Es ist also mit dem Bild der allgemeinen Verteilung der Begabung

nur ein ganz roher Anhaltspunkt gegeben dafür, wo die Grenzen der

Wirksamkeit eines Buches liegen. Immerhin leuchtet das wohl jedem

ein, daß eben gerade das belanglose Schrifttum den breitesten Boden

für Absatz hat. Es hat keinen Sinn, darüber zu jammern, daß etwa

die Tarzan-Bücher einen Absatzerfolg erzielen, der im schreienden

Mißverhältnis zum Absatz der Bücher steht, die menschlich wirklich

wertvoll sind, von den Klassikern gar nicht zu reden.

Man wende nicht ein, daß die Klassiker und auch die Bibel doch in

unzähligen Ausgaben weit verbreitet seien. Wer nüchtern denkt,

der weiß, daß mit der Verbreitung eines Buches noch lange nicht

bewiesen ist, daß dieses Buch auch in dem Umfange gelesen wird,

der seiner Verbreitung entspricht. In all diesen Fällen handelt es

sich um Einflüsse der Mode oder gesellschaftlichen Forderung, die

ein Auseinanderfallen von Markt und Wirkungsmöglichkeit der Bücher

herbeiführen. Die Wirkung der Mode ist fast immer zufällig und nicht

vorherbestimmbar, während uns das Beispiel der Klassiker die Beruhigung

verleiht, daß das wirklich Wertvolle schließlich Allgemeingeltung

erhält. Ich erinnere an die vielen Bücherschränke mit Klassikern in

der guten Stube, die nur dastehen, weil es für »ungebildet« gilt, sie

nicht zu besitzen. Die Zahl derjenigen, die das zur Mode gewordene Buch

Spenglers, »Untergang des Abendlandes«, wirklich gelesen haben, schätze

ich im Vergleich zur Zahl der verbreiteten Stücke dieses Werkes ganz

gering ein. Die meisten können über dieses Buch nur deshalb reden, weil

sie da und dort einige Äußerungen über seinen Inhalt aufgeschnappt

haben. Es hat aber keinen Zweck, sich über diese Verlogenheit zu

wundern; denn für das Mittelmaß sind die höchsten Werke unserer

Klassiker ebensowenig faßbar, wie es Spenglers schwere Kost ist. Man

kann auch nur schwer gegen diese Verlogenheit ankämpfen; denn abgesehen

davon, daß die Menge solch blinder Schatzbesitzer geistig schwer

erreichbar ist -- sie liest ja nur, was sie erfreut, und Vorwürfe

erfreuen nicht --, ist es doch auch eine gute Begleiterscheinung

der häßlichen Tatsache, daß dem hinreichend Begabten eine Unmenge

Gelegenheit geschaffen wird, in die Welt des hochwertigen Schrifttums

einzudringen. Und in der Tat! Wie häufig lesen Raffkes Kinder, was

Raffke nur gekauft hat!

Damit sind wir an einem entscheidenden Punkt: Die Gesamtbegabung

eines Menschen kommt nämlich nie zur vollen Entwicklung! Das sei

gerade am Beispiel Raffkes verdeutlicht: Würde nämlich Raffke seine

Begabung, die er nur seinem wirtschaftlichen Aufstieg widmete, auch

zur Erfassung wertvollen Schrifttums verwandt haben, so wäre er eben

nicht vorwiegend wirtschaftlich vorwärtsgekommen. Zum wirtschaftlichen

Aufstieg gehört nicht nur Gewinnsucht, sondern auch lebendige

Auffassungsgabe, Entschlußkraft und sonst noch manche Eigenschaft,

die ebensogut anderen Gebieten zugewandt werden kann. Unerfreulich an

der echten Raffkegestalt ist ja meistens eben jene Gewinnsucht als

Haupttriebkraft des Willens und der Mangel an sittlicher Bremskraft

beim Einsatz der geistigen Begabung. Daraus erklärt sich ohne weiteres

die Tatsache, daß Raffkes Kinder erfreulichere Gestalten sein können

und auch oft sind: Sie sind zu satt für eine so starke Entwicklung der

Gewinnsucht, und ihre Entwicklung in anderen Lebensumständen ist auch

mehr vor der Überwucherung der Giftpflanze Gewissenlosigkeit geschützt.

Die Verschiebung in der Verwendungsmöglichkeit der Begabung ist in

diesem Fall auch entscheidend für die Aufnahmefähigkeit für wertvolles

Schrifttum.

Gerade darum muß hier eine große Gedankenlosigkeit in dem Ammonschen

Buche als solche gebrandmarkt werden: Ammon wies nämlich, auf der

Einkommensverteilung im Königreich Sachsen fußend, darauf hin, daß

die Bevölkerungspyramide nach dem Einkommen der der Begabung sehr

ähnlich sei, und er sah darin einen Beweis dafür, wie herrlich alles

bestellt sei. Das ist natürlich barer Unsinn; denn an der Spitze jener

Einkommenspyramide kann ein, abgesehen von seinen wirtschaftlichen

Fähigkeiten, ganz minderwertiger Kerl stehen, während manches Talent,

ja Genie nicht das zum Leben nötigste Einkommen hat. Ja noch mehr:

Wer seine ganze Willenskraft, seine geistige Begabung, seine Zeit

ganz der Wirtschaft widmet, wird eben nur dort seinen Erfolg haben,

und die Begrenzung seiner sonstigen Begabung ist belanglos, wenn

man nach seinem _wirtschaftlichen_ Erfolg fragt. Der gleiche Mann

kann körperlich und seelisch ein Krüppel, auf gewissen geistigen

Gebieten ein Trottel sein. Auch muß man sich darüber klar sein, daß

alle Massenuntersuchungen, also auch eine über die Möglichkeiten der

Einkommensverteilung einer Bevölkerung einen ähnlichen Kurvenverlauf

wie den der Galtonschen Begabungskurve ergeben müssen. Entsprechen

also die Tatsachen der Kurve der Möglichkeiten, so ist das nicht

weiter verwunderlich, im vorliegenden Fall aber auch keineswegs sozial

befriedigend.

Für die hier einschlägige Frage nach den Grenzen der Wirksamkeit

des Buches ergibt sich aus dem Gesagten klar, daß wirtschaftliche

Leistungsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit für hochwertiges Schrifttum

nicht nur nicht zusammenfallen, sondern sich oft geradezu ausschließen.

Diese Kluft zu überbrücken ist edelste soziale Aufgabe nicht zum

wenigsten des Buchhandels, der hier durch billiges Angebot ausgleichend

wirken kann.

Ich zeigte oben, wie die Masse der Bevölkerung hinsichtlich der

Begabung dem Mittelmaß angehört. Gerade darum aber ist es ein

Verbrechen, wenn unnötige Schwierigkeiten zu den schon bestehenden

gehäuft werden. Das geschieht leider häufig, indem die Schwierigkeiten,

die der Inhalt des Buches an sich bietet, noch um die weitere vermehrt

wird, daß die Darstellung in einer Sprache gegeben wird, die jede

lebendige Vorstellung ertötet. Am schlimmsten steht es in dieser

Hinsicht mit der Gelehrtensprache, die oft in ein für breitere Kreise

vollkommen unverständliches Kauderwelsch verfällt. Dadurch wird die

Wissenschaft vom Volke abgesondert, sie wird zur Geheimwissenschaft.

Die Folgen können nicht schlimmer in Erscheinung treten, als sie bei

uns in Erscheinung getreten sind: Man vergegenwärtige sich nur einmal

das geistige Verhältnis der sozialistischen Wähler zum Inhalt der

sozialistischen Lehre! Die Masse dieser Wählerschaft ist mit der Lehre

nur durch die Hoffnung verknüpft, daß sie diese Lehre aus ihren Nöten

herausführen könne. Der eigentliche Inhalt aber ist für sie hinter

ihrem Sprachschatz fremder Schlagworte verborgen.

Es erscheint mir immer unbegreiflicher, daß gerade von Gelehrten, die

Großes von ihrem sozialen Gewissen halten, nicht eingesehen wird, daß

die Lebendigkeit der Wissenschaftssprache nicht weniger soziale Pflicht

ist wie die des Besitzenden, sein Kapital flüssig zu machen. Es ist die

Abschließung von der breiten Masse auf Grund des Besitzes von Geld-

und Sachgütern nicht verwerflicher als die auf Grund von geistigen

Kenntnissen. Man entgegne nicht, daß die Wissenschaft der starken

Verwendung von Fremdworten nicht entraten könne, ohne zu verflachen. Es

gab und gibt bedeutende Gelehrte, die ihre Werke in lebendiger Sprache

verfaßten.

So komme ich zu meinem ketzerischen Schluß: Die Absatzmöglichkeit

eines Buches ist nahezu unbeschränkt, wenn es in lebendiger Sprache

geschrieben ist. Die wenigsten Schriftsteller und Gelehrten haben

hinsichtlich ihrer Fähigkeiten einen so weiten Abstand vom

Durchschnitt der Bevölkerung, daß sie die Einsamkeit des Genies für

sich als Entschuldigung in Anspruch nehmen können, wenn sie nur von

einem kleinen Kreis verstanden werden. Es gibt Schlemmerlokale, die

nur Frack, Smoking und Lackschuhe dulden. Möge es auf geistigem Gebiet

bei uns keine solchen Schlemmerlokale geben, in denen nur der geduldet

wird, der seinen Geist in volksfremde Sprache kleidet!

Über die Zukunft des Buches

Es ist eine gefährliche Sache, sich über die Zukunft des Buches zu

äußern; denn mit solchen Äußerungen haben schon eine große Menge

Menschen ihre Unfähigkeit bewiesen, die Zukunft vorherzusagen: Als

das moderne Zeitungswesen immer mehr anschwoll, hieß es, das sei der

Tod des Buches; kurz vor dem Krieg konnte man im Börsenblatt für

den deutschen Buchhandel lange Auseinandersetzungen lesen über die

Frage, ob das Kino dem Buchabsatz schade oder nütze, und durch diese

Auseinandersetzungen klang als Unterton die Angst, daß dem Buch schwere

Gefahr drohe. Trotz Zeitung und trotz Kino wuchs aber die deutsche

Bucherzeugung jährlich zu immer größerem Umfang an. Dann kam der Krieg,

und rasch war man mit der Bemerkung zur Hand, nun sei es mit dem

Buchabsatz zu Ende. Und wie wurde es? Der Stellungskrieg schuf eine

Menge neuer Leser, und gegen Ende des Kriegs waren die Verlagslager gar

mancher Verleger nahezu leer. Nun gibt es Leute, die mit ängstlicher

Miene der Befürchtung Ausdruck gaben, daß das Radiofieber dem Buch den

Todesstoß versetzen werde. Schon aber kann man hören von Riesenauflagen

der Radiobücher, von unerwartet großem Absatz von Operntexten der für

Fernübertragung aufgeführten Opern.

Aber schon das letzte Beispiel kann uns zeigen, daß es wohl überhaupt

falsch ist, von der Zukunft _des_ Buches zu sprechen. Rein äußerlich

ist ja gewiß der Begriff Buch etwas Feststehendes: Man denkt an

gefalzte und zusammengebundene Papierbogen, auf denen mit einer

Maschine Buchstaben in Druckerschwärze aufgedruckt sind, deren

Reihenfolge einen mehr oder minder erträglichen Sinn gibt. Es ist aber

doch wohl eine müßige Frage, ob das Buch unabhängig von seinem Sinn

Zukunft hat.

Schneidet man aber die Frage nach der Zukunft des Buches unter

Berücksichtigung des Buchinhaltes an, so zerfällt die Frage in

Tausende von Einzelfragen. Das würde allen Leuten sofort einleuchten,

wenn eben jene Naturgeschichte des Buches geschrieben wäre, die

geistesgeschichtlich aufzeigen müßte, welche Stellung das Buch jeweils

in den verschiedenen Zweigen des Geisteslebens eingenommen hat. Es

würde nicht genügen, wenn diese Naturgeschichte des Buches nur den

Zusammenhang großer geistiger Bewegungen, etwa der des Humanismus oder

der Aufklärung, mit den im Buch liegenden Möglichkeiten aufzeigen

würde. In mühevoller Kleinarbeit müßte die Bedeutung des Schrifttums

an sich für alle Zeiten und Völker, die des gedruckten Buches als

Massenerzeugnis im besonderen untersucht werden.

Wie auch die Ergebnisse solcher Arbeit sein werden, eines zeigt sich

schon bei flüchtigem Überblick: Nicht nur die Zeiten wandeln sich,

sondern auch der Begriff »Buch«, selbstverständlich nach seinem Inhalt

genommen. Man vergegenwärtige sich nur einmal, welche Wandlung z. B.

die Zeit der Reformation uns Deutschen für den Buchbegriff brachte:

Die Bibelübersetzungen, die Luthers voran, ermöglichten dem Volke,

die schriftliche Überlieferung der Heilslehre selbst zu lesen, der

Heilslehre, die im Mittelalter trotz mittelbarer Überlieferung das Volk

mächtig ergriffen hatte. Mit einem Schlage fast bekam damit das Wort

Buch einen anderen Sinn.

Und heute, in einer Zeit, die nach der klassischen Literaturepoche

liegt, ist wieder die Bedeutung eine andere für die Allgemeinheit als

etwa vor 200 Jahren: Wir stellen an das »unterhaltende« Buch andere

Anforderungen, als sie damals überhaupt gestellt werden konnten.

Und weiter: Welche Wandlungen hat das wissenschaftliche

Buch durchgemacht! Der Werkzeugcharakter, den ihm das

naturwissenschaftlich-technische Zeitalter immer mehr gab, wird wohl

nicht mehr ganz verschwinden, so sehr sich von allen Seiten die

Versuche mehren, auch der Wissenschaft wieder Werke zu schenken, die

mehr eine Zusammenschau, eine Eingliederung in ein allgemeines Weltbild

ermöglichen. Die Zeiten, in denen ein Mensch das Wissen seiner Zeit

etwa so in sich vereinigen konnte wie noch Alexander von Humboldt, ist

für uns vorbei, und darum muß auch unser Verfahren, zu einem Weltbild

zu kommen, ein anderes sein. Das wird besonders deutlich am Werk

Spenglers, der den Gedanken, den der Titel seines Werkes ausspricht,

kühn voranstellt, um ihm dann seine wissenschaftlichen Stützen zu

geben. Gewiß mag er dem Verfasser vom »Untergang des Abendlandes«

zuerst aufgeblitzt sein, als er auf einem Gebiet, etwa der Geschichte

der Mathematik, von unten anfangend eine Entwicklungslinie suchte,

aber alle seine anderen Untersuchungen standen dann unter der Gewalt

der zunächst einseitig gewonnenen Erkenntnis. So berechtigt vor

wenigen Jahrzehnten die Ablehnung der Arbeitsweise Spenglers als

unwissenschaftlich gewesen wäre, so notwendig ist heute gerade als

wissenschaftliche Forderung eine solche Einseitigkeit, um den toten

Punkt zu überwinden, den uns das zunehmende Fachgelehrtentum mit seinem

Zug zur Vereinzelung gebracht hat.

Dies Wenige mag zeigen, daß jede Zeit nicht nur dem Buch allgemein,

sondern auch seinen verschiedenen Gattungen eine bestimmte

Geistesrichtung zur Pflicht macht. Ist man sich über diese Tatsache im

klaren, so ergibt sich notwendig eine andere Einstellung zu der Frage

über die Zukunft des Buches. Ganz von selbst bleibt man dann nicht mehr

so an der Oberfläche hängen wie die Vorkriegsbetrachtungen über das

Kino, die ich erwähnte. Man sucht vielmehr die Regungen des Zeitgeistes

zu erfassen, die insofern für »das Buch« von entscheidender Bedeutung

sind, als sie nicht nur geeignet sind, in das Schrifttum einzudringen,

um dessen Inhalt zu ändern, sondern auch die Wirkung haben, zum

Schrifttum hin oder von ihm wegzuführen.

Solcher Einstellung fällt es nicht schwer zu zeigen, warum die

gewaltige Entwicklung der Tagespresse einen Rückgang der Bucherzeugung

nicht gebracht hat: Diese Entwicklung brachte eine ganz neue Technik

des Lesens, die im stärksten Gegensatz zu der früherer Zeiten steht.

Nicht mehr die beschauliche Erfassung der künstlerischen Einheit von

Stoff und Form steht im Vordergrund, sondern die möglichst rasche

Erfassung dessen, was der Leser wissen will. Der Leser sucht nur das

ihm Wesentliche zu erfassen, und wie die Zeitung »überflogen« wird,

so auch das Buch. Das aber ergibt, daß in wesentlich kürzerer Zeit

größere Mengen »gelesen« werden können. Ich leugne nicht, daß es auch

heute noch Leute geben mag, die noch im alten Sinne lesen, die Masse

der Bücherkäufer aber arbeitet nach jener neuzeitlichen Lesetechnik, in

der Wissenschaft nicht weniger als in der schönen Literatur. Immer mehr

prägt sich dies auch auf dem Büchermarkt selbst aus, denn ganz andere

Mengen können verschlungen werden, und natürlicherweise folgte der so

entstandenen gesteigerten Nachfrage ein größeres Angebot.

Es hat keinen Zweck, hierüber zu jammern; denn der auflösenden Wirkung,

die solche Entwicklung haben muß, stehen auch Vorteile gegenüber, vor

allem der, daß eine viel größere Zahl von Schriftstellern zu Worte

kommt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil wir nicht gut verlangen

können, daß unser Schrifttum etwa ständig auf der Höhe der klassischen

Zeit bleibe. Nicht jede Zeit kann Größen wie Goethe und Schiller, Kant

und Fichte haben.

Eine Folge aber der neuen Lesetechnik ist der immer lauter ertönende

Ruf nach der Abbildung, die ein viel rascheres Ergreifen des

Inhalts möglich macht, als es die zu Worten und Sätzen geordneten

Buchstaben vermögen. Heute ist kein geographisches Lehrbuch ohne

reichliche Beigabe von Bildern und Skizzen mehr möglich, und das

medizinische Lehrbuch wird fast in erster Linie nach der Güte der

gebotenen Abbildungen eingeschätzt. Die Riesenauflagen von bebilderten

Zeitschriften, ja solchen, in denen das Bild fast allein erzählt,

beweisen, daß die große Masse der Leser zum Bilderbuch übergegangen ist.

Das Kino ist eine Erscheinung, die ganz in diesen Rahmen paßt: Der

rein sachliche Inhalt eines Romans kann ja viel rascher im Kino

erfaßt werden als durch das Lesen eines Buches, und es ist lächerlich

zu glauben, daß der eifrige Kinobesucher als Romanleser je zu einer

Erfassung Kellerscher Kunst in dem Sinne kommen kann, wie die Leser

der Kellerschen Zeit sie als selbstverständlich ansahen. Damit ist

nicht ausgeschlossen, daß er auf ganz anderem Weg zu einem Genuß der

Kunst Gottfried Kellers kommen kann; in diesem Fall ist aber eben

dann der sachliche Inhalt ganz zurücktretend, das Künstlerische und

Reinmenschliche wird »ohne Spannung« genossen, rein beschaulich, die

Spannung des modernen Bilderromans ist schon wegen der Raschheit, in

der sie erzeugt und gelöst wird, so etwas ganz anderes als die des

alten Romans, daß Vergleiche nicht mehr gezogen werden können.

So kommt es, daß große Teile unseres Schrifttums nur aus

»geschichtlicher« Einstellung auf einen anderen, vergangenen

Zeitgeist genossen werden. Man wird einwenden, daß doch viele Bücher

des schöngeistigen Schrifttums unserer Zeit in keiner Weise dem

Kinogeschmack entsprechen und doch weite Verbreitung finden. Dem ist

entgegenzuhalten, daß zweifellos eine große Menge Gebildeter dem Kino

wenn nicht feindlich, so doch ablehnend auch heute noch gegenübersteht,

d. h. nicht in dem Maße von der Sucht zu sehen statt zu lesen ergriffen

sind, daß sie nicht auch noch den guten »literarischen« Roman genießen

könnten. Darüber hinaus gibt es noch Leute, die mit snobistischer

Gönnerhaftigkeit die gute Literatur »pflegen«, besonders wenn sie gut

angezogen ist. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, daß die

breite Lesermasse ganz anders geartet ist: Als Beweis nenne ich nur den

Erfolg von Tarzan und den der Magazine, mit denen wir innerhalb eines

Jahres beglückt wurden.

Daneben läuft eine andere Erscheinung, die der geistigen Lage unserer

Zeit ebenso entspricht wie die Freude am Bild: Es ist die Beliebtheit

seelischer Zerfaserung, wie sie z. B. gerade von den großen Russen

gepflegt wurde. Sie ist in ihrer Unerbittlichkeit dem Kino verwandt;

denn wie dieses beschränkt sie die Phantasie des Lesers und bindet

ihn an eine strenge Eindeutigkeit. Das wird mit einem Schlage klar,

wenn man sich fragt, ob auch nur eine Person der neuzeitlichen Romane

in dem Maße als das eigene seelische Abbild betrachtet werden könnte,

wie das mit Goethes Werther der Fall war. Es ist klar, daß der Leser

sich um so leichter in einer Romangestalt wiederfinden kann, je mehr

deren Schilderung mit allgemein menschlichen Zügen aufgebaut ist, je

weniger Einzelzüge berücksichtigt sind, die der Vorstellung vom eigenen

Ich widersprechen. So zeigt sich auch hier, daß der Leser unserer

Zeit beim Lesen viel weniger Anteil nimmt, als er betrachtet. Selbst

die Form wird mehr kritisch-ästhetisch gewertet, als daß die Seele im

gleichen Rhythmus mitschwingt. Es ist eine Versachlichung literarischer

Kunst eingetreten, die der vorwiegend geschichtlich eingestellten

Kunstbetrachtung entspricht.

Schon aber bahnt sich eine neue Entwicklung an, die in noch

durchgreifenderer Weise vom Schrifttum wegführt als die Sucht nach

bildlicher Darstellung: Das gesprochene Wort, der lebendige Klang

gewinnt wieder mehr Bedeutung. Die junge Lyrik, wie sie mit den

»Neutönern« begann, suchte zuerst wieder Klang in die Dichtung zu

bringen, hatten ihre Vertreter doch erkannt, daß der Ton unserer

Dichtung in vieler Hinsicht stumpf geworden war, daß die Glocke einen

Sprung hatte, daß das Metall, der Stoff zwar noch Laut gab, aber keinen

singenden Ton. »Ihr hört mit tauben Ohren, Und sprecht mit stummem

Mund«, lautete der Vorwurf von Arno Holz an die alten Dichter. Diese

Erkenntnis aber einer geistigen Oberschicht konnte sich nur in einer

Bewegung auf schmalster Grundlage auswirken. Die breite Masse des

Volkes war noch nicht so weit, daß sie unter der Tonlosigkeit der

Zeitstimme litt. Erst die Aufrüttelung durch Krieg und Revolution

brachte hier Wandlung, wenn auch gern zugegeben sein soll, daß

die Jugendbewegung schon vorher bis in die Arbeiterkreise hinein

die Sehnsucht nach Klang in sich trug. Sie suchte aber mehr unter

Anknüpfung an geschichtlich Überliefertes das Lied zurückzugewinnen,

als daß sie ganz allgemein die Stumpfheit unserer Sprache im gesamten

Schrifttum empfand. Die Erschütterungen seit Kriegsbeginn aber zeigten,

daß mit dem geschriebenen und gedruckten Wort eben nur der begnadete

Künstler tief wirken kann. Der aber fehlte und fehlt einstweilen noch,

und so erklärt sich die Erscheinung, daß der Redner auch da geradezu

triumphierte, wo sich der geistige Inhalt seiner Rede in keiner Weise

mit den Leitartikeln der Presse messen konnte: Die Gewalt des mit dem

Klang der innerlich ergriffenen Persönlichkeit gesprochenen Wortes

zeigte sich dem feingeschliffenen gedruckten Wort weit überlegen, und

zwar nicht nur beim »Volk«, sondern auch bei weitesten Kreisen der

Gebildeten. Ich erlebte es, daß ein ausgewählter Kreis von führenden

Leuten des Handels und der Industrie, dazu Beamte bis zu Ministern,

einem bekannten Volksredner über zwei Stunden in atemloser Spannung

lauschte und die meisten erst hinterher gewahr wurden, daß der Redner

ja über den Gegenstand, über den er eigentlich sprechen sollte, so gut

wie nichts gesagt hatte.

Die Entwicklung des Radio wird der Neigung zum gesprochenen Wort wohl

noch weiter Vorschub leisten, doch glaube ich, daß sehr bald die

Sehnsucht nach der lebendigen Gebärde auch diese Entwicklung wieder in

andere Richtung lenken wird; denn das Wesentliche unserer Zeitrichtung

ist die Flucht vor allem Toten, die Sehnsucht nach dem Ausdruck

lebendiger Persönlichkeit.

Darum bewegen wir uns in gewissem Sinn vom Buch immer mehr weg trotz

aller Vergrößerung buchgewerblicher Erzeugung. Diese verdankt ihren

Aufschwung der Tatsache, daß das Buch zum Werkzeug wurde, nicht nur

in der Wissenschaft, nicht nur als Schulbuch in weitestem Sinne,

sondern nicht minder das »schöne« Buch, das in einem Fall Text

zu einem Kinostück, im anderen zu einem Radiovortrag oder zu der

beliebten Seelenanatomie ist. Man beachte, wie viele Leute heute

Goethes Tasso wirklich nur mehr als Text zu einer schauspielerischen

Leistung eines bestimmten Bühnenkünstlers genießen, wie sehr etwa bei

Darstellern wie Pallenberg die Frage nach dem Gehalt des Stückes,

nach seinem künstlerischen Wert zurücktritt gegenüber der Freude an

der Lebendigkeit der vorgezauberten Bühnenfigur. Man prüfe in diesem

Zusammenhang den Erfolg eines Buches wie das von Ford. Wurde es von den

meisten nicht deshalb zur Hand genommen, weil man in ihm brauchbare

Rezepte vermutete?

Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge · 第 4 / 5 段