Fünftes Kapitel

+Der Grashüpfer+

Das war einmal ein Tag! Morgens ganz früh hatte es getaut, dann war die

Sonne über dem Wald aufgegangen und hatte ihre Strahlen schräg über den

grünen Graswald geschickt, so daß ein Glitzern und Funkeln begann, daß

man vor Seligkeit und Entzücken über einen Anblick von solcher Pracht

nicht wußte, was man sagen oder tun sollte.

Die kleine Maja hatte schon gleich beim Erwachen lauter helle Jubelrufe

um sich her vernommen. Teils kamen sie hoch aus den Bäumen von den

gefürchteten Vögeln, deren Stimmen doch so lieblich erklingen konnten,

oder aus der Luft von vorüberfliegenden Insekten oder aus Büschen und

Gras von Käfern, Schmetterlingen und kleinen und großen Fliegen.

Maja hatte es sich in einem Baumloch recht behaglich eingerichtet. Es

war sicher und trocken und blieb auch nachts recht lange warm, da den

Tag über die Sonne auf den Eingang schien. Zwar hatte sie einmal in

aller Frühe den Specht am Stamm ihres Baums klopfen hören und sich

schleunigst davon gemacht. Denn den Specht klopfen zu hören, das ist

für ein kleines Insekt, das sich in der Baumrinde verborgen hält, so

schlimm, als wenn unsereins nachts die Geräusche eines Einbrechers hört,

der die Fensterläden aufbricht. Aber in der Nacht war sie sicher, dann

suchte niemand sie in ihrem hohen Versteck.

In einem zurückliegenden Spältchen, in dem es dunkel und kühl war, hatte

sie sich ein kleines Honiglager angelegt, um für Regentage mit Nahrung

versorgt zu sein; und den Eingang zu ihrer Waldburg hatte sie mit Wachs

ein wenig zugeklebt, so daß er nicht größer als eben nötig war, um

bequem hineinschlüpfen zu können.

Und mit einem hellen Jubel voll Lebensfreude schwang sich die kleine

Maja an diesem Morgen in den Sonnenschein hinaus, um zu erfahren, was

dieser neue schöne Tag ihr bringen würde.

Sie segelte gradaus durch das goldene Licht der Luft, so daß sie wie ein

kleines rasches Pünktchen aussah, das der Wind dahintrieb.

»Heute werde ich einem Menschen begegnen,« rief sie, »an solchen Tagen

sind sicher auch die Menschen unterwegs, um sich in der hellen Natur zu

erfreuen.« Es waren ihr noch niemals so viele Insekten begegnet, es war

ein Kommen und Treiben, ein Summen, Lachen und Jubeln in der Luft, daß

man unwillkürlich mit einstimmen mußte.

Die kleine Maja ließ sich endlich in einem Graswald nieder, in dem

vielerlei Blumen und Pflanzen wuchsen. Die höchsten waren die weißlichen

Blütenbüschel der Schafgarbe und Mohnblumen, die knallrot und leuchtend

eine große Anziehungskraft ausübten. Als Maja ein wenig Honig aus einer

Akeleiblume genommen hatte und eben im Begriff war, weiterzufliegen,

begegnete ihr auf einem Grashalm, der sich zu ihrer Blume hinüberbog,

ein ganz seltsamer Geselle. Anfangs erschrak sie sehr, weil sie nicht

für möglich gehalten hatte, daß solch ein grünes hageres Ungetüm

vorkommen könnte, aber dann wurde doch ihr ganzes Interesse in so hohem

Maße wach, daß sie wie angewurzelt sitzenblieb und den langbeinigen

Fremdling anstarrte. Es sah aus, als habe er Hörner, aber es war nur

seine seltsam vorgerückte Stirn, die es so erscheinen ließ. Zwei

unendlich lange, fadendünne Fühler waren daran, er erschien sehr schlank

und hatte zierliche Vorderbeinchen und ganz dünne unauffällige

Flügelchen, mit denen sich nach Majas Meinung nicht viel anfangen ließ.

Das Merkwürdigste aber waren seine zwei großen, hohen Hinterbeine, die

ihn wie zwei riesige geknickte Stelzen weit überragten. Er war über und

über grün, und seine listigen Augen hatten etwas Freches und Erstauntes

zugleich, aber man konnte wohl sagen, daß sie nicht boshaft, sondern

viel eher gutmütig waren.

»Nun, Mamsell,« sagte er zu Maja, offenbar durch ihren verwunderten

Gesichtsausdruck geärgert, »Sie haben wohl noch keinen Grashüpfer

gesehn? Oder legen Sie Eier?«

»Was fällt Ihnen ein«, rief Maja zornig. »Wie sollte ich auf diesen

Gedanken kommen? Auch wenn ich es könnte, würde ich es niemals tun. Wie

sollte ich den heiligen Pflichten der Königin in so leichtsinniger Weise

vorgreifen?«

Der Grashüpfer duckte sich etwas zusammen und machte ein ganz

unbeschreiblich komisches Gesicht, so daß Maja trotz ihres Verdrusses

laut lachen mußte.

»Mamsell«, rief er, aber dann mußte er selber lachen und sagte nur noch:

»Nein so was! Sie sind aber Eine!«

Maja wurde ganz ungeduldig durch das Benehmen dieses seltsamen Gesellen.

»Warum lachen Sie denn?« fragte sie nicht grade freundlich, »Sie können

doch nicht im Ernst verlangen, daß ich Eier legen soll, und noch dazu

hier auf den Rasen.«

Da knackte es, der Grashüpfer sagte: »Hoppla«, und fort war er.

Maja war ganz verdutzt. Hoch in die Luft hatte er sich geschwungen, ohne

seine Flügel zu brauchen, in einem riesigen Bogen und, wie es Maja

erschien, in einer an Wahnsinn grenzenden Tollkühnheit.

Aber da war er schon wieder. Sie hatte nicht sehen können, woher er kam,

aber nun saß er neben ihr auf dem Blatt der Akeleiblume.

Er betrachtete sie von allen Seiten, von hinten und von vorn:

»Nein,« sagte er dann schnippisch, »Sie können allerdings keine Eier

legen, Sie sind nicht darauf eingerichtet. Sie haben keinen

Legestachel.«

»Was,« sagte Maja, »keinen Legestachel?« Sie deckte sich etwas mit ihren

Flügeln zu und drehte sich so um, daß der Fremde nur ihr Gesicht sehn

konnte.

»Ja natürlich. Fallen Sie nur nicht von Ihrem Podium, Mamsell. Sie sind

eine Wespe, nicht wahr?«

Etwas Schlimmeres hätte nun der kleinen Maja in aller Welt nicht

begegnen können.

»Schockschwerenot!« rief sie.

»Hoppla!« antwortete der Grashüpfer und fort war er.

»Ich werde ganz nervös über so einer Person«, sagte Maja und beschloß

fortzufliegen. Solange sie denken konnte, war ihr eine solche

Beleidigung noch nicht widerfahren. Mit einer Wespe verwechselt zu

werden, bedeutete ihr die größte Schmach, mit diesem nutzlosen

Raubgesindel, mit diesem Diebsvolk, diesen Landstreichern. Es war in der

Tat empörend.

Aber da war der Grashüpfer plötzlich wieder da.

»Mamsell«, rief er, und drehte sich langsam ein wenig, wobei seine

langen Hinterbeine aussahen wie Uhrzeiger, wenn es fünf Minuten vor halb

sieben ist, »Mamsell, Sie müssen entschuldigen, daß ich zuweilen das

Gespräch unterbreche. Aber plötzlich packt es mich. Ich muß springen,

um die Welt muß ich springen, wohin es immer sei. Kennen Sie das nicht

auch?«

Er zog seinen Mund von einem Ohr zum anderen, indem er Maja anlächelte.

Sie konnte nicht anders, sie mußte lachen.

»Nicht wahr?« sagte der Grashüpfer und nickte ermutigend.

»Wer sind Sie denn nur?« fragte Maja, »Sie sind schrecklich aufregend.«

»Aber man kennt mich doch überall«, sagte der Grüne und grinste wieder,

so erschöpfend, wie Maja noch niemals jemanden hatte grinsen sehn. Sie

wußte nie recht, ob er etwas im Ernst oder im Scherz meinte.

»Ich bin in dieser Gegend fremd,« sagte sie freundlich, »sonst würde ich

Sie sicher kennen, aber ich bitte Sie, sich zu merken, daß ich zur

Familie der Bienen gehöre, und daß ich durchaus keine Wespe bin.«

»Ach Gott,« sagte der Grashüpfer, »das ist doch dasselbe.«

Maja konnte vor Aufregung kaum sprechen.

»Sie sind ungebildet«, stieß sie endlich hervor. »Schaun Sie sich doch

einmal eine Wespe an.«

»Was könnte mich wohl dazu veranlassen?« antwortete der Grüne. »Wohin

würde es führen, wenn ich mir Unterschiede merkte, die nur in der

Einbildung existieren? Sie fliegen in der Luft herum, stechen alles, was

in Ihre Nähe kommt, und können nicht springen. Genau so ist es mit den

Wespen. Wo liegt also der Unterschied? Hoppla!« Und fort war er.

Jetzt flieg ich aber, dachte Maja.

Da war er wieder.

»Mamsell,« rief er, »morgen ist Wettspringen im Garten des Pfarrers

Sündepiek. Wollen Sie eine Freikarte, um zuschauen zu können? Meine Alte

hat deren noch zwei, gegen ein Kompliment gibt sie eine her. Ich hoffe

den bestehenden Rekord zu schlagen.«

»Ich interessiere mich nicht für so ein Gehüpfe«, sagte Maja nicht ohne

Verdruß. »Wer fliegen kann, hat höhere Interessen.«

Der Grashüpfer grinste, daß man es förmlich zu hören glaubte.

»Überschätzen Sie sich nicht, Mamsell. Die meisten Tiere der Welt können

fliegen, aber springen können die wenigsten. Sie haben keinen Überblick

über die Interessen der Mitwelt. Den Wunsch nach einem hohen, eleganten

Sprung finden Sie sogar bei den Menschen. Kürzlich sah ich den Pfarrer

Sündepiek fast einen Meter hoch springen, um einer kleinen Schlange zu

imponieren, die vor ihm über den Weg lief. Seine Verachtung gegen alles,

was nicht Springen war, ging dabei so weit, daß er seine Pfeife

fortschleuderte, ohne die kein Pfarrer leben kann. Begreifen Sie diesen

Ehrgeiz! -- Ich habe Grashüpfer gekannt, und sie gehörten zu meiner

Familie, die dreihundertmal so hoch sprangen, als sie selbst groß waren.

Ja, nun staunen Sie und sagen kein Wort mehr, und bereuen innerlich

alles, was Sie eben vorgebracht haben, und was Sie eventuell noch hätten

behaupten wollen. Dreihundertmal so hoch, als er groß war! Muten Sie so

etwas mal jemandem zu! Selbst das größte Tier der Welt, der Elefant, ist

nicht in der Lage, einen solchen Sprung auszuführen. Nun? Da schweigen

Sie! Habe ich nicht gesagt, daß Sie schweigen würden?«

»Aber wie soll ich denn reden, wenn Sie nicht einen Augenblick still

sind«, rief Maja.

»Reden Sie also«, sagte der Grashüpfer freundlich, und dann rief er

»Hoppla« und war fort.

Da mußte die kleine Maja trotz ihres Verdrusses doch lachen. So etwas

war ihr noch niemals begegnet. So sehr der Grashüpfer sie durch sein

scherzhaftes Benehmen in Erstaunen setzte, so bewunderte sie doch seine

Welterfahrenheit und seine großen Kenntnisse. Wenn sie es auch mit dem

Springen nicht hielt wie er, so war sie doch verwundert über alle die

Neuigkeiten, die sie in der kurzen Unterhaltung erfahren hatte. Wenn der

Grüne nur etwas zuverlässiger gewesen wäre, sie hätte ihn gar zu gern

nach diesem oder jenem gefragt. Oft erleben wirklich diejenigen am

meisten, dachte sie, die am wenigsten damit anzufangen wissen.

Ob er die Sprache der Menschen verstehen konnte, da er doch ihre Namen

wußte? Danach wollte sie ihn fragen, wenn er noch einmal zurückkam, und

auch danach, wie er über eine Annäherung dachte und über den Versuch,

den Menschen in seiner Behausung aufzusuchen.

»Mamsell!« rief es neben ihr, und ein Grashalm schwankte.

»Mein Gott,« sagte Maja, »wo kommen Sie nur immer her?«

»Aus der Umgegend«, sagte der Grashüpfer.

»Aber ich bitte Sie,« rief Maja, »springen Sie denn so aufs Geratewohl

in die Welt, ohne zu wissen, wohin es Sie führt, ohne den Ort zu kennen,

wo Sie ankommen?«

»Natürlich«, sagte der Grüne. »Was denn sonst? Können etwa Sie in die

Zukunft sehn? Das kann niemand. Nur der Laubfrosch kann es, aber er sagt

nicht wie.«

»Was Sie alles wissen,« rief die kleine Maja, »das ist einfach

großartig. Verstehn Sie auch die Sprache der Menschen?«

»Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist, Mamsell, denn es ist

noch nicht nachgewiesen, ob die Menschen eine Sprache haben. Sie stoßen

zuweilen Laute aus, deren abscheuliche Klanglosigkeit mit nichts zu

vergleichen ist. Offenbar verständigen sie sich dadurch. Was man ihnen

lassen muß, ist ein aufrichtiges Verlangen nach erträglichen Stimmen.

Ich beobachtete zwei Knaben, die Grashalme zwischen ihre Finger nahmen

und mit ihrem Mund Luft darauf bliesen, so daß ein surrender Ton

entstand, der dem Zirpen einer Grille vielleicht verglichen werden

könnte. Aber er blieb weit dahinter zurück. Jedenfalls tun sie, was sie

können. Wollen Sie sonst noch etwas wissen? Ich weiß immerhin

mancherlei.«

Und er grinste die kleine Maja an, daß man es förmlich hörte.

Aber als er nun das nächste Mal unversehens davonsprang, blieb er aus,

und die Biene wartete eine Weile vergeblich auf ihn. Sie suchte

ringsumher im Gras und in den Blumen, aber es war unmöglich, ihn

wiederzufinden.

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 6 / 20 题