29. Juni.

Früh, zeitlich des Morgens setzte ich meine Reise wieder fort. Unweit

Skalholt kamen wir an den Fluß _Thiorsa_, der ziemlich tief und sehr

reißend ist. Wir wurden in einem Boote übergesetzt; die Pferde mußten

durchschwimmen. Es braucht oft viel Mühe diese Thiere in solche Ströme zu

bringen; sie entdecken gleich, daß sie da schwimmen müssen. -- Führer und

Bootsmann dürfen sich nicht eher vom Ufer entfernen, als bis sie vom Strome

erfaßt sind, und selbst dann noch müssen sie ihnen Steine nachwerfen, mit

der Peitsche drohen, und sie durch Lärmen und Geschrei erschrecken, damit

sie nicht wieder umkehren.

Nachdem wir ungefähr drei Meilen auf größtentheils sumpfigen Wegen

zurückgelegt hatten, kamen wir zu einem schönen Wasserfalle des _Huitha_.

-- Dieser Fall war nicht so sehr durch seine Höhe -- die betrug kaum 15 bis

20 Fuß, -- als vielmehr durch seine Breite und Wasserfülle ausgezeichnet.

-- Einige schöne Felsentrümmer sind an der Kante des Sturzes derart

gelagert, daß sie ihn auf Augenblicke in drei Theile theilen; doch unter

ihnen vereinigt sich der Sturz gleich wieder. -- Das Bett dieses Flußes

besteht, so wie auch seine Ufer, aus Lava.

Merkwürdig ist an diesem Flusse die Farbe des Wassers; sie spielt so sehr

in's Milchweiße, daß wenn die Sonne darauf scheint, wirklich keine starke

Einbildungskraft dazu gehört, die ganze Flüssigkeit für Milch zu halten.

Eine kleine ¼ Meile oberhalb des Wasserfalles muß man den Huitha, der einer

der bedeutendsten Flüsse Island's ist, in einem Boote übersetzen. -- Dann

zieht sich der Weg durch Wiesen, die jedoch weniger versumpft sind, als

ihre Vorgängerinen, bis zu einem großen Lavastrome, durch den man an die

Nähe des fürchterlichen Feuerspeiers _Hekla_ erinnert wird.

Noch waren mir in Island keine so großen Strecken, wie vom Thale des

Geisers bis hierher, vorgekommen, die ich hätte durchziehen können, ohne

auf Lavaströme zu stoßen. -- Und selbst dieser hier schien für die schönen

Wiesen einiges Mitleid zu empfinden; er theilte sich an mehreren Stellen

in zwei Arme, und umschloß so die lachende Flur. Doch auf lange hatte er

wahrscheinlich den nachstürmenden Massen nicht widerstehen können; er ward

mit fortgerissen, um überall hin Tod und Vernichtung zu tragen. --

Flächen, die mit dunklem Sande überdeckt waren, und steile Hügel, die sich

dazwischen lagerten, machten den Weg etwas mühevoll und beschwerlich.

So ging es fort bis zu dem Oertchen _Struvellir_, wo wir anhielten und

unsere Pferde einige Stunden ruhen ließen. Wir trafen hier eine große

Versammlung von Menschen und Thieren.[2] Es war gerade Sonntag, und noch

dazu ein recht warmer, sonnenklarer, und da wurde in der hübschen Kirche

großer Gottesdienst gehalten. -- Nach Beendigung desselben sah ich eine

recht artige, ländliche Scene. Die Leute strömten alle aus der Kirche --

ich zählte 96 Personen -- eine unerhörte Versammlung für Island -- theilten

sich in verschiedene Gruppen, und schwatzten und schäckerten, wobei sie

jedoch nicht vergaßen, ihre Kehlen mit Brandwein zu befeuchten, von dem sie

bedeutende Quantitäten zur Vorsorge mitgenommen hatten. Dann zäumten sie

ihre Pferde, und schickten sich zu ihrer Abreise an. Nun regnete es Küsse

von allen Seiten und das Abschiednehmen hatte kein Ende, -- die Armen

wissen ja nie, ob und wann sie sich wieder zusammen finden.

[2]: In Island reitet Alles.

In ganz Island besteht Willkomm und Abschied in einem derben Kusse, -- ein

Gebrauch der für den Nicht-Isländer sehr ekelhaft ist, wenn er einen Blick

auf die häßlichen, schmutzigen Gesichter, auf die tabaktriefenden Nasen

der Alten und auf die ....... der Kinder wirft. Jedoch für den Isländer

hat dieß nichts auf sich. Alle küßten den Priester und er wieder sie, dann

küßten sie sich untereinander, und so ging es fort und fort. Es herrscht

hierbei nicht einmal Rangunterschied, und ich war nicht wenig erstaunt

zu sehen, wie mein Führer, ein ganz gewöhnlicher Bauersknecht, ein halb

Dutzend Töchter eines Sysselmanns küßte, oder die Frau und die Kinder

irgend eines Pastors, oder den Sysselmann, den Pastor oder Probst selbst,

und wie diese seine Küsse eben so herzlich erwiederten. -- Ländlich,

sittlich.

Die Ceremonieen in der Kirche fangen gewöhnlich erst gegen Mittag an und

dauern zwei auch drei Stunden. -- Die Lebhaftigkeit vor der Kirche ist

deßhalb so groß, weil es nirgend eine Gaststube gibt, in der man sich

versammeln, oder einen Stall, in den man die Pferde sperren könnte. Alles

muß unter freiem Himmel bleiben.

Als der Gottesdienst beendet war, besuchte ich den Priester, Herrn

_Horfuson_; er war so gütig, mir seine Begleitung nach dem zwei Meilen

entfernten Oertchen _Sälsun_ anzutragen, hauptsächlich um dort für mich mit

einem Führer nach dem Hekla zu unterhandeln.

Ich war doppelt froh, diesen guten Mann an meiner Seite zu haben, da wir

einen sehr gefährlichen Strom zu passiren hatten, der sehr reißend und so

tief war, daß er den Pferden bis an die Brust reichte. Trotz dem, daß

wir die Füße so viel als möglich hinauf zogen, wurden wir dennoch tüchtig

durchnäßt. -- Eine derlei Partie gehört zu den unangenehmsten, die ich

kenne. -- Das Pferd schwimmt mehr als es geht, und dieß erzeugt eine höchst

widerliche Empfindung. Man weiß gar nicht, wohin man sehen soll; sieht man

in den Strom, so wird man sehr leicht vom Schwindel erfaßt, und sieht man

nach dem Ufer, so ist es auch nicht viel besser, denn dieses scheint sich

ordentlich zu bewegen und davon zu gleiten, was natürlich daher rührt, weil

das Pferd, von der Strömung erfaßt, ein Stück abwärts gerissen wird. --

Zu meiner großen Beruhigung ritt der Priester an meiner Seite, um mich zu

erfassen, wenn ich mich auf dem Pferde nicht mehr sollte erhalten können.

-- Glücklich überstand ich auch diese Feuer- -- nein -- Wasserprobe,

und als wir das jenseitige Ufer erreicht hatten, machte mich Herr H.

aufmerksam, wie weit wir von der Strömung waren mitgerissen worden.

Das Thal, in welchem _Sälsun_ und der _Hekla_ liegen, ist eben wieder eines

derjenigen, die man nur in Island finden kann. -- Es umfaßt die größten

Contraste. Da sind wunderliebliche Fluren, wie mit einem prächtigen

sammtgrünen Teppiche überzogen, dort wieder Hügel von schwarzer, glänzender

Lava; -- ja die Wiesen selbst sind durchschnitten von Lavaströmen und

Sandflächen. Bekanntlich hat der Hekla die schwärzeste Lava und den

schwärzesten Sand; hier ist nun Alles von ihm, Hügel und Berg, Lava und

Sand; und man kann sich denken, wie das aussieht. Ein einziger Berg an

der linken Seite des Hekla ist rothbraun, und mit Sand und Gerölle von

derselben Farbe ganz bedeckt. In der Mitte ist er stark eingesunken, und

scheint einen großen Krater zu bilden. -- Der Hekla selbst schließt sich

unmittelbar an die rund um ihn her aufgethürmten Lavaberge, und erscheint

von hier gesehen auf ihnen, wie ein höherer Aufsatz. Er ist von mehreren

Gletschern umgeben, deren glänzende Schneefelder sich tief herab neigen,

und deren Flächen wohl nie von einem menschlichen Fuße betreten wurden.

Mehrere seiner Seitenwände waren ebenfalls mit Schnee bedeckt. Links im

Thale bei Sälsun, und am Fuße eines Lavahügels liegt ein lieblicher See, an

dessen Ufer eine bedeutende Schafheerde gelagert war. -- Unweit davon

steht ein schöner Berg, so vereinzelt und abgesondert, als ob er von seinen

Nachbarn verstoßen und hierher gewiesen worden wäre. -- Ueberhaupt ist

die Ansicht dieser ganzen Landschaft so echt isländisch, so eigen und

merkwürdig, daß sie gewiß für immer meinem Gedächtnisse eingeprägt bleiben

wird.

Das Oertchen _Sälsun_ liegt am Fuße des Vorgebirges Hekla; man sieht es

aber erst, wenn man es schon beinahe erreicht hat.

Als wir zu _Sälsun_ angelangt waren, war das Erste, einen Führer zu suchen,

und Alles zur Besteigung des Hekla vorzubereiten und auszuhandeln. Der

Führer hatte für mich ein Pferd zu schaffen, und mich nebst meinem frühem

Führer bis auf die Spitze des Hekla zu geleiten. -- Er begehrte 5 Thaler

und 2 Mark, nach unserem Gelde 5 fl. 20 kr. CM., eine unverschämte

Forderung, -- für das Pferd rechnete er nur 20 kr., für sich selbst 5 fl.,

-- eine Summe, mit der er gewiß einen ganzen Monat leben konnte. -- Doch

was war zu machen? Ein anderer Führer war nicht zu finden, das wußte

er wohl, und so mußte ich in Gottes Namen einwilligen. -- Nachdem Alles

geordnet war, empfahl sich mein gütiger Beschützer, mir viel Glück zur

morgigen beschwerlichen Reise wünschend.

Ich sah mich nun nach einer Stelle um, wo ich die Nacht zubringen konnte;

-- ach, ein ekelhaftes Loch ward mir zu Theil. Man stellte mir eine

Truhe hinein, die etwas kürzer war als meine Person, die sollte mir

zur Schlafstelle dienen; neben ihr hing ein mehr als ellenlanger halb

verfaulter Fisch, der bereits das ganze Gemach mit seinem Gestank verpestet

hatte. Ich konnte kaum Athem holen, und mußte, da keine andere Oeffnung

vorhanden war, die Thüre offen lassen, und derart die zahlreichen Besuche

der liebenswürdigen Einwohner empfangen. -- Wahrhaftig eine schöne Erholung

und Stärkung für die morgende Reise!

Am Fuße des Hekla, und besonders in dieser Gegend, scheint Alles unterhöhlt

zu sein. -- Solch dumpfe dröhnende Töne, wie sie hier den schweren

Fußtritten der Bauern nachhallten, hörte ich weder auf dem Vesuv, noch

sonst wo. -- Diese Töne machten einen besonders schauerlichen Eindruck

auf mich, da ich in der Nacht so ganz allein in diesem finstern Loche

eingeschlossen war.

Mein Hekla-Führer -- ich nenne ihn so zum Unterschiede meines andern --

meinte, daß wir Morgens um zwei Uhr aufbrechen sollten. Ich war vollkommen

damit einverstanden, wußte aber schon voraus, daß wir um fünf Uhr auch noch

nicht zu Pferde sitzen würden.

Wie gedacht, so geschehen. Erst um halb sechs Uhr waren wir vollkommen

ausgerüstet, und zum Aufbruche bereit. Außerdem, daß wir Brod und Käse,

eine Flasche Wasser für mich und eine Flasche Brandwein für meine Führer

mitnahmen, hatten wir uns auch mit langen Stöcken, die unten in eisernen

Spitzen ausgingen, versehen, um damit den Schnee sondiren, und uns auf sie

stützen zu können.

Der schönste, wärmste Morgen begünstigte uns, und guten Muthes galoppirten

wir über die Wiesen, und die daran stoßenden Sandflächen. Mein Führer nahm

dieß schöne Wetter für eine besonders glückliche Vorbedeutung; er sagte

mir, daß Herr _Geimard_ -- der bereits erwähnte französische Gelehrte und

Naturforscher -- drei Tage auf schönes Wetter habe warten müssen. -- Dieß

sei nun schon neun Jahre, und seitdem habe Niemand den Hekla erstiegen. Ein

Prinz von Dänemark, der vor einigen Jahren ganz Island bereiste, sei zwar

auch da gewesen, aber unverrichteter Sache wieder weiter gezogen.

Der Weg führte anfänglich, wie gesagt, über eine schöne Wiese, und dann

über Flächen von schwarzem Sande, die von allen Seiten von Strömen, Hügeln

und Bergen aufgethürmter Lava umfangen sind. Immer mehr und mehr rücken

diese furchtbaren Massen zusammen, und gewähren oft kaum den Ausweg durch

eine enge Schlucht; da muß man über Lava-Blöcke klettern, Hügel und Berge

erklimmen, und findet kaum ein Plätzchen, den Fuß fest zu stellen. Lava

rollte neben und hinter uns, und wir mußten sehr auf der Hut sein, nicht

selbst zu rollen, oder von der rollenden Lava getroffen zu werden. Das

Gefährlichste waren aber die mit Schnee ausgefüllten Schluchten, über

die wir setzen mußten; der Schnee war, durch die Wärme der vorgerückten

Jahreszeit, doch schon erweicht worden, und so sanken wir beinahe bei jedem

Schritte ein, oder was noch schlimmer war, glitten oft mehr zurück als wir

vorwärts kamen. Ich glaube kaum, daß es einen zweiten Berg geben kann, bei

dessen Ersteigung man mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Nachdem wir nach vierthalbstündiger Mühe den letzten Höhen des Berges nahe

kamen, mußten wir auch die Pferde zurück lassen. -- Ich hätte dieß zwar

schon lange gethan, da mich die armen Thiere erbarmten, wie sie über die

Abhänge, man könnte beinahe sagen, über diese rollenden Berge, mehr fielen

als kletterten, aber mein Hekla-Führer ließ es nicht zu. Theilweise kamen

doch Stellen, wo wir sie benützen konnten, und dann behauptete er, müsse

ich so weit als möglich reiten, um den nachfolgenden Beschwerden gewachsen

zu sein. -- Und er hatte recht; -- ich glaube kaum, daß ich es ausgehalten

hätte, all diese Strecken zu Fuß zurück zu legen; denn wenn man schon

glaubt den letzten Höhen des Berges ganz nahe zu sein, lagern sich

abermals Hügel und Ströme von Lava dazwischen, und man sieht sich vom Ziele

entfernter als zuvor.

Mein Führer sagte mir, daß er noch nie Jemanden zu Pferde so weit geführt

habe, wie mich. -- Ich glaube es gerne, -- schon das Gehen war schrecklich,

das Reiten aber wahrhaft fürchterlich!

Auf jeder erkämpften Höhe entrollten sich neue Bilder der ödesten,

traurigsten Gegend. Alles war starr und todt, überall ausgebrannte schwarze

Lava. -- Es war ein schmerzliches Gefühl, so weit zu sehen, und doch nichts

zu erschauen, als eine steinige Wüste, ein unermeßliches Chaos.

Noch hatten wir zwei Höhen zu erklimmen, -- es waren die letzten, aber

auch die schrecklichsten. Da ging es steil über Lavamassen, die ordentlich

stachelig waren, und die ganze Spitze des Berges bedeckten. -- Wie oft

ich da fiel, und wie oft ich mir die Hände an den feinen Zacken der Lava

aufritzte, kann ich gar nicht sagen. Ach! es war eine gräßliche Partie.

Die blendende Weiße des Schnees wirkte beinahe blind machend gegen die

glänzend schwarze Lava daneben. Wenn ich Schneefelder ersteigen mußte, sah

ich nach der Lava gar nicht hinüber; ich hatte es einigemal versucht,

und hätte darauf bald meinen Weg nicht mehr gesehen, ich wäre schneeblind

geworden.

Endlich nach abermaligem zweistündigem Klettern war die Spitze des Berges

erstiegen. -- Ich stand nun auf dem _Hekla_, und suchte vor Allem den

Krater auf der schneelosen Spitze, und -- fand ihn nicht. Ich war um so

mehr erstaunt auf dem Hekla keinen Krater zu finden, da ich in einigen

Reisebeschreibungen ganz ausführliche Berichte davon gelesen hatte.

Ich umging die ganze Spitze des Berges, ich kletterte bis zu dem

anstoßenden Jokul -- nirgends bemerkte ich eine Oeffnung, einen Riß, eine

eingedrückte Wand, oder sonst irgend ein Anzeichen eines Kraters. Nur an

den etwas tiefer gelegenen Seiten des Berges, aber durchaus nicht an dem

eigentlichen Kogel, sah ich weite Risse und Schlünde, aus welchen sich

wahrscheinlich die Lavaströme ergossen haben werden.

Die Höhe des Berges soll 4300 Fuß betragen.

Schon während der letzten Stunde unseres Hinaufklimmens hatte sich die

Sonne verdunkelt. Nebelwolken stürmten von den nahen Gletschern herüber,

verbargen die Ferne, und hüllten bald auch uns dermaßen ein, daß wir kaum

zehn Schritte weit sehen konnten. Endlich lösten sie sich auf, -- aber

glücklicher Weise nicht in Regen, sondern in Schnee, der in reichlicher

Menge die schwarze krause Lava mit großen Flocken überstreute. -- Der

Schnee blieb liegen, und der Thermometer wies 1 Grad Kälte.

Nach und nach erschien der Himmel wieder in seinem unnachahmlichen zarten

Blau, und auch die Sonne säumte nicht länger uns zu erfreuen. Ich blieb

oben auf der Spitze des Berges, bis die Wolken auch in der Ferne sich

theilten und mir eine willkommene Rundansicht gestatteten.

Solch ein Bild, wie ich es hier sah, meinen Lesern zu versinnlichen, ihnen

die Zerstörung, Ausdehnung und Anhäufung dieser Lavamassen zu beschreiben,

ist leider meine Feder viel zu schwach. -- Ich meinte in einem Krater zu

stehen, das Ganze schien mir ein ausgebrannter Feuerherd. -- Hier waren

Lavamassen übereinander gethürmt zu steilen unersteigbaren Bergen, -- dort

füllten versteinerte Ströme, deren Breite und Länge ich gar nicht ersehen

konnte, unermeßliche Thäler. -- Alles war über- und durcheinander geworfen,

und doch unterschied man wieder deutlich die Bahn der letzteren Ausbrüche.

Man ist in der Mitte der gräßlichsten Schluchten, Höhlen, Ströme, Thäler

und Berge; man faßt es kaum, wie es möglich gewesen sei, bis hierher zu

dringen, und wird von Angst und Entsetzen ergriffen bei dem unwillkührlich

sich aufdringenden Gedanken, vielleicht nimmer wieder aus diesem gräßlichen

Labyrinthe hinaus finden zu können.

Hier, von der Spitze des Hekla konnte ich weit hinein in das unbewohnte

Land sehen -- das Bild einer erstarrten Schöpfung, todt und regungslos, und

doch dabei so einzig großartig, -- ein Bild, das, nur einmal gesehen, nie

mehr dem Gedächtnisse entschwindet, und dessen Erinnerung allein schon für

alle ausgestandenen Beschwerden und Gefahren reichlich entschädiget! Eine

ganze Welt von Gletschern, Lavamassen, Schnee- und Eisfeldern, Flüßen

und kleinen Seen liegt da aufgeschlossen, nie hat es ein menschlicher Fuß

gewagt, ihr Inneres zu betreten. -- Wie muß es da gewüthet und gearbeitet

haben, bis solche Gestaltungen geschaffen wurden? -- Und wird es nun genug

damit sein? -- Hat das Element ausgetobt, oder ruht es nur, gleich der

hundertköpfigen Hydra, um mit verdoppelter Kraft wieder hervor zu brechen,

und auch noch jene Gegenden zu verwüsten, die ohnehin schon, so weit dem

Meere zugedrängt, sich nur als bescheidener Kranz um das Innere des Landes

winden. -- Ich danke Gott, daß er mich dies Chaos seiner Schöpfung schauen

ließ; aber doppelt danke ich ihm, daß er mich in Gefilden leben läßt, wo

die Sonne mehr zu thun hat, als nur den Tag zu schaffen; wo sie wirkend und

wärmend Pflanzen und Thiere belebt, und das Herz des Menschen zur Freude

und zum Dank gegen den Schöpfer stimmt.[3]

[3]: Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit eines sonderbaren

Zufalls zu erwähnen. Als ich im Jahre 1842 am Fuße des Aetna war, fand

ich sein feuerspeiendes Element besänftiget. -- Erst einige Monate nach

meiner Abreise flammte es mit erneuerten Kräften auf. Als ich nun auf

meiner Rückreise vom Hekla nach Reikjavik kam, äußerte ich scherzweise,

daß es doch höchst sonderbar wäre, wenn nun dieser »Aetna des Nordens«

auch zum Ausbruche käme. -- Und kaum war ich fünf Wochen von Island

entfernt, geschah dieß wirklich, und er flammte stärker als je. --

Um so merkwürdiger ist dieser Zufall, da der Hekla nun achtzig Jahre

geschwiegen hatte, und bereits für einen ausgebrannten Krater angesehen

wurde. -- Käme ich jetzt wieder nach Island, so würde man mich als

»böse Prophetin« betrachten, und ich wäre wahrscheinlich kaum meines

Lebens sicher.

Die Westmanns-Inseln, die man vom Hekla aus erblicken soll, konnte ich

nicht finden, wahrscheinlich waren sie von Wolken verdeckt.

Schon während der Besteigung des Hekla hatte ich häufig die Lava berührt,

theils unfreiwillig, wenn ich fiel, theils freiwillig, um eine heiße oder

wenigstens warme Stelle zu finden. -- Ich war so unglücklich auf lauter

kalte zu treffen. Nichts konnte mir daher erwünschter kommen, als der so

eben gefallene Schnee. Ueberall sah ich begierig herum, ein Plätzchen zu

entdecken, wo ihn die unterirdische Hitze nicht dulden würde. -- Dahin wäre

ich dann geeilt, und das Gesuchte wäre gefunden gewesen. -- Leider

blieb der Schnee an allen Orten liegen. Auch Rauchwolken sah ich nirgend

aufsteigen, obwohl ich stundenlang meine Augen nicht von dem Berge wendete,

den ich hier auch von allen Seiten bis tief hinab ganz überschauen konnte.

Als wir hinab stiegen, fanden wir in einer Tiefe von 5-600 Fuß den Schnee

im Schmelzen; noch tiefer rauchte der ganze Berg, eine Erscheinung, die

ich für eine Folge der plötzlich eingetretenen Sonnenwärme hielt; mein

Thermometer zeigte nämlich jetzt neun Grade Wärme. Ich beobachtete sie

häufig auch an Bergen, die nicht zu den Feuerspeiern gehörten. -- Die

Stellen, wo der Rauch aufstieg, waren ebenfalls kalt.

Die eigentliche glatte, kohlschwarze, glänzende und durchaus nicht poröse

Lava findet man nur auf dem Hekla selbst und in seinen nähern Umgebungen.

Doch ist nicht alle Lava so; man sieht auch zackige, glasige und poröse;

jede ist aber schwarz, so wie ebenfalls der Sand, welcher eine Seite des

Hekla überdeckt. Je weiter Lava und Sand von diesem Berge entfernt

sind, desto mehr verlieren sie jene Schwärze, und ihre Farbe geht ins

eisenfarbige, ja sogar ins lichtgraue über; manche Lava behält jedoch,

selbst bei dieser lichten Farbe, den Glanz und die Glätte der schwarzen

bei.

Nach dem mühevollsten Herabsteigen, und nachdem wir zur ganzen Partie über

zwölf Stunden verwendet hatten, erreichten wir glücklich wieder Sälsun,

und ich wollte mich eben, etwas niedergeschlagen, in meine frühere Wohnung

begeben, schaudernd bei dem Gedanken, hier abermals eine Nacht zubringen zu

müssen, -- da überraschte mich mein Führer sehr angenehm durch die Frage,

ob ich nicht vielleicht heute noch nach Struvellir wolle? Die Pferde seien

hinlänglich ausgeruht, und dort könnte ich doch im Hause des Priesters ein

gutes Zimmer bekommen. -- Rasch war Alles zusammen gepackt und im Kurzen

saß ich wieder zu Pferde. -- Als ich jetzt zum zweiten Male in die tiefe

Rangaa kam, durchritt ich sie schon furchtlos, und bedurfte keines Schutzes

mehr an der Seite. -- So ist der Mensch; nur das erstemal schreckt ihn die

Gefahr; hat er sie glücklich überwunden, denkt er das künftige Mal kaum

mehr daran, und begreift gar nicht, wie er da so große Furcht haben konnte.

In der Nähe dieses Stromes sah ich eine Merkwürdigkeit, -- fünf kleine

Bäumchen, die auf einer Wiese standen. Ihre Stämme waren zwar schief und

knotig, aber dennoch 6-7 Fuß hoch, und mochten 4-5 Zoll im Durchmesser

haben.

Wie mein Führer behauptet hatte, fand ich wirklich in dem Hause des

Priesters ein niedliches Zimmerchen sammt einem guten Bette. Herr

_Horfuson_ ist einer der besten Menschen, die mir im Leben vorgekommen

sind. -- Mit größter Freude ergriff er jede Gelegenheit mir ein

Vergnügen zu machen; ich habe ihm auch mehrere schöne Mineralien, und ein

isländisches Buch vom Jahre 1601 zu verdanken. -- Gott lohne ihm seine Güte

und Herzlichkeit.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Zweiter Band. · 第 19 / 57 题