Ver.04.29.93*END*
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Michael Pullen
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Der Gwissenswurm
Ludwig Anzengruber
Bauernkomödie mit Gesang in drei Akten
Personen:
Grillhofer, ein reicher Bauer
Nikodemi Dusterer, sein Schwager
Wastl, Michl, Rosl und Annemirl, Dienstleute bei Grillhofer
Die Horlacher-Lies
Leonhardt, Fuhrknecht
Poltner, der Bauer an der "Kahlen Lehnten"
Sein Weib
Natzl und Hans, deren Söhne
Knechte und Mägde im Grillhoferschen Hause
Uraufführung am 19. September 1874 im Theater an der Wien
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 1. Szene
Erster Akt
Wohlhäbige Bauernstube. Hintergrund links ein Doppelfenster, rechts der
Haupteingang. Rechte Seite Fenster, links eine Seitentür. Vorne gegen
links ein Tisch mit mehreren Stühlen, gegen die Wand ein mit Leder
überzogener Sorgenstuhl, an dessen Rückenlehne ein Bettpolster. Wie der
Vorhang aufgeht, ist die Bühne leer. Auf dem Tische steht eine dampfende
Schüssel. Vor dem Fenster sieht man Knechte und Mägde mit Rechen und
Heugabeln vorbeiziehen.
Erste Szene
Knechte und Mägde.
Chor. Knechte.
Glei is die Sunn am Platz,
Mußt dich halt schlaun,
Sunsten, mein lieber Schatz,
Brennt's dich ganz braun.
Mägde.
Mei Bub, geh, sag ma no,
Was kümmert's dich?
Die Sunn, die brennt dich do
Schwärzer als mich!
Beide (Jodler).
Jujujuheh! (Ausklingend.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 2. Szene
Zweite Szene
Von links: Rosl (ältere Magd) führt Grillhofer, der sich leicht auf sie
stützt, herein.
Grillhofer. Au weh! Au weh! Hebt schon wieder so a sakrischer Tag an.
Rosl. No, kimm nur, Bauer. Da steht schon dein Suppen; laß s'nit kalt
werdn.
Grillhofer. Ah was--meintswegn. Mir schlagt eh nix mehr an. (Hat sich
mit Beschwer niedergelassen, schneidet bebend sich Brot in die Schüssel
und löffelt es mit Gier aus.)
Rosl. Wer weiß, Bauer. Wann dich der liebe Gott wieder gsund machen will.
..
Grillhofer. Er will aber net!
Rosl. Ah freilich! Er wird schon wolln.
Grillhofer (schreit). Er will aber net, ich weiß's!
Rosl (erschrocken). No ja, nachher is's was anders.
Grillhofer. Weißt, Rosl, du mußt's nit so aufnehmen, wonn ich dich
anschrei! Es is nit so bös gemeint. Aber weißt, wonn man in Erkenntnus
der Sündhaftigkeit schon so weit kämma is, daß man sich frei in alles
schicket, wenn ein'm glei in Gottesnam der Teufel holet, so laßt man sich
selbn Zustand der Gnad von neamad mehr gern abreden.
Rosl. No jo, freilich, freilich, wohl, wohl, Bauer, wann's a so is, so
bleib holt in dein Zustand.
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 3. Szene
Dritte Szene
Vorige. Wastl (durch den Haupteingang).
Wastl. Gutn Morgn, Bauer.
Grillhofer. Gutn Morgn Wastl. Na, na, laß nur dein Pfeif in Maul, geht
dir sunst aus.
Wastl. Kann's wohl derwarten. Es is für dich net zutraglich, kunnt dich
reizen, hust ehnder z'viel.--No werdn wir heunt schaun, daß wir's Heu
hereinkriegn, 's Wetter wird neama lang so sauber aushalten. Gestern
schon um Mittag hot's in der Luft so g'flirretst, als wär die a in der
Hitz verbröselt und tat durcheinanderwoiseln, wann die Sunn durchscheint.
's is höchste Zeit zum Dazuschaun! Und a Heu is dös, Bauer, so schön und
viel, und es riecht frei, daß eins umfalln könnt vor Gutheit.
Grillhofer. Noja,noia.
Wastl (schupft die Achsel). "No ja--no ja." Aber, Bauer, wann ich dir sag,
a Heu--'s älteste Rindvieh da herum kann sich auf so oans nit besinna.
Gfreut dich denn gar nix mehr? Nachhert gfreut ein'm a nix. Wem gang's
denn was an, wann dich net?
Rosl. Hast recht, Wastl, hast recht, sag ihm's nur h'nein!
Grillhofer. Laßts es gut sein. Wann ich so bin, is's doch eng nit
abtraglich. Ich vergunn schon mein Nebenmenschen 's gute Heu. Jo, jo,
gwiß. Aber ich taug halt nix mehr auf derer Welt--na--na--mich bekümmert
nimmer 's irdische, mich bekümmert nur 's himmlische Heu, wovon gschriebn
steht: "Der Mensch welkt dahin wie Heu!", und da is mir nur um die Einfuhr
in den himmlischen Heuschober!
Wastl. Jesses und Joseph, Bauer, mir kennt sich frei neama mit dir aus.
Wann ich dir früher gredt hätt von so ein Heu, wie dös a Heu is...! Aber
seit dich nur allweil bekümmerst, was gschrieben steht, gibst auf kein
vernünftig Reden mehr was.
Rosl. Hast recht, Wastl, hast schon recht, sag ihm's nur h'nein.
Wastl. Seit dich vor ein halbn Jahrl der Schlag gstreift hat, bist neama
der alte.
Grillhofer. Selb tat sich a net schicken! Dös war a Deuter vom lieben
Gott, sider der Zeit halt ich still und wart auf'n zweiten. Mei lieber
Wastl, du bist a guter Bub--a du, Rosl, ja, ja, du bist a a ehrlichs
Mensch--müßts halt a Einsehn mit mir habn, noch dös kleine Neichtel Zeit,
so mir bschiedn is; leicht moch ich noch fruher a End und zieh mich zruck
von alln weltlichen Wesen. Ja, ja, konn leicht möglich sein, ich bin no
lang net so, wie ich sein möcht, hat sich doch vorhin, wie du kämma bist,
Wastl, der Gwinst- und Spekalierteufl in mir a weng noch grührt. Na, na,
dös därf net sein, daß sich 's Heu zwischen mich und mein Schöpfer drängt.
Na, na, ich hab eh gnug auf mir, dazukämma derf nix mehr, abwendig derf
mich nix mehr machen von die gottseligen Gedanken.
Rosl. Tust doch, als wärst der sündhaftigste Mon. Hast leicht eins
umbracht?
Grillhofer. Dös net, Gott sei Dank, Rosl, dös net; aber 's Gegenteil auf
unerlaubte Art kunnt leicht möglich sein.--Geh, lang mir das dicke Buch
dort her. (Rosl holt die Postille von einem Schrank und legt sie vor
Grillhofer hin.)
Grillhofer. So, und hiazt gehts all zwei in Gottsnam an enger Tagwerk und
ich geh an meins. Is der Schwager noch net da?
Rosl. Na.
Grillhofer. Wann er kimmt, Rosl, so bring ein Wein und a weng a
Rauchfleisch eine. Hizt gehts. (Schlägt das Buch auf und beginnt zu
lesen.)
Rosl. Bhüt Gott! (Ab durch den Haupteingang.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 4. Szene
Vierte Szene
Grillhofer und Wastl.
Grillhofer. Bhüt dich Gott, Rosl! (Kleine Pause, ohne aufzusehen.) Bhüt
dich Gott, Wastl!
Wastl. Ich hob jo no nix gsagt.
Grillhofer (aufblickend). Willst no was?
Wastl. Es liegt mir schon lang auf. über dein Schwagern, übern Dusterer,
möcht ich mich amal ausreden.
Grillhofer. No, nur kein unbschaffens Wort!
Wastl. Bewahr wär mir a z' gring dazu, daß ich a unbschaffens Wort über
eahm verlier--der elendige Kerl.
Grillhofer. Wastl!--Er is mein einziger Verwandter, der einzige Mensch,
der ein trostreichen Zuspruch für mich hat, dem was glegn is an mir in
Zeit und Ewigkeit.
Wastl. Ich weiß's eh, er is, der dich zu dem bußfertigen Wesen hinzerrt,
wie 's Kalbl zur Kuh, wenn's es Saufen derlernen soll.
Grillhofer. Hehe! Sixt, Wastl, wie d' trotz deiner Boshaftigkeit nix
dagegen fürbringa kannst! 's Kalbl muß ja saufen, sunst wurd's hin!
Wastl. Schon recht, Bauer, aber für a Kalbl warst mer doch schon z'viel
ausgwachsen.--Sag do selber, Bauer, wie d' no riegelsam warst, hat der
Dusterer kein Fuß über dein Staffel gsetzt--was findt er's denn hizt
vonnöten, daß er dir alle Tag übern Hals rennt? Zwegn der Zeit und
Ewigkeit leicht? Ka Red, meinst net selber, daß er sich zutatig macht,
weil er glaubt, es könnt die ganz Hinterlassenschaft an ihm falln? Und
hat er dich erst da, nachher kunnst freili--von ihm aus--Gott
verhüt's--nit früh gnug selig werdn.
Grillhofer. So mein ich ja eh selber!
Wastl. Na alsdann, na sixt, is doch amal a gscheite Red von dir! Oder
wie d' früher hast a Wartl davon falln lassen, daß d' dich möchtst in die
Ruh setzen, meinst nit a selber, er wurd dir einredn, daß dein ganz
Bußfertigkeit um a gut Trümmerl z' kurz war, wann du nit ihm 'n Hof
verschreibst und nöt bei seiner Sippschaft als Ausnehmer bliebst? Han?
Grillhofer. Na jo, so mein ich ja ehnder selber!
Wastl. No, so sag ich, scheinheilig is er.
Grillhofer, Und ich sag, er is's net.
Wastl. Wohl is er's!
Grillhofer. Na, sog i! Wastl, du bist a dummer Bua, du verstehst dös net,
der Dusterer, der is so, der is so, wie er is. Und zwegn dem, was mer
gredt habn, so tut das der Bußhaftigkeit kein Eintrag und werd i ihm's
doch net in übel aufnehma, daß er auf sich schaut, wo sein Vorteil und der
meine Hand in Hand gehn.
Wastl. Na, hörst, da möcht eins doch glei narrisch werdn! Wann sein
Vorteil is, meinst nit, es kunnt wohl a a kleine Spitzbüberei mit
unterlaufen?
Grillhofer. Na, Wastl, dös net, dös net! Alls, was er fürbringt, dös is
nur zu wahr--nur zu wahr is's!
Wastl. No, ich konn da nix sagn, ich weiß nit, wie er dich h'rumkriegt
hat, so hilft a kein Redn.
Grillhofer. Host a recht, Wastl. Redn is do von unnötn! Der Dusterer ist
über ein Feldpater! Alles kurz und eindringlich und hizt: glaub's oder
glaub's nit! A Teuxelskerl sag ich dir, mit sein gottgfälligen Wesen.
Dran glauben muß man. Dös hat er heraust, ja, ja, dös hat er heraust!
Zwegn, daß er sein Vorteil sucht, selb is richtig, aber dös tut nix, mag's
selber gern sehn, wann einer was treibt, er treibt's recht, aber ehrlich
muß's dabei zugehn! Wann ich ihm dahinter kam, daß dös kein Schickung is,
dö ihn in mein Haus führt, daß net so sein müßt, wie er sagt, daß er auf
'n Herrgottn sein Rechnung lugt--Kreuzsakra, Wastl, da kriegest a Arbeit.
Wastl. Jesses, Bauer, schaff an, schaff nur glei an!
Grillhofer (läßt den Kopf hängen). Laß gut sein, Wastl, laß's gut sein.
's kimmt nöt a so.--Er hat mich schon bei der richtigen Faltn. Er hat
mich an oans erinnert, hon's schon lang vergessen ghabt--hizt aber hat sa
sich aufgriegelt, hizt sitzt's da und gibt kein Ruh mehr, der Gwissenswurm
is's--und da hilft kein Aufdammen. Schön, schön unterdrucken heißt's und
reuig sein.
Wastl. Grillhofer, wann's wahr is, daß eins, das sein Art auf einmal
ändert, bald verstirbt, so machst es neama lang, der Dusterer braucht net
lang mehr ernste Gsichter z'schneiden, der konn bald lachen. Kreuzteufl!
Früher habn mer g'arbeit und sein dann lustig gwest all Tag und du warst
der Fleißigst und Lustigste, und wann ich denk, daß der alte Halunk dran
Schuld tragt, daß mir hizt dasitzen wie auf einer Kartausen--Sikra h'nein,
ich wollt, er kam hizt h'rein, daß i ihm's h'neinsagn kunnt: Dusterer, du
bist a Haderlump!
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 5. Szene
Fünfte Szene
Vorige. Dusterer.
Dusterer (kleine, hagere, schwächliche Gestalt, von der Zipfelmütze bis zu
den Stiefeln hinunter ganz schwarz gekleidet. Spricht alles auf trockene,
gewichtige Bauernmanier, stoßweise). Gelobt sei Jesus Christus!
Wastl (schreit, wie in seiner Rede fortfahrend). In Ewigkeit!
Grillhofer. In Ewigkeit!
Dusterer (behält seine Pfeife im Munde und geht rasch auf Grillhofer zu).
Grüß Gott, Schwager, grüß Gott, no, wie is dir denn wordn aufs letzte
Beten?
Grillhofer. Hm, besser, ja, ich mein schon a bissel besser!
Dusterer (setzt sich). Verlaubst schon. Na, sollt mich freun. Ja, ja.
(Beobachtet Grillhofer scharf.) Sollt mich rechtschaffen gfreun! Tats nur
wieder weisen, daß ma die Krankheiten abbeten kann, is a alte Gschicht!
Freilich ghört die rechte Frummheit und Bußfertigkeit dazu! Wer nur
unserm Herrgott 's Maul machen möcht, der richt nix. Nur an die Leut und
an der eingrißnen Gottlosigkeit liegt's--an sonst nix--an sonst nix!
(Pafft Rauchwolken von sich.) Ja, ja.
Wastl (tritt zu ihm). Mußt nit rauchen, Dusterer! Ich bin vom Haus und
rauch a nöt! (Nimmt ihm die Pfeife aus dem Mund.)
Grillhofer. Wastl--du Sikra h'nein!
Wastl (klopft die Pfeife auf dem Fensterbrett aus und setzt den Fuß auf
die glimmende Asche). Verlaubst schon. Um die Gselchtigkeit is 'm
Bauern ja do net z' tun!
Grillhofer. Na, aber der ärger, den d' ein'm machst, schlagt mir leicht
an?
Wastl. Is dir gwiß gsünder! (Gibt dem Dusterer die Pfeife zurück.) Da,
Dusterer.
Grillhofer. Wastl, du Sakra, du nimmst dir viel heraus. (Erhebt sich
mühsam.) Mach mich nit schichti, am End kunnt ich dich doch no meistern.
Wastl. Recht is's, dös steht dir an--kimm nur her, Bauer, ich wehr mich
nicht viel--und dir is's leicht gsund!
Grillhofer (setzt sich erschöpft). Du narrischer Höllteufl, du!--Geh zu,
sag ich, geh zu!-Dusterer (begütigend). Laß gut sein, Schwager, laß's gut
sein--ja--ja! (Mit Emphase.) I verzeih ihm--ich verzeih ihm--dös tu ich.
Wastl (mit unsäglicher Verachtung). Er verzeigt mir! (Ist bis zur Türe
gegangen.) Der! Verzeigt mir! Bhüt dich Gott, Bauer! (Ab.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 6. Szene
Sechste Szene
Grillhofer. Dusterer, dann Rosl.
Dusterer. Is a kecker Ding, der Wastl! Ja, ja! Mein allweil, Hochmut
kommt vorm Fall. Kunnt doch gschehn, wer weiß, wie bald, daß er entbehrli
wurd.--Ja.
Grillhofer. No, no, nur vertraglich! Was sagst, du verzeigst ihm, wann
d' ihm was nachtragn willst?
Dusterer. Hat er s' angnommen, dö Verzeihung--hat er s'angnommen? Han?
Grillhofer. Ah was, auf 'm Stubenbodn wird er s' nit liegen lassen habn!
--Solang ich die Augen offen hab, will ich net sehn, wie mein Anwesen
zruckgeht, der Wastl is wie a Pfleger drauf. Tat keiner gut, der ihn
weggab. Du verstehst dich a mehr aufs Himmelreich als auf d' Wirtschaft!
Dusterer. Wohl, wohl. Z' wirtschaften hat's wenig gebn, da muß oans auf
'n himmlischen Vater vertraun. Daß ich sag, ja, daß ich sag, es war mir
vorhin nur um die Pfeifen, weil a Anfeuchtung is beim Reden--weißt, mir
redt sich trocken so schwer.
Grillhofer. D'Rosl muß eh glei ein Wein bringen.
Dusterer. No nochert is schon recht, nochert is schon recht. Dann wölln
mer weiterredn. Mein Seel, ich bin so austrückert da h'rum als hätt mich
die glütende Hölluft anblasen.
Grillhofer. Warst leicht unt auf ein klein Bsuch?
Dusterer. Dös net, Schwager, dös net, aber glesen hab ich davon.
Grillhofer. In ein Buch stund's aufzeichnet?
Dusterer. In ein großen, dicken Buch--wie dös, so dick--sein auch Bilder
dabei, alles, wie's zugeht; es ist grausam anzschaun, sag ich dir.
Grillhofer. So, so, ja freilich wann's bschriebn is, ja freilich nachher!
--Mußt mir's lesen lassen!
Dusterer. Gwiß Schwoger, gwiß! Sobald so weit bist, daß dir einwendig
denken kannst: "Dich trifft's neama, du bist draust!", dann is aber a
rechte Herzfreud, wann ma so davon lest und denkt sich all seine Feind und
Unfriedmacher in die Qual hinein. Dös is dir a so a Vergnüglichkeit, wie
beispielmäßig, wann's dir dein Anrainer die ganze Feldfrucht vernagelt,
dir biegt's kein Halmerl um.
Grillhofer. Jo, aber wo bleibt denn da die christlich Nächstenlieb?
Dusterer. Richtig, richtig, die hon ich beispielmäßig ganz vergessen.
Aber wo bleibt denn der Wein?
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 7. Szene
Siebente Szene
Vorige. Rosl.
Rosl (bringt eine Flasche mit Wein, dazu ein Glas und einen Teller, worauf
ein Stück Rauchfleisch und ein Brot, und stellt es vor Dusterer auf den
Tisch). Gsegn's Gott!
Dusterer. Vergelt's Gott! Schau, die Rosl--die Rosel no, du bist ja no
allweil so sauber beinander, wie's jüngste Dirndl! (Schenkt rasch ein.)
Verlaubst schon, Schwoger, daß sie mir Bescheid tut! (Nötigt ihr das Glas
auf, indem er sie um die Hüfte faßt.)
Rosl. Wann's erlaubt ist? Dein Wohlsein!
Dusterer (tätschelt sie im Rücken). No, bleibst wohl hübsch ledig--hübsch
ledig--und brav?
Rosl (macht sich los und schlägt ihn auf die Hand). Was is denn dös?
(Ab.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 8. Szene
Achte Szene
Vorige, ohne Rosl.
Dusterer. No, no--is a dalkets Ding, die Rosl.--Grillhofer, am
Schürzenbandl bin ich ihr hängenbliebn, ja, ja, am Schürzenbandl, sunst
nix! (Trinkt.) Ah, das is a Tropfen! (Stellt das Glas vor sich hin.) Ja,
daß ich also sag, Schwoger, weil ich mich hizt leichter mit dir red und
weil wir allein sind.--Grillhofer (erhebt sich feierlich), Grillhofer, mir
machst nix weis! (Schenkt im Stehen wieder ein.)
Grillhofer. Wie meinst dö Red?
Dusterer (setzt sich, indem er den Wein austrinkt). Schwoger, ich weiß,
warum ich dir gsagt hab, daß ich dir das Höllbüchl erst spater bring.--Ich
hab dich fruher betracht--du hast gsagt, besser wär dir.--Laugn's net--wir
sein hizt unter vier Augen--dir is übler als gestern.
Grillhofer. No, werd ich's leicht laugnen unter uns? Nur vorm Wastl, daß
er sein vorlauten Wesen Einhalt tut, hab ich's gsagt. Aber ich muß's
wissen, daß mir einwendig wohler ist, die Seel is mir gsünder wie jemal.
Dusterer. Dös gab der liebe Herrgott, aber leicht is dös Ganze nur a
hoffartig Einbildung von dir. (Erhebt sich wie oben.) Grillhofer, weißt,
warum dir net besser is? (Schenkt ein.)
Grillhofer. Wußt's net.
Dusterer. Weil dir die Bußhaftigkeit fehlt. (Setzt sich und trinkt aus.)
Weil dir die Bußhaftigkeit fehlt.
Grillhofer. Dös wußt ich a net.
Dusterer. Grillhofer, glaub mir, wann i dir was sag! Dir fehlt die
Bußhaftigkeit!
Grillhofer. Möcht wissen, warum!
Dusterer. So, so--beispielmäßig laß dir sagn, es is a Unterschied
zwischen Frummheit und Frummheit und Reuhaftigkeit und Reuhaftigkeit, wie
zwischen 'm Rosolie und 'm Wacholder, der eine is zur Hochfahrt, der
andere warmt ein'm 's Einwendige. (Erhebt sich wie oben.) Grillhofer, es
steht geschrieben: "Wer mir nachfolgen will -"
Grillhofer. "Der nehme sein Kreuz auf sich!"
Dusterer. Nein.
Grillhofer. Was na? Nachher nöt.
Dusterer. Das heißt, so steht wohl a gschriebn, aber so mein ich net, 's
Kreuz hast schon auf dir. Aber es steht ferner geschrieben: "Wenn du mir
willst nachfolgen, so wirf dein Gut ins Meer!"
Grillhofer. Tragst du mein Hof auf 'm Buckel hin bis zum Meer?
Dusterer. "Ins Meer und teile es mit den Armen." (Setzt sich und trinkt
aus.)
Grillhofer. So kann net gschrieben stehn!
Dusterer. Warum?
Grillhofer. Wann ich's ins Meer wirf, kriegn's ja die Fisch und net dö
Armen.
Dusterer (erhebt sich wieder). Aber es steht doch so geschrieben.
Grillhofer. Wird doch kein Unsinn gschriebn stehn?!
Dusterer. Und warum net, Grillhofer? Glaub mir, wann ich dir was sag.
Es steht geschrieben!
Grillhofer. Na, da mach du a Nutzanwendung drauf, ich bin mir z' dumm
dazu.
Dusterer (setzt sich und trinkt aus). Is kein Kunst, denn es is
beispielmäßig zu verstehn. Wann du willst mit'm Himmel auf gleich kämma,
dann mußt du alles Weltwesen, um was dich noch sorgen und bekümmern
könntst, von dir tun, du mußt das Deine verschenken, mußt es an die Armen
verteilen.
Grillhofer. Da sein eahner doch z'viel, kam ja auf kein was, wär schad um
das schöne Anwesen!
Dusterer. Kannst es ja beinandlassen; wann d' ein einzigen Armen a Guttat
derweist, gilt's für alle! Schau dich halt um, vielleicht findst unter
der Hand in einer einzigen Familie a ganz Träuperl Arme beinander, die
leicht noch z' neben der christlich Nächstenlieb no a verwandtschäftliche
Zuneigung für dich hätten--ja -ja--brauchst etwa gar net weit herumzsuchen,
Schwoger--ja--hm--ja, daß ich sag, beispielmäßig, ich und mein Weib und
meine fünf Kinder, wir möchten dich schon rechtschaffen pflegen, möchten
dir's im Gebet gedenken, a nach dein'n seligen End--ja--ja beispielmäßig!
Grillhofer. Schneid net so h'rum, 's hat ja alls a christlich Absehn und
hab ich schon selber dran denkt. Aber in d' Ausnahm gehn, wo andere mit
ihnere leiblich Kinder aften nix Guts derlebn, zu Fremde auf Gnoden und
Ungnoden!? Net beklagn könnt i mich, heißet's doch gleich: der Narr, was
hat er 's unnötig tan? Und von fruher her hot's mir nie taugt, dein
Sippschaft zwegn engerer Duckmauserei--na, es is nur, daß ma sich
ausdischkariert--ja--ja--därf dich net beleidingen! Jetzt steht's mer ja
an, verwahrt war ich schon, wie in ein Kloster, selb weiß ich. Wohl, wohl.
Aber ich denk nur so, koan andrer da h'rum tat a so.
Dusterer. Grillhofer--Schwoger--laß dir sagn, tu's oder tu's net. Mir is
net um mich. Aber nach die andern mußt net fragn, na, na, nach dö mußt
net fragn. Mußt es der Sippschaft net antun, daß ma's derlebt, wir
fahreten am jüngsten Tag allzsamm in Himmel und mußten dich zrucklassen
und für alle Ewigkeit voneinander. Sorg di um di, laß du nur dö andern in
d' Höll abipurzeln. Hihi, laß nur dö abipurzeln!
Grillhofer. Na jo--selb war schon recht, wann's nur net ein oder der
andere etwa doch billiger richtet und rumpelt a da obn eine und hernzet
mich d' halb Ewigkeit: daß mei Himmel z' teuer war. I möcht nur fragn, ob
sich's a auszahlt? Wann no die andern bräver warn -! Bin ich denn so
sündig?
Dusterer (fährt empor). Fragst no--fragst no, Grillhofer, ob d' sündig
bist?! Solltst nit fragn, Grillhofer, du net, du vor alle andern
net--sollst darnach fragn; du bist's--Grillhofer, und schon wie!
Beispielmäßig laß dir sagn, auf der Alm im Fruhjahr, wann sich der Schnee
ballt, fliegt so a Malefizvogel--meint selber nix Args--vom Astl oba und
nimmt sich a Maul voll Schnee--und denkt bloß, er tut sein Schnabel a
Guttat, paar Bröckeln rutschen weiter, es wird a Kügerl draus, aus der
Kugel a Knödel, aus'm Knödel a Bünkel wie a Fuder Heu, dös torkelt allweil
Tal obi, immer größer und größer und raumt 'n Wald mit, haut abi ins Tal
und die Lawin is fertig. So a Unglücksvogel bist a du, Grillhofer!
(Schenkt ein.) Bist auch du! Frag net, ob d' sündig bist! Denk an die
Riesler-Magdalen, was vor fünfundzwanzg Jahr in dein Dienst war, wie mein
Schwester, dein Weib, Gott hab s' selig, noch glebt hat, denk an die
Riesler-Magdalen, sag ich, dö hast du a ins Kugeln bracht, daß ins Rollen
kämma und in die siedige Höll h'neingfalln is und, wer weiß, wieviel Seeln
mitgrissen hat! Neamand hat mehr was von ihr derfahrn, die fufzgimal ist
s' vom Gricht zwegn einer Erbschaft aufgfordert wordn, verschollen is s'
bliebn! Grillhofer, aber am Tag des Gerichts, da wird alles ans Licht
zogn, da wird sich herausstellen, was du alles angstellt hast in
sündhafter Begehrlichkeit! Grillhofer, wann da Sachen ans ewige Licht
kommen, was uns gar net träumt?! Wann's gfragt wird: wer is schuld an
deiner armen Seelverderbnus? Grillhofer, Schwoger, nöt um a Million möcht
ich da an deiner Stell unbußfertiger vor Gottes Thron stehn, nöt um a
Million!
Grillhofer. Hätt ihr doch nachfragn solln!
Dusterer. No wohl--no wohl! Aber hizt is's z' spat, gschehn is gschehn.
Ich wollt dir's ehnder net sagn, aber heunt nacht hat mir wieder von ihr
traumt, wie s' da gsessen is in ewign Feuer, rundum es höllische Glast! O
Jesses, es war schreckbar! Heunt fruh hab ich glei zu meiner Alten gsagt:
für dö zwei armen Seelen muß was gschehn.
Grillhofer. Hast recht, dumm is schon, aber hast recht. No hilft nix
als fleißig fürbitten. Am End hast doch schlecht gsehn--na ja--na ja--im
Feuer und Rauchen verlassen ein'm ja leider die Augen, wird am End gar net
dö Höll gwesen sein, sundren nur 's Fegfeuer, wo die Magdalen hast sitzen
gsehn?
Dusterer. Beschwörn kunnt ich's net, daß's die Höll war!
Grillhofer. No, so gehn wir's halt an, wär mir lieb, wann's derer armen
Seel a z'guten kam! Wann mer wieder a bissel besser is, fahrn mer nach
der Kreisstadt, und da mach mir's halt richtig--ja--ja--du ziehst auf'n
Hof samt deine Leut, a kleine Probzeit, und ich verschreib dir'n, aber,
daß nichts verabsaumt wird!
Dusterer. No nix, gar nix, kannst dich verlassen. No schau, selb gfreut
mich, deintwegn, Schwoger, deintwegn! Meiner Seel! Abgsehn, daß 's gute
Werk a a Staffel in Himmel is. Aber deintwegn schon gar. Hizt wirst
schon Herr werdn über den sakrischen Gwissenswurm, verlaß dich drauf, es
is net der erste, den ich aus'm Nest nimm!--Ja--ja, kannst dich verlassen!
Was ich sagen wollt: wann geht's nach der Kreisstadt--wann dir leichter
is? Sixt, Grillhofer, sixt, schau, Schwoger, hizt lass' ich dir a 'n
Bader holn, ja, ja, man derf nix außer acht lassen und die Kräuter habn ja
ihnere Heilsamkeit a vom lieben Gott. ja, ja, weißt, hizt is was
anderscht, früher wär der Bader zu nix net nutz gwesen, aber hizten habn
wir zum Anfang 'n Wurm 's Zappeln glegt, dös is 's erste. Wann dös vorbei
is, kann a der Bader wieder was richten. Mein Seel, heunt gfreut mich
mein Lebn! (Ist aufgestanden und tätschelt den Grillhofer zärtlich in den
Rücken.) Weil ich so ein Schwagern hab! Ja ja. Na, die Freud, so a
bußfertige Seel z' finden bei derer schlechten Zeit! Beispielmäßig war
der Saul im Alten Testament a schlechter Sucher gegen meiner, hat ein Esel
gsucht und a Kron gfunden, mir aber war kein Kron so lieb, als daß ich 's
Gsuchte a find--(umarmt Grillhofer) mein lieben Schwagern!
Grillhofer. No, no, laß's nur gut sein, und wann d' meinst, so schick
halt nach'm Bader! Wann amal was sein soll, so hab ich's gern bald in
Richtigkeit.
Dusterer (sitzt wieder auf seinem früheren Platz). Ich weiß, ich weiß,
mer kennt dich dafür, du haltst auf die Ordnung: Ja, ja, und no war's ja
recht! (Hat das Gesangbuch aus der Rocktasche gezogen und vor sich
aufgeschlagen.) Und daß wir net draus kämman, so laß uns unser Bußlied
singen! (Dusterer setzt ein, Grillhofer singt mit.)
Lied
Erlös uns von des Lebens Pein,
O Herr, in deinen Gnaden
Und führ uns in den Himmel ein,
Das kann uns gar nicht schaden!
(Wie beide einsetzen, um die zwei letzten Zeilen zu wiederholen, fällt
rasch der Vorhang.)
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 9. Szene
Verwandlung
Freie Gegend. Im Hintergrund ein Teil des Grillhoferschen Hauses, ein
Fenster nach der Bühne zu steht offen, dessen bunte, kurze Vorhänge
verwehren den Einblick in die Stube. Ein Zaun mit Einlaß in der Mitte
schließt den Hintergrund ab. Vorne rechts über einen niederen Graben
fährt ein Steg. Links im Vordergrunde ein Heuschober.
Neunte Szene
Liesel kommt über den Steg, sie trägt einen Anzug, der von dem der andern
Dirnen abweicht und zeigt, daß sie aus einer andern Gegend daheim.
Lied
Mit üble Vorsätz geh
Fort aus'm Haus,
Glei schaut die ganze Welt
Anderschter aus!
Bin zeitlich fruh noch fort
Im Morgendunst,
Kenn alle Hund im Ort,
Freundlich warn s'sunst!
Nenn jeden bei sein Nam,
Kenn jeden gnau,
Hizt bellen s'hinter oam:
"Schau, schau, schau, schau!
Da geht d' Horlacher-Lies,
Mit der's net richtig is!
Schau, schau, schau, schau!"
(Jodler ad libitum.)
D' Vögerln, die in der Fruh
Singen so lieb,
Die schrein jetzt ein'm zu:
"Dieb, Dieb, Dieb, Dieb!
Ui, dö Horlacher-Lies,
Mit der's net richtig is!
Dieb, Dieb, Dieb, Dieb!"
(Jodler. Mit einer Gebärde, mit der man Vögel verscheucht, in die Hände
klatschend.) Gscht! Nixnutzigs Gfliederwerk, nit wahr is's, so is die
Horlacher-Lies net! Freilich hot die Mahm gsagt: hingehst und
einschmeichelst dich! Als ob ich a Katz wär! Aber kein Red, dös tu ich
net. Aber furt von hoam bin i gern, u mein, wie gern! Jahraus, jahrein
kein andern Kirchturm sehn als den von Ellersbrunn, d' schön Zeit über vor
harter Arbeit 's Kreuz kaum gspürn und 'n Winter über beim Spinnradl
sitzen... oh, du mein Gott, und auf einmal frei h'nausrennen dürfen in
die schön grüne, lichte Gotteswelt h'nein--haha, bleibet a Narr hoam!
--Jesses und Joseph! Frei kugeln möcht i mich im Heu!
Zehnte Szene
Vorige. Wastl.
Wastl (schon etwas freier sichtbar, ist bei den letzten Worten durch den
Zaun aufgetreten, noch rückwärts), Tu's, Dirndel, ich schau dir gern zu!
Liesel (halb nach ihm gewendet). Wußt ich, du denkst was Unrechts,
kriegest mir eine!
Wastl (kommt vor). No wußt i gern, was d' dir denkst, daß i mir denkt
hätt, han, Dirndl? (Erkennt sie.) Oh, heilig Mutter Anna, dö is's?!
Liesel. Jegerl, der Wastl!
Wastl. Ja, der Wastl und du bist dö Horlacher-Lies, eh schon wissen.
Hätt mir's net denkt, ich komm no z'samm ... Was suchst du denn da h'rum?
Liesel. 'n Grillhofer.
Wastl. 'n Grillhofer?
Liesel. Ja 'n Grillhofer!
Wastl. So, 'n Grillhofer?--No, dem sein Großknecht bin ich. Willst
leicht in Dienst bei ihm? Da hätt ich a a Wartl dreinzureden. Mir zwei
taugen net unter ein Dach, und wann dich gleich der Bauer nahm, so rennet
ich heunt no auf und davon.
Liesel. Zwegn meiner brauchst kein Schuh z' zreißen. Ich bin nur auf
Bsuch!
Wastl. Auf Bsuch?
Liesel. Jo, auf Bsuch.
Wastl. So, auf Bsuch? Was willst eahm denn?
Liesel. Dös geht di nix an.--Sag amal, was is denn der Grillhofer für a
Mon?
Wastl. A trauriger.
Liesel. Ui je, dös taugt mer net, da geh ich lieber glei wieder.
Wastl. Is a gscheiter.
Liesel. Aber geh, Wastl, was hast denn gegn mi? Tut's dich denn net a
wengerl gfreun, daß mir uns wieder zsammfinden?
Wastl. Müßt's lügn!--Solltst dich eigentlich schamen, daß d'mich
derkennst.
Liesel. Wußt net, warum! Kimmt's mer doch völlig für, als schamest du
dich.
Wastl. I mi? Zwegn we, ich frag no, zwegn we?
Liesel. No schau, Wastl, wann ich dir als alte Bekännte gut dafür bin,
bleib ich dir derweil die Antwort schuldig, aber möchst mer net sagn,
zwegn we ich mich schamen sollt?
Wastl. No, dös ist doch klar.
Liesel. So sag's!
Wastl. "Sag's!"--O du... "Sag's!" sagt s'! Hat's dir denn no nie leid
tan, wie d' mir mitgspielt hast, wie ich no in Ellersbrunn Knecht war?
Liesel. Wie 's du Knecht warst in Ellersbrunn?
Wastl. Jo, wie i Knecht war in Ellersbrunn.
Liesel (nachdenkend), So, wie d' Knecht warst in Ellersbrunn?
Wastl. Tu no, als wußt von all'm nix.
Liesel. Kann's doch schon die Zeit über vergessen habn!
Wastl. Dös sieht dir schon gleich! Ja, dir schon.
Liesel. No, geh, so sag's, wie's war!
Wastl. Wenn i mag!
Liesel. Magst schon, wann i dich bitt.
Wastl. Meinst? Bist a weng sicher.
Liesel. Aber, Wastl, was tust denn so harb? Ich wußt rein nix!
Wastl. Da schlag doch 's Wetter'drein. Bin ich dir net in Ellersbrunn
nachgrennt wie narrisch?
Liesel (sieht ihn von der Seite an). Freilich, wohl, wohl! Selb laugn
ich net!
Wastl. Stund dir a schlecht an!
Liesel. Is ja alles zwischen uns zwei in Ehrn verbliebn.
Wastl (grimmig). Ebens drum!
Liesel. Aber, Wastl, wird dich doch nit harbn, daß sich keins von uns
versündigt hat?
Wastl. Dös net! Dös freili nöt! In Ehrn is alls verbliebn, is a dumme
Gschicht, aber es muß ein recht sein; mit einer Dirn, was net auf sich
halt, laßt sich a kein rechter Bub gern ein. War schon recht dös
Dich-in-Ehren-Halten, aber mich fürn Narren halten war von unnöten!
Liesel. Geh! Und wie is denn dös zugangen?
Wastl (eifrig). Dös fragst du no? Du fragst dös no? Na, ich dank! Han,
wie ich gmeint hab, ich möcht dir taugn, hab ich dich net gfragt, wo mir
zsammkomma kinnten?
Liesel. Ja, dös hast gfragt.
Wastl. Und weil dir's auf der Heid z' einschichtig war
Liesel. Freili Wastl. Und mir auf der Landstraßen z' leutselig, hon i
gsagt, ich kimm in Wald.
Liesel. Bist jo a kumma!
Wastl. Jo, aber du bist wegbliebn! Sikra h'nein, von wie es Mondschein
raufkämma is, bis's wieder abigangen is, bin ich dort am Fleck gwest und a
Kälten hat's ghabt, daß's ein schier d' Seel aus 'm Leib hätt rausbeuteln
mögn!
Liesel. No, hon ich dir's drauf net gut gmeint, hon ich net gsagt: wann
dir die Kälten zwider war, sollst af d' steile Wand gehn, wann hoch um
Mittag is?
Wastl. No, war ich net durt? War a a Hitz zum Verschmachten. Wer aber
wieder net kämma is, warst du.
Liesel (ironisch). Du hast dich aber neamer beklagt.
Wastl. Ah freili, noch ja, daß d' mi leicht no zum Auffrischen in
Mühlbach schickest! Dank schön. Teufi h'nein! (Stampft mit dem Fuße auf.
) Frotzel ein'm net! (Wendet sich ab, sieht aber zuletzt widerwillig nach
der Liesel, die laut auflacht, lacht mit.)
Liesel (lustig). Aber schau, Wastl, was kann a Dirn auf a Lieb gehn, dö
net amal bissel Kaltstelln und Aufwarmen vertragt! Da is ja mehr Verlaß
afs sauere Kraut!
Wastl. Du bist a eine, dö 'm Teufel aus der Butten gsprunga is! Geh zu!
Liesel. No, laß dir a was sagn, Wastl!
Wastl. Red, wann's dir a Freud macht, auf sitz ich dir neamer!
Liesel. Sag mir amal, Wastl: wie dir im Wald und af der Wand langweilig
wordn is, warum bist denn nit hoamgangen?
Wastl. Warum ich net hoamgangen bin?
Liesel. Jo, warum d'net hoamgangen bist?
Wastl. No, a so--weil--a so halt, weil i net hoamgangen bin!
Liesel. Werd ich dir's halt sagen, Wastl, warum d' net hoamgangen bist!
Wastl. No, wann d' es besser weißt als i selber, so sag's.
Liesel (stellt sich ganz nahe zu Wastl). Weil d' es hast vor die andern
Bubn net merken lassen wollen, daß d'umsonst warst (stößt ihn mit dem
Ellbogen in die Seite), weil's hätt ausschaun solln, als wär ich durt
gwest, und wie lang a noch! Han (stößt ihn wieder), war dös rechtschaffen
gegn a ehrliche Dirn? So red was! (Holt wieder zu einem Stoß aus.)
Wastl. Na, net--net--(fängt ihren Arm auf) meint mer doch nit, du warst
da h'rum so spitzig!
Liesel. Auslaß, sag ich!--Aber ich hab mich schon auskennt und allmal zur
Zeit, wo ich mit dir hätt gehn solln, hab ich mich mit meine Kameradinnen
hübsch im Ort sehn lassen.
Wastl. Jo, jo, und drauf is dös Frotzeln und Feanzeln angangen--und furt
mußt ich aus Ellersbrunn, weil ich doch net dös ganze Bauerngsindel ein
um'n andern niederschlagn mag.
Liesel. Hast aber a ein Unterschied gmerkt zwischen ehrliche Dirndeln und
der leichten War.
Wastl. A ja, dös schon, und wie! Hab's a allzsamm in die Höll
abigwunschen.
Liesel. Selb macht nix, rennen mehr do no af der Welt h'rum!--Aber dir
war schon recht gschehn für dein unehrlichs Gspiel!
Wastl. No, wer sagt, es hätt net do no ehrlich ausgehn mögn?
Liesel. Du hast es net gsagt.
Wastl. No ja, damal war ich dumm und hon gmeint, leicht kunntst du no
dümmer sein. Aber sider der Zeit bin ich schon gscheit wordn.
Liesel. Dös sahet mer dir doch net an.
Wastl. Hm, liegt mer net auf, wann du's net bemerkst! Meinst, weil ich
mich mit eng Weibsleut net einlass'? Bei eng gilt a jeder für dumm, der
sich net anstellt wie a Kater im Marzi. Der Gscheiter halt sich grad af
die Seiten.--Wie ich damal furt bin, von Ellersbrunn, hon ich mir denkt:
no hast abgwirtschaft in der Lieb für dein Lebzeit. D' Horlacher-Lies wär
die einzige, die dir taugt hätt, und dö spielt dir so mit!--Und schad is,
wann d' weitersuchst, a zweite wie die Horlacher-Lies gibt's neamer af der
Welt!--Gleichwohl taugt a dö nix. Aus is und gar is, schaust dich gar
neamer weiter um unter dem Kittelwerk. So hon ich's a ghalten.
Liesel (schelmisch). Geh zu, du kannst ein ja völlig stolz machen, Wastl.
Wastl. Ahan, dös gang dir grad no ab zu dö übrigen Sachen, dö d' an dir
hast!
Liesel. Na geh, mach ein'm net schlechter. Kannst es denn wissen, ob mir
net hart gschehn is um dich?
Wastl. Wird dir a hart gschehn sein?! Außer es is mittlerweil einer
kämma, der dir's abgwonnen hat.
Liesel. Na, dös is net! Ich bin mir grad so gscheit wie du.
Wastl. Was? Du warst noch, wie mir damal voneinand gangen sein.
Liesel. Akrat!
Wastl. Kannst mer in d'Augn schaun, Dirndl?
Liesel. Kerzengrad a noch!
Wastl. Schwör!
Liesel. Meiner Seel und Gott!--No, sag mir aber, Wastl, wann's nur dö
eine Horlacher-Lies af der Welt gibt, warum stund dir denn die a neamer
an?
Wastl. Ja weißt, Liesel, dös is a so! Du bist freilich a so a recht, wie
d' bist, aber a so bist net, wie ich mir dich einbildt hab.
Liesel. No, so sei halt kein so einbilderischer Ding!
Wastl. Ja, mein Gott, dös verstehst net. Dös is halt wieder a so: Wann
ma di a so anschaut, da kriegt ma erst vorm Herrgottn Respekt, der a so
was af d' Füß stellt, so frisch und lebig und sauber und kreuzbrav, dös
war schon dö Horlacher-Lies, wie's kein zweite net gibt. Aber wann ma
denkt, wie du ein'm mitspieln magst, wo du deine Krampeln versteckt hast,
da meint mer doch, selb taugt a wieder net; wann d' nur a bissel a
Demütigkeit no hättst!
Liesel. Jegerl, geh zu, weil du so demütig bist, glangst glei keck nach
der Dirn, wie's kein zweite mehr gibt, und verwunderst dich, daß dö net
gleich a bemerkt, daß du der Wastl bist, wie's kein zweiten mehr gibt!
Wastl (lachend). Ah na, so hon i nie gredt.
Liesel. Aber tan hast darnach!
Wastl. Na, na, aber so tu ich neamermehr und no sein mir allzwei
gscheiter und no könnt mer's rechtschaffen und ehrlich von vorn wieder
anheben, wann dir nur taugen möcht.
Liesel. Wer weiß, ob's mir net taugt!
Wastl. Aber, Liesel, neamer fürn Narren halten.
Liesel. Aber, Wastl, wie wurd denn dös sein kinna, du bist ja hizt so
viel gscheit.
Wastl. Na, dir is mer's leicht net gnug. Aber reden laß no mit dir
drüber nach'm Feierabend!
Liesel. Wohl, wohl.
Wastl. Wo bstellst mich denn hin?
Liesel. Weißt's ja eh--in Mühlbach!
(Die in der kommenden Szene Auftretenden werden hier sichtbar.)
Wastl. O du Unend, dös zahlst mer! (Will sie an sich ziehen und küssen.)
Liesel (wehrt ihn ab). A Ruh gibst! Eine hob ich dir schon
versprochen--d' zweite verdienst hizt! (Hat ihn gegen den Heuschober und
in die Enge getrieben.) Zahltag ist!
Wastl (wehrt sich). Aber nöt vor dö Leut, Liesel!
Anzengruber: Der Gwissenswurm, I. Akt, 11. Szene
Elfte Szene
Vorige. Knechte und Mägde, darunter Michl und Annemirl, Rosl. Alle durch
den Zaun auftretend.
Michl. Ho, Großknecht, wehr dich! Wehr dich, sunst geht's dir schlecht.
Wastl. Halt's Maul!
Annemirl. Je, schau, schau! Weiß mer's doch jetzt, warum 'n Wastl kein
hiesige Dirn net ansteht! Dös is sein Schatz, und der kimmt von auswärts!
Wastl (sieht sie von der Seite an). Besser a Dirn kimmt von auswärts, als
sie geht nach einwärts, dös steht net schön.
Rosl. No no, Wastl, richtig is net mit dir. Hast vergessen, daß Mittag
is? Wir sein alle schon abgfuttert, hab dir dein Essen af d' Seit gstellt.
Wastl. Ich frag nach kein'm Essen. Han, Liesel, magst du's leicht habn?
Hast ein weiten Weg hinter deiner; wirst hungrig sein.
Liesel. No, wann viel is, gib's her.
Wastl. Wird net wenig sein. Kumm nur. Und dann schau, daß d' mit unsern
Bauer auf gleich kimmst!
Michl. Liesel heißt s'?
Annemirl. Soll s' in Dienst?
Rosl. Dös war recht. Wastl, dö bring nur auf 'n Hof. Bist so lustig,
wie's d' ausschaust, Dirndl?
Liesel. Bin mein Lebtag net trauriger gwest wie hizt.
Rosl. Nachher is's schon recht. Brachst 'n Bauer wieder zrecht, dös war
a verdienstlich Werk; möcht mer doch wieder lachen und lustig singen hörn
auf'n Hof, wie ma alt wordn is dabei.
Liesel. No, soll dös net sein?
Rosl. U mein, na! Hörst nix als von Buß und von Reu und vom Versterbn!
Liesel. Na, da tu ich net mit!
Rosl. Und koans soll sich rührn!
Liesel. ös armen Hascher, ös! No, ich ghör net zu dö Engern und
justament sing ich hizt oans!
Wastl. Nöt, Liesel, na; war no z' fruh! Eh schau, daß dich der Bauer
leiden mag!
Liesel. Weißt ja net, was ich ihm will und ob mir drum is, daß ich ihm
ansteh! Kränkt mich ja gar net, wann er mich gleich davonjagt, und dann
geh ich wieder und bring der Mahm ein schön Gruß.
Wastl. Du gangst--glei -?
Liesel. Wonn a i geh, kannst ja du doch kimma!
Wastl. No is's eh recht!
Liesel. No, und hizt laßts mich aus! Wann ich mir 's Einwendige von so
einer traurigen Wirtschaft betrachte wird mir eh die Luft zwenig in der
Stubn und ich bin mir nimmer gleich, bis ich wieder draußt bin. Muß ich
schon eini, solang ich noch außerhalb bin, bin ich d' Horlacher-Lies und
zum Trutz noch einmal so lustig!
Lied
1.
A Bub kimmt zun Himmel,
Fragt beim Petern sich an:
"Gibt's da Zithern und Dirndeln?
So bist du mein Mon!"
Und drauf sagt der Peter:
"Dös gibt's bei uns net!"
Und da kratzt sich der Bub
Hinterm Waschl und geht.
(Jodler.)
2.
Der Bub kimmt zur Höll drauf,
Fragt beim Teuxel sich an:
"Gibt's da Zithern und Dirndeln?
So bist du mein Mon!"
Und drauf sagt der Teuxel:
"Dös gibt's bei uns net!"
Und da kratzt sich der Bub
Hinterm Waschl und geht.
(Jodler.)
3.
Und Zithern und Derndeln,
Na, dö kann i net lon,
Und so steht mer der Himmel
Und 's Höllreich net an.
O schön grüne Welt,
Laß sagn, wie d'mer gfallst,
Solang Zithern klingen
Und mei Dirndl mich halst!
Chor
O schön grüne Welt
Laß sagn, wie d'mer gfallst,
Solang Zithern klingen
Und mei Dirndl mich halst!
(Jodler.)
(Zugleich hört man hinter der Szene Grillhofer und Dusterer das Bußlied
singen.)
Erlös uns von des Lebens Pein,
O Herr, in deinen Gnaden
Und führ uns in den Himmel ein,
Das kann uns gar nicht schaden!
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 1. Szene
Zweiter Akt
Garten des Grillhoferschen Gehöftes. Rechts, mehr vorne, präsentiert sich
eine andere Ansicht des Hauses wie im ersten Akte. Verwandlung. Eine
Türe, unmittelbar neben derselben, jedoch schon ganz in den Vordergrund
gerückt, eine Laube, in welcher ein Tisch und Bänke stehen. Im
Hintergrunde, in Mannshöhe über dem Boden, schließt ein lebender Zaun die
Bühne ab, zu dessen aus Prügelholz genagelten Einlaßschranken ein Anstieg
hinanführt. Ein Gebirgspanorama vervollständigt die Dekoration.
Erste Szene
Dusterer. Grillhofer. Rosl. Durch die Haustüre.
Dusterer (übereifrig, noch unsichtbar, hinter der Szene). So--so--nur a
weng ins Freie--und die Stuben derweil lüften--und a bissel Waldrauch
einemachen! (Stürzt heraus, einen Kopfpolster unterm Arm, den er sogleich
in der Laube an einer Banklehne zurechtlegt. Grillhofer, von Rosl geführt,
folgt langsam.) Nur langsam--geht schon, geht schon--halt dich nur an d'
Rosl.--Schau, selb tun dir dann alles meine Kinder.--Na siehst, so sein
wir da!--Ja, ja so ein Schwagern habn, dös is schon die neunte Seligkeit!
No, sitz nur nieder!
Grillhofer (setzt sich). No, niedersetzen--is eh recht! (Rosl richtet
den Polster und geht dann ab.)
Dusterer. So!--Und nachhert, daß ich sag, ja, daß ich sag, der Bader
meint, wann dich 's Ausgehn gfreun möcht, kunntst es schon wagn!
Grillhofer. Der Bader... der Bader, dös is a Esel, kunnt ebensogut sagn,
wann mich 's Tanzen und Springen gfreut, söllt ich mich net abhalten
lassen.
Dusterer. No, no, wer weiß, wann's die Bußhaftigkeit verlanget, wie
beispielsmäßig der König David zu Gottes Ehr tanzt hat--brachst es leicht
a zwegn. Und wann dir recht war--schaden tat's net, meinet der
Bader--na--ja--so kunnt mer morgn schon nach der Kreisstadt fahrn
hin--hin--beispielmäßig, weil d' selber gmeint hast, es möcht dir recht
sein--wegn der Ordnung--no--beispielmäßig nur.
Grillhofer. Hast du's aber eilig!
Dusterer. I? Ah na--nöt dran denken--aber weil du selbn
schon--beispielmäßig-Grillhofer. Is schon gut.
Dusterer. No weißt, ich mein halt nur, dö arme Seel da nur könnt's völlig
net derpassen und tat ihr schon 's erste Ruckerl wohl, was af unser
eindringlich Fürbitten gschahet. Beispielmäßig halt 's der Teuxel an
oaner langen Ketten, wie a Bub ein Maikäfer an ein Bindfaden; wie mir aber
anhebn, muß er 's scho a Bröserl auffilassen, nöt höher leicht wie die
Laubn da, aber doch, und wie mir nöt nachlassen, is's mitm zweiten Schub
scho durt aufm Nußbaum und so höher und allerweil höher, und wann du dich
dann noch einsetzt mit dein guten Werk und wirfst dein Gut ins Meer, dann
reißt die Ketten mitten wurz voneinander und--heidi!--fliegt dö Seel auffi
in Himmel, hast es net gsehn!--holt 's kein Teuxel mehr ein!
Hehe--ja--ja-Grillhofer. Hehe--war eh recht.
Dusterer. Und dein Gwissenswurm, was deßtwegen in deiner Brust war, findt
nix mehr z' nagn und z' beißen und verstirbt dir elendig--aber schon
elendig--der Sakra! Und allzwei seids derlöst.
Grillhofer. War scho recht, war eh recht!
Dusterer. No, magst dich drauf verlassen--hm, ja!--(Blickt angelegentlich
gegen den Himmel, spricht aber so wie nebenher fort zu Grillhofer.) Glaub
mir, wann ich dir was sag: der Wurm fliegt in Himmel und die Magdalen
verstirbt dir elendig...
Grillhofer. Ah na--no 's selb war ja verkehrt!
Dusterer. Was?--Ah ja--ahan--hon ich's gfahlt gebn?
Grillhofer. No, wie! Nach was hast denn ausguckt?
Dusterer (etwas kleinlaut). Ob moring--ob moring wohl a schön Wetter sein
möcht, beispielmäßig, daß mir a weng furtfahrn kunnten.
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 2. Szene
Zweite Szene
Vorige ohne Rosl. Wastl mit Liesel. Durch die Haustüre.
Wastl. No, da hastn ja, 'n Grillhofer! Siehst, der mit 'm Polster auf'm
Rucken.
Grillhofer. O du Lalli, "der mit 'm Polster auf'm Rucken", sagt er, wie
wann der angwachsen war! Was gibt's denn?
Wastl. Dös Dirndl will z' dir af Bsuch.
Grillhofer. So, so, na, kimm nur naheter--wer bist denn--woher kimmst
denn--was willst mer denn, han?
Liesel. U mein Jegerl, dös dermerk ich mir ja gar net der Reih nach, dein
Fragn nach bist lang nöt so alt, als d' ausschaust; aber, Bauer, dös muß
ja schön langsam gehn und Tipferl... für Tipferl!
Grillhofer. So, so, han, und nach jedem Tipferl schadet a gut Tröpferl a
net? Na, Wastl, schau halt nach der Rosl, sö soll dir a Flaschen Süßen
gehn und a weng Schleckwerk findt sich wohl a noch in der Speis. (Wastl
ab).
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 3. Szene
Dritte Szene
Vorige, ohne Wastl.
Grillhofer. No, sitz nieder, Dirndl!
Liesel. Mit Verlaub! (Setzt sich Grillhofer gegenüber.)
Grillhofer. Werdn mer halt schön langsam Tipferl für Tipferl fürgehn. So
sag amal, wer d'bist?
Liesel. D' Horlacher-Lies hoaßen s' mich.
Grillhofer. Horlacher? Schau! Und woher kimmst denn?
Liesel. Von Ellersbrunn.
Grillhofer. Von Ellersbrunn. No, is schon richtig, no bsinn ich mich
schon. I hon a alte Horlacherin aus Ellersbrunn kennt.
Liesel. Dös is mei Mahm.
Grillhofer. Ja, ja, a kloans dicks Weiberl, i weiß schon. Is a paarmal
in mein Haus kämma, wie noch mein Alte--Gott hab s' selig--bein Leben war.
Sider der Zeit hon ich s'neamer gsehn.
Liesel. Mir sein a mit dir in Verwändtschaft.
Grillhofer. So? Dös is 's erste Mal, daß i davon hör! Wie denn wohl?
Liesel. Aus ihrer Mutter ihrer ersten Eh hat dein Weib ein Halbbrudern
ghabt und dem sein Gschwistertkinderssohn hat meiner Mahm ihr
Gschwistertkinderstochter gheirat.
Grillhofer. So? So?--Mein Weib ihr halbeter Bruder... na, wie war dös
nachert gwesen?
Liesel. Dein Weib ihrn Halbbruder sein Gschwistertkinderssohn hat meiner
Mahm ihr Gschwistertkinderstochter gheirat.
Grillhofer. Da tut ein'm der Kopf weh dabei!
Liesel. I hab mern net drüber zbrochen, ich hon dös Gsetzel einglernt wie
a Starl, wie die Schulkinder 'n Katechisimus!
Grillhofer. Bist doch aufrichtig.
Liesel. Na, wohl, und schon wie!
Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 4. Szene
Vierte Szene
Vorige. Wastl (kommt zurück).
Wastl (stellt eine Tasse mit einer Flasche Rotwein und Gläsern darauf und
einen Teller mit Kuchen auf den Tisch).
Grillhofer. Bleib nur da, Wastl, mußt 'n Hausvatern machen, mußt
einschenken und nachfülln! Ich glang net so weit und soll ich was haltn,
zittern mer d' Händ, verschüttet leicht was, war schad drum!
Wastl (füllt ein Glas und setzt es der Liesel hin).
Liesel. Auf dein Wohlsein! (Kostet.)
Wastl (die Flasche in der Rechten, deutet mit der Linken, in der er das
Glas hält, auf Dusterer). Kriegt der a was?
Grillhofer. No, wohl, wohl!--Fangst scho wieder an?
Dusterer (streckt die Hand abwehrend nach dem Glas aus). Na, na--wann ma
net vergunnt is... wann ma net vergunnt is...
Grillhofer. Einschenk, sag ich! Du Sakra, du!
Wastl (schenkt ein und stellt das Glas ungestüm vor Dusterer auf den
Tisch).
Grillhofer. Na, verkostn nur. Verkost. Freilich mehr für d'Weibsleut,
aber a guter Tropfen!
Dusterer (hat getrunken). Jo, hehe, möcht mer do selber gleich, wann dös
a Trunk für d'Weiberleut is, a Weib werdn.
Wastl. Bist eh schon oans und a alts dazu.
Grillhofer. Wastl!
Wastl (stellt auch ein Glas vor Grillhofer hin). Hob a oans für dich
mitbracht!
Grillhofer. Weißt, ich trink net! No, weil schon dasteht, laß's halt!
--Wolln mer wieder von was Gscheiten reden! Dirndl, a Antwort bist no
schuldig. Was d' da willst?!
Liesel (lustig). Bissel erbschleichen sollt ich!
Grillhofer. Sollst? Teufl h'nein, wer kann dich denn dazu verhalten?
Liesel. Neamand! Meiner Mahm war dös af einmal eingfalln und ich taug a
scho gar net dazu. Allweil um oans herumscherwenzeln wie a Hund, derweil
mer ihm d' Schüssel blast!--und passen und warten afs Versterbn, ah, na,
wurd mer ganz entrisch dabei, leb ich doch selber so viel gern! (Steht
auf.) Na, Bauer, meiner Seel, möcht dich unser Herrgott no hundert Jahr
leben lassen, ich neid dir kein Tag, nöt ein oanzigen neid ich dir!
Grillhofer. Bist a herzguts Dirndl!
Liesel. Ich wär eh net her, aber um 's Hoambleibn war mer grad a net z'
tun, außi wollt ich gern;--doch a so herumvagiern und dann lugn: ich war
da gwest, dös wollt ich wieder nöt! No tust mer halt den Gfalln und sagst,
es wär da nix z'holn, und jagst mich wieder hoam.
Grillhofer. Hehe--kimmt dir wohl net unglegn, wann i mir mit 'n Hoamjagn
a weng Zeit lass', han? Möcht aber doch wissen, wie dein Mahm af dö
Gedanken kämma is!
Liesel. Ah, dö Mahm hat's recht ernsthaftig gmeint! (Kopiert mit Laune
die wohlwollende Redeweise einer alten, resoluten Frauensperson.) "Liesel",
hat s' gsagt--"Schau, Liesel, du bist a einsam, verwaists Dirndl, mußt
dich umtun, mußt dazuschaun! Verwändt bist amal mit 'm alten Grillhofer,
dös können mer schriftlich aufweisen. Geh hin, schau eahm nach, soll ihm
schlecht gehn, leicht gar macht er's neamer lang--verzeihst schon,
Bauer--tu dich a weng einschmeicheln, er hat sunst dö lustigen Leut nöt
ungern mögn... "
Grillhofer. Möcht s'wohl a hizt no...
Dusterer (hat Grillhofer mit dem Ellbogen angestoßen). Grillhofer. Wonn
net...
Wastl (indem er sich über den Tisch beugt und das Glas vor Dusterer
nachfüllt). Wann d' mer noch amal 'n Bauern stupfst, kriegst a ein Deuter!