Fünftes Kapitel

Acht Tage nach dem Begräbnis des alten Lampert waren die Ferien um. An

einem Morgen, ähnlich jenem andern, an dem die drei Wiesinger Buben mit

Sack und Pack in die Stadt gezogen waren, fuhren früh um vier der alte

Braun, Marjänni, Fenn und Putty über dieselbe Straße stadtwärts. Wöllem

kutschierte. Aber die Charlotte war längst den Weg alles Pferdefleisches

gegangen, in der Deichsel trollte ein Fuchs, ein geduldiges Tier, mit

dem Wöllem jetzt, wie früher mit der Charlotte, im Stall und bei der

Arbeit Zwiesprache pflegte. Über eine Woche war die Versteigerung, wer

weiß, in wessen Hände der Fuchs dann kommen würde. Wöllem tat ihm bis

dahin alles zulieb. Armdicke Brotschnitten stahl er für ihn in der

Küche, den Hafer gab er ihm angemessen, es ging jetzt doch alles drunter

und drüber. Fritz war am Tag nach dem Begräbnis mit allem, worauf er

Wert legte, nach Brebach zu seinem Onkel Majerus ausgewandert und ließ

die Magd wirtschaften. Daß Wöllem zu der Fahrt nach Luxemburg anspannen

sollte, hatte Fritz aus Dankbarkeit für die paar Tage Gastfreundschaft

im Hause Braun eigens angeordnet. Heute sollte Marjänni in der

Lehrerinnen-Normalschule untergebracht werden. Es war merkwürdig, wie

all die fremden Dinge, die ihrer warteten, so klar vor ihr ausgebreitet

lagen. Wie die Wäsche hübsch gefalten und abgezählt daheim in den

Schränken lag, da die Bettwäsche, da die Handtücher, da die Hemden, da

die Taschentücher, immer hübsch dutzend- oder halbdutzendweise – was

sich nicht ins Dutzend dividieren ließ, galt als Landstreichervolk – so

hatte das fünfzehnjährige Mädchen mit pflichtbewußter Nüchternheit sich

die Menschen und Verhältnisse für die nächste Zukunft zurecht gelegt.

Ihr Wissen war sauber, wie gebügelt, in den verschiedenen Fächern

aufgestapelt, sie konnte ihre Grammatikregeln so sicher und gedankenlos

hersagen wie das Vaterunser, im Rechnen war sie, wenn ein Exempel keine

besonders große Kombinationsgabe erforderte, so fix wie eine. Am

liebsten freilich hatte sie die Arbeitswege, die sich glatt und deutlich

hinausbreiteten, auf denen sie still und emsig ihr Pensum

herunterschaffen konnte, ohne sich den Kopf mit der Lösung

labyrinthischer Schwierigkeiten zu plagen. Ich werde nicht die erste,

sagte sie schlicht und bestimmt, aber ich komme sicher unter die fünf

ersten. Der Leiterwagen polterte durch den nebligen Herbstmorgen. Von

seinen Stößen geschüttert sahen die Insassen den Sternenhimmel über sich

hüpfend mitrennen, und Marjänni rief verwundert: „Vater, sieh, die

Sterne springen uns nach.“

Der alte Braun klopfte die Asche aus seiner irdenen Pfeife und sagte:

„Das will ich euch erklären. Daß die Sterne uns zu begleiten scheinen,

rührt daher, daß sie nicht, wie andere Gegenstände, die wir hinter uns

zurücklassen, immer kleiner werden. Die Entfernung zwischen den Sternen

und uns ist so ungeheuer groß, daß das Endchen von Wiesing nach

Luxemburg keinen Unterschied macht.“

Marjänni dachte angestrengt nach, aber sie erfaßte den Zusammenhang

nicht gleich.

„Dummes Ding,“ half Putty nach, „wenn man im Finstern eine Laterne z. B.

von dir wegträgt, wird sie immer kleiner und kleiner. Daran merkst du

überhaupt, daß sie sich entfernt. Bliebe sie immer gleich groß, so

würdest du sagen, sie bleibt stehen.“

„Aber die Sterne?“ fragte Marjänni.

„Nun, die Sterne sind Laternen, die nicht kleiner werden, wenn wir von

ihnen weggehen, weil die Entfernung schon so groß ist, daß die paar

Kilometer mehr oder weniger nichts ausmachen. Und darum hast du den

Eindruck, daß die Entfernung dieselbe bleibt, das heißt, daß die Sterne

mit uns gehen.“

„Das haben wir noch nicht gehabt,“ sagte Marjänni schlicht und sachlich.

„Du schreibst es mir auf, gelt, ich will es lernen.“

„So was schreibt man doch nicht auf,“ sagte Putty spöttisch.

„Laß sie,“ warf Fenn ein. „Ich werd’s dir aufschreiben, Marjänni.“

Herr Braun nannte alle Sternbilder, die er kannte. Und dann warf Fenn in

die Unterhaltung die Worte „Kant-Laplace“. Der alte Lehrer horchte mit

offenem Munde und schüttelte den Kopf über die kühnen Hypothesen, die

Fenn da vortrug. Zum erstenmal in seinem Leben hörte er von einem

Urnebel, der sich durch Umdrehung zur Kugel geballt, andere Kugeln durch

Zentrifugalkraft abgeschleudert haben soll, die wieder die Mütter

zahlloser weiterer Welten geworden seien. Er wagte es kaum auszudenken,

daß der junge Mann, der das so selbstverständlich vortrug, einer war,

der später aus der Bibel die Menschen lehren sollte, die Welt sei auf

ein Schöpferwort Gottes entstanden, in sechs Tagewerken, in denen sich

der Ewige die Arbeit hübsch eingeteilt hatte, just wie in der Grammatik

jede Regelngruppe in ihrem eigenen Kapitel steht, und man immer mit der

einen fertig sein muß, ehe man mit der andern anfängt.

„Wo lernt ihr das alles?“ fragte Lehrer Braun mißtrauisch.

„In der Schule nicht,“ sagte Fenn. „Man muß ein bißchen um sich herum

lesen.“

„Wenn sie es erfahren, können sie dir Schwierigkeiten machen.“

„Sie“ war in der Einbildung des alten Lehrers ein Sammelbegriff, der für

ihn alles einschloß, was in der Stadt über die Menschen Macht hat, was

die Köpfe zusammensteckt, um einen glücklich oder unglücklich zu machen,

was einen mit allen Wohltaten, die für brave Christenmenschen da sind,

überrieseln oder aber einen völlig trocken setzen kann; was mit strengen

Blicken und womöglich goldenen Brillen hinter allerhand grünen Tischen

sitzt und salbungsvoll seine Sätze mit tja tja anfängt; was jeden

Sonntag morgen den Wochenvorrat an Zucht und Ordnung, an Freiheit des

Denkens und Glaubens behutsam heraustut, nicht zu wenig und nicht zu

viel, für alle, die nach ihm etwas zu fragen haben.

„Sie“, das waren für den alten Braun alle die Hochmögenden, die eines

Tages seinen jungen Freund Fenn vor ihren Gerichtsstuhl zitieren und ihm

sagen konnten: du hast durch Vortragen verwegener Theorien über den

Ursprung der Welt Ärgernis gegeben, du mußt alles abschwören, oder wir

machen dich unglücklich!

„Sie werden mir schon nichts tun,“ sagte Fenn lächelnd. „Ich sage schon

nicht mehr, als ich sagen darf und als was sie selbst alle glauben, wenn

sie keine Stiesel sind.“

Putty aber erwog bei sich, ob es nicht trotzdem vorsichtiger sei, das

System Kant-Laplace den Kindern der Welt zu überlassen und sich

schlichten Sinnes an die bewährte biblische Schöpfungsgeschichte zu

halten. Die ließ sich gutmütig alle möglichen Auslegungen gefallen.

* * * * *

Nach dem Morgenkaffee im Goldenen Anker ging die ganze Gesellschaft mit

Marjänni zur Mädchen-Normalschule. Die Oberin war geschmeichelt, daß die

beiden Studenten, die schon in den obern Klassen waren, ihrer Anstalt

die Ehre schenkten, und sie ließ eines der jüngsten Nönnchen antreten,

um den Wiesingern das Haus zu zeigen. Die lautlose schwarze Gestalt mit

den in den weiten Ärmeln versteckten Händen und der steifen ovalen

Musselintüte, aus deren Tiefe ein frisches Gesicht herausguckte, war ein

munteres Ding mit großen Rehaugen, das jeden Anlaß benützte, einer

unbändigen Lachlust, die sich in ihm angesammelt hatte, ein

Sicherheitsventil zu öffnen. Die zwei Wiesinger waren für diese Nonne

ein Gegenstand erstaunter Hochachtung. Das würden also über drei Jahre

richtige „Herren“ sein, mit langer Soutane und geschorenem Scheitel! Und

sie erzählte von „ihrem“ Studenten, einem armen Teufel von Gymnasiasten,

der jeden Morgen in der Anstaltskapelle die Messe diente und dafür von

den Küchenschwestern mit andächtiger Mütterlichkeit überernährt wurde.

Marjänni freute sich, daß ihre zwei Jugendgespielen so liebenswürdig in

„ihrer“ Normalschule behandelt wurden, und sie hätte gar zu gern auch

das Konvikt besichtigt, aber keiner von den beiden mochte es übernehmen,

eine so junge Frauensperson in die Mauern ihrer weiberfremden Anstalt

hineinzuschmuggeln. Das hätte allerhand Verdacht bei dem „Alten“

wachrufen können, und so mußten alle darauf verzichten, daß Marjänni von

Angesicht zu Angesicht die Stätten sah, an denen das Leben Fenns und

Puttys hinfloß, und daß das Gemeinsame, das ihre Gedanken und

Erinnerungen aus dem heimischen Milieu sogen, auch jetzt noch Nahrung

gefunden hätte darin, daß jedes wenigstens eine flüchtige Vorstellung

von den Daseinsäußerlichkeiten des andern gehabt hätte.

* * * * *

Es war für Marjänni wie für die beiden Lateinschüler ein Ereignis, als

wenige Wochen später, an einem freien Nachmittag, sich die Zöglinge

beider Anstalten auf einem Spaziergang begegneten. Die Schwester, die

die Führung der schwarzen Mädchenkolonie hatte, begann sich ihrer ganzen

Verantwortlichkeit bewußt zu werden, als sie um die nächste Ecke die

ersten Reihen der Konviktoristen auftauchen sah und es im selben

Augenblick durch die helle Eintönigkeit des Geschnatters ihrer

Pflegebefohlenen einen kurzen Riß gab. In der nächsten Sekunde lief das

aus Dutzenden von grellen, aber sittsam gedämpften Mädchenstimmen

gewobene Band wieder ungestört weiter. Die Nonne schritt eifrig aus, bis

sie an die Spitze ihres Zuges gelangte und ließ dann die ganze Reihe

unter ihrem strengen Blick defilieren. Ein Ausweichen gab es nicht, es

tat sich nirgends eine Seitenstraße auf. So mußte man denn sehen, wie

man die Geschlechter so unangefochten wie möglich aneinander

vorbeibrachte. Der geistliche Koadjutor, der die Konviktschüler

begleitete, führte instinktiv dasselbe Feldherrnmanöver aus, wie seine

Kollegin, und nun, Gott befohlen: Der Vorbeimarsch begann.

Puttys Herz klopfte. Er dachte: Werde ich einen Blick von ihr erhaschen?

Aber der Koadjutor stand in seiner Nähe und paßte scharf auf, wer die

Augen aufschlug und einen Blick nach der Mädchenreihe hinübersandte. Der

Koadjutor sah übrigens nur gleichgültige Gesichter. Bis auf eins. Es

gehörte wieder mal diesem aufsässigen Fenn Kaß. – Was? Der Mensch hatte

die Dreistigkeit, sogar hinüber zu grüßen! – Der Koadjutor drehte sich

um, er wollte sehen, wem dieser Gruß gegolten hatte. Er sah ein hübsches

Mädchengesicht, das ein unbefangenes Lächeln herüberstrahlte, sah dies

Lächeln plötzlich von einem Ausdruck des Entsetzens wie fortgeblasen und

hörte die Nonne zischen: „Braun Marianne! Du bist unverschämt!“

Jawohl! Unverschämt! Das war ja auch dieser Fenn Kaß gewesen. Der junge

Geistliche und die Nonne standen unbeweglich, bis die Reihen aneinander

vorbei waren – dann zog der Herr Koadjutor verlegen seinen Hut, die

Nonne neigte das Haupt und beide folgten ihren Zöglingen in dem

Bewußtsein, die ihnen anvertrauten Seelen, bis auf zwei, vor Anfechtung

glücklich bewahrt zu haben.

Diese zwei hatten an dem Abend wahrscheinlich keine Ahnung davon, wie

sie für einander leiden mußten.

„Fenn Kaß!“ sagte Herr Kleyer, „was habe ich gesagt! Wenn ein braver

Konviktorist an Personen des andern Geschlechts vorbeigeht, was tut er

da? – Nun? – Du schweigst in deinem Trotz? – Er schlägt die Augen

nieder! Er schickt keine frechen Blicke nach dem Antlitz des Weibes!

Fenn Kaß! Was habe ich gesagt! _Tota mulier_ ... das ganze Weib ist ein

Köder!“

Fenn mußte wieder die Achsel zucken.

„Fenn Kaß! Du gehst verloren für Zeit und Ewigkeit, wenn es nicht anders

wird mit dir!“

„Was habe ich denn getan?“

„Was du getan hast! Herr Bormann hat mir berichtet, daß du freche Blicke

nach einer jungen Person, einer Normalschülerin, geworfen hast. Du hast

versucht, mit ihr Zeichen des Einverständnisses zu wechseln. Fenn Kaß!

Es gibt mehr Ketten als rasende Hunde!“

„Wenn ich einem Mädchen aus meinem Dorf guten Tag sage, so bin ich noch

kein rasender Hund.“

„Und ich sage dir, du ahnst es nicht, wie in jenem Augenblick der Teufel

nach dir und jenem bedauernswerten Geschöpf seine Netze ausgeworfen

hat!“

„Davon habe ich nichts gespürt.“

„Fenn Kaß! Ich bin es müde, mit dir um dein Seelenheil zu streiten. Das

beste, was du jetzt tun kannst: geh in die Kapelle und bete, bis du der

Versuchung Herr geworden bist.“

„Ich weiß nichts von –“

„Geh in die Kapelle, sag ich dir!“

Ungefähr um dieselbe Stunde rang die Braun Marianne vor der Oberin der

Normalschule die Hände und beteuerte, daß sie sich wirklich nichts dabei

gedacht hätte, als sie dem Küsterssohn ihres Heimatsdorfes einen guten

Tag hinübergewinkt hatte.

In den nächsten Weihnachtsferien erzählte Fenn der Lehrerstochter, was

er ihretwegen zu bestehen gehabt hatte, aber sie sagte ihm nicht, daß

sie mit demselben Abenteuer aufwarten konnte. Warum hütete sie ihr

Geheimnis? Scheute sie instinktiv davor zurück, daß sich zwischen ihr

und ihm die Gemeinschaft des ertragenen Leids bildete? Fürchtete sie,

er, der Starke, Rücksichtslose, werde etwas Gewalttätiges gegen die

unternehmen, die ihr zu nahe getreten waren? Oder war es einfach

werktägliche Mädchenschläue, die da denkt: die Männer brauchen nicht

alles zu wissen? – Wer kennt sich aus in einem sechzehnjährigen

Mädchenherzen?

Eine zweite Begegnung der beiden Anstalten fand in dem Jahre nicht mehr

statt. Und auch in Wiesing, während der Ferien, war es selten, daß

Marjänni mit ihren beiden Studiengenossen zusammentraf. Die besondere

Art von Erziehung, die sie erlitt, übte ihre Wirkung. Sie war von

schulwegen auch zu Hause an allerhand Regelkram gebunden, in dem für

Umgang mit jungen Männern kein Spielraum blieb, und mit der Intimität

der Kinderjahre war es jetzt ein für allemal vorbei.

* * * * *

In den Herbstferien verunglückte der alte Kaß im Kirchturm, beim

Aufziehen der Uhr, wie es seine Frau immer vorhergesagt hatte. Es klang

fast, als suchte sie darin einigen Trost für ihr Leid, wenn sie den

Nachbarn, die ihr zuredeten, immer wiederholte: ich habe es kommen

sehen, ich habe es immer gesagt!

Fenn hatte den Verunglückten selbst im Turm gefunden. Als er den noch

warmen Körper, der ihm bleischwer in den Armen hing, aus dem Dunkel des

Turms heraustrug in die hellere Kirche und ihm aus dem Weihwasserkessel

die Schläfe kühlte, weil er glaubte, er sei nur ohnmächtig, da war es

vielleicht das erstemal, daß er seinem Vater innerlich ganz nahe kam,

dem Toten viel, viel näher als dem Lebenden.

Vater Kaß hatte durch einen Sturz auf den Hinterkopf das Genick

gebrochen. Er lag jetzt auf den Steinfliesen im Mittelgang der Kirche,

das ruhige Antlitz mit den Augen, die der Stürzende im Aufprallen fest

geschlossen hatte, dem Gewölbe zugekehrt, an dessen naiven Malereien die

gelben Strahlen der untergehenden Sonne leise hinglitten.

„Vater,“ sagte Fenn angstvoll und schlug dem Toten immer fester und

eindringlicher in die hohle Hand. „Vater, hörst du mich?“

Er schob sanft eines der geschlossenen Augenlider zurück und es blieb

über dem glanzlosen Blick bewegungslos stehen.

Da ging dem armen Burschen die Wahrheit auf, und mit einem Schluchzen,

das den ganzen starken Körper erschütterte, warf er sich über den Toten.

Er tat es mit dem innern Vorwurf, sein ganzes Leben neben diesem Manne

hingegangen zu sein und ihm nie so recht aus Herzensgrund gesagt zu

haben, wie er an ihm hing. Der stille, verschlossene Küster hatte seinen

Sohn nie an Gefühlsausbrüche gewöhnt, er war nie, weder in Zorn noch in

Zärtlichkeit aus sich herausgegangen, aber der heranwachsende Knabe und

Jüngling hatte an manchem Blick, an manchem Wort und manchem kaum

sichtbaren Lächeln gemerkt, was er dem Vater war. Die sich vertiefende

Einsicht ins Leben, die geistige Überlegenheit, die ihm sein Wissen über

das schlichte Menschtum seines Vaters gab, vermochten bei Fenn nichts

über sein reines Sohnesempfinden, das ihm den Vater immer als den

Stärkern und Weisern zeigte. Manchmal freilich war in diesem Empfinden

auch die Hefe des Trotzes aufgegangen, wenn der Alte mit dem

hartnäckigen Gleichschritt seiner Gewohnheit über allerhand

Neuerungsversuche des Jungen in Kleinigkeiten des Tagewerks

hinwegschritt. Dann regte sich der Trotz des Mannes gegen den Mann, die

Herzen drohten sich zu verhärten, wie sie sich oft zwischen Vater und

Sohn verhärten, wenn jener das Werden seines Ebenbildes, die

Wiedergeburt seiner selbst, zu ausschließlich nach seinem Willen lenken

will. Dann bäumt sich in beiden der Genius der Persönlichkeit, und die

Flammen des Hasses lodern. Soweit war es zwischen Fenn Kaß und seinem

Vater nie gekommen, aber leise hatten doch ab und zu die Stahlpanzer

ihrer Seelen widereinander geklungen.

Daran dachte Fenn, während er über dem Toten kniete. Jeder Widerstand,

der dem Aufrechten gegenüber stets sprungbereit im Hintergrund gelauert

hatte, war gebrochen. „Armer Vater!“ schluchzte Fenn. In diesem

mitleidigen Klageruf drückte er am klarsten aus, was ihn bewegte. Ein

Leben lang hatte sich ein guter, treuer Mensch gerackert um die

Erfüllung seines Herzenswunsches noch vier, fünf Jahre, und er konnte

auf der sonnigen Höhe Rast machen, nach der seine stille Sehnsucht stand

– und tückisch tut das Schicksal vor ihm einen dunkeln Spalt auf, in dem

er klanglos verschwindet. So sah Fenn den Vater vor sich: einen

heimtückisch Gefällten. Er küßte die schwieligen Hände, aus denen die

Lebenswärme allmählich entfloh, er küßte das starre Gesicht und die

Stirn, die ihm nie so klar erschienen war wie jetzt. Dann ging er zu

seiner Mutter.

Frau Kaß stand in der Küche, um für ihre Mannsleute das Abendessen zu

kochen. Wöllem, der seit der Versteigerung des Lampertschen Gutes bei

Küsters das Gnadenbrot aß und dafür im Felde half, sog in einer Ecke an

seinem Pfeifenstummel. Aus dem Herd kam leichter Rauch von dem

knisternden Reisig, das Frau Kaß gerade entzündet hatte. Als sie Fenn,

der eine Weile kein Wort über die Lippen brachte, ansah, meinte sie, der

beizende Rauch hätte ihm die Augen mit Wasser gefüllt, und sie sagte, er

solle das Fenster aufmachen.

Da brach es aus ihm heraus, zu gewaltig, als daß er an schonende Lügen

denken konnte. „Oh Mutter! Er ist tot!“

Frau Kaß verstand gleich. Aber wie man im Stürzen nach einem Halt

greift, griff sie in die Luft mit der dumpfen Frage: „Wer ist tot?“ Dann

wischte sie sich die Hände an der Schürze ab, zog die Schleife des

Schürzenbandes auf und drängte an Fenn und dem in die Höhe taumelnden

Wöllem vorbei durch die Tür, ging in großen Schritten, mit versteinertem

Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen durch das Dorf zu ihrem toten

Mann. Sie wußte ja, wo er liegen mußte, sie hatte es ja immer gesagt,

daß es so kommen würde.

* * * * *

Der Gesangverein, dem der Küster so oft mit seiner Stimmgabel den Ton

angegeben und den Takt geschlagen hatte, stand am offenen Grab und sang

mühsam, mit zögernden Einsätzen, ein Abschiedslied: Ruhe in Frieden,

Selig geschieden ... Es klang so dürftig unterm freien Himmel, eine

führende Tenorstimme stach unter den andern, die sich willenlos leiten

ließen, mit so naiver und dienstbeflissener Dreistigkeit hervor, daß

Fenn in seinem Schmerz unwillig den Kopf schüttelte. Gleich tat es ihm

leid um die treuen Sänger, Freunde und zum Teil Altersgenossen seines

Vaters, die von ihren Pflügen herbeigekommen waren und ihre

Sonntagskleider angelegt hatten, um dem Toten ihr Lied zu singen, das er

mit ihnen eingeübt und unzählige Male an andern Gräbern gesungen hatte.

Ein neuer Tränenschwall brach ihm aus den Augen. Er sah die Gemeinde in

weitem Kreise das Grab umstehen, sah drei Schritte von sich seinen

Freund Putty, sah auch drüben den Lehrer Braun mit seinen Schulkindern,

sah auf der Frauenseite Marjännis Schwestern mit ihren großen, braunen

Kinderaugen herüberstarren – Marjänni fehlte. Als er mit seiner Mutter

und den Verwandten nach Hause ging, gesellte sich ihm Putty Heinen zu

und sagte, daß er von Marjänni einen Brief bekommen habe: Er möge sie

bei Fenn und seiner Mutter entschuldigen, sie habe mit einer Verwandten

des Fritz Lampert diesem gerade für heute in Brebach einen Besuch

versprochen gehabt, sonst hätte sie sicher bei dem Begräbnis nicht

gefehlt.

„Sie braucht sich doch nicht zu entschuldigen,“ sagte Fenn.

„Es wäre aber doch anständig gewesen, daß sie bei der Beerdigung gewesen

wäre,“ meinte Putty.

„Warum denn?“ schnitt Fenn mit einer abweisenden Frage jede fernere

Erörterung ab.

Als er abends mit seiner Mutter ganz allein in der Stube saß, in jener

lauen Niedergeschlagenheit, die einen nach großem Kummer und nach

schwerem Fieber überfällt, sagte die alte Frau plötzlich über den Tisch

zu ihm herüber: „Elo brauch’s de net me’ih Paschtouer ze gin, wann et

dein Idi net aß.“ (Jetzt brauchst du nicht mehr Pastor zu werden, wenn

es deine Idee nicht ist.)

Fenn schrak unter der Schwere ihrer Worte zusammen.

„Wie meinst du das, Mutter?“

„Ich meine, daß dein Vater immer so arg viel darauf gehalten hat, daß du

ins Seminar gehst.“

„Und du doch auch, Mutter?“

„Ich auch, aber wenn es deine Sache nicht ist –“

„Warum soll es jetzt auf einmal meine Sache nicht mehr sein?“

„Ich meine nur so.“

Fenn wollte sagen, daß er sich durch Rücksichten auf seinen Vater nie

hätte in einen Beruf zwingen lassen. Aber es schien ihm hart und feige,

das jetzt zu sagen. Er suchte sich anders verständlich zu machen. „Mach

dir keine Gedanken, Mutter, was ich werde, werde ich aus freien

Stücken.“

Da versuchte sie noch einmal, ihm insgeheim das Opfer ihres

Lebenswunsches zu bringen. „Meinetwegen, weißt du, sollst du es nicht

tun, ich halte gar nicht so sehr darauf.“ Sie sagte es ein wenig rauh

und wegwerfend und zitterte dabei, daß er das Opfer annehmen möchte.

„Wir wollen davon nicht mehr reden, Mutter. Ich bin kein Kind, ich weiß

schon lange, was ich tue. Es ist mein fester Wille, Priester zu werden.

Dazu habe ich Talent; zum einfachen Dorfpastor. Ich verstehe die Leute,

und ich hoffe, sie werden mich verstehen. Ich brauche viele um mich

herum, denen ich Gutes erweisen kann und die auf mein Wort hören. Ich

verstehe es so, weißt du, Mutter, daß das ganze Dorf meine Familie sein

soll.“

„Wären sie alle so,“ sagte Mutter Kaß mit einem fast zornigen Blick auf

ihren Einzigen. Und Wöllem, der in der Ofenecke seine Pfeife rauchte,

räusperte sich, zum Zeichen, daß er gehört hatte und daß er

einverstanden war.

Fenn hatte seine großen, schöngeformten Hände, durch deren frische Haut

das Blut rosigbraun durchschien, vor sich wie in Andacht auf dem Tisch

verschränkt und seine Augen hatten einen tiefen Glanz. Ein

leidenschaftliches Liebesbedürfnis gab seinem Gesicht einen fast

verklärten Ausdruck.

„Sie sollen mich lieb haben, Mutter, und ich will sie mit Liebe zu mir

zwingen,“ sagte er halblaut.

Seine Mutter war beruhigt. Sie verstand ihn nur halb. Seine Worte

rührten sie, wie an hohen Festtagen in der Kirche das Latein, das sie

auch nicht verstand, aber das so feierlich klang.

Ja, es mußte doch wohl so sein, daß ihr Ferdinand den Beruf hatte. Auch

ohne den väterlichen Zwang. Denn bisher hatte sie wirklich gemeint, das

Machtwort des Vaters sei sozusagen allein für Fenns Berufswahl

ausschlaggebend gewesen. Jetzt war sie darüber beruhigt.

* * * * *

Fenn lag an jenem Abend lange wach. Es war mit ihm so ganz anders

geworden. Bisher hatte er in seiner ernsten Lebensführung und in dem

geradlinigen Lossteuern auf eine fest umrissene Zukunft an seinem Vater

unbewußt einen sichern Rückhalt gehabt. Etwas wie das Gefühl, das selbst

der sicherste Bergsteiger hat, wenn er sich an einen zuverlässigen

Führer angeseilt weiß. Und nun war er plötzlich ohne diese

Rückversicherung hinaus ins Leben gestellt. Er gab sich seelisch einen

Ruck, prüfte seine Kräfte, prüfte den Boden unter seinen Füßen und war

fest entschlossen, aufrecht und unbeirrt weiterzugehen. Eine Zeitlang

war seinen Gedanken ein leidiges Unbehagen beigemischt gewesen. Denn er

kam eine Weile nicht los von jenem Augenblick, wo er am Grab heute

vormittag ein gewisses Gesicht nicht erblickt hatte und wo ihm Putty

gesagt hatte, ... Ach was, – die dummen Gedanken lagen jetzt Jahre weit

hinter ihm. Jetzt mußte seine Jugend begraben sein, begraben mit dem

Toten, der im Leben über ihm gestanden hatte. Jetzt war er, Fenn Kaß,

der älteste Mann im Haus, und er wollte von heute ab reif sein, ganz

reif, und ganz der, der er zu sein sich vorgenommen hatte.

Fenn Kaß · 第 10 / 23 题