Daß die politische Bildung im Deutschen Reiche fehlte, war u

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Friedrich Oldenbourg

Buch und Bildung

Eine Aufsatzfolge

C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung

München 1925

Vorwort

Vor einem Fest stellt man sich wohl an einen Spiegel und prüft, ob

der Anzug sitzt, ob die Binde in Ordnung, ob das Haar richtig liegt.

Wer aber Feste richtig zu feiern versteht, der bleibt nicht bei

diesen eitlen Äußerlichkeiten. Er blickt sich richtig ins Gesicht, d.

h. er prüft auch, ob er als Mensch zu dem bevorstehenden Fest paßt;

er scheut nicht davor zurück, auch dem inneren Menschen den Spiegel

vorzuhalten, und wenn er dann manchen Mangel entdeckt, macht er eine

mehr oder minder große Schublade auf und entnimmt ihr allerlei gute

Vorsätze, glättet mit ihnen hier eine Falte, deckt damit dort einen

allzu störenden Fleck, und glücklich, wenn es gelingt, nach solcher

Arbeit mit dem Bewußtsein vollen Erfolges unter die Festgesellschaft

zu treten. Er kann wirklich feiern, auch wenn er weiß, daß der Ernst

seiner guten Vorsätze harten Werktag in Aussicht stellt; denn ein

wahrer Festtag ist nicht nur der schöne Abschluß nach einer Zeit der

Arbeit, er ist auch der Auftakt des morgigen Schaffens. Blieben wir

nicht alle dem Gestern etwas schuldig, daß wir uns des Morgen mit

seinen Möglichkeiten freuen müssen, wenn wir heute ein Fest wirklich

feiern wollen?

Der deutsche Buchhandel feiert in diesem Jahr sein großes Fest, und

nicht nur seine Angehörigen, sondern auch alle Verwandten und Freunde,

ja auch alle, die mit ihm mehr pflichtmäßig als aus Zuneigung

verkehren, werden mitfeiern. Der Absicht, ihnen allen, meinen

Berufsgenossen in erster Linie, zu solcher Spiegelschau zu verhelfen,

verdankt das vorliegende Buch seine Zusammenfügung aus zunächst

unabhängig voneinander entstandenen Reden und Aufsätzen.

Ich weiß, es entstand kein Spiegel aus herrlichem Kristallglas, auch

das Metall der Hinterlegung ist nicht fleckenfrei, und der Rahmen

ist weder aus edler Bronze noch von kunstvoller Schnitzerei. So mag

mancher, der vom Spiegelbild nicht entzückt ist, ruhig lieber dem

Spiegel die Schuld geben, ehe er sich die Laune verderben läßt.

Bedenken möge aber jeder, daß uns manchmal der bescheidenste Scherben

gute Dienste leisten kann, wenn Besseres nicht greifbar ist. Würde ich

nicht den Glauben haben, daß mein unvollkommenes Machwerk doch da und

dort durch Anregung oder wenigstens durch Widerspruch etwas wirken

kann, dürfte ich es nicht geschrieben haben. Daß ich es aber nicht nur

schrieb, sondern auch durch Druck vervielfältigen lasse, entsprang

nicht meiner Unbescheidenheit, sondern der Liebe zu meinem Beruf, Beruf

in jenem höheren Sinne des Schaffens zur Erfüllung einer gottgegebenen

Pflicht. Liebe aber ist am glücklichsten im Schenken, und hat sie

nichts anderes, so ist ihr auch bescheidene Gabe lieber als leere Hände.

München, April 1925.

_Dr. Friedrich Oldenbourg_

Politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung

In Zeiten des politischen Tiefstandes eines Volkes wird gerne nach

Wegen gesucht, die es ermöglichen, wieder emporzuklimmen. Jede Partei,

jeder Stand, ja fast jeder Einzelmensch weiß dann irgendein Mittel,

das zur Gesundung dienen soll. So viele Meinungen das Übel zu bannen

versprechen, so gewiß ist das eine, daß nur die dahinterstehende gute

Absicht wirklich wertvoll ist. Sie ist das einzig Zusammenschließende

in dem Vielerlei und insoferne auch der einzig brauchbare

Ausgangspunkt; denn alle empfohlenen Mittel, auch wenn sie noch so gut

sind, müssen richtig und zu passender Zeit angewendet werden, sind also

nicht an sich gut, sondern nur, wenn ihre Voraussetzungen erfüllt sind.

Soll aber dieser gemeinsame Wille der Hilfsbereitschaft sich auswirken

zum Segen des Ganzen, so muß die Bahn frei gemacht werden nach der

Richtung, in der allein politisches Leben zu finden ist, in Richtung

auf den Staat. Nicht ein Staat ganz bestimmter Form kann hiebei in

Frage kommen -- die Wege würden da ja gleich auseinanderführen --,

zunächst handelt es sich nur um das Bewußtsein, daß Politik ohne

Staat unmöglich ist. Erst dieses Bewußtsein schafft die Möglichkeit,

weiterzuplanen.

Darum ist der Inhalt der Überschrift dieses Aufsatzes von mir als

die Frage gedacht: Können politische Bildung und staatsbürgerliche

Erziehung uns heute helfen, helfen in jenem eindeutigen Sinne?

Nun glaube ich nicht, daß ich allein die richtige Antwort geben kann;

ich bin aber überzeugt, daß die Aufwerfung der obigen Frage an sich

schon Wert besitzt. Je mehr das gleiche tun, desto sicherer wird sie

geklärt, auch wenn die Antworten weit auseinandergehen. Irgendwie wird

dann der sachlich unantastbare Kern gefunden, losgelöst von den Schalen

persönlicher Gebundenheiten.

Diese Gebundenheiten eines Buchhändlers, der sich an der Universität

geisteswissenschaftlichen Studien hingab und dann als Offizier

den Krieg mitmachte, sind nicht schwer zu erkennen, ja um so

mehr faßbar, wenn man genau verfolgt, welche Zeugen er für seine

Begriffsbestimmungen anführt. Diese aber sind die Voraussetzungen für

alles Weitere; denn der Hauptgrund dafür, daß die Menschen soviel

aneinander vorbeireden, ist der, daß sie mit den gleichen Worten

Verschiedenes ausdrücken.

In der von mir gewählten Überschrift sind im ganzen vier Begriffe, die

verdeutlicht werden müssen.

»Alle _Politik_ ist Kunst.« Mit diesem Wort begann Heinrich von

Treitschke seine Vorlesungen über Politik, und wenn man ein beliebiges

Wörterbuch aufschlägt, so findet man als erste verdeutlichende

Übersetzung des Wortes Politik »Staats_kunst_«. Es ist wohl das Beste,

daran festzuhalten, daß alle weiteren Worterklärungen vom wahren

Sinn des Wortes abirren. Es hat schon Leute gegeben, die Politik als

Wissenschaft hinstellen wollten. Sie wurden dazu verleitet, weil die

Politik des wissenschaftlichen Rüstzeuges nicht entraten kann. Es

wird aber wohl niemandem einfallen, die Malerei als Wissenschaft zu

bezeichnen, weil sie sich bei uns z. B. der Mathematik in Form der

Perspektive bedient. »Alle Politik ist Kunst« heißt: nur ein Künstler

kann sie beherrschen. Muß man darüber noch mehr sagen in einer Zeit,

wo von allen Seiten nach dem Manne gerufen wird, der den politischen

Knoten unserer Zeit löst, und sei es durch scharfen Hieb? In einer

Zeit, in der Bismarcks letzter Erinnerungsband die ganze Kümmerlichkeit

aller jener Politiker zum Bewußtsein bringt, die dem großen Meister

nicht etwa nachfolgten, sondern genug zu »können« wähnten, um eigene

Wege zu gehen?

Es läge nun nahe, daß ich an zweiter Stelle erklärte, was ich

unter einem Staatsbürger verstehe; damit würde ich aber nahezu die

Hauptsache meiner Ausführungen vorwegnehmen, denn man wird aus der

Überschrift herausgefühlt haben, daß ich eben der politischen Bildung

die staatsbürgerliche Erziehung gegenüberstelle. Dazu kommt, daß

ich mich nicht ohne weiteres an Treitschke anschließen kann, dem

ich für den Begriff der Politik folgte. »Es ist eine aus Frankreich

herübergenommene radikale Schrulle, wenn man in dem Worte Untertan

etwas Ehrenrühriges sieht und dafür Staatsbürger einsetzt. Untertan und

Staatsbürger sind zwei sich ganz und gar deckende Begriffe, nur daß

in jenem mehr Verpflichtung, in diesem mehr die Berechtigung betont

wird.« Aber seit Treitschke dies aussprach, ist das Wort Untertan noch

mehr in Verruf gekommen; es gibt keine »Regierenden und Regierten«

mehr wie damals Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Das Volk regiert sich ja selbst! Diese Andeutung, daß gerade der

Staatsbürgerbegriff die große Frage der Überschrift dieser Ausführungen

umschließt, muß hier zunächst genügen.

Einer eingehenden Auslegung aber bedürfen noch die Begriffe »Bildung«

und »Erziehung«. Ich möchte hier geschichtlich vorgehen; wir erhalten

dadurch, wie sich bald zeigen wird, einen besonders klaren Ausblick auf

den Weg, der zurückgelegt werden soll.

Das Wort Bildung hat manche Wandlung in seiner Bedeutung erlebt. Es

wurde zwar häufig in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebraucht,

aber immer im Sinne von Gestalt; man sagte z. B. von einer schönen

Frau, sie sei von ausgezeichneter Bildung. Erst in der klassischen

Zeit, hervorwachsend aus der Aufklärungsphilosophie, bahnt sich das

Wort in seiner geistigen Bedeutung den Weg.

Die vielleicht klarste Verwendung in der neuen Bedeutung finden wir bei

Schiller in den philosophischen Schriften. Er, der ja die ästhetische

Erziehung als Forderung aufstellt, mußte ja auch am ehesten an den

ursprünglichen Wortsinn anknüpfen können. Was Plato sich von jedem

Ding dachte, das Vorhandensein einer Idee, eines idealen Vorbildes in

einer besseren Welt, das beherrscht Schiller besonders im Hinblick auf

den Menschen in jeder Hinsicht, vornehmlich aber in geistiger. »Nicht

der Masse qualvoll abgerungen, schlank und leicht, wie aus dem Nichts

entsprungen, steht das Bild vor dem entzückten Blick.« Diese Verse

aus dem Gedicht »Das Ideal und das Leben« verdeutlichen am besten,

wie Schiller sich jenes Bild der besseren Welt der Gedanken dachte im

Gegensatz zu dem in Wirklichkeit erscheinenden.

Kurz sei Goethes Persönlichkeitsideal erwähnt. Erst beim alten Goethe

-- in Wilhelm Meisters Wanderjahren und im zweiten Teil des Faust --

bezieht er Staat und Gesellschaft mit ein, also in jener Zeit, die den

politisch so entscheidenden Jahren um die Jahrhundertwende erst folgte.

Die Betrachtung gerade dieser Zeit aber ist aus begreiflichen

Gründen für uns von ausschlaggebender Bedeutung. Es ist die

Zeit der geistigen Geburt des neuen deutschen Staates: Aus den

weltbürgerlichen Strebungen der Aufklärungszeit und denen unseres

klassischen Zeitalters wächst das Ideal des Nationalstaates hervor.

Am Anfang dieser Entwicklung steht Wilhelm von Humboldt; er wird

auch in der klassischen Darstellung dieser Entwicklung durch den

Berliner Historiker _Meinecke_ an die Spitze gestellt. Wohl mutet

er uns noch allzusehr von weltbürgerlichen Idealen erfüllt an, doch

werden Sie den Fortschritt, den wir Humboldt hier verdanken, sofort

erkennen, wenn Sie sich einerseits die Beziehungslosigkeit unserer

klassischen Dichter zum deutschen Staatsgedanken vergegenwärtigen und

dann folgende Worte Humboldts in sich aufnehmen: »Die Zivilisation

ist die Vermenschlichung der Völker in ihren äußeren Einrichtungen

und Gebräuchen und der darauf Bezug habenden Gesinnung. Die Kultur

fügt dieser Veredlung des gesellschaftlichen Zustandes Wissenschaft

und Kunst hinzu. Wenn wir aber in unserer Sprache _Bildung_ sagen, so

meinen wir damit etwas zugleich Höheres und mehr Innerliches, nämlich

die Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem Gefühle des gesamten

geistigen und sittlichen Strebens harmonisch auf die Empfindung und

den Charakter ergießt.« Selbst noch Weltbürger, hat er mit dieser

Aufstellung des _deutschen_ Bildungsbegriffes im Gegensatz zu den aus

der Fremde übernommenen Begriffen »Zivilisation« und »Kultur« für

das Deutschtum nach meiner Ansicht mehr geleistet als mit all seinen

staatsphilosophischen Betrachtungen, soviel auch diese sonst in der

Geschichte des deutschen Nationalstaates eine Rolle spielen mögen.

Indem ich für diese Geschichte hinsichtlich der Einzelheiten auf

Meinecke verweise, wende ich mich nun zu jener Gestalt, die eben jenen

deutschen Bildungsbegriff, gedrängt durch das Gefühl für Deutschlands

tiefste Erniedrigung, aus der Enge der Gedankenwelt einzelner, über

ihrer Zeit stehender Persönlichkeiten hinaustrug in den Kampf mit der

Not der Zeit: zu Fichte. Es wäre eine Aufgabe für sich, an der Hand der

»Reden an die deutsche Nation« im einzelnen der Frage nachzugehen, wie

Fichte mit diesem Hinaustreten in die Arena des Zeitkampfes nicht nur

die politische Gleichgültigkeit der »Gebildeten« bekämpfte, sondern

gerade jenes Bildungsideal der klassischen Zeit zur politischen Waffe

umschmiedete. Hier kann nur in enger Zusammenfassung das Wesentliche

herausgehoben werden. Ich schicke zwei Sätze der ersten Rede voraus:

»So ergibt sich denn also, daß das Rettungsmittel, dessen Anzeige ich

versprochen, in der Bildung bestehe zu einem durchaus neuen und bisher

vielleicht als Ausnahme bei einzelnen, niemals aber als allgemeines und

nationales Selbst dagewesenes Selbst und in der Erziehung der Nation.«

Und: »Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer

Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben

und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit.« Aus diesen beiden

Sätzen läßt sich alles Wesentliche entnehmen: Fichte faßt erstens

die Nation als ein Wesen auf, das wie die Einzelpersönlichkeit eine

bestimmte Willensrichtung haben kann, und er fordert, daß dieser Wille

zur Aufwärtsentwicklung, zur Bildung der nationalen Persönlichkeit

angespannt werde; zweitens aber ist er sich klar darüber, daß das

Idealbild zunächst nur bei den schon Gebildeten in reinster Form

als Ziel erkannt werden kann, und darum ist es Pflicht eben jener

Gebildeten, an der _Erziehung_ der übrigen Teile der Nation so zu

arbeiten, daß sie mit richtigem Zielstreben erfüllt werden.

Damit haben wir zum erstenmal eine klare Trennung zwischen »Bildung«

und »Erziehung«: Bei der Erziehung ist das Bild, zu dem ein Mensch

herangebildet wird, nicht in ihm selbst, es ist vielmehr das Ideal

des Erziehers. Wohl dachten ein Schiller oder Humboldt wie auch

Goethe nicht nur an die »Sichbildung«, wie sie Fichte an einer Stelle

nennt, auch sie waren sich klar darüber, daß der Mensch in seinem

Bildungsgang auch von außen beeinflußt wird; allein sie stellen,

selbst starke Persönlichkeiten, diesen äußeren Einfluß so weit unter

die »Sichbildung«, daß z. B. Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahren

nur Wilhelms Bildungsstreben herausarbeitet, alle Personen seiner

Umwelt erscheinen als von ihm benütztes Mittel zum Zweck, nicht als

durch bewußte Erziehung wirkende Personen. Erst in den Wanderjahren

tritt bewußte Erziehungstätigkeit in Erscheinung, und mich dünken

diese Teile weniger ursprünglich. Humboldt widmet zwar in seinem Buch

über den Staat das 8. Kapitel der Sittenverbesserung, ist aber weit

davon entfernt, den Begriff der Erziehung dabei zu berühren; er gibt

vielmehr fast nur einen Abriß der Philosophie Schillers, in dem er

die Überwindung des Sinnlichen durch das Schöne im weitesten Sinn des

Wortes verlangt. Die Not der Zeit, von Fichte tiefinnerlich empfunden,

brachte die Wendung: Fichte erkannte, daß den Deutschen nur geholfen

werden kann, wenn die Wirkung der deutschen Bildung, wie wir sie vorhin

in einem Worte Humboldts kennenlernten, auf die breite Masse des Volkes

ausgedehnt werde, und dazu bedarf es der Erziehung.

Man sieht, durch meine geschichtliche Betrachtung führte ich längst

über jene zur Verständigung notwendige Begriffsbestimmung hinaus.

Wir stehen schon mitten im Kernpunkt der Aufgabe, das Verhältnis

von »politischer Bildung« und »staatsbürgerlicher Erziehung« zu

bestimmen. Wir können feststellen, daß von Fichte jedenfalls

ein Unterschied gemacht wurde zwischen Bildung, Sichbildung und

Erziehung. Das ist wichtig; denn wenn wir nun in großen Zügen die

geschichtliche Betrachtung weiterführen, so zeigt sich, daß einerseits

die Philosophie, ich erinnere besonders an Herbart, andrerseits die

praktische Erziehungsreform Pestalozzis und seiner Nachfolger die

Erziehung immer mehr zum Mittelpunkt machten: Wir erhielten dadurch

eine aufs höchste entwickelte Erziehungswissenschaft -- gewiß eine

nicht zu unterschätzende Errungenschaft. Allein die Kehrseite von

dieser Entwicklung ist höchst unerfreulich: Wir verloren jene Bildung

der Persönlichkeit aus eigenem Streben heraus. Der Idealismus verlor

dadurch die Bedeutung, die er sich in der klassischen Zeit erobert

hatte. Es trat eine Versachlichung eben dieses Ideals ein, was man

vielleicht am besten dadurch bezeichnet: An die Stelle des Ziels trat

der Zweck. Wir kamen so weit, daß man unter einem gebildeten Menschen

den verstand, der z. B. wußte, welcher Anzug der jeweils richtige

ist; wir sanken also bis auf die Stufe jener Zeit zurück, in der

höfische Etikette die Hauptsorge kleiner verschuldeter Fürstenhöfe

war. Gewiß war der allgemein zunehmende Materialismus schuld; aber

es sei nicht vergessen, daß auch die einseitige Entwicklung der

Erziehungswissenschaft die Verantwortung mit zu tragen hat, wobei

allerdings zu fragen ist, ob eben diese Entwicklung nicht selbst eine

Äußerung des Materialismus darstellt.

Der Rückstoß blieb aber nicht aus: Als Nietzsche sozusagen mit

Posaunentönen das Ideal des »Übermenschen« verkündet hatte, da erlebte

man bald jene Vertreter des rücksichtslosen Auslebens der eigenen

Person: Die Erziehung wurde als Schulmeisterei über Bord geworfen, und

das herrliche Zeitalter des Schwabingertums kam zur Blüte. Die Frucht,

die folgte, haben wir gekostet und der schlechte Geschmack will nicht

von der Zunge weichen. Nietzsche selbst trifft für den Kenner keine

Schuld; er war nur der Auslöser einer naturnotwendigen Bewegung; andere

Geistesgrößen, die zwar auch den Umschwung forderten, aber nicht mit

jenem schmetternden Klang, drangen nicht über eine kleine Gemeinde

hinaus. Ich erinnere nur an Lagarde. Noch stehen wir mitten in dieser

Revolution des Geistes, und die politische Revolution ist nur ein

Ausschnitt aus dem Riesenkampf, der jetzt allenthalben tobt.

Es ist nun fesselnd zu beobachten, wie in dem Ringen um neue geistige

Ziele um die Jahrhundertwende die Forderung nach staatsbürgerlicher

Erziehung auftauchte, und wie man an ihrer Lösung arbeitete: Man

forderte, daß jedem Deutschen auf der Schule gelehrt werde, welche

Rechte und Pflichten er im Staate besitze. Die einen wollten, um mit

Treitschke zu sprechen, durch starke Betonung der Pflichten gute

»Untertanen« erziehen und die Umsturzgefahr bannen. Die anderen wollten

mit Betonung der Rechte die Lust nach mehr erwecken. Ich will hier nur

in großen Umrissen andeuten. Gemeinsam bleibt den ganzen Bestrebungen

ein parteipolitisches Gepräge: Von den ganz Rückständigen, die das

Unmögliche wollten, daß der deutsche Staat immer in der gleichen Form

erscheinen solle, bis zu jenen Phantasten, die in der Zertrümmerung

der Form ihr Ziel sehen, konnte man immer den gleichen Grundfehler

beobachten: Sie setzten die Form für den Staat. Dazu kamen jene, die

mit geschichtlichen und erdkundlichen _Kenntnissen_ dem deutschen

Staatsbürger auf die Beine helfen wollten, ganz verkennend, daß nicht

seine Kenntnisse, sondern die Gesinnung den Menschen zum Staatsbürger

macht, daß also gerade hier die Steigerung der Kenntnisse zum Erlebnis

unumgänglich notwendig ist.

Wir befinden uns im Brennpunkt des Fragenkreises, den ich angeschnitten

habe. Um das empfinden zu lassen, möchte ich zwei kleine Geschichten

erzählen: Nicht lange vor dem Kriege fuhr ein Deutscher nach

Ostafrika. Auf dem Schiff reiste auch der Bruder eines in der

Kolonialgeschichte bekannten Engländers mit. Wie nun die Fahrt durch

den Suezkanal ging, da fragte der Engländer den Deutschen -- und

zwar vollkommen im Ernst --, auf welcher Seite Ägypten läge. Dies

ist die eine Geschichte; nun die andere: Vor einiger Zeit teilte

ein Buchhändler in Deutschböhmen im Börsenblatt für den deutschen

Buchhandel die beschämende Tatsache mit, daß viele Reichsdeutsche in

den Aufschriften der Briefe die deutschen Ortsnamen Böhmens tschechisch

schrieben, obwohl selbstverständlich nur für den tschechoslowakischen

Inlandsverkehr tschechische Aufschrift Gesetz sei, weil ja z. B. auch

Engländer und Franzosen kein Tschechisch können.

In diesen beiden Geschichten hat man die Erläuterung dafür, was ich

von der deutschen Erziehung zum Staatsbürger halte: Man hat bei uns so

gute Kenntnisse, daß man z. B. _Praha_ für Prag schreiben kann, aber

nicht einmal so viel staatsbürgerliche Gesinnung, daß man die unserem

Staate ferngehaltenen Volksgenossen in ihrem Kampf um die Heimkehr

zu uns unterstützt; ja, man fällt ihnen sogar in den Rücken! Auf der

andern Seite sehen Sie den Engländer mit seiner uns unbegreiflichen

geographischen Unbildung; glauben Sie aber, daß er jemals zu solcher

staatsbürgerlicher Gesinnungslosigkeit fähig wäre wie jene nochmal so

gescheiten Deutschen? Dabei handelt es sich bei jenen Deutschen um

Kaufleute, nicht um bewußt »vaterlandslose Gesellen«.

Ich glaube deutlich gemacht zu haben, was ich unter einem Staatsbürger

verstehe: _Ich verstehe darunter einen Menschen, der von den

Lebensnotwendigkeiten seines Staates überzeugt ist._ Der rücksichtslose

Kriegsgewinnler und der Flaumacher passen sowenig unter diesen

Begriff wie der Überläufer und der Meuterer. Ich erwähne dies, um

zu zeigen, daß in Augenblicken der äußeren Gefahr für den Staat

die Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten gar nicht so große

Kenntnisse erfordert; je mehr wir uns aber auf das Gebiet der inneren

Staatsentwicklung begeben, desto größer werden die Anforderungen

an die Gesinnungstüchtigkeit und naturgemäß müssen deshalb bei der

Unvollkommenheit der menschlichen Natur die Stützen der Gesinnung hier

besonders kräftig sein.

Schon vor dem Krieg hatte man erkannt, welche Kräfte man diesem

Zwecke dienstbar machen könne und müsse; der einschlägige Artikel in

dem 1912 erschienenen Handbuch der Politik betont, daß man sich an

den Verstand durch Vermittlung von Kenntnissen, an das Gefühl durch

Weckung des Gemeinschaftsgefühls und an den Willen durch Stärkung

des Verantwortungsgefühls wenden müsse. Man beging aber dabei zwei

Grundfehler: Man dachte viel zu sehr an Menschen, die bis zu einem

gewissen Grad schon eine günstige Einstellung zum Staatsgedanken

mitbrachten, und glaubte deshalb der Schule, vor allem dem höheren

Schulwesen die Hauptaufgabe zuweisen zu können. Zweitens aber war man

sich nicht genügend klar darüber, daß die Willensbildung eben schon

über die Erziehung hinausführt. Gehorsam und die Bereitschaft sich

unterzuordnen sind häufig nur die Folge von Gedankenlosigkeit und

Bequemlichkeit, werden sie aber von einzelnen schon bewußt und mit

innerer Überzeugung dem Staate entgegengebracht, so haben wir das

Gebiet der Erziehung verlassen und stehen mitten in der Selbstbildung.

Damit sind wir an der Stelle angelangt, an der über die politische

Bildung gesprochen werden muß. Politik ist Kunst und Bildung ist

nach Humboldt jene »Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis und dem

Gefühle des gesamten geistigen und sittlichen Strebens harmonisch

auf die Empfindung und den Charakter ergießt«. Es hieße blind sein,

wenn man Anforderungen, wie sie nach solcher Deutung die politische

Bildung erfordert, der Gesamtheit eines Volkes zumuten wollte. Die

politische Bildung ist Sache der geistig und sittlich Starken; sie

müssen das Streben haben, über den Untertan- und Staatsbürgerbegriff

hinauszukommen, wie ihn Treitschke gibt; hier handelt es sich nicht

mehr nur um Rechte und Pflichten; hier kommt die Bildung des Willens

zur Einordnung allein nicht mehr in Frage; _gestaltender Wille_,

der zur politischen Tat befähigt, ist hier die Losung. »Ehrgefühl,

Pflichtgefühl, Disziplin, Entschlossenheit, das lernt man nicht aus

Büchern«, sagt Spengler und ich setze hinzu: überhaupt nicht durch

Worte. »Es wird«, fährt Spengler fort, »im strömenden Dasein geweckt

durch ein lebendiges Vorbild«[1]. Ja, nur das Vorbild kann hier

wirken und dieses bildet sich selbst, aus eigenem Willen und eigener

sittlicher Kraft.

Daß die politische Bildung im Deutschen Reiche fehlte, war unser

Unglück. Muß das bewiesen werden? Man denke an die Gesinnung des

Volkes zu Beginn des Krieges und man wird nicht leugnen, daß wir

damals »Staatsbürger« genug hatten, der Mangel an politischer Bildung

aber hat dieses Staatsbürgertum zum Weißbluten gebracht, ohne daß es

zur politischen Tat gekommen wäre; man verzettelte die Kräfte innen-

und außenpolitisch auf schlecht erdachte Einzelziele, ohne sie so

umzuformen, daß politische Leistung hätte erzielt werden können.

Erinnert sei hier an die Polenpolitik und an den Burgfrieden des

Kanzlers, deren Folgen der Verlust deutschen Landes einerseits, der

Umsturz andrerseits war.

Nach meiner Meinung mit einem gewissen Recht wird von manchen Seiten

heute betont, daß alle jene Männer der Kriegszeit, die nun mit großen

Mitteln Kritik an der politischen Leitung während des Krieges üben, mit

ihrer Kritik sich selbst treffen. Sie hätten sich durchsetzen müssen,

wenn in ihrem Innern jenes Bild vom deutschen Staate so klar war. Sie

taten es nicht und bewiesen eben deshalb, daß sie nicht stark genug

waren. Das ist die Schuld der Vielen, die das Verhängnis erkannten: Sie

setzten sich nicht durch.

Gewiß war es ein guter Gedanke, durch staatsbürgerliche Erziehung

im Heere die Stimmung zu heben, doch fehlte es an den politisch

Gebildeten, die Kraft genug hatten, dem ausgesogenen Boden neue

Kraft zu geben, von dem Mangel an lebendigen Kräften gegen die

unwiederbringlich verlorene Stimmung der Heimat ganz abgesehen. Das

»schuldig«, das die Weltgeschichte über Deutschland sprach, trifft uns

alle, nicht nur einen Teil des Volkes.

So erfüllte sich das Schicksal des deutschen Staates; er brach

zusammen, in dem Augenblick, als auch bei den Feinden die innere Kraft

trotz der Amerikahilfe im raschen Abnehmen war. Ja, der Staat brach

so zusammen, daß nicht einmal die Eckpfeiler für den Neubau stehen

blieben. Man baute aus Dachpappe der Weimarer Fabrik eine Baracke.

Trotz aller Flickerei weht der geringste Wind durch die Wände und an

mehr als einer Stelle regnet es herein. Dann lachen immer die, welche

schon im alten Staatsgebäude keine rechte Wohnung hatten, sondern nur

im Hofe biwakierten, und die anderen drängen sich scheu in bessere

Ecken. Das wird so lange dauern, bis Leute aufstehen, die mit klarer

Zielstrebigkeit die formlosen Haufen zur Arbeit am Neubau treiben. Das

wird dann sein, wenn das Schicksal und nicht der Schulmeister die Masse

zu staatsbürgerlicher Gesinnung erzogen hat, so daß politische Bildung

der geistig Hochstehenden zu klarem Führerwillen aufsteigen kann. Wir

hoffen auf diese Zeit und glauben nicht, daß unser Volk durch den

Zusammenbruch des alten, schönen, vielgeliebten Hauses zugrunde geht.

Wir haben die feste Zuversicht, daß ein geräumiges Gebäude entstehen

wird, in dem alle Deutsche Platz haben werden, daß die Mauern stark

sein werden und daß das Haus von jenem Geist erfüllt sein wird, in dem

so viele draußen ihr Leben geopfert haben.

Aber es wäre kläglich, wenn wir uns darauf beschränken wollten

zu warten, bis sich das Schicksal, das wir erhoffen, von selbst

erfüllt. Die Zuversicht muß uns die Kraft geben, selbst gestaltend

mitzuwirken, jeder an seiner Stelle. Ein »Gebildeter« muß die

Entschlußkraft haben, sich aus der Menge loszuringen; er darf sich

nicht treiben lassen, sondern muß sich zu eigenem politischen Wollen

durchringen. Ein politisch Lied mag ein garstig Leid sein, die wirklich

staatsgestaltende politische Tat gehört zum Höchsten, was der Mensch

leisten kann, denn bei ihr spannt er seinen Willen nicht für seine

persönlichen Zwecke, sondern für die der Gesamtheit an.

Wenn man aber fragt, in welcher Richtung diese Willensanspannung

nach meiner Meinung zu gehen hat, dann kann ich allen, die der

staatsbürgerlichen Erziehung entwachsen sind, nur sagen, daß es

nun heißt, sich politische Bildung zu erwerben. Man frage nicht

nach einem Programm hiefür, denn »alles Große bildet, sobald wir es

gewahr werden«, wie Goethe sagt. Wirkliche Bildung kann sich jeder

nur selbst erwerben, von außen kann er nur Erziehung erhalten.

Diese hat aber ihr Teil geleistet, wenn sie die staatsbürgerliche

Gesinnung erreicht hat, die über alles Parteigezänk hinausführt zu der

Überzeugung von den Lebensnotwendigkeiten des Staates. Heute haben

wir Deutsche keinen Staat, er ist heute nur Ziel, das jede Partei mit

anderen Farben ausmalt; die Höhe der politischen Bildung bestimmt,

welche Form der einst entstehende Staat haben wird. Erinnern wir uns

nochmals, daß Politik Kunst und daß Bildung ein Begriff von hoher

sittlicher Größe ist, und wir werden uns durch das Schlagwortgetöse

der Zeit hindurchfinden, denn noch nicht trat bisher der alle Deutsche

umfassende Staat, den unsere Besten erhofften, in die Erscheinung, noch

immer kreisen die Raben um den Berg, obwohl die Zahl der Opfer für

diese Zukunft ins Riesenhafte gewachsen ist.

Halten wir daran fest, daß Bildung ein Werden aus eigenem Willen ist

und daß somit wahre Erziehung nichts Besseres leisten kann als eben

jenen Willen zu stählen, so gewinnen wir auch eine andere Einstellung

zur Sehnsucht der Zeit, ja nicht nur zur Sehnsucht, sondern auch

andrerseits zur Furcht der Zeit.

Während der eine Teil unseres Volkes immer und immer wieder nach dem

»starken Mann« ruft, der in dem Wirrwarr unserer Tage mit sicherer

Hand Ordnung schafft, fürchtet die andere Seite nichts mehr als eine

solche Persönlichkeit, die der nun erreichten, doch so lange ersehnten

Volksherrschaft (Demokratie) ein Ende machen könnte. Wohl möchten

diese Leute, daß der Fähige regiere, aber diese Fähigkeit soll nur

Sachkenntnis sein, nicht ein zäher Wille, der auch der Wählermenge

gegenüber durchgreift, wenn seine sachliche Einsicht es für geboten

hält. Diese Leute wünschen Führer, die ihnen jede Unannehmlichkeit

ersparen und die keine Anforderungen an die Willenskraft der Wähler

stellen. Trotzdem aber sollen sie gut regieren.

Man sollte meinen, daß es nicht schwer zu erkennen wäre, wie unmöglich

das ist. Und doch gibt es viele »Gebildete«, die das nicht begreifen.

Ja, jene Sehnsucht nach dem starken Mann ist aufs engste verwandt

mit dieser Auffassung; denn Sehnsucht allein gibt kein Anrecht auf

Erfüllung. Wenn du Sehnsucht danach hast, auf der Spitze eines Berges

den Blick in die Weite zu genießen, so führt das zu nichts: Erst wenn

du deinen Willen anspannst und im Schweiße deines Angesichts die

steilen Hänge überwindest, ja vielleicht unter Gefahr deines Lebens

Felsen erkletterst, kannst du auf Erfüllung deines Wunsches rechnen.

Nicht anders steht es mit einem Volk, das in die Tiefe gestürzt ist:

es wird aus eigener Kraft mit stärkster Willensanspannung wieder

emporklettern müssen. Einen »Führer«, der es am Seil hochzieht, gibt

es nicht. Wie aber dem, der heiß um den Weg sich bemüht, schließlich

immer klarer die einzuschlagende Richtung in das Bewußtsein tritt, so

wird dem Volk, das mit Anspannung aller Kraft um seinen Aufstieg ringt,

schließlich der Führer entstehen, der auf einfachstem Wege zum Ziel

führt.

Darum verzichte jeder auf den memmenhaften Ruf nach dem starken Mann;

er kralle sich vielmehr an seinem Platz im Gestein fest und strebe

nach oben, er bilde sich zu einem Muskel, einem Nerv, einer Sehne des

Volkskörpers, womit sich dieser Körper emporziehen kann, und er bilde

sich zu einem Geistesfunken, durch den auch jene Zellen dem Streben

nach oben nutzbar gemacht werden können, die heute noch aus sinnlichem

Wohlbehagen in der Mittelmäßigkeit die angenehmste Regierung sehen.

Diejenigen, die bewußt dem deutschen Gedanken dienen wollen, indem sie

den Staat, den dieser Gedanke erfüllt, mit allen Kräften wollen, werden

einen dicken Strich ziehen zwischen sich und jenen, die politisch

unerzogen und ungebildet nur ihrem Vorteil leben. Sie werden mit Goethe

sprechen:

»Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!

Aber unsere Partei, freilich, versteht sich von selbst.«

Fußnoten

[1] Harnack sagte 1902 in einem Vortrag vor dem

evangelisch-sozialen Kongreß das gleiche (vergl. Reden und

Aufsätze Bd. II, Gießen 1906): »Lernen können wir alles

mögliche aus Büchern und unpersönlichen Überlieferungen,

gebildet werden können wir nur durch Bildner, durch

Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben uns ergreift«.

Buch und Religion

Harnack sagt einmal in einem seiner Aufsätze[2], daß uns bisher noch

eine Kulturgeschichte des Buches fehle. Und in der Tat -- soviel

einzelne Bemerkungen über die Bedeutung des Buches beigebracht werden

können, eine zusammenfassende Behandlung dieses Themas fehlt, fehlt

uns, deren Kultur von Spengler eine »Bücher- und Leserkultur« genannt

wird. Man mag sich zu dieser Bemerkung Spenglers stellen, wie man

will, eines kann man nicht bestreiten: In keiner Kultur, selbst der

ägyptischen nicht, spielt das Schrifttum eine solche Rolle wie im

Abendland.

Will man nun an die Kulturgeschichte des Buches herangehen, so gehört

eigentlich ein wissenschaftliches Rüstzeug dazu von so unerhörter

Ausdehnung, daß ein Einzelmensch nicht leicht in seinem Besitz sein

kann, denn nicht nur die zusammenfassende Darstellung fehlt bisher,

selbst an Vorarbeiten ist nur sehr wenig geleistet: Wir haben zwar

eine Geschichte des Buchhandels, eine Menge von Einzelarbeiten

über verschiedene Abschnitte dieser Geschichte, wir haben eine

große Reihe von Literaturgeschichten, auch Darstellungen aus der

Geschichte der Wissenschaften, in allen diesen mag mehr oder weniger

zu finden sein über den Einfluß des Schrifttums auf die menschliche

Geistesentwicklung, eine wirklich aufklärende Schrift über das

Verhältnis des Schrifttums zu den verschiedenen Erscheinungsformen der

Kultur, zur Wissenschaft, zur Politik, zur Religion, zur Kunst usw.

gibt es bis heute noch nicht.

Es wäre töricht, aus dieser Tatsache einen Vorwurf zu machen. Denn

ebensowenig wie die hohe Blüte mittelalterlicher Kunst theoretische

Schriften über die Kunst als Kulturerscheinung benötigte, um in

Erscheinung zu treten, ebensowenig hinderte das Fehlen einer solchen

Schrift über die Bedeutung des Schrifttums, dessen stärkste Entfaltung

und Verwertung. Ja, ich gehe noch weiter und sage: Wie erst nach

der letzten großen Stilepoche des Abendlandes, nach dem Barock, die

theoretische Kunstschriftstellerei -- ich erinnere an Winkelmann

und Lessing -- wirklich Boden fand, ebenso wird und muß auch die

abschließende theoretische Betrachtung der Bedeutung des Schrifttums

nachhinken. Zur Selbsterkenntnis gehört ein gewisser Grad von Reife und

ein Leben muß gelebt sein, ehe man darüber schreibt.

Darüber aber kann kein Zweifel sein -- auch wenn man den Gedanken des

Unterganges des Abendlandes ablehnt --; wir haben in Kunst, Literatur,

Musik, Philosophie, ja selbst der Wissenschaft so große Epochen hinter

uns, daß wir uns gestehen müssen: Es lohnt sich Kulturgeschichte

im obigen Sinn zu schreiben, d. h. Rückschau zu halten. Denn wer

kann hoffen, daß gerade unsere Kultur von der Vorsehung mit ewiger

Zeugungskraft begabt sei?

Und weiter: Ist nicht gerade jene Rückschau, so sehr sie im

einzelnen etwas Zersetzendes an sich haben mag, der Nährboden, auf

dem junge Kräfte erst recht zur Entfaltung kommen? Ist nicht z. B.

gerade der Same des Christentums da am besten aufgegangen, wo die

Antike sich gleichsam in sich selbst zurückwandte? Man erinnere sich

an die Bedeutung des Neuplatonismus für das Christentum, oder an

die Tatsache, daß Augustin den Weg zum Christentum über Cicero und

Plato fand. Wer der Zukunft froh werden will, muß einen Summastrich

unter die Vergangenheit ziehen können und die Soll- und Habenseiten

zusammenzählen; nur so weiß er, ob und wie weit er in die Zukunft mit

Verlust oder Gewinn eintritt.

An diesem Vergleich kann man den Kaufmann am Schreiber dieser Zeilen

erkennen. Wie kann der wagen, in solche Rückschau einzutreten?

Selbst wenn man berücksichtigt, daß er mit Büchern handelt, scheint

es vermessen, sich an die Riesenarbeit einer Kulturgeschichte des

Buches heranzuwagen, noch dazu einen Angriffspunkt zu wählen, der ganz

besonders fern zu liegen scheint. Doch habe ich darauf zu antworten:

Ich will gar nicht erschöpfend mein Thema behandeln, ich will vielmehr

aus Blumen, die ich bisher auf _meinem_ Leserweg pflückte, einen Strauß

binden. Es wird ein Feld-, Wald- und Wiesenstrauß sein, wie sie eben

sind: Die eine oder andere Blüte wird unansehnlich sein, manche schon

etwas welk vielleicht, andere dagegen zu wenig aufgeblüht, trotzdem

hoffe ich, daß die Farben und der Duft, der solchen Sträußen anhaftet,

andere auch veranlaßt, solche Sträuße zu pflücken, und vielleicht

findet sich einmal ein Botaniker, der nach streng wissenschaftlichen

Grundsätzen seinen Strauß bindet. Zu weiterem Nachdenken und Forschen

will ich anregen, sonst nichts.

Den ersten Anstoß zu meinen Betrachtungen verdanke ich dem oben

erwähnten Worte Harnacks. Daß ich aber gerade dem Verhältnis von Buch

und Religion meine besondere Beachtung schenkte, hat mehrere Gründe.

Ich war mir von Anfang bewußt, daß die Kulturgeschichte des Buches ein

wichtiges Kapitel der Gesellschaftslehre bildet. Gerade aber in dieser

Wissenschaft sind durch die Untersuchungen von Tröltsch und Max Weber

die religiösen Probleme stark, ja in gewisser Hinsicht vielleicht zu

stark in den Vordergrund gerückt worden. Dann aber wurde mir immer mehr

klar, daß von allen Kulturerscheinungen die Religion die bedeutendste

und bestimmendste ist. Burckhardt sagt in seinen weltgeschichtlichen

Betrachtungen: »Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die

Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung

jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der

einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen.« Und Spengler sagt: »Alle

Wissenschaft ist an einer Religion und unter den gesamten seelischen

Voraussetzungen einer Religion erwachsen.«

Ich durfte also hoffen, daß ich die Kulturgeschichte des Buches in

ihrem Hauptstück erfasse, wenn ich bei der Religion beginne. Darüber

hinaus aber ist es für mich, der ich es von Beruf mit dem Buch zu tun

habe, eine Frage von entscheidender Bedeutung, wie gerade das Höchste

im Menschenleben vom Schrifttum bestimmt wird.

Ich sage wieder wie oben »Schrifttum«; denn es wäre lächerlich, die

Untersuchung erst bei der Entstehung des Wortes Buch oder gar erst bei

der Erfindung der Buchdruckerkunst beginnen zu wollen. Es gilt doch

Grundsätzliches zu gewinnen, darum muß auf den Grund gegangen werden.

Dieser aber ist im vorliegenden Fall die »Schrift«.

Man fürchte deshalb nicht eine unnötige Verbreiterung der Fragestellung

oder gar ein Eingehen auf das religiöse Schrifttum aller Zeiten und

Völker. Wer etwa Heilers Werk über das Gebet kennt, weiß, wie schwer

selbst ein Einzelabschnitt wie dieser von einem Menschen allein

erschöpfend behandelt werden kann. Und doch muß eine soziologische

Untersuchung wie die von mir gewagte auf völkerkundlichen Tatsachen

aufbauen. Dies zeigt sich schon, wenn wir uns die Frage vorlegen nach

den in der Schrift wirksamen Kräften.

Es leuchtet ein, daß die Festhaltung einer Tatsache oder gar eines

Gedankens durch Schriftzeichen, möge es sich um Runenzeichen oder um

primitive Bilderschrift handeln, auf den Naturmenschen einen tiefen,

geheimnisvollen Eindruck macht. Er, der hauptsächlich körperlich,

sinnlich lebt, macht die Erfahrung, daß es ein Mittel gibt, um zeitlich

und räumlich in die Ferne zu wirken. »Projektion der Rede in Zeit und

Raum«[3] muß oft um so zauberhafter anmuten, je mehr die verwendeten

Zeichen von einer Bildzeichnung abweichen, je größere Kenntnisse dazu

gehören, das Schriftsystem zu handhaben. Ein Forscher[4] hat das

Schriftproblem ganz aus dieser magischen Grundlage zu lösen versucht

und ein anderer betont die Bedeutung der Schrift als Zaubermittel[5].

In den meisten völkerkundlichen Schriften ist aber wenig davon

die Rede, daß eben aus jener Besonderheit die enge Verbindung von

Schrift- und Priestertum zu erklären ist. Wohl fand ich in manchen

Ausführungen[6] über das Priestertum Andeutungen, wie sehr gerade bei

den Naturvölkern das Priestertum auf der Überlegenheit in geistiger

Hinsicht beruht, über seine Bedeutung für das Schrifttum ist aber wenig

gesagt, und doch läge gerade bei uns in Deutschland ein Hinweis darauf

so nahe, war doch die Runenschrift ausgesprochen eine Priesterschrift

und beherbergten im Mittelalter doch die Klöster die Vertreter des

Schrifttums.

Doch halten wir als geheimnisvolle Kraft der Schrift die Wirkung in

Zeit und Raum fest. Über die Wirkung in die Zeit wird noch manches

zu sagen sein, darum sei das wenige, was hier über die Wirkung in

den Raum zu sagen ist, vorangestellt. Greifen wir hier in unsere

eigene Geschichte, die des Christentums hinein, so finden wir von

den Briefen der Apostel angefangen bis in die jüngste Zeit hinein

Beispiele einer solchen Wirkung der Schrift in den Raum. Ihr ist es

zu verdanken, daß das Christentum in der antiken Welt trotz des für

damalige Verkehrsverhältnisse übergroßen Raumes des römischen Reiches

sich so rasch ausdehnte und zugleich inneren Zusammenhang fand und

befestigte. Und wie wäre Luthers rasche Wirkung über ganz Deutschland

und darüber hinaus zu erklären, wäre nicht die Verbreitung seiner

Schriften, freilich gesteigert durch die Druckkunst, in einem Grade

möglich gewesen, der nur noch übertroffen wird durch die Verbreitung

aller Nachrichten mit Hilfe der Elektrizität, die jetzt im Zeichen des

Radio einen Höhepunkt erreicht zu haben scheint!

Hier darf auch eine Erscheinung nicht unerwähnt bleiben: die

päpstlichen Hirtenbriefe. Die Anhänger des evangelischen Bekenntnisses

waren bisher zu sehr geneigt, die Macht des Erfolges zu unterschätzen,

wenn in allen Kirchen der ganzen katholischen Welt an einem Tage ein-

und dieselbe Verlautbarung des Kirchenoberhauptes verlesen wird. Bewußt

wird hier die Überwindung des Raumes durch die Schrift in den Dienst

der Zusammengehörigkeit gestellt und es ist gut, daß allenthalben die

Erkenntnis der Bedeutung solcher Verlautbarungen durchbricht.

Doch noch weit mehr als die Wirkung in den Raum hat die in die Zeit

etwas Zauberhaftes an sich. Dieser Zauber mag bei Naturvölkern, die

dem Seelenkult dienten, besonders wirksam sein, so daß hier schon eine

enge Berührung mit dem Religiösen gegeben ist. Und in der Tat scheint

-- wie ich oben schon zeigte -- schon auf niederer Stufe eine enge

Verbindung zwischen Priesterschaft und Schrifttum zu bestehen. Freilich

ist das Priestertum nicht gleichbedeutend mit Religion, aber zweifellos

ist der Priester der Hüter der religiösen Überlieferung. So kommt es,

daß wohl alle Religionen durch heilige Schriften leben und lebten

mit Ausnahme der vedischen des alten Indiens[7]. Die Brahmanen, die

Priesterkaste dieser Religion, kannten nur die mündliche Überlieferung

der alten heiligen Gesänge. Wie die Christen die Bibel, auf deutsch

-- wie man sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen sollte -- das

»Buch«, der Islam den Koran, die Buddhisten die Reden Buddhas und

die folgenden kanonischen Schriften als Überlieferung besitzen, so

schrieb Laotse, der »alte Lehrer«, im Taoteking seinem Volk, das er

im Zorn über seine sittliche Verworfenheit verließ, die alten Lehren

seiner Religion nieder, damit es sich wieder daran emporraffe; so

waren die Schriften Kungfutses nichts anderes als eine Sammlung der

alten kanonischen Schriften; so besaßen die persischen Anhänger des

Zarathustra im Avesta ihre heilige Schrift.

Daß in Ägypten das Schrifttum im religiösen Leben eine besonders große

Rolle spielte, erklärt sich zwanglos aus dem besonders günstigen

Schreibstoff. So bekam jeder Tote eine Reihe von Papyrusrollen mit ins

Grab, auf denen Zauberformeln geschrieben waren, um die Gefahren der

Seele auf dem Weg in den Himmel zu überwinden. In Hermopolis verehrte

man den Mondgott Thot auch als Erfinder der Schrift.

Aus dem alten Ägypten läßt sich auch ein Beispiel der zeitlichen

Fernwirkung der Schrift melden, wie es kaum ein ähnliches gibt: Im

14. Jhdt. v. Chr. machte Amenophis IV. den Versuch, die Vielgötterei

auszurotten und durch die alleinige Verehrung der Sonnenscheibe,

Aten, zu ersetzen. Mit Hilfe seiner Theologen wurde der Kult

systematisch durchgebildet. Er blieb eine Episode. Aber die

Sonnenspekulationen blieben erhalten, und man wird nicht fehlgehen,

daß die Logosspekulationen des Ägypters Philo in ihnen wurzeln,

jene Logosspekulationen, die durch die christlichen Theologen der

alexandrinischen Schule, Clemens, Origenes und Athanasius, von

entscheidendem Einfluß auf das christliche Dogma wurden, durch dieses

bis auf unsere Zeit, also schon im vierten Jahrtausend, wirksam sind.

Lassen Sie mich hier nur kurz erwähnen, daß auch bei den Griechen eine

reiche mythologische Literatur bestand, daß der auf den Buddhismus

in Indien folgende Hinduismus unter Zurückgreifen auf die vedische

Überlieferung eine reiche Literatur bis auf unsere Tage entwickelt hat,

mit der er in jüngster Zeit durch Vertreter wie Rabindranath Tagore

auch in das Abendland herüberwirkt.

Eingehendere Behandlung der zeitlichen und räumlichen Fernwirkung

des Schrifttums erfordert hier aber das Christentum, wenn ich mich

auch auf eine Reihe von Andeutungen beschränken muß, um mich tiefer

schürfender Betrachtung zuwenden zu können. Man bedenke, daß heute die

Bibel allein von der Britischen Bibelgesellschaft in ganzer Ausdehnung

in 135 Sprachen, das Neue Testament allein in 127, einzelne Teile der

Bibel in 295, insgesamt also in 537 Sprachen vertrieben wird. Man

überlege ferner, daß die Britische Bibelgesellschaft bis zum Jahre

1903 schon gegen 300 Millionen biblische Bücher hinausgab, daß noch

von unzählig vielen Stellen Bibeln gedruckt werden in unbekannt hohen

Auflagen, so erhält man eine räumliche Fernwirkung von nie dagewesener

Ausdehnung, d. h. fast wo ein Mensch des Lesens kundig ist, steht ihm

eine Bibel zur Verfügung.

Daneben steht die um über 1½ Jahrtausend wirkende zeitliche Fernwirkung

der Bibel in der von den Kirchenvätern festgelegten Gestalt, der

die Wirkung der einzelnen Teile des Neuen Testaments um mehrere,

des Alten Testaments um schwer zählbare Jahrhunderte vorangeht. Man

denke der vielen fleißigen Hände, die im Altertum und Mittelalter

durch Abschrift und Übersetzung zur Erhaltung und Verbreitung der

Bibel beitrugen. Fünfzig Evangelienhandschriften ließ Konstantin für

seine Stadt Konstantinopel herstellen, und seit dem 4. Jahrhundert

bürgerte sich der Brauch ein, bei den heiligen Büchern den Schwur

zu leisten. Vor allem aber betrachten Sie in diesem Zusammenhang

Luthers Übersetzungstat, die für uns Deutsche im Verein mit der

Buchdruckerkunst erst den Grund legte zu jener schon erwähnten

märchenhaften Fernwirkung in alle Teile der Bevölkerung. Hier mag

erwähnt sein, daß ich bei einer Buchhändlerfamilie, den Nürnberger

Endter, im 17. und 18. Jahrhundert eine Unzahl von evangelischen

und katholischen Bibelausgaben feststellen konnte, angefangen von

den vielen Ausgaben der Kurfürstenbibel im großen Format bis zu

lateinischen und deutschen Ausgaben der Vulgata, sogar eine ganz auf

Pergament gedruckte lutherische Ausgabe im Oktavformat ging durch meine

Hände.

Weiter sei erwähnt die riesenhafte Verbreitung mancher Andachtsbücher.

Ich erwähne, von den Meßbüchern, Gesang- und Gebetbüchern abgesehen,

als Beispiele das Buch von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen,

das seit dem 15. Jahrhundert in zahllosen Ausgaben und Übersetzungen

weiterwirkt, weiter des evangelischen Theologen Arnd »Wahres

Christentum« und sein »Paradiesgärtlein«, letzteres ein Buch, das im

17. Jahrhundert wohl alle Buchdrucker Deutschlands in ungezählten

Auflagen druckten. Dies mag an Beispielen und Hinweisen für die äußere

Machtentfaltung des Schrifttums auf christlich-religiösem Gebiet

genügen.

Buch und Bildung: Eine Aufsatzfolge · 第 1 / 5 段