unsterblichen Seele, und einem Mittelding zwischen diesen beiden,
dem Astralgeist. Diese Lehre der Trialisten hat schon Plato angeführt,
dann kam sie in die Alexandrinische Schule, und so unter die Christen.
Herr _Paracelsus_ ist vom Astralgeist eingenommen und sagt: »der Mensch
besteht aus drei großen Substanzen, die erste ist die =Seele=, von Gott
kommend und nach dem Tode wieder dahin zurückkehrend; die andere der
=Geist=, der aus dem Firmamente kommt, und aus Feuer und Luft besteht,
auch endlich in der Luft sein Grab oder seine Zerstörung findet; die
dritte Substanz ist der grobe =Leib=, welcher aus Erde und Wasser
besteht, und wieder zur Erde werden muß.«
Da die Seele und der Körper des Menschen von ganz verschiedener Natur
und verschiedenen Wesen sind, so kann man schwer begreifen, worin das
Band und die genaue Vereinigung derselben besteht, daher bei diesen
zwei Extremen, die gegen einander sind, nicht anders als durch ein
Mittelding, welches in seiner Natur dem einen sowohl, als dem andern
näher kommt, verbunden und vereinigt werden können. Dieses Mittelding
sei zwar kein Geist, oder ein ganz unkörperliches Wesen, sondern eine
sehr reine und subtile Materie, die wegen der Subtilität der Seele
näher komme, als der grobe Leib des materiellen Wesens wegen dem Körper
näher sei, als die ganz unmaterielle Seele. Um die Existenz eines
solchen Mitteldings zu beweisen, nimmt man den Streit zu Hilfe, der
sich oft bei den Menschen zwischen dem Verstand und den sinnlichen
Begierden findet. Die Phantasie und die sinnlichen Begierden sollen
Kräfte des Astralgeistes, aber Verstand und Wille, Kräfte der Seele
sein.
Dieser Astralgeist, sagt _Paracelsus_, erscheint nach dem Tode des
Menschen noch eine Zeitlang, da er das Vermögen, die Gedanken,
Einbildungen und Begierden, welche er beim Abschied vom Körper
empfängt, und die ihn stark eingedrückt werden, noch eine geraume Zeit
zu behalten u. s. w.
Doch genug von dieser wunderlichen Einbildung, die sich von selbst
und mit wenigen Worten widerlegt! Kann die Seele auf den Körper nicht
wirken, so kann sie es auch nicht auf den Astralgeist, weil er ja auch
materiell ist, er mag noch so subtil sein. Alle Dinge in der Natur sind
entweder einfach oder zusammengesetzt, ein Drittes giebt es nicht, also
woher ein Mittelding zwischen Seele und Leib!
Mit diesem sogenannten Astralgeiste wollen Viele, namentlich
_Paracelsus_, das =Spuken= der Verstorbenen und das =Erscheinen nach
dem Tode= erklären. Aber gewiß! weder sie noch wir haben den Geist
eines Verstorbenen gesehen.
Eben so wenig kann sich die Seele wie von einem Verstorbenen, auch von
einem Lebenden trennen und einem andern erscheinen – denn ist diese
einmal vom Körper, kehrt sie nie wieder zu ihm zurück[3] – Daher das
=Sehen seiner selbst=, die =vielfältige Gegenwart= einer Person an
verschiedenen und entfernten Orten, und das =Doppelsehen= gehört zu den
Täuschungen, Fabeln und Betrügereien[4].
[3] S. dritte Abtheilung. Das Gespenst im Hause. Anzeige des Todes.
[4] S. dritte Abtheilung. Sehen seiner selbst. Das Doppelsehen.
=Betrüger=[5], =Diebe=[6] und =Verliebte= haben stets die Rolle eines
Gespenstes gespielt. So sagt noch ein altes französisches Sprichtwort
von den Verliebten:
[5] S. dritte Abtheilung. Der Poltergeist. Glockengeläute.
[6] S. dritte Abtheilung. Gespenstergeschichte.
_Où sont filettes et bon vin
C’est là où hante le Lutin._
(Bei Mädchen und bei gutem Wein
Pflegt meistens ein Gespenst zu sein.)
=Die Necromantie.=
Durch diese Wunderkunst ruft man die Todten aus ihren Gräbern, wenn man
von ihnen geheime und künftige Dinge erfahren will. _C. Agrippa_ nennt
zwei Arten dieser Zauberei: _Necyomantie_, wodurch man die verstorbenen
Körper sogar wieder lebendig dargestellt, und _Sciomantie_, wenn blos
ein Schattenbild des Verstorbenen erscheint – Die Necromantie ist sehr
alt, denn die Betrügerin zu Endor ließ ja den Schatten (Können denn
Schatten auch sprechen?) Samuels erscheinen. Im allgemeinen ist diese
Kunst eine große Betrügerei[7]. Die Kunststücke mit dem sogenannten
=Zauberspiegel=, wodurch man erstaunungswürdige Dinge produciren, so
auch mit der =Zauberlaterne=, wodurch man Gestalten in freier Luft
präsentiren kann – finden wir in Wiglebs natürl. Magie, Berlin und
Stettin 1779, wohin ich die neugierigen Leser verweise.
[7] S. dritte Abtheilung. Die Necromantisten.
Alle Necromantisten sind feine Betrüger. Schwedenborg, Schrepfer und
Cagliostro waren solche Subjekte, und die größten Geisterbanner, die
sogar hohe Personen und angesehene Gelehrte täuschten (S. Abth. III.
Schwedenborg).
Den Schwachen geht es mit der Geisterseherei, wie jenen, als ein
gewisser Engländer, _Sawney_, ein berüchtigter Seher und Wahrsager,
große Gebäude, herrliche Tempel, mit kunstreichen Statüen u. s. w.
erblickte, welche aber alle von – =Eis= und =Schnee= waren, und als die
Sonne aufging, das Ganze zerschmolz, und die Neugierigen nichts sahen!
Von der sogenannten Hexerei.
In allen Jahrhunderten, bei allen Nationen, findet man den Glauben
an höhere, gute und böse Geister, und bei uns brachte man in
der unglücklichen Zeit der Hexenprozesse – vom 13ten bis 17ten
Jahrhundert – die Wunder des Teufels in ein System, behandelte sie
wie andere natürliche Erscheinungen, indem man das Natürliche mit dem
Uebernatürlichen durcheinander mischte. Von dieser Zeit an untersuchte
man die Hexerei oder Zauberei, wie einen Mord, einen Diebstahl u. s.
w., daher also die verwirrten Ideen in diesem Zeitalter bei allen
Gelehrten und allen Klassen von Menschen. (S. Abth. III. die Hexe, der
Hexenprozeß, der Hexenmeister.)
Ueberhaupt hat die =Inquisition=, da sie der Unglücklichen Güter
einzog, erst die Hexerei bekannt gemacht. Im 15ten Jahrhundert stieg
die Meinung der Zauberei aufs Höchste, namentlich durch die Bulle des
Papstes _Innocens_ VIII., den 4. December 1484. Diese Bulle brachte
die Hexenprozesse in Gang, weil sie darin erst recht begründet und
verbreitet wurden, und zwar durch Erklärungen über die Wirklichkeit von
Teufelskünsten und Schilderungen ihrer Wirkungen. Um der Sache noch
mehr Gewicht zu geben, erschien sogar zur =Erläuterung= das furchtbare
Buch, der =Hexenhammer=, 1489.
In Teutschland brennten die Flammen, welche Unschuldige hinrichteten,
und solche Tage, wo eine Hexe verbrannt wurde, waren Jubeltage des
gemeinen Mannes. (S. Abth. III. die gerettete Hexe.)
Aber Teutsche waren es auch, die besonders und mit Gründen den
allgemeinen Glauben an Zauberei und Hexerei zu bestreiten wagten. –
Cornelius Loos, noch besonders ein =Priester= zu Mainz, war einer der
ersten, welcher die Ungerechtigkeiten der Hexenprozesse zu zeigen
sich erkühnte. Er mußte aber zweimal widerrufen, wenn er nicht auch
verbrannt seyn wollte. Er starb 1593. – Auch die Jesuiten Adam Tanner
(gest. 1632) und Friedr. Spee schrieben gegen die Hexenprozesse. –
Endlich trat zu Anfang des 18ten Jahrhunderts ein kräftiger Mann auf:
Christ. Thomasius, Lehrer der Rechtswissenschaft zu Halle, und kann als
der eigentliche Zerstörer des Hexenprozesses betrachtet werden.
In der Folge wurde aller Zauberglauben durch die =Naturwissenschaft=
vernichtet, doch ohne ihn gänzlich auszurotten; denn in gegenwärtiger
Zeit publizirt man noch Berichte von =Wunderkuren= durch Zeitungen, wie
der Hang zum Aberglauben sich bildet, und jetzt wieder besteht. –
Im Allgemeinen wird die =Hexerei= oder =Zauberei= folgendermaßen
beschrieben:
Sie ist ein Verbrechen, wenn ein Mensch mit dem Teufel, welcher
in einer menschlichen, thierischen oder andern Gestalt erscheint,
einen Bund macht, darüber ein Instrument aufsetzet, und dasselbe mit
seinem Blute unterschreibt, vermöge aber dessen Gott und die Religion
verleugnet, und sich dem Teufel zu dienen verpflichtet, auch nach
Verfließung einer bestimmten Zeit sich demselben mit Leib und Seele
zu eigen übergiebt; wogegen der Teufel verspricht, einem solchen
Menschen wiederum zu Willen zu seyn, und mancherlei Ergötzlichkeiten
zu schaffen, ihm beizustehen, daß er große und wunderbare Dinge
ausrichten, und andern Menschen nach Belieben Schaden zufügen könne,
ihn auch zu gewisser Zeit abzuholen, und durch die Luft zu führen, wo
der Teufel mit seinen Getreuen und Bundsgenossen die Versammlung hält,
wo sie sich mit Singen, Tanzen, Fressen und Saufen u. s. w. recht
lustig machen.
Im weitläufigen Sinn versteht man aber von Hexerei, wenn ein Mensch
verschiedene ungewöhnliche und abergläubische Mittel und Ceremonien
vornimmt, um Hilfe zu schaffen oder Schaden zu thun, ob er gleich
nicht ausdrücklich mit dem Teufel einen Bund gemacht hat. Man muß aber
die =Magie= der Alten von der heutigen Zauberei unterscheiden, welche
letztere von der erstern entstanden ist.
Die Candidaten, besonders weiblichen Geschlechts, halten jährlich
dreimal den sogenannten =Hexensabbath=. Der Ort der Versammlung
heißt bei uns in Teutschland der =Blocksberg=, in Italien _Noce
di Benevento_, in Schweden _Blocula_; in andern Ländern wird man
vielleicht auch solche Versammlungsörter haben; sonst geschehen
sie auch auf Kreuzwegen, unterm Galgen, auf Kirchhöfen, oder lieber
bei einem See oder Sumpf, weil man das Wasser schlagen und dadurch
Ungewitter erregen kann. An dem Ort, wo der Sabbath gehalten wird, soll
nichts wachsen.
Ist nun die bestimmte Zeit da, so entkleiden sich die Zauberer und
bestreichen sich mit einem Fett, welches ihnen jedesmal bei dem großen
Sabbath ausgetheilt wird. Alsdann fahren sie zum Schornstein hinaus, an
dessen Ende sie einen großen schwarzen Mann mit zwei Hörnern antreffen,
der sie ergreift und nach dem Versammlungsort hin und zurück bringt.
Sie bedienen sich zu ihrer Fahrt auch anderer Werkzeuge, als schwarze
Böcke, Ziegen, Kälber, Wölfe, Katzen und Hunde, oder auch Ofengabeln,
Spinnrocken und Besen, worauf sie durch die Luft fahren.
In der Versammlung erscheint nun der Teufel, als Vorsteher in
mancherlei Gestalt, bisweilen wie ein Mensch, aber öfter als ein –
Bock. So sitzt er auf einer schwarzen Kanzel, mit einer Krone von
schwarzen Hörnern, zwei Hörner hinten und eins an der Stirn, mit
welchem er der Versammlung leuchtet, mit zu Berge stehenden Haaren,
mit blassem und verstörtem Gesicht, großen, runden, aufgesperrten,
feurigen und häßlichen Augen, mit einem Ziegenbart, mit einem
ungestalteten Hals, mit einem Leib, halb Mensch, halb Bock, mit Händen
und Füßen, fast wie ein Mensch, außer daß die Finger alle gerade und
spitz sind, und scharfe Nägel haben, seine Hände sind krumm, wie die
Krallen der Raubvögel, die Füße so breit wie Gänsefüße; der Schwanz ist
so lang, als an einem Esel. Er hat eine schreckliche Stimme, und ein
melancholisch verdrüßliches Gesicht.
Sobald er sich gesetzt hat, küssen die Zauberer ein unter seinem
Schwanze befindliches schwarzes Menschengesicht. Alsdann geht der Tanz
an, und die Hexen singen:
_Alegremonos Alegremos
Que gente nue va tenemos._
Bisweilen tanzen auch Kröten vor ihnen her, und machen tausenderlei
krumme Sprünge. Nach dem Tanze geht es zur Mahlzeit. Aber die
aufgetragenen Gerichte sind ekelhaft, doch – der neugierige Leser
muß alles wissen: – Sie bestehen aus Kröten, Aas, Leichnamen und
ungetauften Kindern. Salz giebt es nicht, aber Brod von schwarzer
Hirse.
Nach aufgehobener Tafel setzt sich der Teufel an einen Tisch und nimmt
die Huldigung der Hexen an, die sie ihm, eine nach der andern, ablegen,
indem sie alle angezündete schwarze Pechfackeln in Händen haben, die
sie nach geendigter Ceremonie dem Teufel, den sie ihren Prinz nennen,
wieder zustellen, der sie bis zur künftigen Versammlung aufhebt. Wenn
dieses zu Ende, fragt er, was ihr Begehren sey? Was für Gift, den
Menschen zu schaden, sie nöthig hätten? u. s. w. – und ertheilt ihnen
Rath und Hilfe.
Eine jede Hexe bringt etwas auf den Sabbath mit, als Farrenkraut,
Mistel, Wegerich, Kröten, Eidechsen, Schlangen und kleine Kinder,
welches der Teufel in Stücken hackt, alles kochen läßt und von dem
Fette die =Salbe= macht.
Genug sey es von dieser verwirrten Einbildungskraft, von der uns _de
Lancre Tableau de l’Inconstance des mauvais Anges et Demons_ erzählt
hat.
Da wir aber einmal bei dem Teufel sind, so müssen wir doch noch etwas
von seiner Person und seinen Umtrieben reden.
_Agrippa_ in seiner _occulta philosophia_ giebt von den =bösen Dämonen=
neun Ordnungen an:
1) Diejenigen, welche man die =falschen Götter= nennt, die den Namen
der Gottheit gleichsam usurpirt haben und als Götter verehrt seyn
wollen. So wie jener, welcher Christus alle Schätze der Welt
zeigte, und sie ihm verhieß, wenn er vor ihm niederfallen und ihn
anbeten würde. Der Oberste dieser Dämonen wird _Beelzebub_ genannt.
2) Die =Lügner=. Ein solcher war bei dem Propheten _Achab_, bei der
Hexe von Endor und bei den Orakeln. Der Oberste dieser Teufel hieß
_Python_.
3) Die =Gefäße der Ungerechtigkeit= und des Zornes Gottes. Sie sind
die Erfinder allerlei Uebel. Der Oberste wird _Belial_ genannt.