Man werfe mir nicht vor, daß ich zu schwarz male. Diese Betrachtungen

haben nichts zu tun mit Weltschmerz. Würden wir heute in einer Zeit

blühenden Schrifttums stehen wie etwa zur Zeit Goethes, dann wäre

uns das Buch eben deshalb etwas, weil es das beste oder eines der

besten Ausdrucksmittel unserer Zeit wäre. Da wir aber heute kein

Schrifttum haben, das uns in diesem Sinne bestes Ausdrucksmittel

unseres Empfindens ist, weil wir keine Vertreter schriftstellerischer

Kunst haben, die uns ergreifen könnten nicht nur allgemein menschlich,

sondern gerade als Menschen unserer aufgewühlten Zeit, so können wir

eben nicht mit Literatur unser seelisches Gleichgewicht herstellen;

denn sie ist zwar Ausdruck unserer Zeit, nicht mehr aber hat sie die

künstlerische Kraft, um die Spannung zu lösen, die uns alle in Bann

hält. Wir können, einzeln genommen, vielleicht durch ein Gedicht

Mörikes, Kellers oder auch durch das eines neuzeitlichen Dichters

erschüttert werden, ja gar mancher flieht vielleicht zu Goethe oder

noch weiter zurück zu einem Großen unseres Schrifttums, das ist aber

nicht entscheidend für die große Masse, die wie zu allen Zeiten _ihre_

Kunst haben will, die Kunst, die vollendeter, Spannung lösender

Ausdruck ihrer Zeit ist, die Stil ist. Ist es schwarz gesehen, wenn

man gesteht, daß man in einer Zeit lebt, die ihr Innerstes durch

schriftstellerische Kunst nicht ausdrücken kann? Wäre es nicht

feige, diesem Geständnis auszuweichen? Ja noch mehr, wäre es nicht

undankbar gegenüber dem Segen an künstlerischem Schrifttum, den unser

Volk aufweisen kann, wollte man die Pause nicht wahr haben, die nun

eingetreten ist auf dem Gebiete des künstlerischen Schrifttums?

Ebensowenig wie der einzelne Mensch kann auch ein Volk immerzu

schöpferisch sein auf allen Gebieten. Das ist die traurige, aber doch

menschlich große Erkenntnis unserer Zeit. Daß sie Spengler mit so

großem Erfolg aussprach, verdankt er dem Umstand, daß er damit die Zeit

von dem Druck eines ungewissen Etwas befreite, das man wohl gefühlt,

aber nicht erkannt hatte.

Am wenigsten ist Grund, mir als Buchhändler Schwarzseherei vorzuwerfen,

denn der Möglichkeiten des Buches als Werkzeug sind heute noch so

viele, daß die Notwendigkeit des Rückgangs der Erzeugung solcher Bücher

weit ab liegt. Ja noch mehr, es ist eine der Aufgaben unserer Zeit, dem

Buch als Werkzeug einerseits eine immer zweckmäßigere Form, andrerseits

eine immer größere Verbreitung zu geben.

Man wird nun sagen, daß es doch trostlos wäre, wenn nur diese nüchterne

Seite des Buches als Wirkungsfeld bliebe. Auch wird man die Frage

aufwerfen: »Gibt es denn keine Ewigkeitswerte unseres Schrifttums?«

Beide Einwendungen sind mehr als berechtigt. Aber gerade aus ihrer

Verbindung läßt sich die Antwort für beide gewinnen. Der Wert, den

unser klassisches Schrifttum in sich birgt und der als überzeitlich

bezeichnet werden kann, ist nicht ein Wert, der ohne weiteres erkannt

noch viel weniger nutzbar gemacht werden kann, denn er wurzelt in

persönlichstem Künstlertum. Nirgends gilt der Satz, daß das Ererbte

erworben werden muß, wenn man es besitzen will, mehr als in diesem

Zusammenhang. Es ist Aufgabe genug, in dieser Richtung alles zu tun,

was geschehen muß, um diese Quellen offen zu halten. Wir müssen uns

klar darüber sein, daß jede Zeit eine andere Einstellung zu Goethe z.

B. hat, daß die Wege, auf denen man ihr die Größe dieser Persönlichkeit

nahe bringen muß, verschieden sind. Diese Wege zu bahnen durch

sinnvolle Zusammenstellung und Auswahl sowohl, wie durch entsprechende

äußere Form, ist eine Pflicht, deren Erfüllung gerade dann am wenigsten

versäumt werden darf, wenn das Schrifttum der eigenen Zeit die Größe

nicht erreichen kann, die jenem Erbe entspricht. Man bedenke, daß

Krieg und Revolution eine vollkommen neue Schicht von Lesern erzeugt

hat, die zwar Leser im neuzeitlichen Sinne sind, in deren Reihen aber

viele sind, die für Wertvolleres gewonnen werden können als für den

Kitsch des Tages. Ihnen unsere Schätze so billig als möglich und doch

geschmackvoll zu bieten, ist zwar eine in Angriff genommene, aber noch

nicht erfüllte Aufgabe. Sie beginnt schon beim Lesebuch in der Schule

und es ist einer der wichtigsten Fortschritte unserer Zeit, daß die

Schule keine Lesebücher mehr will, die nach dem belehrenden Inhalt

zusammengestellt sind, daß das literarisch wertvolle Buch die Forderung

des Tages ist; bedauerlich ist nur die Wegerziehung vom Buch als

künstlerisch geschlossenes Ganzes, die in dem Augenblick in gewissen

Schulkreisen einsetzte, wo erste Kräfte bemüht sind, den Erwachsenen

das Lesebuch als künstlerisch berechtigte Form der Darbietung unseres

»Erbes« nahezubringen.

Weiterhin gilt es, sich dem Schrifttum unserer Zeit nicht zu

verschließen. Denn in ihm liegt eine wichtige Möglichkeit, das

Gesicht unserer Zeit den folgenden Geschlechtern zu bewahren; auch

diese sollen uns dereinst zu verstehen suchen, wie wir dem Sinn der

Geschichte nachgraben.

Wir müssen unser Schrifttum dafür gewinnen, daß es in vermehrtem

Maße dazu hilft, das große Erbe an die neu heranreifenden Schichten

heranzubringen, denn die Leserschaft ist bestimmend dafür, daß unser

Schrifttum in seinen wertvollen Teilen als lebendige Kraft erhalten

bleibt. Ein wesentlicher Teil unseres heutigen schriftstellerischen

Schaffens gehört aber der Tagespresse und in dieser Tatsache liegen

bisher nur ganz unvollkommen genützte Möglichkeiten. Der Großteil

der Presse und des ihm dienenden Schrifttums hat gewiß den guten

Willen, seine Leser zum guten, wertvollen Buch hinzuführen, aber die

Planlosigkeit mit der dieser Wille sich auswirkt, bringt sie um den

Erfolg des Bemühens. Nur mit Hilfe des Schrifttums unserer Zeit können

wir uns der Geschichte überliefern, aber auch nur mit seiner Hilfe

können wir das zur Geschichte gewordene Schrifttum unserer großen

Zeiten als lebendige Kraft erhalten.

Aus der Geschichte heraus wird uns aber auch dereinst ein neuer Morgen

des Schrifttums anbrechen, der Morgen eines Tages, an dem neue Blüten

aufbrechen werden an den Sträuchern und Bäumen, die heute vielleicht

nur buntes Laub tragen.

Wie wir in der Nacht leichter in uns hineinsehen, uns auch der Ewigkeit

mehr aufschließen können, als im Getriebe des Tages, so gilt es auch

heute, das Gestern mit prüfendem Sinn zu überdenken, der Möglichkeit,

ja der unbeschränkten Möglichkeit des Morgen, die Seele zu öffnen auch

dadurch, daß wir durch Ruhe Kräfte sammeln. Es gibt eine Ruhe, die

der erste Auftakt zur Leistung ist. Ich höre, wie die deutsche Seele

in sich hineinhorcht. Sie mag zunächst erschrecken über die Stille,

die der »Untergang« der Sonne um sie verbreitet. Schon aber hat sie

begonnen, die Ewigkeit wieder zu vernehmen, die ihr in der Zeit des

Erfolges von Wissenschaft und Technik zu einem Rechenbegriff geworden

war. Je tiefer wir in diese Ewigkeit hineintauchen, um so gekräftigter

wird uns das Morgen finden, denn aller Wert der Persönlichkeit ist

bestimmt durch die Überwindung toter Versachlichung und durch die

in die Ewigkeit wirkende Kraft wirklichen Lebens. Der Gehalt an

Persönlichkeit aber bestimmt auch die Zukunft des Buches.

Inhalt

Vorwort 5

Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung 7

Buch und Religion 29

Buchhandel als Beruf 59

Vom buchhändlerischen Markt oder über Grenzen

der Wirksamkeit des Buches 69

Über die Zukunft des Buches 87

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der

Schmutztitel wurde entfernt.

Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge · 第 5 / 5 段