Gestern Abend wurde, des widrigen Windes wegen, Anker geworfen, und erst
heute Morgens die Fahrt nach dem Städtchen _Calmar_ fortgesetzt, welches
wir gegen 10 Uhr Vormittags erreichten. Das Städtchen liegt auf einer
unübersehbaren Ebene, und bietet nicht viel Interessantes. Höchstens
könnten die ausgezeichnet schöne Kirche und das sehr alterthümliche Schloß
den Wunsch erregen, da einige Stunden verweilen zu dürfen. Uns wurde
dieser Wunsch nur zu sehr gewährt. Wind und Wogen schienen sich gegen uns
verschworen zu haben, und der Kapitain kündigte uns daher eine ungewisse
Frist des Bleibens an. -- Man wollte uns anfangs nicht an das Land setzen,
da die Wogen zu hoch gingen. Endlich wagte sich doch eines der größeren
Boote heran, und die Neugierigsten unter uns wagten es, das schwankende
Fahrzeug zu besteigen, und an das Land zu schiffen.
Die Kirche würde man dem äußern Bau nach für ein schönes, aus vergangenen
Zeiten stammendes Schloß halten. Vier schöne Eckthürme geben ihr dieses
Ansehen, das noch dadurch vermehrt wird, daß die Kuppel das Gebäude
nur wenig überragt, und die übrigen Thürme, die hie und da als Zierde
angebracht sind, kaum bemerkbar werden. Das Innere der Kirche zeichnet
sich durch Größe, Höhe und durch ein besonders schönes Echo aus. Einen
ergreifenden Eindruck sollen die Töne der Orgel hervor bringen. -- Wir
sandten um den Organisten, der aber leider nirgend zu finden war, und wir
mußten uns mit dem Echo unserer Stimmen begnügen. -- Von da wanderten wir
in das kaum zehn Minuten weit entfernte alte königliche Schloß, welches
unter der Königin Margaretha im 16. Jahrhundert erbaut wurde. Im Innern
ist dieses Schloß so gänzlich verfallen, daß ein längeres Verweilen in den
obern Sälen beinahe nicht rathsam wäre. Die untern Gemächer des
Schlosses wurden ausgebessert und dienen als Gefängnisse; aus vielen der
eisenvergitterten Fenster ragten Arme hervor und flehende Stimmen baten uns
Vorübergehende um eine kleine Gabe. -- Es sollen sich gegenwärtig über 140
Gefangene hier befinden.
Gegen 3 Uhr Nachmittag ließ der Wind etwas nach, und wir setzten die Reise
fort. -- Die Fahrt in dem Calmars-Sunde ist höchst einförmig, da man nichts
als flache öde Ufer an den Seiten hat; ein Wäldchen gehört schon zu den
Seltenheiten.