Dürfen wir aber nur diese Lichtseite sehen? Gibt es nicht auch

Nachtseiten des Schrifttums, die auch ihre Schatten auf die Religion

werfen? Nicht von der Unzahl religionsloser oder religionsfeindlicher

Schriften soll hier die Rede sein. Nein, in sich selbst birgt das

Schrifttum einen tödlichen Keim, auch da, wo es edelstes Religionsgut

vermittelt.

Die Schrift ist nur ein Bild des gesprochenen Wortes. Und wie uns auch

das beste Bild eines Menschen uns diesen selbst nicht ersetzen kann,

ebensowenig kann die Schrift das gesprochene Wort ersetzen. Ihr fehlt

der Ton der Stimme, ihr fehlt die Geste. Selbst wenn das Geschriebene

noch so lebendig anmutet, man die hinter ihr stehende Persönlichkeit

greifen zu können meint, die meisten Fäden, die unsichtbar von der

redenden Person zu den Hörern führen, sind zerschnitten. Man erinnere

sich, wie manche Rede oder Predigt, die uns im Innersten gepackt hat,

uns unbegreiflich schal anmutet, wenn wir sie später gedruckt lesen,

wie mancher Satz als platt erscheint, der unter dem Blick der redenden

Persönlichkeit erschütternd wirkte. »Ein Ding soll man wissen,« sagt

Seuse, »so ungleich es ist, wenn man ein süßes Saitenspiel selber hört

süß erklingen, im Vergleich dazu, daß man nur davon hört sprechen,

ebenso ungleich sind die Worte, die in der lauteren Gnade empfangen

werden und aus einem lebendigen Herzen durch einen lebendigen Mund

ausfließen, im Vergleich zu den selbigen Worten, wenn sie auf das

tote Pergament kommen. Denn so erkalten sie, ich weiß nicht wie, und

verbleichen wie die abgebrochenen Rosen.«

Durch die Unzulänglichkeit schriftlicher Übermittlung entsteht eine

doppelte Gefahr: Der Leser liest aus den Worten mit seiner Phantasie

das heraus, was ihm entspricht, er ist weniger »gefesselt« als der

unter dem Bann der Rede Stehende. Das Gespenst der falschen Deutung

oder auch nur des Mißverständnisses erhebt sich drohend. Da aber,

wo dem Leser die Phantasie mangelt, fehlt überhaupt das wichtigste

Organ des Verstehens, das »Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen«. Die

Folge ist unfruchtbare Kritik, und an Stelle des Lesens, d. h. des

_Zusammen_lesens der Buchstaben zu Gedanken des Schreibers, tritt ein

_Zer_lesen und Zerpflücken: Die Schrift ist tot, wenn nicht der Leser

ihr Leben gibt! Wie eine gepreßte Blume trotz vielleicht gut erhaltener

Farbe tot ist und erst Leben gewinnt, wenn der Beschauer sie sich auf

blühender Wiese, vom Wind bewegt, von der Sonne beschienen, umgeben von

Gras und anderen Blüten, denkt, so hängt bei der Schrift alles davon

ab, ob ein wirklicher Leser da ist.

Und darum hat Paulus (1. Korinth. 8, 1) recht, wenn er sagt: »Das

Wissen blähet auf.« Denn Wissen ist nur das Ansammeln der toten

Tatsachen. Tat_sachen_ sind tot, solange nicht eine schöpferische

Phantasie aus ihnen Neues baut. Reden die Leute schon viel, so

schreiben sie noch viel mehr aneinander vorbei. Ein wirklich guter

Schriftsteller wird daran erkannt, daß er mit seiner Darstellungsweise

den Leser so anregt, daß mühelos dessen Phantasie in Kraft tritt,

um das an sich tote Satzgefüge zu beleben. Darum ist ein Buch um so

toter, je _wissen_schaftlicher es ist; denn um so mehr ist das mit den

Gedanken des Schreibers eingetreten, was Fendt in seinem Buch über die

Entwicklung der christlichen Gottesdienstformen »Versachlichung« nennt.

Nur nebenbei sei bemerkt, daß die fremdwortwütigen deutschen Gelehrten

ihre Welscherei mit der Wissenschaftlichkeit begründen. Sie haben

recht; aber sie dienen damit eben jenem Wissen, das aufbläht, weil es

keine Phantasie gibt, die diesen toten Wortgebilden Leben einhauchen

kann.

Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, gewinnt die Stellung Christi

zum geschriebenen Wort ihren vollen Sinn. »Weh' euch, Schriftgelehrte

und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten

Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller

Totenbeine und alles Unflats!« (Matth. 23, 27.) Das heißt eben, daß die

Schriftgelehrten und Pharisäer Buchstabenwissen die Menge hatten, nicht

aber den Sinn, der hinter der Schrift steht. Matth. 23, 17--22 liest

sich wie eine Predigt gegen die Versachlichung. Zu den Schriftgelehrten

und Pharisäern ist Mark. 3, 28--30 das Wort von der Sünde gegen

den Heiligen Geist gesprochen. An einer Stelle (Luk. 11, 52) tritt

deutlich hervor, daß Jesus nicht wegen der Versachlichung der

alttestamentarischen Überlieferung den Schriftgelehrten und Pharisäern

den Hauptvorwurf macht, sondern deswegen, weil sie diese Versachlichung

zur Norm erhoben, indem sie für sich allein die Schriftkenntnis

beanspruchten: »Weh' euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel

der Erkenntnis weggenommen und wehret denen, die hineinwollen.«

Dieser Schlüssel der Erkenntnis ist nichts anderes als jene

unmittelbare Aneignung des eigentlichen Wortinhalts durch das eigene

Vorstellungsvermögen, durch die ungebrochene Phantasie, wie gewöhnlich

gesagt wird, d. h. eben durch jenes Organ, das im Gegensatz zur

Wissenschaft aufs Ganze geht und auf Zergliederung verzichtet. »Nichts

ist trennender vom Volke als Wissenschaft,« sagt Ricarda Huch[8], »die

Trennung nach der wissenschaftlichen Ausbildung löst im Volke noch mehr

auf als die Trennung nach Adel und Reichtum. Solange die Kultur auf der

Phantasie beruht, ist sie dem ganzen Volke zugänglich; die Wissenschaft

vereinzelt, ohne irgendeine neue Erkenntnis zu schaffen. Sie zerlegt

die einheitliche Idee in Begriffe und macht damit eine Sprache, die nur

von Eingeweihten verstanden werden kann; durch die Vorherrschaft dieser

bewußten Sprache verkümmert die anschauliche, die aus dem Unbewußten

quillt, die bewußte wird immer dürrer und lahmer, da sie des Zustroms

aus der Quelle entbehrt, und putzt sich dementsprechend mit desto

künstlicheren Lappen auf.« Es ist dies eine Wahrheit, die für unsere

wissenschaftsfreudige Zeit schmerzlich ist. Daß sie von einer Frau so

klar ausgesprochen wird, zeigt, daß eben die Frau unberührter von der

Versachlichung unserer Kultur blieb.

Tritt nun hinsichtlich der religiösen Überlieferung eine Trennung

zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten ein, so ist die Religion

in der Wurzel getroffen. Das ist die Erkenntnis, von der Jesus

durchdrungen war. Denn ausdrücklich betont er ja, daß er nicht

gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, und Matth. 5, 18 sagt er:

»Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht zergehen der kleinste

Buchstabe, noch ein Tüttel vom Gesetze,« und auch Lukas berichtet

Kap. 16, 17 das gleiche. Und wie oft beginnt seine Antwort mit

dem Hinweis: »Es steht geschrieben.« Freilich muß hier auch das

5. Kapitel des Matthäus herangezogen werden, in dem die mehrfache

Gegenübersetzung »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist« und

dann das »Ich aber sage euch« wie ein Bruch mit dem Alten Testament

erscheint. Dieser soll nicht geleugnet werden, aber gerade aus dieser

Stelle erkennt man, daß dieser Bruch darin besteht, daß Jesus über

das Alte Testament hinausgehen will. Er sagt mit kurzen Worten: Es

genügt nicht, die Verbote des Gesetzes einzuhalten, sondern es gilt,

die schlechte Handlung durch die gute zu ersetzen. Jesus erkannte

klar, daß eben jener Bann, in den die Versachlichung der Überlieferung

seine Zeit geschlagen hatte, nicht nur durch den Hinweis auf den

Schaden selbst -- er hat es ja mit herben Worten den überheblichen

Eingeweihten gegenüber oft getan -- gebrochen werden kann und darum

mußte er über die Gesetzesüberlieferung hinausschreiten in die Welt

der freien, gottbewußten, sittlichen Tat, die weit entfernt ist von

jener buchstäblichen Einhaltung geschriebener Gebote, die noch dazu,

wie er deutlich sah, immer mehr verblaßt waren unter der Einwirkung

menschlicher Gesetze: »Ihr verlasset Gottes Gebot und haltet der

Menschen Aufsätze,« sagt er Markus 7, 8.

Alexander von Humboldt sagt wohl einmal, daß die Sprache nicht nur ein

ἔργον (ergon), ein Werk, sondern auch eine ἐνεργια (energia), eine

lebendige Kraft sei. Das gilt ebenso vom Schrifttum, und Jesus hat

das deutlich erkannt und suchte durch seine Lehre eben jene lebendige

Kraft wirksam zu machen, während die Schriftgelehrten nur das Werk, die

abgeschlossene Sache, kannten.

So steht die religiöse Persönlichkeit des Christus bewußt einerseits im

Gegensatz zu dem Schrifttum, das seiner Jugend Religion vermittelte,

anderseits aber nicht minder bewußt _in ihm_ selbst; nur sieht er es

mit anderen Augen als seine abgestumpfte Zeit. »Hat euch nicht Moses

das Gesetz gegeben? Und niemand unter euch tut das Gesetz.« (Joh. 7, 15

u. ff.) Er reckt sich zur ganzen Größe seiner religiösen Persönlichkeit

und bringt sich selbst zum Opfer, um dem toten Buchstaben wieder neues

Leben zu geben. Er fühlt sich von Gott dazu berufen und seines Sieges

_im Sinne der Schrift_ sicher, darum sagt er: »Wer an mich glaubt, _wie

die Schrift saget_, von des Leibes werden Ströme des lebendigen Wassers

fließen.« (Joh. 7, 32.)

So bekommt der Anfang des Johannesevangeliums seinen Sinn: »Im Anfang

war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Dieses

Wort hatte höchste Schöpferkraft, es war Gestaltungskraft und »Sinn

an sich«: »Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch

dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht

ist.« Seine Lebenskraft wirkte auch in den Menschen: »In ihm war das

Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.« Da aber kommt eben

jene Finsternis der Versachlichung, jene geistlose Buchstabenleserei,

die am Sinn vorbeigeht, indem sie meint, mit dem buchstäblichen

Inhalt das Wesen ergriffen zu haben. »Und das Licht scheinet in die

Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.« Die große

Wendung bringt der Erlöser: »Und das Wort ward Fleisch.« Das heißt:

Durch die Person des Heilands bekam das Wort auch für die Umwelt, der

es toter Buchstabe geworden war, wieder Leben, Sinn und lebendige Kraft.

Ich will mit dieser Deutung nicht etwa das Logosproblem, mit dem sich

so viele vom frühen Christentum bis heute abgequält haben, ähnlich

gewaltsam lösen wie Goethes Faust, der da sagt: »Im Anfang war die

Tat.« Die geheimnisvolle Kraft eben des Wortes, das bei Gott dem

Schöpfer von Anfang an war und das die Welt hervorrief, kann ich so

wenig fassen wie alle jene Denker. Meine Erklärung des Anfangs des

Johannesevangeliums läßt den geheimnisvollen Kern des schöpferischen

Logos unberührt; sie zeigt aber, wie eben jener Kern den Menschen in

Vergessenheit kam, weil sie die Schale für die ganze Nuß nahmen. Durch

die Person Christi wurde diese Schale gesprengt und die Wirksamkeit und

Keimkraft des Kernes den Menschen zurückgegeben.

Gerade die Einstellung Christi zur schriftlichen Überlieferung ist es,

was seiner Lehre das Gepräge gibt. Lassen Sie mich hier kurz Vergleiche

mit dem Buddhismus und dem Islam ziehen.

Wenn Sie die religiöse Gestalt des Buddha betrachten, so -- es ist das

ja allbekannt -- finden Sie manche Züge, die auch bei Jesus zu finden

sind: Er entstammt nicht der Priesterkaste, aber er ist hochgebildet

und setzt wie der zwölfjährige Jesus seine Umwelt durch seine Begabung

in Erstaunen: »Als er in das Jünglingsalter eintrat -- Lernt er das,

was seinem Stande zukommt -- Was bei anderen manches Jahr erfordert --

Leicht und sicher in nur wenigen Tagen«, heißt es in »Buddhas Wandel«,

einer der ältesten Überlieferungen des Buddhismus. Auch aus anderen

Stellen dieser Schrift geht deutlich hervor, daß er reiches Wissen hat

und stolz darauf ist. Nun aber kommt der große Unterschied: Während

Jesus mit seinem religiösen Schöpfertum der alten Überlieferung ihren

Sinn zurückgibt, aus totem Wissen lebendige Religion macht, sucht der

Buddha die alte Lehre seines Landes, die der Seelenwanderung, bewußt

zu verdrängen. Gewiß tut er dies in an sich tief religiöser, aus

stärkstem Erleben hervorquellender Gedankenarbeit, aber der Bruch mit

dem Vorhergehenden ist da, nicht nur äußerlich wie bei Jesus, sondern

innerlich. Wieweit allerdings auch bei Buddha den Anstoß zu seiner

Wirksamkeit eine Versachlichung der religiösen Überlieferung seiner

Zeit gegeben hat, entzieht sich meiner Beurteilung. Bezeichnend für

diesen großen Religionsstifter Indiens ist aber, daß auch er wie Jesus

nichts Schriftliches hinterließ; auch er predigte in lebendiger Sprache

unter Verwendung von vielen Bildern und Vergleichen. Erst seine Jünger

schreiben seine Reden auf.

Anders Mohammed, der Prophet des Islams, der weit unter dem indischen

Großen steht, eben gerade deshalb, weil er selbst seine Lehre in

Schrift erstarren ließ. Eine Menge verschiedenster religiöser

Überlieferungen hatten auf ihn eingewirkt, und aus ihnen baute er seine

neue Lehre. Diese war aber eben aus Überlieferung zusammengesetzt;

sie war keine Auseinandersetzung mit ihr wie bei Buddha oder eine

Zurückeroberung ihres innersten Kerns wie bei Jesus, und darum wurde

sie selbst rasch starre Überlieferung, die dann Jahrhunderte als Geißel

die christliche Welt schlug. Bemerkenswert ist die Erzählung, die

Mohammed selbst von seiner Berufung in der 96. Sure gibt: Allah selbst

oder der Engel Gabriel war ihm erschienen und hatte ihn aufgefordert:

»Lies im Namen deines Herrn, der dich schuf

lies, dein Herr ist's, der dich erkor,

den Menschen schuf aus zähem Blut

und unterwies mit dem Schreibrohr

den Menschen unterwies in dem, was er nicht wußte zuvor,«

da las er, die Erscheinung wich von ihm, er erwachte aus seinem Traum

und es war ihm, als trüge er die Worte ins Herz geschrieben. Also

schon in seiner Berufung spielt die Bedeutung der Schreibkunst eine

besondere Rolle.

Deutlich tritt bei Christus, Buddha und Mohammed das Verhältnis zum

Schrifttum hervor. Alle drei stehen in einer religiösen Überlieferung,

nur Mohammed aber schafft selbst schriftliche Überlieferung, während

der Buddha und Jesus mit der ganzen Wucht des gesprochenen Wortes

wirken. Jesus allein aber ist der Kämpfer gegen die Versachlichung

des lebendigen Wortes. Auch in diesem Punkt gibt es eine Nachfolge

Christi. Das möge jeder bedenken, der mit dem Schrifttum zu tun

hat, aber auch jeder, der religiöse Persönlichkeiten oder religiöse

Gemeinschaftsformen auf ihren Wert beurteilen will.

Es liegt nahe, daß man die Gefahr der Versachlichung durch die Schrift

durch Verwerfung der Schrift überhaupt vermeiden möchte. Abgesehen

davon aber, daß man damit die Überlieferung hemmungslos der Willkür

preisgibt, liegt darin doch auch eine Verkennung des Wertes der Schrift

für die Religion. Man würde damit den Kampf in falscher Front fechten:

statt gegen die Versachlichung des Wortes für dessen Auslöschung, statt

für lebendigen Leserwillen für hemmungslose Willkür.

Lebendiger Leserwille! Damit sind wir an dem Punkt, der wenigstens an

zwei Beispielen aus der Geschichte des Christentums herausgearbeitet

werden soll, zwei Beispielen, die trotz aller Ähnlichkeit doch von

größter Verschiedenheit sind: Augustin und Luther.

Verzehrt von der Glut sinnlicher Leidenschaft suchte Augustin durch

die Philosophie den inneren Seelenfrieden zu erringen. Ciceros

Hortensius vermochte aber nicht die Bande zu lösen. Es folgte eine

Zeit, in der Augustin auf philosophischem Wege sich christliche Ideen

aneignet. Die Predigt des Bischofs Ambrosius von Mailand mag den Weg

dahin gebahnt haben, daß es Augustin gelang, weiterhin tief beeinflußt

von Gedankengängen des Neuplatonismus, zu einer verstandesmäßigen

Erfassung der christlichen Heilslehre vorzudringen. Von dem Einfluß der

Predigten des Mailänder Bischofs abgesehen, durchlief also Augustin

im wesentlichen eine ganze Stufenleiter literarischer Eindrücke, und

auch seine erste Erfassung des Christentums war rein literarisch, wie

aus seiner Erzählung im 6. Kapitel des 8. Buches seiner Bekenntnisse

deutlich wird. Vor allem in den Schriften des Apostel Paulus hatte er,

wie er erzählt, häufig gelesen. Erst aber die Erzählung des Pontidianus

von jener Bekehrung vor den Toren Triers führte Augustin zu jenem

Höhepunkt[9] in seinem Leben, in dem auf einmal das literarische Wissen

Leben gewann, um wie ein Sturzbach die ganze Persönlichkeit mitzureißen.

Um diesen Vorgang zu erfassen, muß ich kurz jene Bekehrungsgeschichte

an der Hand von Augustins Bekenntnissen ins Gedächtnis zurückrufen:

Pontidianus hatte sich mit drei Freunden vor den Toren Triers ergangen,

er und einer der Freunde hatten sich zufällig von den beiden andern

getrennt. Diese aber waren auf ihrem weiteren Weg zu einer Hütte

gelangt, die Mönchen gehörte. Sie fanden darin ein Buch über das Leben

des heiligen Antonius. Der eine las, »Staunen erfaßte ihn, und er

fing Feuer, und beim Lesen kam ihm der Gedanke, selber so ein Leben

zu ergreifen«. Sie sehen also, worin bei Augustin das Erlebnis beim

Hören dieser Geschichte bestanden haben muß: Er erkannte plötzlich,

daß er bisher nur Buchstaben gelesen hatte, während jener vor Trier

Bekehrte eben jenen lebendigen Leserwillen aufgebracht hatte, der das

hinter den Buchstaben verborgene Leben selbst erfaßt; er erkannte, daß

ihm die eigene Aufgeschlossenheit der Überlieferung gegenüber bisher

gefehlt hatte. Mit dieser Erkenntnis aber war das Tor aufgestoßen zu

einem neuen Leben: Er war für das Christentum, das Christentum für ihn

gewonnen.

Anders bei Luther. Sie wissen alle, wie Luther nach seinem Eintritt

ins Kloster nicht nur mit Fasten und Beten, sondern auch mit eifrigem

Studium um den inneren Frieden rang. Gewiß erinnert dieses Ringen

im gewissen Sinne an jenes philosophische Bemühen Augustins, aber

für Luther stand von vornherein fest, daß er als Christ, als der er

aufgewachsen und erzogen war, jenes Heil finden müsse, für ihn kam

eine Wendung, wie sie Augustin von der sterbenden Antike zum jungen

Christentum machen mußte, nicht in Frage. Gerade darum aber konnte

ihm kein solches Erlebnis wie das des Augustin plötzlich das Tor

öffnen. Mit zähem Fleiß und nüchterner Geduld mußte er jenen Schutt

der »Versachlichung« hinwegräumen, den die Kirche aufgehäuft hatte.

Dann aber stand er erst an der Überlieferung, wie sie durch die Bibel

gegeben war. Augustin hatte die paulinischen Schriften gelesen, mußte

aber erst noch jenes Erleben haben, um sein Damaskus zu erleben. Luther

brauchte kein Damaskus in diesem Sinne, gerade darum aber wurden

für ihn die Schriften des Paulus zum Schlüssel für die biblische

Überlieferung.

Dadurch war es ihm auch möglich, für das Leben der christlichen

Überlieferung zu kämpfen, und die größte Tat in diesem Kampf war eben

die Bibelübersetzung. Mit ihr war der Weg frei für jeden, der eben mit

seinem lebendigen Leserwillen an die Schrift heranging.

Mit diesem Vergleich der Stellung Augustins und Luthers zum Schrifttum

ist nichts gesagt über den Wert der religiösen Persönlichkeiten.

Die hier berührten Vergleichspunkte zeigen gerade, wie verschieden

der Weg Augustins und der Luthers trotz aller Ähnlichkeiten sind.

Im Zusammenhang dieser Betrachtungen aber sind sie zwei, wenn auch

ganz verschiedene Zeugen für den Wert religiöser Überlieferung durch

die Schrift, gleichzeitig aber auch zwei Zeugen, wenn auch ganz

verschiedene, für die Notwendigkeit, daß der Leser das Wesentliche dazu

geben muß, um dem Geschriebenen Leben zu verleihen; denn was bedeutet

letztlich Luthers »allein durch den Glauben« anderes als die Aneignung

der Heilsüberlieferung aus innerer Seelenkraft?

Wenn Sie die Galerien Europas durchwandern und die Darstellungen

der »Verkündigung« betrachten, so werden Sie bei den alten Meistern

fast immer die gleiche Darstellung der »Verkündigung« finden: Maria

kniet am Betschemel, auf dem aufgeschlagen das Gebetbuch liegt. Sie

liest aber nicht mehr darin, sondern sie hat den Blick weggewendet,

dem Verkündigungsengel zu. Noch deutlicher aber zeigt ein alter

rheinischer Meister der Münchner Pinakothek, wie der religiöse Mensch

zum Buch steht: Vor dem noch aufgeschlagenen Buch kniet der heilige

Franziskus, sein Blick aber richtet sich in die Höhe, wo in den Wolken

der Gekreuzigte erscheint, von dem die Strahlen ausgehen, die dem

Heiligen die Wundmale Christi aufdrücken. Im Hintergrund aber sitzt

ein Genosse des Heiligen, tiefgebeugt über ein Buch. Er liest noch,

während der Heilige das Gelesene erlebt. Deutlicher kann die Bedeutung

des Buches für den »religiösen Akt« nicht veranschaulicht werden.

Dieser aber gehorcht, wie Scheeler sagt, einer Eigengesetzlichkeit. Und

Otto hat in seinem bekannten Buch über das Heilige deutlich gesagt,

wie eben dieses Heilige jenseits aller geistiger Arbeit liegt: »Es ist

nicht lehrbar, nur erweckbar aus dem Geiste. Man behauptet bisweilen

dasselbe von der Religion überhaupt und im ganzen. Mit Unrecht. In ihr

ist sehr vieles lehrbar, d. h. _in Begriffen überlieferbar_ und auch in

schulmäßigen Unterricht überführbar. Nur eben nicht dieser ihr Hinter-

und Untergrund. Er kann nur angestoßen, angeregt, erweckt werden. Und

dies am wenigsten durch bloße Worte.«

Luther sagt das gleiche nicht minder deutlich: »Wenn du es im Herzen

wahrhaft fühlest, so wird dir's ein groß' Ding sein, daß du vielmehr

stillschweigen wirst, denn etwas davon sagen.« Auch Augustins Größe

soll hier nochmal sprechen: »Es spricht zu allen,« sagt er, »aber

die verstehen's nur, die das Vernommene drinn in ihrer Seele mit der

Wahrheit zu vergleichen wissen.«

Damit stehe ich am Ende meiner Betrachtungen. Deutlich heben sich zwei

Dinge heraus: Einmal die Kraft der schriftlichen Überlieferung als

»Reiz und Veranlassung« und damit ihr hoher Wert für den religiösen

Menschen, zum andern aber ihre Belanglosigkeit für den eigentlichen

Kern aller Religion. Die Persönlichkeit des Lesers wird darum zur

entscheidenden Kraft.

Mancherlei Fragen tauchen nun auf, von denen nur zwei berührt seien:

Ist mit solcher Erkenntnis nur für die Religion die Grenze der

Wirksamkeit des Buches gegeben? Ich glaube: Nein; auch alle anderen

Gebiete menschlicher Kultur stehen unter dem gleichen Gesetz, soweit

die Wirksamkeit des Schrifttums in Frage kommt.

Weiter aber: Was ist die _praktische_ Folgerung für uns? Doch wohl

nichts anderes als die Prüfung unserer religiösen Literatur daraufhin,

wieweit sie Versachlichung ist, Sprache, die nicht mehr tönt oder

vielleicht nie getönt hat. Nur so werden wir die anregende Kraft der

Überlieferung nutzbar machen, nur so entsteht religiöse Erkenntnis.

Bescheiden aber sollen wir bekennen, daß über dieser Erkenntnis

der Glaube steht. Dieser Glaube aber ist, wie ein junger Schweizer

Theologe[10] schön sagt, »ein Innewerden, daß alle Erkenntnis etwas

anderes meint, als sie selber gibt, etwas hinter ihr selbst, daß sie

nur ein Hinweis ist auf etwas Urlebendiges, jenen Ursprung, der unser

Freiseinkönnen und den Reichtum des Lebens erst möglich macht«. Dieser

Glaube ist »ehrfürchtige Anschauung des göttlichen Wunders«. Darum läßt

sich nicht leicht Tieferes über das Verhältnis des religiösen Menschen

zum Buch sagen als die Schlußworte des Cherubinischen Wandersmanns:

»Freund, es ist immer genug. Im Fall du mehr wilt lesen,

So geh' und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.«

Fußnoten

[2] Über Anmerkungen in Büchern (siehe »Aus Wissenschaft und

Leben«, Gießen 1911.)

[3] Hoernes, Natur- u. Urgeschichte d. Menschen, Wien u.

Leipzig 1909

[4] Dawzel, Die Anfänge der Schrift, Leipzig 1912

[5] Weule, Vom Kerbstock zum Alphabet, Stuttgart 1915

[6] Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig u. Wien 1900,

Hoernes a. a. O. bringt eine sehr treffende Stelle aus

Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker

[7] Ich halte mich in der folgenden Darstellung an Richter, Die

Religionen der Völker, München und Berlin 1923

[8] Der Sinn der heiligen Schrift, Leipzig 1919

[9] Harnack, Aus der Friedens- und Kriegsarbeit, Gießen 1916

[10] Emil Brunner, Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, 2. u. 3.

Aufl., Tübingen 1923

Buchhandel als Beruf

Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge · 第 2 / 5 段