20. September.

Gestern Abend wurde, des widrigen Windes wegen, Anker geworfen, und erst

heute Morgens die Fahrt nach dem Städtchen _Calmar_ fortgesetzt, welches

wir gegen 10 Uhr Vormittags erreichten. Das Städtchen liegt auf einer

unübersehbaren Ebene, und bietet nicht viel Interessantes. Höchstens

könnten die ausgezeichnet schöne Kirche und das sehr alterthümliche Schloß

den Wunsch erregen, da einige Stunden verweilen zu dürfen. Uns wurde

dieser Wunsch nur zu sehr gewährt. Wind und Wogen schienen sich gegen uns

verschworen zu haben, und der Kapitain kündigte uns daher eine ungewisse

Frist des Bleibens an. -- Man wollte uns anfangs nicht an das Land setzen,

da die Wogen zu hoch gingen. Endlich wagte sich doch eines der größeren

Boote heran, und die Neugierigsten unter uns wagten es, das schwankende

Fahrzeug zu besteigen, und an das Land zu schiffen.

Die Kirche würde man dem äußern Bau nach für ein schönes, aus vergangenen

Zeiten stammendes Schloß halten. Vier schöne Eckthürme geben ihr dieses

Ansehen, das noch dadurch vermehrt wird, daß die Kuppel das Gebäude

nur wenig überragt, und die übrigen Thürme, die hie und da als Zierde

angebracht sind, kaum bemerkbar werden. Das Innere der Kirche zeichnet

sich durch Größe, Höhe und durch ein besonders schönes Echo aus. Einen

ergreifenden Eindruck sollen die Töne der Orgel hervor bringen. -- Wir

sandten um den Organisten, der aber leider nirgend zu finden war, und wir

mußten uns mit dem Echo unserer Stimmen begnügen. -- Von da wanderten wir

in das kaum zehn Minuten weit entfernte alte königliche Schloß, welches

unter der Königin Margaretha im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Im Innern

ist dieses Schloß so gänzlich verfallen, daß ein längeres Verweilen in den

obern Sälen beinahe nicht rathsam wäre. Die untern Gemächer des

Schlosses wurden ausgebessert und dienen als Gefängnisse; aus vielen der

eisenvergitterten Fenster ragten Arme hervor und flehende Stimmen baten uns

Vorübergehende um eine kleine Gabe. -- Es sollen sich gegenwärtig über 140

Gefangene hier befinden.

Gegen 3 Uhr Nachmittag ließ der Wind etwas nach, und wir setzten die Reise

fort. -- Die Fahrt in dem Calmars-Sunde ist höchst einförmig, da man nichts

als flache öde Ufer an den Seiten hat; ein Wäldchen gehört schon zu den

Seltenheiten.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band. · 第 41 / 57 题