Du hättest das alles ohne Bart und Priesterrok thun können; er
sieht dich ja nicht. (Hierauf erklärt sich Sir Tobias, daß er
dieses Spiels nach gerade überdrüssig sey, und demselben um so mehr
ein anständiges Ende gemacht wünsche, da er mit seiner Nichte
zerfallen sey. Er geht also mit Maria ab, um sich darüber auf
seinem Zimmer mit ihr zu berathen, und läßt Hans Wursten bey
Malvolio zurük, der hierauf in der)
Vierten Scene
(seine eigne Person wieder annimmt, und nachdem er eine Weile den
Narren mit ihm getrieben, sich endlich erbitten läßt ihm Papier,
Feder, Dinte und ein Licht zu bringen.)
Fünfte Scene.
(Ein andres Zimmer in Olivias Haus.)
Sebastian (allein.)
Diß ist die Luft, diß ist die strahlende Sonne; diese Perle gab sie
mir, ich fühle sie und sehe sie, und obgleich alles um mich her
lauter Wunder ist, so ist es doch nicht Wahnwiz. Wo ist denn
Antonio? Ich konnt' ihn im Elephanten nicht finden; alles was ich
erfahren konnte war daß er da gewesen und wieder ausgegangen sey,
mich überall in der Stadt aufzusuchen. Sein Rath könnte mir izt den
grössesten Dienst thun--Denn wenn gleich meine Vernunft gegen meine
Sinnen behauptet, daß diß alles irgend ein Irrthum seyn könne, ohne
daß es Einbildungen oder Tollheit seyn müsse; so geht doch dieser
Zufall und ein so ausserordentliches Glük so weit über alles, was
man sich vorstellen kan, oder was jemals erhört worden ist; daß ich
bereit bin, ein Mißtrauen in meine eigne Augen zu sezen, und mit
meiner Vernunft zu streiten, wenn sie mich bereden will, irgend
etwas anders zu glauben, als daß ich toll sey oder daß es diese
junge Dame sey; und doch, wenn das leztere wäre, würde sie ihr Haus
regieren, ihren Bedienten Befehle geben, Geschäfte annehmen und
auftragen, und das alles mit einer so guten Art, mit einem so
sanften, vernünftigen, gesezten Wesen, wie ich sehe, daß sie thut?
In der That, es ist etwas unbegreifliches in dieser Sache. Aber da
kommt sie ja selbst. (Olivia mit einem Priester.)
Olivia.
Tadelt nicht, daß ich zu hastig sey; wenn eure Absicht ehrlich ist,
so kommt mit mir und diesem heiligen Mann in die Capelle, und unter
ihrer geweyhten Umwölbung schwöret mir da, vor ihm, das Gelübd
eurer Treue zu, damit meine noch immer mißtrauische, noch immer
zweifelnde Seele beruhigt werde. Er soll es geheim halten, bis es
euch selbst gefallen wird, die Zeit zu einer öffentlichen Feyer,
die meiner Geburt gemäß sey, zu bestimmen. Was sagt ihr hiezu?
Sebastiano.
Ich will diesem heiligen Manne folgen und euch begleiten; und die
Treue, die ich euch schwören werde, will ich ewig halten.
Olivia.
So geht dann voran, ehrwürdiger Vater, und der Himmel schaue mit
Beyfall auf mein Vorhaben herab!
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
(Dieser ganze lezte Aufzug enthält nichts mehr
als eine Entwiklung, welche leicht vorauszusehen ist. Man weiß
schon, daß die Anlegung des Plans und die Entwiklung des Knotens
diejenigen Theile nicht sind, worinn unser Autor vortrefflich ist.
Hier scheint er, wie es ihm mehrmal in den fünften Aufzügen
begegnet, begieriger gewesen zu seyn, sein Stük fertig zu machen,
als von den Situationen, worein er seine Personen gesezt hat,
Vortheil zu ziehen. Wir werden uns daher begnügen, den blossen
Inhalt jeder Scene auszuziehen.)
Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Der Herzog kommt, mit Viola, Curio und seinem Gefolge, um in
eigner Person den lezten Versuch auf das Herz seiner Unerbittlichen
zu machen, und da er nicht gleich vorkommen kan, so unterhält er
sich unterdessen mit Hans Wurst, den er vor der Porte antrift.)
Zweyte Scene.
(Antonio wird von dem Gerichts-Beamten, der sich seiner
bemächtiget hatte, herbeygeführt, und dem Herzog als jener
berüchtigte See-Räuber vorgestellt, gegen welchen er so viele
Ursache habe erbittert zu seyn. Viola, die, wie wir wissen, eine
gutherzige Art von Mädchen ist, rühmt sogleich den guten Dienst,
den er ihr gethan, fügt aber hinzu, daß er zulezt aus einem so
seltsamen Ton zu ihr gesprochen habe, daß sie nichts anders
vermuthen könne, als er müsse im Kopf nicht gar zu richtig seyn.
Antonio vertheidigt sich hierauf gegen den Vorwurf der Seeräuberey,
und da er Viola für ihren Bruder ansieht, so erzählt er auf ihre
Rechnung alles was wir bereits von seinen Verdiensten um Sebastian
wissen, und beklagt sich bitterlich über ihre Undankbarkeit. Indem
nun der Herzog der Zeit nachfrägt, und durch den Umstand, daß
Cäsario die verflossenen drey Monate an seinem Hofe zugebracht, den
Antonio der Unwahrheit überwiesen zu haben glaubt, kommt in der)
Dritten Scene.
(Olivia dazu, und befremdet sich sehr ihren Cäsario gegen sein
gegebnes Wort, wieder an des Herzogs Seite zu sehen. Da nun Viola
nicht begreiffen kan, was Olivia sagen will, so beginnt sich ein
Wortwechsel unter ihnen, der aber sogleich durch die Händel worein
diese Dame mit dem Herzog geräth, unterbrochen wird. Sie sagt ihm
rund heraus daß ihr seine Standhaftigkeit unerträglich, und seine
Liebes-Klagen so angenehm seyen als Heulen nach Musik. Der Herzog
wird dadurch so aufgebracht, daß er schwört, die Unerbittlichkeit
seiner marmorherzigen Tyrannin an ihrem jungen Liebling, an Cäsario
zu rächen--Ich will ihn, sagt er, aus diesem grausamen Auge reissen,
wo er siegreich und gekrönt dasizt und seines Herrn spottet; ich
will das Lamm das ich liebe, opfern, um ein Raben-Herz in der Brust
einer Daube zu durchboren. Mit diesen Worten, will er fortgehen und
befiehlt dem Cäsario ihm zu folgen. Viola erklärt sich bereit
tausend Tode zu sterben, wenn seine Zufriedenheit dadurch befördert
werde, und will ihm folgen--Wohin wollt ihr, Cäsario, ruft Olivia--
Dem folgen, antwortet Viola, den ich, der Himmel sey mein Zeuge,
mehr als alle Weiber der ganzen Welt, mehr als meine Augen und mein
Leben liebe. Izt fängt Olivia auch an aus dem tragischen Ton zu
sprechen, und da ihr vermeynter Bräutigam so unverschämt ist, von
allem was zwischen ihnen vorgegangen seyn soll, nichts wissen zu
wollen, und der Herzog über den Namen eines Gemahls den sie der
Viola giebt, wüthend wird, so sieht sie sich endlich genöthiget den
Priester, der sie mit Sebastian getraut hat, herausruffen zu lassen,
auf dessen vollgültiges Zeugniß hin der Herzog sich überzeugt hat,
daß er von Cäsario betrogen worden, und unter bittern Vorwürfen
über seine Falschheit das Verbannungs-Urtheil über beyde ausspricht.
Indem nun Cäsario sich vergeblich auf seine Unschuld beruft, und
Olivia, welche glaubt, daß es nur aus Furcht vor dem Herzog
geschehe, ihm Muth einspricht, kommt in der)
Vierten Scene.
(Sir Andreas mit zerbrochnem Kopf heraus, und erhebt ein
jämmerliches Geschrey über einen gewissen Kammer-Junker des Herzogs,
Cäsario, der ihn und Sir Tobiesen jämmerlich abgeprügelt habe; wir
hielten ihn anfangs für eine Memme, sagt er weinend, aber er ist
der leibhafte Teufel selbst. Mein Kammer-Junker Cäsario? fragt der
Herzog, Ja, Sapperment, (ruft Sir Andreas) hier ist er ja in Person:
Ihr habt mir umsonst und um nichts ein Loch in den Kopf geschlagen;
und wenn ich euch was gethan habe, so that ich's nur auf Anstiften
des Sir Tobiesen--Viola, welche von dieser neuen Anklage eben so
wenig als von einer Vermählung mit Olivia weiß, hat das
Mißvergnügen sich von Sir Tobias und vom Hans Wurst überwiesen zu
sehen; die Verwirrung nimmt zu, und steigt endlich auf den höchsten
Grad, da in der)
Fünften Scene.
(Sebastian selbst erscheint und der erstaunten Versammlung den
Cäsario gedoppelt sehen läßt. Dieser nemliche Augenblik der
äussersten Verwirrung bey Orsino und Olivia zieht Antonio und Viola
aus der ihrigen. Jener erkennt in Sebastian seinen jungen Freund
und diese ihren Bruder: das Geheimniß entdekt sich, Olivia findet
sich dem Schiksal mehr verbunden als sie gewußt hatte; Sebastian
begreift, was er kurz vorher für einen Traum oder für Bezauberung
halten mußte, und der Herzog ergiebt sich den ausserordentlichen
Proben die ihm Viola von ihrer Zärtlichkeit gegeben und erklärt sie
zur Königin seines Herzens. Damit alles sich entwikle und niemand
unglüklich bleibe, so entdekt sich in der)
Sechsten und siebenten Scene.
(durch den Brief des Malvolio, welchen Hans Wurst überbringt, auch
der unglükliche Irrthum dieses Bedienten, und der Betrug der ihm
gespielt worden; welches dem Hans Wurst Gelegenheit, sich über ihn
lustig zu machen, jenem aber, nach einer kleinen Demüthigung seiner
Einbildung, die Freyheit verschaft.)
Was ihr wollt, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland)