1. Oktober.

Ich fuhr auf der Eisenbahn über Leipzig nach Dresden, bestieg noch

denselben Tag Abends 8 Uhr den Eilwagen, der in 18 Stunden Prag erreichte.

Von den reizenden Partieen und Aussichten des Nollendorfer Berges genossen

wir nichts, da es noch Nacht war, als wir ihn passirten. -- Des Morgens

sahen wir zwei schöne Denkmäler, deren eines, eine 54 Fuß hohe Pyramide,

dem Andenken des Feldzeugmeisters Grafen _Kolloredo_, das andere dem

Andenken der russischen Truppen errichtet wurde. Beide entstanden nach den

napoleonischen Kriegen.

Nun ging es fort durch reizende Gegenden nach dem berühmten Badeorte

_Teplitz_, das außer seinen heißen Gesundheitsquellen noch die großartigste

Umgebung besitzt, und so ausgerüstet gewiß mit jedem Badeorte in die

Schranken treten darf.

Auf der fortgesetzten Route sieht man einen isolirt stehenden Basaltfelsen,

_Boren_, der die Aufmerksamkeit des Fremden schon von ferne auf sich

zieht, und gewiß nicht nur als Naturschönheit, sondern auch als

Naturmerkwürdigkeit der Mühe werth wäre, genauer besehen zu werden. -- Wir

konnten dieß nicht, wir eilten fort nach Prag, um noch vor 6 Uhr Abends

einzutreffen, und den Eisenbahn-Train, der um diese Stunde nach Wien

abgeht, nicht zu versäumen.

Wer malt sich unsern Schrecken, als wir an die Stadtthore Prags kamen, uns

da die Pässe abgenommen und nicht wieder zurückgegeben wurden. -- Vergebens

wiesen wir auf das Visa von _Peterswalde_ -- dem Grenzorte -- hin;

vergebens bedeuteten wir unsere Eile. -- Man war so höflich uns ganz kurz

mit den Worten zu expediren: »Das geht uns nichts an, morgen können Sie

Ihre Papiere auf der Polizei-Direction holen lassen.« -- Hiermit waren wir

abgefertiget und verloren 24 Stunden.

Ich muß doch eines kleinen Scherzes erwähnen der mir auf dieser Fahrt von

Dresden nach Prag begegnete. -- In dem Eilwagen saßen außer mir noch eine

Frau und zwei Herren. Die Frau hatte zufälliger Weise mein Reisetagebuch

nach Palästina gelesen, und fragte mich, als sie meinen Namen erfuhr, ob

ich jene gereiste Frau sei. Nachdem ich mich dazu bekannt hatte, drehte

sich unser Gespräch viel sowohl um jene, als auch um meine jetzige Reise.

Einer der beiden Herren, Herr _Katze_, war sehr gebildet, und wußte

trefflich über Länder, Völkerkunde und andere wissenschaftliche Gegenstände

zu sprechen. Auch dem andern Herrn mochte es nicht an vollkommener Bildung

fehlen, nur machte er wenig Gebrauch davon. -- Herr K. blieb in Teplitz

zurück, und der Ungenannte fuhr mit mir bis nach Wien. Da fragte er mich

einst: »Nicht wahr, Herr K. hat Sie ersucht, seiner in Ihrem künftigen

Reisejournal mit Namen zu gedenken? Wenn Sie mir versprechen dasselbe zu

thun, so sage ich Ihnen auch meinen Namen.« -- Ich konnte mich des Lächelns

kaum enthalten, und versicherte ihn, daß Herrn K. so etwas gewiß nie in

den Sinn gekommen wäre, -- auch bäte ich ihn, damit er sehe, daß wir arme

Frauen mit Unrecht als neugierig gescholten werden, mir seinen Namen zu

verschweigen. -- Der gute Mann konnte es aber nicht, und ehe wir schieden,

nannte er sich mir: Nikolaus B.... -- Ich will aber doch lieber seinen

Namen verschweigen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil ich ihm nicht

versprochen habe, ihn zu nennen, und zweitens, weil ich gewiß nicht glaube,

ihm dadurch eine Artigkeit erweisen zu können.

Die Eisenbahn von Prag nach Wien geht über Olmütz, und macht einen so

bedeutenden Umweg, daß die Entfernung jetzt 66 Meilen beträgt. -- Die

Einrichtung der Eisenbahn selbst läßt noch Manches zu wünschen übrig.

Als ich fuhr, war noch nirgends ein Gasthof errichtet, und man mußte sich

während der ganzen Reise mit Obst, Bier, Butterbrod u. dgl. begnügen. Und

selbst diese Gegenstände waren schwer zu bekommen, da man es nicht wagen

konnte aus dem Wagen zu steigen. Der Conducteur rief auf jeder Station: »es

gehe gleich weiter,« obwohl der Zug oft eine halbe Stunde und noch länger

stehen blieb. Mit Gewißheit wußte man es doch nicht, und so mußte man mit

Geduld in dem Wagen ausharren. -- Die Conducteure waren auch nicht von dem

sanftesten Charakter -- eine Sache, die ich beinahe dem Clima zuschreiben

möchte; denn schon als wir von der sächsischen Grenze an die Grenze des

österreichischen Staates zu _Peterswalde_ kamen, empfing uns der Herr

Controllor eben nicht am freundlichsten. Wir boten ihm zweimal einen

guten Abend; er schien es zu überhören und forderte in ziemlich lautem und

barschem Tone unsere Papiere; wahrscheinlich hielt _er uns_ so wie _wir

ihn_ für taub. -- Auch zu _Gänserndorf_, 6 Meilen von Wien, nahm man unsere

Papiere auf sehr unfreundliche, wenig zuvorkommende Art in Empfang.

Am 4. October 1845, nach einer Abwesenheit von sechs Monaten, begrüßte ich

endlich wieder -- wie viele meiner Landsmänninen sagen würden -- meinen

lieben Stephansthurm.

Viel hatte ich ausgestanden und gelitten; doch wären alle Gefahren und

Beschwerden auch noch viel ärger gewesen, meine Reiselust würde sich doch

nicht gemindert haben, mein Muth wäre nicht gesunken. -- Ich ward für Alles

reichlich entschädigt. -- Ich sah Dinge, wie sie im gewöhnlichen Leben wohl

nie vorkommen; -- ich sah Menschen -- in ihrer Natürlichkeit -- wie man

sie auch nur selten trifft. -- Und vor Allem brachte ich die Erinnerung des

Geschehenen mit, welche mir ewig bleiben wird, und in welcher noch Jahre

lang die gehabten Genüsse sich wiederholen werden.

Nun nehme ich Abschied von meinen lieben Lesern und Leserinen, und bitte,

vorlieb zu nehmen mit meinen einfachen Worten und meinen vielleicht

wenig ergötzlichen, aber gewiß wahren Schilderungen. -- Haben sie ihnen

vielleicht doch wider mein Vermuthen einiges Vergnügen gemacht, so mögen

sie dafür in ihrer Erinnerung ihrer Landsmännin ein kleines Plätzchen

gönnen.

Zum Schluße sei es mir erlaubt, meinem Werkchen noch einen kleinen Anhang

beizufügen, der vielleicht für manche meiner Leser nicht uninteressant sein

dürfte, und zwar:

1. Ein Document, welches ich mir in Reikjavik verschaffte, und aus welchem

man die Besoldungen der königl. dänischen Beamten, so wie auch verschiedene

andere Taxen und Gebühren ersehen kann.

2. Ein Verzeichniß der isländischen Insekten, Schmetterlinge, Blumen und

Kräuter, die ich sammelte und mit in meine Vaterstadt brachte.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band. · 第 45 / 57 题