Viertes Kapitel

+Iffi und Kurt+

Als die kleine Maja am anderen Morgen im Kelch einer blauen Glockenblume

erwachte, hörte sie, daß die Luft von einem feinen leisen Rauschen

erfüllt war, und sie spürte, daß die Blume sich bewegte, als bekäme sie

heimlich kleine Stöße. Durch ihren geöffneten Kelch zog ein feuchter

Geruch von Gras und Erde, und es war sehr kühl.

Maja nahm ängstlich ein wenig Blütenstaub von den gelben Staubgefäßen

der Blume, machte dann sorgfältig Morgentoilette und wagte sich

vorsichtig Schritt für Schritt bis an den äußersten Rand des hängenden

Kelches. Da sah sie, daß es regnete. Ein feiner kühler Regen ging mit

leisem Rauschen nieder und bedeckte alles umher mit Millionen heller

Silberperlen. Sie lagen auf den Blättern und Blumen, rollten im Gras die

schmalen grünen Wege der Halme nieder und erfrischten den braunen

Erdboden.

Maja sah mit großem Erstaunen und voll tiefer Verwunderung diese

Veränderung der Welt, es war der erste Regen, den sie in ihrem jungen

Dasein erlebte. Aber obgleich es ihr wohl gefiel und sie beglückte,

stellte sich doch eine leichte Besorgnis bei ihr ein, denn sie erinnerte

sich der Warnung Kassandras, niemals im Regen auszufliegen. Sie begriff,

daß es schwer sein mußte, die Flügel im Tropfenfall zu bewegen, auch tat

ihr die Kälte weh, und sie vermißte den ruhigen goldenen Sonnenschein,

der die ganze Erde heiter und sorglos stimmte.

Es mußte noch sehr früh sein, denn das Leben im Gras unter ihr nahm erst

seinen Anfang. Unter ihrer blauen Glocke war sie wohlgeborgen und konnte

den erwachenden Verkehr unter sich prächtig beobachten. Darüber vergaß

sie für eine Weile ihren Kummer und das Heimweh, das sich in ihrem

Herzen einstellte. Es war gar zu unterhaltend, so von einem sicheren

Versteck aus, von oben her, auf das Leben und Treiben der Grasbewohner

herabzuschaun. Aber allmählich zog es ihre Gedanken doch nach ihrer

verlassenen Heimat, nach dem Schutz und der starken Gemeinschaft des

Bienenstocks. Dort saßen sie nun beieinander, des Ruhetags froh, bauten

vielleicht hier und da ein wenig an den Zellen, oder fütterten die

kleinen Maden. Aber im allgemeinen war es recht ruhig und beschaulich im

Stock an Regentagen. Nur zuweilen flogen Kundschafter aus, sahen nach

dem Stand des Wetters und erforschten, von welcher Seite der Wind kam.

Die Königin ging im Reiche umher, von Etage zu Etage, prüfte alles,

lobte oder tadelte, legte wohl hin und wieder ein Ei und beglückte alle

durch ihre königliche Gegenwart. Wie froh machte es, einen Blick von ihr

aufzufangen oder ein huldvolles Wort. Es kam vor, daß sie den jüngeren

Bienen, die ihre ersten Leistungen hinter sich hatten, freundlich über

die Köpfchen strich oder sich nach ihren Erlebnissen erkundigte.

Ach, wie glücklich machte es, sich dazu rechnen zu dürfen, sich von

allen geachtet zu wissen und den starken Schutz der Gemeinschaft

genießen zu können. Hier an ihrem einsamen und ausgesetzten Platz war

sie gefährdet und fror. Und wenn der Regen anhielt, was sollte sie dann

beginnen und wodurch sollte sie sich ernähren? Honigsaft war kaum in der

Glockenblume zu finden, und der Blütenstaub würde auch nicht allzulange

vorhalten. Sie empfand zum ersten Male, wie notwendig zu allem

Wanderleben und zum Vagabundentum der Sonnenschein war. Ohne den

Sonnenschein wäre wohl niemand leichtsinnig, dachte sie.

Aber, wenn sie sich nur des Sonnenscheins erinnerte, erfüllte es sie

schon wieder mit Freude und heimlichem Stolz, daß sie so mutig gewesen

war, ihr Leben auf eigene Faust zu beginnen. Was hatte sie in der kurzen

Zeit ihres Wanderns nicht schon alles gesehn und erfahren! Davon wußten

die andern wohl ihr Leben lang nur wenig. Erfahrung ist doch das höchste

Lebensgut und ihrer Opfer wert, dachte sie.

Unten zog ein Trupp Wanderameisen im Gras vorüber. Sie schritten singend

durch den kühlen Graswald und schienen Eile zu haben. Ihr frisches

Morgenlied erklang im Marschtakt und stimmte das Herz der kleinen Maja

wehmütig und nachdenklich.

Bald ist unsre kurze Frist

auf der Erde aus.

Was ein rechter Räuber ist,

macht sich nichts daraus.

Sie waren außerordentlich gut bewaffnet und sahen keck und gefährlich

aus. Ihr Lied verklang unter den Huflattichblättern. Aber dort schienen

sie mit ihrem Gesang etwas Rechtes angerichtet zu haben, denn es erklang

nun eine rauhe heisere Stimme, und die kleinen Blättchen eines jungen

Löwenzahns wurden energisch auseinandergedrängt. Maja sah einen großen

blauen Käfer hervordringen, der wie eine Halbkugel aus glänzendem,

dunklem Metall aussah und bald bläulich, bald grünlich, zuweilen auch

ganz schwarz schimmerte. Er war wohl zwei- oder dreimal so groß wie sie.

Sein harter Panzer schien ihr von unzerstörbarer Festigkeit, und seine

tiefe Stimme hatte etwas gradezu Einschüchterndes. Er schien durch den

Gesang der Soldaten erwacht und bei sehr schlechter Laune zu sein. Sein

Haar war noch nicht geordnet, und er rieb sich den Schlaf aus den blauen

listigen Äuglein.

»Ich komme,« schrie er, »das genügt für alle, um Platz zu machen.«

Gottlob stehe ich ihm nicht im Wege, dachte Maja, die sich in ihrem

hohen schwebenden Versteck sicher fühlte. Aber ihr Herz klopfte doch ein

wenig, und sie zog sich leise einen Schritt weiter in die Blütenglocke

zurück.

Der Käfer bewegte sich schwerfällig und schaukelnd durch das nasse Gras.

Eine sehr elegante Erscheinung war er eben nicht. Bei einem welken

Blatt, grade unter ihrer Blüte, machte er halt, schob es zur Seite und

trat etwas zurück. Da erkannte Maja darunter den Eingang zu einer Höhle.

Nein, was es nicht alles gibt, dachte sie neugierig, davon habe ich mir

keine Vorstellung gemacht. Man kann gar nicht lange genug leben, um

alles zu erfahren, was auf der Welt möglich ist. Sie verhielt sich ganz

still. Nur der Regen rieselte leise nieder. Da hörte sie den Käfer in

die Höhle hineinrufen:

»Wenn Sie mit mir auf die Jagd wollen, müssen Sie sich schon

entschließen aufzustehn. Es ist heller Tag.« Weil er zuerst erwacht war,

fühlte er sich so überlegen, daß es ihm schwer wurde, freundlich zu

sein.

Es dauerte eine Weile, bis Antwort kam, dann hörte Maja eine dünne

zirpende Stimme aus dem Loch schallen:

»Um Gottes willen, machen Sie oben zu, es regnet herein.«

Der Käfer gehorchte, neigte abwartend den Kopf etwas zur Seite und

schielte durch die Spalte.

»Eilen Sie sich, wenn ich bitten darf«, sagte er mürrisch.

Maja war sehr gespannt, wer herauskommen würde. Sie kroch so weit vor,

daß ein großer Regentropfen auf ihre Schulter fiel. Sie erschrak sehr

und trocknete sich ab. Unten hob sich das welke Blatt, und langsam kroch

ein braunes Tier hervor, das ihr im hohen Maße absonderlich vorkam. Es

hatte einen plumpen Leib und einen ganz ungewöhnlich dicken Kopf mit

kleinen aufrechten Fühlhörnern. Die Beinchen waren sehr dünn und

bewegten sich langsam, und der Ausdruck des Gesichts war sorgenvoll.

»Guten Morgen, meine Iffi«, sagte der Käfer und wurde vor Höflichkeit

ganz schlank. »Wie haben Sie geschlafen?« und dann fügte er hinzu: »mein

alles!«

Iffi nahm seine Hand etwas gleichgültig.

»Es geht nicht, Kurt,« sagte sie, »ich kann nicht mit. Die Leute reden

zu viel.«

Der arme Käfer schien wirklich sehr zu erschrecken.

»Ich verstehe wohl nicht richtig,« stammelte er, »sollte das junge Glück

unserer Freundschaft an so gleichgültigen Dingen scheitern? Bedenken Sie

doch, Iffi, was kümmern die Leute Sie? Sie haben Ihr Loch, können

hineinkriechen, wenn Sie wollen, und wenn Sie tief genug steigen, hören

Sie nichts.«

Iffi lächelte wehmütig und überlegen.

»Kurt, davon verstehn Sie nichts. Ich habe da meine eigene Anschauung.

Übrigens kommt noch etwas hinzu: Sie haben meine Unkenntnis in sehr

wenig feiner Weise ausgebeutet, Sie haben sich für einen Rosenkäfer

ausgegeben, und gestern sagte mir die Wegschnecke, Sie seien ein

Mistkäfer. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Die Wegschnecke hat Sie

bei einer Tätigkeit beobachtet, die ich hier nicht weiter kennzeichnen

will; Sie werden verstehen, daß ich mich zurückziehe.«

Als Kurt sich von seinem Schreck erholt hatte, wurde er ärgerlich:

»Nein, das verstehe ich nicht,« rief er heftig, »ich wünsche um meiner

selbst willen geliebt zu sein, und nicht um meiner Beschäftigung willen.

Wie können Sie einen Mann danach beurteilen, wo er sich aufhält!«

»Wenn es nicht grade der Mist wäre, würde ich ein Auge zudrücken«, sagte

Iffi zurückhaltend. »Sie müssen auch bedenken, daß eine junge Witwe,

deren Gatte erst vor drei Tagen von der Spitzmaus gefressen worden ist,

sich die denkbar größte Zurückhaltung auferlegen muß. Also -- leben Sie

wohl.«

Und Iffi war plötzlich mit einem Ruck in ihrer Höhle verschwunden, so

rasch, daß es erschien, als habe ein Windstoß sie davongerissen. Maja

hatte nicht für möglich gehalten, daß jemand so rasch in einem Loch

verschwinden könnte. Jetzt war Iffi fort, und der Käfer starrte mit

verblüfftem Gesicht in die leere dunkle Öffnung und sah so dumm dabei

aus, daß Maja lachen mußte.

Endlich besann er sich und begann betrübt und zornig seinen kleinen

rundlichen Kopf zu schütteln, und die Fühler hingen traurig nieder, wie

zwei verregnete Fächer.

»Für Charakter und gediegene Lebensführung hat heute niemand mehr Sinn«,

seufzte er. »Iffi ist herzlos, ich habe nicht gewagt, es mir

einzugestehn, aber es ist der Fall. Aber wenn sie in der Tat nicht das

Herz hat, meine Freundin zu sein, so sollte sie wenigstens den Verstand

dazu haben.«

Maja sah, wie Tränen in seine Augen traten, und ihr Herz wurde von

Mitleid ergriffen.

Aber plötzlich kam Bewegung in Kurt. Er wischte die Tränen aus den Augen

und trat vorsichtig hinter einen Erdhaufen, den seine Freundin

wahrscheinlich aus ihrer Wohnung geschaufelt hatte, und Maja sah einen

kleinen rötlichen Regenwurm durch die Gräser kommen. Er hatte eine sehr

ungewöhnliche Art der Fortbewegung, bald machte er sich lang und dünn,

dann wieder kurz und dick, und seine rote Körperspitze bestand aus

lauter zarten Ringen, die sich lautlos verschoben und vorantasteten.

Sie erschrak sehr, als Kurt plötzlich einen Schritt aus seinem Versteck

hervor machte, den Wurm ergriff und ihn in zwei Hälften zerbiß. Er

begann gelassen die eine Hälfte zu verzehren und kümmerte sich wenig um

die verzweifelten Windungen, die die beiden Wurmhälften am Boden und in

seinen Armen ausführten. Es war ein ganz kleiner Wurm.

»Nur Geduld,« sagte Kurt, »gleich ist es vorüber.«

Aber während er kaute, schien er wieder an Iffi zu denken, die er für

alle Zeit verloren hatte, und große Tränen rollten über seine Backen.

Die kleine Maja in ihrem Versteck bedauerte ihn herzlich. Es gibt doch

sehr viel Trauriges in der Welt, dachte sie. Da sah sie, daß die eine

Wurmhälfte, die Kurt in seiner Bekümmernis zur Seite gelegt hatte, sich

eilig entfernte.

»Nein, so was!« rief sie, und sie tat es vor Schrecken so laut, daß Kurt

sich verwundert umschaute.

»Machen Sie Platz!« rief er, als er es hörte.

»Aber ich sitze Ihnen ja gar nicht im Weg«, antwortete Maja.

»Wo sitzen Sie denn?« fragte er, »Sie müssen doch irgendwo sitzen.«

»Hier oben,« rief Maja, »über Ihnen in der Blume.«

»Ich will es Ihnen glauben,« sagte Kurt, »aber ich bin kein Grashüpfer,

ich kann mich unmöglich so weit nach oben umdrehn, daß ich Sie sehe.

Weshalb haben Sie denn geschrien?«

»Die eine Hälfte vom Wurm läuft fort«, rief Maja.

»Ja, ja,« sagte Kurt und sah dem halben Würmchen nach, »diese Tiere sind

sehr regsam. Ich habe keinen Appetit mehr.« Damit warf er den Rest des

Wurms fort, den er noch in seinen Händen gehalten hatte, und dieser

übriggebliebene Teil entfernte sich nach der andern Seite.

Maja wurde ganz verwirrt, aber Kurt schien mit dieser Eigenart des Wurms

vertraut zu sein.

»Sie müssen nicht denken, daß ich immer Wurm esse,« sagte er, »aber es

finden sich nicht überall Rosen.«

»Sagen Sie doch wenigstens dem Kleinen, wo seine andere Hälfte

hingelaufen ist«, antwortete Maja in großer Erregung.

Kurt schüttelte ernst den Kopf. »Was das Schicksal trennt, soll man

nicht wieder zusammenfügen«, meinte er. »Wer sind Sie?«

»Ich bin Maja, vom Volk der Bienen.«

»Das ist mir angenehm,« sagte Kurt, »ich habe nichts gegen die Bienen.

Weshalb sitzen Sie denn da herum? Das tun doch sonst Bienen nicht.

Sitzen Sie da schon lange?«

»Ich habe hier geschlafen.«

»So«, machte Kurt mißtrauisch. »Hoffentlich haben Sie einen tiefen und

gesunden Schlaf. Sie sind wohl eben erst erwacht?«

Maja bestätigte es, denn sie merkte, daß Kurt nicht gerne gesehn hätte,

wenn sein Gespräch mit der Grille Iffi belauscht worden wäre, und sie

wollte ihn nicht noch einmal betrüben.

Kurt lief hin und her und versuchte hinaufzuschaun. »Warten Sie,« sagte

er, »wenn ich mich etwas an jenem Grashalm aufrichte, werde ich Sie sehn

können, und Sie können mir in die Augen schaun. Das wollen Sie doch

jedenfalls gern.«

»Doch,« sagte Maja, »das wäre mir sehr angenehm.«

Kurt fand einen geeigneten Halm, es war der Stiel einer Butterblume, und

da die Blüte sich etwas zur Seite neigte, konnte Maja ihn ansehn, als er

sich nun auf die Hinterbeinchen stellte und zu ihr emporschaute. Sie

fand, daß er ein freundliches und liebes Gesicht hatte; ganz jung schien

er nicht mehr zu sein; und er war etwas voll in den Backen. Nun

verbeugte er sich, so daß die Blume ein wenig schaukelte, und stellte

sich vor:

»Kurt, von der Familie der Rosenkäfer.«

Die kleine Maja mußte heimlich lachen, denn sie wußte nur zu gut, daß

Kurt ein Mistkäfer war, aber da sie ihn nicht kränken wollte, sagte sie

nichts darüber.

»Macht Ihnen der Regen nichts aus?« fragte Maja.

»O nein, das bin ich von den Rosen her gewohnt, da regnet es meistens.«

Maja dachte: ein wenig muß ich ihn doch für seine dreisten Lügen

strafen, er ist doch ein recht eitler Geselle.

»Kurt,« sagte sie und lächelte vorsichtig, »was ist das da eigentlich

für ein Loch unter dem Blatt?«

Kurt erschrak.

»Ein Loch?« fragte er, »sprechen Sie von irgendeinem Loch? Es gibt sehr

viele Löcher, es wird so ein Loch sein, irgendsoeins. Sie machen sich

keine Vorstellung, wie viele Erdlöcher es gibt.«

Aber in der heimlichen Bestürzung, in die er geraten war, ereignete sich

etwas ganz Furchtbares. Kurt hatte in seinem Eifer und in seinem

Bemühen, sich möglichst gleichgültig zu stellen, das Übergewicht

verloren. Maja hörte ihn verzweifelt aufschreien und gleich darauf sah

sie ihn auf dem Rücken liegen und mit Armen und Beinen hilflos und

kläglich in der Luft zappeln.

»Es ist aus mit mir!« schrie er, »ich bin nicht in der Lage, mich wieder

aufzurichten. Ich werde sterben müssen. Ein bejammernswerteres Geschick

ist nie vorgekommen.«

Er klagte so laut, daß er Majas Trostworte nicht verstand. Dabei

versuchte er mit seinen Füßen den Boden zu gewinnen, aber jedesmal, wenn

er sich festzuhalten glaubte, gaben die kleinen Erdballen nach, die er

mühsam ergriffen hatte, und er fiel wieder auf seinen hohen, runden

Rücken zurück. Es war wirklich ein außerordentlich trostloser Anblick,

und die kleine Maja hatte ehrlich Angst um ihn, zumal er schon ganz

bleich im Gesicht war und sein Geschrei in der Tat herzzerreißend klang.

»Ich halte diese Lage nicht aus,« rief er, »schauen Sie wenigstens fort.

Quälen Sie nicht einen Sterbenden durch zudringliche Blicke. Ach wenn

ich wenigstens einen der Grashalme erreichen könnte, oder den Stiel der

Butterblume. Wer kann sich an der Luft festhalten? Das kann niemand.«

Das Herz der kleinen Maja zitterte vor Erbarmen.

»Warten Sie,« rief sie, »ich will versuchen Sie aufzurichten. Es muß

doch gehn, wenn ich mich anstrenge. Oder Kurt, lieber Kurt, schreien Sie

doch nicht so, hören Sie mich an: Wenn ich einen kleinen Grashalm

niederbiege und reiche Ihnen das äußerste Ende, würden Sie sich dann

helfen können?«

Kurt jammerte nur und verstand sie nicht, er war vor Todesangst ganz von

Sinnen. Da flog die kleine Maja trotz des rieselnden Regens aus ihrem

Versteck nieder, suchte einen schmalen grünen Grashalm, der in Kurts

Nähe wuchs, und klammerte sich an der äußersten dünnen Spitze fest. Sie

jubelte vor Freude, als der Halm sich unter ihrer Last so niederbog, daß

er grade quer über den zappelnden Kurt sank.

»Halten Sie sich fest«, schrie Maja.

Kurt fühlte etwas über seinem Gesicht und griff hastig zu, erst mit

einer Hand, dann mit beiden und endlich auch mit den Beinchen, die

prächtige scharfe Krallen hatten, jedes zwei. Langsam zog er sich immer

weiter daran hin, bis er die Wurzel des Halms erreicht hatte, und dort,

wo er stärker und dicker war, konnte er sich aufrichten.

Er atmete tief auf.

»Mein Gott«, sagte er. »Das war ganz schrecklich. Ohne meine

Geistesgegenwart wäre ich zweifellos ein Opfer Ihrer Geschwätzigkeit

geworden.«

»Geht es Ihnen besser?« fragte die kleine Maja.

Kurt hielt seine Stirn.

»Danke, danke, wenn dieses Schwindelgefühl weicht, werde ich Ihnen

genaue Auskunft geben.«

Aber Maja erfuhr die Antwort auf ihre Frage nicht mehr, denn es kam eine

Grasmücke durch die Halme geflattert, die auf der Jagd nach Insekten

war. Die kleine Biene drückte sich fest an den Boden und verhielt sich

ganz still, bis der Vogel vorüber war. Als sie sich später nach Kurt

umsah, war er verschwunden, und da machte auch sie sich auf und flog

davon, denn es hatte aufgehört zu regnen, und der Tag war hell und warm.

Die Biene Maja und ihre Abenteuer · 第 5 / 20 题