Viola.

Ich denke, ihr denkt ihr seyd nicht was ihr seyd.

Olivia.

Wenn ich so denke, so denk ich das nemliche von euch.

Viola.

Und so denkt ihr recht, ich bin nicht was ich bin.

Olivia.

Ich wollt' ihr wäret wie ich euch wünschte.

Viola.

Würd' ich besser seyn, Madam, als wie ich bin? Ich wollt es wäre so,

denn izt bin ich euer Narr.

Olivia.

Wie anmuthig selbst Verachtung und Zorn auf seinen schönen Lippen

sizt.* Mördrische Schuld verräth sich nicht schneller, als Liebe

die sich verbergen will: Die Nacht der Liebe ist Mittag. Cäsario,

bey den Rosen des Frühlings, bey meiner jungfräulichen Ehre und

Treue, und bey allem in der Welt, ich liebe dich so sehr, daß, troz

allem deinem spröden Wesen, weder Wiz noch Vernunft meine

Leidenschaft verbergen kan. Erzwinge dir daher, daß ich dir mein

Herz selbst antrage, keinen Grund es zu verschmähen; denke lieber

so, (du wirst so richtiger denken) gesuchte Liebe ist gut; aber

ungesucht geschenkt, ist sie noch besser.

Viola.

Ich schwöre bey meiner Unschuld und Jugend, ich habe Ein Herz,

Einen Busen, und Eine Treue, und diese hat kein Weibsbild; noch

wird jemals Eine Meisterin davon seyn als ich selbst. Und hiemit,

adieu, Gnädiges Fräulein; niemals werd' ich mich wieder gebrauchen

lassen, euch meines Herrn Thränen vorzuweinen.

Olivia.

Komm nichts desto minder wieder; vielleicht mag es dir endlich

gelingen, dieses Herz, das izt seine Liebe verabscheut, zu einer

zärtlichern Gesinnung zu bewegen.

(Sie gehen ab.)

Vierte Scene.

(Verwandelt sich in ein Zimmer in Olivias Haus.)

(Sir Tobias, Sir Andreas und Fabian.)

(Sir Tobias und Fabian bemühen sich den Sir Andreas zur Eifersucht

gegen den Cäsario oder die verkleidete Viola zu reizen, und bereden

ihn, Olivia habe dem Cäsario nur darum so gut begegnet, um zu sehen,

ob er, Andreas, so geduldig dazu seyn werde; Sir Tobias sezt hinzu,

sie habe ohnfehlbar erwartet, daß er irgend einen tapfern Ausfall

gegen seinen Nebenbuhler wagen würde, und da dieses nicht geschehen,

so sey er nun ganz gewiß sehr tief in ihrer guten Meynung gefallen.

Du bist nun, sagt er, in den Norden, von meiner Nichte guter

Meynung hineingesegelt, wo du hangen wirst wie ein Eiszapfe an

eines Holländers Bart, wofern du dich nicht durch irgend eine kühne

That wieder losmachst--Kurz, sie bereden ihn endlich, daß er sich

schlechterdings mit Cäsario schlagen müsse, und Sir Tobias erbietet

sich, diesem die Ausforderung zu überbringen; welche zu schreiben

dann Sir Andreas abgeht.)

Fünfte Scene.

(Fabian und Sir Tobias machen sich zum voraus über die Kurzweile

lustig, die sie von diesem Zweykampf erwarten. Sir Tobias gesteht

von seinem Freund daß er eine Memme sey; wenn man ihn öfnete, sagt

er, und ihr findet nur soviel Blut in seiner Leber, daß eine Floh

die Füsse darinn naß machen könnte, so will ich den Rest der

Anatomie aufessen. Indem kommt Maria zu ihnen, und bittet sie mit

ihr zu gehen und zu sehen, wie seltsam sich Malvolio in seinen

gelben, unter den Knien gebundnen Strümpfen gebehrde, und wie

pünctlich er der Vorschrift des von ihr unterschobnen Briefs

nachlebe. Er lächelt (sagt sie) sein breites Gesicht in mehr Linien

als auf der neuen Land-Carte sind, die mit den beyden Indien

vermehrt ist; ihr habt euere Tage nichts so gesehen; ich bin gewiß,

mein Fräulein wird ihm eine Ohrfeige geben; wenn sie's thut, so

wird er lächeln und es für eine grosse Gunstbezeugung aufnemen.)

Sechste Scene.

(Verwandelt sich in die Strasse.)

(Sebastian und Antonio treten auf.)

(Sie freuen sich einander wieder zufinden; Sebastian bittet seinen

Freund mit ihm zu gehen, um die Merkwürdigkeiten der Stadt zu sehen;

Antonio antwortet, er getraue sich, weil er ehedem gegen den

Herzog gedient und ihm einen namhaften Schaden gethan habe, nicht,

sich so öffentlich sehen zu lassen, er bestellt also den Sebastian

auf den Abend ins Wirthshaus zum Elephanten, giebt ihm, auf den

Fall, wenn er etwann Lust hätte etwas einzukauffen, seinen Beutel,

und verläßt ihn, um ihm das Nacht-Quartier zu bestellen.)

* Von hier an bis zu Ende dieser Scene, ist im Original alles in

Reimen.

Siebende Scene.

(Verwandelt sich in Olivias Haus.)

(Olivia und Maria.)

Olivia.

Ich habe nach Cäsario geschikt; er sagt, er will kommen; was soll

ich ihm für Ehre anthun? Was soll ich ihm geben? Denn Jugend wird

öfters erkauft als erbettelt oder entlehnt--Ich rede zu laut--Wo

ist Malvolio? Er ist ernsthaft und höflich, er schikt sich gut zu

einem Bedienten für eine Person von meinen Umständen; wo ist

Malvolio?

Maria.

Er kommt sogleich, Gnädiges Fräulein, aber in einem seltsamen

Aufzug. Er ist ganz unfehlbar besessen, Gnädiges Fräulein.

Olivia.

Wie, wo fehlt es ihm? Raßt er denn?

Maria.

Nein, Gnädiges Fräulein, er thut nichts als lächeln; Euer Gnaden

wird wohlthun, jemand zur Sicherheit bey sich zu haben: denn, ganz

gewiß, der Mann ist nicht recht richtig unterm Hut.

Olivia.

Geh, ruf ihm.--(Malvolio tritt auf.)--Ich bin so närrisch als er

immer, wenn traurige und lustige Narrheit auf eins hinauslauffen--

Nun, wie gehts, Malvolio?

Malvolio.

Liebstes Fräulein, ha, ha.

(Er lächelt auf eine abgeschmakte Art.)

Olivia.

Lächelst du? Ich schikte nach dir, um dich zu einem ernsthaften

Geschäfte zu gebrauchen.

Malvolio.

Ernsthaft? Ich könnte wol ernsthaft aussehen, dieses starke Binden

unter den Knien macht einige Obstruction im Geblüt; aber was thut

das? Wenn es nur Einer gefällt, so geht mir's vollkommen wie es in

dem Sonnet heißt: Gefall ich Einer, so gefall ich Allen.

Olivia.

Wie, was bedeutet das, Mann? Was fehlt dir?

Malvolio.

Es ist in meinem Kopf nicht so schwarz als meine Beine gelb sind:

Es ist mir richtig zu Handen gekommen, und Befehle sollen vollzogen

werden. Ich denke, wir kennen diese schöne Römische Hand.

Olivia.

Willt du nicht zu Bette gehen, Malvolio?

Malvolio (leise.)

Zu Bette? Ja, Liebchen, und mit dir.

Olivia.

Gott behüte dich! Warum lächelst du so, und küssest deine Hand so

oft?

Maria.

Was fehlt euch, Malvolio?

Malvolio.

Habt ihr zu fragen? Wahrhaftig! Nachtigallen antworten gleich

Krähen!

Maria.

Wie untersteht ihr euch mit einer so lächerlichen Kühnheit vor

meiner Gnäd. Fräulein zu erscheinen?

Malvolio.

Fürchte dich nicht vor Grösse;--Das war wol gegeben.

Olivia.

Was meynst du damit, Malvolio.

Malvolio.

Einige werden groß gebohren--

Olivia.

Ha?

Malvolio.

Andre arbeiten sich zur Grösse empor--

Olivia.

Was sagst du?

Malvolio.

Und andern wird sie zugeworfen.

Olivia.

Der Himmel helfe dir wieder zurechte!

Malvolio.

Erinnre dich, wer dir befahl gelbe Strümpfe zu tragen--

Olivia.

Deine gelbe Strümpfe?

Malvolio.

Und wünschte, daß du sie unterm Knie binden möchtest?

Olivia.

Unterm Knie binden?

Malvolio.

Geh, geh, du bist ein gemachter Mann, wenn du nur willst.

Olivia.

Was sagst du?

Malvolio.

Wo nicht, so bleibe dein Lebenlang ein Bedienter.

Olivia.

Wie, das ist ja eine wahre Hundstags-Tollheit.

(Ein Bedienter meldet den Cäsario an, Olivia geht ab, nachdem sie

Befehl ertheilt hat, daß man zu Malvolio Sorge trage.)

Achte Scene.

(Malvolio, der seine Sachen vortrefflich gemacht zu haben glaubt,

bestärkt sich selbst, in einem kleinen Monologen, in seinem

angenehmen Wahnwiz, und hält sich seines Glüks so gewiß, daß ihm

nichts übrig bleibe, als den Göttern davor zu danken.)

Neunte Scene.

(Sir Tobias, Fabian und Maria zu Malvolio.)

Sir Tobias.

Wo ist er, wo ist er, im Namen alles dessen was gut ist? Und wenn

alle Teufel in der Hölle sich ins Kleine zusammengezogen hätten und

in ihn gefahren wären, so will ich mit ihm reden.

Fabian.

Hier ist er, hier ist er. Wie steht's um euch, Herr? Wie steht's um

euch?

Malvolio.

Geht eurer Wege; ich entlaß euch; laßt mich bey mir selbst; geht

eurer Wege.

Maria.

Seht, wie der böse Feind aus ihm heraus redt! Sagt ich's euch

nicht? Sir Tobias, die Gnädige Fräulein bittet euch, Sorge zu ihm

zu tragen.

Malvolio.

Ah, ha! Thut sie das?

Sir Tobias.

Geh, geh; still, still, wir müssen säuberlich mit ihm verfahren;

laßt mich allein machen. Wie! Mann! Laß den Teufel nicht Meister

seyn; bedenke, daß er ein Feind der Menschen ist.

Malvolio (ernsthaft und stolz.)

Wißt ihr auch was ihr sagt?

Maria.

Da seht ihr; wenn ihr was böses vom Teufel sagt, wie er's gleich zu

Herzen nimmt--Gott gebe, daß er nicht besessen seyn möge!

Fabian.

Man muß sein Wasser zu der weisen Frauen tragen.

Maria.

Meiner Treue, das soll auch gleich morgen gethan werden, wenn ich

das Leben habe. Mein Gnädiges Fräulein würd' ihn um mehr als ich

sagen mag nicht verliehren wollen.

Malvolio.

Nun wie, Jungfer?

Maria.

O Himmel!

Sir Tobias.

Ich bitte dich, schweige; das ist nicht das rechte Mittel: Siehst

du nicht, daß du ihn nur böse machst? Laßt mich allein mit ihm.

Fabian.

Nur keinen andern Weg als Freundlichkeit; nur sanft, nur sanft; der

böse Feind ist gar kurz angebunden, er läßt nicht grob mit sich

umgehen.

Sir Tobias.

Nun, wie, wie steht's, mein Truthähnchen? Wie geht's dir, mein

Herzchen?

Malvolio.

Sir?--

Sir Tobias.

Ja, ich bitte dich, komm du mit mir. Wie, Mann, es schikt sich

nicht für einen so weisen Mann wie du bist mit dem Teufel den

Narren zu treiben. An den Galgen mit dem garstigen Kohlenbrenner!

Maria.

Laßt ihn sein Gebet hersagen, lieber Sir Tobias; laßt ihn beten.

Malvolio.

Beten, du Affen-Gesicht?

Maria.

Da, hört ihr's, er will von nichts gutem reden hören.

Malvolio.

Scheret euch alle an den Galgen: Ihr seyd ein einfältiges dummes

Pak; ich bin nicht euers Gelichters; ihr werdet mich seiner Zeit

schon kennen lernen.

(Er geht ab.)

Sir Tobias.

Ist's möglich?

Fabian.

Wenn man das in einer Comödie spielen würde, wer würd' es nicht als

eine unwahrscheinliche Erdichtung verurtheilen?

(In dem Rest dieser Scene freuen sich Sir Tobias und seine

Consorten, daß ihnen ihre Absicht so wol gelungen sey, und

entschliessen sich nicht abzulassen, bis sie den armen Malvolio,

zur Züchtigung seines Übermuths in ein finstres Gemach und an

Bande gebracht haben würden.)

Zehnte Scene.

(Sir Andreas kommt mit der Ausforderung, die er indessen aufgesezt

hat, zu den Vorigen, und ließt ihnen das abgeschmakteste Zeug vor,

das man sich träumen lassen kan. Alle geben ihm ihren Beyfall, und

muntern ihn auf, sich wohl zu halten. Sir Tobias nimmt auf sich,

die Ausforderung dem Cäsario einzuhändigen und schikt den Sir

Andreas in den Garten, wo er seinem Gegner, der sich würklich bey

Fräulein Olivia befindet, aufpassen soll. Allein sobald er

weggegangen ist, entdekt Tobias dem Fabian daß er weit entfernt sey,

einem so feinen jungen Edelmann als Cäsario zu seyn scheine, ein

so vollgültiges Document der verächtlichen Schwäche seines Gegners

zu geben; denn so würde der Spaß gleich ein Ende haben: er finde

also besser, seine Comission mündlich abzulegen, und dem jungen

Cäsario einen ganz entsezlichen Begriff von Sir Andreassen

Tapferkeit, und unbezwingbarer Wuth beyzubringen; auf diese Art,

sezt er hinzu, werden beyde in eine solche Furcht gesezt werden,

daß sie einander nur durch Blike tödten werden, wie die Basilisken.)

Eilfte Scene.

(Olivia und Viola treten auf.)

Olivia.

Zu einem Herzen von Stein hab' ich zuviel gesagt, und meine Ehre zu

wohlfeil ausgelegt. Es ist etwas in mir, das mir meinen Fehler

vorrükt; aber es ist ein so eigensinniger hartnäkiger Fehler, daß

ihm Vorwürfe nichts abgewinnen können.

Viola.

Der Herzog, mein Herr befindet sich in dem nemlichen Falle.

Olivia.

Hier, tragt dieses Kleinod zu meinem Andenken; es enthält mein Bild;

schlagt es nicht aus, es hat keine Zunge euch zu plagen; und ich

bitte euch, kommt morgen wieder. Was könntet ihr von mir begehren,

das mit Ehren gegeben werden kan, und ich euch abschlagen würde?

Viola.

Ich bitte um nichts als eure Liebe für meinen Herrn.

Olivia.

Wie kan ich ihm mit Ehren geben, was ich euch schon gegeben habe?

Viola.

Ich will euch dessen quitt halten.

Olivia.

Gut, komm morgen wieder; lebe wohl--

(Sie geht ab--)

Ein Teufel der deine Gestalt hätte, könnte meine Seele bis in die

Hölle loken--

Zwölfte und dreyzehnte Scene.

(Sir Tobias kündigt den Zorn des furchtbaren Sir Andreas und seine

Ausforderung dem verkappten Cäsario an, der Mühe genug hat seinen

wenigen Muth zu einem solchen Zweykampf zu verbergen. Tobias

verspricht ihm endlich seine guten Dienste, um wenigstens die

Ursache der grausamen Ungnade zu erkundigen, welche Cäsario durch

nichts verdient zu haben sich bewußt ist, und wo möglich den

wüthenden Sir Andreas in etwas zu besänftigen. Tobias stellt sich

als ob er zu diesem Ende abgehe, da indessen Fabian fortfährt der

armen Viola Schreken einzujagen, und ihren Gegner als den besten

Fechter und den fatalesten Widerpart den man in ganz Illyrien

finden könne, abzumahlen. Sie gehen ab, um dem Sir Tobias Plaz zu

geben, in der folgenden Scene, seinen Freund Andreas in eine eben

so friedliebende Gemüths-Verfassung zu sezen. Er beschreibt ihm den

Cäsario als einen eingefleischten Teufel, der des Sophi Hof-

Fechtmeister gewesen sey, und keinen Stoß zu thun pflege, der nicht

eine tödtliche Wunde mache. Andreas geräth darüber in solche Angst,

daß er verspricht er wolle ihm sein bestes Pferd geben, wenn er die

Sache auf sich beruhen lassen wolle. Indessen kommt Fabian mit

Cäsario zurük, der, sobald er den Andreas erblikt, sich allen

Heiligen zu empfehlen anfängt, ohne gewahr zu werden, daß Andreas

wie eine Memme schlottert. Sir Tobias geht von dem einen zum andern,

sagt einem jeden, sein Gegner wolle sich durch nichts in der Welt

besänftigen lassen, und bringt sie endlich dahin, daß sie, ungern

genug, die Degen zu ziehen anfangen; welches alles auf dem Theater

eine äusserst lächerliche Scene machen muß.)

Vierzehnte Scene.

(Indem sie ziehen, und Viola mit weinerlicher Stimme protestiert,

daß es wider ihren Willen geschehe, kommt Antonio dazu, der durch

die vollkommne Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Bruder und durch

ihre Verkleidung betrogen, sie für seinen jungen Freund Sebastiano

ansieht, sich ins Mittel schlägt, und sich erklärt, er möge nun der

beleidigte Theil oder der Beleidiger seyn, so mache er seine Sache

zu seiner eignen. Sir Tobias der es übel nimmt, daß ihm sein Spaß

verdorben werden soll, erklärt sich, wenn der Neuangekommne sich zu

Cäsarios Secundanten aufwerfe, so wolle er sein Mann seyn; allein

kaum haben sie gezogen, so kommt die Wache, bey deren Erblikung

Viola den Sir Andreas bittet seinen Degen wieder einzusteken,

welches sich dieser nicht zweymal sagen läßt. Antonio, der sich,

wie man weiß, des Herzogs Ungnade zugezogen hatte, war verrathen

worden. Die Wache suchte ihn auf; und da sie, der gemachten

Beschreibung nach, ihren Mann gefunden zu haben glaubt, wird er auf

Befehl des Herzogs Orsino in Verhaft genommen.)

Antonio (nachdem er sich vergeblich hatte verläugnen wollen.)

Ich muß gehorchen.

(Zu Cäsario.)

Das begegnet mir, weil ich euch allenthalben aufsuchte. Aber dafür

ist nun kein Mittel. Ich werde mich zu verantworten wissen. Was

wollt ihr thun? Meine eigne Noth zwingt mich, daß ich meinen Beutel

wieder abfordern muß. Dieser Zufall bekümmert mich viel weniger um

meiner selbst willen, als weil ich euch unnüz werden muß: Ihr seyd

betroffen, seh ich; aber laßt den Muth noch nicht sinken.

1. Officier.

Kommt, Herr, wir müssen fort.

Antonio (Zu Cäsario.)

Ich bin genöthigt euch um etwas Geld zu bitten.

Viola.

Was für Geld, mein Herr?--Um eures edeln Bezeugens gegen mich

willen, und weil ich zum Theil durch den verdrieslichen Zufall, der

euch hier zugestossen ist, aus der grösten Verlegenheit gezogen

worden bin, will ich euch etwas vorstreken; was ich habe ist was

weniges, aber ich will doch mit euch theilen was ich habe; nemmt,

das ist die Hälfte meines Vermögens.

Antonio.

Und ihr seyd fähig, mich izt zu mißkennen? Ist's möglich daß meine

guten Dienste--o sezt meine Noth nicht auf eine so harte Probe,

oder ihr könntet mich zu der Niederträchtigkeit versuchen, euch die

Freundschaft, die ich euch bewiesen habe, vorzurüken.

Viola.

Ich weiß von keiner, und kenne euch weder an eurer Stimme noch

Gestalt. Ich hasse Undankbarkeit mehr an einem Mann als

Aufschneiden, einbildisches Wesen, waschhafte Trunkenheit, oder

irgend eine andre Untugend, wovon der anstekende Saame in unserm

Blute stekt.

Antonio.

O Himmel!--

Ein Officier.

Kommt, mein Herr, ich bitte euch, geht.

Antonio.

Laßt mich nur noch ein Wort sagen. Diesen jungen Menschen, den ihr

hier seht, zog ich aus dem Rachen des Todes; ich that alles was der

zärtlichste Bruder thun könnte, ihn wieder herzustellen; ich liebte

ihn, und ließ mich von seiner Gestalt, die mir die besten

Eigenschaften anzukündigen schien, so sehr einnehmen, daß ich ihn

fast abgöttisch verehrte.

1. Officier.

Was geht das uns an? Die Zeit verstreicht indessen; fort!

Antonio.

Aber, oh, was für ein häßlicher Göze ist aus diesem Gotte worden. O

Sebastiano, du machst der Schönheit Unehre. Wahrhaftig, man sollte

niemand häßlich nennen, als Leute die kein gutes Herz haben. Tugend

ist Schönheit; böse Leute, welche schön aussehen, sind hohle Klöze

die der Teufel angestrichen hat.

1. Officier.

Der Mann fangt an zu rasen: weg mit ihm. Kommt, kommt, Herr.

Antonio.

Führt mich wohin ihr wollt.

(Sie gehen ab.)

Viola.

Mich däucht es ist eine so wahre Leidenschaft in seinen Reden, daß

er würklich glaubt was er sagt. Und doch ist gewiß daß ich ihn

nicht kenne. O daß die Einbildung sich wahr befinden möge, o, daß

es wahr sey, daß man, liebster Bruder, izt für dich mich angesehen

habe--Er nannte mich Sebastian; Ich sehe meinen Bruder noch lebend

so oft ich in den Spiegel sehe, er sah vollkommen so aus, und gieng

auch eben so gekleidet, von solcher Farbe, und so ausstaffiert wie

ich; denn ihn copiere ich in dieser Verkleidung--O, wenn es so ist,

so werd' ich den Sturm und die Wellen liebreich statt grausam

nennen.

(Sie geht ab.)

Sir Tobias.

Ein recht schlechter armseliger Bube, und eine feigere Memme als

eine Hindin; seine Schlechtigkeit zeigte sich in seiner Aufführung

gegen seinen Freund, den er in der Noth verläugnete; und von seiner

Feigheit kan euch Fabian erzählen.

Fabian.

Eine Memme ist er, eine recht fromme, friedfertiger feige Memme.

Sir Andreas.

Mein Seel! Ich will ihm nach und ihn prügeln.

Sir Tobias.

Thut das, gebt ihm Maulschellen, bis er genug hat, nur den Degen

zieht nicht gegen ihn.

Sir Andreas.

Wenn ich's nicht thue--

(Er läuft fort.)

Fabian.

Kommt, wir müssen doch sehen, wie er das machen wird.

Sir Tobias.

Ich wollte wetten was man will, es wird doch nichts daraus werden.

(Sie gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Erste Scene.

(Die Strasse.)

(Hans Wurst, der von Olivia geschikt worden, den Cäsario zu ihr zu

ruffen, trift den Sebastiano an, und richtet seinen Auftrag bey ihm

aus, weil er ihn für den Cäsario ansieht; Sebastiano, der hier ganz

fremd ist, und von der Verkleidung seiner Schwester, die er sogar

für todt hält, nichts wissen kan, stellt sich zu diesem) qui pro

quo (so befremdet an, als man sich vorstellen kan, und will

schlechterdings derjenige nicht seyn, wofür ihn Hans Wurst ansieht:

Indem sie nun mit einander streiten, kommen Sir Andreas und Sir

Tobias dazu, von denen der Erste durch den nemlichen Optischen

Betrug seinen Mann gefunden zu haben glaubt, und dem vermeynten

Cäsario eine Ohrfeige appliciert, welche Sebastiano mit einer

Tracht Schläge erwiedert. Sir Andreas hatte sich das nicht

vermuthet, und appelliert an die Justiz; denn, sagt er, wenn ich

ihm gleich den ersten Schlag gegeben habe, so ist es doch keine

Manier, daß er mir soviele dagegen giebt. Indem nun Sir Tobias

Friede machen will, wird er selbst mit Sebastiano handgemein; von

der dazwischen kommenden Olivia aber in der)

Zweyten Scene.

(so gleich wieder geschieden, welche ihren ungesitteten Oheim

unter den bittersten Vorwürfen aus ihren Augen gehen heißt, den

vermeynten Cäsario aber aufs zärtlichste zu besänftigen sucht, und

zu sich in ihr Haus nöthiget. Sebastiano weiß nun vollends nicht

mehr, in was für einer Welt er ist. Was bedeutet alles diß, ruft er

aus, entweder hab ich den Verstand verlohren, oder das alles ist

ein Traum. O wenn es ein Traum ist, so laßt die Phantasie meine

Sinnen immer in Lethe tauchen, so laßt mich nie von diesem Traum

erwachen. Nun, sagt Olivia, komm, ich bitte dich; ich wollte du

liessest dich von mir regieren; von Herzen gerne, antwortet

Sebastian, und so gehen sie in bester Eintracht mit einander ab.)

Dritte Scene.

(Ein Zimmer in Olivias Haus.)

(Maria und Hans Wurst.)

Maria.

Ich bitte dich, mache hurtig, zieh diesen Priesterrok an, und binde

dir diesen Bart um; wir wollen ihn bereden du seyest Sir Topas der

Pfarrer; beschleunige dich; ich will indeß den Sir Tobias ruffen.

(Sie geht ab.)

Hans Wurst.

Gut, ich will's thun, ich will mich verkleiden, und ich wollte

wünschen, ich wäre der erste der sich in einen solchen Rok

verkleidete. Ich bin nicht lang genug, um eine ansehnliche Person

in diesem Habit vorzustellen, noch mager genug, um die Meynung von

mir zu erweken, daß ich zuviel studiere; allein, ein ehrlicher Mann

und ein guter Haushälter seyn, klingt immer so gut als ein hübscher

Mann und ein grosser Gelehrter seyn. (Sir Tobias und Maria.)

Sir Tobias.

Die Götter seyen mit dir, Herr Pfarrer.

Hans Wurst.

(Bonos Dies), Sir Tobias; denn wie der alte Einsiedler von Prag,

der in seinem Leben weder Feder noch Dinte gesehen hatte, sehr

sinnreich zu König Gorboduks Nichte sagte, daß nemlich alles was

ist, ist: Also, da ich der Herr Pfarrer bin, bin ich der Herr

Pfarrer; denn was ist was anders als was? Und ist anders als ist?

Sir Tobias.

Zu euerm Patienten, Herr Pfarrer.

Hans Wurst.

Wie, holla, sag ich--Stille da, in diesem Kerker!

Malvolio (hinter der Bühne.)

Wer ruft hier?

Hans Wurst.

Sir Topas der Pfarrer, welcher Malvolio den Mondsüchtigen besuchen

will.

Malvolio.

Sir Topas, Sir Topas, guter Sir Topas, geht zur Gnädigen Fräulein--

Hans Wurst.

Fahre aus, du Hyperbolicalischer Teufel, warum quälst du diesen

armen Menschen so? Redst du von nichts als von Fräulein?

Sir Tobias.

Wohl gegeben, Herr Pfarrer!

Malvolio.

Sir Topas, niemalen ist einem Menschen so übel mitgespielt worden

als mir; lieber Sir Topas, bildet euch nicht ein daß ich rasend sey;

sie haben mich hier in eine gräßliche Finsterniß gelegt.

Hans Wurst.

Fy, du unartiger Satan; ich bediene mich der gelindesten Ausdrüke

gegen dich; denn ich bin einer von diesen manierlichen Leuten, die

dem Teufel selbst nicht anders als höflich begegnen wollten: Sagst

du, dieses Haus sey finster?

Malvolio.

Wie die Hölle, Sir Topas.

Hans Wurst.

Wie, es hat Bogen-Fenster die so durchsichtig sind wie Gitter, und

die innwendigen Steine gegen die Sud-Seite sind so glänzend wie

Eben-Holz; und du klagst über Dunkelheit?

Malvolio.

Ich bin nicht toll, Sir Topas; ich sag euch, es ist finster im

Hause.

Hans Wurst.

Tollhäusler, du betrügst dich; ich sage dir, es giebt keine andre

Finsterniß als Unwissenheit; und in dieser stekst du tiefer als die

Egypter in ihrem Schlamme.

Malvolio.

Und ich sage, dieses Haus ist so finster als Unwissenheit, wenn

gleich Unwissenheit so finster als die Hölle wäre; und ich sage,

niemalen ist einem ehrlichen Manne so übel mitgespielt worden; ich

bin nicht mehr rasend als ihr selbst; macht die Probe mit mir,

fragt mich etwas gescheidtes was ihr wollt, und seht ob ich euch

nicht antworten werde, wie sich's gehört.

Hans Wurst.

Was statuierte Pythagoras in Betreff des wilden Geflügels?

Malvolio.

Daß es leichtlich begegnen könne, daß die Seele unsrer Großmutter

in einem Schnepfen wohne.

Hans Wurst.

Was hältst du von dieser Meynung?

Malvolio.

Ich denke edler von der Seele, und billige diese Meynung keineswegs.

Hans Wurst.

Gehab du dich wohl: Bleib immer in der Finsterniß; du must die

Meynung des Pythagoras halten, wenn ich dir zugestehen soll daß du

deine fünf Sinne habest, und dich scheuen einen Schneppen zu

schiessen, aus Besorgniß du möchtest die Seele deiner Großmutter

aus ihrer Wohnung vertreiben. Leb wohl.

Malvolio.

Sir Topas, Sir Topas--

Sir Tobias.

Der allerliebste Sir Topas!

Hans Wurst.

Gelt, ich schike mich zu allen Rollen?

Was ihr wollt · 第 2 / 3 段