Früh, zeitlich des Morgens setzte ich meine Reise wieder fort. Unweit
Skalholt kamen wir an den Fluß _Thiorsa_, der ziemlich tief und sehr
reißend ist. Wir wurden in einem Boote übergesetzt; die Pferde mußten
durchschwimmen. Es braucht oft viel Mühe diese Thiere in solche Ströme zu
bringen; sie entdecken gleich, daß sie da schwimmen müssen. -- Führer und
Bootsmann dürfen sich nicht eher vom Ufer entfernen, als bis sie vom Strome
erfaßt sind, und selbst dann noch müssen sie ihnen Steine nachwerfen, mit
der Peitsche drohen, und sie durch Lärmen und Geschrei erschrecken, damit
sie nicht wieder umkehren.
Nachdem wir ungefähr drei Meilen auf größtentheils sumpfigen Wegen
zurückgelegt hatten, kamen wir zu einem schönen Wasserfalle des _Huitha_.
-- Dieser Fall war nicht so sehr durch seine Höhe -- die betrug kaum 15 bis
20 Fuß, -- als vielmehr durch seine Breite und Wasserfülle ausgezeichnet.
-- Einige schöne Felsentrümmer sind an der Kante des Sturzes derart
gelagert, daß sie ihn auf Augenblicke in drei Theile theilen; doch unter
ihnen vereinigt sich der Sturz gleich wieder. -- Das Bett dieses Flußes
besteht, so wie auch seine Ufer, aus Lava.
Merkwürdig ist an diesem Flusse die Farbe des Wassers; sie spielt so sehr
in's Milchweiße, daß wenn die Sonne darauf scheint, wirklich keine starke
Einbildungskraft dazu gehört, die ganze Flüssigkeit für Milch zu halten.
Eine kleine ¼ Meile oberhalb des Wasserfalles muß man den Huitha, der einer
der bedeutendsten Flüsse Island's ist, in einem Boote übersetzen. -- Dann
zieht sich der Weg durch Wiesen, die jedoch weniger versumpft sind, als
ihre Vorgängerinen, bis zu einem großen Lavastrome, durch den man an die
Nähe des fürchterlichen Feuerspeiers _Hekla_ erinnert wird.
Noch waren mir in Island keine so großen Strecken, wie vom Thale des
Geisers bis hierher, vorgekommen, die ich hätte durchziehen können, ohne
auf Lavaströme zu stoßen. -- Und selbst dieser hier schien für die schönen
Wiesen einiges Mitleid zu empfinden; er theilte sich an mehreren Stellen
in zwei Arme, und umschloß so die lachende Flur. Doch auf lange hatte er
wahrscheinlich den nachstürmenden Massen nicht widerstehen können; er ward
mit fortgerissen, um überall hin Tod und Vernichtung zu tragen. --
Flächen, die mit dunklem Sande überdeckt waren, und steile Hügel, die sich
dazwischen lagerten, machten den Weg etwas mühevoll und beschwerlich.
So ging es fort bis zu dem Oertchen _Struvellir_, wo wir anhielten und
unsere Pferde einige Stunden ruhen ließen. Wir trafen hier eine große
Versammlung von Menschen und Thieren.[2] Es war gerade Sonntag, und noch
dazu ein recht warmer, sonnenklarer, und da wurde in der hübschen Kirche
großer Gottesdienst gehalten. -- Nach Beendigung desselben sah ich eine
recht artige, ländliche Scene. Die Leute strömten alle aus der Kirche --
ich zählte 96 Personen -- eine unerhörte Versammlung für Island -- theilten
sich in verschiedene Gruppen, und schwatzten und schäckerten, wobei sie
jedoch nicht vergaßen, ihre Kehlen mit Brandwein zu befeuchten, von dem sie
bedeutende Quantitäten zur Vorsorge mitgenommen hatten. Dann zäumten sie
ihre Pferde, und schickten sich zu ihrer Abreise an. Nun regnete es Küsse
von allen Seiten und das Abschiednehmen hatte kein Ende, -- die Armen
wissen ja nie, ob und wann sie sich wieder zusammen finden.
[2]: In Island reitet Alles.
In ganz Island besteht Willkomm und Abschied in einem derben Kusse, -- ein
Gebrauch der für den Nicht-Isländer sehr ekelhaft ist, wenn er einen Blick
auf die häßlichen, schmutzigen Gesichter, auf die tabaktriefenden Nasen
der Alten und auf die ....... der Kinder wirft. Jedoch für den Isländer
hat dieß nichts auf sich. Alle küßten den Priester und er wieder sie, dann
küßten sie sich untereinander, und so ging es fort und fort. Es herrscht
hierbei nicht einmal Rangunterschied, und ich war nicht wenig erstaunt
zu sehen, wie mein Führer, ein ganz gewöhnlicher Bauersknecht, ein halb
Dutzend Töchter eines Sysselmanns küßte, oder die Frau und die Kinder
irgend eines Pastors, oder den Sysselmann, den Pastor oder Probst selbst,
und wie diese seine Küsse eben so herzlich erwiederten. -- Ländlich,
sittlich.
Die Ceremonieen in der Kirche fangen gewöhnlich erst gegen Mittag an und
dauern zwei auch drei Stunden. -- Die Lebhaftigkeit vor der Kirche ist
deßhalb so groß, weil es nirgend eine Gaststube gibt, in der man sich
versammeln, oder einen Stall, in den man die Pferde sperren könnte. Alles
muß unter freiem Himmel bleiben.
Als der Gottesdienst beendet war, besuchte ich den Priester, Herrn
_Horfuson_; er war so gütig, mir seine Begleitung nach dem zwei Meilen
entfernten Oertchen _Sälsun_ anzutragen, hauptsächlich um dort für mich mit
einem Führer nach dem Hekla zu unterhandeln.
Ich war doppelt froh, diesen guten Mann an meiner Seite zu haben, da wir
einen sehr gefährlichen Strom zu passiren hatten, der sehr reißend und so
tief war, daß er den Pferden bis an die Brust reichte. Trotz dem, daß
wir die Füße so viel als möglich hinauf zogen, wurden wir dennoch tüchtig
durchnäßt. -- Eine derlei Partie gehört zu den unangenehmsten, die ich
kenne. -- Das Pferd schwimmt mehr als es geht, und dieß erzeugt eine höchst
widerliche Empfindung. Man weiß gar nicht, wohin man sehen soll; sieht man
in den Strom, so wird man sehr leicht vom Schwindel erfaßt, und sieht man
nach dem Ufer, so ist es auch nicht viel besser, denn dieses scheint sich
ordentlich zu bewegen und davon zu gleiten, was natürlich daher rührt, weil
das Pferd, von der Strömung erfaßt, ein Stück abwärts gerissen wird. --
Zu meiner großen Beruhigung ritt der Priester an meiner Seite, um mich zu
erfassen, wenn ich mich auf dem Pferde nicht mehr sollte erhalten können.
-- Glücklich überstand ich auch diese Feuer- -- nein -- Wasserprobe,
und als wir das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte mich Herr H.
aufmerksam, wie weit wir von der Strömung waren mitgerissen worden.
Das Thal, in welchem _Sälsun_ und der _Hekla_ liegen, ist eben wieder eines
derjenigen, die man nur in Island finden kann. -- Es umfaßt die größten
Contraste. Da sind wunderliebliche Fluren, wie mit einem prächtigen
sammtgrünen Teppiche überzogen, dort wieder Hügel von schwarzer, glänzender
Lava; -- ja die Wiesen selbst sind durchschnitten von Lavaströmen und
Sandflächen. Bekanntlich hat der Hekla die schwärzeste Lava und den
schwärzesten Sand; hier ist nun Alles von ihm, Hügel und Berg, Lava und
Sand; und man kann sich denken, wie das aussieht. Ein einziger Berg an
der linken Seite des Hekla ist rothbraun, und mit Sand und Gerölle von
derselben Farbe ganz bedeckt. In der Mitte ist er stark eingesunken, und
scheint einen großen Krater zu bilden. -- Der Hekla selbst schließt sich
unmittelbar an die rund um ihn her aufgethürmten Lavaberge, und erscheint
von hier gesehen auf ihnen, wie ein höherer Aufsatz. Er ist von mehreren
Gletschern umgeben, deren glänzende Schneefelder sich tief herab neigen,
und deren Flächen wohl nie von einem menschlichen Fuße betreten wurden.
Mehrere seiner Seitenwände waren ebenfalls mit Schnee bedeckt. Links im
Thale bei Sälsun, und am Fuße eines Lavahügels liegt ein lieblicher See, an
dessen Ufer eine bedeutende Schafheerde gelagert war. -- Unweit davon
steht ein schöner Berg, so vereinzelt und abgesondert, als ob er von seinen
Nachbarn verstoßen und hierher gewiesen worden wäre. -- Ueberhaupt ist
die Ansicht dieser ganzen Landschaft so echt isländisch, so eigen und
merkwürdig, daß sie gewiß für immer meinem Gedächtnisse eingeprägt bleiben
wird.
Das Oertchen _Sälsun_ liegt am Fuße des Vorgebirges Hekla; man sieht es
aber erst, wenn man es schon beinahe erreicht hat.
Als wir zu _Sälsun_ angelangt waren, war das Erste, einen Führer zu suchen,
und Alles zur Besteigung des Hekla vorzubereiten und auszuhandeln. Der
Führer hatte für mich ein Pferd zu schaffen, und mich nebst meinem frühem
Führer bis auf die Spitze des Hekla zu geleiten. -- Er begehrte 5 Thaler
und 2 Mark, nach unserem Gelde 5 fl. 20 kr. CM., eine unverschämte
Forderung, -- für das Pferd rechnete er nur 20 kr., für sich selbst 5 fl.,
-- eine Summe, mit der er gewiß einen ganzen Monat leben konnte. -- Doch
was war zu machen? Ein anderer Führer war nicht zu finden, das wußte
er wohl, und so mußte ich in Gottes Namen einwilligen. -- Nachdem Alles
geordnet war, empfahl sich mein gütiger Beschützer, mir viel Glück zur
morgigen beschwerlichen Reise wünschend.
Ich sah mich nun nach einer Stelle um, wo ich die Nacht zubringen konnte;
-- ach, ein ekelhaftes Loch ward mir zu Theil. Man stellte mir eine
Truhe hinein, die etwas kürzer war als meine Person, die sollte mir
zur Schlafstelle dienen; neben ihr hing ein mehr als ellenlanger halb
verfaulter Fisch, der bereits das ganze Gemach mit seinem Gestank verpestet
hatte. Ich konnte kaum Athem holen, und mußte, da keine andere Oeffnung
vorhanden war, die Thüre offen lassen, und derart die zahlreichen Besuche
der liebenswürdigen Einwohner empfangen. -- Wahrhaftig eine schöne Erholung
und Stärkung für die morgende Reise!
Am Fuße des Hekla, und besonders in dieser Gegend, scheint Alles unterhöhlt
zu sein. -- Solch dumpfe dröhnende Töne, wie sie hier den schweren
Fußtritten der Bauern nachhallten, hörte ich weder auf dem Vesuv, noch
sonst wo. -- Diese Töne machten einen besonders schauerlichen Eindruck
auf mich, da ich in der Nacht so ganz allein in diesem finstern Loche
eingeschlossen war.
Mein Hekla-Führer -- ich nenne ihn so zum Unterschiede meines andern --
meinte, daß wir Morgens um zwei Uhr aufbrechen sollten. Ich war vollkommen
damit einverstanden, wußte aber schon voraus, daß wir um fünf Uhr auch noch
nicht zu Pferde sitzen würden.
Wie gedacht, so geschehen. Erst um halb sechs Uhr waren wir vollkommen
ausgerüstet, und zum Aufbruche bereit. Außerdem, daß wir Brod und Käse,
eine Flasche Wasser für mich und eine Flasche Brandwein für meine Führer
mitnahmen, hatten wir uns auch mit langen Stöcken, die unten in eisernen
Spitzen ausgingen, versehen, um damit den Schnee sondiren, und uns auf sie
stützen zu können.
Der schönste, wärmste Morgen begünstigte uns, und guten Muthes galoppirten
wir über die Wiesen, und die daran stoßenden Sandflächen. Mein Führer nahm
dieß schöne Wetter für eine besonders glückliche Vorbedeutung; er sagte
mir, daß Herr _Geimard_ -- der bereits erwähnte französische Gelehrte und
Naturforscher -- drei Tage auf schönes Wetter habe warten müssen. -- Dieß
sei nun schon neun Jahre, und seitdem habe Niemand den Hekla erstiegen. Ein
Prinz von Dänemark, der vor einigen Jahren ganz Island bereiste, sei zwar
auch da gewesen, aber unverrichteter Sache wieder weiter gezogen.
Der Weg führte anfänglich, wie gesagt, über eine schöne Wiese, und dann
über Flächen von schwarzem Sande, die von allen Seiten von Strömen, Hügeln
und Bergen aufgethürmter Lava umfangen sind. Immer mehr und mehr rücken
diese furchtbaren Massen zusammen, und gewähren oft kaum den Ausweg durch
eine enge Schlucht; da muß man über Lava-Blöcke klettern, Hügel und Berge
erklimmen, und findet kaum ein Plätzchen, den Fuß fest zu stellen. Lava
rollte neben und hinter uns, und wir mußten sehr auf der Hut sein, nicht
selbst zu rollen, oder von der rollenden Lava getroffen zu werden. Das
Gefährlichste waren aber die mit Schnee ausgefüllten Schluchten, über
die wir setzen mußten; der Schnee war, durch die Wärme der vorgerückten
Jahreszeit, doch schon erweicht worden, und so sanken wir beinahe bei jedem
Schritte ein, oder was noch schlimmer war, glitten oft mehr zurück als wir
vorwärts kamen. Ich glaube kaum, daß es einen zweiten Berg geben kann, bei
dessen Ersteigung man mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.
Nachdem wir nach vierthalbstündiger Mühe den letzten Höhen des Berges nahe
kamen, mußten wir auch die Pferde zurück lassen. -- Ich hätte dieß zwar
schon lange gethan, da mich die armen Thiere erbarmten, wie sie über die
Abhänge, man könnte beinahe sagen, über diese rollenden Berge, mehr fielen
als kletterten, aber mein Hekla-Führer ließ es nicht zu. Theilweise kamen
doch Stellen, wo wir sie benützen konnten, und dann behauptete er, müsse
ich so weit als möglich reiten, um den nachfolgenden Beschwerden gewachsen
zu sein. -- Und er hatte recht; -- ich glaube kaum, daß ich es ausgehalten
hätte, all diese Strecken zu Fuß zurück zu legen; denn wenn man schon
glaubt den letzten Höhen des Berges ganz nahe zu sein, lagern sich
abermals Hügel und Ströme von Lava dazwischen, und man sieht sich vom Ziele
entfernter als zuvor.
Mein Führer sagte mir, daß er noch nie Jemanden zu Pferde so weit geführt
habe, wie mich. -- Ich glaube es gerne, -- schon das Gehen war schrecklich,
das Reiten aber wahrhaft fürchterlich!
Auf jeder erkämpften Höhe entrollten sich neue Bilder der ödesten,
traurigsten Gegend. Alles war starr und todt, überall ausgebrannte schwarze
Lava. -- Es war ein schmerzliches Gefühl, so weit zu sehen, und doch nichts
zu erschauen, als eine steinige Wüste, ein unermeßliches Chaos.
Noch hatten wir zwei Höhen zu erklimmen, -- es waren die letzten, aber
auch die schrecklichsten. Da ging es steil über Lavamassen, die ordentlich
stachelig waren, und die ganze Spitze des Berges bedeckten. -- Wie oft
ich da fiel, und wie oft ich mir die Hände an den feinen Zacken der Lava
aufritzte, kann ich gar nicht sagen. Ach! es war eine gräßliche Partie.
Die blendende Weiße des Schnees wirkte beinahe blind machend gegen die
glänzend schwarze Lava daneben. Wenn ich Schneefelder ersteigen mußte, sah
ich nach der Lava gar nicht hinüber; ich hatte es einigemal versucht,
und hätte darauf bald meinen Weg nicht mehr gesehen, ich wäre schneeblind
geworden.
Endlich nach abermaligem zweistündigem Klettern war die Spitze des Berges
erstiegen. -- Ich stand nun auf dem _Hekla_, und suchte vor Allem den
Krater auf der schneelosen Spitze, und -- fand ihn nicht. Ich war um so
mehr erstaunt auf dem Hekla keinen Krater zu finden, da ich in einigen
Reisebeschreibungen ganz ausführliche Berichte davon gelesen hatte.
Ich umging die ganze Spitze des Berges, ich kletterte bis zu dem
anstoßenden Jokul -- nirgends bemerkte ich eine Oeffnung, einen Riß, eine
eingedrückte Wand, oder sonst irgend ein Anzeichen eines Kraters. Nur an
den etwas tiefer gelegenen Seiten des Berges, aber durchaus nicht an dem
eigentlichen Kogel, sah ich weite Risse und Schlünde, aus welchen sich
wahrscheinlich die Lavaströme ergossen haben werden.
Die Höhe des Berges soll 4300 Fuß betragen.
Schon während der letzten Stunde unseres Hinaufklimmens hatte sich die
Sonne verdunkelt. Nebelwolken stürmten von den nahen Gletschern herüber,
verbargen die Ferne, und hüllten bald auch uns dermaßen ein, daß wir kaum
zehn Schritte weit sehen konnten. Endlich lösten sie sich auf, -- aber
glücklicher Weise nicht in Regen, sondern in Schnee, der in reichlicher
Menge die schwarze krause Lava mit großen Flocken überstreute. -- Der
Schnee blieb liegen, und der Thermometer wies 1 Grad Kälte.
Nach und nach erschien der Himmel wieder in seinem unnachahmlichen zarten
Blau, und auch die Sonne säumte nicht länger uns zu erfreuen. Ich blieb
oben auf der Spitze des Berges, bis die Wolken auch in der Ferne sich
theilten und mir eine willkommene Rundansicht gestatteten.
Solch ein Bild, wie ich es hier sah, meinen Lesern zu versinnlichen, ihnen
die Zerstörung, Ausdehnung und Anhäufung dieser Lavamassen zu beschreiben,
ist leider meine Feder viel zu schwach. -- Ich meinte in einem Krater zu
stehen, das Ganze schien mir ein ausgebrannter Feuerherd. -- Hier waren
Lavamassen übereinander gethürmt zu steilen unersteigbaren Bergen, -- dort
füllten versteinerte Ströme, deren Breite und Länge ich gar nicht ersehen
konnte, unermeßliche Thäler. -- Alles war über- und durcheinander geworfen,
und doch unterschied man wieder deutlich die Bahn der letzteren Ausbrüche.
Man ist in der Mitte der gräßlichsten Schluchten, Höhlen, Ströme, Thäler
und Berge; man faßt es kaum, wie es möglich gewesen sei, bis hierher zu
dringen, und wird von Angst und Entsetzen ergriffen bei dem unwillkührlich
sich aufdringenden Gedanken, vielleicht nimmer wieder aus diesem gräßlichen
Labyrinthe hinaus finden zu können.
Hier, von der Spitze des Hekla konnte ich weit hinein in das unbewohnte
Land sehen -- das Bild einer erstarrten Schöpfung, todt und regungslos, und
doch dabei so einzig großartig, -- ein Bild, das, nur einmal gesehen, nie
mehr dem Gedächtnisse entschwindet, und dessen Erinnerung allein schon für
alle ausgestandenen Beschwerden und Gefahren reichlich entschädiget! Eine
ganze Welt von Gletschern, Lavamassen, Schnee- und Eisfeldern, Flüßen
und kleinen Seen liegt da aufgeschlossen, nie hat es ein menschlicher Fuß
gewagt, ihr Inneres zu betreten. -- Wie muß es da gewüthet und gearbeitet
haben, bis solche Gestaltungen geschaffen wurden? -- Und wird es nun genug
damit sein? -- Hat das Element ausgetobt, oder ruht es nur, gleich der
hundertköpfigen Hydra, um mit verdoppelter Kraft wieder hervor zu brechen,
und auch noch jene Gegenden zu verwüsten, die ohnehin schon, so weit dem
Meere zugedrängt, sich nur als bescheidener Kranz um das Innere des Landes
winden. -- Ich danke Gott, daß er mich dies Chaos seiner Schöpfung schauen
ließ; aber doppelt danke ich ihm, daß er mich in Gefilden leben läßt, wo
die Sonne mehr zu thun hat, als nur den Tag zu schaffen; wo sie wirkend und
wärmend Pflanzen und Thiere belebt, und das Herz des Menschen zur Freude
und zum Dank gegen den Schöpfer stimmt.[3]
[3]: Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit eines sonderbaren
Zufalls zu erwähnen. Als ich im Jahre 1842 am Fuße des Aetna war, fand
ich sein feuerspeiendes Element besänftiget. -- Erst einige Monate nach
meiner Abreise flammte es mit erneuerten Kräften auf. Als ich nun auf
meiner Rückreise vom Hekla nach Reikjavik kam, äußerte ich scherzweise,
daß es doch höchst sonderbar wäre, wenn nun dieser »Aetna des Nordens«
auch zum Ausbruche käme. -- Und kaum war ich fünf Wochen von Island
entfernt, geschah dieß wirklich, und er flammte stärker als je. --
Um so merkwürdiger ist dieser Zufall, da der Hekla nun achtzig Jahre
geschwiegen hatte, und bereits für einen ausgebrannten Krater angesehen
wurde. -- Käme ich jetzt wieder nach Island, so würde man mich als
»böse Prophetin« betrachten, und ich wäre wahrscheinlich kaum meines
Lebens sicher.
Die Westmanns-Inseln, die man vom Hekla aus erblicken soll, konnte ich
nicht finden, wahrscheinlich waren sie von Wolken verdeckt.
Schon während der Besteigung des Hekla hatte ich häufig die Lava berührt,
theils unfreiwillig, wenn ich fiel, theils freiwillig, um eine heiße oder
wenigstens warme Stelle zu finden. -- Ich war so unglücklich auf lauter
kalte zu treffen. Nichts konnte mir daher erwünschter kommen, als der so
eben gefallene Schnee. Ueberall sah ich begierig herum, ein Plätzchen zu
entdecken, wo ihn die unterirdische Hitze nicht dulden würde. -- Dahin wäre
ich dann geeilt, und das Gesuchte wäre gefunden gewesen. -- Leider
blieb der Schnee an allen Orten liegen. Auch Rauchwolken sah ich nirgend
aufsteigen, obwohl ich stundenlang meine Augen nicht von dem Berge wendete,
den ich hier auch von allen Seiten bis tief hinab ganz überschauen konnte.
Als wir hinab stiegen, fanden wir in einer Tiefe von 5-600 Fuß den Schnee
im Schmelzen; noch tiefer rauchte der ganze Berg, eine Erscheinung, die
ich für eine Folge der plötzlich eingetretenen Sonnenwärme hielt; mein
Thermometer zeigte nämlich jetzt neun Grade Wärme. Ich beobachtete sie
häufig auch an Bergen, die nicht zu den Feuerspeiern gehörten. -- Die
Stellen, wo der Rauch aufstieg, waren ebenfalls kalt.
Die eigentliche glatte, kohlschwarze, glänzende und durchaus nicht poröse
Lava findet man nur auf dem Hekla selbst und in seinen nähern Umgebungen.
Doch ist nicht alle Lava so; man sieht auch zackige, glasige und poröse;
jede ist aber schwarz, so wie ebenfalls der Sand, welcher eine Seite des
Hekla überdeckt. Je weiter Lava und Sand von diesem Berge entfernt
sind, desto mehr verlieren sie jene Schwärze, und ihre Farbe geht ins
eisenfarbige, ja sogar ins lichtgraue über; manche Lava behält jedoch,
selbst bei dieser lichten Farbe, den Glanz und die Glätte der schwarzen
bei.
Nach dem mühevollsten Herabsteigen, und nachdem wir zur ganzen Partie über
zwölf Stunden verwendet hatten, erreichten wir glücklich wieder Sälsun,
und ich wollte mich eben, etwas niedergeschlagen, in meine frühere Wohnung
begeben, schaudernd bei dem Gedanken, hier abermals eine Nacht zubringen zu
müssen, -- da überraschte mich mein Führer sehr angenehm durch die Frage,
ob ich nicht vielleicht heute noch nach Struvellir wolle? Die Pferde seien
hinlänglich ausgeruht, und dort könnte ich doch im Hause des Priesters ein
gutes Zimmer bekommen. -- Rasch war Alles zusammen gepackt und im Kurzen
saß ich wieder zu Pferde. -- Als ich jetzt zum zweiten Male in die tiefe
Rangaa kam, durchritt ich sie schon furchtlos, und bedurfte keines Schutzes
mehr an der Seite. -- So ist der Mensch; nur das erstemal schreckt ihn die
Gefahr; hat er sie glücklich überwunden, denkt er das künftige Mal kaum
mehr daran, und begreift gar nicht, wie er da so große Furcht haben konnte.
In der Nähe dieses Stromes sah ich eine Merkwürdigkeit, -- fünf kleine
Bäumchen, die auf einer Wiese standen. Ihre Stämme waren zwar schief und
knotig, aber dennoch 6-7 Fuß hoch, und mochten 4-5 Zoll im Durchmesser
haben.
Wie mein Führer behauptet hatte, fand ich wirklich in dem Hause des
Priesters ein niedliches Zimmerchen sammt einem guten Bette. Herr
_Horfuson_ ist einer der besten Menschen, die mir im Leben vorgekommen
sind. -- Mit größter Freude ergriff er jede Gelegenheit mir ein
Vergnügen zu machen; ich habe ihm auch mehrere schöne Mineralien, und ein
isländisches Buch vom Jahre 1601 zu verdanken. -- Gott lohne ihm seine Güte
und Herzlichkeit.