DIE STIMME

O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen

Stößen über die gewölbten Meere.

O Licht im Menschen an allen Orten der Erde, in

den Städten fliegen Stimmen auf wie silberne

Speere.

O Trägheit der kreisenden Kugel, du kämpftest gegen Gott mit fletschenden

Tierlegionen, Urwäldern, Säbeln, Schüssen, bösem Mißverstand, Mord,

Epidemien:

Aber der Lichtmensch sprüht aus der Todeskruste

heraus. In den Fabriken heulen Ventile über die

Erde hin. Er hat seine Stimme in tausend Posaunen

geschrien.

* * * * *

Eine Stimme schnellte hoch, glasschwirrend ein

harter Stahlpfeil, der in Glut blank zerknallt.

Eine Stimme über Amerika, unter schweißigen Negern, die demütig das Weiße

der Augen drehen; unter deutschen Flüchtlingen, bärtig zerpreßten Bettlern,

unter hungernden Juden, die das glitschige Ghetto finster zusammenballt.

Eine Stimme unter den entkräfteten Arbeitern, drei

Millionen, die alle Jahr einsam absterben nach

neuen Fabriksystemen,

Eine Stimme unter zerfressenen Frauen im bunten

Hemd, denen die Bordellmeister das Geld abnehmen.

Unter starren Chinesen im Hungergeruch, die Tag

und Nacht feine Wäsche waschen,

Eine Stimme über den Broadways, wo Arbeitslose

nach fortgeworfenen Speiseresten haschen.

Eine Stimme schwang zart wie der dünne steigende Schrei des Dampfs eh die

vieltönigen Wasserblasen aufkochen,

Sie sprang wie Windsand in stumme Münder hinein, sie glitt wie Flötenkraft

müden Schleppern über geduckte Knochen.

Durch steilschwarze Stuben schwebten Sonne und

Mond, die Sterne zogen durch stinkende Tapeten

aus rissigen Flecken.

O vielleicht geht das himmlische Wunderlicht auf,

bevor alle zu Aas verrecken!

Eine Stimme flog und sog sich voll aus schmutziger

Werkstättenzeit,

Die Wut und die Hoffnung kreisten wie Blut, und

der Haß, der naß bespeit.

Eine Stimme haucht schwarz über schlechtes Papier

aus bankrottierten Druckermaschinen,

Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den

roten Schächten der Coloradominen.

Sie liegt wie heißer Rauch auf schaukelnden Häfen;

mißtrauischen Kneipen; im verhungerten Dorf;

wenn der geplünderte Bauer sät;

In Städten schreit sie Signalgeklirr über wirre Versammlungen hin, wo

Polizei die Türen bespäht.

* * * * *

O Münder, daraus die Stimme des Menschen brennt!

O trockene Lippen, sechzigjährig, trauernd schlaff

umstoppelt, die sich flach öffnen, weil vor dem

Tod Einer bekennt.

O irre rote Zungenglut hinter weißen Negerzähnen,

die Stimme gurgelt im Glücksgesang.

O Mund, rundes schallendes Tor, Hall und Lust,

Volkschoral, daß der Saal mitschwang.

O bitterer Nähmädchenmund, der nach Gerechtigkeit

klagt und schrill Groschen und Wiegpfunde

zählt.

O faltiger Rednermund, der auf und nieder wie

Eulenaug geht, und Effekte wählt.

O Mann im blauen Hemd, der in Fabrikpausen

hastig Propaganda treibt.

O sorgfältiger Beamter, der nach allen Poststationen

Briefe und Werbelisten schreibt.

O Demütiger, verlegenes Herz, der nur einmal

einem Guten die Hand drücken mocht.

O Stummer, der zum erstenmal spricht, und in

einem Satz sich prasselnd verkocht.

Eine Stimme flammt über Europas autofahrenden

Frauen, über krummen schweigsamen Kulis im

Australischen Strauch.

O Münder, wie viele warten auf Euch, Ihr schallt,

und sie öffnen sich auch!

* * * * *

Auf der runden Erde floß das Meer im Wind über

den Strand und zurück.

Schlapphutredner im Lichtstrahl, hinter Pulten, bei geheimen

Zusammenkünften, an nassen Kneiptischen, sprachen geläufig wirksam immer

dasselbe Stück.

Schwindler warben um Geld. Fastende Heilige

schmuggelten verbotene Zeitungen über die

Grenzen,

Gymnasiasten in ihren Aufsätzen wollten zum Zorn

der Lehrer mit neuem Wissen glänzen.

Einsame wurden über die runde Erdkugel hin von

Worten getroffen wie Hafenstädte von aufgefischten

Flaschenposten.

In allen Häusern drängen Frauenleiber ans Fenster, um das vorbeifliegende

Abendlicht zu kosten.

Das himmlische Licht: Gedichte · 第 10 / 13 题